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Full text of "Geschichte des deutschen schulwesens im uebergange vom mittelalter zur neuzeit"

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GESCHICHTE DES 

DEUTSCHEN 
SCHULWESENS IM 
UEBERGANGE VOM 
MITTELALTER ZUR... 

Heinrich Julius Kaemme 



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Geschichte 

des 

Deutschen Schulwesens 

im 

Uebeigange yom Mittelalter zur Keuzeit 



GescMclite 

des 

Deutschen Schulwesens 

im Uebergange vom 

Mittelalter zur ITeazelt 

Von 

Prof. Heinrich Julius Kaemmel, 

Bector des Jobaimeams in Zittau, K. S. Scholratb, 

o.y.o.B.1. 

Aus seinem Nachlasse herausgegeben 
Prof. Br. Otto Eaemmd, 

QnmUn tat KBaii^ OyaMdm m IhPMiUn. 




Leipzig, 

Verlag von Dnncker & Hamblot. 

1882. - 



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Vorwort 



JJas vorliegende Buch ist leider ein Torso. Der Ver- 
fasser hatte den Plan einer Geschichte des deutschen Unter- 
richtswesens von der Reformation bis zur Gegenwart entworfen, 
2tt welcher dieser Band die Einleitung darstellen sollte; aber 
amtliche und andere Geschäfte, denen er den grössten Theil 
aittm Zeit widmen mosste » maehten die Fortschritte der 
Arbeit langsamer als er wohl gewünscht hätte, und ein jfther 
Tod riss ihn am 24. September vorigen Jahres mitten aus 
seiner Bemfethätigkeit hinweg, ehe er noch, wie er ftr 
die nächste Zeit beabsichtigt, an die WeiterfQhrung dessen 
gehen konnte, was hier vorliegt. Ob das grosse Material, 
welches er für die Fortsetzung bereits gesannnelt hatte, mit 
Hilfe der von ihm entworfenen Disposition diese Fort- 
fühning ermöglichen wird, muss vorläufig noch dahin gestellt 
bleiben« Trotzdem habe ich geglaubt, das hier Gebotene dem 
wissenschaftlichen Publicum nicht voienthalten zu sollen. Es 
ist das Werk eines durch reife Erfahrung in der Praus des 
Sebullebens geförderten Fleisses langer Jahre, die Zusammen- 
ftssung sahlreicher, aom Theil auch schon verOffentliehter 
Yontfbeiten, denen der Veiteser einen bekannten Namenlrer^ 
dankte, und zugleich in sich so abgeschlossen, dass es wohl 
als ein selbständiges Ganze gelten kann. Sachliche Ver- 
änderungen YOi-zunehmen lag kein Grund vor, da seit der 



Yorwofti 



Beendigimg der Ausarbeitiiiig Yor nuimiehr angdtiir Jahres- 
frist eriiebMelie neue Besultate im Einseliieii kaum gefanden 
sein dllifteiL Nor endge Ueiiiere NaehMgei die der Ver- 
ewigte nach seinen Notizen noeh beabsichtigt hatte, sind im 
ersten TheDe hinzogeürommen; sonst ist das Buch, von Ueinen 
stilistischen Aendeiiingen abgesehen, durchaus so zum Druck 
gelangt, wie er es hinterlassen hat. 

Dresden-N^ im Angut 1882. 

0. JL 



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lulialtsverzeichmss. 



igini<atawig 1 

Erster Abschnitt. 

Bai Zarücktreten der wesentlich Ivlerikalen Sdiiln 
Jiuiter deM Stodtoduileii and Hoebschiiiei. 

• 

L SBckift mf di6 fitiKMB Jdnfcuuidnrte dm MÜteMteni .... 15 

•Xrrichtung dor BomBchulen und Klosterschulen 15. — Bedeu- 

tiiTifi (1er Domschulen und Klosterschulen 16. — Die Stetigkeit 
ihres 1 nterrichts 17. — Die Wii-ksamkeit der l^^iedictiner 18. — 
Die Stittssohiüeii 18. -> Die P&irschuleii 20. — Die Fnntr 
schulen 21. 

IL Verfall der klerikalen Schulen 28 

Hauptgiiinde des Verfalles fiü" Dom- imd Stiftsschulen ; die 
Auflösung des kanonischen Lebens 23. — Die Vernachlässigung 
te Den- und tH Ü l M c hii lcn Si — Die toseren Störungen ffdt 
dflM Begkm dm investtfeundnitei S5. - Dw helle GegenbMfia. 

Die Dom^ fsoA {MlftnMibaleii 4er leMen MirlnBiderte 89« 
Der Yerfidl im GioM — Der l&i«el en ieasenr IMr- 
rtützung 81. — Orfinde des Verfalls der Klosterschulen 32. — 
Die Schulen der Benedictiner seit dem elften Jahrhundert 33. — 
Die Benedictiner in den letzten Zeiten des Mittelalters 85. — 
Die Cistercienser und Prämonstratenser ; die rni-thiuiscr 87. — 
Die Schulen des deutschen Ordens und der Johannitt r 40. — Die 
Schulen der Franciscaiu r und Doniiuicaner 41. — Die Conflicte 
zwischen den klerikalen Schulen 45. — Die weibliche Bildung 47. 

Die häusliche Erziehung der Mädchen 48. — Die klösterliche 
firMmg der Hlddieii 49; bei den BeMdictineriiiiM oad 
CiHoraietNeriiiDea 50; in den (^ifteneMlAen 10; bei dm 
CUttisBiiyieii 51; in anderen Fnraeiddösteni 52; die Begbinen 56; 
die TOebfeer de» Ad^ 58; Dioterricht H. 



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vni Inhalt 

Seite 

m. Bip SfAdfsrhnlPTi 5fi 

I>;is Alluu'iiifine 56. — Ent Wickelung des St&dtewesens 57. — 
Eiitstt'hun^ der Stadtsrliuh-n 58. — Pfarrschnlen und Stadt» 
schiilfii til.l— Der Stroit über den I'atronitt ()2. — Wa.s man 
bei den Stadtschulen erstrebte 65. — üebersicht 65 ; Lübeck 65, 
Kiel 66, Haiiihun; 67, Lüneboiy 68, Hannover 68, Braun- 
schweig 69, Helmstädt 69, Hild^sheim 70, Magdeburg 70, Sten- 
dal 70, Frankfurt a.0. 71, Pommern und Mecklenburg 72 ; das 
Ordensland Preussen 78; die deutsch-polnischen (3olonialgebiete, 
Schlesien 75: die Lausitzen 7H: Meissen imd Tliiiringen 79; 
Hessen 82; Westfalen 83; die lüieinlande 84; .Scliwaben 85; 
Franken 87; Bayern 88; Oesterreich 88; Böhmen und Mähren 
90. — Ergebniss 92. 

TV. Die Ho( hschulen 92 

Die Gründung zahlreicher Universitäten 97. — Die Beweg- 
gründe zur Errichtung von Hochschulen 97. — Die päpstliche 
Sanction 98. — Die Bedeutung der Hochschulen 99. — Prag 
101. — Wien 105. — Heidelberg 106. — Köln 107. — Erfart 
107. — WQrzburg 109. — Leipzig 109. — Rostock llO.f— Frei- 
burg III. — Basel III. — Ingolstadt 112. — Trier nnd Mainz 
112. — Tübingen ILS. — Wittenberg 113. — Frankfurt a.O. 114. 

— Der Tiesiich :msl;indis( lier TTniversitiiten 115. — Der ;KlftniR 
des Mittelauels als Lt'lnstand 118. 

V. Die Zustünde 120 

Die Lehrenden 120. — Au den Dom- und Stittsschulen. Der 
Scholasticns 120: der Rector 121; die Locati 122; die Lectores 
123. — An di-n Klostrrsc liuliMi 124. — An den Sta(lt^(^bulen. 
Der Rector 125; seine Kinkiinfte; die Unterlehrer 125. — An 
den Ho( bs( liiib n 180. — Die Larnenden 182. — Die Dom- 
schider 133. — Das Schulgeld derselben 135. — Die Kloster- 
schuler 136. — Die Zöglinge der Süidtschulen 138. — Die Va- 
ganten 139. — Die Fürsorge für arme Schider 140. — Der 
Kirrhendienst der Schider 143. — Die Schulbniderschaften 145. 

— Die Sehüler der Universitäten 146. — Die Knaben 147. — 
Die Kleriker 148. — Die Hauptmasse 151. — Imniatriculation 
und Deposition 151. — Collegien und Bursen 152. — Sittliches 
Leben der Studenten 156. — Ausdehnung der Studienzeit 157. — 
Dil' aiisserhall) der Schnb- Hleil)eii(len. Der Adel 158. 

VI. Der Schulunterricht 160 

Die Lehrziele. Keine abstracten Ideale 161. — Bildung 
für den Dienst nnd das Leben der Kirche 162. — Zusammen - 
hang des Weltlichen mit dem (Geistlichen 163. — Kirchlicher 
Charakter des Untenichts 163. — Die Lehrfächer im Allge- 
meinen 16 4 . — D ie Leh rfächer d er k lerikal en Sc hule n 16 6 . — 



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Inhalt. U 

Das Lateinische 167; Grammatik, Doctrinale, Graecismas, Flo- 
rista 170; Lectüre 171; Versifi( ation 173; Practica dictaminis 
(liateinschreiben) 174|: Lateinsprechen 174. — Der Gesanpinter- 
l it ht 175. — Der TInton itht im Deutschen 176. — Der Unter - 
richt im Schreihen, die Schreibschulen 177 ; das Rechnen 178. — 
Die Vernachlässigung der Religion 179. — Der Eclisionsnnter - 
richt 171». - Höhere Zieh-. l>ie Universitäten 181. — Die 
Lehrw eisen. Schwierigkeiten. ^Man^^el an Sc hulhüchem 182. 

— Langsamkeit und Medianismus. Vorsprechen und Vormachen. 
Di( tircn 184. — Die ( lassen l85. — Die Nachtheile diu'ch den 
Kirchpndienst 18K. — Hiltshm l u r und Vocalnilarien 187. — Die 
Srlmlriiiimp 1^2. 

Vn. 7ii(ht luitl Leben 194 

(leist der Askese 194. — Die Hürte der Schnkncht 195. — 
Alliiialiliche Mildenmg der Härte 197. — Jugendliche Ausge - 
lassenheit 197. — KinHuss des Uultiis auf die .lugend 198. — 
Die KirclH'iilcsU- und die Schulen 200. — -Das MaiiVst 200. — 
Weihnachtg8piele.[lDa8 Narrenfest 201. — Das Gregoriusfest 202. 

— Die dramatischen Spiele 203. — Theilnahme der Jugend an 
weltlit hen Festli. Iikeiten 204. — FJnfliiftH r efoi iiiatori scher Be - 
strebungen auf die Jugend 204. 

Ylll. Die pädagogischen Bestrebungen der Hieronymianer 207 

Entstehung der Brüderschaft 207. — Geert Groote und Floren- 
tinus Railewins 208. — Geeit Zeebold 209. — Organisation der 
Brtiderschaft 210. — Ausbreitung der Brüderythait 212. — 
Kircliliche Geltung der Brüderschaft 214. — Die Schulen der 
Brüder 215. — Das Eigenthümliche der Brüderschulen 216. — 
Zwei Perioden ihrer Entwickelung 217. — Die Schule von De- 
venter 218. — Alexander Hegius und seine Schule 219. — Der 
allgemeine Charakter des Unterrichts in Deventer 221. — Eras- 
mus in Deventer 222. — Riityl);tc]i in Deventer 224. — Die 
Schule in Deventer nach Hegius 225. — Die Bruderschule in 
Hery.ogenbusch 226. — Die Briulerschule in Lflttich 227. — Ver» 
sety.ungen, Prämien, scenische Darstellungen 228. — Das Vor- 
hild tur Sturm 228. — Der Religionsunterricht und die Mutter- 
spradie 229. - Die technisclM'n Fächer 230. — Die Verbessenmg 
der Schulbücher 281. — Die Disciplin der Brüderschulen 231. — 



Schlussbemerkuugen 281. 
TX. Die Schule zu Schlettstadt 232 

Zweiter Ahs e-hnitL 
Der Eintritt nnd Hau Wirken des Hnmanisrnns. 

J. Charakter des Humanismus 248 



Verschie<lenbeit des Charakters nac h verschiedenen Zeiten 248. 



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Inhalt 

Geficensatz zur Scholastik 244. — Kein Gegensatz zur Kirche 
245. Coasenrative Gesinnimg der Humanisten am Ober- 
rfaein 245. * — Die junfflleutsthen Mumanisten 246. — Unter» 

schi ed der dentsdu n und ftalipnis» heu HiiinftTii»ti>n 9Afi. — 

TfatPi-^chied der deutschen und tran/ösischen HunuuiisttMi 247. — 
EitVr fiir das lintorric htswf^spn 247. — Kiiitiiiss auf dif Staats- und 
Bildungsverhältnisse 248. — l^ege des persöniichen Lebens 249. 

IL Aushreitunt; des Humanismus 250 

Wanderungen nach Italien. AVas Italien bat 250. — Featere 
Verbindung mit Italien seit dem Konstanzer Concil 253. Die 
ersten in Italien gebildeten Humanisten. Luder 254. — Be- . 
such der italienischen Universitäten 255. — Rudolf v. Langen, 
Joh. V. Dalher^f 256. — Andere Humanisten in Italien 256. — 
Die Pro])agan(hi in Deutjachland. Celtis 258. — .\vcntiuus 260. 
— Aesticani])ianus 260. — Hermann von dem Busche 262. — 
Die Corres])ondenz 265. — Der Humanismus an den Univerei - 
t&ten 266. Prag 267; Wien 268; Ingolstadt 270; Freibnrg 271 



Basel 272; Heidelbei-g 273; Tübingen 274; Mainz 278: Köhl 278 



Erfurt 282; Leip/i<f 286; Wittenhcr^^ 289; Frankfurt a. 0. 291 



Greifswald und Rostock 292 ; Krakau imd Löwen 298 ; Schluss 294. 
■ — Der Ilumanisinns in den Schulen 204. Münster 204: Propa - 
ganda von dort aua 296; Sachsen und Bayern 296; Augsbiuy 
und Nürnberg 298; Strassburg 29^; was fnoch fehlte 299. — 
Wilibald Pirkheimer 300. — Konrad Pcutinger 303. — Andere 
Förderer aus adeligem Geschlechte 304. — Der Htunanismus und 
die 1-^rauen 306. — Der Humanismus und der Klenis 307. — 
In den Kl..stfru 807. 

in. Hemmungen des Humanismus 815 

Unausi;leichbarcr Gegensatz 816. — Ausgleichungen und Ver- 
mittelungen 317. — Die lieuchlinistenfehde 318. — Die Theil- 
nalunlosi^rkeit des Volkes 321. — Die vornehme Abschliessung 
322. Die Fülle der neuen Ideen und Gesichtspunkte 324. — 
Der einseitige Cultus der schönen Form 324. — Der kosmo- 
politische Charakter des Humanismus. Erasmus 325. 

IV. Erasinng 327 

Seine wissenschaftliche Grösse 328. — Seine Jugend 830. — 
Seine Thätigkeit in Frankreich, den Niederlanden imd Eng- 
land 338. — Seine Verbindung mit den Deutschen 841. — Die 
erreichte Höhe 347. — Das Zeitalter der theologischen Kämpfe 
847. — Fortdauernder, doch langsam abnehmender Kintluss auf 
Deutschland 348. — Ausgabe von Kirchenvätern und Classikem 
349. — Seine Lehrschriften 350. — Pädagogische Grondge- 
gedanken 352. 



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Inhalt. 



XI 



V. Wimpheling 



Saat» 
862 



Seine eigenthümlic he Bedeutung 'd62. — Sein Lebensgang 364. 
— Seine pädagogischen GnindgeJanken 871. 
VT. Dftfi hiiiii;tnistische TTnterri chtswesen im Ein/t Inen 



m 



Unterschied des humanistischen und des mittelalterlichen ünter- 

richts 378. — Der latoinische Unterriclit 879. Kani))f p'^^on das 
Doctrinale Alexanders 380; die }neuen (iraniniatikon 381; die 
Leetüre 384; die Interpretation 384: die Imitation 386; die 
Yersification 3>^7. — Der yrieeliische rntemclit 388. Die An- 
fänge der gnecliischen Studien in Deutschland 388: Heuchlin 389; 
Erasmus 390 ; Richard Crocus und Petrus Mosellanu.s 391 ; Me- 
lanchthon in Tübingen 392; Aleander 392; der griechische 
üntcrriclit an den Universitäten imd Schulen 393; die griecliisrhe 
Grammatik 394 : die ^rie einsehe Leetüre 395; Inten>retation 397 ; 
das griechische Neue Testament ; Ausgabe des Erasmus 398. — 
Die Anfänge der hebräischen Studien 400. Erasmus, Wessel, 
Agricola, Pellicanus, Murrho 401 : Reuchlin 401 ; Adrianus und 
Böschenstein 403. — Die Realien 404; der Chorgesang 405. — 
Die sivenischen Aulfiihrungen 405; Terenz 405: Kerckineisters 
Codrus 406; Winiphelings Stilpho 406; Reuchlins Servius und 
Hanno 407; Rebeis Komödie de optimo studio juvenum 408; 
Locher und Hegendorf 408 ; die Humanisten in Erfiirt 408 ; Auf- 
führungen in Schulen 410; Endurtheile 410. — Die Humanisten 
als Lehrer in Schulen. Abneigung gegen das Schulehalten 410; 
Agricola de formando studio 411; Agricola de inventione dia- 
lectica 412. — Der Einfluss der Humanisten auf die übrigen 
Wissenschaften. Die neue Theologie 413; das römische Recht 
lind die Volkswirthschaft 413 ; der Patriotismus der Humanisten 
414. — Die Humanisten und der Bücherdruck im Dienste der 
Schulen. Einleitendes 420 ; Handschriften und Druckschriften 420 ; 
die Buchdrucker 421 ; das Abschreiben und Nachschreiben fort - 
gesetzt 422; Bibliotheken 422. 

Schlussbemerkung 423 



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Berichtigungen« 



Seite 109 Zeile S v«hi oben 



. 220 - 


13 


- unten 


. 284 - 


16 


- oben 


- 259 - 


1 


- unten 


- 272 - 


2 


- oben 


. 282 - 


2 


- unten 



lies Johann E. 
• Timann statt Titmann. 

- doctrinale statt doctomale. 

- Emmeram statt Emmeran. 

- Freiburg statt Ereiburg. 
. Johannes statt Jahannes. 



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Einleitung. 



Bei der ausserordentlichen Regsamkeit, welche in unsern 
Tapen auf allen Gebieten des Schulwesens liorrscht und das 
mit umfassenden Mitteln Geförderte vielfach zu erfreulichster 
Entwickelung bringt, während doch zugleich die härtesten 
Gegensfttse durch die Schulen hmdurehgehn mid selbst die 
FimdameBte za ersehttttem drohen, fällt es uns schwer, dn 
irgendwie klares Bild der Zust&nde zu gewinnen, in denen 
sich oft sehwach und unbeholfen, ohne rechten Zusammenhang, 
ohne wahre Fi-eude, ohne erquickende Frucht das Schulwesen 
des späteren Mittelalters darstellte, obwohl ein bei grosser 
Mannigfaltigkeit einheitlich geschlossenes und glänzend aus- 
gestattetes Kirchenthum die Möglichkeit zu umfassenden Wir- • 
kungen zu haben schien. 

Wir treffen bei Betrachtung jener Zeit auf vielerlei Reform- 
versuche und Verbesserungen im Einzelnen und sehen darin 
ftberaU das Bedürfhiss nach Erweiterung des Wissens, nach 
ErforsehuDg des geistigen Lebens, nach Neubfldungen auf den 
alten Grundlagen; aber wir bemerken auch, wie gross der 
Mangel an bahnbrechenden Männern ist, wie dem endlichen 
Aufstreben Unvei*stand und Trägheit das Emporkommen er- 
schwert, wie man immer wieder das Ueberlieferte für das 
Beste hält und als unantastbar auch in sehr kleinen Dingen 
bewahrt. Dennoch haben wir in derselben Zeit die Regungen 
des Geistes vor uns, weicher seitdem, wie grosse Wechsel 



2 



Eblcitoag. 



imd Schwankimgeii er auch durchzumachen gehabt hat, iu 
immer weiten Kreisen zu bildendem Einfluss gelangt, eine 
alles ergreifmde Gulturmacbt geworden ist: es ist der Geist 
der Humanität, welcher in allem die unrerftusserliehen Hechte 

der Menschennatur zur Anerkennung bringen will, auch in dem 
Geringsten ein Kind Gottes ehrt und ihn zum Bewusstsein, 
dass er es ist, verhelfen möchte, welcher also auch an die 
Stelle d'er Stan(les])ildung die allgemeine Volksbild un*i setzt 
und in dieser, da sie die Elemente wahrer Menschenbildung 
gewähi*t, die Ausgangspunkte zu aller höheren Bildung wie 
aller Fachbildung erkennt Gewiss kann es uns angemessen 
erscheinen, auf jene Anfinge einmal entsdiiedener die Auf- 
merksamkeit zurttckzulenken und in billiger Würdigung der 
unscheinbaren Erstlinge einer fast unübersehbaren Entwidcelung 
geneigter zu machen, beim Blick auf diese Entwickelnng, 
welche ein hoch fliegender Idealismus nicht rasch genug weiter 
führen kann, daran zu denken, wie langsam gerade in diesen 
Dingen auf dem harten Boden der Wirklichkeit der wahre 
Fortschritt ist und wie dankbar man eben deshalb auch schon 
fQr einen guten Anfang sein muss. Dabei weixlen wir ja zu- 
gleich in der Vielheit der Thatsachen, die, wenn man sie 
einaeln betrachtet, als geringftigig eischeinen können, die 
lebendig treibenden Kräfte au erkennen sudien und das, was 
in den dOstmn Rftumen der Schule vor sieh gdit, mit dem 
ganzen geistigen Leben der Zeit in Verbindung setzen. 

Es ist dieses Leben freilich von seltsamstem Charakter. Zwei 
Thatsachen, die sich gegenseitig auszuschliesseii scheinen, aber 
doch zusammen wirken, bezeiclmen es. „ Aut der einen Seite hat 
der Sieg der centrifupalen Kräfte im deutschen Reiche den Staat 
und die Nation beinahe aufgelöst. Die Absondei-ung und Ab- 
grenzung der Stände ei'scheint aufs höchste getneben; wie im 
politisduan Leben heiTscht auch auf socialem Gebiete der 
Kriegsaustand. Innerhalb der grosaea stiadiseben Untendiiede 
drSngen sich neben und gegen einander lahlreidie kleinere 
Gn^pen; nicht nur Geburt und Beruf, auch die unendlidie 
Mannigfaltigkeit der Sonderrechte und Freiheiten trennen die 
Glieder des Volkes. Die Interessen der Fürsten und der 



i^,.,. -,d by 



Stftdte, des Adels und der Btti^er und Baneni, des Qros»- 
bandels nad der Ueinen Producenten, der besser imd nuaider 
Bereclitigteo liegen in unversöhnlichem Starelte. UeberaH fehlt 
das Vermögen oder die Neigung, sich in das Denken und 

Fühlen Her anderen zu versetzen. Und doch ist auch eine 
entgegengesetzte Strömung lebendig und nicht zu verkennen. 
Die nämlichen Menschen, die auf alle Angehörigen anderer 
Gesellschaftskreise mit Misstrauen oder Geringschätzung, zum 
.mindesten ohne Theilnahme hlicken, arbeiteten zugleich darauf 
liin, den Gegenständen ihres Hasses oder Spottes immer ähnlicher 
8tt werden. Das Streben, in der äusseren Erscheinung sich «« 
Aber die Schranken des Standes hinwegzusetsen, geht durcb 
aUe Schiebten der Gesellsehafit. Trotz aller moralisirenden 
Klagen der geistlichen und weltiichen Literatur, trots aller 
KleiderordnuDgen und Luxusgesetze wirkte die Pracht und 
TJeppigkeit der höheren Stände unausgesetzt und unwider- 
stehlich auf die anderen; niemand wollte mehr „seinen Staat 
halten". Und während der Bürger und selbst der Bauer 
Trachten und Sitten ihier adeligen Gegner nachzuahmen 
suchten, stiegen die Vornehmen in ihien Gewohnheiten und 
Anschauungen immer mehr auf das Niveau der niederen Volks- 
Jilassen bei'ab. Längst hatte die ritterliche Lebensart ihre 
▼ormalige 2äerlichk»it abgestreifi;; der aberfeine Frauendienst 
war vi^ch durch eifrige Pflege des nVoUsaufens** und durch 
^ wQste Jagd nach fremdem lägen^um verdrängt worden; 
die mohsaroe Kunst des Minnegesanges begann auch b^ den 
Höheren dem freieren Ton des Volksliedes zu weichen. Und 
wie die Heiren und Ritter die Sprache des gemeinen Mannes 
annahmen, so gewann die deutsche Prosa mehr und mehr an 
literarischem Boden und bemächtigte sich nicht nur der Ge- 
schichtschreibung, sondern auch der Predigt, hier und da selbst 
der wissenschaftlichen Erörterung. Im Ganzen und Grossen 
Iftsst sich diese Doppelbewegung der ständischen Sonderung 
und Vermischung dahin kennsttchnen, dass während und trota 
einer gestmgerten Entfremdung ihrer Elemente die deutsche > 
GeseUschaft sich popularisirte. Die Interessen schieden dch 

schroffer als je, aber die Sitten wurden gleichartiger. Daher 

1* 



i 



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4 



Einleitoog. 



komint es, dass der literarische Ausdruck der herrschenden 
Ansichten und Stimmungen in der Regel ein schroffes Sonder- 
gefühl offenhart, aber eben so regelmässig in eine populäre 
Fonn gekleidet ist Diese letztere Thatsache allein spricht 
schon deutlich genag für das ver&nderte Verhältniss der pri- 
vilegirten Stande und der Masse des Volkes' 0- 

Welches sind nim aber im Schulwesen des ansgehenden 
Mittelalters die charakteristischen Züge? Zuerst ohne ZweiüBl 
das ZnrOcktreten der wesentlich klerikalen Schulen hinter den 
Stadtschulen auf der einen und hinter den Hochschulen auf 
der andern Seite; dann hei fortdauernder Abhängigkeit der 
Schulen von den kirchlichen Gewalten nur beschränkte Ver- 
besserungen im Untenicht, weiterhin doch \ielfacher Einfluss 
der Schulen auf das Volkslel>en und rege Theilnahme der Be- 
völkerungen für die Schulen; endlich Leben und Bewegung 
im Schulwesen durch das Eindringen des Humanismus als 
Vorbereitung durchgreifender Reformen. Wir haben eine 
Uebergangszeit vor uns; Altes und Neues wissen oft noch sehr 
wenig sidi auseinander zn setzen, manches edlere Streben 
bleibt in beschränkten Verhältnissen ohne rechten Erfolg, ja 
wir finden an yielen Punkten gute Ansätze ohne Fortgang; 
aber wir sehen doch immer Grosses sich vorbereiten und wenn 
nicht mit vollem und freiem Verständniss, so doch mit sicherem 
Instinkte näher und näher gebracht. Wir haben es nicht mit 
grossen bahnbrechenden Geistern zu thun bei Betrachtung der 
Schulen jener Zeit; doch treten uns viele treue und eifrige 
Arbeiter entgegen, die zuweilen gerade deshalb rührende Er- 
scheinungen für uns sind, weil sie in der matten Beleuchtung, 
worin wir sie sehn, wie schüchtern sich vor uns 'zurttckziehn. 

Im allgemeinen lässt sich auch für das deutsdie Mittel- 
alter die Entwickelung des Schulwesens nur aus der Ent- 



1) Beiold, Die »mnai Leate* und die deutsehe literstiir des 
si»iterai WttelaUfln m der Historiscbeii ZeiMirift 1879, 1, 8£ Der- 
selbe dann sehr eingehend fiber die in der Volkslitentar viel&ch zum Aus- 
drack kommende Gährung, die mehr und mehr eine sociale Revolution be- 
sorgen Hess. Yolkslieder, Predigten, Weissagungen, astrologische Trin- 
mereien, poetische Lobproisiing der Arheit virJcten susammen. 



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Einleitung. 



5 



Wickelung der Kirche erklären, die durch drei Perioden hin- 
durch sich vollzogen hat, die Periode der Aufnahme und An- 
eignung, die Periode der Ausbreitung und Organisation, die ♦ 
Periode des Hinstrebeus auf Neugestaltungen bei zunehmender 
Veräusserlichung. Obgleich nun aber die universale Aufgabe 
der Kirche auch in Deutschland niemals zuerst und zumeist 
die nationalea Bedürfnisse und Angelegenheiten beachten und 
ISrdern liess, vielmehr die ganze ahendUUidische Christenheit 
unter der Oberleitung der P&pete als eine in Uebeizeugungen 
und Bestrebungen innig verbundene Gemeinsehaft auch den 
Laien oft aber das eigene Volk und Reich erhob, so war doch 
eben dieses Volk und Reich in seiner besonderen Ent- 
wickelung etwas so Gewaltiges, dass es zu Zeiten Aufmerk- 
samkeit und Theilnahme vor allem für sich in Anspruch 
nehmen konnte, wie denn die Kämpfe unserer Kaiser mit den 
Päpsten zur Steigerung des Nationalgefühk in hohem Grade 
beigetragen haben. Aber auch für unser Volk ist die Kirche 
des Mittelalters firaiehei-in gewesen, und wie es nach den An- 
schauungen der abendländischen Nationen nur Eine Kirche, 
gab, so kannten sie in langen Jahrhunderten auch nur Eine 
Vfissenschaft, die kirchliche, nur Eine Bildung, die durch die 
Eirdie yennittdte, was zur Folge hatte, dass auch die Vdlker- 
sagen und die weltliche Poesie fbr Romanen und Germanen 
als ein Gemeingut erschienen^). 

Dem Klerus nun werden wir es nicht verargen dürfen, 
dass er das festgefügte Fundament der Bildung gerade darum, 
weil es ein gemeinsames war, nicht verlassen mochte und in 
Fällen, wo weltliche Bildung neben der geistlichen nicht bloss 
Dienehn sein, sondern ein eigenes Leben führen wollte, sich 
abwehrend verhielt; solche Abwehr kam sehr oft nicht aus 
Verkennung dieser Bildung oder aus Trftgheit und Unwissen- 
heit, sondern aus einem sicheren Instinct, und wenn auch der 
geistige Horizont der Abwehrenden in den meisten F&llen 



1) „Durch den Staat sind die besseren Vöiicer des Altertliums er- 
zogen worden, durch die Kirche die des Mittelalters". Uüliiuann, Städte- 
weaen des Mittelalters lY, 292. 



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6 



Sinleitung. 



ziemlich enp war, so hinderte dies nicht gerade an khirer Auf- 
fassung des für den überschauten Kreis Angemessenen. Wir 
werden hierbei auch die Zeiten zu unterscheiden haben. Der 
Klerus in der Periode der s&elisischeii Kaiser, deren Einsicht 
staatliche und kirchliche Interessen in so enge Verbindung tu 
seteeii wnsste und der geistigen Bildung unseres Ydkes so 
grosse Förderung bereitete, wie hoch und wikrdig steht er vor 
uns, wenn wir ihn mit der Geistlidikdt des späteren Ifittel- 
aJters verg^eldien, die, weil sie geheim und offen flberall eine 
ärgerliche Oppositioin sich rftsten sieht, nicht selten unduld- 
sam und hart für das von ihr Gepflegte auftritt und alles, 
was Keuemng heissen kann, mit Leidenschaft bekämpft! Wird 
es doch überhaupt recht düster im kirchlichen Leben dieser 
späteren Zeit. Wir wissen, wie traurig es damals mit der 
wissenschaftlichen Bildung des deutschen Klerus in weiten 
Kreisen stand. Felix Faber, welcher um das Jahr 1400 eine 
Chronik von Ulm sehrieb, sagt uns, dass in seiner Jugend, 
also tun die Mitte jenes Jahxtunderts, unter tausend Geist- 
lichen kaum einer gewesen, der ehie Universitätsstadt gesehen, 
ein Magister aber oder ein Baccalaureus als ein Wunder ange- 
staunt wurden*). Zu höheren Pfründen konnten nicht selten 
solche gelangen, die nur zu lesen, zu singen und lateinisch zu 
sprechen verstanden ; aber in Klöstern wie St. Gallen und 
Murbach konnten der Abt und viele Firiuler nicht einmal ibre 
Namen schreiben, und in der Benedictiner -Abtei Melk war 
die Klage gerechtfertigt, dass manche Mönche die täglichen 
Festgesänge, die sie sangen, nicht verstanden und wenige im 
Stande waren, einen Codex abzusehreiben oder einen geschrie- 
benen EU corrigiren ^. Auch in Meissen waren 1358 der Propst 
und tier Domherren nicht fihig zu untarsehreibeo ^. Gans 
trostlos sah es auch in Mecklenburg und in Pommern aus^). 
Die lebendigste Schilderung aber von dem Verfalle des wissen- 



1) Goldast, Scriptores nmm Sneric. p. 67. 
2^ Gzerny, Die Klottanehnle von St Floriaa (Lins 1878). S. 50 t 
8) Tittmsnii, Hflinrieh der Erlauchte; Bd. H 8. 79 f. 
4) Krabbe, Die Universit&t Rostock im 15. imd 16. Jahrinmdert 
(Rostock 1854). 26 f., 6 £, 31, 32. 



EinldtoDg. 



7 



i^flftlie1i0D Lebens bei den GeUitlichea gibt uns die Rede, 

womit 1460 die Albertus -Universität zn Freiburg der erste 
Kector derselben, Matthäus Hummel, eingeweiht hat V). Indess 
stand es doch nicht überall gleich schlecht. Sehr leicht 
könnten hier einzelne Milnner in grosser Zahl aiifuezählt werden, 
welche damals durch wissenschaftliches Streben und Arbeiten 
bei ihren Zeitgenossen Anerkennung sich verdienten. Indem 
inr aber darauf verziehten, dürfen wir nm so mehr hei*vor- 
heben, dass Domeaidtel und Abteien ihren Statntea gemäss 
meht* selten jftngore Mitglieder auf UnirenEdtäteii sendeten, 
• wo sie, wenn sie Theelogie studhen wellten, fünf Jahre, wenn 
sie anderen Studien sieh snwendeten, drei Jahre im nnver* 
kümmerten Genüsse ihrer Pfründen verweilen, auch aka- 
demische Grade erwerben konnten, wie denn auch besondere 
Stiftungen zu liiinsten strebsamer Kleriker gemacht wurden, 
Dass unter diesen Stutlirenden es solche gab, die ihre Einkünfte 
in Paris, Bologna, Padua oder auf deutschen Univei'sitiiten 
leichtsinnig verbi-auehten, dafür lassen sich Belege in grösserer 
Zahl finden; aber es ist eben so gewiss, dass andere es sehr 
emstlieh nahmen und bei ihrer Hdmkäir ehrende Zeugnisse 
Toriegen konnten Wie sehr die in deutschen Landen ge* 
gründeten Hoehschulen auch für Bildung des Klerus benutzt 
worden sind, davon wird an anderer Stelle die Rede sein. 
Als dann der Humanismus diesseits der Alpen Kingang ge- ' 
wann, fand er überall auch unter den Prälaten und in den 
KlösteiTi freundliche Besoliützer und Förderer, was ebenfalls 
noch zu besonderer Betrachtung kommen wird Im Ganzen 



1) Hnther, Am dem Universitäts- und Gelebrtenleben im Zeitalter 
der Beformatioii (Erlangen 1866). 4 t 

2) 8. & B. Beiehe, Oeschidite des Gymnairinms zu 8t Elisabeth 
in Breelaa I, 8. Johann TOn Jenston, apiter hi bewegter Zelt (1379—86) 
£rzbiscbof von Prag, hatte schon in froher Jugend nach einander sieben 
kirchliche Beneficien erlangt und die Einkünfte derselben als lebenslustiger 
Student an den Universitäten zu Prag, Padua, Montpellier and Paxia 
angewendet. Friend, Kirchengeschichte Böhmens III. 14 f. 

3) Hier mag nur an die beiden mit Erasmus in enge Verbindung ein- 
getretenen Brüder Thurzo, Bischof Johann Y. von Breslau und Bischof 



8 



daif man sagen, dass m den letzten Zeiten des Mitielalten 
ein Emporstreben aus weit gehendem VeiMe an vielen SteUen 
sich angekündigt habe. . 

Dass der Klerus des späteren Mittelalters in seiner Ver- 
weltlichung vielfach trägem Geuussleben und eitler Sorge um 
(las Zeitliche sich überlassen und darum auch die hohe Auf- 
gabe, dem Volke edlere Bildung zu vermitteln und erweckende 
Vorbilder darzubieten, oft aus dem Auge verloren hat, das ist 
von jeher für alle, die das Ideal der Kirche an die Wirklich- 
keit gehalten, Anlass zu sdunei-zvoller Klage und zu bitterem 
Tadel gewesen. Aber es muss doch anerkannt werden, dass 
auch in dieser Beziehung, ganz abgesehen Yon den grossen 
Reform •GoncUien Ol in sshr Torschiedenen Kreisen und von 
sehr waekeren Mfinnem Versuche gemacht worden sind, die 
beiden Musterstande, Weltgeistlichkeit und Klostergeistlichkeit, 
zu pflichtmässiger , den strengen Gelübden entsprechender 
Lebensführung zurückzubringen. Und nicht bloss solche, die 
ausserhalb dieser Stände stehend freie Betrachtung und freies 
Urtheil sich zu bewahren wussten, sondern auch Mitglieder 
derselben haben mit eindiinglichem £ifer der Kirche zu helfen 
gesucht. Die ganze Geschichte der „Reformation vor der 
Beformation** ist ein zusammenhängender Beleg dafür. Konnten 
wir aber von Sprengel zu Sprengel g^en, so würden wir üst 
ttberall Bemühungen wohlgesinnter Bisehdfe zur Abstellung 
eingerissener Missbräuche und zur 'WiederauMchtung fester 
Zucht und Ordnung wahrzunehmen haben. Die von Bischöfen 
veiisuchten Klosterreformen, zu denen seit dem Jahre 1451, 
auf Veranlassung des Papstes Nikolaus V. , der entschieden 
durchgreifende Nikolaus von Cusa den Anstoss gegeben hatte, 
wurden in mehreren Diöcesen mit gi'osser Kraft und Ausdauer 
und zu derselben Zeit betrieben^). Denn während der 



StanlsUuii Ton Olmütz, erinnert werden. Jeoeii hat Lather gelegentUch 
daa besten unter allen Bischöfen des Jahrhunderts genannt. 

1) Vgl. Günthner, Litenunacbe AnBtolten in Bayern III, 85 t und 

Caerny, S. 16 flf. 

2) Ueber Nikolaus von Cusa, Herzogs E.-K Iii, 212 und XYUI, lö4, 
üllmanu i, 



9 



Womiser fiiseliof Bernhard von Siddngen (144&— 62) in soleher 
Weise thAtig war 0« bot der Magdeburger Ersbisehof Johann IIL 

(1445—64) den höchsten Emst auf, wie andre Orden, so aneh 
die ßarfüsöer in Zelle und Magdeburg zu treuer Befolgung 
der Ordensregeln zurückzuführen, was ihm übrigens erst mit 
der vollen üntei-stützung des Papstes Pius IL gelaug, aber 
ähnliches Einwirken seiner beiden Nachfolger Johann (1464 
— 1475) und Ernst (1475—1513) noch immer nöthig machte; 
die drei Erzbischöfe gelten übrigens durchaus als persönlich 
wackere, durch Frömmigkeit und sum Theil auch durch wissen- 
eehaftlidien Sinn ausgeweitete Mftnner Bekannt fand die 
Bestrebungen der BursSdder Congregation fbr Erneuerung des 
Benedietinerordens, die weithin ftber das nordwestliche Deutsch- 
land und westlich bis in die Rheinlande, östlich bis Thüringen 
und Meissen Einfluss gewann ^). Und auch die Nonnenklöster 
erfuhren weit und breit den reformatorischen Ernst der 
Bischöfe*). Wir brauchen aber kaum zu bemerken, dass 
diese und alle sonst gemachten Beformbestrebungen im wesent- 



1) UUmann I, 206. 

^ BathniAnii m, 154 167. 196 f, 261. üeber die Bemahnngea 
to emlftndisehen Biacho& LiikaB Watselrode am Hebung dei Unterrichtg 
Bevsek, WUhelm Gnapheoa I (1868) 8. 82 i Der fiiechof Konrad Ton 
Bneleu (1417 — 47) arbeitete darauf hin, dass alle Geistlichen der Landes- 
sprache mächtig sein sollten , und wollte auch verhüten, dass neue Fabeln 
in Umlauf gesetzt würden. Wuttke, Die Entwickelang der öfEentlicheii 
Vohältnisse Schlesiens I, 100. 

3) Manche sehr anziehende Nachrichten über diese Congregation in 
Becker, Chronica eines fahrenden Schülers (Regensburg 1869) S. 156 f., 
162 f , 178 f., 190 f., 265 f., 267, 270. Die zu derselben Zeit von den 
Augustiner-Chorherren in Windesheim aasgehende and besonders von dem 
treffUehoi Johann Biiaeh (f 1479) in wdten Weisen dnrehgeAlirte Eloster- 
refocmalion aeheint dem ünteniehtaweaen keine Fördening gebiadit in 
haben. Tgl. Heraoga S.-E. XYm, 182 ff. und XIX, 297 it Sebr nnaidier 
Bind die Erzfthlangen von der Stiftsschale zu Wetter, wenn Kranae in 
seüier Schrift Euridus Cordus (Hanau 1863) S. 8 f. gegen Döppings 
Darstellung in dem Buche Die Kirche zu Wetter (Marburg 1860) recht hat. 

4) Als Beispiel mag dienen das Kloster zu üeberwasser bei Münster, 
das der Bischof Heinrich von Schwarzburg zu reformiren unternahm. 
Parmet, Badolf ?on Langen (Münster 1^69) 60 £ 



10 



liefen tehon d6dMlb sa keinem Bachhaltigen EdMge es 
braetaten, weil man meist bei Aeusseitiebkeiten steben blieb 

und nicht bis zu den Wurzeln der üebel hinahreichte, die 
man auch nur zum Theil in ihrem tiefen Zusammenhange und 
in ihren nach allen Seiten hin verderblichen Wirkungen er- 
kannte. 

Indess behauptete sieb der Klei*us bei unermesslichem 
Besitze fort und fort in so machtvoller Stellung innerhalb des 
Volkslebens, das in hundertfacher ausBerlieher Abhängigkeit, 
ja Gebimdeftbeit aacb sein geistiges Leben stete wieder zomeiet 
vom Klerus bestimmen Hess. Wir ^fraudem uns daittber nidity 
wenn wir uns, und wAre es in flttehtigstem Ueberblicke, den 
Status eeclesiasticns aueh des deutschen Reiebs vergegenwärtigen, 
jene zum Theil über weite Länderstrecken ausgebreiteten Er»* 
bisthtimer und Bisthümer, mit den zahlreichen «reistlichen Ge- 
nossenscliaften, mit Hunderten von Kirchen und Pfarreien, 
mit den mannigfalti«rsten Einkünften und Recliten, jene in 
mehr oder weniger festem Verbände stehenden Orden der 
Benedictiner , der Prämonstratenser , der Cistercienser, der 
Karthäuser, der Dominicaner, der Franciscaner, der Augustiner, 
der Johanniter, der deutschen Herren, jene ganze hierarchische 
Ordnung, die, wie oft aueb angefochten von den weltlichen 
Mächten, doch fast immer den Sieg Aber diese davon tmgi 
die mit hundert Armen in die welttiehen Verhältnisse hinein 
griff und Grosse wie Geringe mit ihren Machtmitteln schreckte, 
bändigte, gefügig machte. Und dieses gewaltige Kirchenthum' 
empfahl sich auch wieder durch den blendenden Glanz seines 
Gottesdienstes, durch die erhabene Pracht seiner Münster und 
Dome, durch die Mannigfaltigkeit seiner Wohlthätigkeits- 
anstalten ; es wirkte auf die Herzen auch durch Predigt und 
Lied, durch Schrift und Bild, durch Wunder und Zeichen der 
seltsamsten Art; es veifügte über einen reichen Schatz der 
Gnaden und hielt die ScblOssel zum Himmelreich in fester 
Hand, wie es beängstigende Blicke in den Hdllenabgrund tbun 
Hess. Und die Interessen der weltiichen Stände verflochten 
sieh mit denen des Klerus in den verschiedensten Besiebungea. 
FQrstensöhne wurden Bischöfe und Erzbischöfe, der Add er* 



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fimleitiisg. 



11 



füllte die Domcapitel mit ihren reichen Pfründen, die Abteien 
mit ihrem ausgedehnten Besitz, die liUrf^^er der Städte schlössen 
sieh in Bruderschaften an die kirchliehen Institute an und 
widmeten diesen zahllose Stiftungen, die ihnen und ihren 
Eindem selbst wieder za Gute kommen sollten, das Landrdk 
weilfite doch am lieibsten, weO am sichersten, unter dem 
Knmmntabe und gab dem Fleban oder dem BetMmöndie^ 
der wenigstens ein Wort des Segens hatte, das Verlangte liel)er 
als dem herrischen Junker, der fluchend das ihm Gebührende 
eintrieb. 

Loszukommen von der Kirchenmacht war auch in den 
Zeiten der gi-ossen Aergernisse für Hunderttausonde kein Bedtirf- 
niss. Und wo das Bedürfniss doch sich regte, da fehlte die 
Kraft, und selbst die mit klarem Bewusstsein Neues erstrebende 
Opposition scheute entschiedene Lossagung, scheute den Bruch, 
der unheilToller schien als die Uebelstände, über die man 
zürnte. Auch schien freiere Bewegung mnerhalb der gezogenen 
Schrankoi mOglich. Aber Vieles drängte doch auf solche Be- 
wegung hin , machte sie nothwendig. Seit dem Zeitalter der 
Kreuzzüge hatte sich für die ganze abendländische Christen- 
heit der geistige Horizont erweitert, und was im Zusammen- 
hange mit jenen ünternelimungen für den Verkehr der Völker, 
für die Mannigfaltigkeit politischer Combinationen, für die Be- 
sitz- und Rechtsverhältnisse als Neuerung sich ergeben hatte, 
das brachte auch in dem Fühlen und Denken der Menschen 
Verändemngen hervor, deren Bedeutsamkeit, deren treibende 
Kraft den allermeisten lange verborgen blieb, so dass sie für 
die neuen Bedüifiiisse oft noch in den alten Formen Be- 
friedigung suchten. Die Kirche hat es leider nicht verstanden, 
diese Formen nach den hervortretenden Bedürfhissen zu er- 
weitern oder umzubilden, die von ihr gepflegte Bildung mit 
der mehr und mehr bereicherten Laienbildung besonnen aus- 
zugleichen, was bei dem ernsten, tüchtigen Sinn unseres Volkes 
vielleicht doch möglich gewesen wäre und seinem Leben weh- 
volle Krisen erspart hätte; aber es nützt hier nichts, von 
Möglichkeiten zu reden , nachdem grosse Entscheidungen zu 
unendUeh reicher Entwickelung den Uebergang gebildet haben, 



12 



und der schwere UnterUusimgssQiiden treffende Tadel mag 
eine Befriedigung für das sittliche Gefühl sein, muss aber bei 
historischer Betrachtung mit billiger Rücksichtnahme auf die 
in sehr verwickelten Verhältnissen liegenden Schwieiigkeiten 
sich verbinden. 

Wir wenden uns jetzt zu der eingehenden Darstellung der 
dem Schulwesen des späteren Mittelalters eigenthümlichen 
£ntwickelungen, wobei es zulAssIg sein wird, manches, was in 
die einleitenden Bemerkungen gehören könnte, mit dem Be- 
sonderen in lebendigen Zusammenhang zu setzen. Den za 
nehmenden Gang haben wir schon oben bezeichnet 



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Erster Abschnitt. 

Das Zurücktreten der wesentlich 
klerikalen Schulen hinter den Stadtschulen 

und Hochschulen. 



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I 



I 

I 



1. 

Blicke auf die ürülieren JalirliiiiMlerte de« 

Mittelalters. 

Die unmittelbar und ausschliesslich unter kirchlicher 
Leitung stehenden Unterrichtsanstalten des Mittelalter, wie 
sie in Folge der von Karl dem Grossen ausgehenden Impulse 
auch in Deuti^chland begründet wurden, die Dom schulen 
und Kloster schulen, sind Jahrhunderte lang die einzigen 
geblieben und haben den zunächst vorliegenden BedOrfiiissen 
sum Theil in ansgeieichneter Weise eotaprochen. Eine Beihe 
groBser Hamen wftre Mer aufinifiüiien und wenn wir nnr eb 
Bebpiele Hildedieim, Paderborn, HalberBtadt oder 8t Gallen« 
Fulda, Gorvegr nennen, ao soll damit vielen anderen Anstalten 
dieaer Art kein llnreeht angethan sein. Aber freUieli: diese 
Anstalten waren zunächst nur für den Dienst der Kirche be- 
stimmt, und wenn sie neben den Zöglingen, die späterhin das 
priesterliche Gewand oder die Mönchskutte tragen sollten, oft 
auch solche zuliessen, die. nacbdem sie als Chorknaben bei 
den zahlreichen Cultusacten einige Jabre mitgewirkt hatten, 
in das Leben der Welt zurücktraten, so bildeten diese im 
Grunde doch kcane Ausnahmen. Worden daneben zumal 
in Kloeterschulen noch solche aufgenommen, welche, weil es 
eiboi andere Untmiehtaanatalten nieht gab, die fikr die ftoaseren 
Bedtzfiiiase nOthige SdinlbOdnng nnter gelstUeher Leitasg er* 
«erben sollten, so war dies eine Erwettenug, die man in 
Zeiten ttebor vennied und nie mit Eifer befiMerte. 



1 



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I 



16 Bm ZarOdtMen der raonilicib Iderikalen Sehnlen etc. 

Aber bei der Besdiriinlraiig, welche diese Unterrichts- 
anstalten für zweckmftssig hielten, hatten sie in frQheren Jahr- 
hunderten doch Grosses geleistet, nnd was uns als klerikale 

Einseitigkeit erscheinen kann, war für das Gefühl der Menschen 
jener Zeit etwas Berechtiprtes und Genügendes gewesen. Jene 
Anstalten hatten lange der Kirche tüchtige Diener und Ver- 
treter erzogen, damit aber auch für die von der Kirche so 
vielfach bedingte Ordnung des Staates getban, was dieser, 
so unklar über seine Aufgabe und so ann an Mitteln, von 
sieh aus zu beschaffen nicht vermocht hätte. Alle Pflege der 
Wissenschaft knttpfte sich mehr oder weniger an diese An- 
stalten; was die geweihten Stätten an Handschriften besessen 
oder erwarben, das diente yorzugswdse ihrem Unterrichte; 
die frommen und hMligen , die weltklugen und thatkrSftigen 
Bischöfe des zehnten, elften und Ewölften Jahrhunderts gingen 
aus ihnen hervor; die scharfsinnigen, zuweilen tiefsinnigen 
Förderer der Scholastik verdankten ihnen die Grundlage ihrer 
Bildung, die Anleitung zu jener geistigen Thätigkeit, die 
ihnen das Vertrauen und die Bewunderung ihrer Zeitgenossen 
erwarb; die Kanzler der Könige hatten als Domscholer oder 
KlosterschUler begonnen, mancher Ritter und Held, der fQr die 
grossen Herrschef im Reiche grosse Erfolge mit erringen half 
und gelegentlich auch mit verständigem Rath und gewichtigem 
Wort Dienste leistete, Adirte mit Wohlgefallen und Dankbar- 
keit das, was er vermochte, auf einen schlichten, der Welt 
unbekannt gebliebenen Priester oder Mönch zurück. Wir sind 
schwerlich je im Stande, ein klares, abgerundetes Bild von 
dem, was eine Dom- und Klosterschule damals war. zu ge- 
winnen, und werden, auch wenn wir. wie Scheffel oder Freytag, 
mit der ausmalenden Phantasie nachhelfen, manche Lücke nur 
schwer ansfUlen können ; aber wenn wir uns vergegenwärtigen, 
wie unter besonderen Verhältnissen auch minder bedeutende 
Anstalten dieser Art selbst in wdterer Entfernung wohlthätig 
wirkten, so machen wir um so lieber efaien günstigen Schluss 
auf das, was die Schulen der kirchlichen Metropolen xu Zeiten 
im Rahmen des Triennium und Quadriennium darzubieten 
vermochten. Die Münsterschule in Herford hatte im ersten 



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I. BKidw anf die ürflhereii Jahrinmcterte dat HltleUaten. 17 

Drittel dee elften Jahrlnmderts die Genngthiumg, — wir irissen 
Hiebt, wie ee gekommen — dass idftndisdie Häuptlinge ihre 
Sohne ihr zusandten, die später, naehdera sie ausreichende 
Bildung gewonnen hatten, in ihre rauhe Heimath zurückkehrten, 
um Bischöfe von Skalholt zu werden M. l)ie Jünglinge aber, 
welche bald aus Deutschland nach Paris oder Bologna zogen 
und dort in das wundersamste geistige Treiben geriethen, in 
Dom- und Klostei-schulen hatten sie sich vorbereitet. 

Der Unterricht dieser Anstalten hat Jahrhunderte 
lang eine merkwürdige Stetigkeit bewahrt. Was für das 
Abendland Cassiodor und Aleuin begründet hatten, das war 
durch Hrabanus Maurus in Fulda fbr die weiten Gebiete des 
Frankenreiches in ein sorgflütig ausgeAlhrtes System gebracht 
worden, und dieses hatte Überall eine fast gleichm&ssige Gel- 
tung und Anwendung gefunden. Die argen Zerrüttungen der 
naolifülgenden Zeiten haben in dieses Schulwesen keine irgend- 
wie erhebliche Veränderung gebraclit; das zehnte Jahrhundert 
hat einen neuen Aufschwung der Studien herbeigeführt, dessen 
Höhepunkt in dem Wirken Gerberts zu erkennen ist, aber 
die alten Fundamente bewahrt; die Kämpfe zwischen Päpsten 
und Kaisern haben die Schulen geschädigt, aber die Studien- 
weise unberührt gelassen, die selbst im dreizehnten Jahr- 
hundert, wo durchgrrifende Umgestaltungen in das Unterrichts- 
wesen kamen, noch wesmitlich dieselbe blieb. Es ist ttberall 
wieder das Trivinm von Grammatik, Dialektik und Rhetorik 
fiir die untere Stufe des Untenichts und das Quadrivium mit 
Musik, Arithmetik, Geometrie und Astronomie für die obere 
Stufe; es sind tiberall die Werke des Cassiodor und des Mar- 
cianus Capella, des Priscianus und des Donatus, des Boethius 
und des Porphyrius, die man als Lehrbücher gebraucht; es 
wird beim grammatischen Unterricht Überall wieder die Lektüre 
der lateinisdien Dichter bevorzugt, aber auch ixix das Studium 
des Cicero und des Quintilian, des Sallustius und Suetonius 
ist gesorgt; wenn das Griechische selbst in der grossen Zeit der 
Ottonen beim Ünterrichte zurQcktritt, so treffen wir doch 



1) Hölscher, Geschichte des Gymnasiums zu Herford (1869) 8. 8. 

Kaemmel, Schulwesen. 2 



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18 



Dm Zortt^treten d«r we«müich klerikalen Schulen ete. 



auch bedeutsame Anftoge, deren Fortsetsang durch die äusseren 
Verhältnisse gehindert, nicht durch Nachläsngkeit der Lehren- 
den vereitelt worden ist. Und so begegnen wir durch alle 
Unterrichtsfächer hindurch einer sicher bewahrten Traditioi), 

die auch dadurch keine Störungen erfahren hat, dass zu den 
Lehrbüchern mancherlei Comnientare kamen, dass individueller 
Fleiss in einzelnen liichtun^^en den Unterriclitsstoff zu erwei- 
tern und hie und da nach besonderem Bedürfniss die Methode 
in Einzelheiten zu modificiren suchte. ^Yas aber an Büchern 
für den Unterricht erforderlich war, das bot der Fleiss und 
die Sorgfalt der Abschreiber in grösserer Menge und Auswahl, 
als man gewöhnlich anzunehmen geneigt ist 

Dass zur Erhaltung der so wunderbaren Stetigkeit und 
Uebereinstimmung im Unterrichte das Meiste die den Ben e- 
dictiner-Orden zusammenhaltenden Formen und Nonnen 
beigetragen, darf als unbestreitbar gelten. Ihm ist ja fast 
ausschliesslich durch Jahrhunderte die Aufgabe zugefallen, die 
aus dem Zusammensturz der alten Welt ^^eretteten Schätze 
der Literatur und Gelehrsamkeit zu bewahren, zugänglich zu 
machen, für die Bildung der Jugend zu verwenden, und es 
musste so in diesem geschlossenen Kreise die vielfach 
erprobte Lehrtradition dem immer wieder sich erneuernden 
Nachwuchs von Lehrern sich empfehlen. Man kann mit vollem ' 
Rechte im geschichtlichen Verlaufe des Unterrichtswesens von 
einer Benedictiner-Periode reden» die, wenn sie schon in weiter 
greifender und genauer eingehender Weise beschrieben wäre, 
auch durch den gewissermassen genealogischen Zusanunen- 
bang der Schulen in Deutschland, Frankreich, England, der 
zum Theil doch auch schon nachgewiesen ist, bedeutungsvoll 
erscheinen und eine grosse Zahl ausgezeichneter Männer in 
lebendigen Bildern uns vorführen könnte. Aber das zu ver- 
arbeitende Material ist unermesslich und manches besonders 
"Wichtige noch ungedruckt und schwer zu erreiclien. 

Neben den au den Bischofssitzen und im Zusammenhange 
mit den Domcapiteln bestehenden Schulen entstanden später, 
als in den einzelnen Sprengein die grösseren Orte den Klerus 
ihrer Hauptkirchen in CoUegien oder Gollegiatcapiteln zu ka- 



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L Blicke auf die froheren Jahrhunderte des Mitt^tm. 19 

iMmisehem Leben, gleich dem Klerus der Bischofssitze, zu- 
sammentreten sahen, besondere Schulen, die man gewöhnlich 
Stiftsschulen nennt, obwohl diese Besdchnung etwas 
schwankend ist und bisweilen wohl auch fltr die eigentlichen 
Domseholen, ja wohl selbst für manche Klosterschnlen ge- 
braucht wird. So lange das kanonische Leben nach Chrode- 
gangs Vorschriften sich erhielt, war auch der Weltklerus durch 
klösterliche Gelübde und Einrichtungen gebunden und zwischen 
ihm und der Klostergeistlichkeit eine Uebereinstimmung her- 
gestellt, die nach aussen hin die doch vorhandenen Unter- 
schiede nicht gerade leicht erkennen Hess und nothwendig 
auch in die Einiichtungen der Schulen eine Gleichförmigkeit 
brachte, welche unter Umständen den Gebrauch desselben 
Namens für verschiedene Anstalten rechtfertigte. Die Zahl 
der Stiftsschulen in engerem Sinne war natürlich sehr gross; 
das heilige KOln zählte deren noch in der letzten Zeit des 
Mittelalters elf^), und auch sonst bestanden in den bischöf- 
lichen Städten neben den Domschulen besondere Stiftsscluilen. 
Dass solche Anstalten überhaupt in den grösseren Städten fast 
überall vorhanden waren, düi-fen wir annehmen. Wir erinnern 
hier nur an die Stiftsschulen in Frankfurt und Braunschweig. 
Dort erhoben sich noch ziemlich spät neben der Domschule 
zu St. Bailholomäus zwei verwandte Anstalten in Verbindung 
mit den Stiftern zu St. Leonhard, das 1317 gegründet wurde, 
und zu U. L. F. auf dem Berge, das wenige Jahre nachher 
(1822) entstand*); in Braunsehweig hatte man neben der 
Benedictinerschule St Egidii zwei Stiftsschulen, St Cyriad 
und St Blasii *). Und auch in kleineren Orten fehlten solche 
Schulen nicht, ja es würden aus jeder deutschen Landschaft 
Beispiele hierzu leicht zu beschaffen seiu^j. 

1) Erafft, Aiiftcitehnnngcn des Schweiler Befomiaton Bollinger 
(Elberfeld 1870) S. 57 f. 

2) Helfenstein, Gesehiehte des Schalweseiis der Fr. Stadt Frank- 
furt I (1858). 

8) I)ürre. Geschichte der Gelehrtenschulen zu Braunsehweig 1 (1861) 
md Sack, Geschichte der Schulen zu Braunschweig 1 (1861). 

4) Die Stiftsschule in Freiberg seit 14ä0, Süss, Gesch. des Gym- 
nasiums zu Freiberg (1876) I, 4 f. 

2* 



20 Dm ZurOdriretai d«r weBcntiich Uciikaleii Sebolen etc. 

Aber wir mOssen nach den bisher genannten Lehr- 
anstalten aneh der Pfarrsehnlen gedenken, in denen wir 

immerhin die Anfänge unseres Volksschulwesens erkennen 
dürfen. Ks lag doch nahe, dass die Pfarrer innerhalb ihrer 
Gemeinden auch der nachwachsenden Jugend sich annahmen, 
und wenn sie gleich nicht zu regelmässigem und irgendwie 
ausgedehnterem UnteiTichte sich entschlossen, doch die Ver- 
pflichtung fühlten, die von ihnen Getauften mit den Grund- 
wahrheiten des Christenthums bekannt zu machen und zu- 
gleich aus den sie umgebenden Knaben immer einige aueh 
für dne gewisse Mitwirkung bei den Hauptacten des Gottes- 
dienstes heranzuziehen. Und was sie selbst nicht thaten, das 
Übernahmen wohl in fielen Fällen ihre Kapläne oder ihre 
Küster (Messner, Sigristen, Glöckner), die gelegentlich auch 
noch andere Functionen kirchlicher und weltlicher Art (als 
Organisten, als Stadtschreiber) besorgten. Dass aber solche 
„Küsterschulen" seit dem dreizehnten Jahrhundert selbst in klei- 
neren Dörfern keine Seltenheit waren, lässt sich aus Urkunden 
verschiedener Gegenden nachweisen Dabei blieb freilich 
im Ganzen der Zustand der Landbevölkerung fortwährend ein 
sehr trauriger, und an vielen Orten fehlte ohne Zweifel Jeg- 
licher Unterridit Doch werden wir zu beachten haben, dass 
die Landbevölkemng nicht in allen Landschaften und zu allen 
Zeiten gleich gedrückt war, im Ganzen aber gegen das Ende 
des Mittelalters schwerer zu tragen hatte ^j. Wenn übrigens 



1) Anziehende Kinzelheiten stellt zusammen .Meister, Das deutsche 
Stadtschuhvescn des Mittehilters (Weilburg 1868) S. 4—6; vgl. für Böhmen 
Friend, Kirchengeschichte Böhmens II, S. 342 f., für Nieder-Oesterreich 
A. Mayer, Die geistige Cuitur in Nieder-Oesterreich. 1878 (herausgegeben 
▼om Vereiii fbr Lmdesknode in Nied«r>0e8temicb) I, 87 ff. Eeiblinger , 
GeachiGhte von Melk I, 858, 400; II, 12; III, 169, 180. 614, 784 £, 787 L 
Hier waren die Untenriehlsgegenstftnde Lesen, Schreiben, Singen nnd 
etvai IiitrfWi 

2) Vgl. die belebte Darstelhmg bei Frey tag, Bilder aus der deutschen 
Vergangenheit II, 1, 46 ä Wie sehr die Landherren in Mähren seit dem 
Ende der Hussiten- Unruhen das Landvolk niederdrückten, zeigt Chlu- 
meckv, Karl von ZtTotin , 5 fif. lieber die Zustände in dtf Oberlaosits 
0. Kaemmel, Job. Uass {GMtz 1874; ^ ff. 



I. Blicke auf die früheren Jahrhunderte des Mittelalters. 



21 



hier von Anfängen des Volksschulwesens gesprochen wird, so 
wird sieh dies immerhin denen gegenüber rechtfertigen lassen, 
welche das Vorhandensein einer Volksschule auch fiir die 
letzten Jahrhunderte des Mittelalters nicht anerkennen M. • 

Dass neben den vom Klerus unterhaltenen Schulen, die 
doch vor allem kirchlichen Zwecken dienten und meist auf 
eine kleinere Schalerzahl ^ch bescliränkten, auch mancherlei 
Privatlehrer ihr Wesen trieben, dafür gibt es zwar, der 
Katnr der Sache nach, nicht gerade viele, aber einzelne sehr 
zuTerlässige Belege. Jener freiere Unterricht, der schon in 
froheren Jahrhunderten dem geistigen Lehen Italiens so viel* 
seitige und so starke Anregungen gegeben hatte und nachher 
auch in Frankreich eine benierkensNverthe Geltung gewann, 
kam zwar in Deutschland nicht zu gleicher Bedeutung, weil 
hier für das, was solcher Unterricht darbot, das anders ge- 
artete nationale Leben viel geringere Empfänglichkeit entgegen- 
brachte, aber an Theilnahme fehlte es doch nicht. Die Lehr- 
meister der kirchlichen Schulen, wie Gozechin von Lflttich 
nnd Wilhelm von Hirschan, waren freilich voll Entrostung 
Aber die Psendomagistm*, wdche, ohne bestimmten Aufenthalt 
zu nehmen, dnrch Städte nnd BOiier zOgen, Ober sehr Ver- 
sehiedmies Vorlesungen hielten nnd die leichtfertige, nenerungs« 
süchtige, sti*enger Zucht abholde Jugend durch schwitchliche 
Nachgiebigkeit und oberflächliches Geschwätz verdürben -j. 
Unter den Zerrüttungen des Investiturstreits konnte solcher 
Unterricht sich kaum erhalten. 

Aber durch die bisher gegebene Skizze sollte die Dar- 
stellung des bedeutsamen Ueberganges, der in den letzten 
Jahrhunderten des Mittelalters sich vollzog, eben nur vor- 
bereitet werden. Wir haben es mit dem Zurdcktreten der 



1) E. T. Baumer, Geschichte der Pftdadogik 1, 126 (8. Aiieg.) und 
Beppe, Das Sdudwesen des Mittebaten (Bfariniig 1860) 48 £ 

2) Floto, Heiiirich IV, Bd. I 8. 184 £ üeber die Soholae privatae 
in Italien, die wir als eine Fortsetzung der alten Gfammatikscholen an- 
aehen können, vgl. Giesebrecht, de litterarum atndÜB apod Italos 
primis medii aed secnlia p. 12 ff; über die Clericuli mgantea in Frank- 
reich Floto 124. 



22 ^ ZarOckMfln d«r irwentlicii MwiMen SduitoB etc. 

wesentlich klerikalen Schulen hinter den Stadtschulen auf der 
einen und hinter den Hochschnlen auf der andern Seite zn 
thnn. Und hierbd handelt es sich nnn freilich zuerst um 
dfn Verlall Jener, der jedoch keineswegs ein Tollstandiger 
ist, vielmehr durch mancherlei Beformversuche , ja durch 
wirkliche Reformen im Einzelnen aufgehalten wird; aber 
besondere Aufmerksamkeit werden wir dann doch den Stadt- 
schulen und den Hochschulen zuzuwenden haben. Wir treten 
damit in vielgestaltige Bewegungen ein. 



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Verfall der klerikalen Schulen. 



Dass die Dom- und Stiftsschulen verfielen, davon war der 
Hauptgrund die Auflösung des kanonischea Lebens, die in 
manchen Städten schon sehr früh, in anderen auch vrieder 
ziemlieh spät das Zusammenwirken der klerikalen Coiporationen 
fBtr grosse Zweeke erschwerte, hier und da unmO^ch machte, 
ludem die Capitularen und Kanoniker darauf Tendchteteft, 
unter der Leitung ihrer Bischöfe und PrOpste täglich zu from- 
men Hebungen, zu ernsten Berathungen an derselben Tafel 
sich zu versammeln, kamen sie bald auch dazu, die gemein- 
samen Interessen und Pflichten hinter die persönlichen Ange- 
legenheiten zurückzustellen, und indem sie durch Theilung der 
StiftsgiUer den eiiienen Besitz, der ihnen nach Chrodegangs 
Regeln und nach den Aachener Concilien von 789 und 816 
gestattet war, für die Zeit ihres Lebens vermehrten, gaben 
sie 'sich um so leichter den Lockungen der Welt, dem Genüsse 
und der Trägheit hin. Es ist anzuerkennen, dass einige P&pste 
und grosse Kirchenversammlungen dieser Entartung der be- 
deutsamsten kirchlichen Institute entgegengewirkt haben; aber 
wenn auch in einzelnen Kreisen nach der neuen Regel Augustins 
oder nach den Satzungen der Prämonstratenser das kanonische 
Leben wieder hergestellt wurde, wie es in Passau durch den 
Bischof Altmann (1091) und in Toul durch den Bischof Ludolf 
(1095j geschah, so wirkten doch solche Beispiele nicht genug, 
vielmehr ging fast überall die Zersetzung und Verweltlichung 



24 



Das Zurücktreten der wesentlich klerikalen Schulen etc. 



weiter, und als es Brauch geworden war, die Donicapitel und 
Collegiatkirchen zu Versorguugsanstalten für jüngere Söhne 
der umwohnenden Adelsfamilien zu machen, dabei die reichen 
PfrClnden selbst solchen, die nicht Kleriker waren, zuzaw^sen 
und zur Verwaltung der kirchlichen Functionen Vicare zu be- 
stellen, die man nur dttiitig besoldete, da wurde alles Sache der 
dgensttchtlgen Berechnung, bis man endUeh dazu kam, die 
Aufiiahme Ton einer strengen Ahnenprobe abhängig zu machen 
und, um Eindringlinge desto sicherer fem zu halten, die PfKtn- 
den auf eine genau bestimmte Zahl einzuschränken. Bei dieser 
Entwicklung der Dinge kann es nun freilich nicht auffallen, 
dass die Anforderungen in Bezug auf persönliche Würdigkeit 
und wissenschaftliche Tüclitigkeit allmählich sehr ermässigt 
worden sind. Man verlangte von den Aufzunehmenden, abge- 
sehen von dem Nachweise altadeliger Abstammung, nur 
dreierlei: dass sie wenigstens ein Alter von vierzehn Jahren 
hätten, dass sie lateinisch lesen und singen könnten, dass sie 
für die kirchlichen Verricfatongen in einem Probejahre die 
mthige Sicherheit sich aneigneten. Nach Einfthmng der so- 
genannten Exspectanzen hing zuletzt alles von der Erlegung 
der vorbestimmten Einkaufsgelder und von der Wirksamkeit 
der Familienverbindungen ab. 

Unter solchen Umständen durfte mau die Erhaltung der 
Dom- und Stiftsschulen, die doch vor allem einen tüchtigen 
Klerus heranbilden sollten, fast für entbehrlich halten, und 
Thatsache ist es, dass die bequemlich lebenden Pfründner eine 
unmittelbaTe Fürsorge und Thätigkeit für diese Anstalten 
Ikberall als lästig ablehnten. Manche derselben gingen wirk- 
lidi em, viele verkOmmerten. Wo solche Schulen fortbe- 
standen, da übertrug der Scholasticus (Scholaster), unter den 
Kanonikern einer der ersten, sein Schulamt einem Reetor 
Scholarum, der kärglich besoldet wurde und wieder nach 
eigenem Ermessen Gehilfen — sie hiessen meist Locati — 
zu dingen hatte Indessen haben hierbei doch, wie auch 



1) Meyer, G«sdddite dei Hambnrgiselien Schul- imd Untenichts- 
mens im Blittelalter (Hambnig 184$ S. 46 



n. Verfidl der klerikalen Scliulen. 



26 



bei der AuflOenng des kanonischen Lebens, nach Verschieden- 
heit der Orte und Umstände, inaiiiiiglache Uebergänge statt- 
gefunden. So erfahren wir z B. von Osnabrück, wo das ^ie- 
meinsame Leben der Kanoniker wahrscheinlich seit dem Brande 
des Doms im Jahre 1100 aufhörte — denn auch das Monaste- 
num (das gemeinschafiliche Wohnhaus der Kanoniker) war 
in Asche gesunken ~, dftss noch in zwei Urkunden von 
1170 ein Godofrithns erst als Scholastieus nnd dann als 
Ifagister Scolamm, und zwar nnmittelbar nach dem Dom- 
cuatos, erscheint, dass dann 1221 neben dem Scholastieus 
C^cns ein Magister Lothwicus vorkommt, der in einer Ur- 
kunde desselben Jahres als Canonicus und später als Dom- 
custos genannt wird, dass 1225 neben Olricus ein Magister 
Jaeobus unter den Kanonikern eintritt, der 1231 Scholaster 
ist; ein Rector Scholarum als Stellvertreter des Scholasters 
wird in Osnabrück erst 1316 erwähnt i). — Dem Vorgange 
der Scholaster folgten Übrigens auch die unter den Kanonikern 
ihnen ohnehin so nahe stehendoi Cantoren, die zur Be- 
sorgung ihrer Geechäfte Succentores bestellten; an manchen 
Orlen Yersah der Hector Scholarum die GeschSfte beider 
PrSlaten. 

Oft haben freilich auch die ZenUttungen , welche der 
Investiturstreit und die damit zusammenhängenden inneren 
Kämpfe herbeiführten, den Dom- und Stiftsschulen noch be- 
sonderen Nachtheil bereitet. In Zeiten, wo die Bisthümer in 
den Gegensatz zwischen Kaiserthum und Papstthum hinein- 
gerissen waren, wo dieselben Sitze jetzt Freunde des ei*steren« 
dann Streiter für das andere zu gewinnen strebten und unter 
solchem Hader auch die Domcapitel sich spalteten, in solchen 
Zeiten mussten jene Anstalten zuweilen vOUigem Buine über^ 
lassen sein. Wie es dann wohl an dem Nöthigsten selbst 
zum Unterhalte der Domschulen fehlte, zeigen die beweglichen 
Vorstellungen, welche gleich in den Anfängen des Investitur- 
streits die Domschüler von Hildesheini au den Bischof Hezil 



1) Hart mann, BeitiAge zor Geschichte der Scholen in Osnabradc 
(1861) 8. 3 f. 



26 Du ZnrOddretan der weieiitUch MgrikiJen Scholen etc. 

gerichtet haben; die oratorische Fem des Sehrabens darf 
Uber den bittorn Ernst der Sache nicht tSnschen^). 

Wie ganz anders ei*schienen doch noch unmittelbar vor 
dem Ausbruche des Investiturstreites die Zustände dieser 
Schulen! Versetzen wir uns einmal in die Mitte des Franken- 
landes, wo im fruchtbaren Thalkessel AVurzburg mit dem 
Marienber^e sich erhebt. Diese bischöfliche Stadt, einen 
weiten Sprengel auf beiden Seiten des Mittelmains und nord- 
wäits bia an die deutschen Mittelgebirge, südwärts bis an den 
Neckar und bis zu den Quellen der Altmühl beherrschend, war 
in der That von der Natur selbst zur Wiege und zum Aus- 
gangspunkte der Cultur fftr das herrliehe Ftankenland be- 
stimmt, und wie sie die Landschaften umher mit Kirchen, 
Klöstern und Stiften erfüllt hatte, so war sie selbst früh 
eine wundersame Vereinigung geistlicher Anlagen geworden, 
unter denen die Domschule eine bevorzugte Stellung ein- 
nahm An dieser hatte schon der aus Schottland berufene 
Meister David mit Kuhm gewiikt; unter den Bischöfen Bruno 
(t 1043), Adalbert (f 1090) gingen aus ihr viele tüchtige 
Männer hervor, die zu hohen Würden in der Kirche gelangten, 
wäln end in derselben Zeit auch im Kloster St. Burkard eine 
treffliche Schule bestand'). Etwas Terschiedoi waren die 
Verhaltnisse in Bamberg, dessen Bischof die Gebiete am Ober- 
main aufwärts bis zu den Quellen des Mains, bis zum Franken- 
walde und zum Fiditelgebirge und Iftngs der Kegnitz bis an 
die Wasserscheide der Naab beherrschte; aber auch diese 



1) Sudendorf, Capitalarium für die deutsche Geschichte (Berlin 
1851) S. 17 £ Da heiBSt es: FamiB et inediae diram aBperitatem, quae 
nobis miseris Bon Bolmn ufert Yolontatem stadendi, aed etfam inftrt 
taediom Tiv«ndi, tibi pro rai asperitate describevemiu, nid qaod mae 
viribus exhaostae, fauces longa inedia siccae, ipse patulus scabra rubigine 
asper Tocem nobis intercIudun^ imvantes et lingiiam volubilitate loquoidi 
et debiles manus officio scribeudi. — Am Ende der Klage die BemflEkong^ 
dau die Mönche des Moritzklosters viel besser versorgt seien. 

2) Kohl, Der Rhein, Bd. I, S. 333 und Kutzen, Das deutsche 
Land S. 247. 

3) Archiv des historischen Vereins für Unterfraukeu und Aschaffen- 
barg XV (2/3) S. 183, 208 f. 



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IL Tccfiül dar kMkaleii SdnileB. 



27 



Stadt» die fibr die am Maine beraiifdringendeii Deatschen 
gl^elisaiD ein Waffiniplatz zur Uoterwerftmg der benaehbarten 

Sorben geworden war und zur Befestigunj? christlicher Bildung 
zahlreiche Kirchen und Klöster in Thälern und auf Höhen 
gegründet hatte, besass wohl schon seit der Re^rründung des 
Bisthums durch König Heinrich H. den Frommen eine Dom- 
schule; der berühmte Hanno von Köln war hier gebildet. 
Das benachbarte Eichstädt im engen Thale der Altmühl sah 
besonders unter dem Bisehof Heribert (1022—42) seine Dom- 
scbule blühen 1). 

Aehnlich war es im nordwestlichen Deutschland, z. B. in 
Monster, wo auch nach der Einäscherung der Stadt und der 
Domkirehe sowie des Domklosters im Jahre 1121 das kano- 
nische Leben, wenngleich in beschränkter Weise, sich fort- 
setzte, die Domschule aber besonders unter dem Bischöfe 
Hermann (1032 — 42) in fröhliclier Entwicklung aufstrebte ^j. 
Wie kräftig in Paderborn der Bischof Meinwerk ( 1009— 86) 
und nach ihm sein Nelie Imad für die Studien der Domschule 
gesorgt, mag doch auch hier erwähnt werden^). Und wie 
Vieles wftre von den Studien in den Niederlanden, in den 
Rheingegenden, in Schwaben und Bayern zu sagen! Wir 
mfissten dann auch die an die Idrdilichen Lehranstalten 
Böhmens und Mährens sich anschliessende deutsche Gultur 
berOcksiehtigen, die ja von Regensburg und Mainz her immer 
neue Förderungen erhielt*). Als im Jahre 1063 für Mähren 
ein von Prag unabhängiges Bisthum begründet worden war 
und in Olmütz seinen Mittelpunkt erhalten hatte, erhob sich 



1) Sax, Geschichte des Hochstiftes und der Stadt Eichstädt (Nürn- 
berg 1858) S. 41 £ 

2) K. F. Krabbe,« Geschicbtliche Naebriditeii Aber die höheren 
LefaranstaHen in MAnster (18SS) 8. 52 f. 

8) Meinwecln Biographie i iwischen 1155 md 1160 in dem im. ihm 
gestifteten Kloster Addinghof geechrieben» am besten bei Perts, Monom. 
Genn. T. XI, p. 104-16L 

4) Ueber den Zusammenhang des Bistimms Prag mit Regensburg und 
Mainz vgl. Frien.l I. 39 ff.. 352 f., 300 ff., — I, 51 ff., 159 ff, über die 
Pom- und Stiftsschulen in Böhmen I, 174 1, 11, 26 f., 28, 43, 49, 63. 



28 Das Znracktreten der wasentlich klerikalen Schulen etc. 

sofort aneli eioe DomBehule mit einem denticlieii Seholasticiu 
Hamens Hagen, und diese Anstalt blQbte noch in der ersten 

Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts^). 

Aber es lassen sich doch auch aus dem zwölften Jahr- 
hundert noch Beispiele von fortdauerndem Gedeihen der Dom- 
und Stiftsschulen nachweisen. Wir wissen, dass die Donischule 
in Augsburg gerade in diesem Jahrhundert ihre beste Zeit 
hatte, als Gerhoch, später Propst von Reiehersberg (t 1169), 
durch seinen £ifer ffXt strenges Kirchrathum und seine schiift- 
stellerische Tbätigkeit ansgezdchnet, als Seholasticus ihr yor^ 
staAd; er veranstaltete mit seinen ZOglingen auch geistliehe 
Schauspiele an den grossen Festen, namentlich za Weihnachten 
und Epiphanien. 1^ dreizehnten Jahrhundert aber begann 
der Verfall, von welchem die Domschuleii sich niemals wieder 
erholten -). Immerhin dürfen wir annehmen, dass manche An- 
stalten dieser Art noch immer eine gewisse Regsamkeit be- 
wahrten und namentlich in den grösseren Städten es niemals 
ganz an Männeni fehlte, die mit der wissenschaftlichen Tüchtig- 
keit,, welche zum Unterrieht nöthig ist, auch den guten Willen 
zum Unterricht verbanden. Der Mangel an Nachrichten gibt 
uns nicht ohne Weiteres das Recht, anf tieferen Yerfidl solcher 
Anstalten zu schliessen, und wenn wir auf Spuren eines ge- 
wissen Gedeihens treffsn, ist doch vielleicht Ergänzung in 
freundlichem Sinne erlaubt 3). Von Päpsten und Concilien 
gingen gerade damals mancherlei Anregungen aus, die wieder 
einen höheren theologischen Unterricht als Aufgabe erscheinen 



1) d' Elvert, Gesch. der Studien-, Schul- und Erziehungs- Anstalten 
in Mähren und Oesterreichisch-Schlesieu (Brünn 1857) XV. 

2) Hans, Beiträge zur Gesch. des Augsburger Schulwesens im Mittel- 
alter in der Zeitschrift des hist. Vereins für Schwaben und Neuburg II 
(1875) 1. 

S) Gewim war im Ouaen die Zahl der StÜtaaehnleii fortwfllirend eise 
rioDlidi gfOBBe. So hatte swar das BaitikolomAoastift in IVeokfart a. M. 
cnt 1257 eioe eigene PfrQnde für die ScholaBter erhalten; aber das 1817 
gegründete St. Leonhardsstift scheint sofort aaeh eme Schale und einen 
Kector erhalten zu haben, und gewiss ist dies Ton dem 1347 errichteten 
Licbfrauenstifte, dessen erst^ Bector einer angesehenen Familie der Stadt 
angehörte. Mone, 296 t 



IL Verfall der klerikalen Schulen. 



29 



liessen. So war in Lübeck bereits während des dreizehnten 
Jahrhunderts ein Baccalaureus oder Doctor der Theologie als 
Leiter für solchen Unterricht thätifr: er wurde vom Decan 
berufen, aus der Domkirchenkasse honorirt, auch mit einer 
Stiftspfründe bedacht Wie dies gemeint war, erkennt niaa 
deutlich aus einer in Hambaig am Anfange des ftlnfzehnten 
Jahrhunderts gemachten Stiftung des frommen, einsiehtsvoUen 
und begüterten Kanonikus M. Johannes Writse, der eine ziem- 
fieh bedeutende Summe aussetzte zur Dotation einer Praebenda 
doctoralis oder leetoraUs fi&r dnen ftberzfthügen Domherrn, 
wacher Doctor oder doch Baccalaureus der Theologie sein 
und den tibri^ren Mitgliedern des Capitels, sowie ilen Geist- 
lichen anderer Kirchen und allen nach Weiterbildung ver- 
langenden Literaten regelmassige Vorlesungen halten sollte; 
beigegeben wurde ihm ein Vicar, und eine spätere Stiftung 
fQgte sogar einen zweiten Lector hinzu Mit der Münster- 
schule in Herford verband sich in demselben Jahibundert ein 
reich ausgestattetes (anfangs selbstftndiges) CoUegium, welches 
Hermann Devery, ein ans dieser Stadt stammender pSpstlicher 
Protonotarins und Assessor Rotae 1485 gestiftet hatte 

An anderen Anstalten dieser Art suchte man dadurdi zu 
helfen, dass bestimmte Pfrfinden mit dem Lehramt verbunden 
wurden, und nur solche, die zur Uebernahme desselben bereit 
waren, in den Genuss einer solchen eintreten dui-ften^); aber man 
regelte auch genauer Rechte und Pflichten des Rector Scho- 
larum, um ihn der Willkür des Scholasticus zu entziehen und 
zu treuem Wirken williger zu machen *), Im Stift zu Oehringen 

1) Meyer, S. 54 Ueber die Bibliothek dieser Fkaebend* lec- 

toralis ebenda S. 7:J f. 

2) Hölscher, S. 14 ff. 

3) So das St. Germannsstilt in Speier 1219. Mone in der Zeit» 
Schrift für die Geschichte des Oberrheins I, 270 £ 

4) EbendaMlbet 278 £ Der Bector sollte 80 ScMU WsImi ei- 
halten, dtftr aber sich Torpfliditen, die armen Sdi&ler nneatigaltlicb sa 
imteRiclilen I wifareed er tob den wohlhabenden eiii pratinm und inra 
flUDBla an beaBSprodien hatte; amserdem ftbeniahai er es, Jedem Kasoniker 
einen von diesem unterhaltenen SehOkr graHs sa imteRiebteii, sollte vea 
soleben aber joc» minata erhalten. 



^ Das Zurücktreten der wesentlich klerikalen Schulen etc. 

hatte der Beetor ebenfalls eine ChorherrenpfrOnde nnd far 

Abfassung der Urkunden des Stifts und seiner Angehörigen 
erhielt er noch l)eson deren Lohn 

Allein wie sehr man auch bemüht sein map:. Momente 
aufzufinden, welche jze^en die hergebrachte Auffassung, dass 
die Dom- und Stiftsschulen seit dem zwölften Jahrhundert in 
argen Verfall gerathen, benutzt werden können, so wenig lässt 
sich im allgemeinen diese Auffassung bestreiten. Denn ab- 
gesdien dayon, dass viele dieser Anstalten naeh zuverlässigen 
Nachrichten nur noch ein Scheinleben geftthrt haben, so ist 
aus dem vollständigen Schweigen ein sicherer Schluss auf ihren 
haltlosen Zustand gerechtfertigt'). Am meisten aber spricht 
für den Verfall derselben das überall hervortretende Streben 
der Bevölkerungen, für ihre Kinder, die sie jenen nicht zu- 
führen mögen, neue Schulen zu gewinnen. Wie traurig es im 
Ganzen am Ende des Mittelalters mit jenen klerikalen An- 
stalten stand, mag nur noch durch zwei Thatsacheu belegt 
werden. Die Domschule in Magdebuig, unter den sächsischen 
Kaisem bedeutend, aber schon unter Konrad IL herabge- 
kommen, war im vierz^nten und fOn&ehnten Jahrhundert wie 
vmchwunden^. Die Domschule in Augsburg aber, deren 



1) Pfaff, Yemieh einer Gesch. des gdehrten üntenidiliweeeiis in 
Wflrttemberg (Uhn 1842) 8. 5. Ein sieodieih beftiedigendes Kid gewinnen 
wir Ton der Sehlde in 8t Florian, ah dort 1071 der eifrige Bischof Alt- 
mann von Passau die Augustiner Chorherren dnf&hrte, die dann wirkUeh 
des Unterrichts mit Treue sich annahmen. Czerny, S. 17 ff. 

2) Pie Augustiner Chorherren in Meissen blieben doch auch hinter 
den biUigsteu Ansprüchen zurück. S. noch Müller, Fürstenschule in 
Meissen Bd. I, S. 3 und Oertel, I)as Münster zu St. Afra in Meissen 
(1843) 19 — 24, 50—52, die kritischen Bemerkungen von Flathe im Archiv 
für sächsische liesch. N. F. III, S. 74 ff. Vgl. über die Augustiner Chor- 
heR«n in Leipzig Stallbanm, Die Tfaomaeschnle in Leipzig (1SS9) 
8. 7—19. Ueber die Anibreitnng der Anstalten in den sicfasiMihen IMAm 
im Allgemeinen a. noch Winter, Flrlmonatrateneer 8. 84 £ 

8) Batbrnaan, Qeadu der Stadt Magdeburg II, 491 nnd m, 296. 
Auch die Schale des nahen Klosters Bergen, das an die Stelle des Moriti« 
klosters getreten md nnter der Leitung Othricbs eine Pflegestatte edler 
Bildung geworden war (s. bes. die anziehende Stelle aus Richen Bist III, 
65 — 65 bei Portz III, 619 L), ist epäter kaum noch vorhanden. 



I 



n. VerfOl dflc Uniktlen Söhulen. 31 

Scholastieiis noch 1439 die Oberaufeieht über Bämmtlidte 
Schulen nicht bloss der Stadt, sondern der ganzen Diöcese 
durch das Domcapitel wieder bestätigt sah, konnte 1462 ge- 
schehen lassen, dass ein Bürger der Stadt seinen Sohn zu 
einem Sehnlmeister in Kaufbeuren in Kost gab. 

Ueberblickt man diesen Gang der Dinge, so erscheint 
doch die Frage sehr gerechtfertigt: Konnten die hohen Prä- 
laten, die ül)er so reiche Einkünfte vei-fügten, nicht wenigstens 
durch Darbietung äusserer Mittel dem Verfalle entgegen- 
wirken ? Die Autwort aber ist unschwer zu geben. Lassen wir 
Thatsachen sprechen. Während in Magdeburg die Domschule 
in so trauriger Weise verkümmerte, schien der Ei-zbischof 
Günther IL (1405—45), freilieh als unet&hrener Jüngling zur 
Leitung der grossen DiOoese gekommen, seinen Beruf allein 
in Veranstaltung von Jagden ^ Gastm&hlem, Bällen, Schützen« 
ÜBsten und anderen ErgOtzlichkeiten zu erkennen; ausserdem 
vei-wickelte er sich oft wieder in Fehden und Knege. Des- 
halb war er in beständiger Geldnoth, und um nun die nöthigen 
Summen zu erlangen, Hess er keine Gelegenheit vorübergehen, 
die es ihm möglich machte, Geld von seinen Unterthaneu zu 
erpressen oder wenigstens zu erborgen. Dass er wohlthätige 
EinrichtuDgen getrotlen, davon hndet sich iu seiner langen 
Begiei-uDg keine Spur Der Erzbischof Emst (1476—1513), 
sonst als ein frommer und wohlgesinnter Mann gerühmt, ver- 
wendete auf die Erbauung der Moritzburg in Halle 
100,000 Gulden; der dazu gehörigen Schlosskapelle schenkte 
er viele Beliquien, heilige Gefässe und andere Kostbarkeiten, 
über 20,000 Guld^ an Werth, darunter einen ganz goldenen 
lOVf Mk. schweren Kelch, welcher bloss an Gold und Arbeits- 
lohn 1000 Gulden kostete und ausserdem noch mit 250 kost- 
baren Edelsteinen und 193 sehr schönen Perlen besetzt war; 
aber auch er hatte dann für andere Zwecke kein Geld*). 
Sein Nachfolger Albert V. (von Brandenburg), schon 1514 auch 
auf den Stuhl von Mainz berufen und ausserdem Bischof von 



1) Rathmann III, 91 £ und 108 £ 

2) Rathmann ib, 268 ff. 



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82 Bm Zur&cfcMflD der woendieh Uflrikalen 8cliiilea etOL 

Halbentadt, hatte das Ensstlft von Mainz, wo in verhfiltniss- 
masBig knner Zeit dordi sieben Vacanzen eine debenmallge 

Erwerbung das Pallium (und jedesmal um 3r>,000 Ducaten) nöthig 
geworden war und alle Mittel zu abermali^rer Bezahlung an 
Rom fehlten, nur unter der Bedingung: erhalten, dass er die 
wieder erforderlichen 30,UUU Ducaten aus eijienen Mitteln be- 
zahle; er musste aber diese Summe von den reichen Fuggern 
in Augsburg borgen, und wie er dann, um diese Schuld ab- 
tragen zu können, durch schmählichen Ablasshandei das Geld 
zusammenzubringen suchte, davon ist hier nicht weiter za 
reden Wollten wir von diesem Punkte aus von Sprengel 
zu Sprengel gehen, so würden wir viele ähnliche Thatsaehen 
sammeln können. Indess dnilten wir bei solchem Rundgang 
in immer höherem Grade auch die Ueberzeugung gewinnen, 
dass die Prälaten durch die oft schwierigen Verhältnisse zu 
ihren Capiteln, zu ihren Ständen und Städten, zu ihren fürst- 
lichen Nachbarn viel mehr gehemmt waren, als wir uns zu 
denken pflegen. 

Wenden wir uns zu den Klosterschulen. Im Ganzen 
war bei diesen der Verfall nicht minder gi'oss. Denn obgleich 
die Geschlossenheit der klösterlichen Vereine foit und fort 
auch den Lehranstalten, die aus froheren Zeiten inneriialb 
der Stillea Mauern sich erhalten hatten, dne gewisse Sicher- 
heit zu bieten schien, die den Dom- und Stiftsschulen durch 
Auflfoung des kanonischen Lebens entzogen wurde, so war 
doch auch für sie im Ganzen die Lage nicht eben günstig. 
Die Erschlaffung der Klosterzucht, die zunehmende Trägheit 
und Genusssucht der Mouche, die doch fortdauenide, zum Theil 
vennehrte Umständlichkeit der Gottesdienste an zahlreichen 
Fest- und Feiertagen, die Exemtion vieler Abteien von bischöf- 
licher Au&icbt und die dadurch möglich gewordene Willkür 
der Aebte, aber auch viele von aussen kommende Bedrimg- 
nisse und Verlegenheiten wurkten zu immer welter gehender 
Schädigung der Elosterschulen zusammen. Ein besonderer 
Nachtheil ergab dch daraus» dass die begüterten Kloster mehr 



1) KathmaDD Iii, 302. 



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II. Verfall der klerikalen Schulen, 



33 



und mehr „Spittel des Adels** wurden oder auch durch ¥dll- 
kiirliche Eingriffe dev Curie sich penöthij?t sahen, Fremdlingen, 
die gefüttert sein wollten, ihre Pforten zu eröffnen \). Im All- 
gemeinen muss man sagen, dass im Verhältniss zu der ausser- 
ordentlichen Menge und Mannigfaltigkeit der ascetischen 
Goiporationen , denen doch auch die Frömmigkeit der ilmeu 
zugewandten Bevölkerungen zum Theil sehr reiche Mittel über- 
geben hatte, für Zwecke der Bildung in diesen späteren Zeiten 
wohl weniger gethan worden ist, als man anzunehmen be- 
reehtigt ^^ura Manehe der in «tiesen erst hervorgetretenen 
Orden betrachteten es naeh den fiftr sie aufgestellten Nonnen 
kaum als Aufgabe, Schulen zu halten; andere richteten sie 
wohl ein, aber oft nur för ihre Novizen oder für die zum 
Gottesdienste unentbehrlichen Schüler. Einer hohen und wür- 
digen Auffassung der so nahe gelegten Pflichten wird mau 
kaum irgendwo in diesen Kreisen begegnen. 

Wir beginnen mit den Benedictinern, wie sie seit 
dem elften Jahrhundert sich dai'stellten. Und da ist zunächst 
der Beachtung wwrth, dass die in ihrer Art bewunderns- 
wOrdige Erneuerung des kirchlichen Lebens, die in Gregor VIL 
einen so energischen Ausdruck erhielt, wie sie gxossentheOs 
▼on den Benedictinern ausghig, auch auf sie wieder anregend 
zurQckwirkte und allen ihren Bestrebungen die Bichtnng auf 
hohe Ziele gab. Fftr Deutsehland zeigt uns der eine Wilhelm 
von Hirschau, wie damit auch die Studien zu neuem Auf- • 
Schwünge kamen Es scheint, dass mau damals auch den 
jungen Adel in den Beuedictinerschulen fUr die grosse Kircheu- 

1) Yierordt, Gesch. der Reformation in Baden S. 30 £ Auch 
Czeruy, S. 51 lidit dai iändzfiigflB des Adeli in di« KlOitir seit dnn 
dreiwimten Jahrhundert ala dnen Htnpfsnmd Tom Sinkm edlerer Be- 
Btrebnngn an. Die Benedictiiier>Abteien im Sohwanwalde webrten adelige 
Eindringlinge mit Erfolg ab. Bader, Bas ehemalige Kloster 8t Blasien 
(im) 26 f., 80 IL 

2) Auszug aus seinem wissenschaftlichen Hauptwerke Philosophicanun 
et astronomicarum institutionum libri III bei Floto Bd. I, 126 ff. Ein- 
gehender über dasselbe l'rantl in den Sitzungsberichten der Bayrischen 
Akademie der Wissenschaften 1861, I, 1 ff. Ueher ihn Ilelmsdörfer, 
Forschungen zur Gesch. des Abtes Wilhelm von Hirschau, Göttingen 1Ö74. 

Kaemmel, Sohnlwesen. 8 



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84 I>as ZorOcktreten der weMniUcli kkrikatoa Sdaileii eCo. 

reform zu gewiimeii strebte. So erfahren wir, dass das Y<m 

Hirschau aus bevölkerte Kloster Viscbbach in Bayern, vom 
Abte Eriiiambold mit Weisheit geleitet, viele junge Adelige, 
die ihm zugefühit wurden, trefflich erzogt). Aber in ganz 
Bayern heiTSchte damals in den Benedictinerklöstern reges 
Lebeu: Tegernsee, Benedictbeuern , St. Emmeram, Nieder- 
altaich, Wessobrunn waren Ptiegestätten wissenschaftlicher 
Studien, und manche Männw, die dort wirkten, wie Othlo von 
8t Emmeram (f 1088), aberragten mit ihren Kenntnissen die 
meisten ihrer Zeitgenossen ^. Auch erhielt sich solche Blüthe 
in den bayrischen EUtetem bis in das dreizehnte Jahrhnndeif ; 
es braucht hier nur an Wemher von Tegernsee (f 1197) er- 
innert zn werden'). Dasselbe gilt von den Benedictiner- * 
klöstern Oesterreichs. In Melk z. B. wird eine Klosterschule 
zuerst 1191 erwähnt, neben ihr 1308 und 1312 und bis ins 
sechzehnte Jahrhundert hinein ein Convict für Heranbildung 
zum geistlichen Stande Die von Göttweih war schon unter 
dem Abt Hartmanu (von St. Blasien) zahlreich besucht (1093 bis 
1114) und wird dann häufig genannt; um 1448 erscheint neben 
der inneren auch eine äussere Schule ^). Im steirischen Admont 
kommen pueri oblati bereits in der ersten Hft]fte des zwölften 
Jahrhunderts vor, der erste mit Namen genannte „Schul- 
meister^ im Jahre 1349, und wenn man, wie wahrscheinlicb, 
den Zustand des sechzehnten Jahrhunderts, in dessen das Kloster 
fest auflösenden Wirren an Neuschöpfungen doch sicherlich 
nicht gedacht worden ist, auf eine frühere Zeit übertragen 
darf, so besass Admont gegen Ende des Mittelalters eine vier- 
fach gegliederte Schule für Conventuales (Novizen und junge 
Kleriker), Ephebi („Junker**, Edelleute), Chorales (Sänger- 



1) GfrOrer, P^pit Gfegoriiu VIL, Bd. 1, 665 £ Aebidiehes geadiftk 
in Alemaimifln imd LotbrinaeD. 

2) Eine Falle von Thatsachen bei Günthner, G«bg1l der Iii Aß- 
Btalten in Bayern I, 166 ff., 184 ff., 204 iL 

.3) üeher ihn Günthner I, 297 ff. 

4) Keiblinger, Melk I, 294 ff. Vgl. Mayer, Gesch. der geistigen 
Cultur in Nieder-Oesterreich 87. 

5) Mayer a. a. 0. 



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IL Verfall der klerikalen Scholen. 



35 



knaben) und Scholares („deutsche Schüler", arme, für den 
niedem Kirchendienst verwendete Knaben, die im Lesen, 
Schreiben und Rechnen unterrichtet und auf Kosten des 
Klostei-s unterhalten wurden^). Von den schwäbischen Bene- 
dictinerklöstem zeichnete sieh Ottobearen noch im zwölften 
Jahrhundert durch den Tom Abte Otto gemachten Versuch 
ans, für die niederen Volksklassen Schnlunterricht in Gang 
za bringen'). # 

Aber was ist sonst seit dem zwölften und dreizehnten 
Jahrhundert von der Thätigkeit der Benedictiuer in den Rhein- 
lauden und Westfalen, in den Ländern an der Elbe und 
Oder, in Böhmen und Mähren, in Oesterreich und Steiermark 
zu sagen 3)? Die reichen Klosterherren genossen das aus 
früheren Zeiten Ueberkommene, wo nicht Soi^glosigkeit der 
Ae^le oder Verschwendung die ökonomische Lage unerfreulich' 
machte, Einzehie widmeten wohl noch einen Theil ihrer Müsse 
den Wissenschaften, aber ohne Beziehung auf die zu bildende 
Jugend, und wo noch einzelne Schulen fortgeführt wurden, 
da kamen diese nicht mehr zu rechtem Gedeihen. Es war, 
als käme über den Orden mehr und mehr das lähmende Ge- 
fühl, dass seine Zeit vorüber sei und die mehr und mehr sich 
verwandelnde Welt nach anderer Leitung in Wissensehaft und 
Bildung verlange. Was die Päpste Clemens V. (1311) und 
Benedict XU. (1336) in vollkommener Anerkennung der Ver- 
dienste, welche der Orden in den früheren Jahrhundeiten sich 
erworben hatte, und des Segens, der von ihm in die ganze 
abendländische Christenheit ausgegangen war, zu seiner Er- 
neuerung anordneten, das ist im Ganzen ohne die erwartete 
Wirkung geblieben. Es sollten freilich in jedem Kloster Lehrer 
filr Grammatik und Philosophie angestellt, auch junge beföhigte 



1) W lehn er, Gesch. des Benediktinerstiftes Admont 1, 180 f., Iii, 
57. Vgl. S. 29 f. IV, 4(3. 1Ö9. 284. 

2) üeber 8t Blasien Bader 62 £ (84 A.). 

8) Ehuehw NotiMn aber Benedictinewch a len lusen sieh zwir in 
sieiBlidi grouer Aniahl loaammenbringea; aber sie berOhren meist ausser» 
Sehe Yeriittfeiiisse. S. Aber die Schale la St £gidieii in Bmmsdnraig 
Darre I, 6 und Sack 88 t 

8* 



86 1)m Zurttektreten dar iresenilicfa Uerikalen Sehol€B etc. 

Mönche, von je zwanzigen wenigstens einer, anf Kosten des 
Klosters zum Studinm tbeils der Theologrie theils des. 

kanonischen Rechts an Universitäten gesendet werden und hier 
unter der Aufsicht eines Priors zusammenlebend für höhere 
Thätigkeit sich vorbereiten; aber diese vortrelf liehe Anordnung: 
begegnete weit und breit hartnäckigem Widerstande, und wo 
mau zu einer gewissen Ausführung sich entschloss, ergab sich 
daraus doch für die vori)ereitenden Studien des Klosters kein 
rechter Gewinn, üebrigens kommt hier überall in Betracht« 
dass bei manchen Beformversnehen gerade strengere Männer, 
welche die Mönche vom Leben der Welt zmilckziehen wollten, 
die Berührung derselben mit der ans der Welt kommenden 
Jugend eher zu verhindeni suchten. Hatte doch schon Desi- 
derius als Abt von Monte Cassino (er wurde Gregoi*s Yll. 
ISachfolger als Victor III.) die altberühmte Schule dieses 
Klosters geschlossen, um die alte Disciplin desto sicherer 
wieder herzustellen, und Petrus Damiani hatte dies gebilligt, 
quia pueri saepe rigorem sanctitatis enervant; dasselbe war 
später aus demselben Grunde in Cluny durch Petrus den 
Ehrwürdigen (f 1156) geschehen. 

W^o die Benedictiner doch in dunkler Erinnerung an das, 
was ihr Orden dnst im ganzen Abendlande für Büdnng ge- 
leistet hatte, das Halten Ton Schulen nochmals angemessen 
ansahen, da thaten sie wenig für das Gedeihen derselben, und 
den Bemühungen der an sie gewiesenen Stadtgemeinden, 
bess^ere Schulen zu erlangen, setzten sie gelegentlich harten 
AViderstaud entgegen, wie in Lüneburg:, wo sie die den Bürgern 
willig entgegenkommenden Prämonstrateuser zurückzudrängen 
suchten^). Auf anderen Punkten gaben sie rasch die Con- 
cnnrenz auf, wie in Amorbach, wo bis zum Jahre 1400 eine 
grössere Schule bestanden zu haben scheint, nachher aber, 
gegenüber den neuen Schulen der benachbarten Städte, nur 

1) Görges, Kurze Gesch. des Johanneums in LOndtorg (1869) S. 4. 
Die Prämonstratenserschule behauptete sich übrigenB bis zum Schlüsse des 
Mittelalters und scheint auch da noch Tüchtiges geleistet zu haben. 
Nach Meyer 141, A. 2 stand sie höher als die Nikolaischuie in Harn* 
bürg, die doch auch nicht schlecht war. 



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II. Verfall der klerikalen ächulen. $7 

noch durch dürftigen Unterricht für die Kinder der Stadt 
Amorbach und der nächsten Umgehend gesorirt wurde *). 
Manche stattliche Abteien dieses Ordens verwandelten sich in 
Collegiatkirchen für Weltgcistlirlie und konnten dann um so 
leichter höheren Zwecken entfremdet werden^). In Fulda, 
Corvey, Hirschau, Lorsch, St. Blasien, die früher auf be- 
wundeniswardige Weise die Studien gepflegt hatten, sah es 
seit dem zwölften Jahrhundert öde aus*). Die Anregungen 
zu Reformen, welche Ton den Benedietinem in Oesterreich 
(Melk) für das südliche, von der Bursfelder Congregation fOot 
das nördliche Bentsdiland ausgingen, sind ftr einige Zeil auch 
den Lehranstalten zu Gute gekommen; doch an eine kräftige 
Erneuerung der Studien ist wohl auch in diesen Kreisen nicht 
eiTistlicher gedacht worden*). Das Beste, was in solchen 
Klöstern geschah, ging von den Novizenmeistern aus und hatte 
doch eben nur klösterliche Zwecke^). Es war also wohl 
auch nicht von sonderlicher Wirkung, wenn die Bursfelder 
zu einer Zeit, wo die Buchdruckerkunst bereits in ausge- 
dehntere Anwendung kam, das Abschreiben von Bachem 
wieder als Ordenspflicht bezeiduieten und übten*). 

Von den Schulen der Gistereienser und Prämon- 
stratenser ist wenig zu sagen. Für die Verehrung des 
Volkes hatten beide sdion in ihren Stiftern befreundete und 



1) Archiv des bist. Vereins von ünterfranken etc. XIV, I, 82. 

2) L eonhard, Gesch. der höherai Lehianiftalt in EUwangeo I (1861) 
S. 7 ff. 

3) S. z. B. ßader 57 f. 

4) Von Melk her kam in die Schule zu St. Ulrich in Augsbui^, die • 
seit dem zwölften Jahrhundert verfallen war, noch gegen Ende des fiinf- 
xehnten Jahrhunderts fiir einige Zeit wieder ein neuer Geist; der Abt 
Mfllddor von Stammheiin legte beraitB M78 eine Dfodnrel im EloBter tu. 
Hans a. a. 0. 

5) So bei den Beaedielinem in Laach. Beeker, Gfaiooiea efaieB 
Ehrenden Schüler« S. 219 £ und 284 1 

6) Martini, Beiträge zur Eenntniss des Klostors St Michaehs in 
Lüneburg (1824) S. 4 und 7. Es mag nebenbei bemerkt werden, dass 
auch in jenen Zeiten noch Klostertrauen als Abtcbreiberinnen tbfttig ge- 
wesen sind. Serapeum 106^ S. 19 iL 



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88 ZnrOcsktreten der wesenfUch Iderfloloi Sduden et& 

dann vielfach trea zusammenwirkende Orden während des 
zwölften Jahrhanderts durch ascetische Heiligkeit und rastlos 
vordringende Culturarbeit weit umher in deutschen Landen und 
bis an die Oder und nadi Böhmen hinein eine solche Stellung 

gewonnen, dass die Benedictiner hinter ihnen zurücktraten, 
ja manche Besitzungen an sie verloren; aber gerade die 
Strenge, womit sie das ascetische Ideal zu verwirklichen 
suchten, und die P^ntschiedenheit, welche sie zunächst die 
L^ttDg äusserlicher Auf;2:aben standhaft erstreben liess, hielt 
sie von wissenschaftlichen Studien und den hiermit zusammen- 
hängenden Schularbeiten eher ab. Sie haben beide in wenigen 
Jahrzehnten durch das Vorbild, das sie den Bevölkerungen 
gaben, durch die Begeisterung, womit sie das Kreuz ver- 
kündigten, vor. allem aber durch die Sorge für den Anbau der 
weiten Landstrecken, die ihnen zufielen, ausserordentliche 
. Verdienste sich erwoil)eii, aber in Vertretung und Förderung 
der höheren Culturinteressen kamen sie den Benedictinern 
nicht gleich, und schon in der ersten Hälfte des dreizehnten 
Jahrhunderts sahen sie sich von den Bettelmönchen überflügelt, 
die noch in ganz anderer Weise das Leben des Volkes er- 
griffen^). Dass die Cistercienser eine unendliche Menge der 
sdtsamsten Geschichten von Wundem und Zeichen, von 
Maiienerscheinungen und Teufslsanfechtungen gläubig be- 
wahrten und überall hin verbreiteten, wie dies aus dem üia- 
logus magnus visionum et miraeulorum des Cäsarius von 
Heisterbach, einem Buche von hohem culturgeschichtlichen 
Werthe, zu erkennen ist, das darf nicht ohne weiteres als 
Beweis von der im Orden heiTSchenden Ignoranz angesehen 
werden; aber man findet im Ganzen doch wenig Thatsachen, 



1) Vgl. die bddeD lebr anriehendim Sdurifken von Winter, Die 
Pr&monstnteiiser des zwölften JahrinndertB und ihie Bedeatmig für das 
BOfdOitlidie Deotsdilaiid (Berlin vnd Die Giitenieiiser dee nordöst- 
lidien DeatBcUands bis zum Auftreten der Bettelorden (Gotha 1868). 
Ueber die Ansbreitong beider Orden in Böhmen, wohin sie aus Deutsch- 
land kamen und deutsche Ansiedler nachzogen, Friend I, 274 ff., II, 
192 ff. und Böttcher, Die Cisterc. und ihre in Böhmen und Sachsen noch 
bestehenden Klöster, in der Zeitschrift f&r die historische Theologie 1847. 



U. Ver&U der klexikaloi Scbiden. 



89 



welche ein Zeugniss gäben fikr wissenschaftliche Strebsamkeit 
der GisterdenBer. Wir wissen, dass auch sie zum Bücher^ 
abschreiben und dabei xom Verbessern der Handschriften 
angehalten wurden^), wir erfahren aneh,. dass sie einzelne 
dnrch Sorglosigkdt der Boiedictiner yerfallene Elosterschulen 
flbemahmen, wir finden, dass sie später Mitglieder des Ordens 
zu theologischen Studien an die Universitäten sandten und in 
einzelnen Klöstern, wie in Altenzelle unter dem tretVliclien 
Abte Martin von Lochau (f 1522), eine rep:ere geistige Thätig- 
keit entfalteten^); aber wissenschaftlich bedeutende Männer 
treten aus dem Verzeichnisse der dem Orden angehörigen 
Schriftsteller — wenn wir fUr Deutschland Otto von Freisingen 
ausnehmen — nicht hervor and von ihren Lehranstalten ist 
eben doch wenig zu sagen ^. Ziemlieh dasselbe wird auch 
von den PrSmonstratensem anzunehmen sein*). Dass die 



1) Wattenbach, Das SchriftweMn im Mittelalter (Leipzig 1871) 
258 and 26(1 YgL Heeren, Gesch. des Stodiiims der dasaiseheii Littecatar 
Bd. I, S. 206 £ 

2) Beyer, Das Gisterdenser-Stift und Kloster Altemelle S. 81 i£ 
md 97 ff., vgl. Müller, OesdL der FOrsteDSohide sa Massen (Leipzig 
1787) Bd. I, S. 180, 132 f. 

3) Ueber die erziehende Tliätigkeit der Cisterciensprinnen ist unten 
zu reden. Sehr charakteristisch ist lolgende Erzählung im Dialogus mir. 
des Cäsarius von Heisterbach Xll, 46 von einer Inclusa, welche Nachts 
durch ein auf den Kirchhof gehendes J' enster blickt. Juxta caput sepulchri 
cujusdam scholaris recenter illuo sepulti miri decoris feminam clare con- 
spexit. Gloria corporis ^us eandem locem creaverat Stabat et colmnba 
nirea siipra tamnlam, qoam iUa rapieni misit in nnom smim. Indnsa 
Tsro, heet iam intelligereft, qnae esset, tarnen com rerecentia quaenam 
foret leqnisivit Cni iUa: ego snm mater Christi et anilBam scholaris 
ht^ns, qui vere martyr est, tollere rai. Be vera Scholens, si innooentes 
vimnt et libenter discunt, martyres snnt Qnodsi postea artee doctas in 
caiitete, mazime in Dei servitio exercnenint , nwgnam sk hoc mercedem 
conseqaentar. Von einem Knaben, der apad Monasterinm Westfaliae 
positus erat ad litteras, ist VII, 24 die Bede. Ueber das Kloster Brom- 
bach an der Tauber Becker 282 ff. 

4) Was im Prämonstratenserkloster Belbuck bei Stettin noch in der 
letzten Zeit die Anstellung eines Bectors (Job. Bugenhagen) bezweckte, 
war Bildung der Mönehe, nicht Schnlnnterrichl Hasselbaoh, Gesch. 
des ehemafigen PSdagoginm in Stettin 0844) 8.4f. YgL Klippel I, 35£ 



40 Das ZurQcktcetea der wcaenUich klorikaten Sduüea etc. . 

Karthäuser bei noch grösserer Strenge der Ascese noch 
geriDgere Keigung zu schulmässiger Thatigkeit hatten und 
Allem, was in weltliche Studien hineinziehen konnte, entgegen 
waren, verstand sich fast von selbst. Das Oopiren von Büchern 
freilieh war ihnen durch ihre Statuten zur Pflicht gemacht 
und beschäftigte schon die Noviaen; aber sie beschrankten 
sich wohl besonders auf kirddiehe Schriften, denen sie auch 
eine in Vergleichung der Texte bestehende und gewiss nur 
äusserliche Kritik zu Theil werden liessen*). An wissenschaft- 
lich tüchtigen Männern fehlte es übrigens diesem Orden auch 
in der letzten Zeit nicht. So entstand in der Stille der um- 
fangreichen Karthause zu Köln die damals gelesenste elt- 
geschichte, der fasciculus temporum des Priors Werner Bole-. 
vinck; sie erlebte von 1474—1492 über 30 Auflagen 2). 

Die Schulen, welche hier und da der deutsche 0 rden 
besass — für ThOringen z. B. sind Weimar, Mühlhausen, 
Erfurt, Altenburg und Schleiz zu nennen waren wohl 
nicht bloss ftr den Unterricht und die Einftbung von Schfilem 
fbr den Eirchendienst bestimmt; aber sie hatten kaum dne 
höhere Bedeutung als die von Pfkrrsehulen oder Trivialschnien *). 
Sehr dürftig sind die Nachrichten von Schulen der Johan- 
niter. Aber in Goslar hatte das Kloster zum heiligen Grabe, 
das während des viei-zehnten Jahrhunderts nur wenig erwähnt 
wird, in der zweiten Hälfte des fünfzehnten eine Schule, die 
in Aufnahme kam, bis der Prior Johann von Dornten, weil er 
die unter seiner Verwaltung stehenden Güter vergeudet hatte, 
die Anstalt aufhob und den Bector derselben verjagte (1489); 
die durch solche Willkür erregten Unruhen dauerten acht 
Jahre, führten jedoch nicht zur Wiederherstellung der Schule^). 



1) Wattenbach 257 und Heeren a. a. 0. 

2) Kr äfft 62. Der Einfluss der Karthäuser auf das geistige Leben 
ihrer Umgebungen war doch zum Theil ein bedeutender. VgL über das 
Kloster Marienehe bei Rostock Krabbe, 106 und 184. 

8) Tittmann II, 73 £ Heiland, BdMge cor Geseidclite dM 
Gynmaginnn in Weimar (1850) 8. 1 f. und WeitBenbern, Hkrana I, 
8. & Tittmann, Heinrieh der Erlauchte Bd. IT, S. 72 f. 

4) CrnsiaB, Qeichichte der Beichastadt Goalar S. 201 f. 



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t 

n. YorfUl dar UttOnlMi Schuko. 41 



In dem fm daTon gelegenen Glas war um die Mitte des 
Tienehnten Jahrhunderts die Sehule der Johanniter so ttber- 
Ibllt, dass der sswefte Erzbischof yon Prag Johannes im Jahre 
1365 ein sogenanntes Seminarium puerorum für IG tujrend- 
hafte Bürgerskinder zu freiem Unterriclite und guter Zuclit 
begründen und den erst kurze Zeit vorher dort eingeführten 
Augustiner - Chorlierrn überjjeben wollte. Weil aber der 
Stifter der Augustiner -Propstei, der Erabischof Ernst von 
Pardubitz, den Versuch zu einer andern Schule, welche die 
der Johanniter — in dieser war er selbst gebildet — be- 
dnträehtigen könnte, mit dem Bannflache bedroht hatte, so 
war den Augustiner -Chorherren, die zur Uebemahme der 
neuen Sehule wenig Neigung gehabt zu haben seheinen, ein 
willkommener Anlass zur Ablehnung des Antrages gegeben. 
Allein die Bürger Hessen nicht ab und erwirkten endlich, den 
Johannitern und den Augustinern zum Trotz, 1412 eine Ver- 
ordnung des Königs Wenzel zu Gunsten der neuen Anstalt, 
für welche übrigens schon neun Freistellen begründet worden 
waren: und als weitere Schwierigkeiten sich erhoben, setzten 
die Bürger ihre Bemühungen unverdrossen fort, bis 1435 die 
Augustiner sich entschlossen, die Leitung der Anstalt zu 
Qbmehmen. Als sie dann aber an die saure Schularbeit 
gegangen waren und der Propst aus seinen Ordensbrüdern 
einen Reetor ernannt hatte, gedieh die Saehe noeh immer 
nicht; die SteOe des Bectors wurde mit dnem Kleriker besetzt, 
der weniger durch ascetische Pfliehten in Anspruch genommen 
wurde, und dieser sollte dann im Stifte freien Unterhalt haben, 
auch durch ein gewisses Schulgeld für seine Mühe entschädigt 
werden. Von dei' Johanniterschule in Glaz ist nichts weiter 
bekannt 

Kamen denn aber die Bettelmönche, die zu allem Volke 
rasch in ein so inniges Verhältniss traten und mit unglaub- 
licher Schnelligkeit sich ausbreiteten, innerhalb der Städte, 
in denen sie ihre Klöster bauten, dem überall sich regenden 
Bildungsbedürfoisse williger entgegen? Die Franciscaner 



1) Maller, Chronik des kaHioL GTumsiiniiit in Glai (1842) & 10 f. 



I 



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42 I>M Znraektraten der iraMDfUeh Uerikalea Schiilen ele. 

hatten durch die BewiUigimgQii der Päpste Innocenz III. und 
Clemens VL das Recht, an allen Orten zu predigen, Beichte 
zu hören, Messe zu lesen und Schulen zu errichten. Aher es 
ist für viele Städte erwiesen, dass die in ihnen au%enoininenen 

Franciscaner entweder gar keine Schule eingerichtet oder fttr 
die doch eingerichteten nur sehr wenig gethan haben. Selbst 
in grossen Städten war in dieser Beziehung ihre Thätigkeit 
eine äusserst beschränkte. So erfahren wir von Strassburg, 
dass die dortige Franciscanerschule erst gegen Ende des 
Mittelalters sich etwas hob, wenn auch nicht gerade durch 
Thomas Murner, aber auch damals, als ringsumher die Geister 
schon in lebhafteste Bewegung kamen, zu keiner bemerkbaren 
Wirksamkeit sich bestimmt sah^). Bei den Franciscanem 
in Magdeburg soll bekanntlich Luther als Knabe Unterricht 
emp&ngen haben; es ist aber in neuerer Zeit dargethan 
worden, dass sie dort gar keine Schule gehabt haben*). 
Etwas besser scheint es mit ilirem Unterrichte in Zwickau 
gestanden zu haben, wo sie bereits 1231 eingezogen waren. 
Dort bestand ihre Schule noch fort, als die durch Bergbau 
wohlhabende Stadt schon eine selbständige Unterrichtsanstalt 
sich gegeben hatte; noch 1482 wurde für sie ein neues 
Gebäude aufgefuhi*t und 1508 — 1517 wurde das ganze Kloster, 
das auch eine ,|Lib.ere7** hatte, sanunt der Kirche durchaus 
massiv wieder au|gef)Qhrt'). — In den Städten der Oberhinsitz 
hatten die Fhmciscaner fiist aberall freundliche Au&ahme 
gefunden und auch Schulen hatten sie gegründet In Görlitz 
besassen sie um 1350 ebenfalls eine Bibliothek, ja 1372 (oder 



1) K Öhrich in Niedners Zeitschrift für die historische Theologie 1848, 
S. 587 und 605. Vgl. Schmidt, Jean Sturm S. 18 f. Man hatte am 
Ende des Mittelalters von Strassburg folgendes Distichon: 

Doctrina vacuis est urbs Strassburgia mater, 
Doctis atque bonis esse novercu solet. 

2) So bei Jürgens, Luthers Leben Bd. I, S. 208 ff. Wiggert, 
TJeber Martin Luthers Schulerleben in Magdeburg (1851) S. 6. Dasaelbe 
bat von Eisenach Funkhänel im Programm von 1844 gezeigt. 

3) Herzog, Chronik der Kreisstadt Zwickau Bd. I, S. 154 f.; vgl. 
derselbe, Gesch. des Zwickauer Gymnasiums S. 3. 



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n. Ycrfidl der Merikaten Sehidtti. 



43 



1876) legte der Guardian Nikolaus yon Hersberg eine aeae 
liberey an, im Jahre 1458 aber erUftite der Minister pro- 

vincialis Bnider Matthias Döring vor dem Rathe der Stadt, 
dass die Erriclituiifj: eines Studium im dortigen Kloster be- 
schlossen und dazu sechs bis aclit Brüder und zwei vei*ständige 
und woliltüchtige Lesemeister (lectores) bestimmt seiend. In 
Zittau besassen sie wohl auch eine kleine Liberey, und eine 
im dortigen Kloster von einem Franciscaner gefertigte Abschrilt 
des Ciceronisdien Büchleins de senectute (cum notis inter- 
linearibus et marginalibns) befindet sich noch in der kOnig- 
lieben Bibliothek zn Dresden. Dass sie aber dort eine Schnle 
anteriialten, Ittsst sieh nijdit nachweisen *). Dagegen wird 
angenommen, dass sie ehie wenn auch mangelhafte Schule in 
Bautzen gehalten In Brünn, wo die Franciscaner 1280 eine 
Heimath gewonnen hatten, eröffneten sie bald auch eine 
Schule bei St. Johann, die erst der Hiissitenkrieg verödete, 
wie die neben ihr bestellende Pfarrschule bei St. Peter; aber 
in der zweiten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts erstanden 
beide wieder durch die Bemühungen des 01müt,zer Propstes 
(dann Bischofs) Prothas von Boskowitz, der ausgedehnte 6e- 
Idunamkeit in Italien sich erworben hatte und von dort fbr 
die emeaorte Frandseanerschnle auch einige neue Lehrer 
berief*). — Es hüig dies doch mit allgemeineren Reform- 
bestrebungen snsammen. Wenn in Siegen die erst gegen das 
Ende des fitaifsehnten Jahrhunderts angenommenen Francis- 
caner alsbald auch eine Schule einrichteten, so lässt sich 
denken, dass die so späte Benifung in dem Verlangen 
der Bevölkerung, eine Schule zu erhalten, ihren Grund 



1) Knaoth, Bas Gyniitafaim Angoitnm xu OAriite (1765) 8. 16 £ 
und Schütt, Zur Gflseh. des st&dtiBcheii Gymnairitiiiiii hi Gflriiti (186j>) 

8. 20. Vgl. 0. Kaemmel, Job. Hass S. 25, 27, 119. 

2) Pesch eck, Gesclu von Zittau Bd. 1, S. 374 f. V^i^l. desselben 
Aufsatz: Wissenschaftliche Bildung der Minoriten in der Oberlaoiiti, hn 
Keuen Lausitzisi-hen Magazin XXYI, 209 f. 

3) Klien, Kurze Nachricht über die Begründung des Budissiner 
Gymnasiums S. 5. 

4) d'Elvert S. XVI. 



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44 Das ZnitLdrtreten der wetoitlidi klerikalen Sdralen etc. 

hatte In Ulm hatten neben den Fi-ancificanern auch die D o - 
minieaner eine Schule Dass die letzteren Lehranstalten 
unterhielten, dafür finden wir nicht eben viele Belege, doch 
hatten sie eine solche anch in Halberstadt ^. Wir dürfen indess 
bei 80 dfirftigen Nachrichten daran erinnern, dass Franciscaner 
und Doniinicauer, die von vorn herein an den üniversitüten 
eine ausserordentliche Regsamkeit entfalteten und in heftigstem 
Wetteifer neben einander wirkten, auch in den Städten, wo 
ihre Klöster sich erhoben, die Wissenscliaft und den Unterricht 
nicht ganz vernachlässigen konnten. Auch machten sie wohl 
hier und da an den Pfarrschulen und später an den Stadt- 
schulen sich nützlich. In manchen Laadschaften freilich yer- 
zichteten sie auf solche Wirksamkeit ausserhalb der Eloster- 
mauem, weil die sie umgebende BevAlkerung ihre Unter- 
stützung nicht suchte oder sie selbst aus Trägheit sidi fem 
hielten. Konnte doch in der Mitte des vierzehnten Jahr- 
hunderts die Klage erhoben werden: Socordia, luxus et vita - 
inordinata omnes istos fratres superinduxit Thätiger er- 
scheinen die Augustiner-Eremiten. Sie besassen in der 
Mark Brandenburg und im Preussenlande mehrere Klöster 
seit der Mitte des 13. Jahrhunderts; selbst kleine Städte, wie 
Rössel im Ermlande (gegründet 1337^) hatten ein solches 
Kloster. Dieselben scheinen auch (wenigstens für die Novizen) 
Schulen gehabt zu haben, und sehr bemerkenswerth erscheint 
seit der ersten HiUfte des^ 15. Jahrhund^ die iäniiehtung, 
dass die sämmtlichen Augostiner-Elöster in der Mark und in 
Prenssen (acht an der Zahl), zu Königsberg in der Neumark, 



1) Lorsbach, Bdtüftge mr GaBdL te ehem. lateiniHchen Sehlde in 
ffiegen (1841) T, S. 7. - 

2) Pfaff S. 4. 

Siderer, Gesch. des Halberstädter Martineums (1845) S. 2. Wes- 
halb die Dominicaner in Freiberg es zu keiner Schule brachteiii darUber ' 
Süss, Gesch. des Gymnasiums zu Freiberg (1876) I, 3 f. 

4) Buhkopf S. 76 f. Für das nordöstliche Deutschland besonden 
Möhien, Gemh. der mnemdieften in der Mark Brandenbiirg 8. ISSft 

5) Frey, Gesch. des GymiiMiams za BAsmI bie mm Jahre 1780^ I 
(BOeael 1880), 4 



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IL Verfall der klerikalen Schulen. 



45 



Friedberg in der Nenmark, Stargard, Könitz, Rössel, Heiligen- 
beil, Anklam, Garz, eine gemeinschaftliche höhere Lehranstalt 
unterhielten, die alljährlich ihren Sitz wechselte, also eine 
"Wanderechule war und zu welcher die einzelnen Klöster 
einzelne Novizen entsenden konnten , die in den einfachen 
Klosterschulen ihre Vorbildung erhalten liatten und in der 
Wanderschule (Studium provinciae) die völlige Ausrüstung für 
den Eintritt in den Orden bekamen. Der Unterricht bestand 
in gnunmaüea, logica, philosophia ted theologia. Die Lehrer 
hatten ihre höhere Wissenschaft unstreitig taä Universitäten 
eriangt. Uebrigens bestand für die ganze sftehsisehe Ordens- 
provins der Angnstiner-Eremiten eine ähnliche Wanderschule. 

In grösseren Städten; wo klerikale Schulen verschiedener 
Art neben einander bestanden, musste es öfter zu Reibungen 
und Kollisionen kommen. Bald fand ein Ueberlanfen der 
Schüler von einer Anstalt zur andern st.att, bald suchten die 
JJomscholaster den Unterricht der anderen Schulen zu be- 
schränken, sobald diese eine gefährliche Concurrenz begannen, 
bald geriethen die Schüler der vei-schiedenen Anstalten, zumal 
bei Processionen oder Spielen, mit einander in Streit 0- Wir 
treffen auf zahlreiche Urkundeui welche solche Verhältnisse 
behandeln und zu regeln bestimmt sind. So ist für die lur 
Propstei des Marienstifts in Erfiirt gehörigen Schulen im Jahre 
1184 oder 1185 angeordnet worden, dass die Processionen, da 
auf ihnen Ungebfihrnisse vorkamen und die würdige Festfeier 
der Conventualkirchen (Klosterkirchen) gehindert würde, in 
Wegfall kommen und nur bei den letzteren Schule gehalten 
werden sollte, jede Kirche aber dürfe nur Schüler ihres 
Bekenntnisses (suae professionis pueros scolares, d. h. solche, 
die einmal in denselben Mönchsorden eintreten würden) auf- 
nehmen; zugleich wurde für die noch unter der Schuldisciplin 
stehenden Kirchenknaben (pueri canonici) bestimmt, dass sie 



1) So hatte 1390 in Freising der Bischof Berthold zwischen dem 
Domschohister l"r;inz von Brey sing und der Schule zu St. Andreae einen 
Streit zu schlichteu, den er zu Gunsten der letzteren entschied. Günthner 
1, 247, A. 8. 



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46 



Das ZnrOcktreten der wesentiieh klerikalen Schulen etc. 



bd ihrem Magister mit ihrem Solde bleiben, von ihm in 
litteralibus disciplinis gehörig unterrichtet, mit Kost und 
Kleidung versorgt und streng überwacht werden sollten In 
Worms vereinigten sich 1260 die Decane und Capitel von vier 
Kirchen für eben so viele Schulen, um eingetretene Unordnungen 
zu beseitigen, zu einer gemeinsamen Schulordnung. Hiernach 
unterschied man zweierlei Schaler, gereiftere, die bei*eits in 
die Stellung von Eanonikem eingetreten waren, und Elementar- 
schttier. Jene sollten, wenn sie ihre PfrQnde nicht verlieren 
wollten, so lange in der Schule bleiben, bis sie in die tractatns 
capitnlares aufgenommen worden; vergriffe sich aber ein solcher 
an s^em Lehrer, so sollte er auf ein Jahr seine Pfründe 
verlieren, falls er nicht noch Genngthuung leistete. Für die 
jüngeren Schüler, deren manche von ihren armen Eltern nur 
um der Speisung willen zur Schule gebracht wurden, hatte 
man die Bestimmung getroffen, dass zwar keinem Armen die 
Aufnahme in die Schule verweigert, aber von jedem ein Schul- 
geld von 20 Hellern gefordert werden sollte; würde aber ein 
Schüler, der nicht Kanoniker wäre, an seinem Lehrer ^ch 
vergreifen, so sollte er von allen Schulen der Stadt aus- 
geschlossen sein, bis der Beleidigte selbst für ihn sich ver- 
wenden wQrde. Uebrigens wurde jedem Magister verboten, 
die Schüler eines anderen an sich zu ziehen, und wenn ein 
Schüler in solcher Beziehung sich vergangen, sollte er in 
keiner Schule aufgenommen werden*). In Halberstadt ver- 
ordnete 1316 der Bischof Albert, dass die Schüler, deren 
Eltern und Pfleger der Martini - Parochie angehörten, nur in 
die Doiiisehule eintreten sollten, weil er erfahren, dass wiegen 
des eingetretenen Schülern lan^jels in seiner Hauptkirehe, die 
doch die Mutter und das üaupt der Diöcese sei, die kirch- 
lichen Feierlichkeiten weniger würdig begangen würden und 
auch Streitigkeiten unter den fiectoren der Stadt entstanden 
wären; er verbot demgemäss auch den Lehrern der oberen 



1) Weissenborn, Hierana. Beiträge 2ur Gesch. des Erfurtischen 

Gelehrtenschulwesens, Erfurt 1861, S. 112. 

2) Öchauuat, bist, episcopatus Wormat. II, 128. 



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n. Verfall der klerikalen Schulen. 



47 



Sdnileii bei Strafe der Excommunication, als nach einem 
schon gefällten Urtheile, solche Schüler aufzunehmen, erklärte 
indess zugleich, dass damit frühere Statuten nicht ausser 
Kraft gesetzt würden, auch die in den anderen Parochien 
wohnenden Schüler die Befugniss haben sollten, eine ihnen 
gerade gelegene Schule zu besttchen In Braunschwelg 
kam es 1370 zu einem Vwtrage zwischen der Benedictiner- 
sehule bei 8t Etgidien und den beiden Stiftsschulen von 
St Gyriaeos und St Bladus, wodureh sie sieb Yerpflichteten, 
wechselseitig ihr Bestes wahizonehmen und auf Ordnung zu 
halten *). Dass es swisehen den Schulen der sonst im Leben 
oft mit einander kämpfenden Orden in Schulangelegenheiten 
zu stärkeren und über örtliche Interessen Innausgehenden 
Collisionen gekommen, davon finden sich, wenn man von den 
Universitäten absieht, keine Spuren. Die Orden legten ja dem 
Schulwesen keine so grosse Wichtigkeit bei, dass in diesem 
Anlass zu bedeutenderen Streitigkeiten hätte liegen können. 

Es seheint hier der Ort zu sein, wo einige Bemerkungen 
über die weibliche Bildung sich einlegen lassen. Wir 
haben aber dabei nicht hinter die Periode der Kreuzzttge 
znrfiekzugehen, nicht zu betrachten, wie es im Zeitalter der 
Hrotsvitba von Gandersheim oder der heil. Kunigunde stand, 
sondern wir vergegenwärtigen uns zunächst, wie seit den 
Kreuzzügen, welche dem weibliehen Geschlechte eine so 
wunderbare Erhebung in den Anspannungen des Ritterthunis 
und in den Exaltationen des Mariendienstes brachten, die Dinge 
sich gestaltet haben. In derselben Zeit, in welcher Gregor VII. 
dem Klerus den Cölibat aufnöthigte und jeden Verkehr mit 
dem Weibe nach den Anforderungen der Ascese und den 
Zweeken der Hierarchie untersagte, erkannte der Bitterstand 
hn aFhtuendienst" ^e hohe Aufgabe, erschien ihm der Ein- 
iuss des weiblichen Geschlechts auf Geist und Herz des 
männlichen, auf Sitte und Zucht in aller menschlichen Ver- 



1) Siderer S. 2 f. Das Original der Urkunden bei Axthnr Bicbter, 
Baiträge zur Geschichte des StephaneamB in Halberstadt (1875) S. 11 £ 

2) Sack, Gesch. der Scholen m totinichw^ (1861) 8. 40 f. 



48 Bas Znrftektreten der weientUeh klerikalen Sehulea efe& 

bfndimg als ein überaus bedeutsamer. Lidess ist in Deutsdi- 
land das Weib, wenn es für Manche auch Gegenstand schwär- 
merischer Verehrung war — wir brauchen nur an Ulrich von 
Lichtenstein zu erinnern — , stets innerhalb gewisser Schranken 
geblieben: unser Mittelalter kennt keine einem hohen Philo- 
sophen sich hingebende Heloise, keine Dichterin wie Marie 
de France, keine Heldin wie Jeanne d'Arc, und wenn bei 
uns in einzelnen Frauen die Mystik begeisteningsvolle Ver- 
treterinnen gefunden hat, so ist doch keine so völlig wie 
Katharina yon Siena in Irommai Phantasien gleichsam auf- 
gegangen 0* Wir haben nun freilich anranehmoi, dass die 
ideale Erhebimg, zu welcher auch in Deutschland der Bitter- 
stand es brachte, nur in sehr engen Kreisen einen bestimnitea 
Charakter gewonnen hat, und gerade die späteren Jahrhunderte, 
die uns hier vorzugsweise beschilftigen, sahen ja weit und 
breit den Adel wieder in Rohheit sinken und edleren Gefühlen 
sich entfremden. Der deutsche Bür^rerstand aber, in kluger 
Betriebsamkeit und harter Mannhaftigkeit alle Hemmnisse 
des Gedeihens überwindend, sah im Weibe am liebsten die 
treue, ehrbare Gattin, die sorgsam und yerstftndig waltende 
Hausfrau, nnd in diese Kreise müssen wir uns veisetsen, wenn 
wir ein walires und frisches Bild des deutschen Frauenlebeos 
in jener Zeit gewinnen wollen. 

Aber was hierbei an sich das Anziehendste ist» die hftus- 
liche Erziehung der Mädchen, das haben wir in 
diesem Zusanimenhauge eben nur zu berühren. Es war der 
Mutter erste und höchste Ptiiclit, ihre Töchter zur Frömmig- 
keit und Sittsamkeit anzuhalten, Fleiss und Wirthlichkeit 
ihnen zum Ilediirfniss zu machen und dabei vor Allem im 
Spinnen, Weben, Nähen und Sticken sie zu üben; was in 
vornehmen Häusern die „Zuchtraeisterin" zu besorgen hatte, 
das war im Bürgerhaüse die Sorge der Mutter allein. Dass 
diese in ihrem ganzen Walten durch die fest ausgeprägte 
Gewohnheit hundertCach nnterstQtzt wurde und dann manches 



1) Vgl. Cr am er, (lesch. der Erziehung und des Unterrichts in den 
]!(iederlanden walirend des Mittelalters (Strassburg 1843) S. 158 £F. 



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n. Verfidl der Uttünlin Sdndin. 



49 



pädagogische Besnltat wie ym sdbBt steh darbet» yersteht 
eich Yen selbst. Der Emst des Vaters, gelegentlich aach 
Bath und Zuspruch eines der Familie näher stehenden Mönchs 
that das Uebrige. Inniges Gemütlisleben kam bei solcher 
Ei-ziehung kaum sonderlich zur Geltung; eher trat der per- 
sönlichen Neigung ein rauhes Verbot entgegen. Dass es doch 
auch an sittliclien Verirrungen in diesen bürgerlichen Kreisen 
nicht fehlte, das verkünden laut genug die Poeten und die 
Prediger jener Jahrhunderte^). 

Wenn aber besondere VerhAltaiBse eine rechte häusliche 
EnaehiiTig erschwerten oder gar oomOfi^ich machten, zaweQen 
auch, wenn die FrOmmi^^t der Mtem den Töchtern eine 
YoDkommen beruhigende Sicherheit yor den Yemchungcn der 
Wdt und die beste Vorbereitung anf das Irimmlisehe Leben 
Termitteln wollte, dann suchte man die Pforten der Frauen- 
klöster auf. Leider haben wir über die klösterliche Er- 
ziehung der Mädchen nur unvollkommene Nachrichten. 
Und doch müssen wir annehmen, dass fort und fort Hunderte 
von Mädchen entweder nur auf Zeit oder für das ganze Leben 
den Klöstern zugeführt worden smd, dass also den Nonnen 
ein ziemlich grosser Theil der weiblichen Erziehung zufieU 
Wie yon selbst geschah es tUmn freilich, dass ein etwas trüber 
Geist, eine weltscfaene Gednnnng disjenigen, weldie nach 
Jahren in das Vaterhaus und in das Leben der Welt auxfick- 
kehrten, begleitete, wenn nicht etwa die ans dieser stammenden 
Imdrfidce einen geftinüchen ümschwong bewiilcten. Nach 
Verschiedenheit der weiblichen Orden war auch Erziehung 
und Unterricht verschieden, und manche der Orden hielten 
solche Thätigkeit überhaupt für bedenklich, wie wir dies bei 
einzelnen Mönchsorden bemerken, andere beschränkten sich 
auf Unterweisung derjenigen, die den Schleier nehmen sollten. 
Gewiss ist in den Frauenklöstem den Bedüi-fhissen derer, 
welche gebildet werden sollten, oft mit zartem Sinne und 
weichem Herzen entsprochen worden. 

1) Eine fast rerwirrcude, aber doch sehr anziehende Mumigfaltigkeit 
von Thatsacheo gibt Weinhold, Die deutschen Frauen in dem Mittel- . 
alter (mm 1851) 8. 74 £ 

Ka«iiimel, SdivtweMD. 4 



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50 Zurücktreten der wesentUdi Utrikiilen Schulen etc. 

Wir heben einige Einzelheiten herans, nm in dieee ab- 
geschiedenen Räume wenn nicht einzuführen, doch einen 
irgendwie befriedigenden Einblick gewinnen zu lassen. Dass 
die Benedictine rinnen mit weiblicher Eraehung sieh 
befassten, zeigten die Beispiele von Göttweih und von Admont, 
wo Nonnenklöster neben den Mönchsklöstern bestanden^). 
Ueber die Schulen der Gisterciense rinnen gibt uns 
Cäsarios von Heisterbach manche beachtenswei'the Notizen. 
Wie anmuthig ist jene £iz&hlang Yon den beiden M&gdlein, 
die, TOD brennender Lembegierde eigriifon, einander fort und 
fort za übertreffan suchen. Nmi wird die eine Sdifilerin 
krank und nichts bekOnunert ihr Em dabei so tiel^ als dass 
inswischen die andere im Lernen ihr zoTorkomnien werde. 
Sie lässt also die Priorin an ihr Bett rufen und verspricht 
ihr, von ihrer Mutter, wenn diese sie besuchen werde, sechs 
Groschen zu erbitten, die sie der Domina schenken wolle, 
dass sie die kleine Nebenbuhlerin einstweilen nicht weiter 
lernen lasse. Und die Domina lächelt über solchen Eifer, den 
sie bewundert Derselbe Cäsarius berichtet von einer alten 
Gisterdenserin in einem Kloster an der Mosel, die, eine virgo 
casta, derota, rigida, religiosay alle ihre SchQlerinnen za 
gritaserer Zucht und I^mmigkeit erzogen habe als die anderen 
Klosteijungfrauen, was ihm die Magistra eines benachbarten 
Klosters erzShlt habe^. 

Sehr eigenthttmlich war die Einrichtung, dass die 
Augustiner - ChorheiTen in Oesterreich neben sich 
Schwesterklöster hatten. So gab es ein Nonnenkloster 
(zu St. Magdalena) in Kloster-Neuburg und bei St. Florian, wo 
die frommen Frauen mit Chordienst, Gebet, Gesang, weiblichen 
Handarbeiten sich beschäftigten, aber auch die Mädchen, die 



1) Ueber GöttireQi A. Mayer, Die geistige Caltnr in Nieder-Oester- 
reich 1^ 86 A. 24. Hier Tertraute z. B. im dreizehnten Jahrhundert 

urbsuias (Bürger) de Chremisia (Kremä) dem Kloster seine Tochter an. In 
Admont wurden im zwölften Jahrhundert Mädchen von den Nonnen &> 
zogen. Wichner, (icschichte des Benediktinerstüts Admont II, 40. 

2) Dial. miraculorum IV, 2-5. , 

3) IV, 40. Vgl. KauiQiann, Cäsarius von Heisterbadi 38. 



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.II. Verükll der klerikalen Schulen. 51 

als puellae oblatae im Alter von sechs Jahren ihnen übergeben 
wurden, im Lesen, Schreiben, in der lateinischen Sprache, im 
Psalter und in weltlichen Arbeiten unterwiesen. Dies geschah 
auch da, wo die Zahl der Kanonissen klein war. Wie es 
imi die Büdung dieser Lehrerinnen stand, geht daraus hervor, 
dasB sie zur Zeit Gerhochs von Beiehersberg die eifrigsten 
Leserinnen seiner Psalmen-ErklArang waren, die er auch den 
Nonnen Ton Admont in Steiemiark widmete, indess erhielt 
sich dieses Fraoenstift nur bis nun Jahre 1387, wo der Propst 
Heinrieh IH die EinkOnfte desselben znr Erweiterung des 
Armenspitals verwandle^). 

In NüiTiberg war gegen das Ende des Mittelalters das 
Kloster der Claris sinnen für die Töchter der Patricier 
von eigenthüm lieber Bedeutung. Aus einer Verbindung von 
Reuerinnen oder Schwestern der heil. Magdalena hervor- 
gegangen, hatte es 1279 mit Nonnen aus Söflingen bei Ulm 
die Ordensregel der Clanssinnen angenommen und war seit- 
dem durch Könige und Hemn i*eich begnadigt, besonders aber 
mit Schenkongen der Nürnberger Patricieifamilien aasgestattet 
worden. In den Jahren 1452—54 hatten Rath nnd Bürger- 
schaft das Kloetergebftude betriehtlich erweitert, andm Wohl- 
thäter aber für Ansschmücknng der Kirche gesorgt Es lebten 
hier ja fast anssehHesslieh ihre eigenen Kinder, BürgerstOehter 
der Reichsstadt und zum Theil aus den voniehmsten Ge- 
schlechtern, meist mit einander auch verwandt und in näherem 
oder entfernterem Grade unter einander Basen und „Müme- 
lein". Darum ging nun auch die Bildung dieser Familien in 
das Kloster mit über, und indem die älteren Nonnen die ihnen 
zugeführten Mägdlein und Jungfrauen unterwiesen, bildete sich 
ein um so innigeres Verhältniss. Die geistliche Leitung der 
Clarissinnen lag in den Hftnden der Frandscaner von der 
Observanz, nnd so hatte auch das Clarakloster in Nürnberg 
1452 eine gründUdie Beform er&hren. Seitdem aber war der 
Zttdrang so gross, dass 1476 die Zulassung beschrankt werden 



1) Mayer, a. a. 0. I, 86 A. 24. Ccernyi Die iüo&tersdiule von 
St. Florian (Linz 1Ö73) S. 14 t 

4* 



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52 I>M ZuiQckkrateD dar weMotUdi Miritaton Sdnüfln ete. 

mmte; aber maa berief dann auch NOrnbeiger Glarissinnai 
zur Erneuerung der Disdplin naeh Brixen (1455), naeh 

Pftillingen (1460), nach Bamberg (1460), Dach Eger (1465), 
nach München (1480). Welche Bildung in diesem Kloster 
herrschte, kann allein die Thatsache zeigen, dass, schon im 
Anbrechen einer neuen Zeit, nach einander zwei Schwestern 
Wilibald Pirkheimers Charitas und Clara und seine Tochter 
Katharina dieser Klostergemeinschaft vorstanden ' ). 

In ähnlicher, wenn auch nicht in so familienhafter Weise 
dienten andern Städten andere Franenklöster. Die Braun- 
Schweiger z. B. abelgaben ihre Töchter den FrauenkUSstera 
zum Rinnelbeige und zu Steierbuig, die fbr nicht zu yer^ 
heirftthende Jungfrauen geradezu lüs Versorgungsanstalten 
ersehioiai, mit Hinzufügung entsprechender Geschenke; so 
brachte 1297 ein Bürger dieser Stadt sechs Töchter auf ein- 
mal in vei'schiedenen Klöstern unter, deren jede ein Pfund 
Gold erhielt Die Lübecker schickten ihre Töchter in die 
Mecklenburgischen Klöster Rhene und Zarenthin, bevor sie 
1302 das St. Annenkloster in ihrer eigenen Stadt erbauten^). 
Die Hamburger benutzten die nahen Klöster Frauenthal 
(Harvstehude) und Reinbeck ^). Aehnliche Verhältnisse bil- 
deten sich für kleinere Städte. So benutzten die Görlitzer für 
Erziehung ihrer Töchter das Kloster Liebenthal bei Greifen- 
berg Nicht immer lasst sich aus den dttrftigen Nachrichten, 
die aber diese Dhoge uns erhalten sind, erkennen, ob Frsuen- 
klQster, die so für die weibliche Jugend als Zufluchtsstätten 
dienten, auch Schulen eingerichtet hatten. Wo aber in einem 
solchen Kloster eine Scholastica oder eine Schulmeisterin 
ei-scheiut, wie in Weissenfeis, in Geringswalde und anderwärts 



1) Binder, Charitas Pirkheimer (Freiburg i. Br. 1878^ U«ber die 
fiilduog der NürnbergeriniMii im AUg. Euhkopf S. 287. 

2) Sack S. 35 f. 

3) Ruh köpf S. 286. 

4) Mayer S. 152. 

5) 0. Kaemmel, Johannes Hass S. 29. Vgl. Script, rer. Lu&at. IV, 
pag. 23. 87. 

6) Tittmann S. 74 



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n. Veriiall der klerikalen SchuleiL 53 

da ist das Vorhandensein einer Schule vorauszusetzen. — 
Dass überall nur voniehmeie und reichere Bürgerfamilien ihre 
Töchter zur Bildung aber auch zur Versorgung in Klöster 
brachten, dürfen wir annehmen. Aeimere benutzten wohl für 
solche Zwecke die Häuser der Beghinen, die in den 
Niederlanden so zahlreich waren und auch im eigentlichen 
Deatschland, wie in Hannover und Brannsdiweig, Einfluss 
gewonnen hattra"^). An andern Orten sorgten für weibliehen 
ünterridit einzelne Frauen (Sehnbntttter) oder aaeh Priester, 
die dasu übrigens doch einer beeondem Erlaubniss der geist- 
li^en Behdrde (des Sdiolastieiis) bedurften nnd diese mweflen 
nur für Geld erlangen konnten. Freiere Mädchenschulen gab 
es nirgends. 

Die reicheren Frauenstifte eröffneten den Töchtern 
des Adels ein freundliches Asyl, und diejenigen, welche der 
Welt entsagen wollten, waren für das übrige Leben wohl ge- 
borgen. Sie wurden oft sehr jung dem Kloster zugeführt und 
wohl noch als Kinder eingekleidet; bei dem in solchen Fällen 
zu Ehren der Brftute Christi veranstalteten „Hochzeitmale^ 
erhielten auch Arme Flusch, Muss, Brot nnd Wein*). Die 
Mftdchen dieses Standes lernten ttbiigens in vielen FlJlen 
mehr als die „Junkherrelln*, denen es lange Zeit Hurt un- 
ziemlich schien, mit den Kftneten des Leeens und Sehreibens 
sich abzugeben. Wir wissen ja, dass Ulrich von Lichtenstein 
die schön gereimten Büchlein (Briefe), welche er seiner Ge- 
bieterin sendet, durch einen Schreiber herstellen lässt, die 
Briefe der Geliebten aber, wenn er den Schreiber, der zugleich 
sein Vorleser ist, nicht bei sich hat. Taue lang mit sich 
herumtragen muss, ohne sie lesen zu können'^). Uebrigens 



1) EL Meyer, GeMh. des Hambug« Sehni- und Uotofiidiliweaeiis 
8. 152. Daiselbe gUt toh Ifßuk ia MUmn, J. Wallaer» Geich, dei k. 
k. Oynuiaiioms m Iglau (1880) 2&. Ueber die Niederlande Netteiheim» 

Oaseh. der ünterrichtaanstalten im Herzogthnm Geldern S. 50. 

2) So im adeligen Cistercienserinnen- Stifte Günthersthal bei Frei- 
burg i. Br. Mone, Schnlweeen toiii dreiiehnten bia sechaehiiten Jahr- 
hundert S. 147. 

8) Dass die Frauen des dreizehnten Jahrhunderts das Lesen ver- 



l 



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54 Dm ZnrOcktntoi dar iraunfficli kkrikilen Sdialen ete. 

wurden die TISchter des Adete gewiss oft im Hause erzogen, 
wo dann gelegentlich ein Spielmann nachhalf, oder sie lernten 

feinere Bildung auch tn verwandten und befreundeten Familien. 

Der Unterricht der Frauenklöster war in den 
meisten Fällen wohl ein sehr beschränkter. Nächst dem 
Lesen und Schreiben — das letztere war übrigens doch auch 
zum Tbeü mit Ungunst angesehen — beschränkte man sich 
auf das Lenien der kirchlich vorgeschriebenen Gebete und 
Glaubensformulare, womit die Einführung in die Psalmen sich 
Terbaad^). Die Beschäftigung mit dem Latdnisdien konnte 
auch für Frauen als nöthig erscheinen, weil diese Sprache 
weit und breit die höhere Umgangsspradie war; in den 
froheren Jahrhunderten freilich hatten Frauen damit auch den 
Zugang in eine reiche Literatur sich eröünet. Dass aber diese 
Beschäftigung als ein Bestandtheil des Unteirichts angesehen 
wurde, geht auch daraus hervor, dass man in Jerusalem den 
Pilgern aus dem Abendlande an der Via dolorosa die Stätte 
zeigte, „wo unser lieben Frauen Schule sich befand, da sie 
Latein lernte^).'' Eine Hauptsache war immer der Unterricht 
in weiblichen Handarbeiten, in denen ja die Nonnen des 
Ifittdalters ganz Ausgeaeidinetes leisteten; die Kunst des 
Stickens anunal hatten sie m seltener Vollkommenheit aus- 
gebildet, wenn au6h die Erzählung im Gedichte Tom Heiei^ 
söhne Helmbrecht, dem eine entspi-ungene Nonne eine MOtse 
mit Bilden! von Tänzen und Schlachten gestickt hatte, fast 
ebenso ins Wunderbaie geht wie die Geschichte vom Schild 



standen, ersieht man auch aus einer Stelle des Sachsenspiegels. Bart- 
hold, Gesch. der deutschen Städte III, 24, vgl 15. Im Allgem. Titt- 
mann II, 80. 

1) EfaiMliie BiiefaAft sorgten hl betondM Weise fikr zeügiOse ünter- 
migmig In den NomieDkUtolcnL Heppe, Das Sdiolweieii des lOttal- 
altcn & 41. 

2) Nach einem Reiseberidite Hans Lochners aus dem Jahre 1485 bd 
Griesheim, Die Hobenzollem am heiligen Grabe zu Jemsaleoi (1858) 

S. 39. Es hing dies mit der Neigung jenes Zeitalters zusammen, alle 
denkhareD Lebensmoraentc der heUifen Personen mit bestimmten Oerthch- 
keiten in Verbindung su bringen. 



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n. VeiM dflf klerikalen Sdmleii. 



55 



d68 Achilles^). Von Nonnen, welehe die Ennst dee Btteher- 
absehreibens verstanden, hat das spätere Mittelalter wenig 
mehr zu berichten'). TJebrigens rnnss doch hervorgehoben 
werden, dass den Bemühnngen des 15. Jahrhunderts, Kloster- 
reformen durchzusetzen, die Frauenklöster noch hartnäckiger 
Widerstand leisteten als die Mönchsklöster; an Wieder- 
herstellung von Unterrichtsanstalten konnte unter solchen 
Umständen kaum gedacht werden. 



1) Weinhold S. 113 ff, Sack S. 35. 

2) Ausgezeichnet waren noch im fünfzehnten Jahrhundert durch 
ßücherschreiben die Frauen im St. Anna-Convent zu Kempen (von drei 
Orden des heil. Franciscus). Nettesheim S. 49. 



m. 

IHe StadtsclmleiL 

Schon längst hatte das BQrgerthnm dadurch sich zu 
helfen gesacht, dass es neben den klerikalen Schulen oder zum 
Ersatz für solche Stadtschulen enichtete. Waren jene 
doch immer wieder vorzugsweise in klenkalem Geiste und für 
klerikale Zwecke geleitet worden und den näher liegenden 
Bedürfnissen des Lebens fem geblieben, so sollten diese in 
hdherem Grade dem Leben dienen und auf dem festen Boden 
der Wirklichkeit heimisch machen. Jene hatten sich nun 
aueh in den meisten FftUen auf eine kleinere Schlllerzahl be- 
schrftnkt, oft schon deshalb, weil man eine grössere in den 
Elostergebftnden nicht unterbringen, manchmal auch nicht 
unterhalten konnte; bei diesen dagegen war die Zulassung 
eine freiere und leichtere, also auch die Frequenz eine viel 
grössere, da die Schüler eben nur für die Stunden des Unter- 
richtes herbeikamen, sonst aber im Vaterhause bleiben durften. 
Es kam damit nicht sogleich eine selbständige Ansicht von 
den Aufgaben der Schule und den für sie nöthigen Mitteln 
zur Geltung; aber eine Scheidung begann doch, und je un- 
freundlicher oft das Verhalten der Geistlichen und Mönche 
zu den neuen Schulen war, desto rascher gelangte man zum 
Bewusstsdn eines gewissen Gegensatzes, der jenen zuletzt 
gefiUurlich wurde. Die Stadtschulen traten zunächst gar nicht 
sonderlieh bedeutend hervor und waren am wenigsten 
Schöpfungen einer unwiderstehlich wirkenden Begeisteinmg, 



^. 1^ 1 L ; ^j^ju^ie. 



m. Die SladtNhii]«n. 57 

aber die UeiikaleD Sdmleii traten doeh immer entsdiieden 
.liinter sie zurück. Und nieder ein anderes BedfiiMss führte 
in derselben Zeit zur Begründung der Hochschulen, in 

denen die Wissenschaft, wie lange sie auch noch der Kirche 
dienstbar blieb, doch eine breitere Existenz zu gewinnen 
strebte und wirklich auch allmälilich in vielfachem Zusammen- 
wirken der Kräfte einen vorher kaum geahnten Einfluss sich 
sicherte, bis sie in den grossen Angelegenheiten der Gesammt- 
Mrche eine fast unabhängige und in den weitesten Kreisen 
anerkannte Autorität ausübten. Vor den Hochschulen zogen 
sieh die klerikalen Schulen in dem Gefühle, eine solche Con- 
«urrenz nicht aushalten zu können, entschieden zurück oder 
sie traten zu ihnen in ein eigenthfimliches Abhftngigkrtts- 
verhSltniss, indem sie das Ton den Hodischulen Dargebotene 
den ans ihren Biumen Entlassenen zur Aneignung empfiihlen. 
in die Entwicklung dieser Dinge treten wir jetzt ein. 

I)ie Städte hatten seit den Kreuzzügen, ungeachtet aller 
Schwierigkeiten, die ihrem Emporstreben sich entgegenstellten, 
zu grossem Gedeihen sich erhoben. Der Feindschaft der 
Füi'sten und des Adels hatten sie starke Verbindungen ent- 
gegengestellt und durch Waifentüchtigkeit einzeln auch dem 
nftchsten Kreise Achtung abgezwungen; in ihrem Inneren war 
es zwischen den regierenden Geschlechtem und den fest- 
geschlossenen Zttnften vielfach zu hartem Kampfe gekommen, 
aber niemals zu* dauernder Zerrtlttung; die Betriebsamkeit 
strebte weiter und höher, je lebhafter der Handelsverkehr 
imrde, und dieser brachte m die Stftdte dnen Wohlstand, der 
auch bei aller Einfachheit der Sitten heiteren Genuss möglich 
machte und lebendigere Bildung als Bedürfuiss empfinden 
liess^). Die Poesie, vom Adel mehr und mehr aufgegeben, 
fand Aufnahme beim Bürgerthum, das, ungeschickt zu An- 
eignung und Nachbildung feinerer Formen, dem schlicht und 
derb oder auch in seltsamer Verktlnstelung Ausgesprochenen 
durch sittlichen £m8t eine dem Leben förderliche Bedeutung 
gab. Dabei begann man in der eigenen Sprache Urkunden 



I) J. JansBen, Gesch. d«t deatschen VoIkaB 1, 880. 



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1 



58 Zurücktreten der wesentlicli klerikalen ächuleu etc. 

abzufassen, Chroniken zu schreiben, mancherlei Gedanken zum 
Ausdinick zu bringen. Und von Gewicht war dabei doch auch, . 
was Franciscaner und Dominicaner in den Städten als deutsche 
Prediger dem Volke ins Herz redeten, was der Klerus in 
seinen geistlichen Spielen vorführte. Dürften wir an dieser 
Stelle genauer auf diese Culturzustände eingehen, so würden 
wir freilich auch auf die Unterschiede zwischen dem Norden 
nnd dem Saden des grossen Vaterlandes hinzuweisen haben, 
auf die wunderbare Entwickelang der Hansa, die dort den 
Zusammenhang mit dem Rdehe fiust yeilieren liess^ und auf 
den gffimsenden Au&diwung, den im Stkden die Beiehsstädte 
nahmen ; aber wir fänden überall zu den erfreulichsten 
Bildern reichsten Stoff. Und dabei war als ausgemacht an- 
zusehen, dass, je unabhängiger eine Stadt von bischöflicher 
Gewalt und klerikaler Einwirkung sich gemacht hatte, um so 
besser ihr Leben gedieh. Um so leichter kamen die betrieb- 
samen Bevölkerungen auch fibw die Bedenken hinweg, welche 
das kirchliche Verbot henrorruliBn konnte; die Bischöfe, die 
durch Verwicklung in wdtliche Hftndel, durch Aufwand ihres 
Hofhalts, durch Zahlungen nach Rom sich genMhigt sahen, 
bei Chriisten und Juden in den St&dten Gelder gegen hohe 
Zinsen aufrunehmen, rechtfertigten gewissermassen die Ver- 
letzung des kirchlichen Verbots und gerietlien überhaupt in 
läfitige Abhängigkeit von den Städten 

Indem wir aber dieEnt Wickelung derStadtschulen 



1) Meisterhafte Schilderang Nürnbergs Ton Conrad Geltes in teinem 
Libellus de origine, situ, moribus et institutis Norimbergae; in den Opp. 
W. Pirkheimeri ed. Goldast (1670); ähnlicher Verhältnisse Strassburgs 
durch Jakob Wimpheling. Roscher, Geschichte der National-Oekonomik 
in Deutschland 8. 35 f. Bekannt ist auch, welche Anerkennung schon 
Arnold Sylvias den deutschen Städten gewidmet hatte. Ein Bild der 

.GegensatM «witcheii d«D Regierendaa in Nftoberg und te mf ünntDii 
Idnitoebtiideii Mine nadi Meiatwliiii Ohronik iiflhe bei t. Besold in 
der ffistoiiedieii ZeitMshiift 1879^ I, a 15 £ 

2) ygl.'HailmA]iii, Stldtewesen des Mittelalten S. 86 it, 58 IF. nnd 
Math er, Aus dem UniversitSti- und Gelehrtenleben im Zeitalter der Re- 
formation S. 153 IS. Beachtens Werth die Ansicht des Cüsarios um Beitfeef^ 
bAch im DiaL miracolorom II, S. 8. 



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I 



III. Die Stadtschulen. 59 

ZU betrachten unternehmen, haben wir eine ausserordentliche 
Fülle und Mannigfaltigkeit von Thatsachen vor uns. Obwohl 
es nun an zusammenfassenden Darstellungen nicht fehlt, so 
dürfte es doch nicht überflüssig sein, den in hohem Grade 
anziehenden Gegenstand in besonderer Weise zu behandeln, 
obwohl wir auch gern bekennen, dass wir, wenn auch die zahl- 
reichen Geschichten einselner Städte in grösserer Ausdehnung 
benulEt werden sollten, uns ausser Stande fühlen würden, den 
Ton allen Seiten herenflnthenden Stoff zu bewältigen^). Eine 
besondere Schwierigkeit dOiile sieh bei dem Yennehe ergeben, 
das Stadtsehnlwesen der einiehien Landschaften nach den 
eigenthUmlichen YerfaälfciiiBsen , in denen es sidi entwickelt 
hat, genauer zu betrachten. 

Die deutschen Stadtschulen entstanden aus gleiclioni Be- 
dürfniss und unter wesentlich gleichen Verhältnissen wie zahl- 
reiche Lehranstalten in Italien, Frankreich und den Nieder- 
landen. In Italien, das mit Deutschland ja auch in hundert- 
facher Verbindung stand, hatten zumal die Kämpfe der Hohen- 
staufenzeit die Städte so gewaltig erregt, dass besondere, von 
den klerikalen Anstalten mehr oder weniger nnabbSi^gige 
Sdiiflbfldung ato n^^tbig erkannt wurde; schon wirkten aneh 
anf diese streitbaren Stadtgemeinden die vom Alterthum dar- 
gebotenen Vorbilder republikaniaehen Lebens. Langsamer 
entwickelten sieh die Dinge in Frankreich. In den Nieder- 
landen aber hatte Gent bereits 1192, freilich nur in vorüber- 
gehender Aufwallung, erklärt, wenn jemand in Gent Schule 
zu halten geneigt sei und es verstehe und könne, so solle es 
ihm erlaubt sein und niemand ihn daran verhindern, was 
dann, wenn es auch nicht festgehalten werden konnte, doch 
immer der Anfang zu freierer Entwickelung des Schulwesens 



1) ZmammeBsteUaad» Danlelliiiiin haben tenrnditt Rnhkopf 
8.81—100^ Hüll mann, Städtewesen des Mittelalters lY, 381—346; 
T. Haar er 9 Geech. der Stadtverfassungen Deatschlands III, 61 — 67) 
Meyer, Hamburger Schul- und Unterrichtswesen im Mittelalter 119—127; 
Heppe, Schulwesen des Mittelalters 25 ff.; Meister, Die deatscben 
Stadtschulen im Mittelalter. 



L 



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00 Das Zurücktreten der weNntUch klerikalen Schulen etc. 

war^). Diese Hess sich auch in den städtereichen Land- 
schaften nicht mehr aufhalten. In Deutschland waren die 
Städte zuerst wohl durch ihre entschlossene Parteinahme fftr 
die Sache der von der Kirche bedrängten Kaiser auch la 
freieren Anadiaaiuigen ftber ihr Verhftltni88 zur Kirche ge- 
kommen, und die Ereignisse des drehsehnten nnd vierzehnten 
Jahrhunderts auf Urdilichem wie auf poHttschem G^sbiete 
machten die Geister auch zn Nenernngen Im Schulwesen 
geneigt. Dazu tragen nun die kleiikalen Schulen selbst bei, 
nicht sowohl durch die doch sehr fühlbaren Mängel ihres 
Unterrichts, als vielmehr durcli die Beschränkung desselben 
auf verhältnissmässig wenige Schüler, wobei sie den Bedürf- 
nissen der rasch zunehmenden Städte nicht genügen konnten, 
und dann wieder durch die Hartnäckigkeit des Widei'standes 
g^gen die Errichtung yon Schulen, welche die Stadtgemeinden 
erstrebten. £s handelte sieh in Wahrheit für diese darum, 
Bftrgeischulen zu gewinnen. Aber indem man tber das Ton 
der EircheDargebotene hinausstrebte, wollte man sieh doch nicht 
gerade in schärferen Gegensatz zur Kirehe und zu den von 
ihr gehegten Schulen stellen, eher hätte man, wenn die Kirche 
mit hohem Sinne den unverkennbaren Bedürfnissen entgegen- 
gekommen wäre, das so Gewährte dankbar angenommen und 
benutzt. Wenn in manchen volkreichen Städten besondere 
Schulen nicht entstanden, so lag dies wohl daran, dass die 
vorhandenen kleiikalen Schulen genügten. Sonst könnte inan 
sich z. B. nicht erklären, weshalb Frankfürt a. M. vor der 
Reformation keine Stadtschule erhalten hatO* Auch üsnd 
man ftr die neuen Schulen zunächst kaum bessere Ein- 
richtungen und als Lehrer dienten doch oft wieder Kleriker. 
IMe Hauptfrage bei diesen Schulen bezog sich vor Allem auf 
den Patronat, den die Magistrate, welche sie mit den äusseren 
Mitteln der Stadtgemeinden })egründeten und unterhielten, 
für sich in Ansprach nahmen, während die kirchlichen Be- 
hörden, an erster Stelle die Domscholastiker, darin eine ihr 



1) Cramer a 248 iF. 

^ Kriegk, DeutMshM BOigerthnm im ICttdalfer. N. F. a 119, 



m. Die Stadtscholen. 



61 



Becht schwer beeinMebtigende AmnaMung erkannteD. Hier^ 
mit aber kam es zu sehr verwickelten Verhandlungen auch 

über andere Veiiiäitnisse. 

In vielen Städten musste sofort auch d a s V e r h ä 1 1 n i s s 
der Pfarrschulen und der Stadtschulen erörteit 
werden. Jene bestanden zum Theil seit sehr langer Zeit, 
unter Leitung der Pfaner, aber im Grunde als Volksschulen 
und, weil ja kirchliche und bürgerliche Gemeinde znsammen- 
fiden, als Gemeindeschulen, die in grteeren Stftdten naeh den 
einzdnen Etrchen, denen sie angesddossen waren nnd deren 
Kamen de trogen, gelegentlieh wohl aus äusserliehen Gründen 
in gewissen Gegensatz gerathen konnten, aber fortwährend in 
engstem Zusammenhange mit der Gemeinde sich fühlten^). 
Aber auch die neuen Schulen, obschon über den Unterricht 
der Pfarrschulen (Kirchspielschulen, Parochialschulen) sich er- 
hebend und den höheren Ansprüchen des bürfrerlichen Lebens 
entgegenkommend, fügten sich doch in den Zusammenhang 
der kirchlichen Gemeinde ein und konnten zuweilen eine un- 
vollkommene Pfarrschule ganz entbehrlich machen, wenn eine 
solche nicht gar einen höheren Charakter annahm nnd lateinische 
Sdinle wurde, was oft gesdiah. In manchen Städten mochte 
es zweifelhaft sein, ob die ursprän^^che Dotation einer Ffiurr- 
sehide allein Ton der Kirche oder aneh von der Stadt ge- 
kommen, die unter Umständen wieder bei Begründung einer 
Stadtschule kirchliche Unterstützung nicht verschmähte; 
Stiftungen frommer Bürger waren jenen zu Theil geworden, 
wie sie in gleichem Sinne und in gleiclien Formen auch diesen 
zufielen. Nun aber bestanden neben den eigentlichen PfaiT- 
schulen und den neu entstehenden Stadtschulen nicht selten 



1) Eingehend Meister 8. 1 ft P&meholen (KOstflnduden) anch 
auf dm Linde: Zimmermann, Zar Oesdi. der dentsehen Bttigenchnle 
ha Mittelalter (i«JS) 12. Nettesheim 61 Im Ordenalaade Fkeonen 

bcFtaiKlen im vierzehnten und funfzdmten Jahihmidert saUreiche Trivial- 
schulen (Pfarrschulen) in den Städten, und von Urnen ans schemt der Be- 
such der Universitäten ein äusserst reger gewesen zu sein. Braun, Gesch. 
des Gymnasiums zu Braunsberg (1865) S. 2 ff. Frey, GescM des Gym-- 
naunms za Rössel (1860) S. U f. 



62 Zurttcktretea der weseutlich klerikalen Sdndea etc- 

auch Stifts- und Klosterschulen, woraus wieder, im Zusammen- 
hange mit gar vei-schiedenartigen Verträgen, mancherlei Com- 
petenzfragen entstehen konnten; es kam vor, dass Convente 
in den Schutz eines Stadt raths sich begaben, damit aber auch 
die bisher von ihnen abhäDgigeu Schulen unter den Patronat 
desselben stellten. 

Im Allgemeinen freilich wurde von den kirchlichen Be- 
hörden der Patronat auch Uber die Stadtschulen den 
Btfldtlsehen Behörden streitig gemacht Und in Wahriieit ganz 
nadi den Satzangen des anerkannten Srchenrechts^). Nach 
diesen hatte Tor Allem der Bischof die Befugniss, die kirch- 
lichen Aemter seines Sprengeis zn besetzen und den einzelnen 
Gemeinden ihre Pfarrer zu geben, die eigentlich seine Stell- 
vertreter waren. Weil aber die Schulen nach ihrer bisherigen 
Entwickelung und in allen ihren Einrichtungen wesentlich zur 
Kirche gehörten, so war auch jede Lehrerstelle kirchlich in 
ihrer Besetzung ein Reclit des Bischofs, als dessen oberster 
Stellvertreter der Domscholasticus erschien. Dieser nahm 
nun wirklich das Recht in Anspruch, ausser der Domschale, 
die ganz unmittelbar unter ihm stand, alle Schulen des 
Sprengeis zn leiten. Auch wurde dieses Becht von den 
Städten ohne Weiteres aneikannt, und wenn sie neue Schulen 
einrichten wollten, erbaten sie die Genehmigung ihres Bisehofe 
oder, falls diese aus irgend einem Grunde nicht zu erlangen 
war, des höchsten Bischofes, des Papstes. Waren die neuen 
Schulen endlich begründet, so blieb den Bischöfen das kirch- 
liche Oberaufsichtsrecht unbestritten, wie dieses noch 1466 in 
Breslau für die sämnitlichen acht Schulen der Stadt dem 
dortigen Bischöfe zustand; aber es handelte sich um den 
Patronat, d. h. um das Recht, Lehrer für die Schulen zu be- 
stellen und diese nach eigenem Ermessen zu verwalten. Und 
da lagen die Dinge nicht so einfach. Freilich konnte der 
Bischof des Patronats auch über klerikale Schulen sich ent- 
ftnssem und oft aberliess er es wirklich« in mancherlei Form, 

durch Verleihung, Uebertragung, Schenkung, eben so wohl an 
t- 

1) Netteaiieim 92 ff. 



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I 



HL Die Stadtscbttlen. 



63 



weltKelie Herren und stftdtlsehe BehMen irie an kii-chliche 
Corporatiouen , die ihrerseits wieder an Jene es abtreten 
durften Aber den Stadtscliulen gegenüber waren die 
Bischöfe und ihre Scholastiker misstrauisch, also zu Con- 
cessionen nicht sonderlich geneigt, und daraus haben sich in 
manchen Fällen endlose Streitigkeiten entwickelt. Man ver- 
gass dann, dasB im Mittelalter bei allen Conflicten zwischen 
kirdilicher und weltlicher Macht sehr lange die Anschauung 
gegolten hatte 7on der Nothwendigkeit des Zusammenwirkens 
beider zur Ehre Gottes wie nun Besten der Mwisdien, man 
betonte yielmehr in Bekämpfung der neuen Schulen den doch 
auch wirklidi vorhandenen Gegensatz zwischen der Kirehe 
und der Welt schftriSer als sonst und zeigte sich unnachgiebig, 
auch wo das Widerstreben bedenklich war, weil es dringenden 
Bedürfnissen gegenüber, denen die Kirche nicht entsprechen 
wollte oder konnte, als ein Unrecht erscheinen musste. Aber 
wir wüssten keinen Fall anzugeben, wo eine Stadtgemeinde 
in solchem Streite zurückgewichen w&re. Die Magistrate 
haben überall beharrlich ausgehalten und endlich überall 
auch, obsehon in verschiedener Weise, den Sieg davon getragen. 
Sie wussten ja doch, dass in froherer Zdt die kirchlichen 
Behörden den Patronat auch über Pbrrschulen und andere 
kirchUehe Lehranstalten an st&dtisdie Behörden oder an 
Fürsten abgetreten, ja bisweilen, ohne Rü^sicht auf das 
kirchliche Verbot, verkauft hatten. Und wenn sie jetzt, mit 
dem Bewusstsein der steigenden Bedeutung ihrer Gemeinden 
und im Interesse dei*selben eigene Sclmlen zu enichten unter- 
nahmen, da sollten sie duich kirchlichen Einspruch sich hindern 
lassen? 

Aber wir dürfen auch wieder nicht sagen, dass die so 
an vei-schiedenen Orten ausgebrochenen Streitigkeiten von 
principieller Bedeutung gewesen und einem der Kirche im 
Ganzen feindlichen Geiste entsprungen seien. Wenn Stadt- 
gemeinden, durch die von den nächsten kirchlichen Behörden 



1) Von den Fällen, in denen Fürsten und Herren als Vögte es usur- 
pirten, sehen wir ab. 



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64 DftB Zar&cktreten der wetentlidi Klerikalen Sehnlen etc. 

ftusgehende Hemmiuig angehalten, an den Papst sieh wendoi« 
so sind es nicht aUgemeine Besdiwerden über den ihnen vor- 
gesetzten Elenis, nicht Klagen Uber sehlechten üntenieht der 
geistlichen Sehnlen, sondern ganz änsserliche Gründe, die sie 

yorbringen: dass die geistlichen Schulen für eine grössere 
Schülerzahl nicht ausreichen, dass sie für viele Kinder, die 
des Unterrichtes bedürfen, zu entlegen sind, dass diese unter- 
wegs, bei der Wanderung durch enge, getümmelvolle Strassen, 
über zerbrecIiHche Brücken, leicht Schaden nehmen können 
u. s. w. Selbst von der Verdrossenheit^ dem Eigennutz, dem 
bösen Willen der Scholastiker, worüber man sich hier und 
da gewiss in hohem Grade ärgerte, ist, Tielleicht ans Klug- 
heit, nicht die Bede. Am allerwenigstcoi darf man glauben, \ 
dass in den Stadtgemeinden ein bestimmteres Bewnsstsein von . 
höheren pädagogischen Zwecken und Zielen sich geltend : 
gemacht, dass ein reform atorischer Geist sich geregt habe. ' 
Dass das Schulwesen docli in eine Richtung kam, welche über ' 
das zunächst Ei-strebte weit hinausfühi-en konnte, das blieb 
den Meisten verborgen. 

Uebrigens ist es zu Kämpfen in dieser Frage doch keines- 
wegs überall gekommen, noch weniger haben sie zu gemein- 
schaftlichem Vorgehen von Stadtgemeinden geführt Sie sind 
vorzugsweise nur im nördlichen Deutschland auszufechten 
gewesm und haben auch hier nur locaien Charakter gehabt, 
obgleich sie, weil an sehr verschiedenen Orten eingetreten, 
einen zusammenhangenden Beweis dafür geben, dass grosse 
Mängel vorhanden waren und lebhalt empinndene Bedürfiiisse 
nach Befriedigung verlangten. Wo die seit langer Zeit be- 
stehenden kirchliclien Schulen genügten, da entstanden eigent- 
liche Stadtschulen entweder gar nicht oder nur langsam; 
anderwärts liess der Klerus solche Schulen ohne Widerstreben 
entstehen. Jenes gilt von zahlreichen Städten im westlichen 
Deutschland, wo Domschulen, Stiftsschulen, Klosterschulen in 
grosser Mannigfaltigkeit neben einander bestanden; dieses 
dürfte vom ganzen südlichen Deutschland gelten, wo die Zahl, 
der Stadtschulen, zum Theil im Zusammenhange mit der £nt- 
widcelung so vieler Reichsstädte, allmählich sehr gross wurde.. 



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IIL Die Stadtschalen. 



65 



Was fftr den Unterricht erstrebt wurde, war von sehr 
verschiedener Bedeutung. An manchen Orten ging Bedürfniss 
und Verlangen über das zum Elementarunterricht Gehörige 
nicht hinaus, und wo entweder allein oder neben höher 
strebenden Anstalten blosse Schreib- und Rechenschulen ent- 
sUmden, genügten sie gewiss auch den Ansprüchen Vieler. 
An anderen Orten wurde, wesentlich in Uebereinstimmung 
mit dem Untenrichte der klerikalen Schulen, das Triirium als 
notfawendig erkannt und der lateinisehe Unterricht Haupt- 
sache, wahrend man das Deutsche, obwohl es im ölfentliefaen 
Leben immer grossere Bedeutung gewann, nocii entschieden 
surücktreten liess. Nicht selten richtete man Stidtschulen 
auch so ein, dass sie Vorschulen für den klerikalen Unterricht 
sein konnten, wie denn Kleriker auch in ihnen den Untemcht 
besorgten. Aber wir werden über den Unterricht der Stadt- 
schulen in besonderem Zusammenhange ausführlicher zu 
sprechen haben und dabei auch die hervorgetretenen Unter- 
sdiiede mit in*s Auge fassen. 

Jetzt Tersuehen wir zunächst, eine Art von Uebersicht zu 
gewinnen flher die immerhin s^ zahlreichen GrOndungen 
Ton Stadtschulen, wobei doch einzehie bedeutsamere Einzel- 
hdten sich darbieten werden. Es dfirfte aber Ar solche 
üebersieht weniger der chronologische Gang, als der Weg 
durch die Landschaften sicli empfehlen. Die Zeit, in der wir 
stehen, ist fast ausschliesslich die des vierzehnten und fünf- 
zehnten Jahrhunderts. 

Dass im nordwestlichen Deutschland Anregungen von den 
Niederlanden her zur Gründung von Stadtschulen wirksam 
gewesen, kann nicht bezweifelt werden^); wo indess einmal 
das Bedarfiuss nach einer neuen Schule empfunden wurde, 
bedurfte es besonderer Anregung von aussen nicht Dies 
nehmen wir z. B. e^dch von Ltlbeek an. In dieser Stadt 
bestand sdt dem Jahre 116d eine Domschule. Als aber der 
Magistrat 1258 die Errichtung einer Stadtschule beschlossen 
hatte und diese mit der Pfarrkirche zu St Marien in Ver- 



1) Dies lehrt Nettesheims Verzeichniss 79 f. 
Kaemmel, Scholwesen. 5 



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60 Das Zurücktreten der weeeotUch klerikalen Schalen etc. 

bindung bringen wollte, war es fast allein die Schwierigkeit 
des Weges zum Dome, was als Grund auch vor dem päpst- 
lichen Legaten Hugo in Toul geltend gemacht und von diesem 
in seinem Schreiben an den Bischof von Toul als ausreichender 
Gnind anerkannt wurde. Der Bischof widerstrebte nun freilich 
neun Jahre lang, fOgte mxh jedoch endlieh, indem er nor Ter* 
langte dass die neue Schule bei der Jahobildrche errichtet 
und unter die Aufsicht des ScholasticuB gesteUt werden sollte, 
was übrigens schon der Legat als erforderlich bezeichnet 
hatte ; ihm scheint dann der llatli auch die Lehrer präsentiit 
zu haben, wenn die Ernennung ihm nicht gar überlassen blieb. 
Da diese Schule eine lateinische Schule sein und für den 
Unterricht in der Domschule vorbereiten sollte, entstand in 
der betnebsamen Stadt das Verlangen nach besonderem £ie- 
mentarunterricht, was bald nach 1317 zur Einrichtung von 
vier Lese- und Schreibeschulen in den vier Kirchspielen Ähite. 
Aber auch diese rein stadtisdien Anstalten blieben unter der 
Inspection des Scholasticus, der den dritten Thdl des Schul- 
geldes in Anspruch nahm und die Lehrer beetfttigte oder ver- 
warf. Die daneben noch heimlich unterhaltenen Privatschulen 
fahrten 1412 zu einem Vertrage, in dem der Rath dem 
Scholasticus Unterstützung gegen sie zusicherte. In den zu 
Lübeck bestellenden Beghinenhäusern wurden wolü auch 
Mädchen unterrichtet^). 

In Kiel wurde eine öffentliche Schule 1320 errichtet. 
Nach einem mit dem Lübeckischen Decan M. Kegeband ab- 
geschlossenen Vergleiche berief der Graf iJohann der Milde 
den Magister Heinrich von Culmine zum Scholasticus in Kiel, 
ohne ihn, da er GeisUicber der Kirche von Lübeck war, zu 
beständigem Aufenthalt in jener Stadt zu verpflichten. Aber 
er sollte für einen geschickten Lehrer sorgen, übrigens das 
Recht haben, keine andere Schule in Kiel zu dulden^). 

Am heftigsten und langwierigsten sind die Schulstreitig- 



1) Gran to ff, Ueber den Zastand der Otellichen ünteoidils- 
anstalten in Lübeck vor der Befofinslion (1880). 

2) Meyer & 124. 



I 



I m. Die Stadtschulen. 67 

I keiten in Hamburg gewesen. Hier hatte 1281 das rasche 
Aufblühen der Neustadt die Gründung einer neuen Schule bei 

[ St Nikolai wünschenswerth gemacht, und der Erzbischof 
Giselbert von Bremeo, sowie Papst Martin IV. waren zur 
Zustimmung Idcht bewogen worden; Ernennung und Absetzung 
d08 Sehnlmeieten aoilte den Aelteeten dee Kirehspiete ttber- 
liBBen sein. Der dann doeh in dieeer Bedehmig entstandene 

{ SMt mit dem DomseholasticiiB oidigte nacb adit Jaluren zu 
seinen Gimsten« Aber im lütebsten Jahrhimdert erheb rieb 
ein neuer Streit, der in der willkürlichen Erhöhung des Schul- 
geldes seinen Anlass hatte; es kam zu gewaltsamer Erliebung 
gegen den Klerus, zur Flucht desselben aus der Stadt und 
(1335) zur Verhängung des Bannes über die Stadt, bis durch 
den Erzbischof Beruhai'd von Bremen ein Vergleich herbei- 
gefahil wurde, wonach die unmittelbar unter dem Scholasticus 
stehenden Sehttler, wenn sie etwas verbrochen hätten, allein 

{ von den geistlichen Richtern bestraft, die Schule aber vom 
Scholasticus mit gelehrten mid geschickten Bectoren versehen, 
die Ungebtthmisse in Bezug auf das Schulgeld abgestellt, 
Streitigkeiten zwischen den DomschOlem niedergehalten werden 
sollten. Schlimmer waren dann die Kämpfe, welche das 
fünfzehnte Jahrhundert brachte. Da kam indess nicht mehr 
die Stadtschule in Frage; es handelte sich um die ohne Er- 
laubniss von Priesteni und Laien gehaltenen Schreibschulen 
und Winkelschttlen (Klippschulen), die von der Bevölkerung 
in Schutz genommen und auch vom Bathe geduldet wurden* 
Nachdem 1456 der Scholasticus Wichmann vier Schreibsdmlai, 
deren Lehrer der Bath ernennen sollte, zugestanden hatte, 
kam es doch 1472 zu neuem Streite hi Folge der Wider- 
spenstigkeit des Priesters Henning Bremer und seines An- 
hanges, den der Scholasticus Düker bekämpfte, der Bath in 

' Schutz nahm. Die Sache endigte auch mit der über Bremer 
und seine \'ertheidiger verhängten Excommunication nicht, 
fand nicht einmal durch eine von Rom eingeholte Entscheidung 

\ ihren Schluss; erst die Vermittlung des Propstes zu St. AVil- 
hard in Bremen bewirkte eine Verständigung zwischen Kath 
nnd Scholasticus, der im Ganzen doch Becht behielt Die 

' 6* 



kj ,^ .d by GüOgl 



68 ZnrOcktreten der wesentiich klerikaleo Schalen elc 

Bantschovschen Streitigkeiten, die in das Zeitalter der Refor- 
mation sich hineinzogen und die Gemüther für diese in be- 
sonderer Weise günstig stimmten, galten vor Allem doch wieder 
den Winkelschulen^). Dass aber solche Schulen in so grosser 
Zahl entstehen und fortbestehen konnten, beweist freilich 
auch, dass durch die Ofiinitlichen Schulen den voKfaanden^ 
Bedflrfiiisaen noch nicht grafigt wurde. 

In Lflneburg bestand längere Zeit Widerstreit zwischen 
der Benedictinenehule m St Michael und der PrSinonstra- 
tenserschule in Heiligenthal. Ueber die letztere erhoben die 
Herzöge Beruhard und Heinrich von Braunschweig und Lüne- 
burg Beschwerde zu Gunsten des Münsters zu St. Michael, 
zuei*st vor ihren Prälaten, Mannen und Städten, dann, als der 
Propst sich weigerte, seine Schule aufzuheben, vor dem Rath 
zu Hambui'g^). Eine eigentliche Stadtschule (die Schule bei 
St. Johannis) wurde dort erst gegen Ende des fünfzehnten 
Jahrhunderts eingerichtet; ihre Schulmeister hatten die Mar 
gisterwttrde und sollten nach der Schulordnung von 1580 
nächst der Grammatik auch Logik, Bhetorik und andere freie 
Künste lehren'). 

Auf besondere Weise kam Hannover zu einer Stadt- 
.schule. Ursprünglich hatte wohl der auf der Burg Levenrode 
als Schreiber des Vogts dienende Kleriker zugleich die Kinder 
der Burgmannen unterrichtet; dann aber hatten auch Bewohner 
der Stadt für ihre Knaben diese „Burprschule" benutzt, und 
da bei raschem Wachsthum der Stadt die Schule bald städtische 
Bedeutung erhielt, so lag es nahe, dass die Stadt zuerst den 
Antheil am Präsentationsrechte zu gewinnen, nachher aber» 
als sie ein neues Schulhans erbaut hatte, sie gaos in ihre 
Gewalt SU bringen strebte. Dies geschah 1858 wirldieh durch 
Zugestindniss der HenOge Otto und Wilhehn, welche sodann 
dem Magistrate uneingeschrSnkte Macht yerliehen, so vi^e 
Schulen, als er wollte, in der Stadt anzulegen^). 

1) Sebr eingdMod Meyer 128 ff., 148 t., 155 IL 

2) Meyer S. 125. 

8) Görges, Kurze Gesch. des Gymnasiums zu Lüneburg (1869) S. 4. 
4) A h r e n s , Gesch. des LyceomB su HaanoTer von 1267 bis 1533 (1870) 
S. 5. Vgl. Rabkopf S. 90. 



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HL Die StodtichBtoB. 



* 

69 



Gans andere Verhältnisse bildeten sich in Braun* 
Bchweig. Diese zu erfreoliehster Entwicklimg gelangte 
«QaaTtier8tadt<* der Hansa hatte zwar seit langer Zelt Stifts* 
und Elostersehide für den Unterrieht ihrer Kinder benntsen 
können, erlangte aber erst 1415 von dem naeh Konstanz ge- 
kommenen Papste Johann XXm. das Priyilegium , zwei neue 
Schulen (bei St. Mai*tini und bei St. Katharinae) zu errichten, 
und musste dann noch mit den Laiidej<fürsten , mit den 
Bischöfen von Halberstadt und Hildesheim, mit dem Stifte 
St. Blasii wegen der Zustimmung: zu dem Unternehmen unter- 
handeln. Als nun zunächst nur ein für drei Jahre berechnetes 
Provisorinm erlangt war, mußste die Stadt wieder für Gesandt- 
schaften und Geschenke grosse Summen aufwenden, bis Papst 
Martin V. in Florenz 1419 das von seinem Vorgänger erlangte 
Privilegium bestätigte, wobei er zugleich das Halten Ton 
Sehreibesehulen gestattete. Uebriguis hatte die Stadt noch 
vor der Entscheidung zwei Sehulhftnser erbaut und wohl auch 
schon den Unterricht beginnen lassen, der nach dem Privi- 
legium von 1415 dem der Klosterschule gleich sein sollte^). 

Die Stadt Helmstädt hatte neben der uralten Bene- 
dictiner-Abtei St. Ludgeri, die auch eine Schule unterhielt, 
langsam sich herangebildet, war dann aber, als sie im Kriege 
zwischen Philipp von Schwaben und Otto von Braunschweig 
1199 niedergebrannt worden, durch den Zuzug aus vielen 
benachbai-ten Dörfern unter der wohlwollenden Mitwirkung 
des Abtes Gerhard rasch vergritasert worden, und für die so 
vermehrte Bevölkerung reichte die Schule der Abtd nicht 
mehr aus* Der Rath &8ste nun 1253 den Beschluss, eine 
neue Sdiule zu erriehten und erhielt dazu auch die Ermäch- 
tigung vom Domcapitel in Halberstadt Da aber der Abt das 
Patronat über diese Schule in Anspruch nahm, so erhob sich 
ein Streit, der erst 1267 zu Gunsten des Raths entschieden 
wurde. Die so entstandene Stadtschule war also der Zeit 



1) Saek 8. 86 £, ndt beM^teoBwortliai Ei^tamaifsm m ilteren 
B«i!ehtaiL Vgl. Dürre, Geseh. dar Gelehrtoiidinlai m Bnumsehwaig 
(leei) I, 8. 17 IL 



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70 Das ZorOcktreten der piwllidi kterikalen Scholen etc. 

nach eine der ei-sten in Deutschland , übrigens zugleich Pa- 
rochialschule bei 8t Stephan. Helmstftdt kam in den darauf 
folgenden Zeiten za intmer fröhlicherem Gedeihen; aber von 
der EntwicUang Bemer Schule ist wenig bekannt^). 

Einen beeoBdem Gang nahmen die Dinge in Hildesheim. 
Dort bestand seit dem Anfang des dreiiehBten Jahrhonderta 
neben der alten Domschnle eine zweite Schule bei dem 
Collepiatstifte zu St. Andreas, über welche der Domscholaster 
das Oberaufsichtsrecht in Anspruch nahm. Da suchte nun 
der Scholaster zu St. Andreas, der übeihaupt wohl seine 
Schulen beeinträchtigt sah, eine Stütze im Rathe der Stadt, 
der gern sie gewährte, und so ist es wohl gekommen, dass 
die Andreasschule mehr und mehr vom Rathe abhängig wurde 
und den Charakter einer Rathsschule annahm'). Sie ist 
dann ein Gymnasium geworden und geblieben. 

Merkwürdig ist es, dasein Magdeburg, wo Jahrhunderte 
lang von der Th&tigkeit der Domschule und der Schule im 
Kloster Bergen kdne Bede ist, auch von einer Stadtschule 
keinerlei sichere Kaehrieht sich findet. Und doch hatte diese 
Stadt, die durch den ElbhaDdel zu so grossem Wohlstände 
gelangte, in ihrer eigenthümlicheu Stellung zu den Ei^zbischöfen 
noch eine besondere Auffordei-ung zu geistiger Regsamkeit und 
also auch zur Gewinnung einer besondern Lehranstalt. Es 
scheint aber, dass die Macht des Domcapitels, das jedenfalls 
seine Schale hatte, wenn sie gleich für uns in Dunkel ein- 
gehüllt ist, es nicht einmal zu dem Versuche einer Neu- 
grttndung kommen Hess*). 

Viel besser sind wir von Stendal unterrichtet Als die 
dort seit 1188 bestehende Domschule dem BedOxfiiiss der su- 
nehmenden Bevölkerung nicht mehr genügte, erbaute der 
Rath der Stadt 1888, ohne die Erlaubniss des Bischet von 
Halberstadt und des Scholasticus eingeholt zu liaben, ein 
Schulhaus und eröffnete darin eine Schule bei der Kirche zu 

1) Knoeh, Gesch. des SehnlweBeni m Hebnttidt I (ISOOX 8. 18 ff. 
^ Fischer, Gesdi. des Gymnsrinm Andieainim in EBldeBheiiii 

(1802) S. 1 ff. 

8) Bathmann I, 877; II, 201, 401 ; m, 296 £ 



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UL Die fitadtachnten 



71 



U. L. F. Darauf folgte Beschwerde des Domstifts bei dem 
Bischof, VerhÄDgung kirchlicher Strafen wegen der Unbotmftssig- 
keit des Raths, aber zuletzt nach langem Streite ein güüidier 
Vergleich, wodurch die Stadt ihre Schule sich aieherte, der 
Bftth das Beeht der Emenniuig des SehobBeieters eridelt; 
das Beeht der Best&tigiuig und Oberauftieht blieb dem Dom- 
sdudaster Toibehaltea, doeh nur noch als ein formales, da er 
die Bestätigung nicht yersagen durfte und die Oberaufeicht 
wahrscheinlich nicht übte^). Auch in den anderen Städten 
der Altmark, in Salzwedel, Seehausen, Gardelegen, Tanger- 
münde, Osterburg und Werben entstanden im 14. Jahi'hundert 
besondere Schulen^). 

Auch in der übrigen Mark Brandenburg kamen die 
grösseren Städte während des dreizehnten und vierzehnten 
Jahrhunderts durch den Einfluss der Hansa zu schnellem (Ge- 
deihen. Und je weniger dort durch den Klerus für Lehr- 
anstalten gesorgt war, desto eher brachte man es auch zur 
Begrttndong Ton Stadtschnlai. Es entstanden solche inBeilin 
und KOUn, in Spandau, in Brandenburg, in Neu-Bii^pin. Von 
einer Stadtschule in Frankfurt a. 0. bietet die erste Spur 
eine Urkunde von 1341, die uns zugleich in die langwierigen 
Kämpfe mit dem Bischöfe von Lebus versetzt. In solchen 
Kämpfen konnte aber ilie neue Schule der kräftig aufstreben- 
den Stadt um so mehr als bedroht erscheinen, als der Bischof 
die Absicht hatte, seinen Sitz nach Frankfurt zu verlegen, 
was wahrsdieinlich zur Errichtung einer Domschule, also 
immerhin zu bedenklicher Concurnnz geftthit hätte; auch 
trat eine solche in Wkksamkeit su FQistenwalde, das nach 
1878 Sita Ton BIsehitflMi wurda Der Sti^ der Frankfurter 
mit dem Bisehof endigte 18&4» im wesentlicheB sa Gunsten 
d«r Stadt und des mit ihr Terbnndenen Harkgralan (1188f). 



1) Oötxe, Geidb. des Gymnasium» n Stendal (1865^ wo noch die 
Urkunden angenommen sind. 

2) Sehnmann, Gesch. des Volksscholwesens in der Altmark S.77£, 
8) Schwarze, Gesch. des ehemaligen Btadtisehen Lyoenms in Fraok- 

fort a. 0. (1873) a 6 £ 



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72 Zurücktreten der weseatUdi klerikalen Schulen etc. 

Pomm ern hatte seit der Gründung des Bisthums Wollin- 
Cammin auch klerikale Unterrichtsanstalten erhalten, wohl 
auch Dom- und Stiftsschulen; Stadtschulen aber, bald als 
Kathsschulen , bald als Parochialschulen , besassen schon im 
vierzehnten Jahrhundert Anklam, Demmin (1301), Köslin (1368), 
Grcifswald ^). Genaueres erfahren wir über den Verlauf der 
Dinge in S t e 1 1 i n. Hier bestand seit 1263 neben der Marien- 
kiiehe eine Stiftasdiule, die ibre GrOndung dem Henog Barnim 
dem Erbaner der Kirche, yerdankte. Da ahn die wachsende 
Volksmenge das Bedftrfidss einer nenen Sehule rege machte, 
so wandte sich der Bath an Bonifodns EL, der aoch wiiUieh 
1391 die Errichtung einer solchen Anstalt bei St. Jakobi ge- 
stattete. Allein Propst, Dechant und Capitel bei St. Marien 
erklärten sich mit ciUer Entschiedenheit gegen diese Neuerung, 
weil ihnen allein das Privilegium, Schule in Stettin zu halten, 
gehöre. Der Streit dauerte dreizehn Jahre, bis derselbe Papst 
1404 die kHäier gegebene Erlaubniss wiederholte. Hierauf 
wui'de die neue Schule wirklich errichtet; aber der Klerus 
bei St Marien setzte mit grOsster. Hartnäclugkeit den Kampf 
fort und brachte es endlich dahin, dass über den Bath und 
die Bttrgenchaft der Bannfluch ausgesprochen und die Ter- 
hasste Schule wieder au%ehoben wurde (1469). Dabei hatte 
der auch sonst den wissenschafUicben Bestrebungen feindlidie 
Papst Paul U. ganz entschieden die Partei der Geistlichkeit 
von Stettin ergriffen*). 

Anders wieder in Mecklenburg. In Wismar trat 
bereits 1279 die Fürstin Anastasia den Patronat über die 
Stiftsschule bei St. Marien an den Rath der Stadt ab, die 
ihr in mancherlei Bedrängniss kräftig beigestanden hatte; doch 
sollten dem noch lebenden Scholasticus Gottschalk seine Rechte 
vorbehalten sein. Dann wurde aber die überraschend grosse 
Gewährung zurückgenommen , nach Gottsehalks Tode ein 
anderer Seholasticus ehigesetst und von Heinrich IL, der sich 
vom Banne des Bischöfe Marquard von Batz^urg (1310—35) 



1) üeber Greifswald Meyer S. 123 f. Vgl. Ruh köpf S. 92 £. 

2) Koch, Gesch. des Lyceams zu Stettin (1S04) S. 7 ff. 



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m. Die StMUiehylen. 



73 



zu lösen wünschte, diesem der Patronat abgetreten. Dei-selbe 
vmachte auch wirklich, das ihm eingeräumte Recht ausxa- 
üben; weil indess der Ausübung Schwierigkeiten entgegen* 
tuten, Qberliees er 1881, mit Zustimnrang des Propstes und 
Capitels, den Patronat dem Rathe, der yfM eben jene 
Schwierigkeiten erhob, und dieser hatte fortan aneh die Be- 
fogniss, den Seholastiens sa bestellen, legte aber die höheren 
Rechte dieses Amtes sich selbst bei, während einzelne Rechte 
dem Scliuliector übertragen wurden, der auch die sonst dem 
Seholastiens zugewiesenen Schulgelder bekam. So kam also 
eine Stiftsschule unter den Patronat einer städtisclien Behörde 
und w^urde im wesentlichen eine Stadtschule. Um dieselbe 
Zeit wird übiigens auch der Nikolaischule zu Wismar als einer 
Kirchspielschule gedacht*). In ähnlicher Weise wurde 1337 
in Rostock durch Herzog Albrecht II. der Patronat und die 
Besetsnng der Marienschule, sobald der zunächst noch lebende 
Seholastieus gestorben sein wttrde, dem Rathe der Stadt auf 
ewige Zeiten überlassen^. 

Die eigenthttmüchen Verhältnisse des Ordens lande s 
Preussen bewirkten doch in Bezug auf das Sti'eben der 
Städte, neue, von ihnen allein abhängige Schulen zu erhalten, 
keine Abweichung von dem, was im inneren Deutschland ge- 
schah. Dies darf sogleich von Königsberg gesagt werden. 
Hier konnte neben der seit 1304 an der auf der Insel Kneiphof 
neuerbauten Domkirche bestehenden Domschule die ffan*- 
schule in der Altstadt nur mit Mühe emporkommen. t)er 
Bisehof Johannes von Samland machte swar 1387 dem Capitel 
sur Pflicht, fär seine Schule einen tüchtigen Schulmeister zu 
bestellen, aber er verbot auch bei Strafe der Ezcommunication, 
bei den Kirehen und Kapellen der Stadt oder auch in den 
Vorstädten und sonst im stadtischen Weichbilde neue Schulen 
einzurichten. Dennoch giündete der Altstädter Rath gerade 
damals eine solche. Dies führte, wie natürlich, zu lebhaften 
Verhandlungen mit den Domherren; aber der Vergleich wurde 
diesmal sehr rasch (bereits 1339; durch eine freilich seltsame 

1) Heyer 8. 121 £ 

2) Mejer 8. 184. 



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74 Dm Znr&cktmoB der «eMmUdi Uerflaleii Sehnten etc; 

schiedsrichterliche Entscheidung des Hochmeisters Dietrich vom 
Altonburg hortMigefOhrt Danach wurde die Altstadt Ktaigs- 
berg in zwei Hftlften getheiH, im denen die eine an die 
Schvle der Hauptkiiehei, die andere an die Sdinle der Pftrr- 
Idxdie gewiesen sein soQte, doch so, dass alle zwei Jahre dn 
Wechsel einträte und die vorher der einen Schule Zugetheilten 
in die andere gehen sollten und umgekehrt. Das Domcapitel 
übernahm es, für die neue Schule einen geeigneten Schul- 
meister zu seliaffen. Weil jedoch in dieser Beziehung Nach- 
lässigkeit geübt wurde, so verglich man sich 1376 dahin, dass 
zwar die über Wechsel im Schulenbesuch getroffenen Be- 
stimmungen auch femer gelten, aber die Bürgermeister da* 
Altstadt das Recht haben sollten, den vom Domcapitel er- 
nannten fiector der P&nsdrale zu prüfen nnd, wenn er tang- 
lich schiene, dem Hochmeister zur Bestätigong zu prftsentireQ. 
Aber schon 1881 gab man den Wechsel im Schnlenbesuche ao^ 
der beiden Schulen nachtheilig war. Zu eigentlicher Blüthe 
ist übrigens weder die eine noch die andere gekommen 

Die lateinische Schule, welche der Hochmeister Winrich von 
Kniprode in Marien bürg errichtete, blieb unter der Aufsicht 
der Grosscomthure des deutschen Ordens; daneben entstand 
um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts eine Singschule 

In Elbing hatte man während des vierz^mten Jahrhunderts 
eine Bathssehule; aber sie wird auch im fünfzehnten Jahr- 
hundert nur bei Testamenten erwähnt, welche Legate fikr „die 
singenden SchOler* oder gelogenflich iQr einen alten erblindeten 
Schnlmeister avssetzen*). 

Eine Stadtschule (Pfarrschule) besass Thorn in seiner 
Altstadt bei St. Johannis, die am Anfange des fünfzehnten 
Jahrhundeits zu einiger Bedeutung gelangte und auch von 
Söhnen polnischer Grossen besucht wurde; dass Nikolaus 
Copernicus ihr seine erste Bildung zu verdanlLeu liatte, darf 

1) Möller, Gesch. des altstädfcischen Gjfiimasiums zu Königsberg I 
(1847) S. 4 flf. 

2) Breiter, Beiträge zur Gesch. der alten lateiniBchen Schule in 
Harienburg (1864). Vgl. Meyer S. 28. 

S) Beaseh, IfHOielm Onapheos I (1868) S. S2. 



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nL Die SlüdMiolan. 



75 



aagenanmMii werden^). Ueber die FCurfBchnle der Neustadt 
bei St Jakobi ist GenanereB nicht bekannt 

In Brannaberg wurde 1408 xwiaehen dem Bathe und 
dem Pfimrer ein Yergleieh dabin getroffni, dass jener den 
Sehnlmeister anstellen, dieser die Aufsicht über ihn führen 
sollte'). 

Wie in diesem Ordenslande, so war auch sonst in den 
weiten Colonialgebieten, wo das Deiitschtlium unter den Polen 
Einfluss und Geltung gewann, der Fortschritt desselben schon 
seit dem dreizehnten Jahrhundert zu einem guten Theile an 
die lar die eingewanderte deutsche Bevölkerung sich bildenden 
Pferrschulen geknüpft. Dass die Polen sehr bald in ihren 
nationalen Intereasen sieh bedroht glaubten, ergibt sieh ans 
einem Statat des Bisehofe Foleo Ton Gndsen von 1287, worin 
dieser den Plebanen (Pfurem) seines weiten Sprengeis rar 
Pflicht macht, Pfurscholen zu gründen, deutsche Lehrer aber 
nur dann anzustellen, wenn sie auch des Polnischen mächtig 
seien 3). In diesem Zusammenhange ist es bedeutsam, dass 
in Posen, das schon vor dem Anfang des dreizehnten Jahr- 
hunderts eine Domscliule besass, aber ei-st 1303 bei der Kirclie 
St. Maria Magdalena eine Schule, und auch nur als Vorschule 
fiUr die Uomschule, gründen durfte, ausdi-ücklich Unterricht 
in der deutschen Sprache für die Söhne der deutschen Bürger 
eingeführt wurde. Der Bector dieeer Schule wurde Hbrigens ' 
Tom Magistrate gewihlt, vom Pkopste der Kirche best&tigt*). 

Sa hohem Grade erfreulich erscheint die Entwicklung des 
Stadtschulwesens in Schlesien, wo das Deutschthum mit 
besonderer Kraft sieh ^oriHMs arbeitete. Sonst ging es im 
Einzelnen wie anderwärts in deutschen Landen. So gewährte 
im Februar 1266 der päpstliche Legat Guido der Stadt 
Breslau, wohin er zu einer Synode der polnischen Bischöfe 

1) Lehnerdt, Geieh. deB Gymnaafanw la Xhom I (1868) 8. S £ 

2) Braan, Gesch. des königl. Gymnasiums zu Braunsberg (1865). 

3) Meister, Die deutschen Stadtschulen und der Schalstreit im 
Mittelalter (Weilburg 1868) S. 5. 

4) Schweminski, Entwurf zu einer Gesch. des königl. Marien- 
Gymnasiums in Posen (1848) S. 3, und Gzwalina, Von den Scholen 
im ehemaligen Polen (1837) S. 9. 



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76 I>M Znrtektrtteii te menffiflli Uerikaton Sdute ete.* 

gekommen war, mit Zustimmung des Bischofs Thomas, der 
in andern Fällen die Rechte der Kirche und seines Bisthums 
sehr eifrig verlrat, die Erlanbmss zur üinriehtong einer Stadt- 
schale bei St Maria Magdalena, und zwar oline die gewQbn- 
liche Beschränkong des Unterridits auf die Elemente, obwohl 
derselbe thatsftchlich längere Zeit nicht über das Triyfnni 
hinausgegangen ist*). Aber noch in demselben Jahrhundert 
kamen noch zwei andere städtische Schulen (Pfarrschulen) bei 
St. Klisabeth (1293) und ])ei der Kirche zum heiligen Kreuz 
(1298) hinzu; eine vierte entstand 1339 bei dem Sandstifte. 
Das fünfzehnte Jahrhundert, eine Zeit grosser Regsamkeit 
für die Stadt, sah noch drei andere Schulen dieser Art ent- 
stehen. Und alle diese Schulen waren, wie aus einem Schreiboi 
des Raths an den Papst Paul II. vom Jahre 1466 hervorgeht, 
▼on Kinheimischen nnd Fremden so stark besucht, dass sie 
fbr das BedfirfhisB kanm anareichten*). Oass dem Ersehof nnd 
dem Domseholaster das Recht der kirehlidien OberaniGdcht 
bliebe Yersteht sieh von selbst; dagegen scheint der Rath das 
Recht, den Rector anzustellen, frtlhzeitig erworben, übrigens 
aber die Schulen bei St. Maria Magdalena und bei St. Elisabeth 
am meisten gefördert zu haben. 

Und auch in andern Städten Schlesiens strebten die 
Bürger nach dem Besitze eigener Schulen ; und solche Schulen 
erlangten Leobschütz 1270, Schweidnitz 1280, Biieg 1292; 
auch Sagau, Grottkau, Reichenbach, Gaben. In Glogau, wo 
1309 eine Stadtschule angelegt wurde, kam es darüber mit 
dem Collegiatstifte su heftigem Streite, der bis za Bann und 
Interdiet ftüirte und erst 1832 dnreh einen Vertrag seinen 
Äbsehlnss erhielt» nach welchem neben andern Bestimmnngen 
anch darober entschieden wnrde, dass in dieser neaen Schule 
dieselben Bücher gebraucht werden sollten, wie in den Schulen 
bei St. Maria Magdalena und Elisabeth zu Breslau In dem- 

1) Schönborn, Beitrage nir Getch« der Schule und des Gymnasiums 
n 8t Maria Magdalena in Breslnn I (1848). 

2) Reiche, Geaeh. des Gymnasinma m St EÜaabelih fai Bresb» I 
(1848). 

8) Stensel, Geseb. Schlesiens 8. 886 £ 



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m. Die Stadtschulen. 



77 



selben Jahre aber, wo der Streit in Glogau entbrannte, erhob 
der Bischof Heinrich I. von Breslau die Pfarrschule an der 
Peter-Paul-Kirche in Liegnitz zu höherem Range, indem er 
gestattete, dass die libh artium grammaticales, logicales, 
natoraleB et alü qaiemiqtte, ad quos audientiam facultas se 
extendit, geleseD worden, wflbiend bisher nur der Donat und 
das Doctrinale gebranclit worden waren. Als Gründe der 6e- 
wahntng beaeiehnet der Bischef selbst die Zunahme der Be- 
YSlkemng in der Stadt und der dort nach höherem Unterriefat 
Verlangenden, sowie den Wunsch, den Gottesdienst der an- 
stossenden Kirche durch eine giössere Anzahl von Sängern 
glänzender zu machen. Nach anderer Annahme freilich hat 
der Rath der Stadt die steten Geldverlegenheiten des pracht- 
liebenden und verschwenderischen Prälaten benutzt, um das 
Zugeständniss von ihm zu erkaufen. Aber mit dem Dcm- 
adudasticus zu Breslan war weniger leicht fertig zn werden. 
Dersdbe nahm das nach kirddicher Ordnung ihm anstehende 
Recht, den Recter der St Petersschnle za emennffii, in An* 
^mch, und der so entstandene Process erreichte sein Ende 
erst im Jahre 1865, indem man sieh, dahin yeiglicli, dass die 
Stadt das Recht der Ernennung, der Scholasticus das Recht 
der Bestätigung haben sollte. Eine zweite Pfarrschule in 
Liegiiitz (an der Marienkirche) scheint erst in den Anfängen 
der Reformationszeit mit der höheren Schule bei St. Peter 
vereinigt worden zu sein 0. — Eine ähnliche Erhöhung wie 
diese Schule ei-fuhr um das Jahr 1420 die Pfarrschule bei 
St. Jakobi in Neisse, wo der Pfarrer und der Rath in freund- 
licher Verbindung zu dem Beschlüsse kamen, an dieser Anstalt 
hinibrt nicht bloss Grammatik und Rhetorik, sondern auch 
Phüosoj^e lesen zu lassen. Besondere Gesetze erhielt die- 
selbe 14d8 durch den Rector Kaspar Brauner; es wirkten 
damals an ihr neben dem Rector zwei Baccalaureen, ein Cantor 
und ein Signator Wie strebsam in den letzten Zeiten des 

1) Eraffort, Qmth. dm evugeÜMhfln Gymmiiimm la Li^giiiti 
(1800) & 48 ai 

2) Kästner, Au der G«Mh. des Ptagymiiaifaiiui in Keine (1865) 
8. 3 £, 7 £ 



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78 ZurücJdreten der wesentlich klerikalen Schulen etc. 



Mittelalters das Bürgertham in Schlesien war, dürfte aneh 
daraus sich ergeben, dass in Jauer um das Jahr 1500 die 
Anordnung bestand, es solle, wer nicht lesen und schreiben 
könne, vom Bürgerrechte fern gehalten werden 

In den westlich angränzenden Lausitzen suchte besonders 
seit dem vierzehnten Jahrhundert die den deutschen Schlesien! 
stammverwandte Bevölkeiung der Städte in gleicher Weise 
emporzukommen. Zu besonderer Blttthe gelangten im vier«- 
zehnton Jahrhundert die Seehsstftdte der Oberlausitz, die be- 
sendeis seit 1846 im Kampfe mit einem seheelsflchtigen und 
ranflnstigen Adel fest zusammenhielten und durch regen Ver- 
kehr einen Wohlstand gewannen, der ihnen auch den Königen 
gegenüber eine festere Stellung gab. Vor den anderen erhob 
sich Görlitz, das bereits in der ersten Hälfte jenes Jahr- 
hunderts neben der Schule der Franciscaner eine andere 
Schule bei der Pfarrkirche St. Nikolai errichtete. Dieselbe 
scheint eine den gehobneren Schulen Schlesiens ähnliche Ein- 
richtung erhalten zu haben; im fun&ehnten Jahrhundert hatte 
sie sechs Lehrer. Unter ihren Schulmeistern zeichnete sich ver 
allen Johannes Franenbuig aus, der 1462 ans Ostpreussen nach 
Görlitz kam, nach einigen Jahren aber Btadtschreibar und be- 
reits 1474 Bnigermeister wurde, ein Mann von ungewittmlidier 
dassiseher Bildung, mit CÜeero, Livius und Sueton wie mit 
Horaz, Ovid, Tibull und Lucau bekannt (f 1491 Zittau 
besass bereits im Jahre 1310 eine Schule in unmittelbarer 
Nähe des Kreuzhofes, worin der Comthur der in der Stadt 
und in der Umgegend zu grossem Besitz gelangten Kreuz- 
herren (Johanniter), zugleich Pleban oder Stadtpfan-er, seinen 
Sitz hatte. Ihm überliess die Stadtgemeinde 1352 in aller 
Form die Aufeicht über die Schule, die ihm zunächst auch 
gebührte, indem man anerkannte, dass er besser verstehe, was 
zum Lehramt teuge; der Schidmeister aber wurde »agßr 
wiesra, Furdit zu haben vor dem Comthur und Glior und 

1) Wattke, Die Entwiekflliii« der Mbunehen VerUltmiBe Sohle- 
Biens I, 88. 

2) Knautb, Das Gymnasium Augusteum in Görlits (1765) 8. 3 iF.; 
Tgl. 0. Kaemmel, Johannes Haas S. 39 £ 



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DL Die Stadtschalen. 



79 



Schule nach Ehren und Weidieit zu halten und auch nach 
Rechte^). — lu der Niederlausitz hatten die grösseren 
Städte wohl auch ihre Pfarrschulen; doch scheint keine davon 
Bedeutung gehabt zu haben. Ftir die Schule in Sorau wurde 
erst 1500 ein kleines Haus erbaut, und 1503 widmete ein 
Capellan der Stadt 80 Schock Groschen zu einer Stiftung, 
von deren Zinsen der Rath einen Magister oder Baccalauiens 
haltfln oder, wenn ein soleher nicht gehalten würde, die Armen 
nnterstntBen sollte^. 

Viel Eifer flir das Sefanlwesen gab sich im Meissner- 
lande nnd in ThOringen knnd^. Das dnrch den Silber^ 
bergbau zu hOberem Gedeihen eiiiobene F reib er g hatte eine 
besondere Schule bereits 1260*). Chemnitz brachte es zu 
Anfang des vierzehnten Jahrhunderts zu einer besonderen 
Schule, Lossnitz um dieselbe Zeit; von Oschatz wissen 
wir, dass es 1365 eine Schule besass. Das als Wohnsitz 
sächsischer Fürsten bedeutende Altenburg hatte in ziemlich 
froher Zeit mehrere Lehranstalten, unter denen die Bai-tholo- 
mänsschole das meiste Ansehen genoss; dagegen richtete 
Torgan erst 1480 eine Schule ein, welcher Friedrich der 
Weise eine Stiftung tOat sieben Chorschfller hiniofOgte, die 
Wobnnng und Heizung als Benefiden erhalten sottten. Im 
Jahre 149S wurde ein neues Schnlhaus fbr die Anstalt erbaut, 
die um 1511 sehr besucht war und auch aus weiterer p]nt- 
fernung Schiller erhielt^). Die Kieuzschule in Dresden 



1) H. Kaemmel, Eäckblifike auf die Gesch. des Gymnasinrns in 
Zittau (1871) S. 8 f. 

2) Kühn, Nachrichten der Sorauischen Schule 1 (1770) S. 9 und 
11 f. Vgl. W Orbs, Kirchen-, Prediger- und Öchulgesch. der Herrschaften 
Sorau und Triebel (1803) S. 267 l 

9) La AUgenwuien siahe Weisse, Moseom der sidisiwehen Ge* 
seUflhte m, 1, 848 it 

4) Miliar, MbSKSsr ChtotSk n, 19. Es w« eine FAandiide bei 
der Marienkirche. Aber der Pfinrer derselben erwirkte noch 1882 ein 
landesherrliches Verbot gegen die Errichtung irgend einer andern Schule 
lieben der seiner Kirche. Vgl. Wilisch, Kirchengesch, der Stadt Freiberg. 

.5) Z. B. aus dem Vogtlande, s. Fiedler, Gesch. der lateiaisohen 
Schule und des Gymnasiums in Plauen (1855) S. 2. 



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so Znrücktretea der wesentlich klerikalen Schulen etc. 

wird zum ersten Male 1452 erwähnt; sie erlüelt später in 
Ludwig Götz von Werdau einen tüchtigen Rector; derselbe 
stand in grossem Ansehen bei Albrecht dem Beherzten, be- 
gleitete als Capellan dessen Sohn ^ liediich zu gelehrten Studien 
nach Siena nnd stand als Geistlicher auch dem Herzog Georg 
nahe. Leipzig erlangte zwar sehen 1395 ein p&pstliches 
Diplom zur GrOndong einer Schule; aber das hartnäckige 
Widefstiebtti der Augustiner-Chorherren bei St Thomas be- 
wirkte, dasB diese Schule (NikoUuschule) w 1511 nicht er- 
öffnet werden konnte^). Das erfreulichste Aufblflhen der 
Schule sah Zwickau. Die erste sichere Erwähnung dieser 
Stadtschule, die neben der dortigen Franciscanerschule sich 
erhob, stammt zwar ei*st aus dem Jahre 1372; aber sie war 
sicher beträchtlich älter und gegen das Ende des fünfzehnten 
Jahrhunderts gelangte sie zu so glänzender Entwickelung, dass 
man ihre Schüler nach Hunderten zählte Im nahen Plauen 
im Vogtlande scheint die etwa seit der Mitte des Amfeehnten 
Jahrhunderts bestehende Schule dem dort begüterten deutsdien 
Orden ihre Entstehung zu Terdahken*). Die um dieselbe Zeit 
aufblühenden Beigstädte Annaberg, Marienberg und 
Schneeberg gaben sich rasch auch Schulen, die bald Wohn- 
stätten des Humanismus wurden — Für Thüiingen kommt 



1) Gersdorf, Beiträge zur Gesch. der UiÜTanitSt Leipzig (1869) 89 
und Lipsius, Die Nicolaischule in Leipzig im ersten Jahrhundert ihres 
Bestehens (1872) 4 ff. Sachse, Das Thomaskloster in Leipzig (1877) 23. 

2) Lehrer an dieser Anstalt war um jene Zeit der spätere berühmte 
Bürgermeister von Görlitz, Johannes Hass, der am alten (ilauben so ent- 
schieden festhielt, Gersdorf, S. 89. Kaemmel, Hass S. 47; Schüler 
Joh. Hess aus Nürnberg, der als Reformator von Breslau so hohe Be- 
deutung erlangte. 

^ Fiedler, Bdtilso mr OeidL der Sladt Ptooen i Y. & 87 £ 
4) üebflTiidit bei H. Kaemmel, Das Sebnlwesen der sichsischen 
StSdte m den letstea Zeiten des Hittelalters, im 39. Bande des Neuen 
Laoattriadisn Magaafai». Zn der dort an^efiibrteB Literatm* sind jetst nach- 
zutragen : im Allgem. Tittmann n, 70 ff., für Altenburg v. d. Gabelentz, 
Die Schalen der Stadt AUeobtu-g vor und w&hrend der Zeit der Refor- 
mation, und die Mittheilungen der Geschichts- und Altertbumsforschenden 
Gesellschaft des Osterlandes TI, 2, fUr Zwickau Hersog, Gesch. des 



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m. Die StadlscliidMi. 



81 



gaas beBondeis Nord hausen in Betracbt. Diese Stadt, im 
Jahre 1220 durch Kaiser Friedrich II. zum Range einer Reichs- 
Stadt erhoben, sah durch denselben auch an die Stelle des 

aufgehobenen Nonnenklosters das weltiiche Mannsstift zum 

heiligen Kreuz jxesetzt, mit welcbeui alsbald auch eine Stifts- 
schule sich verband. Als aber diese der an Umfania:, Volks- 
zahl und Wohlstand zunehmenden Stadt nicht mehr genügte, 
stiess tias Bemühen des Rathes, eine neue Schule (als St^idt- 
oder Parochialschule) zu erlangen, bei dem vom Mainzer Erz- 
bischof untei'sttttzten Stifte auf harten Widerstand. 0])^vohl 
jxm die Borgerschaft 1319 vom Papste Johann XXÜ. eine 
Bulle erwirkte, durch welche ihr Erlaubniss gegeben wurde, 
neben der Stiftsschule eine andere Schule an der Pfiurr- 
kirche St Petri oder bei einer andei*en Kirche der Stadt zu 
erbauen und einen Schulmeister anzustellen, so fügten sich 
doch die Stiftsherren nicht, und in dem dann entbrennenden 
Streite zwischen Klerus und Rürgerschaft, der innerhalb beider 
Stände wieder besondere l'arteiuiig hervorrief und in den 
Kampf zwischen Johann XXII. und Kaiser Ludwig IV. sich 
hineinzog, war die neue Schule ein Hauptgegeiistand der 
leidenschaftlichen Verhandlungen. Als dann 1324 die Bürger 
gegen den Klerus in wildem Tumulte sich erhoben und die 
Mehrzahl der verhassten PMen aus der Stadt gejagt hatten, 
fiel Bann und Interdict auf die Stadt, die von der BOrger- 
schaft erbetene Hilfe des Papstes erwies sich als unwirksam, 
da die benachbarten Fürsten, Grafen und Ritter aus Hass 
^egen die Reichsstadt dem Klerus ihre Unterstützung lieben. 
, und zuletzt (132()) musste die Stadt sich beugen, obwohl die 
vom Mainzer Erzbiscbof Matthias erkauften Bedingungen noch 
als erträglich erscheinen konnten. Allein der Hader über die 
neue Schule dauerte fort'j. Der Rath Hess sie endlich ein- 
gehen und errichtete dafür eine andere bei der Jakobskirche 



Zwickauer Gymnasiums, S. 3fL, 18 fUr Schneeberg Lempe, M. Woli> 
gang Fues (1877) S. 5—7. 

1) För^itomann, Nachrichten tou den Schulen zu Nordhaosen vor 
der Btitbrmuuou b. 4 S, 

Kaemmel, Scho lw M w t. 6 



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82 I>fti ZarOdctmen te woMBlttoh klerikaUn Sdmleii etc. 

in der Neustadt, die bis an das Ende des Mittelalten adi 
eiiiielt» aber in den Wirren des Banemkrieges Tersank. 

In Erfurt, der Metropole ThQringens, hat es die an- 
seheinend ausreichende Thätigkeit der Stiftsschulen bei der 
Kirche Beatae Mariae Virginis und bei St. Sever oder auch 
die üebennaeht des Klerus zur Entwickelung einer besonderen 
städtischen Schule nicht kommen lassen. Die Stiftsherren 
entzogen sich der Pflicht des Unterrichts gewiss auch hier; 
aber an geschickten Lehrmeistern fehlte es doch nicht, und 
fOr sie trat unter Umstanden auch die städtische Behdrde ein. 
In dieser Besiehnng ist die Nachricht einer handschrifUichen 
Chronik ycm Jahre 1839 beachtenswerth: .Es war zwar noch 
keine hbhe Schule in ganz Deutschland, doch fonden sie je 
zuweilen Scholastici und Canonici, welche der Jugend Deutsch, 
Lateinisch, den Catechismum und die christliche Religion 
lehrten; ein solcher Scholaster war im Stift Beatae Mariae 
Virginis an einer öffentlichen Schule und noch andere Clerici, 
die die Knaben im Hause informirten; die nahm dann der 
Eath der Stadt in Schutz, damit das Studiren befördert werden 
möchte*". Schon 1259 wird ein Rector Scholarum St. SoYeri 
erwähnt, der zum Pforrer jener Kirche erwählt worden war. 
- Dass die Gründung der Uniyersität in Erfurt fiir die Sti£k8- 
Bchulen in besonders anregender Weise wirkte, yersteht sieh 
von selbst'). — Andere Städte ThOringens hatten wenigstens 
Pfarrschulen. So bestanden deren drei in Eisenach; die 
bedeutendste war jedenfalls die au der Georgenkirche, in 
welcher Luther unterrichtet wui'de und zum ei^sten Male ein 
Gefühl seiner Kraft gewann 

In dem mit Thüringen längere Zeit eng verbundenen 
Hessen hat es an manchen Oilen Parochialschulen, aber wohl 
nur sehr wenige Stadtschulen im eigentlichen Sinne gegeben. 
Kassel hatte neben der Schule des Martinstiltes allerdings 
nodi drei andere Lehranstalten, in der Altstadt, in der Nea- 
Stadt und auf der Freiheit; aber nur für die beiden ersteren 



1) Weissenborn, llierana I, 5 ff. 

2) Jürgens, Luther I, 273 ff. 



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m. Die StadtBehoteD. 



83 



scheut der Balh eiitfgennaaBeii gemgt za haben, trie er 
«ach die Schulmeister für ^ bestellte, wShrend die dritte 
yoB RIoetor Aneberg unterhalten wurde. Leben kam in das 

Schulwesen dieser Stadt erst durch die Hieronymianer ^). Zu 
Grtinberg im Oberhxhngau scheint zwischen dem dortigen 
Chorlierrenstifte und dem Rathe der Stadt über die Schule, 
wie in so vielen Städten, gestritten worden zu sein ; aber 14G6 
kam es auch hier zu einem Vergleich, nach welchem der Rath 
den Schulmeister einsetsen, der Pfan-er und das Stift aber 
ihn ohne Einspiache annehmen nnd bestätigen sollten, 
es Heikommen von' Alters her" 

In Westfalen hatte die Kirche so lange eine unbe- 
strittene Macht nach allen Seiten ausgeftbt, dass von Ver- 
suchen der städtischen Behörden, eigene Schulen zu errichten, 
kaum die Rede sein konnte. Am wenigsten in den bischöf- 
lichen Städten, wo Dom- und Stiftsschulen, auch wenn sie 
selbst herabgekomnieu waren, das Emporkommen neuer Schulen 
gar leicht zu hindern vermochten. Sehr bedeutsam erscheint 
der Erlass des Erzbisehofe Philipp von Köln (1508— 15) an 
die Geistlichkeit der Diöcese Minden, worin die Emchtung 
einer Schule an Orten, wo nicht eine Stiftskirche sich befinde, 
als nnvemünftig nnd schftdlidi verboten, ja mit dem Banne 
bedroht wird*). Doch sciieint in Dortmund die St Remoldi- 
sdrale, welche q>ftter eine Pflegestätte des Humanismus wurde, 
froh unter städtischem Patronate gestanden zu haben, wie aus 
wunderlichen, doch urkundlich bezeugten Thatsacheu aus dem 
Jahre 1287 zu erkennen ist. Dortmund hatte nämlich mit 
dem Dechanten der Kirche Mariae ad gradus in Köln einen 
Streit über das Präsentationsrecht des Rathes bei Besetzung 
der geistlichen Stellen in der Stadt. Als nun der Process in 
erster Instanz verloren war, beauftragten die als Appellinstanz 
ernannten Commissare neben dem Beetor der Benedictiner- 



1) Weber, Gesch. der sttdtiBchen GelehrteDSchnle la Gwuel (184^ 

a 6 ff. 

2) Meister, Die deutschen Stadtschulen und der SchnlsMt im 

Mittelalter S. 17. 

3) Gersdorf S. 89. 

6* 



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84 Dm Znrttcktroten dar WMeitilich klerikalen Scholen etc. 

kapdle den Eector der St Beinoldischule Meister Heinrich, 
dem Decbaotea die Ladung zuznsteUen. Meister Heinrieh 
begab aicb nun nach KOln, lauerte dort auf ier Tr^pe yor 
Mariae ad gradus dem Dechanten auf und las ihm die Vor- 
ladung nebst der Urkunde Uber Ernennung der Appellrichter 
vor. Er that dies recht eigentlieh im Dienste seiner Stadt 
Uebrigens handelte es sich bei diesem Streite sicherlich auch 
um die Stellung der Schule \). Sehr unbedeutend war die 
Stadtschule in Siegen, wo auch eine dürftige Fraiiciscaner- 
schule bestand. Sie hatte nur zwei Lehrer, den Schulmeister, 
welcher vom Rathe der Stadt um das Schulgeld der Knaben 
und eine Steuer von drei Kädergulden 2u einem Kock ge- 
niiethet war, und einen vom Schulmeister angenommenen Ge- 
sellen. Der Unterricht beschränkte sich ohne Zweifel auf die 
Elonente^. Genauere Nachrichtmi fehlen uns Uber die Schalen 
in Minden, Borken, Ahlen, Warendorf, Osnäbrück, Hamm 
und Soest'). 

Auch in den Rheinlaiiden konnten neben den zahl- 
reichen Lehranstalten au Domen, Collegiatstiften und Klöstern 
städtische Schulen nur ausnahmsweise zu einer gewissen Geltung 
sich erheben. Dies gilt aber von der Schule in Wesel, wo 
bereits 1342 eine lateinische Schule vorhanden war. Diese 
hiess die „grosse" Schule, weil sie mit der „grossen" Kirche 
(der St. Wilbrordi- Kirche) in enger Verbindung stand; aber 
das Patronatrecht fibte der Rath der Stadt, weil sie ans 
städtischen Mitteln unterhalten wurde. Sie gehörte ohne 
Zw^el zu den bedeutendsten Lehranstalten am Niederrhein 
und fahrte Ober die Elemente weiter hinauf, wie dies der 
Wichtigkeit dieser grössten Stadt der clevischen Lande ent- 
sprach , die durch ihren Verkehr mit den Niederlanden aus 
diesen wohl auch in geistiger Beziehung starke Anregungen 



1) Düring, Gescihicbte des Gymoasimiu zu Dortmund I (1872), 
S. 16 1 

2) Lorsbach, Beitrage zur Gfischichte der ehemaUgen latemisclMn 
Schale SU Siegen I (I^IX 8. 7. 

a) Parmet, Bodolf Ton Langen (1868> S. 72. 



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Iii. Die Stadtschulen. 



85 



empfing Keine andere Stadt der Rheinlande hatte ihr 
Schulwesen so unabhänjric: erhalten, weshalh dann auch im 
Zeitalter des Humanismus die grosse Schule von Wesel neben 
der Stiftsschule von Emmerich so einfiussreich werden konnte. 

Indem wir Stadtschulen au£sttfinden suchen, gelangen wir 
rasch in die Landschaften am Oberrhein. Als eine Stadt- 
schule aber hat die Neckaischule in Heidelberg za gelten, 
die vlelleieht noch vor 1200 gegründet war und im wesent» 
liehen vom Rathe der Stadt unterhalten wurde, wenn ihr auch 
Kwei Präbenden von dem reichen Stifte mm heiligen Geist 
Untei*8tützung boten Die Beuriindung der dortigen Uni- 
versität musste für diese Schule von besonderer Wichtig- 
keit sein. 

Das nacli der Auflösung des Ilerzogtliums Schwaben 
in einer so bunten Mannigfaltigkeit von grösseren und kleineren 
Gebieten erscheinende südwestliclie Deutschland hatte zumal 
in seinen Keichsst&dten Stadtschulen in grosser Zahl. Von 
Heidelberg ans neckaraufwArts gehend, gelangen wir zunächst 
nach Heilbronn. Dort wirkte im Uebergange zur neuen 
Zeit (1492—1527) als tttchtiger Schulmann Konfad Költer 
(Kolter), der Lehrer von Oeeolampadius, Schnepf, Leonhard 
Fuchs. Er erklärte seinen Schülern die Komödien des Terenz 
und die Oden des Horaz; als man aber auch Unteiricht im 
Griechischen und Hebräischen von ihm verlangte, zog er sich 
zurück^). Hall hatte um dieselbe Zeit eine uehobenere la- 
teinische Schule. Dagegen wird in Esslingen ein Kector 
puerorum bereits 1279 erwähnt, und damals gab es einen 
Rector scholamm auch in Balingen, einen Schulmeister in 
Reutlingen. Die bedeutendste Stadtschule aber hatte Ulm, 



1) Heidemann, Vorarbeiten zu einer Gesch. des höheren Schul- 
wesens in Wesel I (1853X S. 2 ff., U (1059), S. 2 £f. Wesel, einst freie 
Bai^Mrtidt, tpAter uiter die Hornehaft to Hendge von Giere gekomiiMn, 
bewahrte aoeh in den letiten Zeiten des Mittelalten den Landesherren 
gegesOber eine hat reichsunmittelbue SteUong. 

2) Haats, Geech. der Necburaehale in Heidelbexg (im) S. 8 ff. 

3) Finckh, VeneiduntB der Lehrer an der Gelebrtensehnle «i Heil- 
bronn (1858) S. 2 £ 



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86 Zorücktretep der wesentlieh klerikalen Sehalen etc. 

WO mB Reetor puarorum nierst im Jahre 1294 yorkommt; als 

dann 1383 das Kloster Reichenau der Stadt das Präsentations- 
recht zur Pfarrstelle tiberliess, p:estattete es ihr auch, den 
Schulmeister, den sie bereits seit längerer Zeit präsentiren 
durfte, nach Gutdünken ein- und abzusetzen. Seitdem ge- 
langte die Sjchule zu grossem Rufe und wurde auch von 
Fremden in grosser Zahl besucht. Weil dies jedoch für den 
Rath Veranlassung wurde, jedem, der sieh zfiehtig und ehrlich 
halte, die Aufrichtung einer „gemeinen Schule* su gestatten, 
so brachte dies der Hauptsdrale auch in disciplinarisdier Be- 
ziehung Sehaden; dminoeh behauptete sie ihren alten Rohm 
bis in das sechzehnte Jahrhundert Sehr bezeichnend ist, 
dass Graf Eberhard im Bart 1495 den in seiner Hauptstadt 
Stuttgart wirkenden Schulmeister Hans Wetter dem Ulmer 
Rathe zum lateinischen Schulmeister empfahl, womit er doch 
anerkannte, dass die Ulmer Schule höher stehe; Wetter war 
ein geborner Württemberger, hatte fiilher in Memmingen ge- 
lehrt, dann den Prinzen Ulrich unterrichtet und an der Schule 
zu Stuttgart sich ganz wohl gehalten >). 

Im österreichischen Breisgau entwickelte sieh Freibarg 
im Genüsse bürgerlicher Freiheit und Selbstverwaltung und 
bei roger Gewerbthätigkeit sehr rasch zu fröhlichem Gedeihen, 
80 dass dann auch das Bedüifniss einer besseren Schulbildung 
lebhaft empfunden wurde und in angemessener Weise be- 
friedigt werden musste. So viel steht nun urkundlich fest, 
dass die Stadt noch vor dem Jahre 1271 eine eigene Schule 
hatte, welcher auch die bereits früher herbeigerufenen Do- 
minicaner und Franciscaner keinerlei Concurrenz bereiteten. 
Bass dieselbe aber höher strebte und wirklich eine lateinische 
war, geht aus einer Verordnung des Rathes vom Jahre 1425 



1) Kapff, Zur Geadi. des Uhiier Gjauuriniin I (1858). ist 
«och m dem yoa Maiher, Ans dem ünnenitito- and Gelehrteolebea im 
Zeilete der Refarmation & 9 1 EnSUten genehit 

2) Pf äff, Versuch einer Geschichte des fdehrlen ÜDtenicfats we e eai 
in Würtembeig (1842), gibt S. 6 ff. eine Fülle von Nachrichten über die 
Stadtschulen jener Gegenden, über Stuttgart S. 11 f, über Ulm S. 12 ff. 
Vgl. Holz er, Beiträge zur Gesoh. dee Stattgarter Gymiiaainma I (1864|). 



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m. Di« Stadtschulen, 



87 



hervor, nach der jedermann seine Knaben, die über acht Jahre 
alt sind und j?ehörigen Unterricht ei halten sollen, in die rechte 
Schule und nicht in deutschen Unterricht (die Nebenschule) 
schicken soll. Als Freiburg Sitz einer Univei-sität geworden 
war, musste dies auch dieser Schule zum Vortheile gereichen; 
in ihr hat der beiühmte Rechtsgelehrte Ulrich. Zasios seine 
mte Bildong erhalten^). Belebenden Einflnss aber anf das 
Schidweaen dw ohenrlielnischen Sttdte ftberiiaapt hatte neben 
dieser UniTenität aneh die tod Basel. Wir nranen hier nur 
Breisach, Waldshnty Eonstanz; selbst Ideinere Stildte wflrden 
anzufühi-en sein*). 

Im östlichen Schwabeolande sind vor anderen Kauf- 
benren, Memmingen, Augsburg und Kördlingen der 
Betrachtung werth. Aber es kehren auch hier hat Überall 
die oft berOhrten VerhSltnisse wieder, weshalb wir an dieser 
Stelle uns darauf bescbrftnken, an sie erinnert zu haben ^. 

Die bedeutendste Stadt Frankens, Nürnberg, unter 
den deutschen Reichsstädten südlich vom Main den aller- 
meisten voranstehend, hatte bereits im vierzehnten Jahrhundert 
neben der Schule im Schottenkloster bei St Ae^dien drei 
andere Schulen: bei St Sebald, bei St Lorenz und beim neuen 
Spital. Doch schdnen diese in ihrer Entwiekelung hinter dar 
sonst in dieser Stadt herrschenden geistigen Regsamkeit lurllck- 
geblieben zu sein. Freilich kam es nn Jahre 1485 su einer 
Reform des städtischen Schulwesens; aber der Zustand war 
noch im Anfang des sechzehnten Jahrhunderts niclit erfreulich, 
und als es sich darum handelte, eine dem (leiste der neuen 
Zeit entsprechende Bildungsanstalt zu schatten, fehlte es in 



1) Baver, Die Tonttede der Frriburger L«teteiehnle (18S7) S. 1 fll 

2) Ueber Eonstanz s. Bender, Beiträge zur Gesch. der Studien In 

8) Für daa SehnhrateB dieMr Oefnidiii ist belehrend Sehellhom, 
BiiMgt m EOMmwag der Qeachiohte, beeoftders der lohwibltehen Ge- 
lehrten- nnd EirchengeBchichteOiaaimingen 1778); überMemmingen Stück II, 
8. 120 ff. Ueber Nördlingen sehr befriedigend BeysohUg, Tenoch 
«mar NMlinger Schnlgewshichte (1798) St I, S. 12 £ 



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88 



Das ZarOektretaB dar irMoHlieh klerikalen Sdinlen etc. 



der Stadt selbst an den zm Neubau eifordeilieben Elementen^). 

In den übrigen Städten der Landschaft konnte es an gewissen 

Ansätzen zu einem weiter führenden Schulwesen nirgends 
^anz fehlen; aber bedeutsamere Momente vermöchten wir 
wenigstens nicht aufzuzeigen. 

Mindestens ebenso gut stand es in Bayern, wo doch 
auch die klerikalen Schulen . zumal die Klosterschulen , wie 
schon erwähnt ist, nidit völlig hei'abgekommen waren. Allein 
selbst ttber München fehlt es an Nachrichten, die ein be- 
stimmteres Bild gewinnen Hessen. Wenn dabei Gftnthner, 
dessen Bienenfleiss auch die kleinsten Notizen nidit überaehen 
hat, versichert, dass es im späten Mittelalter kaum ein 
Stadtchen oder einen Markt gegeben habe, wo nicht eine 
lateinische Schule anzutreffen gewesen, und datiir wirklich 
(selbst aus den Hausrechnungen von Tegernsee) manche be- 
achtcnswerthe Beispiele anführen kann ^) , so ist damit die 
Existenz von Stadtschulen in besserem Sinne doch nicht er- 
wiesen. Manche Angabe gestattet übrigens die Vermuthung, 
dass sie auf einen etwas besseren Privatunterricht sich be- 
ziehe, lieber Städte wie Landshut, Straubing, Ingolstadt, 
selbst nber Regensbnrg gebricht es uns an ausreichender Be- 
lehrung. Anch die bischofliche Stadt Eichstädt hatte nur 
eine nothdütftige Stadtschule seit 1308^. 

Die österreichischen Lande waren reich an geist- 
lichen Stiften und Studienanstalten, aber von bedeutenderen 
Stadtschulen ist wenig zu sagen. Wien führt die Entstehung 
(oder vielleicht nur Bestätigung) seiner ältesten Schule, der 
Schule bei St. Stephan, auf die von Kaiser Friedrich Tl. der 
Stadt im Jalue 1237 eith eilten Handfeste zurück, wonach die 
Ernennung des Schulmeistei*s in den Händen der Landsherren 
liegen, die . Wahl der andern Lehrer aber jenem ttberlassen sein 

1) He6rwageii, Zar Gesch. der Nfkmberger Gelehrtenschulea von 
1485—1526 (1860) & 5 iE. Vgl. Ho ff mann, Hans Sachs S. 13 ff. Dass 
man in Nürnberg mathematischen Unterricht haben konnte, einen ander- 
wirts seltenen Artikel, kann nicht aofGalien. YgL GUnthner III, 68 f. 

2) Günthner 11, 68 £ 

3) Sax S. 144. 



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I 



IIL Die Stadtschulen. 89 

• 

sollte, doch unter dem Beirathe umsichti/?er Männer der Stadt; 
aber Stadtschule wurde die Anstalt erst im Jahre 1296, als 
Hei*zog Albrecht L das alte Recht dei- Fürsten in Oester- 
meh , den Schulmeister zu bestellen , der Stadt überliess. 
Ueber die Beschaffenheit des Unterrichts fehlt es an Nach- 
richten. Seit der Stiftung der Universität Wien im Jahre 
1365 begann wie far das geistige Leben Oesterreichs, so auch 
fBac diese Schule eine neue Periode. In d«n die Universitftt 
beetfttigenden Diplome von 1884 wurde Terordnet, daas in der 
alten Schale bei St Stephan der Unterricht in den freien 
Künsten von Tier Meistern ertheilt, einer von ihnen aber 
Rector der Knaben sein sollte; ilue Besoldung sollten sie 
sänimtlich von der gemeinen Stadt erhalten, dem Rector aber 
wurde das Recht wieder zugesiirodien , den Schulmeister bei 
St. Michael und im Spitale zu bestellen, sofern dadurch dein 
Ansehen der Universität kein Abbruch geschehe, ohne seine 
Zustimmung aber dürfe fortan keine nene Schule in Wien er- 
richtet werden^). 

Ausserhalb Wiens beeass z. B. die Doppelstadt Krems- 
Stein eine Stadtschule, über deren Bisdplin die Stadtrechts- 
urkunde Herzog Rudolfs m. vom Jahre 1805 charakteristische 
Bestimmungen trifft und die um 1317 auch von Schülern aus 
Bayern und selbst aus ^'orddeutschland (Altona) besucht wurde. 
Die Stadtschule von Graz bei der Deutschordenskirche zu 
St. Kunigunden am Lee datirte ihren Freibrief • als solche aus 
der Zeit Kaiser Rudolfs I. In Kärnten besassen Klagenfurt 
und Villach seit dem vierzehnten Jahrhundert städtische 
Schulen. Letztere zumal stand in solchem Rufe, dass der be- 
rühmte Arzt und Chemiker Paracelsos es nicht verschmähte, 
dort za unterrichten, und der später in Wien als Professor 
lebende Joachim von Wadt (Vadianus), als Mathematiker, 
Geograph, Arzt und PhOosoph gleich ausgezeidmet, in Villach 

• 

1) T. Gensan, Oeieli. der StUkangen, Eniehniigs- ond Untarieihtg- 
antalten in Wien (1808) S. 1 £ Aschbach, Gesch. der Wiener Uni- 
versität im ersten Jahrhundert ihres Bestehens (1865) S. 7, 40. Vgl. Krön es, 
Gesch. Oesterreichs III, 75. Mayer, Gesch. der geiatigoa Coltur in 
lüiflder^estecreich (1878) I, 84. 8ö ff. 



L 



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90 Dm Zurücktreten 4er veeenHidi klerikalen Scholen etc. 

eine Anstellung saehte and fand. In Kr ain ist in Laibaeh 

eine Stadtschule für das lünizelmte Jahrhundert urkundlich 
bezeugt 

In Böhmen hatte das slavische Volksthum durch die 
Einsetzung des erblichen Königthums (1198), woran sofort auch 
der Gedanke an die Erhebung des Bisthums Prag zu einem 
Erzbisthum und die Auflösung des kirchlichen Verbandes mit 
der Metropole Mainz sich schloss, allmählich solche Stärke 
gewonnoi, dass die Einwandening deutscher Ansiedler unter 
Wensel L und Ottokar n. yon der Mehrheit der Bevölkerung 
eher mit Aerger angesehen als begünstigt wurde. Trotideiii 
Terschafile die Dynastie der Luxemburger, zumal die glänsende 
Regiemng Karls IV. dem deutsehen Wesen immer giössere 
Geltung, und so entwickelte sich auch in den zahlreiclien 
deutschen Stadtgenieinden das städtische Schulwesen ganz so 
wie im Innern Deutschlands. Schon als Ottokar II. den 
deutschen Bürgern, welche die Neustadt Prag anlegten, auch 
dieErlaubniss eitheilte, eine eigene Schule zu gi-ünden, bestanden 
ausserhalb Frag mehrei-e Anstalten dieser Art. Der von Saas 
gesdiieht zuerst im Jahre 1256 urkundUehe Erwähnung, wie 
denn auch eine Urkunde Yom Jahre 1835 ihrer als einer sehr 
alten gedenkt; auch erseheint hier die BOigerschaft ganz be» 
sonders besorgt, durch Stiftungen und Schenkungen aller Art 
sie besser auszustatten; zumal ihre Rectoren bekleideten fast 
ständig die Würde des städtischen Notai-s (Kanzlei-s). Unter 
Karl IV. werden die Schulen von Saaz, Königgrätz, Leitmeritz 
und Laun als besonders hervorragend bezeichnet, wiewohl 
z. B. von der zu Leitmeiitz jede nähere Nachricht Üehlt^). 



1) Die Kremser Urkunde theilt aus dem Original zum ersten Male voll- 
flttndig mit J. Strobl, Die Stidle Kremi imd Stdn im IfiMdate (Jalint- 
b«rieht der Landas-OlMintl- and HuidalMdinle m Knm 1881) 8. M £ 
Yl^ im Uehrifen Eronea m, 75. 0. Zimmermanii, Zur Geteh. der 
denlBdMn BOfswseluile im Mittelalter (1878) S. 6 f. 

2) Katzerowsky, Die Saazer Schule, in den Mittheilungen des 
Vereins für Geschichte der Deutschen in Böhmen XII (1874), 242 f. Vgl. 
L. Schlesinger, Das Urkundenbuch von Saaz, a. a. 0. XI (1873), S. 3. 
Lippert, (reschichte der Stadt Leitmeritz S. 127. Die E^istan» eingeliwr 



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III. Die Stadtschulen. 



91 



Die Errichtung der Univei-sitäi Prag förderte das Schulwesen 
im ganzen Lande natürlich durch die bessere Ausbildung der 
Lehrki'äfte. 

Je höher nun aber die Bedeutung des böhmischen Deutsch- 
thums stieg, desto schüier bildete sich zwischen den beiden 
Nationalitäten der Gegensatz heraus, der schliesslieh auch 
Karte grossartige Sehöpfong, die Universit&t Prag, aeniss und 
im Hassitenstnnne eine fdrelitbare Reactien gegen das Deatsch- 
thun lo^reehen Hess. Ihr erlagen wohl auch die deutschen 
Stadtschnlen zum Thefl, doch Iftsst sieh s. B. die Existenz der 
in Saaz und in Leitmeritz bestehenden auch für diese Periode 
■nachweisen, wiewohl beide Städte, und namentlich Saaz, 
czechisirt wurden Die den Hussitenkrie^^en folgende Zeit 
hat in Böhmen jene in mehr als einer Beziehung ertreuliehe 
geistige Cultur mit durchaus national- czechischem Gepräge zur 
Entwickelung gebracht, auf welche die Böhmen noch jetzt mit 
Stolz blicken. Das Beste haben dabei die böhmischen Biilder 
gethan, die in der zweiten Httlfte des fbnfE^ten Jahrhunderts 
immer bestimmter von den Utraquisten sich lossagten und 
dann auch unter mannigfacher Bedrftngniss ihr besonderes 
Unterricfatswesen einrichteten nnd behaupteten Die Uni- 
▼ersität Prag gewann die frühere Bedeutung nicht wieder, 
übte indess doch auf die Schulen im Lande einen zusammen- 
haltenden Einfluss aus. 

In Mähren, wo das Deutschthum in eigenthümlicher 
Kraft sich behauptete^), kamen die Stadtschulen von Olmütz 
und Iglau zu kräftiger Entwickelung. In Olmütz er- 
richtete der Magistrat bereits 1288 in der Vorstadt Laska 
eine Schule, worin ab«r nur Lesen und Schreiben gelehrt 
wurde; dodi in der Mitte des folgenden Jahrhunderts 

Stadtschulen in Böhmen schon während des dreizehnten Jahrhunderts er- 
gibt sich auch aus der Urkunde bei Palacky, Formelbilcher I, 311. 
F r i e n d , Kirchengesch. Böhmens U, 342 f. behandelt die bache nur ganz 
im Allgemeineu. 

1) lieber ü&au siehe Katzerowsky a. a. 0. 243; über Leitmeritz 
Lippert a. a. 0. 809. 

2) Oindely, Gesch. der böhmiBdien BrAder I, 81. 120 iL 
8) Tgl. Chlnmecky, Karl Ton Zerotin S. 2 £ 



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92 I>M Znr&ekMen der iraMuHkh kteflnlen Sdmlen efee. 

hatte man es bis zum Unterridite In der Grammatik und 
Logik gebellt Das Gedeihen der Anstalt steigerte sieh ioi 

fünfzehnten Jahrhundert, wie auch die Uebertragung derselben 
in die Stadt zur Kirche St. Maiiriz mit Einwilligung? des 
Papstes Paul IL (1465j erfolgte. Allein weiterem (Terleihen 
widersetzte sich der Scholasticus der Domkirche, der in 
Sorge gerieth um den Bestand seiner Schule, und wirklich 
brachte er es 1468 dahin, dass die Schule bei St. Mauriz in 
das Verhältniss eines Filials der Domkirche trat und fortan 
nur solche SchQler aufsunehmen Terspraeh, welche der Bector 
der höheren Schule ihr zuweisen wUrde; Sixtus IV. hat dann 
dem Domeapitel gegenüber der stftdtischen B^örde zu vdl- 
standigem Siege verholfen. Nichtsdestoweniger blieb die Stadt- 
schule im Besitz eines grossen Ansehens; im Jahre 1492 
zählte sie 516 Schüler, und bis in die Mitte des sechzehnten 
Jahrhunderts dauerte ihre Bliithe In Ig] au bestand durch 
das ganze vierzehnte Jahrhundert eine ziemlich gut organisirte 
• Schule unter geistlicher Leitung. Als aber der Unterricht 
derselben vernachlässigt wurde, übeitinig der Rath das Schul- 
meisteramt dem Notarius Kikolaus. Hiergegen erhob dann 
freilich der Pfarrer Einspruch. Indess schlichtete Kaiser 
Karl IV. im Jahre 1B74 den Streit so, dass Nikolaus sehi Amt 
behalten, künftig aber der Bector vom Füari'er, doch nur mit 
Zustünmung der Stadtgemeinde, angestellt werden sollte. Der 
später eintretende Verfall des Prämonstratenserstifts Selau, 
das die Stelle des Pfarrers in Iglau zu besetzen hatte, gab 
dem Rath der Stadt bei der Verwaltung der Schule immer 
grössere Macht. Uebrigens scheint der Unterricht dieser An- 
stalt über die Elemente nicht sonderlich hinausgegangen zu 
sein Von anderen Städten fehlt es uns an ausreichender 
Kunde. 

Ueberau offenbart sich so ein Aufstreben zu einem den allge- 



1) d'EWert S. XV f. 

2) Kluniper, Oesch des Gymnasiums ni Iglan (1S5^ S. 12. 
Werner, Die Verhältnisse des Seiauer Prämonstratenserstifts zu Iglau, 
in den Mittheilungen des Vereins für Gescb der Deutschen in Böhmen VI, 
188 f. Waliner, Gesch. des k. k. Gymnasiums zu Iglau (1880) S. 7 £ 



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HL Die Stadtsdmleo. 



93 



neineren BedttrfiuBSOD'eiitspreehenden UnterrichtsweBen, weQ 
die Uerikatoi Sehukii doch ünmer wieder und Torzugsweise 
den besonderen Standesinteressen dienten und kein lebendiges 

Verständniss von dem, was der Bür^erstand brauchte und 
suchte, bei ihren Lenkern und Lehrern vorhanden Avar. Aber 
bei den so zahlreichen Versuclien, neben den klerikalen Lehr- 
anstalten andere und eigene zu erhalten, blieb man doch 
ftberail in Unklarheit über die Aufgaben, die man sich za 
Btellea hätte, und ttber die Mittel, die aufgeboten werden 
müsstmi. Von aUgemeineD i^dagogisehen Erwfigungen oder 
Gnmdfi&tzen war niemals die Rede. Man findet auch nicht, 
dasB der in dem Tolksthümlichen Schriftwesen zuweilen so 
fitark nnd sicher hervortretende Geist freierer SittUehkeit, der 
gegenüber dem in öder Supei-stition verkommenen Kirchenthuni 
scharf genug sich aussprach, in den Schulen irgendwie wirksam 
geworden wäre. Für diese fand man zunächst doch keine 
besseren Normen und Formen, als der Klerus für seine Schulen 
bisher aufgestellt hatte; ja die besten Lehrer, die für die 
Stadtschulen zu gewinnen waren, gehörten dem Klerus an oder 
strebten danach, in seinen Eeihen eine lohnendere Stellung 
zn erhalten, nnd was sie wussten, das hatten sie in den 
Sdinlen der Kirche gelernt; was sie lehrten, das führte der 
Kirche zn. Ja diese Lehrer fGdilten sich ganz im Dienste der 
Kirche, der sie wirklich auch beinahe Tag für Tag an heiliger 
Stätte bei ihren Cultusacten Unterstützung liehen M. Nichts- 
destoweniger war in den Stadtschulen der Anfang einer neuen 
Entwickelung gegeben. Schon ihr Vorhandensein war ein 
Beweis, dass es mit den klerikalen Schulen niclit mehr gehe 
und ein Neues sich vorbereite, und als der Geist einer neuen 
Zeit mächtig erregend durch die Welt ging, waren an vielen 
Orten Anknüpfungspunkte für wirklich neue Bestrebungen 
gegeben. Uehrigens dfiifen wir für manche Kreise doch an- 

1) Die UnkUrliot über Ziel und Mittel ta den StadUchulen führte 
übrigens doch in manchen Städten noch zu sogenannten ^Beisihuleu" 
(Winkelschulen, Klippschulen). Interessantes siehe bei Nettesheim 
S. 81 ff. Auch besondere Mädchens chulen eaUtanden, doch meist 
als VrivatschuUn, S. Ö4 f. 



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g4 DaB ZnrOekMen dir weioittidi UorUnden Sclmleii etc. 

nehmen, dass, wenn auch bei der Art, wie die Stadtgemeinden 
ihr BedOrfiuBSi neue Schnieii su eriudten, vor den geisttiehen 
BehlKrden begründeten, nur gans fliuBerliche YeibitttBisBe be- 
stimmend za wirken seMenen, doeh eben nur kluge Voisidit 
die Unzufriedenheit mit den klerikalen Sehulen verhODte nnd 
die in vielen Fftllen sehr berechtigten Klagen Ober Fahrlässig- 
keit des Klems zurückhielt. Der Klerus aber hatte zuweilen 
doch wohl auch ein regeres Gefühl von den Unterlassungs- 
sünden, deren er sich schuldig machte, und sein Widerstand 
gegen die Yei'suche, neue Schulen zu errichten, kam dana 
vielleicht nicht bloss aus der Sorge, dass eine die äusserlichen 
Interessen schädigende ConcuiTenz sich aufthun werde, sondern 
zugleich aus der geheimen Furcht, dass die neuen Schulen 
gelegentlich dodi die MOgliefakeit einer tiefeigehenden (Oppo- 
sition darbieten könnten. Und als die Reformation die ganze 
Naüon zu ergreifen begann, da wandte sieh der Gewaltige, 
der sie in Gang brachte, vor allen an die Rathsherren der 
deutschen Städte mit der Aufforderung, dass sie Schulen 
gründen sollten. Wir wissen, welche Bedeutung nun die Stadt- 
schulen gewannen. 

Freilich, so lange diese Stadtschulen im wesentlichen 
doch Nachbildungen der klerikalen Schulen und Ersatz für sie 
blieben, dienten sie doch auch wieder den nächsten BedUrf- 
nissen der bfiigerlichen Krmse nicht. Daraus eigab sich, dass 
man Anstalten zn gewinnen sndite, die den Kindern dee 
Volkes das zunächst Nothwendige, fftr das täc^che Leben 
Brauchbare nahe brachten. Und so entstanden Schuloi, in 
denen man die Anfönge deutscher Schulen, eigentlicher 
Bürgerschulen erkennen kann. In solchem Zusammen- 
hange verdienen zunächst die Schreib schulen unsere Auf- 
merksamkeit. Es war doch von entscheidender Bedeutung, 
dass der Rath von Lübeck zu Anfang des vierzehnten Jahr- 
hunderts vier „Düdesche Scrifscholen" (nach örtlicher Ein- 
theilung auch Kirchspielschulen) errichtete und der Eirchen- 
behörde die Zustimmung dazu abgewann^). Es kann anf- 

1) £. Meyer, Gesch. des Hamburger Schul- und Unterrichtswesens 
im Mittelalter S. 123. 



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m. Di« Stadttolmlen. 



95 



Men, dass Hambmg bis som Jahre 1402 sich Zeit nahm; 
erst damals erwirkte es von Boni&dns IX. die Erlaabniss zar 
Aid^gimg solcher Sdraleii« aber durch lange Jahrzehnte hatte 
es Streit mit dem Scholastiens^). AehnHch war es In dieser 

Zelt mit Braunschweig. Wo aber die Privilegirten nachgiiben, 
da suchten sie diese Schulen möglichst auf das Nächste zu 
beschränken. Indess hatten sich auch die (lateinischen) Stadt- 
schulen bald über Veniachlässigung zu beklagen. Die meisten 
der im 14. und 15. Jahrhundert namhaft gemachten Schulen 
scheinen rein deutsche gewesen zu sein Allein in Hessen 
hatten schon im 13. und 14. Jahrhundert vierzehn Städte 
solche Schulen*). Wo es, besonders in grösseren Städten, zu 
öffentlichen deutschen Schulen nicht kam, entstanden seit dem 
Ende des 14. Jahrhunderts Privatschulen, die man auch 
»deutsche Schulen** nannte, freilieh als Winkeiscimlen streng 
zu beschränken suchte. 

Die Wirksamkeit solcher Anstalten ergibt sich daraus, 
dass das Schreiben beim deutschen Handwerkerstande eine 
fast allgemein verbreitete Kunst war"). Uebrigens schloss 
sich dem Untenicht im Schreiben und Lesen bald das Rechnen 
an, wie mit jenem auch die Anweisung zum Brie&chreiben 
vielfach in Verbindung trat 

Nach allem darf man sagen, dass nach unten hin eine 
weiter und weiter greifende Bewegung ging, welche Uber die 
fom Klerus gezogenen Schranken hinausstrebte und die von 
diesem vemachlftssigten Bedfirfidsse auf mancherlei Weise, 
freilich mit unzulänglichen Mitteln zu befiiedigen suchte. 



1) Meyer S. 144 f. 

2) Kriegk, Deutsches Hürgerthum im Mittelalter. N. F., 112. 

3) Landau, in der Zeitschrift des Vereins für hessische Geschichte 
IV, 275. 

4) 0. Zimmermami, Zar 6«Mh. der deatBchen BQngenchide im 
IGttelalter (1878) 8. 28 iL 



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IV. 

Die Hochschulen. 



Sine ganz andere Bewegong kam in das Untemchtswesen 
Deutschlands dnrch die GrOndnng zahlreicher Hochsdralen. 
Denn obgleich auch sie znnftchst sehr entschieden unter kleri- 

kaleu Eintiuss gestellt wurden, ja in ganz besonderer Weise 
die Yertretiint^; der hierarchischen Ordnung und der dadurch 
bestimmten Ansprüche zu übernelinien schienen, so beprann 
mit ihrer Gründung doch die Emancipation der Wissenscliaft 
von der Bevonnundung der Kirrlie, es begann eine Ent- 
wickelung des geistigen Lebens, die, obgleich sie lange selbst 
Ton denen, die sie förderten, nicht nach ihrer Wichtigkeit 
erkannt und gewürdigt wurde, doch in immer bestimmteren 
Umrissen sich ankündigte. Die Kirche, welche durch lange 
Jahrhunderte Inhaberin und Pflegerin aller wissenschaftlichen 
Studien gewesen war, hatte doch allezeit der Wissenschaft 
allein die Aufgabe gestellt, die von ihr als abgeschlossenes 
System überkommene Summe positiver Lehren zu stützen, zu 
interpretiren, zu entwickeln; das aber, was die Wissenschaft 
irgendwie auf besonderem Fundamente aulzubauen unternalim, 
war nur geduldet und schliesslich, wo es sieh thun liess, 
in den Zusammenhang des sonst Gebilligten aufgenommen 
worden. Aber die Geister, welche die Kirche selbst schulte, 
strebten über die Grenzlinien; die sie gezogen hatte, hinaus; 
man ahnte immer entschiedener, dass ganze weite Gebiete, 
auf denen Denken und Forachen sich bewegen konnte, eine 



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IV. Die üochscholfliL 97 

eigenthümliche Bearbeitung verlangten und Erfolge in Aus- 
sicht stellten, um welche die Kirche sich nie bemüht hatte 
und die doch für strebsamere Geister in hohem Grade be- 
deutsam ersehenen konnten. Indem aber damit und unter 
den Einwirkmigen ftoflserer Verhältnisse det Kreis des Wissens 
weiter und weiter sieh ansdehnte, daefate man freilieh nicht 
danoi, mit dem, was man ohne Anldtung und ünterstQtzung 
der Kirehe gewann, gegen das von ihr Gepflegte in Opposition 
zu treten ; man war vielmehr bereit, eine Verbindung zwischen 
jenem und diesem zu erhalten, durch ein gemeinsames Band 
alle Objecte des Wissens zu verbinden und dafür auch die 
uralte Classification der Wissenschaften, die in den kirchlichen 
Lehranstalten so lange gegolten hatte, festzuhalten. Aber dem 
weitergehenden Bestreben vermochte die Kirche mit ihrea 
Kräften und Mitteln nieht zu folgen; ja der Verfall ihrer 
Lehranstalten mnsste gerade die besseren Vertreter und Lenker 
der Krebe geneigt machen, in dem von den Hochschulen 
Bargebotenen Gaben su erkennen, die für die Zwecke der 
Kirehe in bester Wdse sidi nutsbar machen Hessen. 

Indem wir diese Bemerkungen machen, wollen wir doch 
nicht sagen, dass der Eifer für freiere Bewegung und Ent- 
faltung der Wissenschaft zu Gründung der Hochschulen geführt 
habe ; noch weniger Hesse sich behaupten, dass besondei-s aus- 
gezeichnete, bahnbrechende Männer zu solcher Gründung den 
ersten Anstoss gegeben. Die weltlichen und geistlichen Fürsten 
sowie die städtischen Behörden, welche Hochschulen in's Leben 
riefen, wollten freilich einem tieisn BedOrfinisse der Kirehe, 
flir weldie sie auch sonst thätig waren, gerecht werden und 
handelten in aufrichtiger Schätzung der Wissenschaft, die 
solchem Bedfiriiiisse entsprechen konnte; aber ihfe fttnorge 
trug doch zu sehr einen äusserlichen Charakter und unter den 
Beweggründen, welche sie bei der Gründung leiteten, wirkten 
auch sehr persönliche mit. Indess ist inniierliin anzuerkennen, 
dass in den Stiftungsurkunden ein hoher und edler Geist sich 
ausspricht, welcher in solchen Gründungen ein besondei's 
heilsames Werk erkannte und der an ihren für einen weiten 
Umkreis zu erwartenden Segnungen schon im Toraus innig 



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98 Zurücktxeten der weseoüich klerikalen Schulen etc. 

sich freute. Zugleich treffen alle in dem Gedanken zusammen, 
dass der Kirche ein massgebender Einfluss auf diese Institute 
gebühre, die ja doch auch vorzugsweise von ihr zu den er- 
forderlichen Dotationen ausreichende Mittel erwarten mussten. 
Die Hochschulen für Staatsanstalten zu erklären und einer 
besonderen Aufsicht zu unterwerfen, daran dachten auch die- 
jenigen Ffirsten nichti.wdche ihnen eine lebhaftere Theil- 
nahme zuwandten. 

Bei solcher Anerkomung der kirchlichen Gewalt verstand 
es sich anch von selbst, dass die Stifter der Hodischnlen von 
den Päpsten die Sanction ihrer Stiftungen erbaten, wodurch 
diese erst zum vollen unbestreitbaren Besitze der ihnen zu- 
gedachten Rechte zu gelangen schienen. So hatte denn 
wirklich bereits Clemens VI. dem ihm treu ergebenen Kaiser 
Karl IV. durch eine Bulle vom Jahre 1 347 die Ermächtigung 
zur Gründung dar Universität Prag gegeben; dieselbe Gunst 
hatte Urban V. im Jahre 1B65 dem Herzog Rudolf IV. von 
Oesterreich erwiesen, als dieser in Wien eine Hochschule zu 
gründen unternahm. Und in solcher Weise erfolgte die päpst- 
liche Bestätigung bei allen Universitäten des vierzehnten und 
fün&ehnten Jahrhunderts. Es ist hierbd anzuerkennen, dass 
d|e Päpste, in richtiger Erkenntniss ihrer Stellung und Auf- 
gabe, die sie. als die obersten Beschinner und Pfleger der 
geistigen Gultur in der Christenheit erscheinen liess, die Er- 
richtung der Hochschulen mit Theilnahme begleitet und 
gefördert haben. Vor Allem aber sahen sie darauf, dass diese 
Anstalten von vornherein eine ihr Gedeihen sichernde Aus- 
stattung erhielten, und was in dieser Beziehung von ihnen 
selbst ausgehen konnte, das gewährten sie. Sie bewilligtem 
also bsMnders auch doi dnzelnen Facultäten das Recht, die 
akademischen Grade zu ertheilen, und die den Graduirten 
nach genau bestimmten Normen gegebne Befugaus, ttberall 
in der Christenheit zu lehren, an jeder anderen Universität 
eine Stätte öffentlicher Wirksamkeit zu suchen, war von 
solcher Bedeutung, dass aller höhere Unterricht über den 
Kreis des Gewölmlichen hinausgerückt zu sein schien: die 
Wissenschaft selbst kam dadurch zu allgemeiner, von zu- 



i 

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j 



IV. Die Hocbscbaien. 



99 



fälligen Begrenzungen und Hemmungen unabhängiger Auto- 
ritcät. Die kaiserliche Bestätigung ist der päpstlichen Sanction 
bei der Universität Prag vom Stifter selbst hinzugefügt worden; 
aber für Wien, Heidelberg, Köln, Ei-furt, Leipzig, Rostock, 
Ingolstadt hat man sie nicht als erforderlich angesehen und 
nicht erbeten. Erst Friedrich III. seheint es als eine An- 
gelegenheit der obersten Beiehsgewalt angesehen zn haben, 
nea gegründete Uniyersit&ten za bestiUagmi; er fhat es bei 
Freibnig, Greifewald und Tübingen. Maximilian L nahm die- 
selbe Befiigniss in Anspinich, nnd auf dem grossen Reichstage 
zu Worms im Jahre 1495 hat er an die Kurfürsten die Auf- 
fordemng gerichtet, dass ein jeder in seinen Landen eine 
Universität begründen solle. Es war dann doch von eigen- 
thümlicher Wiclitigkeit, dass er 1502, ohne auf päpstliche 
Zustimmung zu warten, zur Gründung der Universität Witten- 
berg ein Privilegium verlieh nnd die Bestätigung durch einen 
p&pstlichen Legaten mt nachgeholt wnrde. Ebenso that der 
Kaiser bei der Univeisität Frankfurt a. 0. im Jahre 1500 
den ersten Schritt; die päpstliche Bestätigungsbnlle fblgto 
erst im Jahre 1506 

Dass die in den letzten Jahrhunderten gegründeten Hoch- 
schulen für das geistige Leben Deutschlands von ausserordent- 
licher Bedeutung gewesen sind, davon ist kaum sonderlich zu 
reden. Sie waren recht eigentlich Studia generalia, allgefneine 
Bildungsanstalten, die sehr verschiedenen Bedürfnissen ent- 
gegenkamen und, während sie freilich auch wissenschaftlichen 
Zwecken in höherem Grade dienten, vielfach auch unmittelbar 
flkr das Leben vorbereiteten >). Sie wurden ja Sammelplfttze 



1) Vgl. K. V. Raum er, Gesch. der Pädagogik IV, S. 4 ff..(4. Aufl.) 

2) Sehr beachtenswerth die Bemerkung von G ers dorf S. 98 f. Anders 
Bezold in Syhels Histor. Zeitscbritt 1849, I, 5: „Die Scholastik hatte 

Ilm kihaitfln nad eonteqaentestn yflrtntar, dem lOekddiiiloae Con* 
donionm aneh anf die Ungebildeten nirinn kennten, nienalB tai Deataeh- 
Imd gefimden; während in Frankreidi nnd England der Uithen- und 
atnatmeftlnlielie Gedenkengeag efauefaier Philosophen dem grossen PtiUi- 
cam keineswegs Terborgn blieb , vielmehr in seine Sprache übersetit 
Wörde, beetand swiaehen nnaerem Volke nnd der lateiniBchen Katbeder- 

7* 



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100 Bis Znrftcktreten der wesentlich klerikalen 8ehalen etc. 

der icetofartesten wid sMbeamfiten M&nner, die gerade durdi 

die zunftmässige Verfassung der Facultäten, so beengend diese 
in manchen Fällen werden mochte, in einer Weise sich 
gesichert sahen, dass sie getrost und fest den von aussen 
kommenden Anfechtungen entgegentreten konnten. Und diese 
Männer in ihrer Vereinigung brachten die ganze Mannigfaltig- 
keit des Wissens, wie seltsam auch die Formen waren, die 
man zur Mittheilung wählte, far alle strebenden Geister doch 
immer su imposanter Erseheinvng und vielsettigw Anwendung; 
welche fast mit Nothwendigkeit über die annädut gesetasten 
Sdiranken hinanstrieb. Von allen Seiten aber 8tr5mien die 
Lembegiengen zusammen, die Jttnglinge der yersebiedenen 
Stamme erhielten tägliche Gelegenheit, ihre Kräfte zu messen 
und zu ei-proben, und je länger die meisten nach den für den 
Studiengang getroffenen Bestimmungen ilire Studienzeit aus- 
zudehnen hatten, desto öfter gescliah es auch, dass in der 
Menge der Studirenden gereifte Männer sich begegneten, 
w&hrend doch auch wieder eine wunderbare Wanderlust viele 
von einer Universität zur anderen führte und in das Leben, 
das die einzelnen Hochschulen entfalteten« immer neue Be- 
wegung brachte. Dazu kam nun, dass fort und fort an diesen 
Anstalten alle Stftnde üeh mischten: Fttrstensöhne und junge 
Patrieier berührten sich mit Kanonikern, welche die schon 
erlangte Pfründe in den Stand setzte, wissenschaftliche 
Studien zu betreiben, und mit Klostergeistlichen, die ihr Con- 
vent zu solchen Studien abgesendet hatte; fahrende Schüler, 
die von Almosen lebten oder als Abschreiber ihr Brod ver- 



weisheit seiner Hochschulen noch so gut wie gar keine lebendige Be- 
ziehung." Als Lehranstalt heisst die Hochäcliule Studium generale, als 
politiBche Corporation Universitas (studii Pragensis etc.). Studium generale ist 
die regelmässige Beieiehnniig in dv p&pstlidMa Eniehtungsballe; mit 
Besht, denn dar F^wt eniuhtet die LefaMiiBlilt; genarsle, inMtai cue 
seldM Aietatt ftr die gMue MoMdifadt, idclit UoiB illr eile ilnieiBe LMid- 
schaft bestimmt ist Der Aasdruck ünivenitM gilt im Mlgemeinen für jede 
p(^tlMhe Corporation, dann für die Gesammtheit der Magistri und Scho- 
lares. Aber seit dem fünfzehnten Jahrhundert bezeichnet dieser Ausdruck 
die ganze Institution als Lehranstalt und Körperschaft Die BeieichlMlllg 
Universitas Utteraram beruht auf MissTerständniss. 



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lY. Die Hochschulen. 101 

dienten, drängten sich dazwischen und sahen neben sich auch 
wieder bewährte Meister, die als Ftthrer unreife Knaben zur 
Hochschule begleitet hatten. Unverkennbar ist, dass solches 
Zusammenleben, obwohl wieder beschrilnkt durch die Ein- 
richtungen der Bursen und Collegien, die Einzelnen mehr oder 
weniger von peinlich beschränkten Ansichten und Gewöhnungen 
befreite und, wenn sie dafür aaeh mancherlei andere Pedanterie 
cintanachteii, in einen G&bningsproeiess veraetate, der spiter 
' unter anderen YerbAltnissen ibrem Denken und Thun ein 
neues Geprftge gab. 

Indem wir einige Bemei'knngen Ober Yerfassung, Unter- 
rieht und Praxis der deutschen Hochschulen jenes Zeitalters 
für eine andere Stelle uns vorbehalten, versuchen wir jetzt 
noch, aus den Geschichten der einzelnen Anstalten dieser Art 
das für unseren Zweck Geeignete zusammenzustellen. Es 
kann aber dabei nicht unsere Absicht sein, in einer wenn auch 
gedrängten Zusammenfassung von Einzelheiten diese Geschichten 
gleichmässig zu behandeln oder die allen mehr oder weniger 
gleidien Züge wiederiiolt zur Anschauung zu bringen; wir 
dttrto uns vielmehr auf da^enige beechrftnken, was den 
einzelnen Hochschulen einen besonderen Charakter und eine 
besondere Bedeutung gegeben hat>)> 

Als Karl IV., aus dem deutschen Geschlechte der Lntzel- 
burger entsprossen, im Jabre 1346, nach dem Tode seines 
Vaters Johann, die Krone Böhmens auf sein Haupt gesetzt 
und damit die Hen*schaft eines Landes gewonnen hatte, in 
dem slavische und deutsche Bevölkerung noch inmier nicht 
zu rechter Ausgleichung es bringen konnten, schien gerade 
die Errichtung eines Studium generale in seiner Hauptstadt 
Prag einen so weit gebenden und so tief dringenden Einfluss 
gewinnen zu mttssen, dass eine rasche MÜdemng der natio* 
Halen Gegensätze sidi hoffen Hess. Und als der hochsinnige 
Regent auch die Kaiserkrone eriialten hatte» war dem dentsciien 



1) Im Allgemeinen Pauls en. Die Gründang der deutschen Uni- 
versitäten im MitteUkller, in t. Sybeli UisMr. Zeitschrift. N. F. IX (1881J^ 
251 iL 



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102 Das Ziirficktr«teD der weBentiich kkrikalen Sdiülen etc. 

Element ooch auf besondere Weise Zugang in die slavischen 
Gebiete erOfinet; die eigenthfimliche Stellung aber, die Karl 
za den Päpsten einnahm, mnsste wieder dara beitragen, dass, 

entsprechend seinen in der That univei-salen Absichten, die 
von ihm gegründete Bildungsanstalt zunächst wirklich in ihren 
allgemeinen wissenschaftlichen Bestiebungen manche Härten 
der nationalen Gegensätze verschwinden Hess. Und wurde 
nicht (las rasch aufbltlhende Prag überhaupt ein Centrum für 
eine in reicher Mannigfaltigkeit sich aasbreitende Cultur, in 
welcher der Kaiser gern auch dem giossen Bahnbrecher des 
Humanismus Franz Petrarca eine Stelle eröffiiet hätte? Gewiss, 
nachdem die vom Papste Clemens VI. aufgestellte Bulle (vom 
26. Januar 1847) dem Vorhaben Karls die höchste Sanetion 
ertheilt, die Zustimmung der Stände ohne Weiteres sich an- 
geschlossen und Karl IV. zuerst als König von BOhmen durch 
seine Stiftungsurkunde vom 7. April 1348 und dann als 
römischer König durch eine besondere Schrift vom 14. Januar 
1349 Freiheiten und Rechte umfassender Art gewährt hatte, 
war die gedeihlichste Entwickelung möglich, die auch deshalb 
als gesichert gelten durfte, weil er das wissenschaftliche Leben, 
dem er ein so treffliches Fundament bereitet hatte, in keiner 
Weise beengte, vielmehr Alles dem Wirken und Walt^ der 
au^sebotenen Krflite Uberliess. Sein höchster Ehrgeiz aber 
war darauf gerichtet, yon allen Seiten her tnchtige Gelehrte 
und strebsame Studirende in Prag zu versammln und die 
neue Hochschule schnell zu dei-selben Bedeutung zu erheben, 
welche langsam genug die Pariser Universität, ihr Vorbild, 
gewonnen hatte. Sie sollte wie diese eine Bildungsstätte für 
das ganze christliche Abendland werden. Kann es nun auch 
auffallend eracheinen, ilass die so geförderte Bildungsanstalt 
selbst in ihrer blühendsten Zeit fast gar keinen bedeutenden 
Mann hervorgebracht hat, so ist ihr Einfluss doch in der 
zweiten Hälfte des vieizehnten Jahrhunderts ein überaus be- 
deutender gewesen. Vor Allem fbr Deutschland. Denn Deutsche 
gehörten in grosserer oder geringerer Zahl zu den sSmmtlichen 
vier Kationen, in welche die nach Tausenden zu beredinende 
Menge der Studirenden mit ihren Lehrern sich theilte, und 



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IV. Die Uoducholeo. 



108 



die akademischen Grade, welche diese Universität mit voller 
Geltung jfür die ganze Christenheit verlieh, empfahlen ebenso 
in Franken, Bayern und Schwaben wie in Oestei-reich, Kärnten 
und Tirol, ebenso in Weet&len und den Niederlanden wie 
in Thttringen, Meissen nnd Schlesien, ne empfahlen in der 
Schweiz und In Siebenbürgen, in Livland und Finnland, in 
Schweden und Dänemark Ja es ist nicht zu leugnen, dass 
die Deutschen an der Universität eine für das Gefühl der 
Böhmen verletzende Herrschaft ausübten und auch dadurch 
Unmuth gegen sich hervorriefen, dass sie die reichlich dotirten 
Ehrenstellen vorzugsweise sich zutheilten, was noch vor dem 
Concil in Konstanz der unglückliche Hieronymus von Prag mit 
Bitterkeit hervorgehoben hat Aber für Böhmen gmg doch 
auch wieder Ton der grossen Universität viele gütige An* 
regong aus, da ihr alle ftbrigen Schulen des Landes unter- 
worfen waren und sie durch ihren Bector und Rath die Be- 
lugniss übte, im Einverständnisse mit den Gemeindebehörden 
die Lehrer einzusetzen, und diese waren dann meist Baccalaureen 
und Magister, die, wenn sie in Prag keinen Unterhalt fanden, 
zum Schuldienste in Städten und Dörfern des Landes sich 
entschliessen mussten Für die allgemeine Volksbildung war 
dies sicher ein Vortheil; doch die unerwünschte Nothwendig- 
keit, solche Stellungen zu suchen, nährte doch eben jenen 
Hass gegen die Deutschen, der endlich in hellen Flammen 



1) Gerade in den lettten ZeUen vor der Eataetrophe des Jahree 1409 
war dar Zadnng ani dentachen Luden sehr gross, was dorch «Jilreiclie 
Winiftlhdten sich belegen Heese, natftrüeh beaonders stark ans den unter 
der Hemehaft der Latielbiirger stehenden Lansitzen. H. Kaemmal, Bei- 
triige zur Gesch. des Gymnasiums in Zittau im Neuen Lausitrischen Ma- 
gazin 49, 260 undTschiersch, Gesch. des Luckauer Schulwesens (Luckau 
1880) S. 4. Siehe für Lübeck und Hamburg Krause im Programm der 
gr. Stadtschule in Rostock 1875 S. 18 f. und Meyer S. 60 f. Noch 1409 
suchte der Kath zu Ntirnberg durch den ehrsamen INIeister Heinrich von 
Perching, Lehrer der heiligen Schrift in Prag, zwei redliche und fromme 
Meister, die Laien und nicht Priester wären, fUr die Schulen bei St Se- 
bald und St Lorens. He er wagen S. 5. 

8) NatfirUdi beaofgtan soklia Uaglstri in Frag telbtt nieder Sdudan. 
Frlnd, Erchengesch. Böhmens m, 109. 



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104 Dm Zurücktreten der weientUch klenkalen Scholen etc. 

aufloderte. Abei- der leidenschaftliche Ausbruch stürzte die 
Universität in völlige Zerrüttung. Nachdem unter dem Toben 
der Hussiten die theologische und die juristische Facultät, 
endlich auch die medicinische untergegangen und die Ein- 
kaufte uud Guter der Universität last gänzlich verschwunden 
waren, sab diese auf die Facultät der Artisten sich zuräck- 
gebradit, die selbst .nur noch ein Sch«nleben ftthrte. Die 
Universität blieb wohl die höchste Lehrautorität der U^tra- 
quisten; aber zu einem Reformversuche raffte sie sich niemals 
auf, und auch der Humanismus blieb ihr fem. Mit ihrem 
Verfalle kam trauiige Oede in das ganze Unterrichts weseu 
des Landes 

Und schon hatten überall in deutschen Landen andere 
Universitäten unter Verhältnissen, die viel weniger günstig 
waren, eine stetige Entwickelung begonnen. Zu den noch 
in der zweiten Hälfte des vierz^nten Jahrhunderts «it- 
standeoen Anstalten dieser Art kamen im fünfzehnten Jahr^ 
hundert eine ganze Beihe anderer, die, wie schwerfiUlig auch 
die Formen ihres Lehrens waren und wie wenig sie auch im 
Ganzen den tieferen Bedürfaissen des Volkslebens dienten, 
doch immerhin die grosse Bewegung der Zeit durch die von 
ihnen geübte Zucht der Geister und selbst durch den gegen 
die Neueiningen erhobenen Widerspruch beschleunigten. In 
den letzten Zeiten des Mittelalters stand die Univei-sität Prag 
selbst hinter der kleinsten Hochschule Deutschlands zurück, 
und diejenigen, welche unter Georg von Podiebrad ihre Wieder- 
aufrichtung betrieben, erkannten die nächste Hülfe in der 
Berufung deutscher Lehrer« 

1) Tomek, Gesch. der Prager Universität (1849); vgl. Frind II, 
61, 839 ff., III, III f., 116 f., 307 f. Zar Gesch. der Katastrophe Höf 1er, 
Mag. Job. Hus und der Auszug der deutschen Professoren und Studenten 
aus Prag (1864). Besonders wichtig: Monumenta historica universitatis Pra- 
gensis, 4 Bde. Prag 1830—48. Die beiden ersten Bände (I, 1 und 2) ent- 
halten die Acten der Artistenfacultät von 1367^1585, besonders auch die 
FromotioDen, der dritte (II) die Matzikel der üniTeisitai inris^aram aad 
eine Annlil Uifauiden, der Tierle (m) dae qpttcr an^efimdena Statatoi- 
baeh der XJoiYenitftL S. ftner aber den Beradi aoa dem veeffieheB 
Deutschland Nettesheim S. 87. 



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17. Die HochadmliL 



105 



Was Karl IV. in Prag geacbaffen halte, das hoflfte, voa 
lebhaftem Ehrgeiz, aber mgldeh von wahrer Begeisternng fbr 
die Wissenschaft bewegt, Herzog Rudolf IV. von Oesterreich 

in seiner Hauptstadt begründen zu können. Die Stiftuno^s- 
urkunde, durch welche er am 12. Mai 1365, in Gemeinsdiaft 
mit seinen noch unmündigen Brüdern Albrecht und Leopold, 
der Universität in W i e n ein festes Fundament gewährte, sprach 
die edelste Gesinnung aus. Es sollten aber an dieser Hoch' 
schule gelesen, gelehrt und gelernt werden die göttliche 
Wissenschaft, weldie Theologie genannt werde, die natürlieh^ 
moralischen und freien Eftnste nnd Wissenschaften i das 
kanonische nnd das bürgerliche Bedit, -die Mediein nnd andere 
erlaubte Disdplinen. Wenn nun doch P^mt Urban V. in seiner 
Bestätigungsbulle die theologische Facultät ausschloss, so war 
der Grund davon zunächst in den von Karl IV. ausgehenden 
Gegenwirkungen, vielleielitaber auehinden Besorgnissen, welche 
die damals mit besonderer Leidenschaft geführten Kämpfe 
zwischen den Nominalisten und den Realisten in Paris dem Ober- 
haupte der Kirche erwecken konnten, zu suchen ; aber vielleicht 
wirkte auch Misstrauen gegen den fürstlichen Stifter mit, der, 
obwohl er seine Frömmigkeit' durch Erbauung und Aub- 
schmftckung von Kirchen entschieden an den Tag legte, doch 
dem Klerus gegenüber Herr sein wollte in sehiem Lande. Und 
wirklich hat erst Albrecht III. im Jahre 1884 ron Papst Ur^ 
ban VI. die volle Erlaubniss zur Einrichtung einer theologischen 
Facultät erlangt. Einen freieren Geist bewahrte die Universität 
längere Zeit; aber die Scholastik beherrschte doch Alles, und 
das Urtheil, welches Aeneas Sylvins ausgesprochen hat, 
lässt auch für das fünfzehnte Jahrhundert annehmen, dass die 
Anstalt keinen wirklich erfrischenden Einfluss auf die ihr 
zugewandten Länder gewonnen habe. Indess hat der feine 
Italiener, der den Theologen Thomas Haselbach als einen 
wunderlichen Pedanten darstdlt, Worte der Anerkennung ihr 
andere Lehrer dieser Hochschule, und in Marianus Sodanus 
glaubte er für Wien einen Mann zu gewinnen, der als Jurist 
die Bayern und Franken, die Bdhmen und Ungara von Padua 
und Pavia ablenken und nebenbei auch als Historiker, Poet, 



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106 Dm Znrfidrtreteii dw meenflkii Uaiikaleii Sdudoi etc. 

Bedner, Mathmatiker, Musiker, EaUigraph woblthätig wiiken 

könnte. Dass die in Italien gebildeten Mathematiker Georg 
Beuerbach und Johannes Müller von Königsberg) Regionion- 
tanus, denen auch Sprachkenntnisse zu Gebote standen, der 
Universität noch besonderen Ruhm schafften, braucht eben 
nur erwähnt zu werden Auffallend ist es, dass die reichen 
Klöster Oesterreichs die ihnen so nahe Bildungsstätte nur 
wenig benutzt haben 

Dem veetliehen Deutschland grOndete berdts im Jahre 
1886, mit Zustimmung Urbans VL, der Eurfünt Ruprecht L 
Ton der P&lz eine besondere üniversitilt in Heidelberg, die 
durch Marsilius Ton Inghen ebenfoUs nach dem Muster der 
Pariser Hochschule eingerichtet wurde. Sie war von Anbeginn 
eine Burg der streng kirchlichen Scholastik, vor welcher 1406 
auch Hieronymus von Prag weichen musste, wie dann wieder 
die Hussiten in dem scharfsinnigen Dialektiker Johann von 
Frankfurt einen schlagfertigen Bestreiter hatten ; später nahmen 
wieder Heidelberger Theologen, der greise Nikolaus von 
Waehenheim YOran, neben den Kölner Dominicanern an dem 
InquiBitionsprooesse Theil, welchen der Erxbischof Diether Ton 
Midnz ftber den trefflichen Johann Yon Wesel yeihilngte. Was 
gleidi in der ersten Zeit der freisinnige Matthias von Graeow, 
gehalten durch den Kurftirsten Rudolf; in scharfer Opposition 
gegen die Verderbniss des Klerus angeregt hatte, war nicht 
im Stande gewesen, an dieser Universität unbefangene An- 
schauungen zur Geltung zu bringen Wir wissen, dass auch 
Johann Wessel in Heidelberg sich nicht behaupten konnte. 
Wie Jbald nachher doch eben diese Univei*sität dem Humanis- 
mus sich eröffnete, davon ist später zu reden 

Während aber so durch ftu*stliche Stifter weiten Land- 
schaften höhere Lehranstalten eröffnet wurden, fusten auch 

1) Vgl. Aschbach, Gesch. der Wiener üniversit&t im ersten Jahr- 
hundert ihres Bestehens. 1865. S. 479 ff., 537 ff. 

2) Czerny S. 16 f., 25, 33, 35. Im Allgem. Aschbach a. a. 0. 

3) Ullmann, Reformatoren vor der Beformation I, 8. 279 ff. VgL 
818 ff. 

4) Hants, Gcidiklile dar ünivenitlt HAiddbaEg. 2Bliida Mnuh 
hom 1864. 



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IV. Die Hochschulen. 



107 



schon städtische Behörden die Gründung von Uni vei*si täten 
in's Auge. Beinahe zu gleicher Zeit entstand eine solche in 
der „heiligen" Stadt Köln und in der uralten Hauptstadt 
Thüringens, Erfurt. Dort hatten freilich längst schon die 
kirchlichen Schulen in ihren Räumen bedeutende Männer ge- 
sehen: Albert der Grosse, Thomas von Aquino, DunB Seotus 
hatten dort Schaaren von WissbegierigeD um sich Tersammelt, 
und neben der kirchliehen Wissenschait waren daselbst auch 
Mathematik nnd Astronomie, Natoikonde und Medicin gelehrt 
worden; aber erst die im Jahre 1888 unter kaiserlicher und 
päpstlicher Zustimmung eingeweihte Universität gab den wissen- 
schaftlichen Bestrebungen festen Zusamnienschluss. Ihre Ver- 
fassung hatte auch sie den Einrichtungen der Pariser Hoch- 
schule, für deren Tochter sie sich gern erklärte, nachgebildet, 
für reiche Ausstattung aber sorgten Kirche und Stadtgemeinde. 
Dass der in ihr waltende Geist von Anfang an ein streng 
kirchlicher war und fort und fort blieb, daif uns nicht über- 
raschen. Denn obgleich die Stadt in äusseren Dingen ihren 
JSnbischOfen oft hartnäckigen Widerstand entgegensetzte, so 
Mess sie doch wegen der Menge ihrer Kirdien und KlMer 
und Gottesdienste mit gutem Recht das deutsche Bom, ihre 
Dominicaner aber sorgten dafür, dass alle Wissenschaft in den 
sorgsam vorgezeichneten Schranken sich bewegte. Dennoch ver- 
schaffte der Ruf der Stadt dieser Universität, die in Wahrheit 
niemals ausgezeichnete Milnner aufzuweisen hatte, so gi'osses 
Ansehen, dass nicht bloss aus den Gebenden am Niederrhein, 
sowie aus Westfalen und Holland, sondern auch aus dem 
BüdUehen Deutschland und der Schweiz, Ja ans Schottland, 
Dinemark, Norwegen, Schweden und LiTland SchfÜer herbei- 
sogen Wie q^äter die Universit&t als Hanptbnrg der 
Pnnkchpanner ftist plötsBcfa in tiefen Misscredit gefallen, das 
ist an anderer SfeeOe zu berOhren"). — Auch in Erfurt hatte 

1) Nettesheim 8. 87—90. 

^ Bianeo, Ycnoeh efaier Geeefa. der ehemtUgen üidvenitit und 

dar Gymnasien der Stadt Köhl (1833); derselbe, Die alte üniTersit&t zu 
Köln etc. I, 1 (1855); vgl Krafft, Au&eiebiiiiiigeii des sehireiMr Be- 
ünmeton BnlUofer (1870). 8. oben S. 27. 



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108 Dm ZnrficUrtten te wMwtildt VlaritaJati Sckolen eto. 

es lange schon Lebramtalten gegeben, die Aber das Gewöhn- 
liche nm ein Gittsses hinansfahrten und deshalb nngemeiner 

Frequenz sich erfreuten; es war also hier die Vorbedingung 
zu einer Universität vorhanden. Diese aber, erst durch Cle- 
mens VII. , dann durch dessen Gegner Urban VI. anerkannt 
und mannigfach begnadigt, dann 1392 in aller Form eröffnet, 
gewann schon dadorch, dass sie unter solchem Wideratreit 
geboren war, aber auch durch die freie Verfassung der 
Stadt, deren Behörden in starkem Selbstgefühle kaum noch 
einen Sehein der Abhängigkeit vom Mainser Enstifte bestehen 
Hessen, von An&ng an eine Stellang, die sie,, in entschiedenem 
Gegensatze zn den übrigen üniTersitftten nnd am meisten zn 
der doch unter ganz ähnlichen Verhältnissen begiiindeten 
Kölner, neueruden Bestre])uiigen geneigt machte. Zwar hatte 
auch sie in ihren Institutionen einen durchaus kirchlichen 
Zuschnitt, und was an ilir gelehrt wurde, das bewegte sich 
lan^e .aanz in den überlieferten Formen der Scholastik; aber 
nachdem die von Prag herbeigekommenen Professoren und 
Studenten zunächst noch regen Eifer gegen hnssitisches Wesen 
henrorgemien iiatten, standen die Eifiirter mit gani besonderer 
Entschiedenheit nnd Ansdauer com Basler Omefl, nnd sdt- 
dem schien diese UniverBitSt, der von allen Seiten Lern- 
begierige zuströmten, eme Yorkämpferin sn Erwirkung kirch- 
licher Reformen zu werden, damit aber den Vorrang vor den 
übrigen deutschen Universitäten zu erlangen. Wir werden 
sehen, zu welcher Stärke sie der Humanismus gelangen Hess, 
welche Sympathien sie der Wittenberger Reformation entgegen- 
tiiig. Dass sie die Unterscheidung der an ihr Vereinigten in 
«Nationen^ nicht kannte, bei der Wahl des Rectors den Studenten 
dn gewisses Recht gewährte, den Rector in seinem Walten durch 
ein Gonsilium beschränkte, darin hat man Abweichungen von 
dem sonst üeblichen zu erkennen, die wohl auch in wichtigeren 
Dingen eine andere Richtung leichter ehischlagen Hessen i). 

1) Eampschulte, Die Universität Erfurt in ihrem Verhältnisse zu 
dem Humanismus und der Reformation 1. Vgl. Jürgens I, 351 ff und 
Uli mann I, 203 ff. (Johann von Wesel). Bedeutsam sind auch die gleich in 
der ersten Zeit gemachten iStiftungen des M. Amplonios Ratingk de Berka, 



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IV. Die HochBcholen. 



109 



Nicht geiinger Abbruch stand für Erfurt in Aussicht, als 
1403 zu W ü r z b u r g durch den wackeren Bischof von Egloffstein 
eine neue Universität sich erhob. Aber die zur. Ausstattung 
erforderlichen Mittel erwiesen sich als unzureichend, und so 
sank die Anstalt wieder dahin, alt ihr Stifter starb (1411). 
Lehrer ood Sdiolarai gingen dann in grosser Zahl nacJi 
Ertot und trugen so mm AnfblQhen dieser UniTendtftt er- 
heblich bei, die knn yorher efaien kaam geringeren Zawaehs 
ans Prag erhalten hatte. 

Allein die meisten der aus Prag Ausgewanderten waren 
nach Leipzig gekommen, wo Markgraf Friedrich der Streit- 
bare in Verbindung mit seinem Bruder Wilhelm sie als will- 
kommene Güste aufgenommen hatte (1409). Die sofort er- 
öffiiete Universität stellte in ihrer Verfassung ein Abbild der 
Prager dar, hatte also auch die Eintheilung in vier Nationen 
(die meissnische, sächsische, bayrische und polnische), erfuhr 
aber in den nftdistfolgenden Jahrz^ten dnrdi die Landes» 
herren maadie Verbesserungen, wodurch ihr Gedeihen erst recht 
gesichert wurde. Dass diese UniTersität von Tomherein eine 
streng kirehllehe Richtung einhidt, erkl&rt sich schon aus der 
Geschichte ihrer Entstehung, und das Unheil, welches die 
Raubzüge der Hussiten über die sächsischen Lander brachten, 
Hess mit der ganzen Bevölkerung des Landes auch die 
Leipziger Hochschule zu allen Neuerungen eine durchaus ab- 
wehrende Stellung nehmen. Dennoch ging von ihr eine wohl- 
thätige Anregung in das geistige Leben der umliegenden 
Land^aften aus, und in den Anfängen des sechzehnten Jahr- 
hunderts, wo Henog Georg ihr lebhafte Theilnahme zuwandte, 
konnte sie zu den bltthenden Universit&tMi Deutschlands ge- 
rechnet worden. Das Leben der reichen Stadt, in der sie ihre 
'Wirksamkeit entfaltete, trug sicherlich zu ihrem Ged^en 
viel bei Beaditenswerth ist es, wie rasch auch die deutsche 

ttlMT wdiAe Mhr Apri^btadei bd Woitienbora, Aioploiiias Batingk 
de Beritt and stine Stiftung (ESrfivt 1S78). 

1) Zarn ck e, UrkondUdie Qaellen sur Oesch. der ÜDivenitll Leipzig, 

in den Abbandl. der a&cbs. Gesellschaft der Wifls. II (1857)i Acta Rectomm 
Univecailatis itDd.Lips. 1859. Ders., Dm StatatflobAclMr der Univenitit 



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110 Das Zurücktreten der wesentlich klerikalen Schalen etc. 

Bevölkerung der politisch mit Böhmen verbundenen Lausitzen, 
von Prag abgewandt, ihre Söhne nach Leipzig sandte, wohin 
bald auch das Ordensland Preussen mit einer gewissen Vor- 
liebe seine Jugend ziehen liess^). 

Die Grtlndung der Universität Rostock im Jahre 1415 
hftngt mit den Beformbestrebungen zusammen, durch welche 
das Konstanxer Gondl dem IdrchHchen und dem irissenscbaft- 
liehen Leben aafisuhellen g^bte, und wenn Papst Martin Y. 
bei Bestätigung dieser Universität die theologische Facultät 
noch wegliess, so leiteten ihn dabei wesentlich dieselben 
Gründe, welche früher der Universität Wien gegenüber 
Urban V. bestimmt hatten. Wenngleich aber erst Eugen IV. 
(1432) den Rostockeni auch die theologische Facultät zu- 
gestand, so verschafften sie sich doch vorher schon Lehrer der 
Theologie, die an die Aitisten -Facultät sich anschlössen. 
Uebiigens scheint auch die medidnische Facultät keine volle 
SdbständigkMt gehabt zu haben, sondern ebenfalls mit der 
Artisten-Facultät Tereinigt gewesen za sein, wie denn auch in 
Greiftwald, das seine Einrichtungen von Bostock erhitit, die 
Medidner eine Zeit lang zu den Artisten zählten^. Die 
Universität inOreifswald aber verdankte ihre Entstehung dem 
thatkräftigen Bürgermeister Heinrich Rubenow (1456). Zu 
grossem Gedeihen kam sie freilich nicht, und auch die Be- 
rufung des italienischen Juristen Petrus Ravennas brachte in 
die Studien, die er doit vertreten sollte, nicht gerade höheres 



Leipzig aus den ersten 150 Jahren ihres B^tehens, Leipzig 1861; Oers- 
dorf, Beiträge zur Gesch. der Universität Leipzig etc. 1869; vgl I) ro- 
bisch in den Berichten der k. sächs. Gesellschaft der Wiss. II, 60 ff, und 
1849 (Phil, bist Cl.) S. (19 ff. Eine sehr anmuthige Schilderung der Stadt 
Leipzig aus dem Jahre 1524 gibt das Reisegedicht des Micyllus in 
Classens Biographie S. 280 f Manche wichtige Ergänzung bringt das Ur- 
knndenbuch der Universität Leipzig, herausgegeben von Stübel (Codex 
Sax. regiae Bd. Xfy 

1) Prowe, IBoolims CopemicoB auf der ünhrertitit sa Eatan 
a874) 8. 1. 

^ O. Krabbe, Die ünivenitftt Bostock im ftnfkehnten und seeh- 
sdmten Jahrhundert. Zwei Theile. 1^54. Vgl. Er aase im Programm 
der groiMo StMUBchnle ni Bostock 1875. S. 117 f. 



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IV. Die üochschulen. 



III 



Leben M. Dagegen hat Rostock in den letzten Zeiten des 
Mittelalters auf die Ostseeländer und die nordischen König- 
reiche einen sehr bestimmenden Einäuss ausgeübt. 

Die Univenitat zaFreibargim Breisgau sollte nach dem 
StÜtangsbriefe des Enhenogs Albrecht VL Tom 21. December 
1457 seiB ,»em Bnnmen des Lebens, daraus unversiegbar be- 
lebendes Wissen trOstlicher und heilsamer Weisheit zur 

Löschung des verderblichen Feuers menschlicher Unvernunft 
und Blindlieit geschöpft werden könne," und die Rede, mit 
welcher sie am 26. April 1460 von ihrem ersten Rector 
Andreas Hummel eiiiL^eweiht wurde, athmete einen so frischen 
Geist, dass sie sofort in neue Wege einlenken zu können 
schien. Auch hat sie, obwohl anfangs nur über beschränkte 
Lehrkräfte verfügend, länger als ein halbes Jahrhundert durch 
ansgesdchnete Lehrer Bnhm erworben und Einfluss getbt ^. — 
Die in demselben Monate zu Basel ert^ffhete Universität stand 
gewissermassen noch unter den Nachwirkungen des dort ge- 
haltenen Concils und war durch Papst Pius IL, der als Aeneas 
Sylvius dort eine so eigenthümliche Wirksamkeit geübt hatte, 
zum Besitze aller überhaupt wt\nschenswerthen Rechte gelangt; 
auch war der Rath der Stadt, wenn auch durch die Be- 
schränktheit der Mittel gehemmt, darauf bedacht, sie zu ge- 
deihlicher Entwickelung zu biingen, wie er denn selbst 
italienische Juristen berief. Aber zu höherer Bedeutung 
brachte sie es doch nicht, nnd als die Stadt 1501 dem 
Schwelzerbnnde beigetreten war, trug wohl auch dies zur 
Hemmung der Entwickelung bei. Hat doch selbst die Reg- 
samkeit der Humanisten, die später um Erasmus dort sidi 
sammelten, und das Schaffen der grossen Buchdrucker, die 



1) Kosegarten, Die Gesch. der Universität Greiftwald. 2 Binde» 
1857. Ueb« Petras BaTenoAS Mather S. 70 1, 107 £ 

S) Biegger, de origine et institutione acad. Frib. in seinen Opusculis 
ad bist, pertinentib. 1773; ders., Analecta acad. Frib. 1779. Schreiber, 
Geschichte der Stadt und UniTonitlt Freiburg. Brei Theile. 1857. Vgl 
Asehbach & 237. 



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112 I)m Zar&cktreten der wesentlich klerikalen Schulen etc. 

den Namen der Stadt weithin verhen'lichten, dieser Universität 
nicht bleibenden Nutzen gebracht^). 

Unter den günstigsten Auspicien führte sich die Universität 
zu Ingolstadt in den Kreis der deutschen Hochschulen 
ein. Noeh nuUen unter Kriegawirren erwirkte Herzog Ludwig 
der Beiehe tob demselben Pi^^te, dem Basel so grosse Quast 
verdankte, und in demselben Jähre 1459 die Eriaubniss zur 
Errichtung einer Universitftt ftkr Bayern. Freilich hinderten 
ihn dann doch die ftussermi VeiitSltnisse an der Ausföhrong, 
und erst im Jahre 1472 ei-folgte sie; aber es geschah seitdem 
das Mögliche für reiche Ausstattung: der Anstalt, die im 
Ganzen ihre Verfassung nach dem Vorbilde der Wiener ge- 
staltete. Wenn nun doch auch Ingolstadt von Anfang an 
durch die Zänkereien der NominaUsten und Realisten bewegt 
wurde — Herzog Ludwig musste nachdrücklich zur Ruhe ' 
mahnen — , so gewann die Universität doch Bxd und Geltung, 
und im Uebeigange zur neueren Zeit schi^ de audi durch 
Aufiiahme humanistischer Bestrebungen ihren Namen weiten 
Kreisen empfehlen zu wollen*). 

In demselben Jahre, das für Bayern eine Universität ent- 
stehen sah, erhielten die westlichen Landschaften Deutschlands 
eine andere in Trier durch den Erzbischof Johannes II., nach- 
dem schon achtzehn Jahre früher dessen Vorgänger Jakob 1. 
unter äusserlich sehr schwierigen Verhältnissen die zu solcher 
Gründung erforderliche Genehmigung erlangt hatte; Papst 
Sixtus IV. fügte dann 1474 Privilegien und Pfiilnden hinzu.- 
Zu grosserer Bedentang ist diese Hochschule nicht gelangt 
Auch die 1477 in Ifainz begrfindete üniverrität ist zu 
reicherer Entwickelung nicht gediehen. Der Erzbischof Diether, 



1) Vischer, Gesch. der UniTerBität Basel von der Gründung 1460 
bis rar Beformation 1529. Baad 1860. Tgl. Janssen, Geschichte des 
denCseben Volkes I, 66 £ 

2) Die Annales Ingoist von Mederer sind entbehrlich geworden 
durch Prantl, Gesch. der Lndwig- Mstrimfliaiw - Universitit in Iqgolsfeadt^ 
Leadshiit, Mbnchcn (1872, 2 Bde.), doch nennen irir daneben noch Stadl- 
bauor, üeber die Stiflang nnd llteste Tecfimong der üntfenittt higol- 
stadt 1849. 



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IT. Die Hödttehnlfln. 



113 



dem sie ihre B^tstehung sn daiiken hatte, ist ftbel berufen 
durch den gegen Johann von Wesel 1479 eingeleiteten Keteer- 

process ; aber böse Uebertreibung ist doch wohl, wenn man 
ihm nachsagte, dass er kaum zwei Worte lateinisch zu sprechen 
gewusst*). Die oben berührten Geldverlegenheiten des Ei-z- 
stiftes, welche in der darauffolgenden Zeit eintraten, hinderten 
wohl auch das Emporkommen dieser Anstalt. 

Anders stand es von vornherein mit der Universität 
Tübingen, welche in demselben Jahre wie die zu Mainz er- 
öfikiet wurde. Ihr Stifter, Graf Eberhard im Bart, nachmals 
der erste Heizog von Wflrtemberg, hatte ihr von Sixtus IV., 
dessen Name auch für Trier nnd Mainz bedeutungsvoll ge- 
worden ist, ziemlieh grosse Einkünfte ausgewirkt und fügte 
dann aus eigenen Mitteln ansehnliche Gewähi-ungen hinzu. — 
Fönnliche Statuten erhielt die Hochschule ei-st 1481 und in 
neuer Bearbeitung 1491. Sie war im Wesentlichen nucli der 
Verfassung der Universität von Bologna eingerichtet. Ein 
Pädagogium als vorbereitende Untemchtsanstalt hat Eberhard 
nicht gegiündet Der Gegensatz zwischen Nominalisten und 
Realisten bewegte auch hier zunächst die Geister hundertfach, 
ohne rechte Wirkung filr lebendige Bildung; auch die Yon 
Gabriel Biel (gestorben 1495) ausgehenden Bewegungen dürften 
nidit gerade tief gegangen sein. Aber der Anüuig zu kräftiger 
Entwickelung war gemacht, nnd als der Humanismus auch hier 
zu bestimmendem Einflüsse gelangte, kam frischere Bewegung 
in die Studien ä). • 

Andere schien doch in Wittenberg das wissenschaftliche 
Leben sieh entfalten zu können. Als dort im Jahre 1502 
Kurfürst Friedrich der Weise, in besonderem £inverständni8S 
mit Kaiser Maximilian, aber zunächst in einer gewissen ün- 
abhängigkeit Ton päpstlicher Genehmigung, eine Universität 

1) üllmann I, 313 flC 

2) Dies ist ein Irrümm von Bük in seiner Geech. der UnifenitStm 
Tabingen (1774) S. 24 ff. 

3) Eisenbach, Gesch. der Universität Tübingen. 1822. Vf^l. Ileyd, 
Melanchthon und Tübingen. 1859, wo besonders anziehend auch die Mit- 
thciiungen über den Mathematiker und Astronomen Stöffler 8. 52 fi'. 

Kaemmel, Schulwesen. S 



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XX4 Zurucktreieu der wesentlich klerikalen Schnlea etc. 



begründete, folgte er den Anregungen von Männern, die dem 
Humanismus nahe standen oder sonst als Vertreter einer 
freieren Richtung gelten konnten; auch fehlte es unter den 
ersten Lehrern dieser Hochschule nicht au freisinnigeren Ge- 
lehrten, welche die kleine und dürftige Stadt zu einem Sitze 
lebendig wirkender Studien machen konnten; der Humanisnuig 
aber hatte niiigends so £eete Stützpunkte als in dieser Stiftung 
des weisen Kaifttrsten, welcher selbst von TbeUaabBie fEür 
das, was toh jenem gehofft werden darfte» eiftllt war« Aach 
in ihrer Yer&ssung, die der von Tübingen nachgebüdel war, 
lag Manches, was freieres Aufstreben gestattete. Aber i^inzend 
waren die Anfänge doch nicht, und es gehörte die wunder- 
barste Verkettung der Dinge dazu, um dieser Universität eine 
die weitesten Kreise ergreifende Wirksamkeit möglich zu 
machen. Zur Universität der Albertinischen Lande war wohl 
Yon Anfang an das Verhältniss ein etwas gespanntes; aber 
auch auf Eifurt sah man in Wittenberg mit einer gewissen 
Eifersucht, während Ingolstadt, wohin auch Sachsen gingen, 
mit Wittenbelg in freondlicher Verbindung gestanden sn haben 
scheint; wir wissen, dass eine soldie Eck unterhielt^). 

Als Eurfitrst Joachim L Ton Biandenbuig 1506 su Frank- 
furt a. 0. eine Unirmitat gründete, war zunächst auch die 
Behauptung gerechtfertigt, dass sie zur Pflegestätte fi-eierer 
Studien werden würde. Aber sehr bald hatte Eitelwolf vom 
Stein, der treffliche Rath des Kurfürsten, der bei der Grün- 
dung eifrig mitgeholfen Imtte, Ursache zur Klage, dass das 
alte Wesen doch die Oberhand gewinne^). Indess war ein 
bedeutsamer Anfang doch auch doit gegeben. 

Immerhin hat man auch bei so flüchtigem Ueberblick das 
Gefbhl, dass diese Hodischulen alle reichen Samen der J^- 



1) Grostmann, A]iiialeBd«rüiiivenitatVnttenbeigBd.l; Forste- 
ttaan, Album ActdoniM ^ ab «. 1502—1560 (1S41); Mntber, IHe 
limaibcffer üniftnlllli- und FicahatiBtatatt von Jtbn 1506 (1867); 
derselbe, Aus dem üntnnitftts» und Gelehrtenlebea im ZeiUllsr der 

Reformation (1866); Jürgens, Lmberll, 182 ff. Anziehendes bietet auch 
Scheurls Brief buch, herausgegeben von Soden and Knoroke I (1667). 
. 2) StransB, Hotten & 37 iL 



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IV. Die HochichiiteB. 115 

* 

duDg ausstreuen und das ganze geistige Leben unseres Volkes 
in nachhaltigster Weise bestimmen konnten» und in Zeiten« 
wo weit omher der Büdungsdrang so gross, so gewaltig war 
und immer mtschiedener die lange festgehaltenen Sehranken 
nnd Formen zu durchbrechen begann. Bfan kann es wohl 
beldagen, dass unsere UniTersit&ten diesen Drang nicht besser 
verstanden, nicht wirksamer befriedigt haben, dass sie mehr 
oder weniger alle die alten Traditionen mit Zähigkeit fest- 
hielten, ja selbst mit Leidenschaftlichkeit vertheidigten, 
während sie schon durch ihre corporative Verfassung die 
Möglichkeit eines kräftigen Auftretens und unter Umständen 
einer unwiderstehlichen Kraftentfaltung zu haben schienen. 
Aber die Macht der Tradition war doch zu stark, die 
GreltUDg der iiierarchiBchen Autoritäten su fest gcgrilndet 
nnd die Zahl der unabhingigen Geister unter der Menge der 
trflgen und sehOchtemen Gewohnheitsmenschen zu genng, als 
dass eine zusammenh|agende und durchgreifende Bewegmig 
hätte entstehen kdnnen. Wir müssen uns auf die allgemeine 
Anerkennung beschränken, dass durch die Universitäten jener 
Zeiten doch Hunderte und Tausende geschult, auf hohe Auf- 
gaben hingeleitet und zu einflussreicher Wirksamkeit für 
Kirche, Staat und Leben befähigt wurden. Auch in späteren 
Zeiten ist es den Universitäten nur ausnahmsweise beschieden 
gewesen, das geistige Leben unsmr Nation entscheidend zu 
bestimmen. 

Wie mannig&ch doch die Anrngnngen waren, welche auf 
strebsame Naturen Yon unseren Uniymitäten auagingen, davon 
zeugt, dass fort und fort viele junge Männer durch sie darauf 

hingeleitet wurden, über das Mass des im Vaterlande Ge- 
lernten hinaus wissenschaftliche Bildung an den Universitäten 
des Auslandes zu suchen. Bei manchen wirkten freilich auch 
Wanderlust und abenteuerlicher Sinn, und gewiss hat Sebastian 
Brant recht, wenn er in seinem Narrenschiflfe seinen Spott 
auch über die Jünglinge ausgiesst, die nicht blos an deutschen 
Univei'sitäten sich henimtreiben, sondern auch nach Frankreich 
und Italien, ja über das Meer gehen, wo sie doch, statt etwas 
Tüchtiges zu lernen, nur mit dem Studentenkleide und dem 

8* 



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116 Das Zurllclrtralen der wesentlich klerikalen Scholen etc. 

Magisteromate prunken und sonst mit nnnfitEen Dingen sidi 

beschäftigen. Es wäre eine sehr belohnende Aufgabe, darro- 
stellen, wie gross auch noch in den letzten Jahrhunderten 
des Mittelalters die Neigung der Deutschen gewesen, in Paris 
die Studien abzuschliessen , wo doch die Scheinwissenscliaft 
der Scholastiker besonders anspruchsvoll aultrat und die Ver- 
derbtheit der studirendeu Jugend sehr Übel wirken konnte*). 
Im zwölften und di'eizehnten Jahrhundeit hatte freilich Paris 
zumal auf das nOfdliche Deutschland ^nen ausseroidentlidien 
EinflusB gewonnen. Eine Beihe von BischiSifen jener Zeit hatte 
dort zu einflussreidierer Thätigkdt steh Yorboreitet: Vieelin 
yon Oldenburg, Henrich von Lttbeck, Eonrad Ton Hildeshelm, 
aber auch Otto von Freising und Daniel von Prag; und gewiss 
darf man es mit dem vielfachen Besuche der Pariser Hoch- 
schule in Verbindung bringen, dass die Verehrung der heiligen 
Katharina, die zu den Patronen derselben gehörte, zu jener 
Zeit fast in allen Städten der Niederlande und des nördlichen 
Deutschland eingeführt worden ist und in Kirchen, Kapellen, 
Klöstern, Festen sicheren Anhalt gewonnen hat Allein der 
Einfluss der Umversität Paris reichte bis in die letzten Zeiten 
des Mittelalters herab und war besonders auf die westlichmi 
Landschaften sehr gross. Erasmus kannte als JQngling kein 
grösseres GlQek, als Paris besuchen zu kdnnen"). Andere 
französische Universitäten kommen ftlr diese Zeiten weniger 
in Betracht. — Um so beachtenswerther erscheinen die 
Wanderungen nach Italien, vor Allem nach Bologna. Sie 
hatten sehr früh begonnen und dauerten, wie bekannt, weit 



1) EfaM Scldldamng dieses Lebens in (Ptoendo-) BoeOia über de Seho> 
laiiom disdplina, das wohl um die Bßtte des drdiehnten Jahrbnnderts, 
nadi Obbarins aber, in derPkaeblio sa seiner Ausgabe des Boetidns de 
oonsolatioiie pUk». p. XIX, bereits «m Ende des zwölften Jahrhunderts 
entstanden ist. YgL Daniel, Qsssische Studien in der dnistUehen Ge- 
sellschaft 104 ff. 

2) D. Meyer, Beitrag zur C'iilturgesch. der Stadt Osnabrück (186S). 

3) Budinszky, Die UniversitiU Paris und die Frenden an derselben 
im MitteUater. Berlin 1876. 



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lY. Die Hochschulen. 



117 



Uber das Ende des Mittelalters fort^). Im Jahre 1908 ver- 

ordnete das Domcapitel in Münster, um eine bis dahin be- 
obachtete löbliche Gewohnheit nicht in Abgang kommen zu lassen, 
dass fortan kein Canonicus emancipirt werden solle, der nicht 
mindestens ein Jahr lang zu Paris oder Bologna oder in einem 
anderen Orte der Lombardei oder Frankreichs dem Uni- 
versitätsstadium obgelegen habe; später hat man die Ver- 
pflichtmig auf zwei Jahre ansgeddmt'). Der Püslzgraf Johann, 
dn Enkel des Eömgs Bnprediti 1464—1475 Erzbischof von 
Magdebnig, hatte mehrere Jahre in Bologna ernst und still 
den Stadien obgelegen and erwies sidi in hoher geistlieher 
Stellung durchaus musterhaft 3). Eine Zeit lang schienen 
Pavia, Padua, Ferrara zu gleicher Bedeutung mit Bologna zu 
kommen. Als aber der Cardinal Bessarion die Universität 
Bologna wieder aufgerichtet hatte, erneuerte sich die Geltung 
derselben, namentlich fUr die juristischen Studien; der doit 
erlangte Doctorhut galt als besonders wei-thvoll. Gm machten 
dort, wie in andei-en Städten Italiens, die jungen Deatsehen 
Bftcherdnkftofe fttr sieh und andere'). An Stipendien nnd 
anderen Untersttttroogen za wissensefaaftlichen Reisen nadi 
Welsefaland fehlte es nieht*). 

Der Besneh der Universitftt Ldwen im Westen, der Uni- 
vei-sität Krakau im Osten durch Deutsche war ein zieuilicli 
bedeutender und ist einer gewissen Berücksichtigung werth. 
Die erstere, eine Tochter der Kölner, konnte für die nieder- 
rheinischen Landschaften Anziehungskraft genug haben; nach 
Krakau zu gehen war den Studirenden aus den deutsch- 
polnischen and deotsch-bohmischen Gebieten nahe gelegt 

1) Für die frühere Zeit Tittmann, Heinrich der£rlaucbte II, 74 f. 
Günthner I, 228 ff. 
8) P arm et S. 47. 
^ Bathmanii m, 17<L 

4) Watteabaeh, Das SchriftweMii das Ifittalstet & 807 Otto, 
CocbUos S. 57 mid 100; Sehenrl» Brietbach 1, 8, 88, 84. 

5) VgL ftr NOmberg Sehearl Briefbach 8; ftr Zwickan Hersog, 

Oesch. des Zwickauer Gymiiaaiams S. 9. 

6) Ueber Löwen Gramer, Gesch. der Erziehung und des Unterrichts 
in den Niederlanden S. 314 iL und de Bam, Conud^ratioiia ^nr riiist. de 



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118 Dii Zurücktreten der wesentlich klaikalen Schulen etc. 

Gewiss haben vnr ansoerkeimeD, dass in den Stadtschulen 

auf der einen und in den Hochschulen auf der anderen Seite 
das Bedürfniss sich kund gibt, über die engen Kreise, in 
denen die klerikalen Schulen sich hielten, hinauszukommen; 
aber eine Emancipation von der Kirchengewalt war dabei 
nicht in's Auge gefasst. Wir erkennen dies in allen denkbaren 
Beziehungen, wenn wir das Unterricbtswesen des späteren 
Mittelalten im Einaelnen betraditen, uaeh den Männern, die 
den ünterrieht besorgten, nadi den Gegenständen, welehe 
dieser darbot, nach dem Veilaliren, das dabei zur Anwendung 
kam. Es ist fiberall durch Jahrhunderte eine wunderbare 
Stetigkeit der Tradition, eine üniformität, die in manchen 
Beziehungen bis auf das Kleinste sich erstreckt, eine Schwer- 
fälligkeit, die auch das Abgestorbene nicht zu beseitigen wagt. 
Umbildungen fanden freilich statt, aber sie geschahen fast 
unmerklich und nur in Einzelheiten. Von principieUer Ver- 
schiedenheit der Auffassung war niemals die Rede. 

Wenn man den Klems des Mittel altei-s als Lehrstand 
denkt, so ergibt sieh ireilieh auch sogleich, dass er bei seiner 
durch weite Länder gehenden Geschlossenheit, bei stiner allen 
Wider^ruch leicht niederkämpfenden geistigen Ueberiegenheit, ' 
bei dem sehien Bestrebungen immer wieder entgegengebrachten 
Vertrauen auch in den von ihm begründeten und geleiteten 
Schulen Alles auf sich bezog, seinen Interessen gemäss ein- 
richtete. Dass die seinen Schulen zugeführte Jugend allgemein 
menschliche Bildungsbedürfnisse habe, dass für engere und 
weitere Ki*eise nach besonderen Verhältnissen auch in be- ; 
sonderer gesorgt werden könne, dass jeder Christen- 1 

mensch zu einer gewissen Erhebung jUber die Sorge undl 
Qual des gemeinen Lebens gebracht werden mOsse, daran ist^ 
sdten gedacht worden. Wir verkamen gar nicht, dass der 
Losung soldier Aufgaben sehr grosse Schwierigkelten sich 
entgegenstellten, dass die Massen in geistiger Trägheit oft 
kein Verlangen hatten nach dem, was geboten werden konnte, 



l'univ. de Louvain (1425 — 1797) im Annuaire de l'univ. de LouTain 1854; 
über Erakaa Prowe, Nie Gopeniiciu auf der UniTerutM Krakau S. 8 £. 



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• 



jy, IMe Hoducfaaltti. 



119 



daas die Hftnpter der feudatea LebeDsordnuogen manche 
geistige Etn^rirkungen kaum ziigelassen hätten, dasa aneh 
Fftrsten nnd Herren lange selbst ftr edlere Anregungen sieb 
nnzugäDglich seigten ; aber dennoeb halten wir den Tadel für 

gerecht, dass der Klerus, obwohl mehr als einmal zu ki^gem 
Aufstreben erregt, doch über gute Anfänge selten hinaus- 
gekommen und von den Mitteln, die ihm zu Gebote standen, 
den entsprechenden Gebrauch nicht gemacht, schliesslich immer 
wieder vorzugsweise die Anliegen der Corporation bedacht 
habe. Dies that er nun auch später noch, als neben den 
eigentlich klerikalen Schulen Lehranstalten entstanden, die in 
neue Bahnen emzutreten sehienen: er verhielt sich abwehrend, 
nnd wo er seine UnterstütKung lieh, da machte er doch 
überall das Interesse setner CJorporation geltend und gab diesen 
Anstalten mehr oder weniger kl«[lkalen (%araktar. 



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Die Zustände 



Wir TevBttchen nun, das Untoniehtswesen des späteren 
IfittelalteiB in seinen Formen nnd Bestrebungen genauer dar- 
zustellen. Wie gross aber die Uniformität der. kleriiralen 
Schulen war, ergibt sieh sogldch, wenn wir diejenigen in's 
Auge fassen, denen der Unterricht anbefohlen war. 

Da tritt uns zunächst für die Dom- und Stiftsschulen der 
Scholasticus (Scholaster) entgegen. Derselbe hatte in der 
Reihe der Kanoniker oder Domherren eine der ersten Stellen, 
stand im Chore an der Seite des Decans und verfügte nicht 
selten über reiche Einkünfte, wie auch seine Wohnung eine 
der stattlichsten war. In der Zeit nun, wo die für das 
kanonisehe Leben bestimmten Normen in voller Kraft sieh 
behaupteten, hatte er auch wirklidi den Unterricht in seiner 
Hand und leitete vor Allem die Studien der sogenannten 
Dondcellaren, d. h. der Alumnen des Stifts, welche in diesenoi 
bis zur Priesterweihe die zu den geistlichen Functionen 
erforderliehen wissenschaftlichen Kenntnisse sich anzueignen 
hatten. Wo aber die Zahl dieser Alumnen gross war oder an 
sie auch andere zu höherer Bildung aufstrebende Jünglinge 
sich anschlössen, trat zur Unterstützung wohl schon ziemlich 
h'tth ein Secundarius hinzu. Als dann die Geschlossenheit des 
kanonischen Lebens aufhörte und Verweltlichung eintrat, gab 
der Scholasticns, hier frnher, dort später sem Lehramt auf^ 
ohne auf die Yortheile semer Stellung irgendwie zu yeracfaten 



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Y. Die Znslliida 121 

oder die Rechte, die er frtther ausgeübt hatte, besehrinkeii 
za lassen. Er lehrte nicht mehr selbst, sondern fibertmg die 
Arbeit des Unterrichtens einem sonst branchbaren Manne^ der 
als Bector sdiolarmn seine Stelle Tertrat und nnter seiner 
Anfiridit stand, also auch für seine Thätigkeit vou ilim die 
erforderliche Anweisung erhielt. Aber der Scholasticus be- 
hauptete noch in den letzten Zeiten des Mittelalters auch die 
Inspection der sonst entstehenden Schulen seines Kreises, 
hielt diese innerhalb gewisser Schranken fest und hatte von 
ihnen mancherlei Einkünfte für die ihnen gemachten Zu- 
geständnisse; er übte in allen Unternchtsangelegenh^tea des 
von seinem Stifte abhängigen Gebietes die höchste Autorität 
ans. An der Domschule selbst flossmi ihm die zum Theü 
nicht unbeträchtlichen Schulgelder su, und wenn er auch 
nicht mehr lehrte, so hatte er doch Lehrer und Schüler unter 
seiner Controle, er sollte ihr Verhalten beim Kirchendienste 
regeln und sonst ihr sittliches Leben überwachen, und wie 
er Archivar des Stiftes war, so hatte er wohl auch die Ob- 
liegenheit, die vorhandenen Bücher aufzubewahren und zur 
Benutzung darzubieten. Ihm zunächst auch dem Range nach 
stand der Gantor, der die Schüler für würdigen Kirchengesang 
heranzubilden und diesen selbst zu leiten hatte. In froherer 
Zeit scheint aber der Scholasticus auch diese Functionen nicht 
selten Terrichtet zu haben; selbst manches bedeutende Stift 
erhielt erst qȊter einen Ganter^). 

Eine glänzende Stellung hatten natOrlich die Rectores 
scholarum nicht. Sehr oft nur für ein Jahr oder gar auf 
vierteljährliche Kündigung gedungen, hatten sie neben dem, 
was eine kleine Pfi-ünde an Naturalien gewährte, ihr Ein- 
kommen allein in dem Schulgelde, das sie zu gewissen Zeiten 
einfordern durften, und in den für kirchliche Dienstleistungen 



1) Meyer 8. 32 ff., Raspe, Zar Gesch. der Gilstrower Domschule 
(1858) S. 3 £ Die Wahl des Domscholasticus war noch in den letzten Zeiten 
des Mittelalters mit besonderen Feierlichkeiten umgeben ; sie erfolgte nach 
einem feierUchen Hochamte durch geheime Abstimmung vor Notar und 
Zeugen, nachdem alle Wähler einen Eid auf das Eyangelium geleistet 
hatten. Wardt wein, Subs. dipL IV, Urkunde 35 und 86. 



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122 Dm ZnrtckMcB te wm mßk h Iderikalen Schalen etc. 

bestimiiiten EiMgeD in erkennen Und dabei nahm vom 
Schulgelde der SeholastieiM einen llieil tBac rieb in Anaprudi, 
was die Beetoren wieder verleitete, durch mancherlei Kunst- 
griffe mittdbar die Abgaben der Sebfller m erhaben. Wo der 

Scholasticus aus eigenen Mitteln zum Unterhalte seines Stell- 
vertreters beizutragen hatte, da geschah es wohl auch, dass 
er den weniger fordernden Bewerber, ohne Rücksicht auf dessen 
Tüchtigkeit, vorzop:. was dann wieder zu lebhaften Klagen 
von Seiten der betheiligten £ltem Anlass gab. Die Obliegen- 
heiten eines solchen Rectors waren freilich auch nicht eben 
sdiwer: als Lehrer hatte er wohl nur selten über das so- 
genannte Trivium hmauflsug^ien und taglieh eine Vormittags- 
und eine Naehmittagslection, höchstens drei (früh, nach dem 
Prandium und nach der Vespeneit) zu besorgen ; als Kirdien- 
diener dagegen war er verpflichtet, die Scbfiler nach ihren 
Abtheilungen zum Besuche des Chores anzuhalten, säumige 
aber und leichtfertige zu ermahnen und zu strafen; er hatte 
diejenigen, welche an den Sonn- und Feiertagen bei den Früh- 
metten singen sollten, zu bestimmen und die nöthige Vor- 
übung am Abende vorher zu überwacken, ebenso war es seine 
Pflicht, &r die Wochentage diejenigen auszuwählen, welche 
die BeqKmsorien bei den Hören, bei der Prime, bei der Vesper 
und bei der Messe mitsinifen konnten. In welcher Weise ein 
anzustellende Reetor Uber seme Befthigung sieh anszuweisea 
hatte, darüber fehlt es an genaueren Nadiriehten; erst in der 
zweiten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts wurde es hier 
und da Brauch, nur solche Männer anzunehmen, welche an 
irgend einer Universität die Würde eines Magisters erworben 
hatten. Dass solche dann auch lohnendere Stellungen im 
Dienste der Kirche zu erlangen strebten, versteht sich von 
sdbst — Die Gehülfen der Rectoren (Locati, Socii, Collabo- 
ratores, Submonitores, Gesellen) waren von ihnen allein in 
Dienst genommen, erhielten von Urnen ihren kärglichen Lohn 



1) Der llector der Domschule in Salzburg hatte im f&ofzehnten Jahr- 
hundert neben voller Verpflegung jährlich acht Ducaten, der Rector der 
Klosterschule bei St. Peter daselbst fünf Ducaten. Czerny S. 40. 



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T. DtoZaMiide. 



123 



vDd bfttten in aUen Stftetai m ikra Yomlinfteii sich sa 
ludtw. Si6 waFSB nicfet sohr iiiuBiivor1i6Big<d IfBDwhen, die 

abenteuenid durch die Länder zo^en und nirgends lanj?e aus- 
hielten ; doch erwählten sich die Rectoren ihre Gehülfen 
wohl auch aus den älteren Schülem, die dann, während sie 
selbst schon unterrichteten, bei jenen auch noch Unterricht 
in höheren Disciplinen genossen. In den letzten Zeiten des 
Mittelaltei's traten als Locati wohl auch junge Männer ein, 
die an einer UniYersitiU den Grad des Baecaianreos erlangt 
hatten. Ihr Sold war gewiss ftherall Idlr^ieh; dodh fiel auch 
ihnen yom Firchendienste nuuehe Einnahme zn. In manchen 
Städten hatten sie Freitisehe bei den Bürgern 

Eine besondere Stellung und Aufgabe hatten an manchen 
Domkirchen die Lectores. Es war nämlich schon auf der 
dritten Lateransynode im Jahre 1179 unter Alexander III. als 
nothwendig erkannt worden, dass an allen Kathedralen eine 
Pfi'ünde für einen Theologen bestehe, welcher die Geistlichen 
nnd arme Schüler unentgeltlich zu unterrichten habe. Da 
jedoch der Ausführung dieser Massregel wahi-scheinUch von 
den Donci^teln Sdiwierigkeiten «stgegeageaetBl worden waren, 
80 hatte die vierte Lateransynode im Jahre 1215 unter Inno- 
eenz ÜL cBe Emrichtnng auf die Metvopoüitankirehen be- 
sdirinkt Später jedodi kam die Eirehenvenammlnng m 
Basel auf die frühere Bestimmung zurück, nnd die fünfte 
Lateransynode im Jahre 1516 unter Leo X. erneuerte diese 
Forderung, indem sie hinzufügte, dass der Cantor ein Kanonikus 
sein müsse. In Deutschland findet man jedoch nur hier oder 
da solche Cantoren. Aber in Lübeck war bereits im drei- 
zehnten Jahrhundert ein Baccalaureus oder Doetor der Theo- 
logie fSar den beseichneten Zweck angestellt; er wurde vom 
Deean berufen, ans der Domkirehenkasse honorirt und hatte 
seine besondere FfirQnde. In Ham]^urg dagegra kam es erst 

1) SchUmmei Ende eines solchen Locatoa an der Sttttsscbiile in Nord- 
htnsen, FOrstemann, Nacbrichten 8. 18 f 

2) Meyer S. 46 ff.; Hartmann, Beiträge zur Gesch. der Schulen 
in der Stadt Osnabrack (1861) S. SfL^Heidemann, Die StiftBschale in 
Essen (1874) b. 28 ff. 



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124 I>M Znrtdclnlen dar wnwflidi Uecifadea Sdudeii ete. 



am An&oge des 15. JalnliiiodertB sa ^er Shididien Ein- 
riehtnng, als der finxniine, einaiehtB^ne und bogttterte BQiger 
und Kanonikus M. JohamMS Writse eine aenüieh bedeutende 

Summe aussetzte zur Dotation einer Praebenda doetoralis oder 
lectoralis für einen überzähligen Dunilierrn, der zugleich 
Doctor oder doch Baccalaureus der Theologie wäre und allen 
Capitelsgenossen sowie den Geistlichen anderer Kirchen und 
allen auf Fortbildung bedachten Literaten regelmässige theo- 
logische Vorlesungen halten und den Titel eines Lector 
führen sollte; beigegeben wurde ihm durch die Stiftung ein 
Vicar. Eine spätere Stiftung fttgte einen zweiten Leetor 
hinauf* Qffmbar diente der Unterricht dieser Leetoren lar 
Viele als Ersatz flar dasjenige, was anderen die theologischen 
Vorlesungen der Uniyersitaten gaben, da deren Besuch nicht un- 
erlässliche Vorbedingung zur Erlang un? geistlicher Aemter war. 

An den Klostei-schulen wurde es in den späteren Zeiten 
des Mittelalters fast überall Brauch, weltliche Lehrer, selbst 
fahrende Schüler, zu verwenden*). An wissenschaftliches 
Streben und lebendigen fii-folg war dann nicht zu denken. 
Wo aber Ton gelehrten Beschäftigungen einzelner Mteche die 
Rede ist, haben wir kaum besonderen Einfluss auf die in ihrer 
Nahe dodi vielleidit bestehenden Schulen anzunehmen« Hier 
und da sehdnen frdlieh auch in Eiestem Leetoren den Ordens- 
genossen Anregung zu höheren Studien gegeben zu haben*); 
allein auch dies p:estattet keinen Schluss auf Blüthe der etwa 
in denselben Klöstern erhaltenen Lehi-anstaiten. 



1) Meyer 8. 54 fll Haobnrg besetzte das Eanoiiikat des Lector 
prinoipalis an seinem Dome gern mit Rostocker Professoren. Krause im 
Programm der grossen Stadtschule in Rostock (1875) S. 18 f. Ob die nicht 

selten erwähnten Rectores scolarium, die manche von den Kectorilms 
scholaram gar nicht unterscheiden, als Vorsteher junger Kleriker zu 
denken und mit den Lectoren tusammenzustellen sind, wie Raspe S. S L 
annimmt, lassen wir unentschieden. 

2) Czerny S. 9, 16, 18, 28, 25, 38, 40. Ueber die Thomasschale in 
Lioipzig Sachse S. 17 — 21. 

8) In Regensburg war 1268 Bertholdus Lector domus Praedicatoram, 
1239 Wemherus lector Fratrum Minorum. Günthner 1, 244, A. 1. 



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Y. IMeZoiüBde. 



125 



Die Stelhmg der an die Stadtochideii bernfeneii Lehrer 

war wesentlich dieselbe, welche für die an den kirchliehen 
Schulen thätigen sich darbot. Der Rector oder Schulmeister 
war ja auch an den Stadtschulen oft ein Kleriker, der, nach- 
dem er die niederen Weihen empfangen hatte, mit seinem 
Lehramte mancherlei Kirchendienst verband und gelegentlich 
ganz in kirchliche Functionen eintrat. Die Bemfung desselben 
geschah in den meisten Fällen durch den Rath der Stadt, 
während die Bestätigung Recht der kirchlichen Behörde (des 
SdiolastieuB) blieb. Die wissenschaftliche AuarOstnng solcher 
Männer lässt sicli fOa die späteren Zeiten dnigennassen 
damadi bestimmen, ob sie akademische Orade erlangt hatten, 
ob sie Magistri oder Baeealanrei (Baccalarii) waren. Man 
kann aber annehmen, dass seit dem vierzehnten Jahrhundert 
etwa ein Drittel dieser Schulmeister den höheren Titel der 
Magistri ftlhrte, ein zweites Drittel den der Baccalarii, während 
das letzte Drittel jedes akademischen Grades entbehrte. Hier- 
nach aber standen nur die Magistri auf einer gehobenen Stufe 
wissenschaftlicher Bildung, die Baccalarii dagegen waren eigent- 
lich noch im Vorhofe dersdben, die jedes Titels Entbehrenden 
^dlich hatten eine Universität fiberhaapt nicht besucht oder 
doch nicht lange genug benutst^ um auch nur die Wttrde eines 
Bacealarius erwerben su können, und verfügten deshalb wohl 
in den meisten Fällen nur über ein sehr geringer Mass von 
Kenntnissen 

Die Leistungen, zu denen ihr Lehramt sie verpflichtete, 
werden sieh am besten aus dem, was unten über den Unter- 
richt der Stadtschulen zu sagen ist, erkennen lassen; durch 
die Eifersucht der kirchlichen Vorgesetzten wurden sie selbst 
tliherall in den Grenzen des Trivium gehalten, und auch bei 
flolcher Beschränkung waren die Ergebnisse ihres Arbeitens 
gewiss immer sehr unsichere. Und dabei wirkten in besonderer 

1) Ahrens, Gesch. des Lyceums zu Hannover von 1267 — 1588 
<1870) S. 11 f. An der Schule zu St. Johannis in Lüneburg hatten gegen 
■das Ende des fünfzehnten Jahrhunderts zwei Schulmeister nach einander 
die ^Iagistcr\s'ürde. Görges, Kurze Gesch. des Gjnmasiams zu Lüne- 
t)urg (1869) S. 4. Nettesheim S. 107 ff. 



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126 I>M Znrttdrtntoi äm wcwatikh Uerikalsn Sdmton etc. 

Airt noch ihre kueUielieii FunetioiieD nit, die aie an den 
Pfwrkirehen xa verriehten hatten. Waren de EMker, so 
versahen de als Altaristen nkht selten den Dienst an einem 
der sahbeieheD Altftre, mit draen diese Kirchen ausgestattet 

waren, und wir gewinnen sogleich ein Bild dieser kirchlichen 
Geschäfte, wenn wir vernehmen, dass die Kirche zu St. Eli- 
sabeth in Breslau 47 Altäre mit 122 Altaristen, die Kirche zu 
Maria Magdalena 58 Altäre mit 124 Altaristen zählte, wobei 
noch in Betracht kommt, dass die Zahl der an diesen Altären 
zu lesenden Seelenmessen ausserordentlich gross w^r*). Vom 
Bector und seinem GehCÜfen bei Maria Magdalena verlangte 
eine Stiftnqg des Jahres 1449, dass sie mit ihren Sehnkn 
am Tage vor dem Frohnteidmanttfeste die Vespern und Metten 
in aller Yollstindigkeit, mit Einsdiluss der Lobgedinge, am 
Sonnabende jener Woehe spät die Metten und am Tage vor 
dem Feste Johannes des Täufers, wenn es in die Woche fiele, 
auch die vollständigen Matutinen singen sollten, doch so, dass 
zwei Drittel der neun Lectionen auf das vorangegangene 
Hauptfest sich zu beziehen hätten; ausserdem waren sie ge- 
halten, an dem Frohnleichnamstage, dem darauf folgenden 
Sonntage und dem in diese Octave fallenden Johannistage die 
dntte Hora, an allen Tagen dieser Woehe aber eine vidi- 
stftndige Messe zu singen^. Fftr den Untenieht konnte in 
einer solchen Woehe nicht viel Zeit ftbrig bleiben. Aehnliche 
Bestimmungen aber Hessen sich ans sehr veischiedeoen 8t&dten 
beibringen 3). Selbst in kleineren Orten war dieser Kirchen- 
dienst von wundersamer Manmgialu^keit, und es konnte 



1) Reiche, Oeedt des Gymnasiiiiiis si 8L EUeabeUi in Breslaa J, IK 

2) Schönborn II, 44. 

3) Für Königsberg Möller, Gesch. des altstädtischeij Gymnasiums 
zu Königsberg I (1847), für Brandenburg Heydier, Materialien zur G^ch. 
des Bischofs Stephan von Brandenburg (1866) S. 16, fJir Frankfurt a. 0. 
Schwarze, Gesch. des ehemaligen städtischen Lyceums zu Frankfurt a. 0. 
von 1329—1813 (187$ S. 8 f., für Stendal Götze, Gesch. des Gymnasiums 
m Stendal (1865) Uifcnnde No. VH, air Hannover Ahrens S. 20 ft 



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y. DtoZMtlsde. 



127 



scMneB, als wäre der SehuhneiBter mit aeiiiem Localus tot- 
zosBweise der kirdiHeheD Verridiliiiigen halber da 

Diese brachten ihnen nan auch den besten Theil des 
Einkommens. Denn das Schulgeld war eine sehr massige und 
unsichere Einnahme*). Die mancherlei Angaben, welche wir 
in dieser Beziehung finden, zeigen uns, dass die örtlichen 
Verhältnisse überall massgebend waren und deshalb auch ganz 
verschiedene Bestimmungen treffen Hessen. So zahlten in 
Lanebuig nach einer Anordnung von 1482 die Wohlhabenden, 
sie mochtoi Einheimische oder Fremde seiii, allüfthrUeh Tier* 
sehn S^IDinge, die Aermeren die Hälfte. In Hannover da- 
• gegien hatten die Bflrgenkinder längere Zeit aUjfthrlieh nur 
drei Schillinge und zu Ostern einen Sehüling zu entrichten, 
wahrend ülr fremde Schaler das drei&cbe und obendrein noch 
ein Eintrittsgeld in Rechnung kam In Frankfurt a. 0. 
hatten Wohlhabendere vierteljährlich zwei Groschen an den 
Schulmeister und eben so viele an die Locaten zu entrichten, 
Aermere die Hälfte; ausserdem war für Privatstunden eine 
kleine Entschädigung zu ge wählen Von der Elisabethsehttle 
in Breslaa erfahren wir , dass das Schulgeld gering wav nnd 
Dar von wenigen Schalem besahlt wurde In Nttmbeig 
wnrde 1485 bestimmt, dass alle Nebeneittnahmen gilnslich 
wegfidlen» Ton jedem einhdmisehen Behfileraber Tiert^ahrUdi 
statt der bisher gezählten 15 Pfennige 25 entrichtet w^en 
sollten, während jeder ausheimische Schüler wöchentlich einen 
Pfennig bezahlen werde. Eine Verbesserung des Einkommens 
war dies freilich nicht, vielmehr konnte berechnet werden, 
dass die Erhöhung des Schulgeldes den durch den Wegfall 
der Nebeneinnahmen entstandenen Verlust nur etwa zur 
Hälfte, ja bei der Sebalder -Schale, die von ihren wohl- 



1) Kreysig, Alte Nachriehten tod IdebenwordA, in der NMhlese 

Historie von Ober-SachseB IX, 65 £, vgl. 20, 58, 55. 

2) Die Angaben bei Janssen I, 22 £ betirdien wohl nur einaelne 
sonstige Aasnahmen. 

8) Ahrens S. 13—16. 
4) Schwarze S. 8. 
■5) Reiche I, 11. 



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128 D« Zardcktreten der frtientikh Uerikalea Sduden etc. 



habender^ Sebfilem mehr Aeddentien gewährte, kaum zum 
dritten Thdie dedce, Indess lag eine Entsdiädigiing wieder 
darin, dass der Rath den Schnlmästem zur Behehning der 

Schulzimmer, die sie bis dahin zu besorgen gehabt hatten, 
jährlich zwölf Mass Holz unentgeltlich zu liefern versprach 
Die Kebeneinkünfte waren nun freilich zum Theil von seltr 
samer Art. In Nümberg hatte man vorher Lichtgeld, Holz- 
geld, Fenstergeld, Austreibgeld, Kenigeld, Neujahrgeld gehabt, 
und ähnliche Leistungen finden sich in vielen anderen Städten 
als kleine Nebenbeattge, die nur durch ihre Häufung lästig 
worden, aber dann nm so mehr als Missbranch erscheinen 
konnten. Einer ErklSnmg bedttiÜBn nnr das Austreibgeld und 
das Kemgeld. Das erstere war zu zahlen, wenn das soge- 
nannte Kinder- Austreiben statt fand, d. h. wenn der Schul- 
meister, mit ausgespreizten Beinen auf einer Bank sitzend, 
die Schüler nach einander durchkriechen liess und jedem dabei 
einen gelinden Streich gab; es geschah dies einige Tage vor 
Ostern, vor Pfingsten und vor Weihnachten und hing mit der 
Entlassung der Schüler in die Ferien zusammen. Das Kern- 
geld war eine Entschädigung für die sonst von den Schüleni 
in der Sommerzeit gelieferten Kirschkerne (Weichselkeine), 
wobei es aber nicht, wie man vermuthet hat, auf Reinhaltung 
der Schulräume abgesehen war, sondern eine Lieferung von 
Kirsdikemen zum Nutzen des Haushaltes der Lehrer in Frage 
kam^. In Garlitz betrug das Schulgeld halbjähilieh dnen 
Groschen, wozu dann kirchliche Einnahmen und für den Rector 
freier Tisch beim Pfarrer kam^). An manchen Orten wurden 



1) Heerwagen, Zur Gesch. der NOnbeiger Gelehrtenschuleii 1485 
tns 1586 aB60| S. 7. 

8) S. Franek, aatiqnaxisehe Bemotaig n ehur 8tndi«nord«iiig 
der latelniBcfaen Rathsschule zu Landau vom Jahre 1432 (1874) S. 7 f. Die 
LieÜBcmig Toa Kirschkernen hatte lediglich den Zweck, durch dieae Keraei 
die man zerquetscht und zerstossen oder auch ganz, beides in grossen 
Quantitäten, in die Fässer that, die Qualität des Bieres zu verbessern; man 
glaubte, ein solches Bier sei gut für die Bla£e und in hohem Grade 
stärkend für den Magen. 

'6) Kuemmel, Hass S. 40. 




T. IHt Zuattoda. 



129 



dm Lehfern Nataratten (Biot, Hariag«, Wein) gdkiert, oder 
■um iMlf ihnen dnreli Oaettiaclie; andh gaben hier nnd da 
lirlKche Feete Anlafle nnd Mittel m besonderen Spenden ftr 

die Lehrer. 

Liberal jedoch waren die städtischen Behörden selten. 
Und sie konnten es nicht sein, da ihnen, auch wenn sie an 
der Spitze wohlhabender Gemeinden standen, die Stadtkassen 
nm* sehr beschränkte Mittel zur Verfügung stellten. Ueber- 
hanpt fassten sie ihr Verhältoiss zu Schulmeistern, die sie 
beriefen, nieht so nuf, dass sie besondere Pflichten zu ttber- 
nehnen sehienen, sendeni so, dass sie ein Beeht gewAlnrten. 
^Sle rftumten dem Beraisnen das Sdmlhans nebst InTestar 
^ein und flberliessen es ihm, das daran sieh knOptade 
fldiift zn betreiben, forderten aber gelegentlidi daflir einen 
Pachtzins (pensio), wie sie es etwa bei Weinkelleni, Badstuben, 
Mühlen thaten M. Die so gewährten Räumlichkeiten genügten 
übrigens wohl nur bescheidenen Ansprüchen und boten neben 
den Bäumen für den Unterricht zur Wohnung ausreichenden 
Platz nur solchen Männern, die, weil sie unverheirathet waren, 
nit einem Zimmer zufrieden sein konnten. Und doeh war 
mter Umständen aueh der Gantor oder Snecentor untenn- 
bringen; ebenso war fHx die Loeati Raum zu schaffen*). 
' in der That hat die Kirche fftr die an den Stadiaehulen 
th&tigen Männer das Beste gethan. Was diese als ffirehea- 
diener an Pfmnden und sonstigen Einkünften erhielten, ging 
wohl in den meisten Fällen weit über dasjenige hinaus , was 
ihnen der Schuldienst brachte. Natürlich aber bildeten sich 
auch in dieser Beziehung sehr verschiedene Verhältnisse. So 
führten bei der Pfarrschule zu St. Jakob in Neisse der Bector 
und seine Gehilfen als unbeweibte Kleriker ein gemeinschaft- 
liches Leben und hatten neben dem Dienste an der Schule 



1) Ahrens a. a. 0. Eben deshalb beschränken sich auch die Be- 
Mallungsurkuadea auf ▲eneMcächkeitM, von Mrthodft und Iiithrplan ist 
Bifibfc die Rede. 

2) Vgl. Nettesheim 8. 10t> f. Das Unbefriedigende in der Stellung 
selbat der Eectoren bedingte den sehr hAofigen Lehrerwechsel, S. 113 t 
Heber die Einkünfte S. 115 ff. 

Kftemmel, Sdiulwes«n. 9 



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180 I>M Zar&Gktreten der wteanUich klerikalen Sdraton ele. 

die EumahmeD von Altären und von Pfründen; der Bector war 
meist ein Prieeter Mit soleher Stelluog hing ea nun auch 
snaammen, daas die FCurror an den Hauptfesten (Weihnaditen, 
Ostern, Pfingsten, Maiift Himmelfahrt, zur Eirdienweihe» am 
Feste des Patrons der Kirche) den Rector nnd seine Mit- 
arbeiter an den Tisch nahmen und anständig mit Speise und 
Trank erquickten*). 

Eine besondere Einnahinequelle erschloss sich denjenigen 
Schulmeistern, welche J^enntnisse und Gewandtheit genug: be- 
sassen, um als Stadtschreiber (^otarii publici) den Rathen der 
Städte dienen zu können 3). FQr manche wurde dies ein 
Uebergang zu städtischen Aemtem, und mancher Schulmeister 
hat sein Leben als Bürgermeister beschlossen^). 

Solche Erfolge waren den Unterlehrem selten besdueden*). 
Oanz abhängig von dem Meister, der sie miethete, hatten sie 
nur ein kärgliches Einkommen und wechselten daher auch 
noch häufiger ihre Stellung als jene, da von solchem Wechsel 
eher eine Verbesserung ihrer Lage zu hoffen war. Oft waren 
sie aus dem lockeren Geschlecht der fahrenden Schüler; 
manche hatten wohl auch an einer Univei*sität etwas gelernt 
und konnten wohl gar als Baccalarii sich einftthren; sie 



1) El gab batontoft Stiftungen i&r die Lehrer in Bezog (Bar den 
SirdiflndieDst Interesasatee bei TsehierBob, Oescb. des iMäaam Scfanl» 
VQMns (1880) S. 5. 

2) Schulmeister und ünterlehrer standen auch sonst m einem zunft- 
mftBsigen Verhältniss von Meister und Gesellen. Ruhkopf S. 09 ff, Ueber 
Heisse Kastner, Aus der (xesch. des Pfarrgymn. zu Neisse (1865) S. 2. 

3) Solche Vereinigung der Thätigkeit des Rector Scholae und des 
Notarius in Iglau um 1380. Wallner, Gesch. des k. k. Gymnasiums zu 
Iglau (1880) S. 9 £ 

4) Zimmermann 12. Beispiele solcher üebergänge ans Schlesien 
und der Lansite b. Kenmann, Gescih. von QSrllls S. 45L Sebütt, Geecb. 
des GymniMmims in GOrUts S. 7. 14. H. Eaemmel im Neuen LmnililiclMn 
Magazin 49, 246 ff. 0. Eaemmel, Hass S. 39. 49. 

5) Gewöhnlich bieflasn aie Loeati (Gedungene); in Schlesien nnd den 
angrenzenden Ländern nannte man sie wohl auch Signatores fsigna ^ 
Buchstabe); im südlichen Deutschland findet sich der Name Stampuales 
(Stampus = nota); Baccalarius war akademischer Titel und Amtsbexeich- 
nung zugleich. Ruhkopf S. 104 t, 254. 



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V. Die Zustände. 131 

brachten dann zugleich etwas freiere Anschauungen von den 
Dingen des Lebens mit herzu. Die Zahl dieser Unterlehrer 
war natürlich nach der Grösse und Bedeutung der Schulen 
verschieden. Viele reichten mit einem solchen Gehilfen aus, 
mehr als vier hat wohl keine Schule jener Zeit gehabt. 

Nach dem Gesagten wird die Erklärung gerechtfertigt 
sein, dass die Lehrei'schaft an den Stadtschulen in keiner 
\ iigend eriiebliehen Benehimg Yom klerikalen Leben ach ab- 
j gdM und ^e besondere Stellnng oder Bedeutung zu gewinnen 
▼ersucht habe. Wenn also doch in den Stadtgemeinden, die 
sokhe Schulen einriditeten, ein dunkles Hinstreben auf eine 
weitere und freiere Bildung sich wirksam erwies, so kam dies 
nicht gerade in denen zum Ausdruck, welche an diesen Schulen 
zu lehren hatten. Und waren denn nicht auch die Lehrer 
der Hochschulen, so gewiss ihnen deren Verfassung ftlr 
Forschung und Unterricht eine höhere Unabhänjiin^keit zu 
dehem schien, im Ganzen von dem Geiste, der alles Leben 
beherrschte^ geleitet und gebunden? Ganz abgesehen davon, 
dase an den Universititten mancherlei Formen fort und fort 
an den engen Zusammenhang dmelben mit der Kirche er- 
hmerten, — sie hatten doch oft ihre tdehtigsten Lehrer aus 
den grossen Volksorden, und ihre besten und reichsten Ein- 
künfte gab ihnen die Kirche, der sie zu Zeiten durch Theil- 
nahme an edlen Refonnbestrebungen aus tiefem Verfalle auf- 
zuhelfen suchten, niemals aber so entgegentraten, dass auch 
nur der Schein einer auf Unabhängigkeit hinstrebenden Agi- 
tation entstanden wäre. Freilich neben den gedrückten und 
demOthigen Meistern und Gesellen, die an den Stadtschulen 
wirkten und überall wie auf der Durchreise flu* kurze Zeit 
ontiaten, hatten doch die in dem festen Gefllge dner Gor^ 
poration vereinigten i\nd tob dem starken Geiste sdeher 
Goiporation getragenen Gelehrten eine Stellung, die auch den 
Widentrebenden Achtung abgewann und meist auch tber die 
kleinen Sorgen des Lebens erhob Diese Rectoren und 



1) Das8 die äussere Stellung auch der Universitätslehrer doch in den 
mfiisten Fällen eine siemlich kommerliohe war, seigt Pauls en, Qtguii- 

9* 



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1S2 ZvrOcktreten dar weidilildk kletikaleii Sehvleii etc. 

Ddcane mü den insigiiieii ärer Worden, dien tob einer \mt 
soBammengeBetEten und Mich anfiitrebenden Zshdrencliaft nm- 
drftngten Vertreter der WisBeneefaaften ivaren eiftUt ynm dem 

Gefühle ihi'er Bedeatun^, die sie in stetigem Aufsteigen von 
Stufe zu Stufe gewonnen hatten und in ihren Vorlesungen als 
bedächtig entwickelnde Gelehrte, in ihren Disputationen als 
schlagfertige Dialektiker Tag für Tag erkennbar machten 

"Wir dürfen an dieser Stelle nicht näher eingehen auf das 
Leben und Wirken dieser akademischen Lehrer und können 
uns daher auch erlassen, die in diesen Kreisen stark genng 
hervertretenden M&ngel und Gebrechen hermrzaheben. Wenn 
Eindringen des Hmnansmns in die Univenitilrten m 
(frechen sdn wird, haben wir den geschlossenen Coipomticnuni, 
die wir Jetit Terlassen, noch ehimal unsere Aufinerksnaikeit 
anzuwenden. 

Wir treffen auf Zustände eigenthümlichster Art, wenn 
wir, in den Schulen jener Zeiten umhei*schauend, die Lernenden 
genauer in's Auge fassen. Das Gemeinsame aber ist auch hier, 
dass der Geist der Kirche alle Verhältnisse durchdringt, alle 
Ordnungen beherrscht, alle Formen erfüllt. Die Knaben und 
Jnng^nge, welche die Kirche unter ihre Leitung nimmt, bildet 
sie entweder gams unmittelbar fär ihren Dienst zu nlfanAhlidier 
Srganaung der in den Reihen des Klerus entstehenden Locken, 
oder sie zieht sie auf Zeit fSUr die Mitwirirang an den OuHan- 
handlungen heran , in alleni Unterricht aber knmmt nur das 
zur Anwendung, was die Kirche als zweckmässig erkannt, als 
heilsame Lehre und ehrwürdigen Brauch sanctionirt hat. 
Darum ist nun auch in Allem, was bestimmend auf die 
Lernenden wirkt, durch Jahrhunderte eine wundei-same Stetig- 
keit Man lässt allmählich wohl Vieles in Verfall gerathen; 
aber man Ändert selten, und was aufrecht bleibt, das erscheint 



sation und Lebensordnung der deutschen UniwiriitHan im tifiltnUlltftr 
Sist. Zeitschrift 1881, S. 342 ff., 404 f., 483 f. 

1) Der klerikale Charakter der Lehrer und Schüler an den Universi- 
täten, das Cölibat, das Zusammenwohnen nach klösterlichem Zuschnitt 
gab dem Treben dieser Universitäten eine von dem Leben unserer Uni- 
versitäten ganz verschiedene Gestalt. 



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188 



mtkr oder iradger ata Fortaetaig des aus froherer Zeil 
UeberkfüiuiMieik ünd wie wir in der vortuggesdiiekteii Be- 
tnebtimg gesehen habmi, daas andi die Stadtschulen wesent- 
lich an das kirchlich Gegebene sich halten, so weiden wir 
dies auch in der folgendeo Betrachtung Überall wahrzunehmen 
haben. 

Wir versetzen uns aber zuerst in die Kreise der Dom- 
Bchüler, für welche ja doch die kirchlichen Gesicht^unkte 
m besonderer Weise massgebend san mussten. 

£6 isl bekannt, dass die tüchtig geleiteten Domschulen 
i&t froheren Zeit von allen Seiten, vm Theü aus weiter 
fm% ZegluBge sieh mgeflüirt sahen. HOdesheim und Padev- 
torn, Ltttyeh nnd Utrecht waren in selcher Beaiehang ter 
anderen berOhmt Spiter minderte sieh die Zahl der Sehote 
fast überall, und oft beschränkte man sich auf solche, die fftr 
geistliche Functionen sich vorbereiten oder eine Zeit lan^^ beim 
Gottesdienste mitwirken sollten. Die Aufnahme bestimmte 
sich dann meist nach dem Bedarf. Von selbst erj^ab sich 
dabei auch, dass als Söhne aus vornehmeren Familien ge- 
wöhnlich nur solche eintraten, die später Pftünden von grösserem 
Belang erhalten konnten, w&hrend aus dürftigen Yeih&ltnissen 
meiit solche kamen« die mir in nntergeordnelem Dienste Zn* 
taes finden sollten; ktoin war wehl immer die Zahl desjenigen, 
nekhe der friere Bildongstrieb in die Domsdinlen fOhrte. 
Dabei Hess sieh also aneh die alte Unterscheidung von pneri 
subjugales und socii oder secundarii recht wohl aufrecht er- 
halten*). Die ärmeren Schüler erschienen entweder als 
panenses (Brotschüler), welche täglich von der Präsenz oder 
von Stiftungen Brot erhielten, oder als scolares ad mappam 
(ad scutellam) die weitere Kost empfingen; jene und diese 
waren dafür zu besonderen Leistungen in d^ Kirche ver- 
fliehtet Stiftungen für solche Schaler werden ziemlich oft 
erwibnt'X Nebenbei erhielien sie wohl auch Schnhe «nd 



1) Dürre, Gesch. der Gelehrtenschulen zu Braunschweig T, 7 f. 

2) Für Hamburg Meyer S. 14, für Osnabrück und Minden Hart- 
mann, Beiträge zur Gesch. der Schulen in Osnabrück S. 4^, fUr Speyer 



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184 Das Zaracktreten dar wmontlkh Maritatoi Sdmlen etc. 

Kappen ans frommen Stiftungen oder de duften tot den 
Häusern Almosen snmmeln. Manehe gelangten, nnd znweilen 

noch in sehr jungen Jahren, zu Commenden oder Vicarien, 
die, wenn die so Begünstigten das dazu Erforderliche noch 
nicht besorgen konnten, durch einen Procurator verwaltet 
wurden. In einzelnen Fällen wurden von Aemtern und Ge- 
werken zur Unterstützung armer Schüler eigene Commenden 
gestiftet. Einer besonderen Ffirsorge hatten sich natürlich 
diejenigen Domsehttler za erfreuen, welche ftlr den geistlichen 
Stand bestimmt oder aaeh für den Chorgesang in der Kirche 
besonders gedgnet waren. Sie wohnten, zum Theü zusammen 
mit den jüngeren Kanonikern, in einem zom Dome gehfinigen 
Gebäude, erhielten ihre Kost aus Stiftungen oder Ton dem 
Tische der Domherren und hatten natürlich auch ihr gemein- 
schaftliches Dormitorium (daher der Ausdnick doimitonales, 
Schlafschüler), wo sie gewiss zugleich unter besonderer Auf- 
sicht standen. Die Chorschüler (chorales) hatten nun freilich 
einen sehr anstrengenden Dienst Sie sollten bei allen ksr 
nonischen Hören und Messen zugegen sdn and eines sorg- 
Mtig«i Gesanges sich b^eissigen; auch wenn novem lectiones 
gelesen wnrden oder das Te Demn zn singen war, sollten alle 
die FrOhmetten besnchen, nur wenn bei Nacht gesungmi wurde, 
hatte nur einer von ihnen bei den FrOhmetten zn erscheinen; 
auch fhr die sogenannten kleinen Yigilien (vigiliae minores 
s. breves) wurden sie in Anspruch genommen. Die ihnen zu- 
gewiesenen Einkünfte und sonstigen Vortbeile waren immer- 
hin nicht ganz gering, aber lockend doch wohl nur für Aennere. 
Uebrigens standen diese Choi-schüler oft in üblem Rufe. Sie 
erftülten ihre Pflichten oft in sorglosester Weise, blieben von 
den Gottesdiensten weg oder stOrten, wenn sie erschienen» 
dnreh Plaodereien sieh und andere; nicht selten erregten sie 
dordi ein geradeza unsittliches und rohes Betragen allgemei&eQ 
Unwillen, nnd die znweilen wieder ängesdiAvften Vorschriften 
der alten Ghordisciplin fruchteten wenig. Zn besonders grobem 



Mone a. a. 0. S. 271 f., 274 f., für Basel S. 266. YgL deMelbea Gesch. 
dee OberrheiDB I, 130 f., 267 und 278 f. 



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135 



Unfüge seheinen die nSditUcfaeii Gottesdienste Anlass gegeben 
zu haben — Es kann aber doch nicht auffallen, dass auch 
andere Kirchen ihre besondere Chorschule hatten. So finden 
wir in Hamburg neben den Chorschulen des Domes auch 
solche bei der Nikolaikirche und bei der Jakobikirche. Sie 
dienten dann natürlich auch den fi-ommen Brüderschaften, 
welche an diese Kirchen ihre besonderen Andachten knüpften, 
wie z. B. der im Jahre 1374 gestifteten Wenceslaus - Brüder- 
sehaft bei St Jakobi, die auch bei ihrem jtthrlichen Fest- 
mahle sechs anne Sdittler nuog nnd dabei durch einen der* 
sdben die Vereinaordmmg Yurlesen and zu deren Befolgung 
aaffordeni Hess *). 

Das vierteljährlich zu entrichtende Scluilgeld war auch 
an den Domschulen in früherer Zeit ein sehr niiissiges gewesen 
und gewöhnlich so bestimmt worden, dass die Zahlung selbst 
für Begüterte gering, für minder Wohlhabende und für Aermere 
noch unbedeutender war. Von dem Ertrage kam gewöhnlich 
ein Drittel an die Lehrer, das zweite Drittel sollte der Sehe- 
lasäcns für SehulbedOrfnisse Tcrwenden, das Uebrige fiel dem 
SeholasticQS sa, der absr dem an seiner Stelle den Unterricht 
leHenden Bector noch einen j&hriiehen Gehalt au zahlen hatte, 
hierbei jedoch ans der Kasse des Capitels ein«i Znsehnss er- 
hielt Als mm der Geldwerth mehr und mehr sank und der 
bisher zu berechnende, ohnehin nicht immer sichere Ertrag 
im Verhältniss zu den Anforderungen der Zeit als durchaus 
ungenügend erschien, vei-suchten die Scholastici eine Erh()hung 
des Schulgeldes zu erwirken, stiessen dann aber bei der Be- 
völkeroog nicht selten auf harten Widerspruch, da die 
Leistungen der Domschulen sehr wenig befriedigten nnd das 
Yeriangte viel mehr das Einkommen der Scholastici Termehren 
als dem Unterrichte anfheHsn zn sollen schien. Es kam in 
solchen FÜlen unter besonderen ümstftnden za langwierigeo. 



1) In Hamburg wurde zu Anfang des Jahres 144<; das Institut der 
Schlafschüler auf Begehren des Rathes vom tapitel giüizlich abgeichaffk 
und durch ehrbare Priester ersetzt Mejer b. 25 f. 

2) Meyer 8. 28 und 14. 



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186 Dm ZnrtdrtnteB te VBM&Ukh ktoriWliB Sehnlea eCc 

Sil LoideoBdiaft g«fUirten SlvettigkieitoD, die indMs wAl 
kmet mit dem Siege der ScMaetid endigton, die nebenbei 
auch für Heizung, Beleuchtung, Inventar kleine Beti%e ein- 
fordern Hessen^). 

Etwas anders gestalteten sich die i)inge für die Kloster- 
schüler. Der Zudrang zu den Klösteni war auch in den 
späteren Zeiten des Mittelalters sehr gross, und wie allmählich 
die reichen Abteien fiir die jangen Söhne adeliger Familien 
nSpittel^ geworden waren, so suchten fortwährend aus den 
wdteren Kjreiflen des VdUrae viele, die anereiehender Mittel 
oder andi der Neigong entbehrten» im Leben der Welt ätk 
eine Stellung zu verschaffen, ein Unterkommen hinter den 
Manem eines Ekwters, wenn sie ehi solches nicht im Dienste 
einer Dom- oder Stiftskirche oder sonst in klerikalem Zu- 
sammenhange fanden. Für solche bestimmten dann wohl oft 
Eltern oder Verwandte in Testamenten eine Summe Geldes, die 
den Auf^^enomraenen den nöthigen Unterhalt sichern, für den 
Fall aber, dass sie stürben, dem Kloster zufallen sollte Man 
wird von ihnen noch die pueri oblati zu unterscheiden haben, 
die auch in dieser späteren Zeit nicht selten erwähnt werden, 
Knaben, die soweilen noch vor der Gebart von frommen £ltem 
dem Kloeterleben gewidmet waren od«r doch schon in frtthester 
Jugend einem Kloster zur Endehnng für den geistUdira B»- 
nf tkberffeben wurden. Doch blieb diesen seit dem elften 
Jahrhundei t in den meisten Klöstern die freie Berufswahl vor- 
behalten, und in vielen Fällen gereichten solche Klosterzöglinge, 
auch wenn sie bereits das Mönchskleid angelegt hatten , den 
Conventen zu gerinü:em Segen, da sie mit scheelem Auge auf 
ihre welthchen Verwandten blickten, die in Freiheit das Leben 
geaiessen konnten, und gelegentlich wohl auch dem Kloster 
den Racken kehi-ten Es versteht sich von selbst, dass die 
so dem Klosterleben ZngeAlhrten auch euMe gewissen Unter- 
richts theilhaftig wurden, um sie f&r die kirchlichen Functionen 

1) Meyer S. 18 f. 

2) Sack, (iesch. der Schulen zu Braunschweig I, 14 f. 

3) Frind 11, 357. Oserny S. 3 und 41. 



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187 



ftneobenitan. D«ss aber damals noeh, «ntspreekend den Bin- 
RChtsagai frftherar Zeit, avdi Eitam in den KlMeni n- 
gelassen worden und für solchen weiteren Kreis eine Lehr- 
anstalt bestanden habe, darf man gewiss nicht als Regel 
ansehen. Auch bedeutendere Klöster haben es nie zu solcher 
Doppelheit gebracht. Aber zu den rülimlichen Ausnahmen 
gehörte das Kloster Reichersberg in Bayern, das bald nach 
ssiner Gründung im Jahre 1084 eine doppelte Schule hatte 
and norli im fünftehnten Jahrhundert bewahil zu haben 
sdieint, fiir Knaben nnd JOng^inge, die fisr den geiaUielisn 
Stand bestiauBt waren nnd ftr solche^ die nur aof Zeit des 
Unterriebts wegen dorthin gebracht wurden^). Die Frequena 
fon ElosteEBchnlen sn bestimmen, ist in den meisten FftJlen 
anmöglich; im allgemeinen darf man annehmen dass in Land- 
schaften, welche zahlreiche Klöstei- hatten oder die Stadt- 
schulen zu rascherer Entwickelung kommen sahen, die Schulen 
der meisten Klöster nur wenige Zöglinge vereinigten und zu- 
weilen wohl gar auf solche sich beschränkten, die für den 
Chorgesang unentbehrlich waren Seit der zweiten Hälfte 
des vierzehnten Jahrhunderts zogen ja auch viele Lernbegierige 
den UmversitSten an, derai Unterricht dann besonders dasa 
diente, dass holmrer Unterricht in den Kkaterschulen (das 
Qaadrivinm) immer seltener wurde. 

Die KlestersdiQler wohnten wohl nberall hi einem aum 
Kloster gehörigen Hause beisammen, das während der Nacht, 
um Unfug zu verhüten, geschlossen war; der Schlüssel befand 
sich dann in den Händen des Abtes oder Priors. An manchen 
kleinen Freuden wird es auch in dieser späteren Zeit den 
Klosterschülern nicht gefehlt haben. Aber auch an bedenk- 
lichoD Scenen, die zwischen den Mönchen sich abspielten. 



1) Cseray 8. 28 £ 

^ Die Chonebal» hatten doch auch in dan Klöstern nidil mUoi 
fben recht schweren Dienst. So sollten in St. Florian nach einer Stiftung 

von 1323 vier arme Schüler (wohl eben Chorschüler) an einom bestimmten 
Tage zwei Psalter am Grabe eines verstorbenen ( horherren beten und 
daför alljährlich 30 Pfennige erhalten. Die Stiftung bestand noch in der 
xweiten llalfte des tünlzehnten Jahrhunderts. Czerny b. 14. 



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188 Dm ZozQdrtretoB dar wwenüicfa Mcrifcalen Scholen etc. 

nahm diese Jagend Thefl. So finden wir, daes 1212 die An- 
hänger eines unter Zwiespalt gewählten Pro|>Bte8 auf dem Peters- 
berge bei Halle durch die Klostei*schüler unter ihrem Lehrer 
sich vei-stärkten, um dann mit laut schallendem Gesänge den 
Erwählten in die Kirche zu begleiten ^). Ein eigenthümliches 
Bild gibt es wieder, wenn wir lesen, dass im dreizehnten 
Jahrhundert die Klosterschüler von St. Florian die Klausnerin 
Walpurgis in ihrer Einsamkeit aufzusuchen pflegten, die sie 
wie ihre Söhne empfing und gelegentlich im Lesen sieh ^ron 
ihnen unterrichten Hess*). 

Eine bunte Mannigfaltigkeit von Thatsaehen bietet deh 
uns dar, wenn wir in das Leben der Stadtschulen uns 
versetzen. Abgesehen davon, dass neben diesen der Fürsorge 
der Gemeinden und Kirchspiele anbefohlenen Anstalten auch 
mancherlei Privatschulen ( Winkelschulen, Klippschulen, Schreib- 
schulen) wenigstens in grösseren Städten bestanden, hatte man 
in solchen Städten ja nicht selten auch mehrere öffentliche 
Schulen neben einander, die nach der andern Seite wieder 
mit den kirchlichen Schulen in Goncurrenz traten. Für die 
Stadtsdinlen aber eigab sidi aller Orten die Unterscheidung 
zwischen den Bfirgerldndem und den andern oder fremden 
Schalem wie von sähst Die letsteren hiessen wohl auch 
ganz einfach „Schiller*', weil sie in der Stadt gerade dies und 
nichts anderes waren ; man stellte „Bürgerkinder und Schtller" 
zusammen. Dass nun die ersteren entschieden bevoi-zugt 
wurden, kann nicht auffallen; für sie hatten die Städte zum 
Theil unter schweren Kämpfen eigene Schulen errichtet, und 
die Mittel, welche sie zu ihrer Unterhaltung aufwandten, 
kamen eben auch aus den Gemeindekassen, die selten reichere 
Zuflösse hatten^ also um so mehr den N&chsten zu Gute 
kommen sollten. Darum wurde nun auch den Sehulmeistmi 
besondere Soige ftr die Btlrgerkinder sur Fflidit gemacht; 
auch hatten diese ein geringeres Schulgeld su zahlen als die 
fremden Schüler, die auch nur in beschränkter Anzahl zuge- 



1) Chronicon Montis Senu ft. 1212. 

2) Gzerny S. 9 £ 



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y. DIeZaittade. 189 

lassen werden sollten Eeibnngen zwischen den bevenngten 
nnd den bloss gednldelen Sehttlern konnten niigends ans- 
bldben. Zuweilen kam es auch su gewaltsamen Massregeln 

der städtischen Behörden. So drangen eines Tages (9. December 
1479) zu Halle, auf geheime Veranstaltung des Schulmeistere, 
die sechs Stadtknechte mit Schwertern und Hämmein in die 
Schule, während von der andern Seite der Schulmeister mit 
Ruthen unter dem Arme herbeieilte und einen grossen Schüler 
ergriff. Aber die so Bedrohten setzten sich zur Wehre, schlugen 
die Stadtknechte aus der Schule hinaus und wttrden sie übel 
zngedcfatet haben, wenn sie Waffen gehabt hfttlen. Hierauf 
aber erging der Befehl, dass alle fremden Schttler sofort die 
BtjBdt verlassen sollten, und nur aufdringendes Bitten «langten 
sie einen Tag Aufschub. Die Austreibung wurde wirkHeh 
durchgesetzt. Noch an demselben Tage schickte der Rath 
die Stadtknechte zu den Bürgern, welche fremde Schüler auf- 
genommen hatten, und Hess ihnen sagen, dass sie diese, wenn 
sie nicht in Strafe fallen wollten, nur diesen Tag noch be- 
halten düiften. So zogen nun am nächsten Morgen die aimen 
Fremdlinge, nachdem sie bei St. Ulrich eine Messe g^Ort 
hatten, durch die Stadt zum Moritzthore hinaius, «und es 
waren alle gute, friwune Gesdlen, das sagten auch die Loeaten, 
denen war es sehr leid"^. Im allgemeinen freilich konnte 
man es den stidtisehen Behörden nicht gerade yerargen, wenn 
sie den Zufluss fremder Schüler zu beschränken suchten. Es 
waren ja meist Burschen aus dem seltsamen Geschlecht der 
Vaganten oder Bacchanten, die als „fahrende Schüler'* überall 
zufrieden waren und doch nirgends eine bleibende Stätte 
hatten, die in manchen Fällen wohl durch Witz und Kenntnisse 
sich empfahlen, aber auch durch Betteln und Stehlen sehr 
l&stig wurden, die gelegentlich selbst als Lehrer (Locati) ge- 
braucht werden konnten» aber auch wieder durch die Miss- 
handluagen, welche sie die ihnen folgenden kl^en „Schützen** 



1) Ahrens S. 16 f. 

2) Opel, Das Tagebuch des Bathsmeistera Marcus bpickendorff von 
HaUe (1872) & 19. 



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140 Dm Zurücktreten der wwtBcifc ktorikalen Sdralen etc. 

eifthna übbbw, deo Umnntli ömt UnlMtkieiliglon enregtai, 
Menscheii yon imbfliftbmbariBi Wandertriebe, luatig auch im 
EleBd, Gegenstond der TheUwüinie anefa fikr dkgenigen, die 
sie fbrchteten, bisweileii doeh zu festen und lobnenden Stellun- 
gen sich durcharbeitend. Bis tief in das sechzehnte Jahr- 
hundert hat sich dieses Geschlecht erhalten*). Bekanntlicb 
gehörte ihnen auch jener Schwindler Johann Faust an, der 
einige Monate des Jahres 1507 an der Schule zu Kreuznach 
lehrte und sicherlicb seinen vi^ch geübten Teufeleien es au 
danken hatte, dass er in so enge Verbindung mit dem Bösen 
gebracht wurde Zuweilen Terdienten diese Vagantm sebarfia 
Zoreehtweisiaig in den Städten, die ümeii doeh freundliche 
Anfiudime gewfthrt halten; es kam gelegenttich ni nichtlichfln 
Ttoiulten, in denen aie sieh sdbet unter einander bis auf den 
Tod verwundeten oder auch mit den Burgern in harten Streit 
geriethen. 

Und doch wandte man ihnen immer wieder hei*zliche 
Theilnahme zu. Die Wanderlust, die sie von Land zu Land 
trieb, entsprach gar sehr dem deutschen Gefühl; manchen 
nachten sie durch Kenntniss und Anstelligkeit sich ntltslich, 
andere liessen sich durch die Schehnenstreiche, die sie verübten, 
ergötaen*). Es war wohl Tormgaweise aa Ehrende Schaler 
gedacht, als im Jahre 1410 ein Bürger zu Bredaa für die 
kranken SchQler der drei Schulen su Maria MagdaleMi 

I) Ad die von Fechter herausgegebenen Autobiographien von 
Thomas Platter und Felix Platter (Basel 1840) braucht hier nur erinnert 
zu werden. Eine beachtenswerthe Ergänzung bietet Joh. Butzbachs Wander- 
büchlein in der Bearbeitung von Becker (Regensburg 1869)." Sonst siehe 
Palm im Art. „Bacchanten" in Schmids Encyclopädie I, 364 flF. Dazu 
noch llubatsch, Die lateinischen Vagantenlieder des .Mittelalters. Gör- 
litz 1870. Büdinger, Vehet einige Reste der Vagantenpoesie in Oester- 
nidi. Wieo 1854. 

fi) Wulf er t, Das gelehrte SduihreMiie gwmeffki. ISSe. 

S) Drollig iit die Enihking 4es Cit&rittt von HoisterbAoh von 
einem Vaganten, der bei Nacht im Haus einer Frau gastliche Aufnahme 
findet, aber nun ein Heihnittel gegen den Hautansschlag ihrer Tochter 
schaffen soll, zuletzt auch wirklich, um loszukommen , auf gut Glück Be- 
standtheile zu einer Salbe aagibti die in gehoffiter Weise wizkt. Dialog. 
Miracol. VII, 16. 



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141 



Efisab^ Qttd OoTpus CktM sein Em beitthniiite, daas A% 
dann Avfbahne und Pflege ihnden, wobei er nodi erkürte, 
das« die Yollslrecker seines letaten Willens noch ein neues 
Haus im Hofe banen sollten, wenn er nicht selbst noch diesen 

Neubau ausführen könnte^). Im Jahre 1453 kaufte der Rath 
der Stadt das Hospital zu St Hieronymus für anne Schüler 
der genannten Schulen. Wir werden wieder an Vaganten 
zu denken haben, wenn ein breslauer Chronist im Jahre 1502 
berichtet, dass unter die armen Schüler eine besondei*e Krank- 
keit (die Syphilis) gekonanen, dass ihrer 250 krank gelegen 
und der Raum m St. Hierenymos nidit mehr ansreldiend ei^ 
sdiienen, vielniekr ein Haus daneben angekauft fporden, m 
die Kranken gdtörig untersubringen *). — Dass fiihrende 
Sehiller aueh an der Klesterpforte neben andern Armen eine 
Spende erhielten, dafür fehlt es nicht an Beispielen^). 

Aber die Wohlthätigkeit gegen arme Schüler war über- 
haupt sehr gross in den Städten. Und solcher Schüler gab 
es, ganz abgesehen von den Vaganten, sehr viele an Oiten, 
deren Schulen einen guten Ruf hatten ; selbst aus weiter Ent- 
fernung zogen Knaben und Jünglinge heran, oft von allen 
Mitteln entblösst, aber voll Zuversicht, dass sie als ^Mendi- 
caaten" ihren Unterhalt und damit die MOglidikeit xu an- 
haltenden Studien finden wftrden. Es ist merkwürdig, mit 
weieher Henüeslgkeit ni^t selten die Eltern ihre Söhne auf 
ds8 Ungewisse hin in eine solche Bahn enüiessen. Aber in 
Zeiten, wo Tausende von Mönchen bettelnd in Stadt und 
Land um her wanderten und freiwillige Armuth für sie selbst, 
das Darreichen von Almosen aber für die Besitzenden als 
etwas besonders Verdienstliches ansehen liessen, erechien 
kecken Schulgesellen, wie ihren Eltern, Armuth und Bettelei 
nicht als beschwerlich, noch weniger als schimpflich, und sie 
terrechneten sich nicfat, wem sie von dem milden Sinne der 

1) Schönborn, Bdtrtge lur Geeofa. Sehnte sn St Mnria nnd 

Magdalena I (18H4) 

2) Pols Breslauer Jahrbücher heraovgegeben von Baaching (1815) 
nd. II. S. 178. 

8) Mone S. 148. 



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142 Bu Zurflektreten dar weeentUdi Uerikalen Schulen etc. 

BegQterten alleB, was sie bnuiehteii, zn erlangen ho/BboL Wir 
wiBsen, wie es dem kleinen Luther in Magdebnug nnd läsenadi 

ging, und er war deeh nicht ans so dOrftiger Familie, dass 
nicht manche Erleichterung für ihn zu schaffen gewesen wäre. 
Heinrich Bullinger aber, der 1516 aus der Schweiz an den 
Niederrhein wanderte, um die damals berühmte Stiftsschule 
in Emmerich zu besuchen, hat in seinen Aufzeichnungen das 
Verlangen seines Vaters erwähnt, dass er in seiner ganzen 
Schulzeit sein Brot von Thnr zu Thür suche, nicht weil er 
dies gerade nöthig habe, sondern dass er erfahre, wie schlimm 
doch das Looe des Bettdns sei, und er dann spfttor dureh 
das ganze Leben den Armen freundlidi sieh erw^ 0- Ii^dess 
war die Zahl der wirkUeh armen Schüler gewiss in allen be- 
deutenderen Schulen verhältnissmässig gross, wenn man die- 
jenigen einrechnete, die aus den näheren Kreisen kamen, und 
zu Erweisungen der Mildthätigkeit war reiche Gelegenheit. 

Es ist kein unerfreuliches Geschäft, solche Erweisungen 
im Einzelnen zu betrachten. Viele Bürger nahmen arme 
Schüler in ihr Haus und an ihren Tisch auf. Dieselben fun* 
girten dann wohl auch als Hauslehrer (paedagogi), begleiteten 
die Knaben der Familie in die Schule und unterstützten hier 
6ßa Schulmeister *)• Manche Städte hatten für Schüler dieser 
Art in den Schulhansem nothdürftige Wohnungen Ungerichtet, 
oder es üffheten sich far rie besondere Hospitia (Xenodochia*). 
Die zu gewissen Zeiten vor den Thüren singenden Mendicanten 
zogen selten weiter, ohne eine Spende erhalten zu haben. 
Begüterte Häuser gewährten wohl an Sonn- und Festtagen 
regelmässige Spenden. In Neisse kamen am Weihnachtsfeste 
alle Schüler, grosse und kleine, zweihundert an der Zahl oder 
anch mehr, auf dem Pfarrhofe zusammen und empfingen dann 
ebie reichliche Erquickung an Fleisch, Zukost und Trank. 
Andere «Spenden kamen ans Stiftungen und knüpften sich an 
besondere Leistungen. So hatte der Bischof H^rieh von 

1) Krafft S. 9. 

2) Heerwagen S. 12. 

3) Kästner, Gesch. des PÜarrgymnasiums za Neisse (1865) S. 4 
Nettesheim ä. 133. 



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9 



T. DteZMltade. 143 

^jieier (f 1272) In seiDer Stiftung »eben den kmm 
Hoflpitate aneh die amen 8dk1ller bedadit, die aqjähilicfa an 
seinem Qed&ehtniwUge Ueine mllibe Weiflsbrote in mnder 
Foffli, immer zwei suBammengebaelren (yocantiae), und einfach 

in Wasser gebackene Wecken von ähnlicher Form (cunei) 
erhalten sollten; ein Theil dieser Schüler, die panenses, hatte 
dann am Grabe des Stifters nach der Seelenmesse den Psalm 
de profundis zu singen. In andern Fällen erfolgte die Ver- 
theilung auch im Kreuzgange oder in der Kirche. Immer war 
eine solche vorher von der Kanzel öffentlich anzukündigen 
nnd dann sorgfältig darauf zu achten, dass die Ausgebliebenen 
nnbeaehtet gdassen, ihre Portionen andern zngetheüt würden* 
Wenn bei solchen Stiftungen Ueberschnss sich eigab, so mirde 
dieser nicht, wie etwa jetzt» snm Capital geschlagen, sondern 
unter die armen Schftler vertheilt; man stellte es der Wohl- 
tbätigkeit Anderer anheim, das Stiftungscapital durch neue 
Vennächtnisse zu verstärken und so weitere Spenden möglich 
zu machen M. Auch Legate für einzelne arme Schtller, die 
einem Burgerhause näher getreten waren, kamen ziemlich 
oft vor 

Nicht unbedeutende Unterstützungen flössen den armen 
Schfllem aus dem Kirchendienste au, ja es geschah nicht 
sdten, dasB bd feieriiehen Leichenbegängnissen, bd Pro- 
eessionen u. s. w. alle Schiller einige Pfennige oder Schülinge 
«4ddten^. Die sogenannten PfarrschOler, durch die 
niedere Weihe berechtigt, dem an einem Altare fungirenden 
Priester bei den vielfachen Messen und Festen, bei Vigilien, Me- 
morien etc, hilfreiche Hand zu leisten, auch wohl die Räuchei-ung 
der Kirche zu besorgen, hatten gewiss mancherlei Vortheüe 
von solchem Dienste und gingen auch anderen Schülern, die 
ebenfalls beim Gottesdienste mitzuwirken hatten, bei Pro» 
eessionen voran. Ihnen .zunächst scheinen dieChorschüler 
oder Oigelsänger gestanden zu haben; sie hatten bei zahl- 



1) Mone S. 129 f. 

2) Sack S. 21 f. 

3) Sack S. 26. 



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144 I>M Znrikektraten d«r Manffieh Uirilnleii Sehnl«! ete. 

ifkheii Pmühmb, WeeliieilgaiftiigeD, Antq^honen» Beq^ofloneii 
«ntmr Boglcitaiig der Oigel das Beete ra .thim, wie anch bei 
Proceenmen und LeidMoibegängniasen durch kunstreictai 
Gesang die Herzen zu erbauen^). Den Opfermanns- 

schülei n (meist war dem Opfermann einer Kirche wohl nur 
ein Schüler zugetheilt) lag es ob, für abendliche Gottesdienste 
oder für Frühmetten die Kerzen an den vielen Altären und 
sonst im heiligen Räume anzuzünden, die ewigen Lampen 
brennend zu erhalten*). Wieder andere Pflichten hatten die 
Schlafschttler (dormitoiiales) , die abwechselnd in der 
Kirehe Sure Sehlefiti^n liatton und wühiend der üieht fibr 
die KdieiMt der koetberen Geftaee und Ornate zu soirgeD, 
wohl auch Ton Zeit su Zelt die Beinignng denelben ^er- 
0ttBei«en hatten. Ee aeheint aber aoldie Sdilafeehttler aadi 
in den Schulhäusem gegeben zu haben*). Natürlich war 
dafür gesorgt, besonders auch durch Veraiächtnisse, dass für 
alle solche Dienstleistungen kleine Einnahmen sich berechnen 
Hessen Dass für diese Schüler das ganze Leben einen 
durchaus kirchlichen Charakter gewann, versteht sich von 
aelbst, Hesse sich auch durch merkwürdige Einzelheiten be« 
legen. £& ist gewiaa an Ghorsohulen zu denken, wenn wir 
folgenden Bericht ton der PftnBdiiile in Neiaae toBen*). Da 
schlug froh beim Ert6nen der Glodtt der Signator (fler 
unterste Lehrer) mit seinem Schreibgriffel an das KAmmecdMU 
der Schreiber (der grösseren SehlÜer), die Uber seiner Stube 
schliefen, indem er das Invitatorium anstimmte: Regem 
apostolorum, venite, adoremus, und jene antworteten mit den- 
selben Wollen. Darauf sang der Signator: Venite, exsultemus 
domino, jubilemus, und wiederum antworteten jene, während 
sie sich ankleideten, mit eben diesen Worten. Dann gingen 
sie in die Kirche, unt^wegs einen Hymnna anstimmend, und 
wenn sie in den Chor getreten waren, langen aie alsbald den 

1) Sack S. 28 f., 64 84 i 

2) Sack S. 24 t 

3) Sack S. 26. 

4) Sack S. 60 und 82 i 

5) Kästner S. 2. 



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y. Dit Zwlliide. 



145 



Fealmeii. Daas bei solehem Kirdieiidieiiste der Sehulnnter*' 
ridit Htt, daif man ohne Weiteree annehmen. Denn obgleich 
in maaehen YermHebtiuaeen ansdmeklich beetimmt war, daas 
em Sditder, der dnreh den Chordi^urt; im ünterriehte Ein- 

busse leide, das Versäumte wieder einzubringen habe, wenn er 
seine Beneficia nicht verlieren wolle, so Hess man ihnen doch 
manches hingehen, da man ihrer so sehr bedurfte*). 

Wie man in manchen Städten für kranke Schüler Sorge 
trug, davon ist oben gesprochen worden. Wo Beghinenhäuser 
bestanden, dienten aneh sie solchen Schittem lüs ZuÜuchts^ 
stfttiten. In Neisse war um 1860 eine Stütong gemacht, welche 
die Inhaber einer Badeitnbe ihr ewige Zeiten verpflichtett, 
alle in ihr kommenden Armen Christi, besonders die Qeriei 
nad Scolaree jeden Ifentag rot dem Mittagsessen nneatgeMüch 
SD baden, ^bei Straf» der Exeommnnieation mid der geist* 
liehen Censur"^). 

Nächst den vielen frommen Brtidei-schaften, die für ihre 
besonderen Andachten Schüler als Sänger oder Ministranten 
in Ansprach nahmen, bildeten sich in einzelnen Städten auch 
solche, die ausschliesslich für die Schulen und ihre Zöglinge 
sorgten. So entstand noch 1518 in Zwickau eine Schulbrndar- 
Schaft, eine Vereinigung Ton Schulfreunden geistlichen und 
weltlidien Standes, deren Absicht darauf ging, die Schule in 
bessere Aufiiahme an bringen, ihre Kinhttnfte su erlmlten und 
2tt Termehren, arme Schüler lu unterstütien* sowie za gewissen 
Zeiten fhr Terstorbene Lehrer und Sdilller, fSr Verwandte 
und Wohlthäter der Schule und Schüler Seelmessen und 
Jahresgedächtnisse zu veranstalten M. Von etwas anderem 
Charakter, aber doch verwandt war die schon um das Jahr 
1385 entstandene und unter den Patronat des heiligen 
Ansgar gestellte Biüdei-schaft der Annenschüler in Hamburg. 
Sie stellte sich die Aufgabe, dürftige und fremde Priester, 
Kleriker und Scholaren, die in Hamburg starben, anständig zu 



1) Taubert, Die Pflege der Musik in Torgau iS. 1 f. 

2) Kästner S. 2 und 5. • 
8) Herzog, Gesch. des Zwickaaer Gymnasiums S. 9 £ 

K»«»««l, Bdaamtm, 10 



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146 Das Zurttcktreten te woMnilidk k]«rikaleii Sehnkn ete. 

begraben und für sie Vigilien, Messen und Eseqnien zu halten^). 
Wir brauchen kaum daran m erimem« dass diese Vereinigasig 
mit den sogenannten EalandsbrOdersehalten, die im n(yrdlidien 
und mittleren Deutschland so zahlreich waren, sehr nahe sich 
berOhrte, ja im Grunde denselben Zweck hatte. 

In wie bunter Mannigfaltigkeit die Schüler der Uni- 
versitäten sich darstellten, davon ist oben gesprochen 
worden. Aber wir haben hier noch Manches über die in die 
Universitäten sich drängende Jugend anzureihen. Alle streb- 
sameren Geister, denen der dürftige und mühselige Untenicht 
der klerikalen Schulen nicht genügen konnte, aber auch viele 
Andere, die in kecker Jugendlust aus der Enge und Oede 
jener Anstalten hinw^trebten, wandtra den Hochschulen sich 
BU, in denen dem Wissensdnrste so viele Befriedigung geboten 
au werden schien und fftr freiere Bewegung, wie fhr feineren 
Genuss vielfache Mittel und Oelegenheiten ohne Mfihe lu 
erlangen waren. Und die Eingetretenen durften sich als 
Glieder einer grossen Gesammtheit ansehen, die jedem Ein- 
zelnen bestimmte Rechte einräumte, jedem Einzelnen das 
Gefühl gab, dass er nach oben hin wie gegenüber den ihn 
umgebenden Menschen etwas zu bedeuten habe^). Innerhalb 
der grossen Gesammtheit aber war der Einzelne auch wieder 
Glied einer Nation, die ihre besondere Verfassung und Be- 
rechtigung hatte, Glied aner Facuhät, die unter besonderer 
Leitung und nach besonderen Salzungen Studium und Leben 
fftbren liess, oft auch Glied einer engeren Gemeinschaft, die 
ihn beschirmte, vereorgte und pflegte'). Dabei dann die 
hundertfachen Anregungen, die aus dem unaufhörlichen Zu- 
strömen und Weggehen der verschiedensten Menschen sich 
ergaben oder durch die öffentlichen Veranstaltungen der pre- 
lehrten Gorporationen, durch Vorlesungen und Disputationen, 



1) Meyer S. 29 f. 

2) Es sei hier nur flüchtig an den ursprünglichen Begriff von Univer- 
iitas erinnert, nach welchem diese von dem, was Studium generale genannt 
wurde, wohl zu unterscheiden ist. Tomek S. 6 f., 25 t (s. o. S. 100 A.) 

8) UAer das VerhUtoisB der HatloiMiiiind FacnltSten Pauls en, 
OEpnisalioii S. 886 ft, ftb«r ae Stenmig der Artistniftcidttt & 897 ff. 



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y. DieZostlnde. 



147 



durch Wahlen und Promotionen bewirkt wurden. Kein Wunder 
nun, wenn die Studentes auf die Studienkreise, aus denen sie 
gekommen waren, auf die armen Schulmeister und Locaten, 
die sie vorbereitet hatten, auf die unbehilflichen und rohen 
Beani, die sie in beschränkten Bahnen sich fortbewegen sahen, 
mü Geringsehfttnmg oder Mitleid hinabeahen Sie ersehienen 
sieh als ein freieres und edleres GeeeUecht, dem weite Per- 
speetiYen sich öffneten. 

Aber Irdüch waren sehr Viele, wenn sie in die Matrikel 
einer Universität (in album Rectoris) sich eintragen liessen, 
nur mangelhaft vorbereitet, weil die Schulen, aus denen sie 
kamen, in schlechtem Zustande sich befanden oder auch die 
Eltern, die sie sandten, es vorgezogen hatten, trleich an der 
Univei-sität die zu höheren Studien nöthige Vorbildung ihnen 
geben zu lassen. Die zahlreichen Magistri der Artisten- 
facultäten waren in den meisten Fällen geschickter zur Er- 
theihing eines so Torbereitenden Unterrichts, als die Lehrer 
der kircMiehen and sti&dtiselien Schulen, und wie sehr ihnen 
besondere Lehranstalten fftr solche Vorbereitung, wenn sie in 
ihrer NShe sich aufthaten, als entbehrlich oder hinderlich 
erschienen, zeigt die Abneigung, mit welcher die Universität 
Leipzig die endlich in Wirksamkeit tretende Nikolaischule be- 
trachtete Und nicht eben nur Knaben aus fürstlichem oder 
sonst vornehmerem Geschlechte, auch andre aus geringeren 
Verhältnissen gekommene traten in die Universitäten ein. 
Wir wissen, in wie frühem Alter Melanchthon nach Tübingen, 
Camerarius nach Leipzig gekommen ist. Wir wissen auch, wie 
in den Artistenfacultäten bis in die sweite HftUte dee 16. Jahr- 
hunderts bei der halbjährlichen Vertheilung der Ledionen 



1) Vgl das Carmen de moribus beanorum et studentium von Jo- 
hannes Faber (Fabri) de Werden (Donauwörth), einem der ersten Lehrer an 
der Uoiversit&t Leipzig (S. über ihn Fabri eins Bibl. med. II, pag. 135, 
Zarnek«, Znr Gctch. der dmMum üflifgwIHton I, 261, düien deotseher 
Otto a «od Hoffmann von Fallertleben in den Wiener JaMtciieni 
n, Auserdem Mnther 7 IL 

2) Geradorf S. 91 f. Die Artisten-FacolttttMi wir oft Eruti flkr 
die k Wahrheit üeUeDden Mitteltcbnlen. PanUen S. 400 f. 

10» 



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148 



Das Zaraektreten der weMatHdi Uerikako Sdmlen etc. 



rogetanftasig eimeliie MagiBtri den Auftrag erhielton, die An» 
fuigsgrOnde des Lateinisehen imd der Mathematik za lebren, 
offenbar imt BOeksiclit auf weniger Bemittelte, die den sonst 

erforderlichen Privatunterricht nicht beschaffen konnten^), 
üebrigens finden wir Aehnliches für jene Zeit im ganzen 
christlichen Abendlande*). Dabei war doch auch solchen 
Knaben das Gefühl möglich, dass sie etwas in der gi'o^en 
Gemeinschaft zu bedeuten hatten. Als der Augustiner Kaspar 
Guttel (später erster evangelischer Prediger und Superintendent 
der Grafschaft Mansfeld, gest 1541) am 21. Januar 1517 in 
Leipzig die theologische Doelorwttrde erhielt, war die efai- 
leitende Rede einem Knaben, Tincenz Biditer, den Gntid 
ans der Taufe gehoben hatte, zugewiesen ^. Sogar zur Ein- 
leitung der berühmten Leipziger Disputation des Jahres 1519 
sollte ein Knabe „als Sinnbild der Sittenreinheit eines Theo- 
logen" die von Mosellanus geschriebene Rede halten*). 

Einen merkwürdigen Gegensatz zu diesen jugendlichen 
Studenten bildeten die vielen Mitglieder des Klerus, welche 
erst in reiferen Jahren die Universitäten besuchten. Schon 
im letzten Drittel des dreisehnten Jahrhunderts wurde es 
Brauch, dass Domherren zu weiterer Ausbildung auf Uni- 
versitäten sieh begaben. So enthielten die Statuten des 
St Weidenstifls in Speier von 1285 die Bestimmung, dass 
ein Kanonikus zu theologischen Studien auf lElnf Jahre, zu 
anderen Studien auf drei Jahre beuriaubt werden könne, doch 
in solchem Falle einen Vicar zu bestellen und von seiner 
Pfiilnde zu unterhalten habe, übrigens zurückgerufen werden 
solle, wenn er seine Studien vernachlässige und an Vaganten 
sich anschliesse. Nach späteren Statuten desselben Stifts (von 
1438) sollte keiner Kanonikus werden, der nicht zwei Jahre 



1) Gersdorf S. 98 IL 

2) Für Paris: Le mmimam de F&ge ponr le premier degr^ d'^prenfos 
dang la facult^ des arts, qni conduisait k dtre badielier, ^tait de 14 ans. 
Thurot, de Torganiaatioii da rensaigDemeiit dans rtmirecsitö de Paris 

aa moyen äge p. 4S. 

3) Well er, Altes aus allen Theilen der Geschichte I, 408i 

4) Schmidt, Petrus Mosellanus S. 46. 



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149 



lang an einer Hoehadinle Qn stndio privilegiato) gestanden 
liabe AehnliciMi wir ftr das Adels» nnd Bitlerstift Bruchsal 

bestimmt, in welches doch graduirte Bftrg^rliche, freilich nur 
zu den Kanonikaten, zugelassen werden sollten*). Das 
St. Germei-sstift zu Speier hatte für die Stiftsgeistlichen, 
welche in Heidelberg studirten, besondere Lectoren als Lehrer 
und Aufseher bestellt und darüber mit der Universität einen 
besonderen Vertrag gemacht^). In den Statuten das Domstifts 
Basel von 1289 war genau bestimmt, was die der Studien 
halber an Universitfiten gebenden Kanoniker in beobachten 
hatten: sie darften fiknf Jahre in einem Studium generale yer- 
weilen nnd wahrend dieser Zeit die ständigen EinkOnfte ihrer 
PfrQnde (die fnietus grossi) behalten, hatten aber ein Zeugniss 
vom Rector der besuchten Universität vorzulegen. Ein späteres 
Statut sicherte den Graduirten besonderen Anspruch auf 
Kanonikate und Pfründen zu^). Die Matrikel der Juristen- 
facultät in Prag nennt aus der Zeit von 1372 bis 1408 unter 
ihi;en Studenten 1 Bischof, 1 Abt, 9 Erzdechanten, 23 Dom- 
pröpste, 4 Dechanten, 209 Domherren, 187 Tüarrer, 25 Ordens- 
nnd 76 Weltgeistlicbe niederen Grades; es waren in dieser 
Zahl die Länder der bdhmisehen Krone, das deutsche Reieh, 
Polen nnd üngam, selbst Skandinavien vertretai^). Die Uni- 
veiBitftt Erfurt batte von Bcmifiidus JSL 1300 das Privilegium 
erhalten, dass allen Geistlichen, welche sidi dort als Lehrer 
oder Schüler aufhielten, mit Ausnahme derer, welche an 
Collegiat- oder Kathedralkirchen die höchste Würde bekleideten, 
der vollständige Genuss ihrer Pfründen auf 10 Jahre gesichert 
sein sollte ®). An der Universität Leipzig sind während des 
ersten Jahrhunderts Mitglieder der Domcapitel von Meissen, 
Naumburg, Merseburg, Magdeburg, Halberstadt, Paderborn, 
Edln, Wttrzbuig, Bamberg, Eichstädt, Strassburg in die 



1) Mone 8. 276 l 

2) Mone S. 280. 

3) Mone S. 297 t 

4) Mone S. 267 t 

5) Tomek S. 85. 

6) Parmet S. 27. 



L 



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150 Dm ZnrOcktreten der weitntlfch Mirihlgn Schnlen etc. 

Matrikel eiogetragen^). Alle diese Thatsaehen aeigen aidier- 
Heb, daas damals in der Weltgeistliehkeit wdt und bieit die 

Neigung zu wissenschaftlicheii Bestrebungen angeregt war und 
neben noch sehr jugendlichen Inhabeni geistlicher Pfründen^ 
welche die Weihen erst erhalten sollten, auch Prälaten in 
reilerem Alter zum Besuche einer Universität sich entschlossen. 
Schönen Eifer für die Pflege der Wissenschaften legte doch 
auch jener Hermann Nanoa aus Herford an den Tag, der, 
naebdem ei* in Köln, Trier und Lübeck geistliche Aemter ver* 
waltet batte, als Protouotarius ApostoHcns und Assessor Botae 
in B<»n lebte nnd 1480 in seinem Testamente ausser andeiea 
Legaten an Gunsten seiner Vaterstadt 4000 tbeinisdie Gnldeik 
iSr den Zweck anssetate, dass von den Zinsen dieses C^utals 
alleseit zwölf Jünglinge auf vier Jahre in Herford selbst bei 
freier Wohnung, Kost und Kleidung die Vorbildung für höhere 
Studien erhalten, dann aber für weitere drei Jahre in einer 
mit 6000 Gulden beflachten Anstalt zu Köln dem Studium des 
kanonischen oder des bürgerlichen Rechtes obliegen sollten — 
Aber aaeh die Benedictiner, die Cistercieaser, die Augustiner 
CborheiTen, die Dominicaner nnd Franciscaner sandte» streb- 
same Mitglieder ihrer Orden an weiteren Studien an die 
Hediscbulen, wo sie wobl aneh ftr sie besondere CoUegia be- 
gründeten*). Die süddentsehen Gisterdenseiv Abteien eriüeltflii 
noch 1508 dnreb einen BeseUnss des Generalcapitels die Er- 
mächtigung, in ein Collegium an der Jakobikirche in Heidel- 
berg 40 Mönche aus 34 Abteien der Studien halber zu 
schicken, wobei Wohnung und Kost zugesichert war; die 
Abteien Schönau und Maulbroun (jene nur zwei Stunden von 
Heidelberg entfernt) sollten die Aufsicht führen*). Aehnliche 
Fürsorge war in Leipzig, filr die Cisterdenser von Altenaelle 
getroffen'). Auch in Prag iiuiden sieh froh Cistercieiiser 



1) Gersdorf S. 93. 

2) Knefel, Gesch. des Fhedrichs-Gymn. in Herford (1817) S. 15 f. 

3) Die Dommicaner-Studenten in Wien dürfen VorlfltungMi OTMfrhllh 
ihres Klosters nicht besochen. ABchbach S. 422. 

4) Mone S. 299. 

5) Beyer, Gesch. von Altenzelle. 



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Y. Die Zustände. 



151 



ein. Auch die Klöster in Bayern sandten in solcher 
Weise jüngere Männer an die Universitäten M. Üass die 
Dominicaner und Frauciscaner, die ja auch als Lehrer an den 
Universitäten Einfluss zu gewinnen suchten und oft wirklich 
gewannen, jüngere Glieder ihres Ordens in die Hochschulen 
eintreten Hessen, dies kann am wenigsten befremden. Ihre 
Klöster in den UniTerät&tsstadttti wnxden dann leieht be- 
sondere Mittelpunkte gelehrter Thätigkeit im grossen Zn- 
simmenhange der Hoehsdudeo, freilieh nicht immer su deren 
Ehre «id Freude. 

Es versteht sich von selbst, dass die Hauptmasse der 
Studirenden aus bürgerlichen Kreisen stammte. Dabei ist 
nun aber zugleich anzunehmen, dass Viele doch wieder nicht 
Aueignunj? von Fachkenntnissen als Aufj^abe ansahen, sondern 
eine gewisse allgemeinere Bildung suchten, die immer noch 
am besten auf Universitäten zu erlangen war. Eine grosse 
Zahl Ton Studirenden kam über das, was die Facultas artlnm 
darbot^ niemals hinaus'). Ein Theil der Besucher war Übrigens 
stete irie auf der Durchrsise, bradite aber in das Leben der 
Gresammtheit oft wieder lebhaftere Bewegung. Fügen wir 
nun hinzu, dass manche auch als Begleiter und Ftthrer der 
noch in sehr jugendlichem Alter Stehenden oder aus vornehmen 
Kreisen Gekommenen in den grossen Verband der Studirenden 
sich einreihten, dass andere wiederum zu allerlei Nebenarbeit, 
z. B. als Abschreiber, sich anschlössen, noch andere, die bloss 
aufregende Unterhaltung oder heiteren Genuss suchten, sich 
eindr&ngten, so erhalten wir immer sehr belebte Bilder, die 
yon dem^ was in unseren Tagen dne Universitftt darstellt, sehr 
weit abliegm. 

Bei der Immatrieulatk>n (Inscrij^tion) hatte Jeder, hatten 
such die Knaben einen Eid an leisten, an dessen Stelle in 
yiel Bitterer Zeit erst Handschlag und Unterschrift eines 

Revei-ses getreten sind Aber die eigentliche „ Studenten- 
weihe " lag in der Deposition, welche der Inscription noch 

1) Frind m, 280. Gaathner lU, 181 t, 196 f. 

2) Geridorf S. 97 £ 
8) Oersdorf S. 95 £ 



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152 Zurücktreten der wesentlich klerikalen Schalen etc. 



Tonnszugehen hatte und damals einen sehr bedeutsamen sym- 
bolischen Act darstellte. Derselbe Geist, welcher in anderen 
Ständen den Uebergang von der Unreife zur Reife, von der 
Abhängigkeit zur Selbständigkeit, von rohem, formlosem Treiben 
zu Anstand und Sitte durch besondere Veranstaltungen be- 
zeichnete, hatte früh auch den Eintritt in das den höheren 
Studien zugewandte Leben an Formen gebunden, die den Ein- 
tretenden als sehr heschwerlieh erseheinen nioditen, aber 
nieht eben nur einen von der WllUcOr aii%e8teUten und be- 
wahrten Brauch, sondern eine von den höehsten Behörden der 
üniverdtitten ate nothwendig anerkannte Weihe in Wirksam- 
keit setzten. So lange nun eine genauere l iiterscheidung 
zwischen Beani und Studentes gemacht wurde — der erstere 
Name rührt von dem französischen bec jaune, bejaune = 
Gelbschnabel her und bezeichnet diejenigen, welche als famuli 
in den Bursen und Collegien für allerlei Dienstleistungen die 
Reste der Mahlzeiten als Kost und nebenbei einigen Unter- 
rieht Sur Aufnahme in die Studentenschaft erhielten — , so 
lange konnte fOr jene solche Aufiiahme auch mit besonderen 
Formen in Verbindung gebracht werden. Allein bereits im 
fOnfieehnten Jahrhundert Hess man jene UnterscheiduDg mehr 
und m^r Verschwinden und stellte für jeden, der neu ein- 
trat, die Deposition (auch beania oder examen patientiae 
genannt) als unerlässlich hin. Sie war aber der unter Auf- 
sicht des Rectors und des Decans der Artistenfacultät vor- 
genommene feierliche Act, bei welchem der Aufzunehmende, 
zunächst nach dem alten Akrostichon Beanus Est Aninial 
Nesciens Vitam Studiosonim sls peciis campi betrachtet, durch 
Wegnahme der ilun aufgesetzten Horner (deshalb eben de- 
positio) gleichsam enttldert und wie ein roher Klots durch 
Beü, Hobel, Feile etc. erst behauen und zugerichtet werden 
müsse, um als em ehrbarer Mensch gelton zu können 

Die meisten Studirenden fanden in den Collegien und 
Bursen Aufnahme und Beköstigung^). Die Collegia öffneten 



1) Gersdorf S. 102 ff. Muther S. 20 ff. 

2) VgL PaaUen, OrgAoiaatioii und Lebenaordnnngen der dBotscben 



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Y. Die Zustände. 



153 



fdeh zonftchst Lehrern der Umyersitiiten, nahmen aberspftter- 
hin auch Studirende auf, die dann unter die Aufsicht jener 
gestellt wurden und so den bei*ühmten Anstalten dieses 
Namens in Paris und Oxford entsprachen; manche Collegia 
waren auch von vornherein allein für Studirende bestimmt. 
Die Blusen (oder Contubemia), ungleich zahlreicher als die 
Ckdlegia und gewöhnlich aus Privafcmittaln begründet oder 
aoeh von einigen Magieleni fllr wenige unteraoBunen, nahmen 
Tor allem Stadheode anf und stellten dieee, die dann Bnr- 
Mdee oder Bnrsaiii biessen, unter die besondere Obhut eines 
Magisten oder Baecalanrens, der als Rector bnrsae dem Rector 
der Universitftt yerantwortfieb war^). Gewiss wirkten nun 
beiderlei Anstalten zunächst segensreich : sie stellten unselbst- 
stftndige Knaben und Jünglinge sicherer gegen die ihnen 
drohenden sittlichen Gefahren, boten namentlich auch vielen 
Aermeren, denen sie Wohnung und Kost gewährten, einen 
festen Halt und konnten oft eine förderliche Verbindung 
swischen Lehrenden und Lernenden herbeifohren. Freilich 
kam es sehr froh zu groben Venftumnissen und Aussehrei- 
tuBgen. Yoigesetate und ünteigebene entngen sieh ihren 
Pfliehten, jene missbrsuditen ihre SteUung su unredlichem 
Ihrwerbe, diese machten die Anstalten su Turnmetplitaen 
gemeiner Laster, die um so mehr vergiftend wirkten, je leichter 
durch das enge Zusammensein die gegenseitige Mittheilung 
des Schlimmen wurde, wenn diesem in edleren Bestrebungen 
kein Gegengewicht gegeben war. 

Die am reichsten ausgestatteten Collegia besass die Uni- 
?ersität Prag. Bereits im Jahre 1366 stiftete Karl IV. das 
nach ihm genannte Collegium Carolinum fibr zwölf Lehrer 
(2 Theologen und 10 Artisten), die darin unter einem Vor^ 
sieher beisammen wohnen, feste Besoldungen empfiiuigen und 



UtfranitUn im IfiNehdt«, ia Sjbela Hittor. ZdtMhiift 1881, 8 (N. F. ax 
8.410C 

1) Bona (fivQütt), cmmena es oorio» im Mittelalter dann 6in6 8iimm6 
ar Beitwi lui ig der Fromotionakotteii, sp&ter soviel als Kottbaiis, in 
welchem Aermere und Baichflve am «inen hAbenn oder gniagma Freu 
Unterkommen luiden. 



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154 Dts Zurücktreten der weMotUch klerikalen Schulen etc. 

ÖflentHdie Voriesmigmi haltea sollten. Dem für diesen Zweck 
eingerichteten Hause sollten die Einkünfte von sechs Ort- 
schaften zufliessen, diese aber für ewige Zeiten von allen 
fremden Gerichten und Abgal)en befreit sein, während zugleich 
die älteren Lehrer im Carolinum die Anwartschaft auf die 
eiiedigten Domherrenstellen der Schlosskirche erhielten und 
durch ZaweiBiuig kostbarer Handschriften die Anstalt noch 
besondere Anregimg su wiBmBdialüieher Thätigkeit erhielL 
Aber auch die Juristen und Medidner erhielten noeh durch 
Karl IV. ähnliehe Anstalten, und König Weneeslans Tenehafilte 
dem Collegittm CaroUnum ehi statHieheree GMäude, dae eeü- 
dem auch den allgemeinen Zwecken der Univei-sität diente, 
und begründete andere Collegia, die Lehrenden und Lernenden 
zugleich Wohnung und Unterhalt darboten. Gleich in Wences- 
laus' erster Zeit vermachte ein Bürger von Görlitz eine Summe 
Goldes zum Ankauf eines Hauses für arme Studenten, die 
darin unentgeltlich Wohnung haben sollten, wahrscheinlich das 
später oft genannte Armencollegium in der Nähe dar 
8t Valentins-Kirehe; eine ähnliehe Burse für arme Studenten 
bestand wohl auch bei 8t Benedict — Als die Husdtensttkime 
ausgerast hatten, durch welche auch die Umyersität aig mit- 
genommen worden war, kam es dureb die FOrsorge wohl- 
habender Männer zu neuen Stiftungen, die nur fast ausschliess- 
lich für Böhmen und Utraquisten bestimmt wurden. So stiftete 
schon 1438 Johann Reßek und LedeC ein Collegium für zwölf 
Studenten der freien Künste, welche darin so lange Wohnung 
und Kost haben sollten, bis sie den Baccalaureus- oder Ma- 
gistergrad erlangt haben würden. Das Collegium Laudae, 
1451 von Matthias Lauda begründet, war ebenfiills fUr 
arme Studenten der freien Kttnste bestimmt, welche sich 
filr das Studium der Theotogie Twbereiteten; es eiUelt 
durch den Stifter auch eine kostbare Bibliothek. Freilich 
halfen diese und andexe Stiftungen der TJniyersitftt nidit 
wieder auf^). 



1) PasBow S. 87 iL Tomefc S. 21 da, öd, 12S £ 



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T. BidZailladB. 



155 



In Wien staUeto Albredit HL im Jabre 1884 eiii yoii 
ihm nach dem Mnatar des Gdlegiom Garolmam begrOndeies 

Goflegiom ebenfalls sehr teidilieh ans. Ebenso entstanden 

dort während des fünfzehnten Jahrhunderts mehrere Barsen: 
die Lammelburse für zehn aus Oesterreich gebürtige Stu- 
denten, die llosenburse ebenfalls für Stiftlinge aus Oester- 
reich, die Schlesierburse für junge Schlesier, die Lilien- 
borse für Württemberger, die Paulusburse (üeidenbuise) für 
üngara 

In Heidelberg, das erat 1498 durch Fialagral Philipp ein 
besonderes Cdlegiom für Joristen erhielt, entstanden mehrere 
Barsen für Stndirende *). Köln hatte am Ende des Mittel- 
alters Tier zum Theil reichlich ausgestattete Barsen'). Erfurt 
bekam karze Zeit nach Errichtung seiner Universität (1412) 
durch Amplonius Kattinger, einen von Anfang an dort tliätigen 
Lehrer der Arzneikunde das nach dem Stifter genannte Col- 
legium Amplonianum für fünfzehn Studenten mit einem Auf- 
seher, der über ihre Sitten wachen, das Eigenthum des Stifts 
bewahren und auf Yenuehrnng der vom Stifter geschenkten 
Bibliothek bedacht sein sollte^). Eben daselbst begründete 
um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts Heinrich Ton Gerb* 
stftt die Schola juris für sieben Stndirende, von denen zwei 
der Thedogie sich widmen sollten; auch er filgte eine Biblio- 
thek hinzu und setzte ein besonderes Capital für die Aus- 
besserung des Gebäudes aus Aus städtischen Mitteln war 
gleich aufangs das Collegium majus errichtet worden ; daneben 
werden die bui*sa pauperum, die bui-sa nova, die bursa an- 
tiqua, die bursa Mariana erwähnt In Heidelberg erö^eten 



1) Passow S. 29. Geusau, Geschichte der Stiftungen in Wien 
(1803) S. 113 ir. Atebbach 8. 122 f., 134, 162, 165, 198 £ 

2) iiautz, Lycei Heidelb. origines (.1^) P- 1^ 

3) Kr äfft S. 17. 

4) Passow S. 30. Hölscher, Gesch. des Gymnasiums in Horfordl, 
S. 18. Begründung einer Universitäts-Bibliothek in Wien durch eine statt* 
hche Schenkung: Aschbach S. 460, Tgl. 501, 529. 

5) Passow S. 31. 



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156 I>M ZortkkMn te willlah Marftalm Sdiokn el& 



rieh auf Veraiiataltaiig des Stiftm der Unfrenitat seit 1479 
fhr die Stadirenden der PMIoBoplile hi einem Doppelgebiade 

zwei Contubernien , von denen das eine den Nominalisten, 
das andere den I{ealisten bestimmt war^). Ingolstadt besass 
frühzeitig elf Bursen, durch Herzog Georg den Reichen aber 
wurde 1497 auch das Collegium Georgianum für elf Studirende 
aus ebenso vielen Städten des Landes begründet — Nehmen 
nir hinzu, dass auch mancherlei Stipendien theils in den 
ümYersitfttestftdten selbst, theils in wohlhabendei*en Städten» 
die ihre SShne an Univerritaten höhere Stadien machen 
liesMA % Erleiehlenugen darboten« die bei den einfacheren 
AnsprOdien jener Zeit nicht selten den BedQrfiussen vdllig 
abhalfen, so haben wir immerhin Zustände vor uns, die als 
im Ganzen befriedigende erscheinen konnten*). 

Wie ernst aber auch die Voi-schriften und Veranstaltungen 
zur Regelung des sittlichen Lebens der Studenten jener Zeit 
sein mochten, es trat doch fort und fort viel Unei-freuliches 
zu Tage. Trunk und Spiel waren sehr gewöhnlich; nächtliche 
Excesse auf der Strasse und Schlägereien unter den unbändigen 
J|uiglingen yerachiedener Landschaften riefen oft wieder Auf- 
regung hervor; Gonflicte swiscben Studenten und anderen 
Stadtbewohnern Temrsaehten daneben heftige Auseinander* . 
setsungen awisdien der beeonderen Gerichtsbarkeit, weldie 
den Universitäten zugestanden war, und der allgemeinen, die 
von den Stadtbehörden ausgeübt wurde. Die Statuten der Uni- 
versitiiten enthalten übrigens so zahlreiche Strafbestimmungen 
in Bezug auf wörtliche Beleidigungen und körperliche Ver- 
letzungen, dass sie einen ziemlich unerfreulichen Einblick in 
das Treiben der akademischen Jugend eröffnen, wie auch 
die in alten FonnelbQchem erhaltenen Mahnbriefe von Gläu- 



1) Heyd , Mehinchthon in Tübingen S. 11 und 77. 

2) Mederer P. 1, p. XXXIII und 44 f. 

3) Für Zwickau Herzog S. 8 f. 

4) Der stetige Untendned T<m sohentei und panpens Paalien 
8. 425 t, 438 1 



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IST 



bigern md Drobbriefe enttmter V&ter angOnBtige SehlüBse 
«dMnen. Waffenfllhnuig Ue« sieh diese rauflustige Menge 
niemals yerbleten, und die Yefsaebe, die Slndirenden m 

Anstand in der Kleidung zu bewogen, erwiesen sich stets als 
vergeblich 

Die Ausdehnimg der Studienzeit war nach den für die 
einsehien Faedtftten bestehenden Vorsduiftoi verschieden, 
war aber dordiweg streng geregdt Die in der Artisten- 
&eii)tät m machenden Stadien konnten allerdings, wenn im 
dritten Semester die BacealanreatsprOfiing bestanden und das 
21. Lebensjahr erreicht war, mit dem Ablaufe des dritten 
Jahres bis zum Magistergrade führen. Wer aber Theologie 
studirte, hatte, wenn er Baccalaureus artium geworden war, 
noch sieben Jahre, als Magister artium noch fünf Jahre die 
vorgeschriebenen theologischen Vorlesungen zu höi*en, um 
BaccalanreoB theologiae zweiten Grades (Cursor), und weitere 
zwei Jahre, um Baccalaureos theologiae ersten Grades (Formatos, 
Sententiarins), und noch zwei Jahre, um Lieentiat werden zn 
können. Bei der Jaristisehen FacnltlU war, um in die Bacca^ 
laureatsprOfung eintreten zu können, ein mindestens vieijShriges 
Studium des kanonischen oder bürgerlichen Rechts erforderlich, 
und wer Lieentiat oder Doctor werden wollte, brauchte dann 
noch drei Jahre. Die medicinische Facultät gewährte wohl 
schon nach zwei Jahren das Baccalaureat und nach weiteren 
zwei Jahren die Doctorwürde. Nach Verschiedenheit der 
Universitäten ergaben sich natürlich auch in diesen Dingen 
mancherlei Variationen, namentlich auch in Fällen, wenn der 
an einer Universität die Grade Erstrebende seine Studien in 
der Hanptsadie an einer anderen gemadit hatte*). Wir 
brauchen nicht zu sagen, dass sehr viele bis zu den höheren 
Graden nicht zu kommen suchten, sondern froh abbradien. 



1) Für Wien Aschbach S* 106 ff., 207 ff., 229. Studenten zogen 
mit CapistmuiB als Ereosfiidirer gßB^ ^ TOrken sor Bettung Belgnda» 
S. 226. 

2) Gersdorf S. 119 ff. 



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158 Bas Zarttcktreten der treseiittidi klerikalen Schulen etc. 

Deon wie boeb aneh in Jener Zeit, wo Alles nuiftmto^ ab- 
gestuft w«r, die akadenriscben Onide in gewissen Kreisen ge- 
sebStst wurden, so waren dies doeb sebr enge Kr^se, nnd 

auch höher Strebende gingen über die Magisterwürde Dicht 
hinaus 

Indem wir so in die Kreise der Lernenden uns versetzen, 
welche das Mittelalter überall wieder, aber oft unter grossen 
Schwierigkeiten, sich bilden liess, düifen wir nicht ausser 
Acht lassen, dass diese Lernenden eine sehr kldne Minorität 
bildeten im Yerh&ltniss zu der Menge derer, welche eines 
irgendwie planmftssigen und geordneten ünterriebts durebaos 
entbehrten und ansscbliesslieb auf das sieb angewiesen sahen, 
was im bäuslicben Leben oder durch die Ordnungen der 
Kirche oder im gescbSlUieben Verkehre mebr su&llig für die 
Auffassung sich darbot. Es lässt sich nun denken, dass in 
den Massen der weit und breit von der Willkür geknechteten 
Landbevölkerung nur selten und jedenfalls nur da, wo die 
Kirche ihrer Pflichten einigerniassen eingedenk war, für Unter- 
rieht der Jugend in den noth wendigsten Dingen etwas gethan 
wurde. Als eben so sicher ist aber auch anzunehmen, dass der 
yerwildemde Adel, der diese Bevölkerung niederdrttckte und 
ansnutste, selbst wenn er nicht gerade in wnsten Fehden und 
in rohem Stegreifleben sieb nmtrieb, in den meiston FftDen 
aueb nur auf gelegentlichen Unterriebt sich beschränkte, wie 
ihn irgend ein Pfaffe oder Mönch oder ein fahrender Schüler 
oder auch ein in Abenteuern nach Deutschland verschlagener 
Franzose dai-zubieten vermochte 2). Nur dann, wenn die 
Söhne edler Häuser zum Dienste an Fürstenhöfe versetzt 
wurden, geschah Besseres für ihre Bildung, obwohl im späteren 
Mittelalter auch die Söhne der. Fttraten selten einer schul- 



1) Dass man die sehr oft übertriebene Annahme von der Frequenz 
mittelalterlicher Universitäten erheblich zu beschränken hat, zeigt auch 
Pauls en in der llistor. Zeitschrift N. F. IX, S. 289 ff. Gelegentliche 
TcrOdnng der ünifenititeii dueh Sendhoi, namoitUdi ha ftnikehntea Jalir» 
hondert, ist niefat sehm. 

2) Weinhold, Die deatscben Fraaen im Mittelalter S. 96. 



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159 



nissigen Bfldang theObaftig wardai. Denn die Zeilen wtren 
Toraber, in denen der junge Adel blühende ElOBtenebnlen 
beencbt oder in der Weise» wie sie im Tdstan Gottfrieds f<on 
6tvn88burg (V. ÜÖtö ff.) imd im Gresorii» Hertmimis ifoq 

Aue geschildert wird, Bildung gewonnen hatte. Was sich 
hier und da noch erhielt, war eine dürftige Bewahrung halb 
verstandener üeberliefeningen, und wohl nicht überall in 
deutschen Landen warfen die Dichtungen der ritterlichen Zeit 
einen verklärenden Schein auf das Leben des jungen Adels, 
wie dies Oswald von Wolkenstoin erfahren hat, der doch 
eigentlichen Unterricht auf der Burg des Vaters auch nor 
durch einen am rechten Fnsse hinkenden nnd am linken Auge 
erblindeten P&ffen erhielt^). Was Eberhard n. von Württem- 
berg an seinem Hofe einrichtete, eine kleine Schule adeliger 
Jonglinge, die seinen 1487 geborenen Sohn Ulrich umgaben 
und unter seiner persönlichen Aufsicht unterrichtet wurden, 
das konnte auch nur als Ausnahme gelten und trug nicht 
gerade flie ^rehofften Früchte^). Jagd und WafTenspiel blieb 
doch für die hölieren Kreise der deut«?chen Nation Hauptsache, 
was die edelsten Männer jener Zeit oft schmei'zlich beklagt 
haben. Dass indess im Familienleben namentlich des Büi*ger» 
Standes für religiöse Bildung manches Gute geschah, unter- 
liegt keinem Zweifel, und die Kirche hat dabei ihre Pflichten 
doch nicht so verabsftumt» wie zuweilen angenommen wird. 
C!ochläU8 hat in freundlicher Erinnerung an seine Jugendzeit 
gelegentlich Folgendes zu erzählen gehabt'): „Ich weiss es, 
dass bei uns Deutschen sonst die Eltern ihre noch lallenden 
Kinder das Vaterunser, den englischen Gi-uss, den Glaul)en 
und die zehn Gebote lehrten, damit sie zu beten wüssten, 



1) Beda Weber, Oswald von Wolkeusteia (Innsbruck 1850) 

a 1061 

8) Heyd, übich von WOrttsmberg (Tabingen 1836) 8. 86 £ Widi- 
Hge EnsftDmngen bei Netteiheim 8. 67; Junkmehnleo 8. 75 £ Das 
Kledarde ott ciie in dieBen EniMn 8. 60 1 

10 In dv edurift: An eipediat laieb lee«« Novi TflstasMiti Iflvot 
Hagoa Teroacola (1588)^ mit SeftenbUdun auf das Lotherthnni. 



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160 I>M Zurücktreten te waMnftBdL klerüaOen Scholen etc. 

ehe sie fertig su reden oder sicher zu gehen ?ei*m6chteii. 
Auf den Armen der Mutier oder der MAgde wurden die 
Kindleia in die Kirchen mitgenommeD, damit sie dem 
heOigen Messopfer« der Predigt und den Gesflngen beiwoliiiteB . 
und so 4fie frommen Gebiinehe unserer Religion durdi Hören 
und Sehen lernten und gleiehaun mit der Mutfcermilcii ein- 
saugten, bevor ihnen noch die innewohnende Neigung zum 
Bösen Hindernisse bereitete''. 



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i 



VL 

Der Schulunterricht 



I 



Wir wenden uns zum Schulunterricht. Es wird 
dabei unsere Aufgabe sein, die Lehrziele, die Lehrfächer, die 
Lehrweise und die Lehrmittel zu bespreehen. 

Was nun aber die Leihrdele anlangt, so ist von yom 
herein als entschieden anzusehen, dass von abstraet gefinssten 
Idealen niemals die Bede sein konnte. Damit soll nicht ge- 
sagt sein, dass es den Menschen jener Zeiten an Nachdenken 
über die Aufgraben der Erziehung gefehlt habe. Beweisen ja 
doch schon die eben angeführten Dichterstellen, wie man gleich 
pädagogische Probleme in selbständiger Weise sich gestellt 
und die Lösbarkeit dei-selben zu zeigen versucht habe. Wir 
dürfen hierher wohl auch die sinnreiche Sage von Kaiser 
Friedrich II. rechnen, der, um zu erfahren, ob Kinder von 
selbst zum Sprechen kommen und in welcher Sprache sie ohne 
Anldtung reden werden, in ihrer Gegenwart niemals habe 
reden lassen, was aber ihren Tod zur Folge gehabt, da ihnen 
Bolclie unmenschliche Stille, bei welcher selbst ein Wiegenlied 
nicht zugelassen worden , unerträglich gewesen % Aber das 
Bewusstsein der Menschen jener Jahrhunderte erfüllte sich so 
ganz mit dem, was die Kirche darbot und verlangte, dass man 
auch für den Unterricht kein Bedttrfiuss hatte, über das von 



1) Alb. Richter, Zur Gesch. der häuslichen Endehiuig in Deatsch- 
hmd, in der ComeUa'von Pils lY, 24. 

K»«Biiiel« SolnamMB. 11 



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162 ]>M ZuOekMan te woienflkh kMkalen Scholan etc. 

(ihr Geordnete binaiis za gehen, so lange nicht der aDgemeine 
'•Gang der Dinge gewisse Erwdtemngmi notfawendig madite. 

Das Zeitalter, welches mit so grosser Anstrengung, mit der 
Aufbietung der edelsten Kraft eine Reformation der Kirche 
an Haupt und Gliedern ei-strebte, hat auch fQr das Unter- 
Tichtswesen manches Gute in Gang zu bringen gesucht; aber 
man kann nicht sagen, dass dabei die alten Fundamente ver- 
lassen worden. Als Hauptaufgabe fUr den Untenicht erschien 
^ immer wieder, ftlr den Dienst und fttr das Leben der 
Kirche die erforderliche Vorbereitong la geben. Dort handelte 1 
es sich also dämm, die Vielen, welche in den geistlichen Stand: 
^treten, als Weltgeistliche oder als Klostergeistliehe wirken 
sollten, wie diejenigen, welche sonst in dieser oder jener Weise 
der Kirche zu dienen bereit waren, mit den nöthigen Kennt- 
nissen auszurüsten; hier galt es, auch für die grosse Menge 
der Laien irgendwie ein Verständniss der Wahrheiten, die sie 
verkündigte, der Gesetze und Rechte, die sie geltend machte, 
der Formen, in denen sie alles sich bewegen Hess, anzubahnen. 
Bei den mannigfaltigen Uebei'gängen aus den geheiligten 
Kreisen des Klerus in die minder festgezogenen Kreise der 
weltlichen Geschäfte und Berufe kam auch for diese das, was 
Jene bestimmte, oft ganz unmittelbar an eingreiüBnder Wirk- 
samkeit, kleidete sich wie yon sdbst das Weltliche in geist- 
liches Gewand, und alle Verweltlichung desJElems hinderte 
nicht, ja forderte zuweilen die Vergeistlichung des Weltlichen. 
Wie Fürsten und Herren in vielfachen Beziehungen zur Kirche 
standen durch Besitz und Leistungen, so war alles Volk auch 
in seinen äusserlichsten Interessen fortwährend auf sie ange- 
wiesen, wie alle höhere Anregung und Erquickung von ihr 
ausging. Eben deshalb übte sie nun auch einen durchgreifenden 
Einfluss auf alle Wissenschaft aus. Die geoffenbarte Wahr- 
heit, wie sie kirchlich fixirt war, galt ja als die unver- 
rOckbare Grandlage alles Wissens, und was in den Schriften 
der Hdden erhalten war und aur Bmutsung geeignet sduen, 
das Hess man doch nur seines formellen Werthes halber, den 
man doch wieder nur unvollkommen begriff, oder weil es 
beschränkt ethischen Zwecken dienen konnte, zur Anwendung 



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I 



YL S tetolteafci h t 16B 

•giiliagwi. IM je stiiker nan, vialleD AnuJiiiMB d«r Kirche 
tmi, ien Qegeniati swiidien gMÜidier md meoMhlielier 

Weisheit hetonte, desto bestimmter enehien das Nichtkirch- 
liche fort und fort in Unterordnung unter das Kirchliche, desto 
weniger konnte zunächst noch an eine selbständige Aufstellung 
menschlicher Wissenschaft gedacht werden. Die hierzu an 
den Universitäten gemachten Anfänge kamen wenig in Be- 
tracht» da die Artisten-Facultäten die artes liberales nur nach 
scholastisch-kirchlichem Zuschnitte behandelten und auch die 
Medianer mit einer ans traben Queltoi abgeleiteten Wabn- 
wissensehaft ohne rechten Gewinn fbr das Leben sieh ab- 
mOliteDt wihrend die Jurisprudeni dmeh das kanoniaehe fiaoht 
ganz, doreh das rSmiaehe Becht sa einem gaten Tbeile in 
Abhängigkeit von der Kirche sich befand. 

Da ergibt sich von selbst, in welchem Geiste der Unter- 
richt in den kleiikalen und eigentlich doch auch in den Stadt- 
schulen behandelt werden musste. Freilich waren die letzteren 
aus mehr weltlichen Bedtii-fnissen entstanden, aber, wie wir 
sahen, durchaus nicht im Gegensatze zu den ersteren, vielmehr 
in den meisten Stücken doch nach diesen ehigerichtet und 
liber sie nur in onwesentlichen Dingen fabiansgehend« Viele 
Dttigflffgemeinden wftren froh gewesen^ wenn die Kirdie die 
eigenen Sehnlen soigfiUtiger gepflegt und filr die nmwohnende * 
BeYölkemng nntadbeier gemacht hatte nnd, wo ftnssere Ver- 
hältnisse neue Sehnten als wünschenswerth erscheinen liessen, 
von sich aus zum Nachhelfen geneigt ^^ewesen wäre. Was 
man an Wissen und Können für weltliche Berufsthätigkeit 
und geschäftlichen Betrieb brauchte, das konnten die klerikalen 
Schulen auch darbieten, so lange die Zahl deijenigen, welche 
darnach vedangten, eine geringe blieb. 
I Im allgemeinen dttrfen wir sagen, dass m beiderlei Schulen 
j die Lehifteher bis com Ende des Mittelalters wesentlich die- 
1 flelben geblieiben sind, was dann andi yoa den Lehnreisen 
1 und den Lehrmittehi gilt Wir werden deshalb auch die 
weitere Behandlung so Anrichten können, dass wir nur neben- 
bei auf Modificationen , wie sie fttr beiderlei Schulen sich er- 
gaben, Rücksicht nehmen. 

11* 



I 

L _ 



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164 I>M ZwfkckMiii te PtHliuli hkOMn Sdudm eC& 

Ate 8Mnt dki Lekrffteher. Hl8rbd Aber hilm nir 
uns nickt einsehender Bit der Stelliiog mid Bedeateng der 
im TriTimn nad QaAdrivinin des frOliereB lüMeHerB susammen- 

gefassten Disciplinen zu besch&ftigen , sondern vor allein die 
Veränderungen zu beachten, welche für das Unterrichtswesen 
des späteren Mittelalters aus der Hen-schaft der Scholastik 
sich ergeben haben. So lange die Schulen der Benedictiner in 
einer gewissen BlUthe sich erhielten^ behaupteten sich auchy 
Grammatik ttnd Rhetorik mit dem Studium der Alten in 
höherer Geltung; als aber der groBse Orden in Verfall geiieth, 
kam aneh in das Unleniditiweeeii eine tief greitede Vev- 
Indernng. Die Beltelerdea bemftehtigten sieb wie der geietigeii 
Leitung der Massen so der anf VÜege der wiflsenaohaftlidMii 
Stadien berechneten Anstalten nnd mit Henrorhebnng der 
Dialektik, die der grosse Name des Aristoteles allmählich zu 
einer Alles überragenden Hen'schaft brachte. Und die aus- 
gezeichneten Männer, welche jetzt das wissenschaftliche Leben 
bestimmten, wirkten nicht in der Stille der Klöster, sondern 
besetzten die Lebrsttlhle der Universitäten, an denen nun 
alles Denken und Lernen nach Thomas von Aquino und 
Albertus Magnus, nach Alexander von Haies nnd Duns SeOtns 
in den Formen der DiaMctik sieh bewegte. VeigeUich hatte 
Johannes von Salisbury diesem Altfdle Ton der alten Untere 
nehtsweise sieh entgegengestdlt. Die dassisehen Studien 
traten so entschieden in den Hintei-gi-und zurOek, dass schon 
die jetzt in Brauch kommende Diction im Vergleich zu dem, 
was das zehnte Jahrhundert geleistet hatte, ein arges Sinken 
des Geschmacks erkennbar macht Man würde freilieh 
irren, wenn man diese Veränderung der ünterrichtsweise 
auf eine bewusste Umgestaltung pädagogischer Principien 
.zumckfnhren wollte; aber durch den allgemeinen Zug des 

1) Daniel, Classische Studien in der christlichen GeselLschaft 
(Freiborg i. Br. 1855) S. 85 ff. Vgl. Heeren I, 236 ff. Selbst der in 
den Alten ausserordentlich belesene Vincenz von Beauvais blieb ohne 
alles lebendige Verständniss des Alterthums. Vgl. Boutpric, Vincent de 
Beauvais et la coonaissance de Tantiquit^ classique au XIIL sidcle. 
Paris 1Ö75. 



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Tl. Der Schttiunterricht. 



165 



geistigen Lebens dieser spftteren Zeit wurde die Veränderung 
doch eine so umfassende, dass die scheinbar festgehaltenen 
Formen des Untemchts mit anderem Inhalt sich eifQllten, 
dass selbst das Wort Are, früher vorzugsweise für Grammatik 
gebraucht, mehr und mehr Dialektik bezeichnete und die 
Artisten der ünivenitäten nicht Erklärung und Nachbilduiig 
der Classiker, sondern dialektische Fechterkünste ach zur 
Angabe MehteB. üb kam hinzu, dass die Sohea ?or dem 
ans den Caasslkarii xedendMi HeidratinuD» die sobon üi Alcain 
•0 stark Ml geregt und selbst die gebadeten Kreise der 
aidisisdien Zeit ▼iettwh beunruhigt hatte, ym dem Stndimn 
der Glassiker immer entschiedener ablenkte. In den Bene- 
dictinerklöstern Bayerns erfreuten sich die classischen Studien 
bis in das 12. Jahrhundert einer sorgsamen Pflege, wenn auch 
bereits Othlo von St. Emmeram (f 1083), übrigens selbst durch 
sie gebildet aus religiösem Interesse sie bekämpfte, und der 
eifrige Gerhoch von Keichersberg (f 1169), freilich auch ein 
Gegner der Scholastik, konnte noch darüber klagen, dass man 
in seiner Zeit viel liebar mit Veigüi Ovid und Cicero sich be* 
eehSAigey als an Heiligsngescbichten sich erbaue^); aber man 
schob Jene doch aUmWich gans mmck, so dass man bald 
die Kenntniss des Lateinischen nicht mdhr aus lateinischen 
Schriftstellern, sondern aus Sammlungen von Bibelsprüchen 
(nach der Vulgata) und von Stellen der Kirchenväter, denen 
man nur eben noch moralische Sentenzen aus den Classikern 
beigab, gewinnen liess. Vom Griechischen kannte man später 
ÜASt nur noch das Alphabet, und wenn man einzelne grie- 
chische Stellen sich verständlich zu machen hatte, da erklärte 
man sie nach Glossen, Wort ftr Wort, ohne Kenntniss von 
Dedinalionen und Goi^agationen, oft ohne den rechten Sinn 
zu treffon. Wie ganz anders war doch der Gang der Dinge 
in Itdien gewesenl Dort hatte im Zeitalter der Ottonen 
unter dem Einflüsse der classischen Literatur das ganze Leben 



1) Vita Wimtonis in Pez, Anecdot. I, 1. P.ni, p.899. Vgl. Watten- 
ba eh, DeatschlandB GeschicbtsqiieUen im Mittelalter I, 2401 (ß* AuB.) 
and Heidemann, Die Stiftsachiile in Eswd (1874) ä. 42 t 



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166 Bm ZnttckmiiB te wintHrh lätrikakn fUhakn ele. 



eilieii fiuBt hddniseheD Giarakter Mig6iioiiim6ii>); dort regte 
rieh seit der von Gregor VD. hervorgerafenen Bewegung ria 
eigentlitkiiilfelier Enthusiasiniis für das Grosse in der rSmisehen 

Geschichte, der wie von selbst eine nationale Färbung an- 
nahm*); dort übte seit dem zwölften Jahrhundert das Lesen 
der alten Autoren und die Betrachtung der alten Denkmäler 
einen sehr merkwürdigen Einfluss auf die Entwicklung der 
römischen Gemeinde aus^); dort ffüirte das Studium des 
römischen Rechts, das in Bologna eine 80 wksame Pflege 
eiiiielt, das Denken in eine Welt zurück, am welcher fttr das 
Lehen zahbeiche Muaterfonnen rieh ableiten lieesen, irie 
solche Studien auch der eineeitlgeii Handhabung der Dialektik^ 
die jensdts der Alpen alleB Oberwndierte, ein krAftiges Gegen- 
gewicht gaben. Aber für Deutschland war die vom Westen 
kommende Einwirkung die vorwaltende. 

Betrachten wir nun zunächst, welche Verändernngen der 
Unterricht der klerikalen Lehranstalten in dieser späteren 
Zeit eifahren hat. Und da entspricht es ganz den thatsäch- 
lichen Verhaltnissen, wenn wir den Unterricht im Latei* 
niachen und im Singen voranstellen. Denn in diesen 
beiden Stacken ftsate rieh für diese Schulen das zusammen, 
was nicht bloss die Bfickrieht auf das kirchliche Bedttrfiiiss, 
sondern auch der Zweck einer höheren Bildung fftr jeden, 
der ihnen zugeführt wurde, als nothwendig erscheinen Hess. 
Dasjenige, was wir im Religionsunterricht lernen, war 
für die unteren Stufen im Grunde weniger Sache einer beson- 
deren Unterweisung, als vielmehr der ganzen kirchlichen 
' Praxis und gelangte erst für die Gereifteren zu wissenschaft- 
licher Behandlung, die dann in den meisten Fällen über das 
von diesen Schulen Gebotene hinauriag. Der Unterricht im 
Lesen und Schreiben trat mit dem sprachlichen Unter- 
richte in engste Verbindung, soweit nicht der letztere zu 



1) Vogel, RatheriuB von Verona S. 38 flF. 

2) G frörer, Papst Gregorius VII., I, 663 f. 

8) Gregoroyius, Gesch. der btadt Kom im Mittelalter IV, 429 ff, 
558 f., 570 ff., 586 609 1 



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VL Dar Sdmhmtgmcht 



16T 



Iniostvoiler Betreibung gcbiaeht warde, was immer nur Sodie 
ffimlner war. Bechneii wurde entweder gans yemaeh- 
Iftfisigt oder nnr nebenbei gelebrt Von Mathematik als 

einem Bestandtheile des Quadrivinm war wohl nur sehr selten 

die Rede. Was in sachlicher Beziehung luitgetheilt werden 
konnte, das schloss sich durchaus an den sprachlichen Unter- 
richt an. 

Dieser verdient nun allerdings eine genauere Betrachtung» 
Er beschränkte sich aber in den klerikalen Schulen aus- 
sckliesslich auf das Lateinische, das ja wirklich auch nicht 
bloflB fSkt die Zwecke der Kirehe, sondern fCat den Dienst des 
liebena nnentbehrlich war, wKlurend das Grieehisdie, wenn 
das änfisere BedOiAusa in Frage kam, TfUlig anraekgestellt, 
das Deutsche aber, soweit man es brauehte, am Lateinischen 
erlernt werden konnte. Es mag darin eine starke Ein- 
^seitigkeit liegen ; sie wurde jedoch von den betheiligten Kreisen 
picht als solche empfunden, wie denn auch in den Stadt- 
schulen der lateinische Unterricht Alles tiberragte. Und wir 
begreifen dies vollständig, wenn wir z. B. von Hamburg er- 
fahren, dass dort in der Mitte des dreizehnten Jahrhunderts 
die Stadtwbebücher und sämmtliche Rechnungen des Raths 
von den versehiedaiea Mitgliedern in lateinischer Sprache 
labge&ast worden sind, Ja dass man damals alle Doeumente, 
Handlungsblleher und Gorrespondenzen ebenfalls lateinisch 
abgefiisst hat^). Das Lateinische war eben noch lebende 
Sprache. Um so seltsamer erscheint freilich die Art, wie man 
sie lernen Hess; aber es ist doch auch wieder lehrreich, diese 
Art zu betrachten, die, entsprechend der grossen kirchlichen 
Einheit, für das ganze christliche Abendland wesentlich die- 
selbe war, wie auch die für solche Zwecke gebrauchten Lehr- 
bttcher in den weitesten Kreisen Geltung hatten. 

Zunächst kommt nun in Betracht, dass man im Mittel- 
alter fort und fort die Wissenschaft im engsten Ansehluss an 
die als Autorit&ten anerkannten Texte lehrte, also in der 
Weise, dass man diese commentirte. In Besug auf die 



1) Meyer S. 22. 



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168 Dm ZorOcktroten d«r wwiwtlkh kieriluln SdudM ele. 



lateinische Grammatik aber beschränkte man sich seit dem 
zwölften Jahrhundert fast ganz auf Donat und Prisciao, neben 
denen hOciistens noch Isidor von Sevilla und Bemighie tod 
Anxeire benutzt wurden. Ja ancb Ton Donat ge^rsuebte man 
nur noeb den in Fhigen und Antworten geluzten Aiuzag» 
den man Donatus minor nannte 'X und das dritte Bncb aetier 
Ars major, das seit Hugo von St Vietor Barbarismus biess ') ; 
▼on Prisdan kannte man nur noeb die Schrift de accentibus 
und die Institutiones gi-ammaticae , deren 16 ei"ste Bücher 
das Werk bildeten, welches man Prisciani volumen majus oder 
Priscianus major nannte, während die zwei letzten Btlcher 
Prisciani volumen minus oder Priscianus minor hiessen. Im 
dreizebnten Jabrbundert wurde an der Artisten-Facultät in 
Paris vorzugsweise nach Priscian gelehrt Im vierzehnten 
Jabrbundert traten Alexanders Doetrinale und Ebeilmida 
Graedsmus TöUig in den Vordergrund; von ibnen wird also 
nodi genauer zu spredien sein, gdion batte die aiistotelisebe 
Dialdctik wie aUe Wissensebaft, so audi die Grammatik unter 
ihre Herrschaft genommen. Man machte keinen Unterschied 
zwischen Wissenschaft und Unterricht. Die Autorität des 
Aristoteles wurde für die geringfügigsten Dinge angerufen und 
benutzt. Alle Form fler Darstellunjr bestimmte sich darnach, 
wurde Disputation, Erörterung des Pro und Contra; man ging 
durchweg von Abstractionen aus, von Sätzen des Aristoteles» 
. nicht von der Ermittlung des Spradigebraudis, weshalb man 
in zablmchen grammatisdien BOdiem selten ein Gitat, und 
nie aus Prosaikeniy sondern etwa aus Ovid, finden kann. 
Die Grammatik war eine rein speeulative Wissensdialt ge* 
worden , die niebt mehr das tbatsildilidi Gegebene ins Auge 
fasäte, sondern die Gründe nach den philosophischen Principien 



1) Doniitus minor octo partium orationis. Aug. Vindel. 1481. Die 
Ars magna Donati gehörte übrigens zu den ersten Büchern, welche in 
Haarlem, Mainz und an anderen Orten durch die Holzschneidekunst und 
dann durch die Buchdruckerkunst Yerbreitang fanden. Gr&fenhan, 
G€Mb. der Plifloiogie IV, 109. 

8) Ce tnit^ MX Sana donta aind appeM paiee qa'U tnüe dPabord 
do baibariame et comineDee par le mot BaibariBmua. Tharei 



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Yt Der flchnloBleBMt 



169 



avMeite. Die AiifiUiger bimehten MäA nodi «iae ganz 

elementare Darstellung des Grammatischen, und in einzelnen 
Fällen nahm man die Muttersprache zu Hilfe V) ; aber mit dem 
zwölften oder dreizehnten Jahre mussten die Schüler in die 
Subtilitäten dialektischer Behandlung sich fügen, die ihnen 
nun auch mit unbarmhei-ziger Strenge eingebläut wurden, aber 
freilich die entsprechende Vorbildung für die dialektische Be- 
handliuig aller Wissoiachaft an den UniTeCBitäten gewährten. 

Es wfirde hier sii weit führen, wenn wir anf die £ia»]p 
hmUsk dieaer grammatiachen Tbeoiie eingaheii wolltai, die in 
• der 'songfiütigBten Weise Thntot dargnslallt hat*). Wir ver^ 
äditen also darauf, die yersehiedenen Eintlieflangen der 
Grammatik specieller zn bezeichnen, lassen uns auch nicht 
auf die zum Theil sinnreichen, aber sehr subtilen Unter- 
scheidungen in Bezug auf den Modus signiticandi ein, bei 
welchen ein besonderes Gewicht auf die Verschiedenheit der 
vier declinirbaren Redetheile (Nomen, Pronomen, Verbum 
und Partidpium) von den vier nicht declinirbaren (Adverbiom, 
ConjunctiQny Präposition, Inteijection) gelegt wurde 3); wir 
bebandeln auch nidit die 8yntax jener Zeit, die seit don 
dreiaeluvten Jahriumdert eam sehr ileissige Bearbeitiuig erfiihr; 
ebenso wenig bespreehen wir, was damals Ober die Bodo- 
figuren, die man naeh ihrer wahren Bedootang doch nicht 
▼erstand, ausgeklügelt worden ist. Nur das mag hier noch 
hervorgehoben werden, dass man ganz folgerichtig, während 
man früher so viel Grammatiken angenommen hatte, als es 
Sprachen gab, seit dem dreizehnten Jahrhundert die Gram- 
matik als Wissenschaft erst dann ansehen zu können glaubte, 
wenn sie als wesentlich eine betrachtet werden könne, die 



1) Doch hat selbst der asnerordentUch fleisdge Thurot bot twm 
ManaMripte tolober EtoBWBtaignHWBatiken ia frauMieher SpnMlw ge- 
fimdsB» 

8) NotieeB et extraifs de difen meiuMfflrite kÜBB pour servir k VhktioiK 
des doctrinee grammaticales au moyen ägc; T. XXII der Notices et es- 
traits des manuBcrits de la biblioth^que imperiale (Paris 1858) p. 4. 

3) Vgl. Joh. Müller im Aiueigar Är Kunde der deutächeii Vor- 
zeit, 1878 No. 8 und U. 



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170 Bm ZurfiekMoi te nwillfali kkrikakn Sdmtai elc 

»mi Gegenstand das Nothirendige habe und demonatrando et 
dedoeendo Torwirta aehreite, abiigena doch wieder mm der 

Logik sich unterscheide, wenn auch beide nach gleicher Me* 
tbode behandelt werden müssten. 

Aber wir haben die wichtigsten grammatischen Bücher 
dieser späteren Zeit noch etwas genauer zu betrachten: das 
Doctrinde des Alexander von Villedieu, den Graecismus des 
Eberhard von Bethune und das unter dem Namen floriata 
bekannte Buch des Ludolf von Hildesheim. Alexander ymi 
ViUediei^ der Nonnandie lebte am Anfenge des dieicelukten 
Jahriiunderta und ataib als Kanonikus yon St AnM in 
Ananehes. Er hatte luarst zwei WMerbftdier in Prosa ab« 
geiftsst (Alphabetnm minus und Alphabetnm majus); dann 
aber schrieb er, ein eifriger Gegner der Beschäftigung mit 
den heidnischen Dichtem, drei christliche Gedichte über die 
verechiedenen Zweige der menschlichen Erkenntniss, durch 
welche er jene zu verdrängen hoftte: das Doctrinale über die 
Grammatik, das Ecclesiale über den kirchlichen Kalender, 
den Actus und das kanonische Recht, endlich ein Wörterbuch 
für alles Uebrige. Wahrend aber die beiden lotsten Werke 
nodi TOT dem Ende des Jahrhunderts in Tfillige Vergessenheit 
Igerathen waren, gewann das Doctrinale, getrag«i yon den 
Frandseanem, den Ordensbrftdem Alexanders, die weiteste 
Verbreitung : ein Poem in Hexametern aus 12 Gapiteln bestehend 
und vieles zur Grammatik und Prosodie Gehörige behandelnd, 
aber die Elemente, wie sie aus dem Donat und dem Alpha- 
betum minus gelernt werden konnten , voraussetzend ; doch 
sollte das Buch eben nur Schülern (clericulis novellis) dienen 
und machte keinen Anspruch auf Originalität. Aber es ist, 
^ielfach commentirt, bis in das sechzehnte Jahrhundeit das 
wichtigste Schulbuch geblieben und hat noch im fünfzehnte 
Jahrhundert nber SO Ausgaben erlebt, Ton denen nidit wenige 
in Deutsdiland hervoigetreten sind. Man glaubte darin einen 
Schatz alles menschlichen Wissens su haben, und die ersten 
Versuche der Humanisten, das Doctrinale aus den Schulen 
zu verdrängen, stiessen auf den hartnäckigsten Wider- 



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VI. Der SchnlimteiTicht. 



171 



stand M. Eberhard von Bethune, ein Zeitgenosse Alexandei s, hat 
seine lateinische Grammatik zu kaum geringerem Ansehen ge- 
bracht, wie das Doctrinale ; sie wurde wie dieses selbst für den 
Unterricht der Universitäten vorgeschrieben und hatte noch vor 
1270 ihre Commentatoren. Der Titel Graedsroos ist ttbrigens 
mcfat von ihm, sondern aus dem mit griec^ii sehen Etymologien 
angefüllten zehnten Capitel genemmen. Der viellMlie Qe- 
bnuieh des BucIib erklärt uu aueh, dasB es lahlreidie Inter* 
pretationen er&hren hat^. Ludolfe Florista gehOrt erst 
demillaMmten Jahilnmdert an, Beheiat aber von Deiitaehlaad 
ans in die Niederlande und nach Frankreich hinein ziemliche 
Verbreitung gefunden zu haben, eine Grammatik in fünf 
Capiteln, die vorzugsweise Syntaktisches (alsfloresgrammaticae) 
darbot^). — Es versteht sich von selbst, dass neben diesen 
Büchern Donat und Priscian in den reducirten Fassungen, die 
sie allm&hlich erhalten hatten, aber ebenfalls vieiiach glosairt 
tmd commentirt, dem Schuluntenichte dienten. 

Wie stand es nun mit der lateinischen LectOre? Die seit 
dem dreizehnteo Jakrhnndert gewObnUehe, auf Priscian: surftek* 
gefilhrte Definition der Orammatik als sdentia recte scribendi, 
reete scripta intelligendi, reete intetteeta proBondandi sehien 
Ton dem , was Grammatik der Alten gewesen war , weit ab- 
zulenken und namentlich die Erkläning der Dichter auszu- 
schliessen. Aber so war es doch nicht. Man könnte es ein 
unvei*standenes Nachwirken der alten Lehrtradition nennen, 
dass gerade das Lesen von Dichtem fort und fort in den 
Schalen mit der Grammatik in engster Verbindung sich erhielt. 
Die Aaswahl war freilieh seltsam. Neben dem aUverekrteii 

1) Eine Parodie des Doctrinale mitgetheilt von Wattenbach im 
Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit, 1S75 No. 5, S, 149 f. üebar 
das Doctrinale iiurckhard de linguae lat. in Germ, iatis p. 290 ff. 
PoljcLeyser ffistpoetamm et poematom medii aevi p. 767 ft Zaraoket 
Seb. Brtms Namotcihiff 0864) 8. aM6 C Stallaert 8. 146 #. 
9 Vgl. Asehbaeh, Geich, der l^ener Umrenhit I, 86 £ 
9) Tharot p. 487. Spitar wurde der Florieta Ton WimphaUng in 
Beinern Iddoneas Grammatieas (1497X von Georg Bauer in Minen PueriUa 
Grammatices (Augsburg 1514X von Luther in leiner Schrift: «an die fiathi- 
henren" (1524) stark angefochten. 



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172 1>M ZnrQcklretflB te wiHdkh UerilHta Sduden eCb. 

Yiigii iMttiii doch Midi LuMoi «ni ^atiis ihre ßtoOe; die 
An anaadi des Ovid acheint in dmi KlMm ein LMling»- 
iHieh gewesen zu sein und wohl aueh die Schüler beschftfbigt 

zu haben Aber seit dem dreizehnten Jahrhundert kamen 
auch Dichtungen des Mittelaltere zu Ehren, wie das Alexander- 
lied des Gautier von Lille (von Chatillon), das, wie man 
aus der Menge der noch erhaltenen Handschriften mit Vari- 
anten und kurzen Erläuterungen folgei-n dai-f, auch in den 
Schulen viel gebraucht wurde Es versteht sich von selbst, 
dasB dicjealgeii, welche das Heidenthnm der atten Dichter 
scheoten, mit beBondmm Eifer ehriatUehe Dichter der frlkhereoi 
Jahrhudcrte eaiifiidilfls, den Pndciitloa, den Sednüna, den 
Arator. Wenn BMn nun auch nicht von den sahireichen 
Citaten aus den Dichtem ohne Weiteres ^nen Bchluss machen 
darf auf genauere durch die Schulen vennittelte Bekanntschaft 
mit diesen, da wohl sehr oft solche Citate aus Florilegien 
genommen sind, so ist im Ganzen doch vielleicht auch im 
späteren Mittelalter die Belesenheit in den Dichtem grösser 
gewesen, als wir zuweilen uns denken m^en. 

Fragen wir aber nach dem Gange « den man bei der 
Leetire im Schuluntenrichte nahm, so kann ea keinem Zweifri 
unteriiegen, dam die Distichen Cato's und die Fabehi Aesops 
lange Zeit liindurch den Anfing machten*). Das ans dem 
zelmten Jahrirandert stammende allegorische Gedicht, welchea 
den Namen Theodulus an der Stirn trägt und die Wunder 
des Alten Testaments den Fabeln der Mythologie gegenüber- 
stellt, scheint in vielen Schulen an jene sich angeschlossen zu 
haben. Dann folgten je nach Neigung und Fähigkeit der 
Lehrer die grösseren Dichterwerke. Wir sind in ziemlicher 
Ungewissheit Uber die Benutzung lateinischer Prosaiker; aber 
wir dürfen annehmen, dass Cicero's Bücher von den Pflichten 
und manches aus QuintOian, Seneca u. a. gebraucht werden. 
Ans den in Dom- und KlosterbiUiotheken befodlidien Schriften 

1) YgL K. Bartsch, Albraoht von HalbfintMU imd Ofid im Mittel- 
alter. Quedlinburg 1861. 

2) Oudin, Script, ecclos. U, 1666. Vgl Daniel S. 104. 

3) Daniel S. 98 und lOd. 



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VL Der flfilwIiiCwikhfl 



178 



MM sich Mm irgendwie sicherer Sehliue «nl die VerweftdVBg 

derselben im Unterricht nachen. 

Im Zusammenhange mit der Leetüre der lateinischen 
Dichter stand die Versification, der man viel Aufmerk- 
samkeit und Fleiss zuwandte. Der Zweck dabei war ein 
dreifacher: delectatio, memoria fimiior, lucida et venusta 
brevitas. Die Uebungen aber gingen nach £wei fiichtungeft 
auseinander, da Bum Beben der Nadibildang antiker Mneter, 
wobei die Qoantit&t der Silben vor Allem in Betraeht kaa, 
immer lieber ZiUnng der Silben und Anwendung des Beimee 
sieb gestattete. Man nannte jene Weise dietamen metrieom, 
diese dietamen rhythmicum. Die Quantität der Silben lehrte 
man theils nach einem alphabetischen Verzeichniss, das zugleich 
Belegstellen aus Dichtern enthielt, theils nach einem ebenfalls 
alphabetischen Verzeichniss von Anfangs-, Mittel- und End- 
silben; dabei ging das Geftlhl fttr Quantität mehr und mehr 
Valoren. Seit dem 12. Jahrinmdert machte man nur noch 
Heoameter nnd Pentameter, man nntemgte die Elision, er- 
laubte die kurze Silbe, wMbe am Ende eines Wortas im 
kutukg des dritten Veisfasses bildete, lang m gebranehen, 
fShTte dailkr allerhand Spietoreien ein, die dann den üeber- 
gang zu den gereimten Versen bildeten (versus consonantes, 
leonini, caudati, catenati)M. Anleitungen zur Versification 
in der Schule werden ziemlich oft genannt % und entsprechende 
Uebungen mögen fieissig und wohl auch nicht ohne Fruclit 
stattgefunden haben 

Von Italien aus, wo die Rechtsstudien so entschieden 
Torwalteten nnd in allen Unterridit eine mehr praktisdie 



1) Thurot p. 407 ff. 

2) Ein Liber prosodiacus von Martin Hdntschin in Görlitz erwähnt 
bei Enauth S. 5. 

3) In einer alten Ordnung der Domscbule zu Speier aus dem ^der- 
admlsB Jähihflndert hoisst mt pneii ad hoo iqtli venificare et dielaie 
Matt diebiB alteniatis. Mone S. 969; aber die hier gegebene Bi^ 
Uafang: Tenifleare heieit ane gegebenen Werfen Vene soeamBunsetiea, 
dietare difihten, eobelnt aiefat hntthar, tiefanelir sdieinl eine Abwediaelmig 
twitehea Yenftbimgen und Stüfibmigeo gemeint 



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174 I>M ZnrllflkMaB te wimimrh Ufliflkilfln Sdioloi ete. 

kuSmaag braciitBii» ktm mtk die Pnietiea diofamnnlß (ii6 
dietaodi) zu uns. Sie enchSen oft all BeBUftdkMl der 
* gremmaliidieii Leiirbftelier« obweU sie eigentiieh in das Gebiet 
der Bbetorik rdehte, als Anleitiiiig zmn Lateinsehreiben 

und besonders zum Briefechreiben und zum Geschäftsstile 
Es ist klar, dass üebungen dieser Art auch für klerikale 
Schulen eine grosse Bedeutung hatten, aber es lässt sich 
denken, dass sie in den Stadtschulen eine noch höhere Be- 
achtung fanden^). — Das Lateinsprechen musste natürlich in 
einer Zeit, fikr welche diese Sprache noch eine lebende war, 
bis zu einer gewissen Sicheriieit gebracht werden, besonders 
in den klerilodffii Sefanlen, ans denen doeh fttr den Dimst 
der Kiiebe so viele herrmigingen. Bfan wird Obrigeaa dabei 
an berOcksiehtigen baben, dsas anch die Schwierigkeit, den 
Sebalem BOeber in die Hinde zn geben — und der Mangel 
an Büchern dauerte ja noch lange nach Erfindung der Buch- 
druckerkunst fort — das Vorwalten des Mündlichen beim 
Untenichte bedingte. In den Bestallungsurkunden für Lehrer 
der Stadtschulen findet man nicht selten als Hauptsache be- 
zeichnet, dass die Kinder lateinisch sprechen lernen^). Dass 
man weit in das sechzehnte Jahriinndert hinein das Spreeben 



1) Thurot p. 90 S. Vgl. Rockinger, Ueber die Ars dictandi, in 
den Sitzungsberichten der bayrischen Akademie der Wissenschaften 1861, 

1, 1, nt ff. 

2) Wie solche Lebrbücker für ätadtschuien hergestellt wurden, zeigt 
Watteabftelii Sdfaifik: OuideU BhalmleMb dne AnWtung zum BrieM 
Ml Iglau, Wai ISeS, 8. 8 (m dem 80. Bande dm AitMn flor Eiuid» 
dfltocr. Geschichtiqiielliaii). * Der Yetftaeer der hier beBcbriebanen Ab- 
irefmng^ die ans dem Jalire 1418 benrOhrt, mr Eteriker und imtttxiditete 
an der Schale in Iglau , vornehmlich in der Kunst des Geschäftsstils und 
des Briefschreibens ; in Czaslau scheint er seine Schrift vollendet zu haben. 
Nach Wattenbach zeigt er sich überall als einen recht pedantischen Schul- 
meister, der sich in einer sehr gewundenen und gezierten Schreibweise 
gefällt; doch ist sein Büchlein für die Geschichte der grammatischen und 
rhetorischen Studien nicht ohne Werth. — Einer Anleitung zum Bne&til 
erwähnt auch Günthner I. 269. 

8) Ahrens, Gesch« des Lyceums zu Hanno vm: (1870) S. 18 t 



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Dm Ht Mu i tmtU^ 175 

ia der MvIterBpfaelie den Sdrittem Teriiot, bnaeht hier mur 
angedeutet su werden. 

Auf den Gesangunterricht wurde natürlich vor 
Allem wegen der Verrichtungen, welche Lehrer und Schüler 
beim Gottesdienste zu übelnehmen hatten, ein sehr grosser 
Werth gelegt, so dass dadurch der übrige Schuluntemcht un- 
gemein verkürzt wurde*). Und nicht bloss in den unmittelbar 
vom Klerus abhängigen Lehranstalten, sondern auch in den 
Stadtschulen, obwohl zuweilen jenen im Gegensatz zu diesen 
det Gesangnnterriehi ^rbehalten wurde. Alle gröMeren 
Städte hatten ihre besonderen Singenehnlen« wie Lftbeck 
und Hamburg; anch ftotliehe HOfe begünstigten solehe 
Institute^. In vieleii Stidten traten aUnUlAeh ans der Ge- 
sammtheit der Schüler die SIngchOre heraus, die unter Leitung 
der Cantoren bei den Gottesdiensten, bei den Begi'äbnissen 
und andern frommen Veranstaltungen mitwirkten, auch auf 
^Strassen und Plätzen an gewissen Tagen vor den Häusern der 
Bürger Gesänge anstimmten. In die Geschichte des Kirchen- 
gesangs jener Zeiten und in die Methode des Gesanguntemehts 
wollen wir uns hier nicht tiefer einlassen, weil es uns su weit 
▼om Leben der Schule abnehen würde. Dass die Gesinge 
ohne Ausnahme ktsinisch waren, aber auch Bedeutendes und 
Wttrdiges enthielten, dass die Gesangbücher (Cantnales), 
Kotenbflcher mit untergelegten Texten, nur kirehliehen Inhalt 
hatten und meist wohl auch als Eigen thum der Kirche galten, 
düiien wir ohne Weiteres annehmen^;. Weltlicher Gesang 



1) Ueber die Leistungen der Torgauer Schule vor der Kefonnation 
Mgt der Rector Eeiiibard iu einem Programm von 1712: Cauere mane, 
canere* vesperi , canere carmina latina neque cantoribus neqae anditoribus 
inlaUeete, canera ante hoc, ante fllnd attafei flauere modo ia bnfoi, modo 
in fSJxn sanete daflmeti hondnia memoriam, Ue labor, haee fiiit doetorom 
in idiolia opara inraeflepta. Yf^ Taehiaraoh, GeMh. daa Lnekaner 
Sdndwesens (1880) 8. 4. 

2) Für Lübeck Heppe, Volksschulwesen V, 286 f., für Hamburg 
Meyer S. 148, fikr Toigan Taabart, Gaaahiflhta dar Mnaik in Tof- 
gao (1868). 

3) Die Statuta et praecepta scholarum, zu Memmingen am Ende des 
funfBehnten Jahrbonderts gedruckt, entbalten den beaeichnendeu Vers: 



I 



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176 I>u ZnOekMan te wwtitllcli klerifatai Schnkn eta. 

Würde ja viaUitdi gepflegt, wM anch^in ld«ikileii Kreisen 
und in lateuiiseber Sprache; aber die Sdiiile anehte ihn im 
ZH halten. Ein sehwaeher Uebergang zum Volkimiiaaiigen ist 

darin zu erkennen, dass für die Carrentschaler Heinrich Knob- 
lochzer in Heidelberg die lateinischen Hymnen übei*setzte, 
zwar nicht in durchgängigen Reimen, aber doch immer mit 
soviel Silben, als das Original enthielt'). Wie leicht indess 
das Weltliche unter der Hand auch in die Schulen eindrang, 
das zeigt uns die Thatsache, dass im Jahre 1304 die Schüler ^ 
in Hambnig beim Feste des KnabenbischofB lateinisdie nnd \ 
dentsehe l^ttgedichte anstimmten^. 

Einen besondern. Unter rieht in der deutschen | 
Sprache Icannten auch die Stadtscfanlen nicht Was didbr 
doch geschah, war Sache des Hauses und der Uebung im 
Leben. Und wenn wir nun in Betracht ziehen, dass in den 
letzten Jahrhunderten des Mittelaltei-s das Deutsche in Ur- 
kunden und bei der Handhabung des Rechtes immer allge- 
meinere Anwendung fand, dass die vaterländische Literatur 
damals doch gerade in den Kreisen des BQrgerstandes treu 
gepflegt worden ist und Chroniken, Reohtsbacher, erbauliche 
Schriften eine tOchtige Bekanntschaft auch mit den Oes^aen 
der Prosa erkennen lassen, so nOthigt uns dies Alles immer- 
hhi zu ^nem anefkennenden üriheile Uber den Unterridit, 
der bei solchen Leistungen vorausgesetzt werden muss und, wenn 
er auch ein vereinzelter und von Zufälligkeiten abhängiger 
war, sicherlicli an seinem Orte mit Verstand gegeben wurde. 
Als nur mittelbare Wirkung des lateinischen Unterrichts 
werden wir es wenigstens nicht ansehen dürfen, dass bereits 
im 14. Jahrhundert sogar die Einträge in die Ortsbttcher.nidit 
selten wie kalligraphisch untadelig, fest und gefällig, so ge- 
ordnet in der Orthographie, nach Wohllaut strebend, klar und 

Tai sine maeida Ubri teneaDtor, 
St fantyslee pcnitai in am haheaator. 
S. Schmider, Zur Lttanrtnr d« Schwenkfeidtichen LiedfldBditer (1857) 

S. 20. 

1) Koch, Gesch. des KiiehenliedeB (1866) I, 896. 

2) Meyer S. 22. 



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YL Der Sduüanterricht. 



177 



folgerichtig im Stil erscheinen Eine weiter gehende Unter- 
suchung würde zur Beantwortung der Frage nöthig sein, 
inwiefern schon damals durch die Schulen deutscher Städte 
in den slavisdien Landschaften die deutsche Spraclie ge- 
fördert worden, die indess woU mehr mit dem deutschen 
Rechte der deutschen Einwanderer eich anigebreitet hat'). 

Nicht selten sehefaien die Schreibschnlen (in Nieder^ 

deutschland Scryfscholen , Schriverscholen) , die voi-zugsweise 
Privatanstalten waren, einen gewissen Ersatz für den sonst 
fehlenden Unterricht im Deutschen dargeboten zu haben'). 
Das Schreiben, in den kirchlichen Schulen und namentlich in 
Klöstern nicht bloss als eine Fertigkeit, sondern als eine 
Kunst geachtet und bis in die späteren Jahrhunderte von 
EnuelneB mit groeser Liebe und Sorgfalt geübt, mnsste sehr 
bald aueh in den Städten als wichtig ericannt werden und 
erschien auch hier als eine Kunst, die man nicht ohne Weiteres 
und f&r Alle zu einem Lehrgegenstande der Schulen machte, 
sondern vielmehr jenen besonderen Anstalten überliess. So 
konnte es nun geschehen, dass in manchen Städten dem Unter- 
nehmer der Schreibschule vorgeschrieben wurde, keinen 
Schüler aufzunehmen, der nicht schon die Fibel gelernt und 
darauf den Anfang im lateinischen Unterricht gemacht hätte. 
Das Lesen fiel mit dem Anfange des Lateinlemens zusammen 
und soUte nicht durch das Schreiben, wie es jene Priyatan- 
stalten betrieben, Nachtheil erfahren, w«l sie vor Allem 
Deatsdi SU schreiben lehrten. Aber hierbei lernten die Knaben, 
indem sie in der Kalligraphie sich Qbten, auch durch das, was 
ihnen später in deutscher Sprache dictirt wurde, deutschen 
Stil *), Uebrigens war die Zahl derer, welche in solcher Weise 
schreiben lernten, in den früheren Zeiten verhältnissmässig 
klein. Das Schreiben blieb lange, schon wegen der Kostspielig- 
keit des Schreibmaterials, eine seltene Kunst, galt als ein 



1) Meister S. 12. 

2) Vgl Kleiber, OeMdi. der Stadt Leobschftti (1864) S. 16. 
9^ S. oben 8. 92. 

4) Ahrens & 18 £, Meyer 8. 148 ft 

I»«aa«l, BdrahriNii. 12 



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178 



Dit Zur&cktreUn dw mowitlich ^V»r i |rfif p etc. 



Vorzug der Geehrten, besonders der Pfatien, und stand in 
wgeia ZusamineDhaDge mit dem Lateinischen. Fttr sie isl 
MKh Baeh Thomasin yon Zirkläre's Bemerkung im „Welschen 
QiBt^ w All« die Sdiiift, fta den ungelefaiten Mami das \ 
Büd. — Wie man bei tan kteiniedien Untmiebte nodi im ' 
AlnfEehoteo JaMmndert das SehOnadireiben lehrte, seigt mit • 
eioe iren H. Palm yerOffsniliehte „Anwasung zur Kalligraphie", 
welche, höchst sauber auf Pergament geschrieben, in einem 
Sammelbande der Prager Univei-sität sich befindet \). Später 
freilich wurde das Schreiben (in enger Verbindung mit dem 
Lesen) ein allgemeineres Bedüifniss und dies fahrte eben zur 
Einrichtung besonderer Schreibschulen in den Städten*). 

Nach alter Betrachtungsweise geii&rten Arithmetik 
and Geometrie zum Quadrivium; aber jene besehrinkte 
aieh in d«i kirchlichen Sehnlen meist aof die Berechnung der 
bewegüdien Kixchentote, und yod dieser war in deneeSben 
veU nnr in den seltensten FAUen die Rede. Das Rechnen, 
an Kirehen nnd Klöstern sehen der wirthschaiUichen Zwed^e 
halber als ein gHteseres Bedflrfniss empfunden, war in den 
Städten für den rasch erweiterten Verkehr ganz unentbehrlich. 
Aber zu rechter Entwickelung kam die Sache auch dann nicht, 
als durch Vennittelung der Byzantiner die indische Arithmetik 
dem Abendlande zugeführt worden war M. Eine zu Basel be- 
findliche Handschrift von 1408 enthält eine für Schulen be- 
rechnete Anweisung zum Rechnen in sieben Gapiteln : additio» 
subtractio, duplicatio, mediatio (HalbiroDg), mnltiplicatio^ 
diirisio, radices^). Das Reehenbnch des bemhmten Ctoeig 
Lennbach (f 1461), erst 1506 gedmcfct, nmfasst auf sieben 
Qnartblättem alles filr den gewOhnlidien Bedarf ErforderMcbe, 
ohne Definitionen, ohne Angabe der Gründe^). 



1) Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit 1865, No. 2. Vg^ 
Wattenbach, Das Schriftwe&en im Mittelalter S. 283 f. 

2) Ueber di«Be ond dia ScbnibanleRiclit Zimmermaoii 8. 14— 16w 
8) Stelle Wildermuth in Sduoids Bn^depSdle, Artikel Bedmen, 



4) Mone'8 ZeiHeiirift U, No. & 

5) Vgl 'Wildemath, Aeleitiiiig nun Bödmen aas den Anftage 



Band VI 




VI. Der Scholunterrieht. 



179 



Von besonderem Unterricht in Geschichte, Geographie, 
Naturkunde konnte in den Schulen des Mittelalters nicht die 
Rede sein; man kam über gelegentliehe Mittheilungen nicht 
hinaus. Selbst die Universitäten boten in dieser Beziehung 
nur das NothdOi'ftige, oft auch dieses nicbt'). Was im drei- 
zehnten Jahrhundert Vincenz von Beauvais mit erstaunlichem 
Fldsse SU einem allumliusenden Werke veränigt hatte, ist 
woH nur Wenigen zuginglieh geweeen und ohne je^die Be- 
deutung Ibr die Schulen geblieben. 

Wie aber stand es mit der Unterweisung in den Lebten 
das CSiilstenthums? Einen Religlonsunterrieht in unserem Sinne 
kannten die Schulen des Mittelalters nicht, die doch völlig 
unter dem Einfluss der Kirche standen. Man ging fast nie- 
mals über die allem Volke bekannten Gebets- und Glaubens- 
foimeln hinaus, womit dann das Memoriren von Psalmen und 
Hymnen sich verband. Der Katechismus entwickelte sich all- 
mählich aus der Tauf- und Beichtpraxis, nicht aus dem Jugend- 
nnterricht. Statt des Dekahigs hatte man früher die Auf- 
2&hlang der sieben Hauptsttnden vnd der sieben Haujft- 
tngenden; aber seit dem dreisehnten und TierEehnten Jahr- 
hundert trat jener entsddeden in den Yerdergrund. Im flmf« 
sehnten Jahrhundert wurden sahirdche Eateeiifsmen, bald als 
Anleitung für den Geistlichen, bald als Lehrbtichlein für die 
Jugend, herausgegeben, letzteie nicht selten mit Bildern aus- 
gestattet zur Veranscbaulichung der Hauptstücke Aber ein 



des sechzehnten Jahrhunderts von Haswirt, neu herausgegeben mit hi- 
storischer Einleitung und GomoMatar. Tübingen 1865. 4° (Programm), cf.. 
Zimmermann S. 16 — 19. 

1) (Geographischer Unterricht in Tübingen, He yd S. 64 f. Als hist. 
Lehrbuchlein kann allenfalls das 1473 in Lübeck erschienene Rudimeutum 
mnkhmm gelten, wahrscheinliGh von einem Frandscaner mid fir dto 
Schale ttbMB Kloslem v«flMt PIdagogisdiei Arahiv 1861, 8. 423. 

9 Qeffeken, Der Bildertratechfamn» des flaiMinteii Jalirlnmderts 
und die katechetisehflii Hanptatacke in dieser Zeit bii anf Luther I, Leij^ 
sig 1855. Vgl. V. Zessekirits, Der Katechumenat S. 505 ff. üeber 
einen 1494 zu Heidelberg erschienenen Katechismus („Pater noster, Ave 
Maria und der Glaube, eigentlich nach dem echten Text", 7 Bogen 4") 
berichtet Weller in seinem Altes au« allen Theilen der Geschichte I, 

12 * 



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I 



180 Zurücktreten der wesentlich klerikalen Schulen eto. 

innerliches Verständniss der christlichen Wahrheiten, eine j 
lebendige Aneignung des von der Kirche Sanctionirten er- J 
strebte man docli nicht, und immerhin ist es beachtenswerth, ! 
• dass Melanchthons Apologie zur Augsburger Confession die • 
Klage erheben konnte: Apud adversaiios nulla proi-sus est 
ncnn^r^aiQ puerorum, während Matthesius in seiner sechsten 
Predigt aussprach, er habe in seiner Jagend niemals den 
Katechismus von der Kanzel erkl&ren gehört, auch niemals 
eine Auslegung des Kateehismus gefunden. Was an vielen 
SteUsju nach dieser Seite hin der gute Wflle versuchte, wurde 
eben nicht allgemeinere Praxis der Kirche. Das Beste fttr 
religiöse Bildung that die fromme Sitte des Hauses und die 
bunte Mannigfaltigkeit der Gottesdienste, wofür gerade die 
Schuljugend so oft in Anspruch genommen wurde. Nebenbei 
bot doch auch die Leetüre, welche die Schule vermittelte, 
vielerlei religiöse und sittliche Anregung, wie sie denn auch 
zumeist für solche Zwecke gewählt war. Der didaktische 
Charakter der Volkspoesie des späteren Mittelalters zeigt uns, 
wie förderlich doch solche LectOre sich erwiesen hat Die 
Benutzung der Bibel wurde den Schulen im Bisthum Meissen 
noch 1504 luisdrücklieh verboten, wohl aus Scheu vor Ueber- 
setzungen derselben, aus denen ketzerische Meinungen abge- 
leitet und gerechtfertigt werden konnten')* 

In Schulen, welche über die Linie des Herkömmlichen, 
hinauszukommen suchten, versuchte man es gelegentlich wohl 
mit den Anfängen der Dialektik; aber es blieb dann bei blossem 
AuswendigleiTien. So wurden die Summulae logicales des Petrus 
Hispanus (1278 Papst als Johann XXI.) gebraucht; noch 
im Jahre 1516 hat Eck eine Explanatio derselben heraus- 
gegeben Die Meisten freilich aberliessen diese und andere 



8. 70—75. Im AUgememeii veri^eidie noch Zimmermann S. 20 — 28; 
Janssen I, 22 f. üeber den Ältesten Kateftliisrnns von Dietrich Coelde 

(„Ghristenspiegel") S. 33 f. 

1) Knauth, Das Gymnasium Augustum zu Görlitz (1765) S. 5 f. 

2) Gerson. Opera ed. Dupin I, 21: Apud logicos Summulae l'etri 
Hißpani traduntur ab initio novis pueris ad memoriter recolendum, etsi 
uon statim intelligant. Von der praktischen Verwendung des Baches in 



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vi Der SeliiilaiiteRiehi 181 

Dinge den Hochfldiiilen, die bo oft auch Enati für das in 
den gewdluilidien Sehnlen nicht Geleistete za bieten hatten. 

An den bochsehulen finden wir nnn fireilich dne V» 
einigung mannigfacher Wissenschaften, und strebsamere Geister 

konnten in grosser Vielseitigkeit der Studien sich bewegen^). 
Im Ganzen jedoch traten von Anfang an grosse Gebrechen 
hervor. Die Wissenschaften, nach Facultäten streng geschieden, 
nahmen die Idee allgemeiner Humanitätsbildung nicht in sich 
auf, waren von der argwöhnischen Hierarchie tiberwacht und 
eingeengt, durch die strengen Formen der Scholastik in freierer 
Entwickelung durchaus gehemmt Das Konstanzer Concil liatte 
viel über Reform der Studien verhandelt, aber kdne grossen 
Wirkungen herrorgebraeht; nnr sn besserem Bibelstudium bat 
es angeregt *). Auch die Artisten, deren Facultät überall den be- 
deutendsten länfluBs Qbte*), vermoehten nidit frischeres Leben 
in diese Studien zu bringen, ja sie dachten kaum daran, und 
den Humanisten haben sie fast überall schroffen Widerstand 
entgegengesetzt*). Die Rechtsgelehrsamkeit litt durch arge 
VerwiiTung des geistlichen und des bürgerlichen Eechts und 
befand sich fort und fort in einem wahrhaft trostlosen Zu- 
stande^). Dazu nun bei ungebührlicher Ausdehnung der 
Studienzeit die ermOdende Methode des Unterrichts, der 
wesentlieh Vorlesungen, Repetitionen und Disputationen unter- 
schied, aber in den Disputationen UberaU so entschieden aus- 
lief dasB dialektische, gewandte Handhabung der Abstractionen 
und Formeln als die Hauptsache, wahres Verstandniss der 



dar OOrlllMr Stedtidiiile am End« des flkafiedmien Jahrhnnderti tagt Jo- 
teanM Hall, telpt xor. Lowt IV, 806, dto Lehnn mIid „midater 
ihnikifl nd ciwwfiHiidHili* ▼oiaitrigni woidsD. 

1) Heyd, Mdanehthon hi Tfibingen S. 66 ff. Ueber die mathi- 
millMdien Stadien in Tfibingen (Stöffler) ebendaselbst S. 52 ff., in Krakau 
Prowe, Nie Gopernicns auf der Universität Krakau, 1874. Ueber den • 
Stadiengang der Facultftten im Allgemeinen Asobbacb S. 6d £ 

2) Aschbach S. 287, 289, 29L 
8) Aschbach S. 339 ff. 

4) He yd S. 11 ff. Von den ersten Vorlesungen in Wien über la- 
teiniscbe Autoren handelt Aschbach 8. 858 f. 

5) Otto, CoeUini 8. 88. 



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182 ZmAektreten d«r veMstUch Uerikalen Sduilen etc. 

Lehren als Nebensache erschien. Die abschliessenden Prüf- 
ungen und Promotionen entsprachen dem Geiste, der allen 
Unterricht behmrschte Dass manche Universitäten, wie 
Prag, HeiiMboig, Erfurt, Ingolstadt, schon reichm Biblio- 
theken beeaaaeii, dürfte su fraehtbsrereii Studien wenig bei- 
getragen haben ^. ha Ganaen wird Bun sagen dtufto, daas 
die ScfaolaBtik der UniTeraititen jenen Hochmnth groaa ge- 
sogen hat, der swiaehen 6<]«hrtea nnd Velk ^e BdiUnHoere 
Schranke aufführte, als die zwiadien Klerus und Laien jemals 
gewesen ist, jenen Hochmuth, der aller Sorge für Volksbildung 
sich entschlug, das Volk vielmehr gleichgiltig der Barbarei 
überliess oder nur als passiven Gegenstand für das von ihm 
Ausgeklügelte der Beachtung werth hielt. Die so in das Leben 
der Nation gebrachte Spaltung hat dann ß,\ii Literatur und 
Kunst, auf Staat und Kirche verhäagniBaTdrilen Kinflnaa ausr 
gaftbt«). 

YerBiichai wir nnn, die Lehrweiae uns klar zu machen, 
wekhe dem ünterxicht uberall ein beaenderea Gepiige gab, 
80 haben wir von der Tbataacfae ansaugehen, dasa die Koat- 
barkeit und Seltenheit der ßQcher und anderer Hilfinnittel 

eine grosse Verlangsamung und eine sehr mechanische Be- 
handlung des Unterrichts unvermeidlich machte. In den 
grösseren Städten, namentlich in denen, welche Univereitäten | 
hatten, fehlte es freilich vor der Ei*findung der Buchdrucker- | 
kunst und noch lange nachher nicht an Schreibern, welche 
dorch Herstellung von Exemplaren der beim Unterrichte ge- j 
brauchten Bücher sich ihren Unterhalt verdienten und wie die 
Librarii« Stationarii, Peigamenaiii, lUnminatoraa zum ünter- 
riditapenooal gerechnet wurden» aneh im Qennsae beaondeier 
Privilegiai standen^); aber in den kldneren Städten waren 

1) Oeringscbfttiaiig ikadtmiiobMi Qndo bd üntebadi. Beeker, 

Chronica p. 160 f. 

2) üeber die Universitätßbibliothek in Wien Aschbach S. 341—344. 

8) Vgl. Jürgens, Luther I, H88 ff. Ueber die didaktische Poesie ; 
im Gegensatze zur schoiastiBcheD Moral i^iestei in der Allgem. Monats- i 
Schrift 1852, S. 702 ff. 

4) Sotsmann, GuIciilMtg md leine MÜbeweAari in F. M namm 
bist TaMhenbach, K. F. 2. Jahig., 8. 682. 

I 
I 

! 



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IV. Dar acMviknichM 



18» 



aokhe Sehreiber selten zu finden, und immer waren .die von 
ilmen hergestellten Bücher theuer genug. Als man hierauf 
0tim eeit 1440» die HelsaelineidekimBt snr VervielfiUtigiiDg Ton 
Seimlbüclieni aaiawenden begann, traten die Schreiber Didnr 
and melur inrOek, und nodi viid mehr bedrohte die Bndi- 
druekerkunst von Anfang an ihren Erwerb, wenn auch Ge- 
wohnheit und Schwerfälligkeit die Anerkennung derselben in 
manchen Kreisen sehr verzögerte. Jene verloren sich dann 
in die Schul- und Rathsstuben, und gedruckte Bücher kamen 
allmählich doch in allgemeineren, obschon noch lange nicht 
ausreichenden Gebrauch. Vorher aber erschwerte der Mangel 
an Sefanlbttchem den Unterricht ausserordentlich. Auch in 
den Do»- und^Klosteraehalen, die doch filter ihre besonderen 
Biblioliieiken hatten und sum Theil noch in späterer Zeit 
Kleriker and litaebe mit Abschreiben beschäftigt sahen, waren 
die fdr den Unterricht nothwendigen Exemplare schwer zu 
beschaifen M. Wo dem Scholastieus die Anschaffung der Bücher 
oblag, war gewiss iminei- nur für wenige Abschriften gesorgt, 
die natürlich nur während der Unterrichtsstunden in den 
Händen der Schüler Miellen und doch mit der Zeit in sehr 
Ahlen Zustand geriethen. Aehnlich war es in den Stadtschulen, 
deren Lehrer nicht selten auch Abschriften der Schnlbaeher 
aagefurtigt, yerfcanft oder ansgeüehen haben m^n^. Eine 
Bantaener Schulordnung von 1418 verpflichtete die Kinder 



1) Eine Geschiebte der Dom- und Klosterbibliotheken des Mittel- 
allvs, die freilich kaum noch in erschöpfender Weise Bich schreiben liesse, 
wikrde andi ftr die Geediidite des SdiolweuBS viel Anflehendes dartiieleii. 
hn Angemeinen e. Wattenbach'8. 819 fll SpedeUere Angaben aber die 
BfliUofliek der Fraebenda leetoraUs hi Hambiirg Meyer S. 78 £, t on der 
eigentüchen Dombibliothek daselbst ist noch ein Katalog TOfhanden* 
Neben den Benedictinen hatten doeh aach die Dominicaner und Francis» 
eaaer ftU* Bfichersammlungen manches gethan. S. über die Bibliothek der 
Dominicaner in Freiberg Moller, Freibergische Chronik TT, 128, über 
die der Franciscaner in Görlitz 0. Kaemmel, Johannes Hass S. 26 f., 
deren erster Katalog datirt vom Jahre 13ö2. Aber f&r Schulzwecke 
sammelte man in der Regel Bücher nicht 

^) Ueber den Schreiblehrer und Handschriftenhändler Diepold Lauber 
in Hagenau Zimmermann S. 26. Ueber Hugo von Trimberg S. 25 f. 



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184 



Dil Zorfldctretea des wmesaJLüek klarikaton Scholen etc. 



geradezu, ihre Schulbücher von dem Locatus zu kaufen, mit 
Angabe des Preises. Manche Schulmeister mögen sogar mit 
ihren Abschiiften ein sehr einträgliches Geschäft getiiebea 
haben Als das Schreibmaterial, dai Papier, wohlfeiler wuile^ 
eigab sieh wohl eine Erweitenu^f uad VervielfiUtigiiiig des 
BUehorrorraths an den Sehnten, aber die NeSgong der Elteni, 
fOot die Kinder die nothigen Blldier aomehailen, ete^sette 
sieh mur langsam. Es war natttilidi nrft anderen HiUsmiMebi 
mdkt anders. Tafeln, Schreibgerftthe fehlten überall, und 
häufig nicht bloss den Schülein, sondern auch den Schulen. 
Aus diesen Verhältnissen ergab sich nun mit zwingender Noth- 
wendigkeit eine Behandlung des Unterrichts, die nach unseren 
Begriffen als durchaus unzweckmässig ei*scheinen muss, aber 
freilich den Lehrern nicht zur Last gelegt werden darl Der 
Unterricht bestand zunächst immer im Vorsprechen und 
Vormachen der Lehrer, im Nachsprechen und Nachmachea 
der Schaler*). Von selbst trat damit das Anschreiben an 
eine Tafel in Verbindung. Dann kam man su den Bachen; 
weil aber diese nicht in genttgendor Anzahl vorhanden waren, 
trat das Dietiren ein, das ja bis eu den Hochschulen hinauf 
eine Sache von grösster Wichtigkeit war, aber freilich auch 
in den geringeren Schulen bereits eine gewisse Fertigkeit im 
Schreiben voraussetzte. Wie sehr dabei das Lemen Gedächt- 
nisswerk war, braucht nicht gesagt zu werden. Durch die 
Dictirmethode . bestimmte sich nun vor Allem die ganze £e- 

1) Wattenbacb, Das Scbrittwesen deä Mittelalters S. 314 ff. Der 
Scbulaieitter Onmenr in Ulm wurde 1515 von dem BachfOhrer Hans ZabMr 
beim Bathe veridagt, dais er Bücher .fi^ habe und wtbim Knaben ver- 
biete, anderswo solche aa kaufen, wodnich er selbst üi Kaehfheil konaMi 
Darauf erhielt dieser die Aaweisang, „des BOcbecveKkaiifo mllasig zu 
stehn"; dies veranlasste ihn, 1521 sein Schulamt nieder zu l^en und eine 
eigene Druckerei anzulegen, die indess keinen guten Fortgang hatte. 
Pfaft S. 14 f. Ueber die Lehrer der Schule in Görlitz als Abschreiber 
und BucherverkiUliier siehe Schutt, Oesdiichte des Gymnasiums io 
üörütz S. 10. 

2) Dabei ältere Schüler als Helfer zu benutzen, schrieb die Nürn- 
berger Schulordnung von 1500 ausdrücklich vor. Kriegk N. F. »S. 91. 
Vgl Rnhkopi, Geschichte des Bniehungs- und üntemohtswesens ui 
DeatscUand S. 149. 



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I 



YL Der ächulontemcht 



185 



Handlung lateinischer Lesestücke und Schriftsteller. Der Lehrer 
sagte in den meisten Fällen seinen Schülern das zu erklärende 
Pensum in die Feder, wobei Oithographie, Interpunction und 
Formenlehre eingeübt werden konnten, und Bergliederte dann 
das Dictirte bis in das Einzelne. Er begann dann wohl mit 
-dnmliien Sprüchen oder Vemeilen vnd ging nadi mid nach, 
•doch immer langsam, an grOflemn Absdmitten Uber. NatOr- 
Bdi ergab sieh so auch eine vieUSidie Repedtion, die ein fettes 
Bekalten aldiem konnte, aber gewiss oll andi bis rar Er- 
müdung der jugendlichen Geister fortgesetzt wurde. Sachliche 
Bemerkungen knüpften die Lehrer nur gelegentlich an. 

üeber die Eintheilung der Schulen in Classen sind wir 
wenig unterrichtet. Es hing hierbei doch Vieles von der Zahl 
der verfügbaren Lehrer, manches auch von der Zahl der « 
herbeigekommenen Schüler ab; auch die Beschränktheit der 
Sdmlränme kam in Betracht Im Allgemeinen dttifen wir 
aimehmen, dass drei Glaasen das Gewdhnlidie waren; vier 
Olasaen d&hlte man 1504 in Zwickau, wo bnrsalee, logid, 
gnmimatiei und parmfi nnterschieden wurden, eben so viele 
BdMii früher au Bayreuth, wo die Namen prima, seeanda, 
temporaleB, easnalee die Abstufung beseldineten. Ehie unge- 
wöhnliche Einrichtung hatte gegen das Ende des Mittelalters 
die Domschule in Münster, die freilich schon im Uebergange 
zu einer neuen Zeit sich befand ; sie bestand aus sechs Classen 
mit eben so vielen Lehreni. Wie bei drei Classen der Lehr- 
gang sein konnte, zeigt vielleicht am besten die Nürnberger 
Schulordnung von 1485 0- Hiernach haben die jüngsten 
SehUler, denen ein besonderer Locat oder Jungmeister beisu- 
ordnen ist, täglich sechs Lehrstonden, drei Vormittags und 
drei Nadmiittags, weil sie noch nicht für den Kirchendienst 
an den Werktagen in Anspruch genommen werden. Ihre 
nichste Aufgabe ist Kenntniss der Buchstaben und Uebung im 
Lesen; doch werden jhnen bereits täglich zum Schlüsse swei 
lateinische Wörter mit ihrer Verdeutschung aufgegeben, die 



I) Bei Heerwagen, Zur Gesch. der Nümbeigec GelehrtenschiilAn 
1 (ld60), 8 ff.; ToUftttadig im Programm von 1863. 



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I 



sie des andern TageB froh wieder außEttsagen haben. Später 
aoUeii sie angehalten werden, jeden Morgen und jeden Nach- 
mittag efaie frische Sishrift eigner Hand von Bndistaben oder 
etUchen Wörtern dentsdk und ktdnisdi in Waehs (d. k auf 
heizemen mit grünem Wachs ttbenogenen Talehi) oder auf 
Papier vorzuzeigen, die dann der Locat zu verbessern hat Die 
initUere Classe macht den Anfang mit dem Donatus und dem 
Doctrinale Alexanders ; nebenbei wird täglich gegen Abend ein 
lateinischer Sprach oder Vers (Salomonis, Catonis) sammt 
deutscher Uebersetzung mit Kreide ao die Tafel geschrieben, 
den die Knaben ahensehreiben, daheim den Eltern au&usagen 
und am andern Moi^ren in der Schule sn wiederholen haben. 
IHe Uebnngen im ßchönadunsiben (dentseh und lafteinisfh) 
^ gehen fort W^ aber die Schiller dieser CSassen aneh na 
den Wodientagen den Kirdiendienst mit zn versorgen haben, 
so bleiben ihnen für den Vormittag und Nachmittag nur je 
zwei Lehrstunden übrig; doch sollen sie im Chor, auf dem 
Kirchhofe, bei Processionen stets nur Latein reden und bei 
Verletzung dieser Vorschrift, wenn der ihnen beigegebeoe 
Lupus sie anzeigt bestraft werden. Beim lateinischen Unter- 
lieht war die Grammatik mit Beispielen das durchaus Vmr- 
waltende; die Leetttre ging kaum über einsäe Verse hinann. 
Fttr die oberste dasse hatte man tigüch aneh nur vier 
Stunden, von denen die mte Vormittagsstunde der Wieder- 
heinng des am vorhergehenden Tage Behandelten gewidmet 
war oder auch zuweilen eine Lection aus dem dritten Theüe 
des Doctrinale vorzunehmen hatte, während in der zweiten 
einige Verse aus dem ersten oder zweiten Theile in der Weise 
exponirt wurden, dass die Schüler so viel als möglich Selbst- 
thätigkeit zu zeigen hatten; die erste Nachmittagsstunde ge- 
hörte den Anfängen der Logik, sollte aber dem Scholer keine 
besondere Anstrengung snmnthen; in der zweiten Stunde he» 
handelte man eine Fabel des Aesopi^ oder Avianns, oder 
etwas aus Terentius, ünmer mit Hinweisung auf die Grammatik. 
Nur länzelne, die grSssere Fähigkeiten zeigten, wurden weitmr 
gefühlt. Für den Figuralgesang waren den Schttleru der 
zweiten und ersten Classe die Stunden nach Tische bestimmt 



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« 



TL Der SduAattRidii 187 

Von Keligionsunterricht ist in dieser SchulordnuQg Bieht die 
E9de. Die ScJiile aoigi ninr dafilr, dam die JAngsten an Jedem 
Seim- und Feiertage, bem äe nun Cbor gehoi, nach einander 
die TM, das Benedidle, das Cenfiteor nnd den (Mojßam 
(s» unten 8. 189) hersagen, damit die Uebrigen dnrdi Nachsagoa 
desto leichter diese Dinge ihrem Gedächtnisse einprägen. Den 
grössei-en Schülern schien eben der tägliche Kirchendienst 
alles in dieser Beziehung Nöthige dai*zubieten 

Die Nachtheile freilieh, die aus solchem Kirchendienste 
für den Unterricht sich ergaben, wurden von Vielen wohl 
auch in jenen Zeiten schon lebhaft empfanden. Sie waren in 
der That auch an den Stadtschulen gross; aber für die Kloster- 
schulen wurde die stets zunehmende Lange des 0£fieium und 
nie Zahl zdtranbender kircUicher Uebnngen geradean ver» 
fderbfich^. In Münster hing es wohl auch mit dem Kirehen* 
dltnste ansammen« dass tllglidi dreimal zwei Stunden (6—8, 
12—2, 4—6) gehalten wurden*). 

"Wir wei'den noch einige erwünschte Einblicke in dieses 
Schulwesen gewinnen, wenn wir manche Hilfsbücher, die 
damals gebraucht wurden, näher uns ansehen. 

Da kommen nun zunächst die Vocabularien in Be- 
tracht. Solche Bücher hatten die Klosterschulen schon in 
früherer Zeit gehabt: lateinisch-deutsche Wörterbücher, nach 
den Mateiien geordnet und zum Theil bei mannigfachem Ge> 
bxanebe erweitert oder ttberaxbeitet Eines der Altesten und 
sngleiGh annebendsten Bneber dieser Art ist der Ton 

Wackernagel 1847 herausgegebene Voeabulaiius opti- 
mus (eig. Voc. puerorum), ans dem vierxebnten Jahrlrandert 
wenigstens in der letzten Bearbeitung, nach den mundartlichen 



1) Vgl, über die Lehrverfassung der Stadtschule in Ulm Kapff, Zur 
Gesch. des Ulmer Gymnasiums I, 12 C Im AUgem. Kuh köpf S. läifLf 
270 ff. und Meister S. 9 £ 

2) Czerny für St Florian S. 49 f., Bader fUr St. Blasien S. 33 ff., 
^^idem»nn für die Stiftsschule in Essen, Programm von 1874 S. 37 1 
Y<m 4er OflditMr Stedteclml» bMtItigl daiielbe JohaanM Hau, Mpt 
liTt LoMt 17, 907. 

8) BeichliBg, de Joh. MmMUii Tita et acriptie (LNO) p, 98. 



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188 Dm Zorfioktrotan dar weienffioh kteikaleo Sdmlfln «tc. 



Sprachformen in Hochalamannien entstanden und als Denkmal 
mittelalteriielier Pftdagogik wie als Quelle der Sprach- und 
Alterthumdnuide audi iftr uds noch von Bedeutung. Das 
Bueli ordnet seinen grossen Wortmrath nach dem Inhalt und 
nur, wo dieser nidit mehr leiten konnte, nach dem Alphabet 
Ifit dtkrfen annehmen, dass die Et3rmologie des lädorus von 
Sevilla für diese und für alle ähnlichen Zusammenstellungen 
des Mittelaltei-s die Grundlage gebildet hat. Die hin und 
wieder eingeschalteten grammatischen Denkverse sind wohl 
aus grammatischen Lehrbüchern entlehnt; die öfter angeführten 
Verse aus den im Mittelalter gelesensten Dichtem, aus Vii*gil, 
Ovid, Horaz, Lucan und Juvenal hatte der Bearbeiter gewiss 
aueh nicht aus den Urschriften Eine Vocabularius reiiim 
erschien zu Augsburg 1478 in Folio, ein Vocabularius latino- 
germanicus su KOmberg 1482 in gleichem Fomat; eben da- 
selbst war ein Jahr yorher gedruckt worden: Vocabularius 
Theutonicus, in quo vulgares dictiones ordine alphabetico pro- 
ponuntur et latini termini ipsas directe significantes sequun- 
tur (312 Bl. 4"), also ein deutsch-lateinisches Wörterbuch von 
ziemlicher Ausdehnung^). Aehnliche Bücher, aber von selt- 
samerer Art waren Gemma gemmarum, Catholicon, Modus 
latinitatis, die noch am Ende des fünfzehnten und am Anfang 
des sechzehnten Jahrhunderts wiederholt gedruckt wurden und 
nur sehr langsam vor den besseren Büchern, welche die Hu- 
manisten herausgaben, zurückwichen'). Alle diese Bücher 
waren aber ohne Zweifel mehr fta die Hand des Lehrers als 
ftr den Gebrauch der SchQler, obwohl man aus der Vielheit 
der Ausgaben, die manche Bücher dieser Gattung erlebt haben, 
auf dnen ausged^teren Gebrauch schUessen konnte. Einzelne 



1) Vgl. Hamann, Mittheilungen aus dem Breviloquus Benthemianus, 
einem handschriftlichen lateinischen (Tlossar des fünfzehnten Jahrhunderts. 
Hamburg 1879 (Programm der Realschule des Johanneums). 

2) Neues Schweiz. Museum VI, 143. 

8) Von dem GathoUcon, das dttr Dominieaoflr Joh. d« Bilbii «di 
Genna im viersehnten Jafarlmndert snsammengettellt hatte, endtäimm 
BwiacSien 1460 nnd 1590 noeh 88 Anagihen. Schmidt, Jeui Stnim 
8. 860. 



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VI. Der bciiulimterricht. 189 

Voeabularien sind allerdings auch wieder nur handschriftlich 
vorhanden. 

Als das Emporkommen der Scholastik die classischen 
Schriftsteller mehr und mehr in den Hintergrund dränpte, war 
man um so geschäftiger, allerlei kleine Schultractate zur For- 
derung dialektischer Studien herzustellen. Daneben traten an 
die Stelle der lateiniachen Dichtar fromme Legendi in ge- 
bnndener Bede, die man zum grammatischen Unterricht mit 
Interlinearrersioneii trod Anmerkungen am Bande ausstattete^). 
Neben die ausserordentKch beliebten Disticha Gatonis traten 
dann die Ecloga TheoduK und der Anticlaudianus des Alanus 
de Insulis, jene ein paränetisch-didaktisches Gedicht, dieser, 
von einem Cistercienser des zwölften Jahrhunderts verfasst, 
eine Encyclopiidie in neun Büchern und ebenfalls in poetischer 
Form, die zur Ausbildung der Jugend notbwendigen Kenntnisse 
behandelnd. Eine Encyclopädie ganz anderer Art war wiedemm 
die Margaritha philosophica des Earthftusera Gregor Beisch» 
der auch als Lehrer Ecks bekannt ist; sie hatte dialogisdie 
Form und zerfiel in swölf BOcher: Grammaticae rudimenta 
(in Versen), Dialecticae prineipia, Bhetoricae partes, Arith- 
meticae species, Musicae prineipia (mit Musiknoten), Geo- 
metriae elementa, Astronomiae theoremata, Naturalis philo- 
sophiae prineipia, Alchimiae prineipia, de anima (zwei Bücher), 
de principiis philosophiae morales. Da sie wiederholt im 
Druck ei-schien (1496, 1504, 1508, 1512, 1517 und sp&ter), 
so müssen wir glauben, dass sie ausgedehntere Benutzung ge- 
fanden hat*). 

Gross war die Zahl der versifidrten Lehrbücher. Man 
hatte Grammatiken und Yocabularien üi Versen, ebenso nie* 
trische Compendien für Orthographie, Verskunst, Briefotil« 

Dialektib, Rhetorik, Musik, Astronomie. Die wunderlichste 
Anleitung dieser Art aber war der Cisiojanus (Cisianus), ein 
abgekürzter Kalender in zwölf Doppel-Hexametern nach den 

1) Eän dem zwölften Jahrlmidert angehörendes Sehnlbodi dieeer 
Aft betebreibt Wattenbaeh im Ansoiger ftr Kunde der deatschen Toi«- 
Mit 1864» No. 4. 

fi) Sebneider 8 90 £ 



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190 I><^ Zurücktreten der wesentlich Ideriladffii Schnlen atCL 

twffltf MoBflitoii des Jalira, wobei in jedem Doppel^Hexameter 

eben so viele Sylben herauskamen, als der Monat Tage hat, 
und die Stelle der Sylbe den einzelnen Tag bezeichnete, mit 
abgekürzten Bezeichnungen für die Festtage nach den Namen, 
daneben aber noch Sylben ohne eigentliche Bedeutung und 
Bur dazu dienend, die nöthige Sy Ibenzahl herzustellen. So 
hatte man x. B, für den Januar folgende Hexameter: 

Cisio Janus Epi sibi vindicat Oc FeK Mar An, 
Prisca Fab Ag Viucenti Pau Pol Gar nobile lumen. 

Bier bt nnn Cisio » Cireomeisio (Besehneidong), das E in 
Epi ist die seehste Sylbe, bedeutet also den sechsten Janoar 
nnd das Fest Epiphanias; der Tierzehnte Januar ist durch 4Se 

vierzehnte Sylbe Fe bezeichnet und zeigt zugleich den Namen 
Felix; der siebzehnte Januar, durch die siebzehnte Silbe An 
eingeführt, erinnert an Antonius; Pau ist Pauli Bekehrung, 
Pol ist Polycarpuß, Car = Carolus magnus; nobile lumen 
(27.— 31. Sylbe) dienen zur Ausfüllung. Da dieses Compendium 
in Ermangelnng eigentlicher Kalender besonders für kirchliche 
Zweeke praktische Wichtigkeit hatte, auch selbst in Urlcunden 
mehr nnd mehr su Zeifbestimmnngen benntst mirde, so lag 
es nahe, diese Denkterse, wie sinnlos sie aneh sunftchst er- 
schienen, schon in den Schulen auswendig lernen zu lassen, 
und dass es geschehen ist, erkennt man aus sahlrefchen N<h 
tizen über den Unterricht jener Zeit. Ziemlich lange kannte 
man nur den lateinischen Cisiojanus, und die bis jetzt bekannte 
älteste Fassung dürfte in dem zu erkennen sein, was Const. 
Höf 1er in der Schrift Albert von Behani und Regesten Papst 
Innocenzs lY. (Stuttgart 1847, S. XXIV) mitgetheilt hat. Seit 
dieser Bearbeitung aber hat man eine Reihe anderer zu no- 
tiren, zu denen dann auch die Laurea Sanctomm, ein poetischer 
Commentar Hugo's von Trimberg, gehört. Aber schon im 
tierzehnten Jahrhundert hat der Mtach Hermann von Salz- 
burg auch eine deutsche Bearbeitung versucht; Oswald von 
Wilkenstein, Konmd von Dankratsheim u. a. sind ihm gefolgt 
Zum ersten Male gedruckt ist eine deutsche Bearbeitung 1470 
in Augsburg (bei Günther Zainer) ei'schienen. Der Cisiojauuö 



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Yi. Der SohiüiUiterriebt 



191 



bat dann bis weit in das sechzehnte Jahrhundert seine Geltung 
bewahrt und selbst bei Luther und Melanchthon Theilnahme 
gelanden. In niedersAchaiseher Sprache gedraekt mdiieii er 
im Jahre 1523 

Ob dm uiter dem Namen Mammotreetos bdumnle Buch, 
In der Haoptaaebe dam bestimmt, die WOfter der Valgala sa 
ertdftien, dea Ifinoriten Johamiea Mardieiiiii aus Boggio 
(ea. 1800) oder den Leetor su Erlhrt Ifamotrectos, efnen Zeit- 
genossen Lndwigs des Bayern, zum Verfasser hat, ist noch 
nicht entschieden. Die anderen Formen des Namens, Manu- 
tractus und Mammothreptus, beruhen auf blossen Deutungs- 
versuchen. Das Buch war übrigens sehr beliebt und 
erhielt sich lange im Gebrauch Aehnliche Bücher mit 
ebenso wunderlichen Namen kannte das spätere Mittelalter 
auch sonst 

Welch absonderliche Wege man bei der Leetüre ein- 
tdihig «nd wie hartoSekig man das einmal Aaiisenommene 
Isatfaielt, leigt neben dem Gate besonders auch der FiicetBS, 
ein die Füchten dee MenBChen gegen Gott, gegen den Nichalen 
nnd gegen sich selbst behandelades Feem in gereimten Versen. 
Das Buch, von dem englischen Grammatiker und Poeten Jo- 
hann von Garlando abgeiaisst, war drei Jahrhunderte lang ein 



1) Die enie Zannneiittettimg von lllarai Qrotefend in Enek 
und GnilMr, t Section Band XYII, 205—800; über die deatschen Be- 
arbeitungen Franz Pfeiffer im Senq[)eam 1853, S. 145 ff.; über die 
lateinischen H. Grotefend im Anzeiger für Kunde der deatschen Yor- 
seit 1870, No. 8—10; Handbuch der historischen Chronologie S. 40 ff. 
Nachträge dazu von Fr. Latendorf ebenda 1871, No. 3, 5 und 7. 
Vgl. Jahrbücher des Vereins für mecklenburgische Geschichte und Alter- 
thumskunde 1858, S. 125 f. und Krause im Programm der gr. Stadtschule 
m Rottock 1875, S. 10 ff. Uebrigens hat der Ciuojaniu auch in Bdhmen 
(Ausgabe von W. Hanka 1858) md bi FnakxMi Sbgang geAmden. 
J. Fran«k ia dar Aflgen. i al Mh ea Btognpliit lY, 797 £ 

S) Dar Baetor duitlgaa ia FctakftsC a. 0. bat 1740 «in Ftognim 
de Maimiiotneto gnacluMen (Sehwarie, GeedL das eboa. ttadttidiatt 
Lyceams m Tkaakftirt a. 0. 1878, 8. 40)^ T|^. Rnhkopf S. 240 t 
Hain, Bapartoifam No. 10651—74 fthtt tot 1550 fon dam Boaba 84 Aaa- 
(abaa an« 



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192 Zurücktreten der weseotUch klerikalen Scholen etc. 



weit verbreitetes und wurde oft wieder gedruckt. Auch in 
Deutschland hat man es gern gebraucht. — Den Floretus, eine 
Art Katechismus in Versen, hat selbst Gerson eines Couunentars 
Werth gehalten ^ ). 

Wie schwer e6 hielt im Zeitalter des aufstrebenden Hu- 
manismus, die alten Schulbtlcher zu verdrängen, davon wird 
später zu reden sein. Hier dürfen vir nüt der Bemerkung 
sdilieswii, daai dieie SehulbQeher, in angekelirtem VeiliültniaB 
zu ihrem Wertbe, hat olme AusDahme eine die nationakm 
Scbrankeii teidit fibersteii^de Ausbreitung fuiden, was wir 
uns niebt sewobl aus dem Mangel an Coneurreoz als vielmebr 
aus dem durch die kirchliche Einheit bestimmten Cultur- 
zusammeuliange der abendländischen Völker zu erklären haben. 
Auch die genaueste Erforschung dessen, was in einzelnen Land- 
schaften Geltung gehabt hat^), führt stets wieder zu dem 
zurück, was im Ganzen gegolten hat. — | 

Die Schulräume waren wohl nirgends stattlich oder auch 
nur zweckmässig eingerichtet, auch nicht in der Nähe der 
Dom- und Stiftskirchen oder im Un£uige der Klostennaueni« 
In den Stftdten begaimeii die Magistrate zuweilen die Er- 
bauung von Schulhüuaeni, noch ehe sie das Recht zu Anlegiuig 
▼ou Sefaulen «iMlten hatten; aber grossen Aulwand mutheten 
sie sich auch nicht znr zwei Lehrzimmer und Wohnung für 
den Schulmeister und Cantor, oder etwa noch für einen Lo- 
catus, schienen zu genügen. Die S»^hulhäuser waren wohl in 
den meisten Fällen nur zum Theil aus Stein aufgeführt, be- • 
standen aber sonst aus Fachwerk und scheinen nicht selten, 
bis sie baufällig geworden, in sehr veiiiachlässigtem Zustande 
sich befunden zu haben. Auch für Beheizung wurde wohl nur 
dflrftig gesorgt; doch fehlte es in den Lehrzimmem u. a» au 
grossen Kachelöfen nicht*). Dass es mit den Fmstem za- 



1) Bodens, Notfee mw k Janeise d'Erasme DL Den Blieelns tn&m 
ipir iaNordhaosen (FOritemaaa S. IC»)^ in KOinbeiz (Heenragen 8. 61) 

und anderwärts. 

2) Vgl. Knauth, von denen Schulbüchern, welche in denen Ober- 
lausitzischen Schulen vor der Reformation Lutheri gebraucht worden. 1759. 

8) In £iben8tock musste jeder Knabe in der Zeit von Michaeli bis 



9 



« 

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VI. Der Schulunterricht. 



193 



weflen schlimm stand, zeigt z. B. die Thatsache, dass zu Braun- 
schweig 1483, als zwei neue Fenster beschafft worden waren, 
der Schulmeister zugleich fünf Pfennige zu Papier erhielt, 
womit die schadhaften Fenster ausgebessert werden sollten^). 
In Görlitz befand sich längere Zeit die Stadtschule in dem 
Waidhause, d. h. in der Niederlage eines fiXc die Tuchmacher 
der Stadt, ja der Landschaften umher, meist von Erfurt her- 
beigeführten unentbehrlichen Färbestoffe Das Inventar be- 
Bchr&nkte sich anf Lehrpult und SehOlerbftnke, sowie auf 
Tafehi zum Anschreiben von Buchstaben und Noten. Den 
Sehulhäusem freie und wttrdige ümgebungen zu schaffen, kam 
wohl auch nur gelegentlich in Frage. An die Schule an der 
Liebfrauenkirche in Frankfurt a. M. war z. B. ein städtisches 
Holzlager angebaut, was zur Folge hatte, dass die Schüler 
durch die Feuster hindurch Holz stahlen 



Ostern täglich ein Scheit mit in die Schule bringen. In Landau bestand 
eine ahnliche Kiorichtung, damit das Schulzimmer zweimal gewärmt werde 
und auch der Schulmeister „sein stobel wormen" könne. Da auch im 
Winter der Unterricht sehr zeitig begann, so musste auch fUr Beleuchtung 
gesorgt wnto. Bstwader gab jed« Ond d«ai hAnr eiM «der ndnm 
WachalraBm, woIIIe. diflMr die licfaler (otwa eh» ftr teehi ScibAkr) bt- 
besoigte, oder die Sehfiler hatten der Beihe nach das Lehnbamor ta er> 
leuchten. Zimmermann S. 24. 

1) Sack S. 100 t und Dürre S. 22. Vgl. Schwarze, Geich, dea 
ehem. st&dtischen Lyceums zu Frankfurt a. 0. (1873) S. 11. 

2) Knauth S. 4. Vgl. 0. Kaemmel, Joh. Hass S. 31. 

3) Kriegk, Deutsches BOigarthom im Mittelalter. N. ¥. (1871) 



13 



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! 



vu. 

Zuclit und Leben. 

"W ir schliesseii unsere Betraclitun^^ ab, indem wir Zucht 
und Lebeü unter pädagogischem Gesichtspunkte in's Auge 
fassen. 

Wie das ganze Volk auf allen Stufen und in allen Rich- 
tungen seiner Thätigkeit einerseits yom Greiste der Askese ge- 
leitet und bestimmt wird, andererseits auch wieder Kraft und 
Gelöste in Ungebondenheit wirksam werden Iftsst so wieder- 
bolt sieh dieser wandelbare Gegensats aneh im Leben der 
Sehnle, die Ton den Erregungen der sie nmgebraden Kreise 
fort und fort sich berührt sah , auch wenn sie hinter Kloster 
maueiTi abgeschlossen zu sein schien. 

Zunächst ist nun freilich klar, dass der Geist der Askese 
durch die Schulzucht das jugendliche Leben streng und hart 
einengte, nach Umstünden auch niederdrückte. Jeder Blick 
auf die Heiligen, in denen man ja doch Vorbilder für das 
eigene Thun und Lassen erkannte, liess Entsagung auf die 
Guter und Genüsse des Lebens, Bezähmung der natürlichen 
Neigungen, Flucht Tor den Lockungen der Welt, ja gelegent- 
liche Selbstpeinigung als besonders verdienstlich erscheinen, 
und wenn nun auch die allbekannte Scheidung das, was 
mönchische Heiligkeit werden konnte, als Aufgabe engeren 
Kreisen vorbehielt, so hatte man doch auch für das, was der 
grossen Menge empfohlen oder auferlegt wurde, nicht wesent- 
lich verschiedene Normen. Man erliess, was man von so Vielen 



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YiL Zuehl and Leben. 



195 



meht enwingen konnte, und duldete, was diese selbst sieh 
TOiiehen, aber man hielt dem Volke doch immer wieder die- 
selben Vorbilder entgegen, und die leicht erweckte Angst vor 

der göttlichen Strafe schreckte zuletzt auch Leichtsinnige oder 
Trotzige in die Bahnen der Askese. So erfüllte sich nun eben 
auch das Jugendleben mit Anschauungen von sehr düsterer 
Art und wandte sich Zielen zu, denen doch nur wenige mit 
Ausdauer zusti*eben konnten; und dies vor Allem unter den 
Einwirkungen der Sehulzucht, die wir uns jetst in ihren 
Formen nnd Wirkungen etwas genauer vergegenwärtigen 
müssen. 

Sie war im wesentlichen wohl dieselbe bei den Stadt- 
schulen wie bei den gdstlichen Anstalten, wenn diese auch 
noch strenger von dem Verkehr mit der Welt abgeschlossen 

und durch noch häufigere Andachtsübungen die Aufmerksam- 
keit beschäftigten, die in vielen Fällen wohl auch zu krank- 
hafter Erregung der Gefühle Anlass gaben, wie denn der junge 
Heinrich Bullinger in der Stiftsschule zu Emmerich auf den 
Gedanken kam, ein Karthäuser zu werden V). Nebenbei ist 
vielleicht noch in Betracht zu ziehen, dass den kirchlichen 
Schulen in den meisten Fällen durch kleinere Anzahl der 
ihnen Zugef&hrten die Handhabung der Zucht erleichtert 
wurde. Aber auch in den Stadtsdiulen waltete ein dflsterer 
Geist, der oft in Anwendung harter Strafinassregein sich ge- 
fiel und den Schelm die dunklen Scfaulstuben su einer HOlle 
madien konnte. Gewiss war die Zahl der ^^ungeschickten 
Schulmeister" gross, welche nach Luthers Bemerkung (er hatte 
die Schule in Mansfeld vor Augen) „feine Ingenia durch 
Poltern, Stürmen, Streichen und Schlagen verdarben und mit 
Kindern nicht anders untuingen, denn wie der Stockmeister 
mit den Dieben" ; er selbst war ja an einem einzigen Tage 
fünfzehn Mal nach einander «wacker gestrichen worden"" 
Fast unglaublich ist, was Erasmus Albemus, der in Nidda 



1) Krafft, Aufzeichnungen H. ßullingers S. 9, vgl. 15. 

2) Jürgens I, 159 f. lieber die Küthe als Zuchtuiittel s. Janssen 1, 
56. Vgl. Nettesheim S. 141 l 

18* 



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196 Zurücktieten der wesentlich klerikalen Schulen ttc* 

einem Schulmeister übergeben worden, von den Misshandlungen 
berichtet, welche er von demselben erfahren habe. „Wenn 
der voll Weins, ja voll Teufel war, da zog er mich schlafend 
vom Strohsack, darauf ich schlief, und nahm mich bei den 
Füssen und zog mich umher auf und ab, als wäre ich ein 
Pflug, dass mir das Haupt aüf der Erden naehgescbleppt 
Darnach fing er ein ander Spiel mit mir an: er nahm eine 
Stange and zwang mich, dass ich hinaufklettern und dann 
mit der Stange zu Boden fallen musste. Zuletzt nahm er 
mich und stiess mich in einen Sack und hing mich zum Fenster 
hinaus. — So feine ward ich unterwiesen, dass, da ich vierzehn 
Jahr alt war, nicht ein Nomen konnte decliniien" Und 
nicht besser sind die Erfahrungen gewesen, die Johannes Butz- 
bach in der Schule zu Miltenberg gemacht hat. Freilich war 
er zuerst mit Brotzeln, Feigen, Basinen und Mandeln zur 
Schule gelockt worden; als aher diese Lockmittel wegfielen 
und die Ruthe ihm Lust zum Lernen machen sollte, da be- 
gann er die Schule zu vers&umen und am Mainufer ia irgend 
einem Kahne sich versteckt zu halten, bis die Schule zu Ende 
war und er wieder nach Hause gehen konnte. Als nun eine 
ungeschickte Lüge ihn verrathen und die Mutter ihn zur Be- 
strafung in die Schule gebracht hatte, da wurde er in grau- 
samster W^eise gemisshandelt. Ein Locatus liess ihm die 
Kleider vom Leibe reissen und ihn an einen Pfosten binden, 
worauf er aus Leibeskräften mit Ruthen auf ihn losschlug und 
selbst dann kaum aufhörte, als die Mutter, durch das Jammern 
ihres Sohnes aufinerksam geworden, herbeieUte und bei dem 
sdireckUchen Anblicke in Ohnmacht fiel'). Beceidmend ist 
immerhin auch, dass, als in Braunschweig 1870 zwischen den 
drei Schulen St. Aegidii, St. Cyriaci und St. Blasii ein be- 
sonderer Veitrag abgeschlossen worden, darin die Bestimmung 
aufgenonmien war, dass, wenn der Kector der einen Schule 



1) In seiiMr Sehrift ,Ehi gat Bach yoa te Ehe**. TbaoL Liimlni^ 
bUitt 1856, & 842 t 

2) Chronic» einet fahrenden Sobttlen oder WauMrikUein to Joh. 
Botsbacb, nbenetet von Becker, 8. 7, 11 1 



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m Zncht and Leben. 197 

emeii Knaben aus einer andern in einer gemeinsamen Pro- 
cession Ohrfsigen gegeben oder ihn bei den Haaren und Obren 
zur Ordnung gezogen bätle, dies ibm nicht ttbel genommen 
werden sollte Allmftblich milderte sich allerdings die Härte 
dieser Disciplin. Wie in Braunschweig später zu inilderer 
Behandlung? der Scliüler Aufforderungen ergingen , so be- 
stimmte auch in Wien die Schulordnung? von 1446, dass die 
Kinder mässiglich gezüchtigt werden sollten mit sechs oder 
acht Gerteschlägen und nicht um das Haupt noch mit den 
Fäusten 3); nicht minder besonnene Vorschriften enthielt die 
liUmberger Sehulordnung von 1486: „da in jeglicher Strafe 
Mass ZU halten, so solle ein jeder Schulmdster bei seinen 
CoUaboratoiibus und Mithelfsm verftkgen, auch selbst daran 
sein, die Knaben mit Rathen auf den Hintern ziemlicher Weise 
und nicht auf die Häupter, Hände oder sonst gröblich zu 
strafen und zu hauen"*). Zu solchen Milderungen aber be- 
stimmte einerseits die freundlichere und freiere Gestaltung des 
Lebens, andererseits aber auch, wie dies an Luthers Lehrer 
Trebonianus in Eisenacli zu erkennen ist. die still beginnende 
Einwirkung des Humanismus^). Dabei düiien wir übrigens 
nicht vergessen, dass Ausgelassenheit und Uebermuth im 
spateren Mittelalter, als überall die alten Ordnungen zu wanken 
begannen, auch bei der Jugend nicht säten in arger Weise 
sieh ankitedigte. Man beklagte sich oft ttber die ungebtOur- 
Udie und aufßdlige Tracht der Schttler, die in kurzen Unter- 
lOdcen, in spitzigen Schnabelschuhen, mit kleinen Käppiein 
und schmalen Hütlein einhergingen, Degen und Dolche trugen 
und durch Umherlaufen bei Tag und Nacht, durch Schlagen, 
Stessen, Spielen und allerlei Unzucht Anstoss gäben, wie denn 
auch selbst die Locaten gel^entUch der Eutheustreiche werth 



1) Behtmeyer, BnumtehweigiBohe KirahADgeichiohte h BtH Ko. 6» 

8. 18 f. 

2) Dürre, Gesch. der Gelelirtenschulen zu Braunschwei? I (lÖSl^ 21. 

3) Hormayr, Gesch. Wiens I, 5. Urk. S. 171 und iy4. 

4) Heerwagen, Zur Geschichte der Nürnberger Gelehrtenschulen 
(1863) S. 6. 

5) Jürgens S. S78 i 



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198 I>M Zw&cktraten der wvtendidi Uwlkaleii Sdmlai eto. 

ersehienen 0. Dann konnte es kommen, dass ein Sdralmeieter 
die Hilfe des Vogtes oder Bttrgermeisten anrufen und dnrdi 
die Strafiaoittel der Stadtkneehte sidi Buhe scliaffen mnsste 
In Hamburg aber konnten die Domschaler, welche der städti- 
schen Gerichtsbarkeit ganz entzogen waren, nicht einmal 
durcli Androhung des Bannes gebändigt werden. In der Nacht 
des heil. Stephanstages (26. December), wo sie die Frühmetten 
besuchen und singen sollten, tiieben sie selbst auf dem Chor 
oder in der Kirche Unfug und sangen etwas anderes als vor- 
gesehrieben war; auch schwärmten sie wohl in dieser Nacht 
auf den Strassen umher und brachen in die Häuser ein, tun 
diejenigen; welche bei der Mette fdüten, autosuchen*). 

Aber die Mannigfaltigkeit der Cultusacte und Oultus- 
formen, der Feste, Processionen und Wallfahrten ftbte doch 
immer wieder einen sehr bestimmenden Einfluss wie auf das 
Volk im Ganzen, so auf die Jugend aus. Im Zusammenhange 
mit den Fest- und Heiligentagen wirkten anregend auf sie 
biblische Geschichten und HeiUgenlegenden , deren Inhalt oft 
in sehr naiver Weise auch zu dramatischer Darstellung kam. 
Alles wurde anschaulich in Bild und Gestalt, die Lehre wurde 
Geschichte, die Geedüehte trat dem Leben näher durch das- 
jenige, was an hdliger Stfttte Ton den Dienern der Kirche 
den Augen vorgeführt wurde Und die Jugend hatte ja 
vielfach bei den gottesdienstlichen Vorgängen mitzuwirken: 
Gesang der Schüler sollte die Andacht der Versammelten 
heben, an zahlreichen Processionen nahmen Schüler theil; was 
Brüderschaften an besonderen Tagen zu ihrer Erbauung ver- 
anstalteten, dazu war die üilfe von Schülern erforderlich. Bei 

1) Die weltliche Tracht, welche Lehrer und Schüler in den Stadt- 
Bcholen, im Gegensatze zu den klerikalen Schulen, mehr und mehr sicli 
geilittoieB, daif num als ein Zekibm der begiimendeii Emandpatioxi an- 
Mhen. Bahkopf 8. 860 ff. Ueber den Kletderiiixns des sp&terea Ififctel- 
Ilten, der auch die Jogend bestimmte, vgl. Beeker 8. 121 f. 

8) Pfiff, Geeeh. des gdefarfen ünteniditeweeenB in Wikrttambeif 
(1842) S. 22 f. 

8) Meyer S. 12 f. 

4) Es läset sich denken, dass in besonderer Art die Feste der Sduite" 
patrone eisaelner Städte i&r die Jugend Bedetttung gewannen. 



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m Za€hi und Lsben. 



199 



Begi'äbnissen reicher und vornehmer Personen zog man auch 
Kinder in gi-össerer Zahl herbei und versah sie mit dem Oelde 
ni Oplergabeo bei den SeelenmeesenO« Sehttlgesang er- 
BOholl an den Gr&bera rmi Taosenden zun Tröste fbr die 
durch TodesfiUfe Gebeugten. Auch an Wallfahrten nahm die 
Jugend den lebhaftesten Antheil, so dass gelegentlieh von den 
Kanzeln gegen den dabei so leichten ünfiig geeifert wurde. 
Dies gilt z. B. von den in der zweiten Hälfte des fünfzehnten 
Jahrhunderts so häutigen Wallfahrten nacli Wilsnack in der 
Mark. So zogen einmal in Halle an einem Tage 130 Personen, 
kleine Jungen und Mägdlein und säuberlich grosse Jungfrauen 
und Mägde und junge Gesellen mit freien Männern und Frauen 
in Einer Procession herbei*). Aher in jenen Zeiten wurden 
Kinder-Wallfahrten auch nach Mont-Saint-Michel in der Nor- 
mandie nntemcHnmen. Wie hatte da die Jugend nicht auch 
geneigt sein sollen, allerlei Wunder zu erleben, welche von 
der Gottesmutter oder von den Heiligen, zu denen sie betete, 
erwartet werden konnten! Wie musste doch auch sie zittern 
bei dem Gedanken an das überall mögliche Eingreifen teuf- 
lischer Mächte in das Einzelleben, und wie konnte sie auch 
wieder des Schutzes der heiligen Engel sich getrösten, der in 
der Stunde der Anfechtung nie versagt blieb! Welche Ge- 
fühle mochten auch sie bewegen, wenn sie an die schimmernden 
Keliquienschreine trat, von denen der fronune Glaube so 
heilskräftige Wirkungen ableitete, oder wenn ihre Augen 
auf Bilder sich richteten, an welche seltsame Sagen sich 
knttpften*)! 

1) Hierher gehört die Stelle des Nibelimgeiiliedes, wo Kriemhilt bei 
SIegfrids Begräbniss in solcher Weise Yeranstaltusg trifft (Lachm. 995): 

Dehein kint was so kleine, daz witze mohte haben, 
ez muose gön ze opher. e er wurde begraben, 
wol hundert messe man des tages sanc; 
von Sifrides friunden wart dö grozer gedranc. 

2) Opel, Das Tagebuch des Eathsmeisters Marcus Spickendorff in 
Halle (Elan« 1871) S. 19 f. Ueber die Wallfthrten nach Wilaiiack TgL 
Frind m, 52. 

8) Anieiger fbr Kunde der deatsdien Yoneit 1808, 8. 164 f. 

4) Vgl. über den BeliqaiensGhati der Sehlosaididie in Wittenberg, 



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! 



200 Zur&cktretea der wesentUch klerikalen Sckulea etc. 

ludem aber so die Jugend von allen Seiten kirchliche An- 
regungen empfinj4 und mit kirchlichen Anschauungen sich er- 
füllte, üel mancher verklärende Strahl auch iu die oft düsteren 
Räume der Schule, wie in das zuweilen auch recht enge und 
freudlose Leben des Hauses. Von den hohen Kirchenfestaa 
ganz ahgesehen, weleh«i Farbenglanz and welehe Erquiekmig 
brachte der Jugend weit und breit der Johannistag, der Petri- 
tag, der Marttnstag, der erste Sonntag in den Fasten^)! Wie 
reisend konnte für sie das Maifest sieh gestalten, das uns in 
sehr verschiedener Form an sehr vei-schiedenen Orten be- 
gegnet! An diesem Feste, das, aus dem Heidenthunie in die 
christliche Welt herübergenommen, die Freude über das neu 
erwachende Frühlingsleben zum Ausdruck brachte und den 
Charakter eines dem Höchsten geweihten Dankfestes ange- 
nommen hatte, zog die Jugend unter Führung eines füi* diese 
Feier gewählten Maikönigs, dem auch eine Königin beigegeben 
war, in f^erlicher Piocession unter Theilnahme der Lehrer 
mit Baniem und Fahnen, im Schnroek von Blumen und 
BSndem, Mhlicfa singend um die grünen Saaten der Fdd- 
marken, um zuletst unter bunten Zelten ein heiteres MaU zu 
geniessen, bei welchem den Schulmeistern wohl auch ein Ehi*en- 
trunk überreicht wurde*). Ein verwandtes Fest war das 
„Empfahen des Sommers", das bis 1523 in Bautzen von der 
Schuiyugend begangen wurde 

den. Friedridi der Weise zasinimeDgebracht hatte, EO s tlin, Luther l, 150; 
aber die BeUqniea bei der Aimenkirche in Amiabeig s. Wolfram im 
Asdm ftr die sidiBische Geechiohte I, 229 ff. 

1) YgL aber die Theihiahme der Jugend an dieeen Tolksthandichen, 

bis in die heidnische Zeit zurückreichenden Festen De Baecker, De la 
r^Ugion da ^oid de la France (Lille 1854) p. 240 £ Vgl Nettesheim 
S. 145 ff. 

2) Verwandt mit diesem Feste, das gewölmlich am 1. Mai begangen 
wurde, war der sogenannte „Mairitt" der Erwachsenen, der zu Pfingsten 
unter Leitung eines Maigraten statt fand und ein Fuder Maien feierlich 
einzuholen hatte, mit dem dann Häuser und Kirchen geschmückt wurden. 
Back, Gesch. der Sdmlen an BranDSchweig I, 111 f. Vj^ fiber das Mid- 
fest hl Wesd Heidemann n, 8; Uber denlbogang in Uftnster Krabbe 
S. 52£ 

8) LaasitBScIie Honatssduift 1795 1, 214 £ 



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Vn. Zucht md Lebea. 



201 



lodesB verdienen einige Sehnlfeste deeh eine noeh ein- 
gehendere Betrachtung. Da treten nne inent die mannif- 

fMhen Sehanstellungen vor Augen, zu denen die Weihnachts- 
freude Anlass gab. So war es in Braunschweig am Weih- 
nachtsabende eine Hauptaufgabe der Schüler, das heilige 
Christkind auf öffentlichem Markte darzustellen, wobei auch 
der Knecht Ruprecht nicht fehlen duifte, am heiligen Drei- 
königstage aber wurde von den Schalem in festlichem Anzüge 
und mit Qesang ein grosser vergoldeter und amist gesehmnckter 
Stern nmhergetragen, snm Andenlcen an denjenigen, der dnst 
den drei Königen ans dem Morgenlande voran geleoehtefc hatte 
sn der Hatte in BeÜdehem. Lelcfat traten tu soldien 
anstaltungen besondere Weihnachtsspiele in dramatischer Form 
hinzu, und solche haben sich an manchen Orten bis tief hinein 
in die neueren Zeiten erhalten Das merkwürdigste Schul- 
fest dieser festlichen Zeit war jedoch das Narrenfest (festum 
stultorum s. fatuorum, auch Eselsfest, und aus besonderem 
Grunde Indus episcopalis), bei welchem die auf heiligem Boden 
gieh bewegende Festfreude in kecke Yerspottimg nnd Ent- 
weiknng des EhrwOrd^en nmschlng. Denn bei diesem Feste» 
daa seinen Kthepoikt am Tage der nnschnldigen lEQndlein*) 
oder auch am Feste der Beschneidung oder zu Epiphaidas hatte, 
war der harmlosere Brauch, wonach alle kirchlichen Func- 
tionen des Tages von Knaben verrichtet wurden, allmählich 
in grobe Ungebühmiss übei-gegangen. Aus der Mitte der 
Schuljugend ging am Nikolaustage 3) durch Wahl ein Bischof 
(Knabenbischof) hervor. Dieser zog dann mit geistlichem Ge- 
folge in bunter Mammerei, mit Aposteln, Engeln, Heiligen, 
Königen, Priestern, aber auch mit EdeUeut^, Schneideni, 



1) Reiche ^Mittheilungeu bei Weiuhold, Weihuadits • Spiele und 
•Lieder. Gras 185& 

2) Darum anoh ftetom fnnooentiim (28. Deeeuber). 

9) (6. Deoenber.) Dar beilige KifcolAu, Boait aadi ah Fitnm der 
Sehübr, Eanfleate und Fiaeher Terehrt» iat dmch die freune Sage SMh 
der Bdüttsheilige der Jogoid und der Sdralen geworden, weshalb in 
umn^ff» Städten aach die Stadtschnlen, neben NikolaiklrclMn erbaut) mit 
leiiieni Nanen beieiduiet worden sind. Meyer S. 129 £ 



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202 IHt ZnrOckM» der iratendicli Marifcilen Scholen etc. 

Nan*en und Heiden von einer Kirche aus durch die Strassen 
der Stadt, Hees nebenbei dnreh die ktoinen Sdmler unter der 
gaffanden Menge milde Gaben rar Vertbeilung unter Alle, an- 
geblich als Steuer für den Biachef, einsammeln, raletst aber 
an heiliger Stütte dureh den Bisehef und die ihm zugegebenen 
Priester das ram' Gnltus Gehöiige nachäffen, vor Allem den 
Segen spenden Es ist l)ekannt, dass diese Veranstaltungen 
an vielen Orten zu den ärgsten Ungebührnissen ftüirten. Aber 
die dagegen ergangenen Verbote von Päpsten, Bischöfen und 
Concilien haben niemals sonderliche Wirkung srehabt^). 

Verwandt mit dies^ Feste und an manchen Orten wohl 
auch die Stelle desselben vertretend war die Feier des Gre- 
gorinstages, die ab^ dadurch einen besonderen Charakter 
erhielt, daas mit der Einidhrung eines Enabenbischofe die 
EinÜBhrung der neu in die Sdiule eintretenden Knaben sich 
Yorband« Man suchte diese in ihren Wohnungen an( Yon wo 
sie, in eine Art vm Chorhemden gekMdet oder in anderer 
Weise geschmückt, unter fröhlichen Gesängen zur Schule ge- 
führt wurden; sie erliielten an diesem Tage, um sie für den 
Besuch der Schule empfänglicher zu «laclien, Obst, Backwerk, 
Feigen, Rosinen und Mandeln. Ob man den Ursprung dieser 
Schulfeste in der römischen Zeit suchen oder (wie Buhkopf 
angenommen hat) auf den Papst Gregorius IV. (827 — 844), 
der den grossen Gregoiius habe verherrlichen wollen, zurftck* 
filhren dOrfe, lassen wir unentschieden. Man beging es aber 
stets zum Anfinge des neuen Sefau^ahres« am Tage des heil 
Papstes (12. Mta), und mit so lebhafter, inniger Theilnahme, 
dass es trotz einzelner Gegmwirkungen bis in die neuere Zdt 
sich erhielt, ja nach der Reformation gerade von den pro- 
testantischen Schulen mit besonderem Eifer festgehalten und 



1) An einzelnen Orten durfte dieser Bischof das ganze Jahr hindurch 
biß zur Wahl eines neuen seinen in verjüngtem Massstabe ihm angepassten 
Ornat in der Kirche tragen. Vgl. im Allgemeinen Zeitschrilt iür deatsche 
Calturgeschichte lü (1858)^ 81 f. 

2) a SeliBiidt in Herzogs K*S.X, Ml 8az, GodL Hoch- 
stiftes Eidistldt S. 80 1; Sehwab, Oerton 8. 688; Heppe, Das Schul- 
weeea des Hitleblten 8. 22 £; Heyer 8. 15 C; Dflrre 1, 10. 



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Yü. Zucht nad Leben. 



m 



durch die wnndmaiiisteii Aii£Etlge und Sebmistelliuigeii zn einem 
wahren Yolkafeste gemadit wurde 0. 

Die dramatiachen Spiele, weldie gerade aneh mit dem 
Gregorinsfeste im späteren üfittelalter sieb verbanden, waren 

freilich bei allem Volke so beliebte Aufführungen, diiss sie in 
allen deutsclieq Landen und in sehr verschiedenen Städten 
unteiTionimen und sehr oft auch unter Mitwirkung von Schülern 
ausgefülirt wurden. Wir finden solche Spiele in Hamburp: und 
Braunschweig; in Strassburg und Nürnberg, in Augsburg und 
Würzburg, in den Städten der Oberlausitz etc. In welcher 
Ausdehnung dabd neben jungen Bürgern reifere Schfller ein» 
Eutreten hatten, das war wohl nach Beschaffenheit der Be- 
dflrfoisse und Örtlichen UmstAnde sehr yerschieden; aber wo 
Schulen vorhanden waren, stellten sie gewiss überall ihr Gon- 
tingent, das um so weniger entbehrt werden konnte, je grösser 
die Zahl der Spielenden in vielen Fällen war^). Auch bei 
den Fastnachtsspielen, wie derb die Scherze waren, welche 
sie ausführten, fehlten Schüler selten, und manche Rollen 
scheinen gelegentlich auch Hilfslehrer (Gesellen) oder Vaganten 
(fahrende Schüler) übernommen zu haben 3). 



1) Bnhkopf 8. 159 f.; Becker 8. 7; Seibert, Die StifiMdmle 
m Wetter in Lutgbeiiit FldagofbMhem ArcbiT 1861 89 £; Schauer, 
Das segeaaiinte GregorinsfiMt, mit beMMiderer Besiehmig uf das altp 
weimarische Lind, in Kiedneie Zeiticihrift ftir die histor. Theologie 1858 

8. 147 S. 

2) Ueber die Aufführung der Comoedia de Psssione St Dorotheae 
in Bautzen 1413 durch den Rector Scholae s. ArduT ftr die sichaitche 
Geßchichte IV, llo f. Im Allg. vgl. Sack S. 110. 

3) So bei einem 1505 in Zittau aufgeführten Fastnachtsspiele, wo der 
Kampf der Wurst und des Herings (zur Bezeichnung des mit der Fast- 
nacht eintretenden Lebergaugs von den Fleischspeisen zii den Fisch- 
gerichten) dargestellt and schliesslich der die Wurst darstellende Oolla» 
bomlor in einoi Bohrtrog geworfoi worde. Chr. Weite Ündet in diesen 
AnfflUmmgen die Anfinge n den drematigchen Spielen, die «r mit lehiea 
Sddüem zn lo ititUieher Entviofcelnng pkm^ hat 8. eone Ontio 
de ortn et progresm schohumm per Los. sop. 12. Nach Schlesien eehänen 
die Fastnacihtsspiele, die früh in Nürnberg eine so grosse Bedeutung er- 
langten, ungeachtet des regen Verkehrs der Schlesier mit dieser Stadt, den 
Weg ideht geliinden sa haben. H. Palm, Daa dentMbe Drama in Schleiiett 



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204 Bas Zaraektretoi te woBon fl idi klerikalen Scholen etc. 

Es Terateht sieh von selbst, dass aueh bei rein weltliehen 
Festlichkeiten, die nach Versebiedenhdt der Orte und Ge- 
legenheiten einen sehr vei'schiedenen Charakter tragen konnten, 
die Schuljugend oft mitzuwirken hatte. Wenn ein Landesfürst 
oder gar der Kaiser in eine Stadt seinen Einzug hielt, dui-fte 
auch die Schule ihre Schaaren in Bewegung setzen. Als z. B. 
Jiaiser Karl IV. einmal nach Dortmund kam, zogen ihm mit 
den Jungfrauen des Klostei*s zu St. Katharina, deren jede ein 
Stück Heüigthum trag, nnd den Predigermönehmi nnd Mino» 
riten auch die Gleriche (die ZOglinge.kirehlicher Lehranstalten) 
nnd die Seholer (der Reinoldssehnle) mit wohlriedieiiden grünen 
Kränzen im Haar nnd mit grttnen Zweigen in den Händen, 
unter fröhlichem Gesänge entgegen^). Aber wir sehen, dass 
auch hier die geistliche Zuthat und Färbung nicht fehlte. 

Indess legt sich nun floch die Frage nahe, in welcher 
Weise wohl auch die Schulen von den reformirenden Be- 
strebungen des fünfzehnten Jahrhunderts berührt worden. 
Gewiss düifen wir dabei nicht übersehen, dass doch auch das- 
jenige, was die Kirehe bei alier Veräasserliehmig des rel^dsra 
Lebens noch immer für inneriiehe Frömmigkeit that» f&r die 
Schulen nicht ohne Wirkung bleiben konnte; allein es darf 
immerhin angenommen werden, dass diese Wirknng weder 
sehr weit noch sehr tief gegangen sein wird. Was in solcher 
Beziehung etwa von den deutschen Bibelübersetzungen und 
Historienbibeln, von den deutschen Plenarien oder Hand- 
postillen, vom deutschen Kirchenliede des fünfzehnten Jahr- 
hunderts für die Jugend zur Benutzung kam, das beschränkte 
sich gewiss auf vereuizelte Anregungen, die keinen bleibenden 
Eindruck zurfteklassen konnten. Dass Synoden und Bischdfe 
BibelfibersetKungen frnhzeitig verboten* nnd diese Yeifoote 
immer wieder erneuert haben, muss dabei doch aueh hervor- 
gehoben werden Obendrein ab fr ersehwerte der hohe Preis 

bis aof GijpliiiiB, in der ZettMhiift des Yersfais ftr Geechiehte nid Alter- 
Üramikimde Sdilesienfl Vm, 62. 

L) DAring, Geseh. des GynuuMrioms m Dortmund I (1872), 17. 

^ 8. Fritsche, Deutsche Bibelübersetzungen in Herzogs R.-E. LH, 
88e t; B«a88, Die deotiche Histoiienbibel vor der Erfindmig dee Bflttl» 



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Vü. Zucht uad Leben. 



205 



solcher Bildungsmittel selbst den Geistlichen die Benutzung 
derselben, wie sie denn auch in den Verzeichnissen von 
Büchersammlungen, die in Klöstern bestanden, nur selten vor- 
kommen. £s wäre nun aber von eigenthümlichem Interesse, 
in Yeifolgimg der Spuren, welche überall in deutschen Landen 
die auf Bdimnen hinstrebenden Männer znrttekgelasien haben» 
aneh von dieser Seite eine die Jngend berührende Wirksam- 
keit waHrzonefamen. Gewiss konnten die Sendboten der Wal* 
denser und Gottesfrennde, die in den Stftdten am Khdne so 
grossen Einfluss übten und auch im Familienleben um so mehr 
Eingang suchen mussten, je mehr das öffentliche Auftreten 
mit Gefahr verbunden war, der empfanglichen Jugend nicht 
unbekannt bleiben. Und als dann hussitische Prediger, unge- 
achtet des grimmigen Gegensatzes, in welchem Deutsche und 
Czechen durch Jahrzehnte auseinander traten, durch Franken 
und Sdiwaben bis Strassbuig und Basel, dnreh Bayern Ins in 
die Solzboiger Alpen die Lehren des Märtyrers von Eonstans 
Terbreiteten, da kam ihnen auf allen Seiten Sympathie entgegen, • 
und in die gewaltige Bewegung, welche der jugendliche PfWfer 
von Nikiashausen im Jahre 1476 hervorrief, wurde sicherlich 
auch die Jugend hineingezogen Durch die Predigt der 
Hussiten aber kam auch dieser in besonderer Weise die heil. 
Schrift nahe, welche in das Czechische schon während des vier- 



drucks, Jena, Maucke 1855 (Herzogs R.-E. VI, 157 £); 6. Palm, Eine 
mittathochdeatiehe ffiitCHtebibeL Beitrag zur Geichidite te ▼orintheii- 
lehtti deat8eh«n BIbelttlMnetiiiDg. BresUa, Moigensteni 1867; Alsog, 
Die deatschen Ftenarien im ftnfinhnteD und m Anfing den seehiehnten 
Jahilnuidflrti (1470— £äa BeUng mr Geteb. der reUgiOeen Volks- 
bfldiing in jener Zeit, besonders in SüddentiGbland. Freiburg im Breisgau, 
Herder 1874. Ueber das Kirchenlied dee anegeihenden Mittelalters Koch, 
Geschichte des Kirchenliedes und Kirchengesanges I, 207 jQT. Verbot der 
Bibelübersetzungen bereits durch die Synode von Trier 1231. Koch I, 179. 
Verbot durch den Erzbischof Berthold von Mainz 1468. Herzogs Keal-> 
Encyd. U, 204. 

1) Vierer dt, Geschichte der Retormation in Baden (1847) S. 57 f. 
Hagen, Deutschlands literarische und religiöse Verhältnisse im Keior* 
mationszeitalter I, 68, 169 ff., 174, 178; II, 85. Üllmann, Reformatoren 
TW der Befbrnation I, 800 ft nnd 840 



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206 Zorftcktreten der wesentlich klenkalen Schulen etc. 

zehnten Jahrhunderts übei*setzt war und auch in deutschen 
Landen in deutscher Sprache leicht zur Gnmdlage der neuen 
Verkündigung gemacht werden konnte; sie musste überall in 
dem Geiste, der ans Haas geredet hatte, als das wahre, auch 
zur Seligkeit ToUkommeii ausreichende und dämm ganz un- 
entbehrliche und in alles Volk hineinzutragende Gottesgesetz 
empfohlen und zu lebendiger Geltung gerächt werden; und 
wo irgendwie die Jugend auf jene Predigt hörte, da nahmen 
die Herzen Samenkörner auf, die fruchtbar sich erweisen 
mussten. 

Während aber so in Ober -Deutschland von Süden und 
Osten her nicht ohne Gewaltsamkeit des Vordringens und der 
Gegenwirkung das religiöse Leben^des Volkes sich bestimmt 
sah, kam in Nieder -Deutschland von den Niederlanden her 
eine andere Bewegung in Gang, die stiller, massvoU», aber 
nur um so nachhaltiger wirkte und in bedeutsamster Art ge- 
rade auch die Jugend in Anspruch nahm. Wir bezeiehnen 
* hiennit die BrQder des ganeinsamen Lebens, und ihnen ge- 
bührt nach unserm Zwecke eine eingehendere Behandlung. Sie 
bilden in bedeutsamster Weise den Uebergaug zu den vom 
Humanismus ausgegangenen Reformen. 



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vm. 

IHe p&dagoglsehen Bestrebmigeii der 

Uieroiiyiuianer. 

Die Entstehung und Kntwickelung der Brüderschaft 
▼om gemeinsamen Leben hängt mit der Blüthe des 
Bürgerthnms in den Niederlanden innig zusammen. In jenen 
Gebieten, welche als Zwischenlaiide zwisehen Deatsehland und 
Fnmkreieh immer- entschiedener nater sich in politischen Zu- 
sammenhaag getreten waren, fort und fort aber, auch in der 
glänasenden Zdt der burguncüschen Herzöge, ihre proyincialen 
Eigenthfimlichkeiten und SondeiTSchte bewahrt hatten, konnten 
zahlreiche Städte einer dichten Bevölkerung den vollen Genuss 
municipaler Freiheiten sichern und so das regste Aufstreben 
in gewerblicher Thiltiirkeit wie die vielfachste Bewährung in 
pei-sönlicher Tüchtigkeit möglich machen. In diesen Städten 
wurde nun auch überall das Bedüi-fniss nach einer Bildung 
lebendig, die in den klerikalen Schulen entweder gar nicht 
oder nur unvollkommen geboten wurde und auch in den Stadt- 
schulen, die selten Uber das in Jenen Gegebene hinauszukommen 
wussten, m'cht zu gewinnen war. Es floss aber dieses Be- 
dfiiMsB auf ^genthOmliche Weise mit dem Verlangen nach 
tieferer Befriedigung des Gernttthslebens zusammen, für welche 
die Kirche auch dort so wenig sorgte, und so kam es zu Ge- 
staltungen, die zwar auch nur mühsam aus den Hüllen des 
Alten sich erhoben, aber doch einerseits einen volksthümlichen 
Charakter behielten, andererseits den humanistischen Be- 



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208 D>B ZnrOfiktreteD te wesoiüidi Uecilntea Sdiiiltti etc. 

strdbiingeDi die den Unterricht unter sehr veränderte Gesichts- 
punkte stellten oder in ganz neue Bahnen hineinleiteten, 

besseren Anhalt boten. Es lohnt sich also, auf die Thätigkeit 
der Brüder vom gemeinsamen Leben etwas näher einzugehen, 
die im Einzelnen wohl immer noch genauere Bestimmungen 
als Wünschens Werth erscheinen lässt 

Der Stifter dieser Genossenschaft Geert Groote (Ger- 
harduB Magnus) war im Jahre 1340 in Deventer geboren. 
Diese uralte Stadt an der Tstel, dem heiligen Lebuin, einem 
Schüler Willibrords, welchem sie auch eine prächtige Kirche 
erbaut hatte, in besonderer Andacht zugewandt, stand mit der 
ganzen Landschaft Overyssel unter der milden Leitung der 
Bischöfe von Utrecht und wai-, in ihrem Aufstreben von dieser 
Seite wenig gehemmt, mit den weiter nördlich gelegenen 
Städten Zwolle und Kampen durch Industrie und Handel zu 
Wohlstand gelangt, schloss sicli auch im vierzehnten Jahr- 
hundei*t mit jenen Nachbarstädten der bis tief in die Nieder- 
lande einflussreichen Hansa an, während sie zugleich des ge- 
waltthätigen Adels der mnliegenden Landschaft tapfer sich 
erwehrta Das religiiSse Leben der 6ev61kenmg von Deventer 
bestimmte das Capitel der Haaptkirche, mit weldier eine 
Schule in VerbiBdimg stand. Diese hat mm gewiss auch 
Geert Groote fhr seine erste Ausbildung benutzt. Er hatte 
dann in Paris und Köln philosophischen und theologischen 
Studien sich hingegeben und bereits zu einträglichen PfiHnden 
in Utrecht und Aachen Zugang gefunden, als er in das Kar- 
thäuserkloster Monkhusen bei Arnheim zu stiller Betrachtung 
der biblischen Wahrheit und strengen asketischen Uebungen 
sich zurückzog. Nach drei Jahren aber war er in öffentliche 
Thätigkeit eingetreten und hatte in Uti-echt als Volkspredigw 
mit dem ¥Met und der Enft des T&nlen die Heraeii des 
Volkes, an die er in der Landessprache (belgico seimone) sidi 



1) Die Literatur in dem Artikel Hieronymianer in Sclimids Encyclo- 
pädie III, 537. Dazu noch Wildenhshn, Die Schulen der Brüder vom 
gemeinsamen Leben mit einem Hinblick auf unsere Stadtschulen, Annabecg 
1867, 4". Die specielleren Angaben folgen unten. 



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-1" 



Vlll. Die pädagogischen Bestrebaogen der Hieronymianer. 209 

wendete, so gewaltig bewegt, dass er bald, da keine Kirche 
die Schaaren der Hörer zu fassen vermochte, unter freiem 
Himmel hatte reden müssen. Weil indess die Bettehnimche 
ihm Schwierigkeiten bereiteten, zog er sii'li auf engere Kreise 
und auf eine anspruchslosere Wirksamkeit in seiner Vater- 
stadt zurück; er sammelte hier, nach dem Vorbild des tief- 
sinnigen Mystikers Johann Kuysbroeck , den er. persönlich 
kennen gelernt hatte, Zöglinge der Stiftsschtüe am sich, um 
mit ihnen gute Btteher zu lesen und sie sugleieh im Ab- * 
sdureiben solcher Bücher zu unterwdsen. Als hierauf (nach 
1S80) der um zehn Jahre jüngere Florentius Bade- 
yynszoon (Kadewins) — er war 1350 in Leerdam greboren — 
mit ihm in Verbindung geti eten war, kam grössere Bewegung 
und Festigkeit in das Begonnene, Andere schlössen sich an, 
das erste Fraterhaus entstand. Obwohl nun gerade jetzt Geert 
Groote von einer Seuche weggeiatft wurde (1384), so ent- 
wickelte sich doch rasch die firomme Genossenschaft unter der 
kraftigen, hingebenden, umsichtigen Thätigkeit des Floren- 
tins zu aussichtsvollem Gedeihen. Das von ihm 1386 ge- 
gründete Kloster regulirter Kanoniker in Windesheim bd 
ZwoUe wurde Mittelpunkt der in seinem Geiste sieh ent&l- 
tenden Vereinigung, die nun theils in klösterlicher Gemein- 
sdialt Bich au&telite, theils in freieren BrQdersdiaften wirkte, 
fort und fort aber beiderlei Verbände in reger Wechselwirkung 
erhielt. Mit Florentius wirkte dann Geert Zeebold, geb. 
1367 in Ztitphen, treu und eifrig zusainmeu , ein Mann, der 
noch in jugendlichem Alter zu selbständiger Erfassung der 
von Geert Groote und Florentius erst halb gelösten Aufgabe • 
sich erhob und den pädagogischen Bestrebungen einen wahrhaft 
volksthümlichen Charakter zu geben strebte. Denn wührend 
jene in den Jugendunterrieht Leben und Zusammenhang zu 
bringen suchten und in Wahrheit schon die Idee der Volks- 
Bchule ergriffen hatten, vertrat Zeebold, wie sich aus seinen 
Tractaten de libris teutonicalibus und de precibus vemacuUs 
erkennen lässt, mit aller Lebendigkeit den Gedanken, dass 
die Kinder des Volkes eben zunächst auch in der Sprache 

u 



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210 ZurttoktreleB d«r «weiililiidi klerikalen Schnleii etc. 

es Volkes unterwiesen werden mtissten^). Freilieh konnte 

ieser Gedanke nur eine beschränkte Geltung gewinnen, wie 
überhaupt der Unterricht der Brüdei-schulen foit und fort 
noch den lähmenden Einfluss der alten Traditionen erfuhr; 
aber die Wahrheit des Gedankens konnte ihre anregende Kraft 
nicht mehr verlieren. Leider starben die beiden zu eingrei- 
fender Wirksamkeit verbundenen Freunde früh dahin, Geert 
Zeebold 1398 und Florentius Badewins 1^. Johann Busch» 
der im Todei^ahr des Ersteren (oder 1399) geboren war und 
später längere Zeit in den Sdiulen der Brüder nach den 
Grundsätzen desselben gelehrt hat, ist durch seine auf um- 
fossende Reformation des Elosterwesens im nordwestlichen 
Deutschland gerichtete Thätigkeit von der stilleren Thätigkeit 
der Bruder allmählich abgelenkt worden, obwohl er immer 
auf das Lesen der Bibel in der Muttersprache gehalten 
hat 

Aber wir können von dem Unterrichtswesen der BrUder 
eine befriedigende Vorstellung erst dann erlangen, wenn wir 
in das ganze Leben ihrer Genossenschaft uns yersetsen. Die 
Brdder vom gemeinsamen Leben hiessen zuweilen auch Brüder 
vom guten Willen (weil sie nicht sowohl durch Mönchsgelftbde 
als vielmehr durch freien Willen zusammengehalten sein 
wollten und in solcher Gesinnung thätig waren), oder Gollatien- 
brüdei (Collationarii, von ihren religiösen Versammlungen, 
Collatien), mit Bezug auf ihre Lehrthätigkeit nicht selten 
auch Hieronymianer (nach dem gelehi-ten Kirchenvater Hiero- 
nymus) oder Gi-egorianer (nach dem Papste Gregor d. Gr., 
den die Verdirung des Mittelalters zum Schutzpatron der 
Schulen gemacht hatte), ün Volksmunde wegen ihrer Kopf- 
bedeckung auch Gogel- oder Kugelherren (cucullati), in Trier 
die goldenen Priester, und in diesen Benennungen ist zum 
Theil auch schon der ganze Charakter ihres Lebens und Thuns 
ausgedrtlckt. Sie wollten eine nach apostolischem Vorbilde 

1) Bevins 8. 41 E luit jene aiudefaende Abhendlmig uns echallMi, 
SchOpff in seiner Aurora T. V. (Dresden 1859) weiteren Kreisen wieder 
ragftnglich gemacht 

2) Ueber flin Henogs B.-R XIX, 297 £ 



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Yiil. Die pädagogischen Bestrebungen der Hieronyialaiier. 211 

lebende Genossenschaft sein, deren Mitglieder in Einfalt und 
Entsagung, in Andacht und Handarbeit sich bewährten, nach 
aussen aber für Belehrung des Volkes und der Jugend thätig 
wären. Demnach sollten Besitz, Wohnung, Andacht und Ar- 
beit gemeinsam und in der Gemeinschaft fest geregelt sein; 
Bbet mönchischer Zwang blieb fern, wie auch das in asketische 
Yereinigimgen sonst oft hervoigetretene Streben, fOr das Ganze 
in yerscMedener Form Erwerbungen m machen, bei den 
Brüdern ein sehr massiges gewesen zu sein seheint In jedem, 
BrOderhanse lebten meist nur zwanzig Männer zusammen, 
Priester, Kleriker, Laien und Novizen unter einem Prior oder 
Rector (auch Präpositus), dem nach Umständen ein Vicerector 
zur Seite stand, während der Proeurator für den Haushalt, 
der Scriptuarius für das Abschreiben guter Bücher, der Li- 
brarius für Aufbewahrung und Darbietung der Handschriften 
zu sorgen hatte; andere Functicmen hatten der Infiimarius, 
der Hoepitiarius etc. Die liebste und gewöhnlichste Beschaf- 
ügiing der Brttder war das Copiren guter Bttcher, wobei die 
heilige Schrift fort und fort den VoTzug hatte, aber auch 
andere erbauliche Schriften, namentlich yoTfi Gebiete der prak- 
tischen Mystik, vervielfältigt wurden. Es erklärt sich daher 
auch von selbst, dass die Brüder nach Erfindung der Buch- 
druckerkunst in ihren Häusern nicht selten Buchdruckereien 
anlegten und Bibliotheken sammelten^). Die Rectoren der 
s&mmüichen Bruderhäuser hielten alijährlich Berathungen Uber 
die gemeinsamen Angeiegenheiten; sonst aber galt der Bector 
des Stammhauses in Deventer, der den Ehrennamen Vater 
hatte, als Mittelpunkt ihr die Brttder, wohl auch in der Zeit 
noch, als die Ausbrdtung der Genossenschaft über das nörd- 



1) Sehr belehrend sind die Mittheilungen von Lisch in den Jahrb. 
des Vereins für mecklenburgische Geschichte und Alterthumskunde 1839, 
S. 1 ff.; vgl. Ruland im Serapeum 1860 S. 183 ff. üeber die Buch- 
druckerei in Deventer (nach Panzers Annalen) Kuhkopf S. 232 f. und 
die Angaben bd RevioB; das erste in Brüssel gedruckte Buch ging 1476 
MB der Drackerd der dortigen Brttder hervor, Stellaert 8. 126; f&r 
Monster Nordhoff, Denkwftrdigkeiten ans dem Mfinstendiem Homanis- 
moB a80Q) S. 189 t 

14* 



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212 IHM Zuracktareten der weaeotHdi kloikalen Schul«!! ele. 

liehe Deatschland besondere Zasammeiikaiifteder hier waltenden 
Rectoren, anfangs in Monster, nachher in Emmerich nöthig 

gemacht hatte. Wenig befriedigen die Nachrichten, welche wir 
über die neben den Brüderhäusern bald entstandenen und 
nach ihrem Vorbilde eingerichteten Frauenvereine (Schwester- 
häuser) besitzen; solchen Häusern war neben einem Rector 
eine Martha oder Mater rectiix vorgesetzt, allen aber die in 
Utrecht wohnende Obeimaitha Dass die regolirten Kano- 
niker, deren Zusanunenwirken bereits Groote als zweckmftSBig 
erkannt und Florentins zunldist in Windesem (Windesheim) 
bei ZwoUe zn Stande gebracht hatte, durch die Aufiiahme 
mönchischer Ordnungen dem Gdste, der in den Brüderhäusern 
herrschte, nicht entfremdet wurden, braucht hier kaum be- 
merkt zu werden; es erklärt sich so auch die weite Ver- 
breitung dieser Congregation Zuweilen freilich hat sie die 
freiere Genossenschaft der Brüder in Schatten gestellt, ja zu 
einer gewissen Eifersucht erregt, obwohl gerade das dort vor- 
waltende mönchische Wesen die den Bestrebungen der Brllder 
verwandten Thätigkeiten nicht zu kräftigerer Ent&ltong 
kommen liess. Immerhin aber zeigen die Namen Thomas von 
Kempen und Gerfach Petersen, wie edle Frttchte in dOQ 
Klöstern der regulirten Kanoniker reifen konnten^). 

Was die Brüder als Prediger und Seelsorger, als Ver- 
breiter der heiligen Schrift in der Landessprache, als Förderer 
praktischer Mystik für religiöse Volksbildung im Allgemeinen 
gethan haben, darauf dürfen wir uns an dieser Stelle nicht 



1) üeber die Schwesterhäuser in Westfalen S. 119 t Ueber die 
lÜdehenBchulen daselbst Zimmermann S. 29. 

2) Zar Geschichte derselben bildet das Chronicon Windesemense von 
Johann Busch (Antwerp. 1621) mit der Schrift desselben Verfassers de 
reformatione monasteriorum quorundam Saxoniae (bei Leibniz, scriptores 
Brunsvic. T. 11) das ziemlich sichere Fundament^ hiernach die Darstellung 
bei Delprat, Die Brüderschaft des gemeinsamen Lebens (1840), die 
jedoch eine neue Behandloog ideht fibeffifissig gemaght hat 

8) üelMr Thomae toü Kempen die Literafior in Henoga 
daa andere Boeh Ijgnitam com Deo aoliloqninm iat von J. Slranfa anKfiln 
1849 ala Thtil dner KUiotlieea myatieo-aicetiGa wieder hcraaag ^i a b ea 
wiMrden> 



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YUL Die pidagogiseheii Bestnbimgeii der ffieronTinieiier. 218 

genauer einlassen. Wir werden aber eine bestimmtere Vor* 
BteDnng yon dieser Wirksamkeit ans schaffen, wenn wir die 
Ausbreitung der Brüderschaft uns yergegenwftrtigen. In dennSrd- 
lichen Niederlanden blieb Deventer, wo nach und nach mehrere 

BrOdeihäuser entstanden, allezeit Hauptsitz der Brüder, und 
was hier für Reform des Unteri ichtsw esens jreschehen ist, werden 
wir unten zu betrachten haben; aber auch Zwolle, Amers- 
fort, Hoven, Delft, Hattem, Doesburg, Utrecht, Nymwegen, 
Gouda, Gröningen, Harderwyk erhielten Brüderhäuser und 
mit ihnen wohl meist auch Lehranstalten. Eine besonders 
blähende Schule hatten die Brüder seit 1425 in Henogen- 
bnseh; aber sie erstreckten ihre Wirksamkat weiterhin auch 
auf Gent, Geeraartsbergen, BrOssel, Löwen« Lfittich, Mecheln, 
Gambrai Auf deutschem Boden treffen wir BrOderhäuser 
in Emmerich, Wesel, Köln und Trier, in Münster, Osnabrück, 
Hildesheim, Herford, Dortmund, in Kassel und Marburi?, in 
Merseburg und Magdeburg, in Rostock und Kulm Uebrigens 



1) Dagegen Hast aidi ftr Antweip«ii die Thätigkeit donelbeii sieht 
uiäan&Bmu S. Siellaert et Yan der Baeghen, De riliBtraction pn- 
Uiqiie an moyen ftge (und die lUmoires eouronn. de Tacad. loyale de 
Be^ T. XXni, p. 182 ff.). Vgl. besonders Gramer, GesdL des üntec^ 
lidili m den Ijliederlanden S. 260 it 

2) S. ftr EmmeriehDillenbnrger, Gascfaichte des Gymneaioms an 

Emmerich (1837) S. 83 ff.; für Trier Wyttenbach, Beitrag zur Gesch. 
der Schulen im ehemaligen Churiurstenthum Trier (1841) S. 10 f.; für 
Münster Krabbe, Geschichtliche Nachrichten über die höheren Lehr- 
anstalten in Münster (1852) S. 68 f., Parmet, Rudolf von Langen (1869) 
S. 17, 50 f., 59; Reich 1 in g, de Joannis Murmellii vita et scriptis (1870) 
p. 24; für Herford Knefel, Gesch. des Friedrichs-dymnasiums in Herford 
(lbl7j S. 7 ff. und Hölscher, Gesch. des Gymnasiums in Herford I (1869), 
S. 13; für Dortmund Döring, Gesch. des Gymnasiums zu Dortmund I 
(1872), 18ff.; ftr Kassel Weber, Gesch. der städtischen Gelehrtenschnle 
in Eassd (1846) S. 7 ff.; für Merseboig Franstadt, Die Einfühnmg der 
Bflfnmiation in Menebuig 8. 27; ftr Migdebug JUrgens, Lnther I, 258 
md Wiggert, üeber Luthers 8diiaerleben ui Magdeburg (1851) 8. 7 iL; 
ftr Rostock Lisch a. a. 0. und Krabbe, Die Universität Rostock 
S. 166 ff.; für Kulm Ilir ch, Gesch. des akademischen G}7nnasiums zu 
Danzig (1H.57), Beusch, Wilhehn Gnapheus I (1868), 82 und Lehnerdt, 
Gesch. des Gymnasiums zu Thom I (1868X 5 f. 



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I 



214 ^ ZorOcktreteB der wwentlich klerikalen Scholen efec 

ist ohne Weiteres anzunehmen, dass die Brüder nicht überall 
selbständige Schulen mit ihren Häusern in Verbindung setzten, 
sondern aospinichslos auch in die daneben schon bestehenden 
Schulen aushelfend eintraten, während auch wieder Fälle sich 
findest in denen Lehrer, die nicht zur Bruderschaft geihftrten, 
nach Äirer Wdse zu lehren Tersuchten. So machte 1515 ein 
Schulmeister in Hannover sich anheischig, ein Regimen zu 
halten, wie es zu Z wolle oder Deventer gehalten werde, und 
er meinte dabei gewiss die ganze dort geltende Schulordnung 
und Lehrmethode 

Das ganze Auftreten der Brüder lässt begreifen, dass ihnen 
in so ausgedelmten Kreisen Sympathie entgegenkam, selten 
aber Neid und Unverstand ihnen Schwierigkeiten bereiteten. 
Was am Anfange des fünfzehnten Jahrhunderts der Domini- 
caner Matthäus Grabow in Gröningen an ihnen ausKOsetzen 
hatte, das war die bei ihnen hervortretende Erwartung, dass 
die in ihre Gemeiqschaft Eintretenden auf eigenen Besitz ver« 
sichteten, was zu yerlangen nur den approbirten Orden zu- 
stände. IMe Sache kam an den Papst und vor das Gondl in 
Konstanz, wo indess ein billiges Gutachten des Kanzlers 
Gerson eine für die Brüder günstige Ents<-heidung erwirkte -). 
Von den Päpsten jenes Jahrhunderts haben Eugen IV., Pius II. 
und Sixtus IV. ihnen Wohlwollen bewiesen. Und auch sonst 
erwiesen sich ihnen die kirchlichen Oberen günstig. Wir er- 
fahren z. B., dass 1527 in Utrecht ein Ablass von 40 Tagen 
allen denjenigen verheissen wurde, welche den Brüdern Bücher 
zum Schreiben, Binden und Verzieren ttbergeben würden, wie 
allen demjenigen, welche ihre Schule fleissig besuchen, den 



1) Ähren s, Gesch. des Lyceums zu Hannover (1870) S. 20. 

2) S. Schwab, Johannes Gereon S. 763 ff.; das Gutachten wurde 
abgedruckt in Schöpffs Aurora T. V. In Brüssel, wo sie bereits 1466 
durch den päpstlichen Legaten Honorius die auch anderen vor ihnen ge- 
grOndeten SdndflD gewihrten Privilegien athailai hafttoi, wurde fbmm dmck 
doi SchokaticiiB noeh 1485 ihre Thitigkeit ertohwert mid erst 1515 die 
Erhmbiüni gegeben, 00 Ehaben der Stadt, •otwlrtige aber üi beliebiger 
Aoahl aofiBonebmeD; den Armen eoUten lie imeiitgeltlieheii ünteftieht ge- 
wttnen. Stellaert a 12«. 



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ym. Die pädagogiidMn Bertrebanflea dar BieroiiyiiiiMMr. 215 

Ldireni Gehorsam zeigen und aus Liebe zur Wahrhdt und 
Tugend die Yeigehungen der Se&Qler dem Bector anzeigen 

würden. 

Je dürftiger nun fast überall die anderen Schulen waren, 
desto grosseres Vertrauen wandte sich den Lehranstalten der 
Brüder zu. In Herzofrenbusch soll ihre Schule zuweilen an 
1200 Schüler gehabt haben. Die in Gröningen von ihnen ge- 
grfindete Schule kam unter dem Rector Prädinius (t 1559) zu 
besonderer Blttthe; sie erhielt nicht bloss 90s den benach- 
barten Landschaften, sondern anch aus Brabant und Flandern, 
aus Deutschland, Polen, Frankreicb, Italien , und Spanien 2^- 
linge. In Zwolle hatte schon um 1417 der Rector Johannes 
Cele, ein Freund Groote's, oft 800 bis 1000 Schüler um ^^ich, 
von denen stets 70 bis 80 unter seiner besonderen Leitung 
standen; ob er bereits im Griechischen unterrichtet hat, mag 
dahin gestellt bleiben, wenn auch die Anlegung einer Schüler- 
bibliothek, die in der dortigen Michaelskirche Aufnahme fand 
und ohne Zweifel Abschriften der für den Unterricht nöthigen 
Bftcher enthielt, ein über das Gewöhnliche hinaosgehendes 
Streben bekundet Unter seinem Nachfolger Dietrich von 
Enpen nahm die Zahl der Schüler noch zu» so dass ver- 
fichiedene Häuser für sie eingerichtet werden mnssten. Es 
mag als oratorische Uebertreibiing gelten, was von Amersfort 
erzählt wird, dass dort um 1550 von der Brüdersclmle aus 
die Kenntniss der alten Sprachen durch die ganze Bevölkerung 
sich Verl) reitet, dass dort jeder Beamte lateinisch gesprochen, 
alle Kaufleute Griechisch vei-standen, sogar die Bürgerstöchter 
und Dienstmädchen lateinische Lieder gesungen; aber eine 
hdhere Blüthe der Schule darf man gewiss annehmen. Die 
beste und besuchteste aller Brüdersdiulen dürfte in den An- 
ftngen des sedizehnten Jahrhunderts die Lütticher gewesen 
sein, deren Gründung auf die Brüder von Herzogenbusch 
zurückzuführen ist, wie sie selbst wieder das Vorbild für das 
von Johann Sturm in Strassburg Unternommene dargebote^ 
hat, wenn dieser pädagogische Meister auch um ein Grosses 
Uber sein Vorbild hinausgegangen ist 



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216 I>M ZurOfiktroteii der weMBtUeh klerikalen Sobalen ete. 

Das Zeitalter der Refoimation ging freilich Uber das, was 
die Brüderschulen boten, rasch hinaus. Denn obgleich die 
neuen Schulen, wie sie Melanchthon dachte, zunächst nur be- 
scheidenen Ansprüchen genügen konnten, so war doch der 
Geist, der sie schut der Geist des evangelischen Christenthums, 
in freierer Entfialtung Allem, was die Bruder als asketische 
Genossenschaft erstrebten, von vorn herein überlegen. \Vo 
der Protestantismus zu durchgi-eifender Geltung kam, ginizen 
ihre Anstalten entweder in evangelische Schulen über oder sie 
verfielen gänzlich, obwohl dies manche Städte später be- 
dauerten; aber auch in katholischen Gebieten verschwanden 
sie mehr und mehr: wo nicht Bischöfe ihre Besitzungen fUr 
erneuerte Domschulen oder filr Seminarien einzogen, da 
drftngten sich die Jesuiten ein, deren ja auch die fest organi- 
sirten Ordmi nur mit Mohe sieh erwehrten; manche Bruder- 
häuser verwandelten sich auch in AugustinerklOster. 

Aber wir versuclien jetzt noch einen tieleren Ijnblick in 
das Unterriclitswesen der Brüder zu gewinnen. Die Eiizen- 
thümlichkeit desselben lässt sich allerdings schon deshalb 
schwer bestimmen, weil die Brüder zu verschiedenen Zeiten 
auch verschiedene Grundsätze befolgten; überdies bewirkten 
ohne Zweifel öi-tliche BedOi-foisse und persönliche Neigungen 
hier und da bemerkbare Wandlungen, und wo die Brüder nur 
aushelfmd an Anderer Thätigkeit sich anschlössen, vermochte 
das ihnen Charakteristische kaum sonderlich durchzudringen 
und Gestalt zu gewinnen. Allein in festen Zügen stellt sich 
ihr Unterrichtswesen doch immer dar. Denn obschon sie ent- 
sprechend der Askese, die ihr l)enken und Thun so vielfach 
bestimmte, auch in ihren Schulen manches Klösterliclie fest- 
hielten, wie denn selbst ihre Schüler das Haupthaar auf liem 
Scheitel abschoren, so erhoben sie sich doch auch wieder viel- 
fach über mönchische Beschränktheit und Dumpfheit: sie 
hatten ein warmes Herz auch f&r die Kinder der Armen, ftür 
Mädchen wie Knaben, und w&hrend sie bis zu den Kldnen 
niederstiegen und in gewisser Beziehung doch die Volksschule 
vorbereiteten, brachten sie auch höher strebenden Geistern 
das Angemessene entgegen, sorgsam dabei auf \'ereiulachung 



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YUL IM» pftdagogiiehflii Beitrebiingea der HteonymlaiMr. 217 



der Metboden und auf Verbessenmg der Leitrbticlier bedacht, 
ftberan aber ersduen ümeii als das Wichtigste die Pflege der 

Frömmigkeit, die in sittlichem Ernste sidi bewahrt, dem ganzen 

Leben Halt und Weihe gibt. 

Wir müssen indess zwei Perioden in der Entwickelnnpr 
dieses Unterrichtswesens aus einander halten, die Periode der 
praktischen Mystik und die Periode der humanistischen Be- 
Btrebungen. Der Stifter der Genossenschaft, Geert Groote, in 
jfingeren Jahren eifrig scholastischen Studien hingegeben und 
nifl^eieh mit den Wahnwissenschaften jener Zeit, der Astro- 
logie, Magie und Nekromantie^^el besdiaftigt, hiÄte dann mit 
ToDer Entschiedenheit Ton allen diesen Dingen sich abgewandt, 
die Bfteher mit der gehefmnissvollen Weisheit verbrannt und 
allem weltlichen Klirireize entsagt. Fortan waren ihm die 
Grundlage der Studien und der Spiegel des Lebens die Evan- 
gelien mit dem Leben des Erlösers, die Geschichten der 
Heiligen und die Aussprüche der Kirchenväter, die Apostel- 
geschichte und die Briefe Pauli, die erbaulichen Bücher Bern- 
hards» Anselms, Augustins; mit Geometrie^ Bhetorik, Dialektik, 
Grammatik, Poesie nnd Astrommue sollte man keine Zeit Ter» 
lier^, da Alles, was den Mensehen nicht besser macht oder 
Tom Bösen ablenkt, schädlich sei. Hiemach mnsste also audi 
der Unterricht in den Brüderschulen zunächst einen durchaus 
religiös - praktischen Charakter tragen. Man hat nun auch 
später diese Richtung niemals verleugnet; aber man musste 
nach und nach doch, um den Bedürfnissen der Zeit zu ent- 
sprechen, die Elemente der Wissenschaften wieder heranziehen 
und damit zugleich die zu neuer Anerkennung kommenden 
classischen Bildungsmittel zulassen. So eröffiiete sich denn fnr 
das Unterriehtswesoi der Brttder eine neue Periode, in wdcher 
es erst zu umfassenderer Bedentong gelangt ist Dass in dieser 
Zeit das Griechische, am ftHhesten diesseits der Alpen, von den 
Brüdern aufgenommen worden ist, scheint kaum zweifelhaft; 
ob jedoch die classische Leetüre von ihnen in der Ausdelinung 
lietrieben worden ist, wie Josquin (Goswin), Wessels Famulus, 
dies bezeichnet hat, diese Fra^e lässt sich nicht eben so sicher 
bejahen, und in keinem Falle ist damit der Umfang der 



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218 I>M Znrfkteetai te weMntikh Uerflnlaa Sehttlen elc 

SchullertUre bezeichnet JoBquin aber sagt: «Den Ovid und 
Ahnliehe SchviftateUer mag man einmal lesen, mit grösserem 
Fleisse aber sehen den ViigO, Heraz und Terenz, wenn man 
Überhaupt ein besonderes Studium auf die Dichter verwenden 
wiU. Vor AQem ist die Bibel fleissig su lesen, und ausser 
Josephus und den GeseMchtssdureibem der Kirehe (Eusebius, 
Socrates, Sozomenus) von den weltlichen Historikern die Auf- 
iiierksaiiikeit iiuf Justin und Sallust, auf Plutarch, Thucydides 
und Herodot zu richten; auch die Schriften des Aristoteles 
und Plato wird Dian nicht ohne Nutzen lesen, liesonders aber 
muss man des Stiles wegen bei Cicero verweilen; ausserdem 
ist ein ernstes Studium auf Augustin zu verwenden, womit 
man Hieronymus« Ambi*08ius, Chrysostomus, Gregorius, Bern- 
hard und Hugo von St. Victor verbinden mag** In jedem 
Falle darf man die ersten Anregungen zu Studienreisen nach 
Italien auf die Brüder zurackfikhreui wenn auch Hamelmanns 
bekannte Angabe, dass Thomas von Kempen als Lehrer in 
Deventer die als seine Schüler anfiG^efÜhrten Fürderer elassiseher 
Studien Rudolf Agricola, Moritz von Spiegelberg, Rudolf von 
Langen, Antonius Liber, Ludwig Dringenberg, Alexander 
Hegius zu solchen Reisen bestimmt habe, sicher nicht zu 
halten ist-). 

Wir werden aber vom Unterrichtswesen der Brüder eine 
befriedigende Vorstellung erst dann gewinnnen, wenn wir das 
von einzelnen Schulen derselben Bekannte genauer uns ver- 
gegenwftrtigen. Da versteht es sich nun von sdbet, dass wir 
zuerst die Schule von Deventer in Betracht ziehen. D(nrt 
bestand eine vom Capitel bei St Lebuin abhangige Lehranstalt 
(Stiftsschule) schon hunge, und wesentlich in den bekannten 
Formen. Für sie war noch im Jahre 1469 der berühmte 
Cardinal Nikolaus von Cusa (Cusanus), zum Danke für den in 
ihr erhaltenen Unterriciit, dadurch ein Wohlthäter geworden, 
dass er für ärmere Zöglinge eine Bursa begründet und ihnen 



1) üllmanik II, 881 £ 

2) Dillenbnrger, Gesch. des OynuiMiams m Emmflrich I (184IQ^ 
8. 4 ft 



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Ym. Dia piilagoglidwo BaitrobiiigHi d«r Wmnjnlmnt. 219 

80 ein liUigBres Verbleiben in der Anstalt und nachhaltigere 
Beireibnng der Studien mög^eh gemacht hatte Neben 
dieser StiftsBChttle waren aber dnreh die Fttrsorge der Brttder 
yon Anbeginn Einrichtungen anderer Art für die Jngendbildnng 

getroffen worden; schon Florentius Radewins hatte 1391 in 
seinem eigenen Hause Zöglinge aulgenommen und nachher in 
der Poutstapelestraat zur Unterbringung einer grösseren Zahl 
von Schülern eine geräumige Wohnung geniietliet, die also 
feine Art von Pensionat unter Leitung der Brüder darstellte; 
dann hatten diese im Jahre 1441 ein grosses Haus iur 70 Pfleg- 
linge erbaut In welcher Art sie die so unter ihre unmittel- 
bare Leitung gestellten Knaben nnd JOnglinge unterrichteten, 
darbber fehlen uns g^uere Naehriehten; doch können wir 
▼on dem, was sonst Uber ihre Sorge für Jugendbildung be- 
kannt ist, einen wohl zutrefifenden Schluss machen auf das 
im Stammsitze der Bruderschaft AusgeAkhrte. Was wir sonst 
über ihre Lehrthätigkeit in Deventer erfahren, das scheint 
sich an die dortige SUftsschule zu knüpfen, in welcher die 
Bequeinliclikeit der Stiftsherren wahrscheinlich schon früh den 
Brüdern eine aushelfende Thiitigkeit gestattet hat, so dass 
wohl auch der Rector dieser Schule längere Zeit aus den 
Brü(]ern hervorging und die ganze Schule mehr oder weniger 
durch den Geist, der die Brüderschaft erfüllte, geleitet wurde. 
Solcher Anschluss der Braderarbeit an kirchliche Anstalten 
begegnet uns ja auch sonst In sdchem Zusammenhange wird 
nun auch die Wirksamkdt des berühmte Schufanannes Ale- 
zander Hegius erst ganz zu verstehen sein. Sie bezeichnet in 
Wahrheit doch den Eintritt neuer Yerhttltnisse, wie Torstchtig 
auch die gewohnten Geleise festgehalten werden. 

Alexander Hegius, der die Schule von Deyenter zur 
höchsten BlUthe brachte und von ihr aus Einfluss auf die 
weitesten Kreise gewann, war auf dem Schulzenhofe Heek 
oder Tan Heck im westfitlischen Kreise Ahaus geboren. Das 
Jahr seiner Geburt ist noch nicht festgestellt, doch wahr- 



1) Jan Sien I, 47. 



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220 ]>M ZurOdcMoi der w«Mtttlioh Marikilen Seholea ete. 

scheinlieh 1488 Nur als wahrscheinlich kann gelten, dass er 
mit Rndolf von Langen den Unterricht der Brttder in ZwoUe 
benutst nnd dort den Einflnss des frommen Thomas von 
Kempen erfahren habe. Als Sehnlniann hatte er dann, wie 

es scheint, in Wesel und Emmerich bereits mit ungewöhnlichem 
Erfolge gewirkt, als er im Jahre 1474 zur Leitung der Schule 
in Deventer berufen wurde. Man kann über den Umfang 
seiner Kenntnisse verschiedener Ansicht sein; aber nach Allem, 
was wir über ihn erfahren, müssen wir glauben, dass er eine 
wunderbar anregende Kraft besass, die seinem ganzen Wirken 
den Stempel des PmOnliehen aufdrückte, so wenig auch seine 
Demuth dies wollte. In hohem Grade merkwürdig ist hierbei 
die grosse Zahl trefflicher Schuhnftnner, die aus seiner Sdiule 
hervorgegangen sind und In seinem Sinne weithin segensreich 
gewirkt haben. Durch solche Schüler kam in die Domschule 
zu Münster, unter der Obhut Rudolfs von Laugen, ein hoff- 
nungsreiches Leben, durch Titmann Kemner (Cameneri, der 
dreissig Jahre lang dieselbe leitete, durch Johannes Cäsarius, 
durch den doit soldier £ifer für die griechischen Studien ent- 
zündet wurde, dass er neben seinen Schülern auch seine 
Gollegen als Lernende um sich sah, durch Johannes Murmel- 
lius, der an derselben Anstalt mit solcher Kraft wirkte, dass 
sie die nach des Hegius Tode yeiMene Schule in Deventer 
ersetzte*). Durch einen andern Schüler des Hegius, Joseph 
Horlenius und dessen Nachfolger Theodor Iiotarius, der eben- 
falls unter Hegius gelernt hatte, brachte es die Schule in 
Herford zu besonders erfreulichem Aufschwünge; von jenem war 
Petrus Mosellanus gebildet, der die humanistischen Studien 
an der Universität Leipzig zu festerer Geltung gebracht hat, 
von diesem der Breslauer Anton Pauss, durch den zuerst in 
das Schulwesen seiner Vaterstadt eine neue Bewegung ge- 
kommen ist^. An der Stiftsschule in Emmeridi wirkte noch 

1) Ladwig Geiger, Alexander Hegina, in der Allgem. Deatsehen 
Hographie XI, 288. 

2) Cornelias, Die Münsterschen Humanisten. 1851. 

8) Für Herford hatte bereits 1430 ein aus dieser Stiidt hervor^ 
gegangener Protonotarioa apostolicus und Assessor Botae zu £om eine 



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YDL Die pädagogiaehen BeiMniiigiii der ffieronymianor. 221 

vor 1517 und bis 15d4 Petrus Hompliftus der Aeltere, der 
eben&Us unter den Seiitlleni des Hegius genannt wird. Aber 

in der Reihe derselben erscheinen auch Tilemanu Mullius in 
Attendorn, der Lehrer des für Sachsen so bedeutend gewordenen 
Joh. Rivius, Hermann von dem Busche, der dem Humanismus 
überall Bahn zu brechen gesucht hatte, Konrad Muth (Mu- 
tianus), der von Gotha aus die Freunde des Humanismus in 
Erfurt leitete, Johann Alexander von Meppen, der in die Dom- 
sehule zu Osnabrück neues Leben brachte, Arnold von Ve- 
salia und Ortuinus Gratius in Köln« die, obwohl dem Huma- 
nismus geneigt, doch als standhafte Vertreter des Alten er- 
scheinen, Konrad Godenius, der an dem OoUeghim trium 
linguarum in Löwen das Lateinische lehrte und hier auch 
Lehrer des grossen Pädagogen Johann Sturm wurde, vor Allen 
endlich und über Allen Desiderius Erasmus^). 

Als Hegius in die Schule zu Deventer eintrat, fehlte Alles, 
was ihn ermuthigen und untei-stützen konnte. Hatten die 
Bi-üder bis dahin bereits an dieser Anstalt gewirkt, so hatten 
sie doch über die hergebrachten Lehitraditionen sich nicht 
sonderlich erhoben und nur etwa durch ihre mehr innerliche 
Frömmiglieit einiges Leben in den Unterricht gebracht Und 



Stiftung für zwölf Knaben und Jünglinge gemacht, die einen vierjährigen 
Schul- und einen fünljährigen Universitäts-Untenicht erhalten und während 
dieser Jahre nÜ dta Nothwaidigoi vmoigt werdfln loDtiD. 8. Frank e, 
Gemdi. dee FriedriehfrOyinnarimBg la Herford (1840) und Snefel, Oeech. 
des EriedilcbB * GymnaainiBg m Herford (1S17) S. 18 £ üeber "Pnm if^. 
Reiche, Gesdi. des GymwMimiMt sa St Elisabeth in Breslan (184^ S. 81 iF. 
üeber Homphäus Kr äfft, Aufiteidiiiiiiigeii des schweiserisehenBeforniators 
H. BoUinger (1870) 8. 18 f. 

1) TTeber Hermann von dem Busche Heidemann, Yoraibdten sn 
einer Gesefalchte des heberen Schnlwesois In Wesel (1858) 8. 18 ft, vgl 
M Ans eher, Hede über die Betreibung dar altclassischen StodieD hi Hessen 
während des Reformationszeitalters (1852) S. 22 f. und Liessem, deH. 

B. vita et scriptis (186^)) p. 10 f., über Mullius Wex. Zur Gesch. der 
Schweriner Gelehrtenschule (1 858) S. 18, über Mutianus Kamp schulte i, 
74 ff., über Alexander Hartmann, ßeiträge zur Gesch. der Schulen in 
Osnabrück (18()1) S. 10 f., über die Kölner Kr äfft a. a 0., über Go- 
cleuius Neve, Mem. sur le College des trois langues ä Louvain p. 148 ff. 



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2 



Das ZurQektretea te mMMUdi Uorikileii Schuloa sie. 



▼on ihm sdlMst kann man doeh auch nicht sagen, daas er mit 

hesonderer Entschiedenheit einjjegriffen und vorwärts gegangen 
sei. Wir wissen vielmehr, dass er in seinen Refoimen sehr be- 
dächtig gewesen, das Griechische erst im Mannesalter von seinem 
jüngeren Freunde Rudolf Agi*icola gelenit, den Kreis der 
dassischen LectQre noch in der letzten Zeit seines Lebens auf 
einen s^r engen. Kreis eingeschränkt, die religiös -sittüche 
Bildong aher ganz wie Groote ttber Alles gestellt habe, iiadi 
seinem in einem Briefe an Wessel ansgeiq^rochenen Gedanken: 
Perniciosa litteratara est, quae com jactnr|i piobitatis di- 
scitur Dennoch gewann ihm die Sorgfalt nnd Liebe, welche 
er auf das leibliche und geistliche Wohl seiner Schüler wandte, 
von Anfang an weitgehendes Vertrauen, so dass man ihm von 
allen Seiten Zöglinge zuführte, die wohl auch zum grössten 
Theile in den Häusern der Brüder untergebracht wurden. 
Ueber die von Hegius im Ganzen festgehaltene Untenichts- 
weise wüitien nns freilich genauere Angaben sehr erwOnscht 
s^n; indess geben nns die Nachrichten« die wir ttber einen 
semer frlkhesten Schfller (Erasmns) und ttber einen seiner 
' letaten (Butzbach) erhalten, ziemlich sichere Auskunft^. 

Erasmus kam , wie man jetzt annehmen darf, als Knabe 
von neun Jahren im Jahre 1478, also in des Hegius frühester 
Zeit nach Deventer und blieb dort bis in sein dreizehntes 
Jahr, also bis 1482 oder 1483. Was er bis zu seinem Ein- 
tritte als Schüler in Gouda und Utrecht gelernt hatte, das 
hat in seinem Herzen keine hellen Erinnerungen zurück- 
gelassen; aber auch in Deventer scheint er zu fröhlicher £nt- 
wickelung nicht ^gekommen zu sein. In seinem Idder sehr 
dttiltigen Gompendium vitae, 'das er als alternder Mann nieder- 
geschrieben hat, helsst es: »ea schola tune adhuc erat barbara; 
praelegebatur pater meus, exigebantur tempora, praelegebatur 
£brardus et Joannes de Garlaudia, nisi quod Alexander Hegius 

1) Entfantlaititch Aber Mine grieehiMhen Eenntaisse Momeiliiis. 
Jansteil I, 51. 

Sl) 8. H. Eaemmel, Enemtu in Deventer, in den Jahibadiem Ar 
Philologie und Pädagogik 1874 II, 805 ft und Beeker, Ghroaiea einei . 
fithrendea Sdialen a860) 8. 179 £ 



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VnL Dto pldafOflMiiiB DMtrtlmngwi te EOeraiymiaiMr. 228 

el ZinthiuB coepmot aliquid meliom litteraturae iBvehere*. 
Das in den einleitenden Worten anagesprochene liarte Urthail 
erldett seine ErUftmng wohl dnreh die hinnigeükgte Be- 
merkung aber den Unterridit, der Yorzugsweise als granuna- 

tiscber erscheint : pater mens zar Bezeichnung der DecHnation, 
tempora zur Bezeichnung der Conjuiiation, Ebrardus für die 
lateinische Grammatik des dem ersten Drittel des dreizelmten 
Jahrhunderts angehörigen Eberhard von B^thune, Joannes von 
Garlandia ist ein Engländer des 14, Jahrhunderts und Verfasser 
des Facetus, einer Sittenlehre in gereimten Distichen, die auch 
in Deventer wiederholt (1404 und 1499) gedruckt worden ist 
die ietiten Worte sind Icaum von der EinfQhnmg in classische 
LeetOre zu Tefstehen, badehen sieh vielmehr nur auf die B^ 
mdhungen des Hegins und seines Mitarbeiters Zinthius (Johannes 
Sintheim, Joannes de Synthis, Job. von Velden), dem in selt- 
samen Versen abgefessten Doctrinale pueromm des Francis- 
caners Alexander von Villedieu, einer von den Ordensbriidem 
überall empfohlenen und vertheidigten lateinischen Grammatik, 
eine bessere Fonn zu geben. Freilich kann durch des Erasmus 
Bemerkungen tiber den empfangenen Unterricht nur das in 
den untersten Klassen Dargebotene gemeint sein; aber auch 
auf den höhei'en Stu£sQ (er ist über die dritte Klasse nicht 
hinausgekommen) kann der Untenieht ihn nicht sonderlich 
geidrd^ haben. Wir wissen ja aus Butzbachs Angaben, dass 
HegiuB noch in seinen lotsten Jahren die Klassiker nur in 
sehr besdirftnkter Ausdehnung hnrbeigeiogen und bei der 
' LeetOre neben den Parabehi des Alanus wenig mehr als die 
BisticheD Cato's und die Fabdn Aesops benutxt hat, wie denn 
unter den vor 1500 in Deventer gedruckten Schulbttcheni, 
welche Revius aufftlhrt, keine einzige Klassikerausga])e er- 
wähnt wird. Vom Griechischen kann Erasmus in Deventer 
nur die '^Elemente gelernt haben; wir wissen ja auch, dass 



1) Die luteiDiBCiie Gnnunatik Eberiiards lUirt den Titel GnedimaB, 
4e figuie el octo partHms ontkmto; sie iat in Tenen geeduieben und 
beisit GraeeüuBQS nnr deshalb, weil sie die ans dem Giiechisohen in das 
I«iehiiiche abeigegaagenen Wörter sofgfiUtiier erldirt 



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224 Zurücktreten der weseatiich klerikalen Scholen etc. 



Hegius selbst erst sj)ät zum Erlernen des Griechischen kam 
und weitergehende Kenntniss dieser Sprache niemals gewann. 
Auf den höheren Stufen scheint man übrigens die lateinische 
Versification mit besonderem Eifer gepflegt zu haben, wie denn 
auch Hegius ein gewandter Poet war, der, wenn er an Fest- 
tagen den ganzen ScbOlerooetas nm sich yersammelte, latd- 
niscfae Gedichte von entsprechendem Inhalte ihnen vortrug. 
Wir dttrfen in solchem Zusammenhange aonehmen, dass aus- 
gedehntere PrivatlectOre den Schülern namentlich auch die 
lateinischen L)ichter bekannter machte, und wie gross der 
Umfang dieser Leetüre auch bei Erasmus gewesen sein muss, 
erkennen wir aus den ersten Briefen, die er wenige Jahre nach 
seinem Wegjzange aus Deventer im Kloster Steyn geschrieben 
hat Den Unterricht des ßectors hat er wohl niemals ge- 
nossen; aber die £igenthümlichkeit des immerhin bedeutenden 
Mannes hat er wohl verstanden. £r war — nach seinem in die 
Adagia eingefügten Zengniss — tarn ineulpatae vitae quam 
doctrinae non trivialis, in quo unum illud vel Momus ipse 
calunmiari fortasse potoisset, quod &mae plus aequo negligens 
nuUam poeteritatis haberet rationem; proinde si qua scripsit 
ita scripsit, ut rem ludicram, haud seriam egisse videretur, 
quamquam vel sie scripta sunt ejusmodi, ut eruditorum cal- 
culis immortalitatem promereantur. 

Zu demjenigen nun, was wir über des Erasmus Sehüler- 
leben in Deventer erfahren, bilden die eingehenden Mittheilungen 
des Johannes Butzbach eine sehi* willkommene Ergänzung. 
Die Schule zählte auch damals noch acht Glassen. Butzbach, 
obwohl bei seinem Eintritt im August 1496 bereits über 
20 Jahr alt, musste doch in der untersten beginnen, kam 
aber dann, die siebente ttbeistdgend, in die sechste und 
wiederum rasdi in die Ibnfte, aus wddier er nach einem 
Semester in die vierte eintrat, um dann nadi änem voUeD 
Jahre zur dritten aufzusteigen. Die Aufzunehmenden hatten 
einer Prüfung sich zu unterwerfen, und auch das Aufiücken 
von Classe zu Classe scheint von einer Prüfung abhängig ge- 
wesen zu sein. Butzbach hebt nebenbei hervor, dass auch 
zu seiner Zeit der dassische Untenicht ein sehr beschränkter 



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VUL Die pAdagogiMb«! BfistvelMUifen dar Hieronymiaiier. 226 

gewesen sei; aber er versichert zugleich, dass männiglich 
bemüht gewesen, durch eisernen Fleiss, der aaeh vor den 
grösstoi Schwierigkeiten nicht nirQekgewiehen, sich selbstilndig 
^weiter za bilden. Wir werden dabd zu berücksichtigen wissen, 
dass in den Brfiderhänsem alleseit der Ftdss auf das Ab- 
schreiben auch Rassischer Werke sich richtete, die so auch 
in die Hände der Schüler irelan^^ten und ihren Privatfleiss 
belebten. In fleissiger Ausdauer that es Meister Hegius Allen 
zuvor. Er pflegte bei seinen Nachtarbeiten einen brennenden 
Kerzenstompf in der Hand zu halten, um, v,Qim ihn der Schlaf 
übermannte, durch den Schmerz, welchen das bis zur Hand 
niedergebrannte licht verorsachen wfirde, wieder aufj^eweckt 
zn werden. Butzbach sebied abrigens ans deraelben Qasse^ 
welche Erasmus erreicht hatte, und trat dann in das Kloster 
Laach ein, wie ftberhaupt die fftr Reformen gewonnenen Klöster 
damals gern Schüler aus Deventer aufnahmen. 

Hegius war bereits am 27. December 1498 gestorben. 
Er hatte ganz im Stillen nach und nach sein ganzes Ver- 
mögen an die Armen ausgetheilt, die seinem Sarge mit 
Thränen und Klagen folgten. Sein Nachfolger Johann Osten- 
doip, Kanoniker an der Kirche zu St. Lebnin, war ein Mann 
▼on reicher Begabung, woM bewandert in geistlicher und welt- 
licher Wissensehaft, berOhmt als Philosoph und Dichter, und 
noch zahlte die Ton ihm geleitete Schule 2200 Zöglinge; aber 
der Niedergang der Schule war dodi aus Gründen, die uns 
unbekannt sind, nicht lange mehr aufzuhalten. 

Die Brüderschule in Herzogenbusch, im Jahre 1425 
gegründet, hatte nach den sieben freien Künsten sieben 
Classen für den Gang des Unterrichts, der beiden classischen 
Sprachen gewidmet war, schied aber die in gi'osser Zahl 
ihr zugeführten Schüler nach den Vennögensrerhältnissen 
in drei Abtheilungen , divites, meliores und pauperes. Der 
junge Erasmus, aus Dementer dorthin gekommen, hat fireilich 
aneh ttber diese Schule in seinem Gompendium titae ein 
im Ganzen recht ungfinstlges Urtheil abgegeben. „Blic Tixit, 
hoc est, perdidit annos ferme tres in aedibus fratrum, 
ut vocant: in quibus tum docebat Komboldus. Quod genus 

15 



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226 Zurücktreten der wesentlich klerikalen Schulen etc. 



hominum iam loüge se spargit per oibem, qnmn sit pemicies 
bonorum ingeniorum et seminaria monachorum". Romboldus 
hätte nun den begabten Jüngling gern für die Billdei-schaft 
gewonnen; aber dieser entschuldigte sich mit seiner Un- 
kenntniss, und als eine verheerende Seuche auch ihn in Gefahr 
brachte, kehrte er zu seinen Yoimündem zurück. £r hatte 
Qbrigens damals doch (ex aliquot aactoribus bonis) einen 
ziemlich gewandten Stil sieh zn eigen gemacht Als die Brttder 
dann 1496 Ton Herzogenbusch aus und nach dem Muster der 
dortigen Schule in Lüttich dne neue Lehranstalt errichteten, 
behielten sie auch das dort eingeführte CQassensystem bei, nur 
fügten sie als Selecta eine achte Classe hinzu, nach der in 
Deventer bestehenden Einriclitung, theilten übrigens jede Classe 
wieder in Decuiien. Wie wohl organisirt diese Schule war, 
erkennen wir nun auch aus dem von Classe zu Classe Ge- 
lehrten. Man betrieb in der achten Classe das Lesen, Schreiben, 
Decliniren und Conjugiren, behandelte in der siebenten und 
sechsten die yerschiedenen Theile der lateinischen Grammatik 
in Verbindung mit LectQre und Stüttbungen, ging in der 
fünften zum Griechischen über, dessen Grammatik in der 
vierten abgeschlossen wurde, während man zugleich die Ele- 
mente der Dialektik vortrug; die dritte Classe setzte die 
A Dialektik fort und fügte die Rhetorik mit Imitationen hinzu. 
War damit wohl für Viele ein gewisser Abschluss erreicht, so 
bot doch die zweite Classe die Möglichkeit, das Organon des 
Aristoteles und platonische Dialoge kennen zu lernen, die 
Elemente der Mathematik im Euklid zu studiren, in die An- 
fangsgründe der Kechtswissenschaft einzutreten und in freieren 
Compositionen, Declamationen und Disputationen die Kraft zu 
üben; die ersteClaBseliess den Uebergang zurTheolcgie gewinnen, 
setzte aber jene Uebungen noch fort. In den bdden obeisten 
Classen hatte Jedes Fadi seinen besondem L^rer; in den 
übrigen besorgte je ein Lehrer den ganzen Unterricht Gewiss 
übertraf diese Organisation Alles, was damals im Schulwesen 
sonst Geltung hatte und wenn gleich die Ausführung auch 
hier Mängel zeigte, so beweist doch die Thatsache, dass dieser 
Schule ebenfalls von allen Seiten und aus allen Ständen Zog- 



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VUL I>ie pikdagogttchea Bestrebungen der Uieronjnuaner. 227 

« 

Ii III. e übergeben wurden, wie lebhaften BedOrfoissen sie ent- 
gegenkam. 

Manche im Einzelnen getrofifenen Einrichtungen leiten 
schon auf weit greifende Neneningen hinftber. Wir rechnen hier^ 
her die aiyahilieh mit einer gewissen Feierlichkeit abgehaltenen 
Verselningen, bei denen es den Niehtrersetsten gestattet war, 
an die Versetzten Prttfangsfragen zu riehten, die, wenn sie un- 
beantwortet blieben, aneh ihnen nachträgliche Versetzung 
möglich machten. Haben wir in dieser Einrichtung bereits 
ein Certamen, wie es in späterer Zeit vielfach angewandt 
worden ist, so werden wir die Austheilung von Bücherprämien 
in den einzelnen Glassen auf einen verwandten Grundsatz 
zm-ückftihren dürfen. Anderem Zwecke diente die Aufführung 
der Lustspiele des Terenz (bei der Au^rung des Pfaormio 
hat Joh. Sturm einmal den Sklaven Geta gegeben) oder be- 
sonderer Schuldramen 

Es ist unTerkennbar, dass Sturm bd den grossen Reformen, 
die er in Strassburg durehfohrte, durch das, was ihm Lüttich 
gezeigt hatte, auf vielfache Weise, wie durch ein edles Vor- 
bild, angeregt worden ist. Aber auch die Jesuiten haben, zum 
Theil durch Sturms Vermittelung, von dem Unterrichtswesen 
der Brüder manches in ihren Plan angenommen. Der 
Beligionsunterricht hatte seine Stelle, wie es scheint, an 
den zahlreieben Festtagen der Kirche und knQpfte bei den 
Jüngeren Sehfllem sieh besonders an die biblischen Geschichten 
und die HeQigenlegenden ; an den Wochentagen wurde das 
an jenen Tagen Behanddte zu LeseObungen benutzt und 
durch wiederholtes Abschreiben eingeprägt, für die gereifteren 
Schüler kamen Schriften der Kirchenväter und späterer Lehrer 
der Kirche zur Anwendung. Bei diesem Unterricht kam 
übrigens die Volkssprache zu ausgedehnterer Verwendung:, 
in welcher auch die Gebete schlicht und wahr hergesagt 
wurden. Die Predigten, weldie die Brüder in der Landes- 



1) Chr. Schmidt, La vie et les travaux de Jean Sturm (1855) p. 2 flf. 
und Kückelliahu, Joh. Sturm, Strassburgs erster Schulrector (1872) 
8.Uit 

15* 



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228 Bis SteiOdrtrttiii dar wflMailldi Mwftilca Sdmtai etc. 

Sprache lii€lten, kamen oft unmittelbar aueh den zuhörenden 

Schüleiii zu Gute*). — Von einem selbständigen Unterricht 
in der Muttersprache kann natürlich auch bei den Bindern 
nicht die Rede sein. Die Bestimmung des mit Hegius eng 
verbundenen Rudolf Agricola, dass Alles, was lateinisch ab- 
gefasst werden solle, ei-st in der Muttersprache nieder- 
zuschreiben sei, hat w<dü nur auf die unteren Stnfen des 
Unterrichte sich belogen, und in Deventer hat man spSter 
dodi bis 2U dem Gesetz sich yerirrt, dass jeder, der em 
niederdeatsches Wort gebrauche, sii bestrafen sei. Ob die 
BrQdersehulen Unterricht in den BeaHen gegeben h|iben, er- 
scheint als eine müssige Frage, für welche von keiner Seite 
eine Antwort zu gewinnen ist. 

Ueber die Behandlung, welche die technischen Fertig- 
keiten Lesen, Schreiben und Singen als Unterrichtsgegenstftnde 
in den Briiderschulen erfuhren, fehlen uns genauere Angaben« 
Das Lesen scheint aber im Wesentlidien ein Vorlesen von 

Seiten des Lehrers und ein Nachsprechen von Seiten der 
Schüler gewesen zu sein, wobei das auf religiöse Unterweisung 
Berechnete (die Bibel zumal ) das erfordern die Material ab- 
gab. Mit dem Lesen hing wieder das Schreiben eng zusammen: 
das Gelesene wurde auch abgeschrieben und durch öfteres 
Abschreiben zugleich dem Gedftchtniss eingeprägt. Je mehr 
nun aber das Abschreiboi namentlich erbaiüicher Schriften 
als du Hauptgeschäft in den BrUderii&asem angesehen wurde, 
desto entschiedener hielt man von Anfhng an auf sorgfilltige 
und schone Handschrift, und es versteht sieh von selbst, dass 
solches Schreiben nicht bloss Sache des gewöhnlichen Unter- 
richts war, sondern auch den Privatfleiss beschäftigte. Dass 
wir von Unterricht im Singen bei den Brüdern nichts eiiahren. 



1) Fromme Lieder in niederdeutscher Mundart haben der Bruder 
Gerhard Bock (am dem Jahre 1444) und in ipilerar Zeit Johann Weyhe, 
Vonteher des Sehwesterhaiuee Hieainek la Mttuter, gedtdilet; nodi ani 
dem Jahre 1588 hat eine dieeen Hause aofdiOrige Kenne Lieder anife- 
aeidmet Hordholf, DenkwUrdi^keiten aas dem lOknaierioben Bimaap 
nismiiB (Xm) S. 120. 



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vm. Di« pidagogiselieii Bestrabnngsii dar SeronimiaiMr. 839 

erklärt Bich leicht. Dieser Unterricht fiel Tonugsweise den 
Schulen zu, welche mit der ffirehe in unmittelbarer Ver- 
bindung standen und ihr die erforderlichen Kräfte stellten, 

oft auch nur deshalb unterhalten wurden; die Schulen der 

Brüder aber standen mehr neben der Kirche, nicht eigent- 
lich in ihrem Dienste, und nur, wo sie in ihren eicfcneu 
Häusern Beichte halten und Messe lesen durften, wie seit 
1444 in Gent, konnte die Pfleire des liturizischen Singens 
als erhöhtes Bedürfniss empfunden werden. Die allgemein 
bildende Kraft des Gesanges kam noch nicht in ernstere £r- 
wägung. 

Die Bemühungen der BrQder um beepere Schulbücher 
gehören hat durchaus der zweite Periode an, in welcher der 
aufiitrebende Humanismus immer stärker auf sie ehiwirkte, 
und haben sich ganz und gar auf die Terbessei-ung der 

lateinischen Grammatik beschränkt. Hierher gehören die 
Arbeiten von Munnellius Cannyst, Despaiitorius, Massäus 
(Massecuw), Torrentinus, Macropodius, Sintius. Der sehr reich- 
haltiize r)revilo<}ims llentheniianus wird jetzt von Hamann, 
der ihm eingehende Betrachtuiiii uewidmet hat, auf dieselben 
Kreise zurttckgeführt; er ist jedenfalls in Westfalen ent- 
standen und um Jahrzehnte älter als Reuchlins Vocabularius 
breviloquus^). 

Die Disdplin der Brüderschulen musste schon durch 
den Gdst der Askese, der sie yiel&ch bestimmte, «nen 
ernsten Charakter erhalten. Es begreift sidi aber doch, dass 
in den Anstalten, welche ihre Schüler nach Hunderten zählten, 
auch eine strenge Handhabung der Disciplin sehr schwer war 
und grobe Excesse nicht fern halten konnte. Man hatte 
über häufigen Besuch der Wirthshäuser , über nächtlichen 
Strassenlärm , über andere Ungebührnisse Klai^e zu erheben, 
und zuweilen mussten die kirchlichen Behörden oder auch die 
Magistrate der Städte mit Gefibignissstrale nachhelfeii. Den 



1) Hamann im Programm der Stadtschule des Johaoneams .za 
Hamburg 1879. 



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280 ZnrOdkMen der wesentlidi Uerikalen Sfiluilen etc. 

Jttngeren gegenüber war auch bei den Brftdem die Bnthe 
Symbol der Zneht Das disciplinarisdie Mittel, zu Erleiditening 
der DiBdplin Aufpasser zu besteUen nnd fftr Angeberden zu 

belohnen, ist zwar ei-st im 16. Jahrhundert zu weiter gehender 
Anwendung gekommen, findet sich aber schon bei den Brüdern. 
In Utrecht suchte man Gehorsam, fleissigen Schulbesuch und 
höhere Fertigkeit im Lesen, Abschreiben und BtUiierverzieren 
auch dadurch zu erwirken, dass man Ablass ertheilte, neben> 
bei bezahlte man die gelieferten Abschriften mit Geld oder 
schenkte Bücher oder gab Erlaubniss zum Besuch der Schal- 
bibliothek Im Allgemeinen wird man indess anzuerkennen 
haben, dass in den BrOdersehulen die Disdplin, wenn eine durch- 
greifende Hausordnung sie unterstützte, eine befriedigende 
gewesen ist. Was Erasmus gelegentlich über die ihm bei den 
Brüdern widerfahrene Härte bemerkt hat, erlaubt kaum einen 
Schluss auf die Zustände im Allgemeinen, bei deren Beur- 
theilung auch der rauhe Sinn jener Zeit in Rechnung gebracht 
werden moss. Dass die sanitäre Fürsorge auch in den Brüder- 
h&usem zum Theil eine sehr mangelhafte war, zeigen die 
Bemerkungen des sicheiüch auch in diesen Dingen zu- 
yerl&ssigen Butzbach. 

Nichts aber kann uns an de&Anerkennung hindern, dass 
die Brüder auf dem Gebiete des Unterriehtsweeens, wie in 
ihren religiösen Bestrebungen, den Eintritt einer neuen Zeit 
treu und wacker vorbereitet haben. Die zahlreichen Schüler, 
die sie für Kirche und Schule, für Staat und Leben gebildet, 
die Lobpreisungen, die so Viele ihnen gewidmet, das Vertrauen, 
das die weitesten Kreise ihnen geschenkt, haben wir als 
zwingende Beweise für ihre Tüchtigkeit anzusehen. Auch der 
grosse deutsche Reformator liat ihrer wiederholt, obgleich mit 
besonderer RficksiGht auf ihre Verdienste um Forderung des 
religiösen Lebens, hi der ehrendsten Weise gedacht, und der 
Fraeeeptor Gennaniae hat nicht minder den pldagogisehen 



1) Bei Benutcung der BibliothekoB beobachteten die Bzftder tonst 
groaae YoraicbL Nordhoff S. 121. 



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4 



Tin. Die p&dagogi8cheii.Betli«lra]igeii der HferonyndiiMr. 281 

Werth ihrer Leistuiigeii zn würdigen verstanden* Dass sie^ 
hier und da unter den nngOnstigsten Verhfiltnissen.nnd bei den 
Wandelungen einer gewaltigen Zeit, bis tief in das 16. Jahr- 
hundert sieh behaupteten, ja gerade damals, namentlich in den 
Niederlanden, noch grosse Erfolge aufzeigen konnten, das 
spricht in ganz besonderer Art für ihr Wirken und Walten; 
auch ihr Niedergang ist ein ehrenvoller, von Manchen tief be- 
dauerter gewesen. 



I 



I 



I 

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IX. 



Die Schule zu Schlettetadt. 



Nicht in unmittelbarem Zusammenhange mit den Brüder- 
sehul«!, aber ihnen yerwandt durch Geist und Streben er- 
scheint die Schule Ton Schlettstadt; auch in ihr haben 
wir Vorberdtung und Uebergang zu einer neuen Zeit, 
nur auf engere ^eise sich beschränkend und mehr durch 
pei-sönliche Auffassung nach Eichtung und Ausführung be- 
stimmt 

Es ist schwer zu sagen, wie gerade Schlettstadt, unter 
den Städten des Elsass auch damals nicht von hervoiTagender 
Bedeutung, zu einer Schule gekommen, welche durch lauge 
Jahrzehnte in weite Kreise hinein Einfluss zu Oben ver- 
mochte. Die kleine Reichsstadt liegt an der Hl und war von 
einem statüichen Mauerring umgeben, den wieder ein wasser- 
reicher Graben nmschloss, wahrend zahlreiche Eanftle Stadt 
und Umgegend durchschnitten, so dass der durch das mthor 
zum Rhein Wandernde 34 Biücken zu übei-schreiten hatte; 
grosse Waldungen rahmten die Stadt ein. In ihr hatten 
Dominicaner, Franciscaner, Johanniter, Benedictiner, Nonnen 
von Silo Aufenthalt gründen; es fehlte also auch au statt- 

1) Die Geschichte dieser Schule erzählt Röhrich in Illgens Zeit- 
schrift für die historische Theologie IV, 2, 199—218; vgl. A. Lange in 
Schmids Encyclopädie VII; ausserdem die Biographien Wimphelings von 
WiBkowatoff (1867) and Schwarz (1875). Struver, Die Schale zu 
SeUüMadt ron 145Ö-1560. Leipzig 1880. 



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IX. Die Sdul« m SaUflttotadt 288 

Uchen Gebäad«i fQr Pflege der Frömmigkeit nicht Bie 
erfreute eiefa nun «llerdingB aaeh durch Weinbau und durdi 
TnmBitfaandel eines gewieien Wohlstandes; aber wenn ihre 
Bevölkening nun aueh in solehen Y erhftHnisaen das BedQifliiss 
nach besserer Schulbfldung empfinden konnte, so wOrde man 
über das von den Stadtschulen jener Zeit Gegebene nicht 
hinausgekommen sein, wenn nicht besondere Anregungen 
wirksam gewesen wären. Diese sind aber jedenfalls von dem 
Manne ausgegangen, dessen Name in der Geschichte dieser 
Schule fort und fort die höchste Geltung behauptet hat, wenn 
er auch vom Nebel sagenhafter Erzählungen fast verhüllt ist 
Ludwig Dringenberg, der diesen Namen yon seinem Geburts- • 
orte, dem Städtchen Difaigenbeig (tetlich yon Paderborn, er- 
halten hat und yieUeicht um 1480 geboren worden ist, war 
sieheriich dne stark ausgeprägte LehrerpeisönUehkeit, neben 
welcher damals in deutschen Landen nur sehr wenige sich 
nennen Hessen, da ja überhaupt vor dem Auftreten des Huma- 
nismus im Schulwesen eigeutlillmliches und von entschiedenem 
Bewusstsein getragenes Wirken durch die überlieferten, mecha- 
nisch festgestellten Formen sehr gehemmt, ja beinahe un- 
möglich gemacht wurde. Ein Sohn Westfalens, das durch 
seine Verbindung mit den geistig regsamen Niederlanden viel* 
fach bestimmt wurde, kam er selbst auch in solche Ver- 
bindung; doch wissen wir nichts Zuverlässiges aber den Unter- 
richt, den er in niederlftndiseben Schulen gewonnen haben 
kann. Gewiss darf indess angenommen werden, dass er mit 
den Brftdem yom gemeinsamen Leben, den ffleronymianem, 
hl engeren Verkehr getreten ist und dadurch den Impuls su 
seiner eiutiussreichen Thätigkeit erhalten hat. Ob der als 
sein Lehrer genannte Thomas der berühmte Thomas von 
Kempen gewesen, der ja auch auf andere Jliuglinge wohl- 
thätigen Einfluss ausgeübt hat, muss unentschieden bleiben. 
Die höheren Studien hat Dringenberg gewiss an der Univer- 
sität Heidelbeig gemacht; aber falsch ist es, dass er von 



1) HorawitB, Bütoi Bhenaani (181^ 8. 9 f. Sehwari, Jtkob 
WinplMUBg (1975) 8. 42 ft 



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284 Zurüüktroten dar weMPÜich klerikalep Schulen etc. 

dort aus dem Rathe von Schlettstadt durch Rudolf Agricola, 
der dort viel später erst eingetreten ist, für die Leitung der 
daselbst zu errichtenden Sdiule empfohlea worden; denn diese 
dOifte bereits um die Mitte jenes Jahrhunderts entstanden 
sdn, da der im Jahre 1450 in Schlettstadt geborene Wimpihe- 
ling ausdrücklich bezeugt, dass er bis in sein swSlftes Jahr 
in der Schule unterrichtet worden, Dringenberg aber nach 
einer anderen Angabe des ausgezeichneten Humanisten vierzig 
Jahre lang (etwa bis 1490) in Schlettstadt gewirkt hat. 

In der neuen Schule nun brachte derselbe ohne Zweifel 
die pädagogischen Grundsätze in Anwendung, welche er bei 
den Hieronymianem wirksam gesehen hatte. Freilich sind 
wir über seine Unterrichtsweise nur sehr unvollkommen 
unterrichtet, dodi wissen wir, dass er, wahrscheinlich ans 
Scheu Tor den in Schlettstadt angesehenen Frandscaneni, das 
Doctrinale puerorum ihres Ordensgenossen Alexander de yilla 
dei niclit zu beseitigen, sondern nur eine Vereinfachung des 
lateinischen Unterrichts vorzunehmen wagte, wobei er vor- 
zugsweise die oft widersinnigen Scholien und Common tare i 
zum Doctrinale in Wegfall brachte. Wie er indess die so 
gewonnraeZeit auf ausgedehntere Leetüre lateinischer Schrift- 
steller verwendet hat, ist schwer zu sagen; nur dies dürfoi 
vrir annehmen, dass er an Stelle des scholastischen Krams 
die Lectnre zu grosserem Rechte kommen liess und dabei 
moralische Belehrung anknüpfte^). . Denn ganz im Geiste der 
Hieronymianer sah er die Heranbildung christlicher Gesinnung 
in seinen Schülern als Hauptsache an, und so erhielt denn ' 
sein ganzer Unterricht lebenweckende Kraft. Dass er neben- 
bei die wichtigsten Thatsachen der deutschen Geschichte in 
lateinischen Gedenkversen seinen Zöglingen behaltbai* zu 
machen suchte, bezeugt ausdrücklich Wimpheling, der ja , 
selbst so entschiedene Vorliebe für die Geschidite des Vater- 
landes an den Tag gelegt hat, wie auch andere Schüler Dringen- | 

i 

1) Seine Bedenken der heidnischen Dichterlectüre gegenüber, die er 
dem Augsburger Humanisten Gossembrot ausgesprochen hat, erklären uch 
aas seinem sittlichen Ernste. Vgl Strüver S. 19 £ 



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IX. Die Schale cd Schlettsttdt 



285 



beigs (so Geoig Simmler und Peter Sehott) in dieser Biebtung 
thfttig gewesen sind. Dem verftülenen Kirdienthnm gegenüber 
selieint er eine freiere Stellung ^ eingenommen zu haben, wie 
• schon sein von Peter Schott angeführter deutscher Sittenspruch 

„Alt Pfaffen, jung Pfaffen, dazu wild Bären soll Niemand in sein 
Hus begeren*' erkennen lässt. Ob Dringenberg in seiner 
Schule gleichgesinnte Mitarbeiter geliabt hat, ist unbekannt; 
aber zahlreiche und treffliche Schüler, in denen sein Geist 
fortwirkte, haben sein Andenken dankbar geehrt. Wir nennen 
ausser den drei bereits erw&hnten £itelwolf von Stein, der als 
Besehütser Ulrichs von Hutten später in Math und Treue sich 
bewährt hat» Johannes Hugo von Schlettstadt, der Kaplan des 
Kaisers Maximilian L wurde, und Jost Hau (Jodocus Gallus) 
von Ruffach, der als Professor in Heidelberg grossen Frciniuth 
bewies und als Kanonikus in Speier starb, Sebastian Murrher 
(Murer) von Colmar, der durch seine Kenntniss des Hebräischen 
sich auszeichnete, zweckmässige Schulbücher verfasste und 
eine Geschichte Deutschlands verbreitete, aber schon 1492 
als Kanonikus in seiner Vatei-stadt starb, endlich Joh. 
MoUtorius, später Decan in Baden und einer der Begleiter 
des Markgrafen Jakob von Baden auf dessen Reise nach Born 
i J. 1498^). Dass auch Reuchlm unter Dringenbergs Schfiler 
zu zählen sei, erscheint als unbegründet Die Anregungen, 
welche von der Schule in Schlettstadt ausgegangen sind, lassen 
sich im geistigen Leben der oberrheinischen Landschaften 
weithin verfolgen. 

Nach Dringenbergs Tode erhielt die Leitung der Schüler 
Crato (Graft) Hof mann von Udenheim, der schon früher in 
anderen Lehrerstellen sich erprobt hatte und elf Jahre lang, 
bis SU seinem Tode L J. 1501, in Schlettstadt wirkte. Er war 
verhdratfaet, gehörte also der Genossenschaft der Hierony- 
mianer nicht an; aber er bewahrte im Ganzen die Grund Atse 
seines Vorgängers. Demnach gab auch er die alten Schul- 
bücher noch nicht auf, und neben dem Doctrinale benutzte 



1) Elüpfel, Vita Celtis I, 58 und Riegger, Amoenitetee En- 
bugicM U, 455. 



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236 Das Zarücktnten der wesentlich klerikalen Schnlen etc. 

er auch die Summalae des Petras Hispaavs; ob er die 
Adoleseentia WimpheUngs, ein aus dassischen imd dirisUich- 
patristlsebeD Stücken zusammengesetztes Leeebnch, das aller- 
dings sonst in die Schule Eingang gefunden hat, herbeigezogen, 
ist aus der Thatsache, dass ein von ihm verfasstes Epigramm 
dem Buche mit vorgesetzt worden, nicht ohne Weiteres 
zu folgern. Wie sehr dem zugleich ernsten und milden 
Manne die sittliche Bildung seiner Zöglinge am Herzen lag, 
das zeigen die Worte, mit denen er kurz vor seinem Tode 
ein seinen ZögUngai bestimmtes Buch eingeleitet hat^). Zu 
seinen bedeutendsten Schttlern reehnen wir Beatus Kbenanus 
(Bild) von Schlettstadt, den treuen Freund des Erasmus, 
Leo Judä (Jud) aus Rappoldsweiler, der neben Zwingli in 
Zürich eine so bedeutsame Stellung finden sollte, Jakob 
Villinger und Jakob Spiegel, die nachher kaiserliche Räthe 
wurden. — Er starb im Jaliie 1501 , im einundfünfzigsten 
Jahre seines Alters. In der Kirche zu Schlettstadt haben 
dankbare Schüler ihm ein Epitaphium gesetzt. 

Ob er noch an der durch Wimpheling herbeigeführten 
Begründung der literarischen GeseUschaft in Sehlettstadt, an 
welche dne lUmliche Vereinigung in Strassbuig sich anscUoss, 
Anthefl gehabt habe, ist zweifelhaft, sonst aber waren diese 
Bestrebungen ganz in seinem Sinne*). Sein Nachfolger 
Hieronymus Gebweiler, zu Horburg bei Colmar geboren 
und an der Universität Basel zu wissenschaftlicher Tüchtig- 
keit gelangt, übrigens mit Wimpheling in freundschaftlicher 
Verbindung, scheint sich doch in jener Gesellschaft nicht 
sonderlich herrorgethan zu haben. Für die Schule muss die 
Stadt Grosses verwendet haben; denn sie erhöhte seine Be- 
soldung. Ueber sdne pädagogische Wirksamkeit eflshren wir 
wenig; dagegen fehlt es nicht an Bewdsen für dne regere 
schriftstellerisehe Thätigkeit, die indess m^ sein spiteres 

1) De fide mecetricnm in snos amatorei. Inpr. AngnstM per Jo. 
RMduHier 1806, & 4. Das Yorwort ist datirt fai SlelBtad. gymnasio 17. 

EaL Sept. 1501. 

2) Röhrich S. 211 f. Wiskowato£f verlegt die Begründung diaser 
GeseUtchaft von UIO-U. Vgl. Schwärs, WimpheUng ä III. 



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. IX. Die Schale za Schiettstadt 237 

Leben auszeichnet, übrigens nicht durchaus den Interessen 
j der Schule sich zugewandt hat. Schiettstadt verliess er schon 
im Jahre 1509, um in Strassburg, w ahrscheinlich auf Johannes 
Geilers Betrieb, an der dortigen Domschule als Lehrer ein- 
zutreten. £r kam hier allerdings in erfreuliche litonurische 
Veihindungen und bvachtcf auch die Domschule zu neuer 
KQthe; aber die gleich in den Anfängen derBefonnatiomnseit 
in Strassbuig henrortretenden Sympathien für das Neue yer- 
stimmten ihn bald, wie seinen Freund Wimpheling, und als er 
die Vertretung des Alten ohne rechten Erfolg übernommen 
hatte, ging er endlich (1524) nach Hagenau hinweg, wo er 
als Rector der Stadtschule bis an seinen Tod (1545) einen 
weitgreifenden Umschwung der Dinge erlebte. Seine Leiche 
I £uid ihre Ruhestätte auf dem Kirchhof von St. Georgen. 

Ihm folgte in der Leitung der Schule nach 1509 
Sem SehQler Johannes Sapidns (Witz), unter dem sie 
aaeh den erfreulichsten Aufechwung nahm. Er war 1490 in 
{ Schiettstadt geboren und ein Nefife Wimphelings. In der 
Schule seiner Vatei-stadt für höhere Studien vorbereitet, 
wandte er sicli 1506 der Universität Paris zu, wo er seinen 
Schulfreund Beatus Rhenanus wiederfand und auch mit 
Michael Hummelberger in engere Verbindung trat. Besonderen 
£influss dürfte damals auch auf ihn JB'aber Stapulensis aus- 
geübt haben. Er hatte so den vom Humanismus ausgehenden 
G«i8t stark auf sieh wirken lassen, und als er, in die Vater- 
stadt zuraekgekehrt, ungeachtet seiner grossen Jugend, zum 
Beetor ihrer Schule gemacht worden war, musste die Lebendig- 
keit und Gewandtheit seines Unterrichts bald Schtüer von 
. allen Seiten ihm zuführen. Als der arme Vagant Thomas 
' Platter im Jahre 1517 nach Schiettstadt kam, um als achtzehn- 
jähriger Jüngling unter den Knaben die Elemente zu erlernen, 
waren 900 Zöglinge, unter ihnen auch Adelige, um Sapidus 
versammelt, der manche auch in sein Haus aufgenommen 
hatte. Platter, der schon viele Schulen gesehen hatte, Hand, 
dass die Schlettstftdter Schule die erste sei, da es recht zu- 
gmg. Sapidus hatte nun aus seinem Unterricht die alten 
Seholbttcher fast ganz verbannt und die Klassiker eingeführt, 



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238 Zurücktreten der wesentlich klerikalen Schulen etc. 

wobei er seine Schüler auch für das reine Latein, dessen er 
selbst mächtig war, zu gewinnen suchte. Mit Erasmus, der 
damals zu Basel lebte und den an diesen enger sich an- 
schliessenden Freunden stand er in geistigem Zusammenhange, 
was namentlich sein treffliches Gedicht ad sodales Erasmo 
Boterod. consnetadine iunctissimos beweist Er klagt darin 
Uber das ihm gefallene Loos, das üm in den Mtthsalen der 
Schule festhalte und von anregendem Verkehr mit glAck- 
lieberen Stndiengenossen aussehliesse; auch wird der Brie( mit 
welchem der gefeierte Erasmus durch Hinweisung auf die 
Herrlichkeit des Lehramts ihn zu trösten suchte, kaum eine 
wahrhaft beschwichtigende Wirkung gehabt haben Er 
mochte doch seinen Freund Oecolampadius beneiden, den er 
1515 durch einen Brief bei Erasmus eingeführt und zu engerer 
Verbindung mit diesem gebracht hatte. Dass er indem 1520 
entbrennenden Streite des giossen Humanisten mit dem 
gelehrten Engländer Edward Lee neben anderen auf der Seite 
des Ersteren erschien und in heftigster Weise den Andern 
bekämpfte, daif uns weiter nicht aufbUen*). Aber in dem- 
selben Jalure war er auch mit seinem Oheim WimpheliDg» 
den die durch die beginnende Befiormation benrorgerufene 
Aufregung tief verstimmte, durch freimüthige Aeusserungen 
in Zwiespalt gerathen; der kränkelnde Greis hatte ihm sogar 
mit einer Anzeige bei der Inquisition gedroht. Die grosse 
Scheidung der Geister, welche bald unaufhaltsam sich durch- 
fuhren sollte, wirkte dann bestimmend auch auf Sapidus'*). 
Als in Schlettstadt der gelehrte Stadtpfarrer Paul Seiden- 
sticker (Phrygio) vergebens einen Versuch gemacht hatte, die 

1) Erasmi Epp. ed. 1521 p. 59 ff. 

2) Epistolae aliquot eruditorum virorum, ex quibus perspicuum, quanta 
Sit Ed. Lei virulentia (Basil. 1520, 4"). 

3) Bedeutsam sind Briefe von Stpidns aa Hnnimelberger uadvon diesem 
an jenen ans dem Jahie 1528; Horawita, Aaalecten aar Oeaefaitthie der 
Befonaadon and des Hnmanismns in Schwaben (Wien 1878) S. 70—72. 
HommeLberger sebrdbt: qnod Ghristam sequeris et leflorescenlem erangelü 
doctrinam puellos tuos edoces, est mihi incandissimum. Non partim refert, 
quiboB institutis primam aetatulam formaveris. — Aber audi schon Be- 
siehungen auf Yerfolgtiogen treten hervor, vgl S. 78 f. 



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IX. Die Schale xa bchlettatadt 239 

Reformation einzufühi*en und sodann das Unheil des Bauern- 
krieges in unmittelbarer Nähe der Stadt zu einem blutigen 
Treffen Anlass gegeben hatte, war für Sapidus in Schlettstadt 
keine Stätte mehr zu fruchtbarer Wirksamkeit £r zog sich 
nach Strassburg zurOek und erhielt hier später an dem neuen 
Gymnasium eine Stelle. Im Jahre 1548 wurde er Kanonikus 
an dem evangelischen Stifte St Thomä und starb am 
8. Juni 1561. 

Als seinen Nachfolger nennt Beatus Rhenanus noch den 
Meister Veit von Rothenburg. In den Jahren 1553 bis 1560 
leitete die Schule nicht ohne Erfolg Kaspar Stüblin. Aber die 
strebenden jungen Geister zog Joh. Sturms Kraft und Ruhm 
an das Gymnasium in Strassburg. Die Schule in Schlettstadt 
kam in der Folge an die Jesuiten. 

Es konnte als angemessen erscheinen, die Wirksamkeit 
des wackem Wimpheling, die mit der Schule von Schlettstadt 
in so mannigfacher Beziehung steht, gleieh hier eingehender 
zu betrachten. Er war in Schlettstadt geboren und erzogen, 
dort hat er wiederholt seinen Aufenthalt gewählt, dort ist er 
in hohem Alter (1528) gestorben. Aber seine Bedeutung 
reicht doch weit über diesen engsten Kreis hinaus, und für 
uns kann seine Stellung nur da sein, wo wir ihn als den 
Pädagogiker des deutschen Humanismus würdigen können. 
Und wie die Schule Yon Schlettstadt fOr sidi allein uns schon 
auf die Geschidite des Humanismus hingeleitet hat so ffthrt 
noch entschiedener Wimphelings Name in diese Geschichte 
uns hinQber. 



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Zweiter Abschnitt 

Der Eintritt und das Wirken 

des Humanisinus. 



I 

I 



Ka«mmel, ScholiTMeii. 16 



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I 



I. 

Charakter des Huiuauismus. 

Die als Humanismus bezeichnete Richtung der Studien 
und des geistigen Lebens überhaupt hat in den einzelnen 
Perioden ihrer Darchfohrung einen sehr verschiedenen Char 
nkter gdiabt, wenn sie andi fort und fort dnreh die Be- 
wnndening antiker Kunst und Bildung und den danins ddi 
ergebenden Gultns der sehOnen Form bestimnt worden ist. 
Diese Richtung ist doch eine andere in der Zeit, welche den 
Humanismus in scharfen Gegensatz zu der mittelalterlichen 
Scholastik treten sah, und wieder eine andere, als der Gegen- 
satz zwischen Humanismus und Realismus sich entwickelte, 
und sie hat doch erhebliche Wandlungen eiiahren, je nachdem 
die neuen Studien, dem Vorgange des Erasmus folgend, in 
Verbindung mit dem alten Kirehentbume blieben oder, durdi 
Sßinner wie Melanchflion und Gamerarius bestimmt, die re* 
fonnatorisefaen Bewegungen untersttttsten und forderten; auch 
hier aber hat der Humanismus durch das wechselnde Ver- 
haltniss erst zum Pietismus, dann zum Philanthropinismus, 
weiterhin zur Romantik, endlich zu den Naturwissenschaften 
eine zum Theil neue Gestalt gewonnen. Indess zieht sich 
durch alle diese Wandlungen als das Gemeinsame das Streben, 
durch Aufnahme und Nachbildung des aus dem Alterthume 
Ueberlieferten das acht Menschliche, die Humanität, zu freier 

und lebendiger Ent&ltung zu bringen und deshalb gegen Alles, 

X6* 



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244 Der Eintritt und das Wtkm HnmairiMnni. 

was Verkennirag des icht MeoseUidien su sein, den Adel der 
Meiiseheiiiiatiir in dieser oder jener Weise in Zweifel wa sieben 
und zu geftbrden schien, anzukämpfen. 

Für die erste Periode des Humanismus nun ist allerdings, 
und von Petrarca an, der Gegensatz zur Scholastik das be- 
sonders Charakteristische. Denn die Scholastik, welche ja doch 
alle Wissenschaft in ihren Bereich gezogen und nach eigen- 
Ihümlicher Methode behandelt hatte, ei'schien allen Humanisten 
als ein wirres und wüstes Durcheinander willkürlicher, geist- 
loser, dem Leben fremder, alle frischere Bewegung hemmender 
Sttbülitäten, als eine Masse, welche kanm hier oder da ein 
Körnchen von Wahrheit und Weisheit, wie Menschen sie 
brauchen, darbiete und also am besten völlig auf die Seite 
gerftumt werd% Auch das durch Syllogismen sehdnbar als 
unanfechtbar Erwiesene galt 4enen, weldie die formale Richtig- 
keit des Autirestellten nicht zu bestreiten vermochten, noch 
in keiner Weise als etwas dem Thatsächlichen Entsprechendes 
und dem natürlichen Wahrheitssinne Genügendes; ja je feiner 
das Gespinnst sich in die Höhe zog, desto weniger glaubte 
man noch einen Zusammenhang desselben mit dem festen 
Boden der Wirklichkeit wahrzunehmen Dass dabei vieles 
Grosse und Bedeutende, was die Vertreter der kirchliehMi 
Wissenschaft namentlich des dreiiehnten Jahriiunderts ange- 
stellt hatten, nicht zu gerechter Wfirdignng gelangte, dasn 
auch das tiene und gewissenhafte Arbeiten mancher Sp&terea 
verkannt wurde, kann nicht anfibllen*). Und wenn zuletxt 
der um Mutianus Rufus sich zusammenschliessende Kreis von 
Humanisten zu leidenschaftlicher Feindseligkeit gegen alle 
Scholastiker sich erregt sah und auf dieser Seite nur noch 



1) Vgl. Mnther, Avb dem Univenitftts- mid Oelehrtenleben imZelfe- 
ftlter der Refonnation aB66) S. 66 £ 

2) S. indes« über die Verehrung, welche deutsche Humanisten für 
Albertus Magnus an den Tag gelegt haben, Nordhoff, Denkwürdigkeiten 
aus dem Münsteriscbeu Humanismus (1874) S. 8 ff. Beachtenswerth ist, 
dass die Humanisten, welche mit Maximilian I. in Verbindung standen, 
die selbständige Stellung der \VieDer Hochschule in Gefahr brachten. 
Atekbach 8. 249. 



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I. Charakler des HrnnuriBimii 245 

Baibard und Bfyswilligkeit zu erkennen vermochtest so wird 

man dies als ungerecht bezeichnen dürfen, aber leicht aus 
der immer mehr in das Bewusstseiu der Streitenden tretenden 
ünausgleichbarkeit des Gegensatzes sich erklären können, 
der doch auch für die Humanisten in der Verschiedenheit der 
auf beiden Seiten gebrauchten Formen besonders erkennbar 
wurde. 

Aber der Gegensatz des Humanismus zur Scholastik war 
doch lange Zeit hindurch nicht zugleich Gegensata zum alten 
Khrehenthum; und seihst dann, wenn er gegen den Klerus 
SU schonungdosem Angriff bereit stand, hielt er glftubig an 
der Lehre der Kirche fest, wie mit Petrarca, der doch sogar 
Aber die Päpste von Avignon sehr streng geurtbeilt hatte, 
viele Humanisten selbst in Italien, wo freilich eine kirchen- 
feindliche, ja heidnische Richtung mehr und mehr Geltung 
gewann, der Kirche sich nicht entfremdeten. Und dies thaten 
auch die deutschen Humanisten entweder niemals oder erst 
unter ganz besonderen Aufregungen. Wir haben auf deutschem 
Boden eine Reihe von Männern vor uns, die an der Verfiassung 
und dem Glauben der Kirche unvenrUckt festhielten und die 
Tom Humanismus daigebotenen Bildungsmittel zu ruhigen und 
aUmAhliehen Reformen in Wissenschaft und Leben zu benutzeo 
gedaditen, nicht aber auf gewaltsame Veränderung, auf £r^ 
sefaatterung der bisher anerkannten Autoritäten hinarbeiteten. 
So hatte Rud. Agricola, frOh von Todesahnungen ergiiffen, das 
Gefühl der Leere und Oede, welche er durch seine huma- 
nistischen Studien nicht auszufüllen vermoclite, dadurch zu 
überwinden gesucht, dass er dem Studium der hebräischen 
Sprache und der Theologie sich hingab, während er die fi'üher 
verfolgte Richtung für verfehlt hielt. Zumal die Humanisten 
am Oberrhein (Wimpheling, Brant, Zasius) erscheinen von 
durchaus conserratiyer Gesinnung bestimmt, ja bereit, für 
kirchliche Dogmen, wie beim Streit ttber die Sondlosigkeit der 
Jiugfrau Maria, mit allw Entsdiiedenheit einzutreten, warn 
sie gelegentlich auch gegen die Thorheiten der scholastischen 



1) Kampschulte, Die Universität £rfurt I, 112 ff. 



L 



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246 



Der JEäntdtt und dat Wicta dei Hnmanitmns. 



Methode mit allem Naehdmek rieh erklAxen^). Indess aueh 
andere HimMiiisteii jener Zeit blieben in engster Verbindung 
mit der Kirche, ganz abgesehen von denen, welche dureh ihre 

gastlichen Stellungen und Berufe verpflichtet waren, für sie 
einzutreten. Anders dann freilich die jungdeutsche Huma- 
nistenschule, welche an der Erfurter Universität sich bildete 
und von dort aus bald in weitere Kreise hinein Propaganda 
machte. Es waren Männer, denen die Pflege und Empfehlung 
der schönen Form Selbstzweck wurde und die Fehde gegen 
das Alte, weil es auch den höchsten Interessen des Vater* 
landes feindlieh schien, zn lauter nnd lärmender Freode An- 
läse gab*). 

Immer jedoch fand zwischen den deutschen und den ita^ 
lienisehen Humanteten ein grosser Unterschied statt Während 

diese schon durch die Sprache und die historische Tradition 
mit dem AkeiLliume noch in einem fast unmittelbaren Zu- 
sammenhange standen, war für jene das aus Italien Aufge- 
nommene doch zunächst etwas Fremdes, durch künstliche Ver- 
mittelung Gewonnenes; gelangten die Italiener durch die alten 
Vorbilder leicht zu einer lebendigen Fortbildung ihrer nationalen 
Literatur, so erwiesen sich dieselben Vorbilder für die Deutschen 
eher als Hemmniss des in der eigenen Sprache zu Gestaltenden; 
während man jenseits der Alpen durch die Werke der BAmer 
und Griechen zu emer Erneuerung aUer Wissenediaftea zu 
kommen, die wahre Fhiksophie erst entdeckt zu haben ghuibte, 
nahmen dtesseits der Alpen die Studien bald eine entsdiieden 
geistliche Richtung; während man im Hauptlande des Katholi- 
cismus bis zu Unglauben und Freigeisterei sich verirrte, suchte 
man in Deutschland durch den Humanismus das wahre Ver- 
ständniss der heiligen Schrift und damit ein festes Fundament 
für Glauben und Leben zu gewinnen; während der italienische 
Humanismus oft mit Mvolem Spott das durch Alterthum Ge> 



1) S. besonders über Brant Zarncke und Goedeke in den Eiii- 
Mtangen zu ihrer Ausgabe deiKemeMUA wnA Ohr. Schmidt, Nollea 
ior Beb. Braut in der Bevoe d'Abaee 1874. 

2) Vgl Binder, Charitas Fickheisur S. 88 £ 



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247 



heiligte antastete, bewahrte der deutsche auch in der Satire 
lieber sittlichen Ernst, suchte er durch sie sittliche Zwecke 
zu en*eichen; in Italien endlich nntei-wai-fen sich die Hu- 
manisten, als die gerade auch durch sie bedrohte Kirche zu 
schoBimgsloser Reaction sich aufraffte, ohne Widerstreben, 
wlhrend in Deutschland viele der tachtigsten fiumanisten 
für die Reformation sich entBchieden ans tiefem Herzens- 

£b ist aber an dieser Stelle aueh dies der Beacbtong 
Werth, dasB nidit minder in PVankreich der Humanismus efaien 

von dem in Deutschland entwickelten verschiedenen Charakter 
gewann. Ftlr Frankreich hatten die neuen Studien, wie für 
Italien, im nationalen Leben zahlreiche Anknüpfungspunkte, 
einen historisch zubereiteten Boden; dort fanden Italiener als 
Gelehrte und Künstler seit Karl VIII. und Ludwig XII. freund- 
liehe Aufiiahme; dort genoss von oben her seit Franz I. die 
«Renaissance" in jeder Beziehung eine so aufmunternde und 
durdigreifende Pflege, daas die iKldung und Sitte der hOhmen 
Kreise des Volkes, dass die Literatur und Eunst eine wunder- 
bare Umwandlung erlebten, dass aueh die strengen Wissen- 
sdiaften, zumal die Jurisprudenz, eine umfessende Erneuerung 
in selbständiger Durcharbeitung erfuhren, und zwar in engstem 
Zusammenhange mit den auf das Alterthum gerichteten Studien. 
Wie einflussreich dies Alles für das geistige Leben auch 
unseres Volkes gewesen ist, davon ist hier noch nicht zu 
sprechen. 

Nicht selten hat man gesagt, dass der deutsche Humanis- 
mus frühzeitig der Schule sich zugewendet habe. Man kann 
dies gelten lassen, wenn man dabei nur nicht übersieht, was 
in Italien die grossen Pädagogen Quarino von Yerona (t 1460), 
l^ttorino de Feltre (f 1476) und dessen SehlÜer Ognibene de* 
Bonisoli (f 1493) gleistet haben, die wir doch sicherlieh mit 
Alexander Hegius auf eine Linie stellen dttrfen. Es lag ja 
auch so nahe, dass man der Jugend zugiinglicli zu machen 
suchte, was für gereifte, im Leben ei-probte Geister in so ge- 
winnenden Formen so vieles Edle, Anregende, Verwendbare 
darboU Darum wundem wir. uns auch nicht, wenn man in 



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248 Eintritt und das Wirken des Humaoiamua. 

beiden Ländern über die Behandlung desselben für die Zwecke 
der Jugendbildung mit einem Eifer, wie er früheren Zeiten 
ganz fremd gewesen war, umfassendere Betrachtungen an- 
steUte und das in vielfacher Praxis Gfeprüfte weiteren Kreisen 
zur Benutzung darbot; wenn eine pädagogische Literatur sich 
KU entwid^elii begann, die fretticfa noeh beschrftnkt endieuit 
im Veigleldi mit dem, iras spätere Gescblechter in rastloser 
Tbfttigkeit pi-odueirt haben, immer jedoch die lehrreichsten 
Einblicke in die pädagogische Thätigkeit jener Uebergangszeit 
gestattet. Wir werden auch hiervon in den späteren Dar- 
stellungen eingehender zu sprechen haben. Nur dies Eine 
mag zu weiterer Bezeichnung des Verhältnisses, welches 
zwischen Deutschen und Italienern statt fand, hier noch be- 
merkt werden, dass beide zwar durchweg den aus den 
Classikem zu schöpfenden geistigen Gewinn im Auge hatten, 
diese jedoch bei ihren auf solche Studien gerichteten 
Vorschrilton am liebsten an Quintilian sich anschlössen, 
jene dagegen, wie die Lehrsdurülen fon Wimpheling, Oertel 
und Erasmus zeigen, auf einem freieren Standpunkte sich 
halten. 

Aber das Streben der Humanisten, das dem Leben 
Dienende aus ihren Arbeiten hervorgehen zu lassen, ginflf viel 
weiter. Wir wissen aus Burckhardts meisterhaften Zeich- 
nungen in seiner „Cultur der Renaissance", wie in Italien alle 
Biehtungen des Lebens in der TOischiedensten Weise vom 
Humanismus bestimmt und allmShlich verwandelt wurden, 
wie Diplomatie und Kriegführung, staatliche Ordnung und ge- 
selliger Veikehr, wie alle Natur- und Wdtsnschanung nach 
den von den Humanisten empfohlenen Vorbildeni sich gründ- 
lich veränderten. Zu so allgemeiner Wirksamkeit hat es nun 
freihch der Humanismus in Deutschland nicht gebracht; allein 
er hat es wenigstens an hundertfachen Anregungen nicht 
fehlen lassen und nur deshalb mit vereinzelten Erfolgen sich 
begnügen müssen, weil er gerade in den höheren Kreisen der 
Nation oft nur halbes Veistandniss und nur Terefauelte Unter* 
st&tasung &nd, im Gänsen aber in durchaus anderm Staats- 
und Bildungsverhflltnissen sich zu bewegen hatte. Es half 



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I. Charakter des Humanismus. 249 

wenig, da88 die deatsehen Humanisten; hierin sehr yerschieden 
von den italienischen, die einander oft mit Eifersucht und 
Gehässigkeit bekämpften, lieber fest zusammenhielten, indem 
sie landsmannschaftliche Vereinigungen bildeten oder an Uni- 
versitäten um einen hervorragenden Mann sich reihten oder 
durch rege briefliche Mittheilungen in Gemeinschaft blieben; 
viele standen doch vereiiizelt und konnten schon deshalb ra 
naehhaltigereii Wirkungen es selten bringen, well sie, dem 
alten deutschen nat&rliehen Wandertriebe gern nachgebend 
oder auch durch Widenacher bedroht und gedrängt, selten 
längere Zeit denselben Wohnsitz behielten. Wenn also doch 
im Ganzen immerhin der Humanismus auch in deutschen 
Landen zu grösserer Bedeutung gelan^^t ist, so wird man dies 
einerseits auf das enthusiastische oder doch zuversichtliche 
Vordringen seiner Vertreter, andererseits auf die bald un- 
sichere, bald schwerfällige Haltung seiner Gegner zurück- 
fähren dOito. Ueberblickt man aber im Ganaen die Ver- 
Sttdemngen, welche der Humanismus damals auch bei uns 
theüs hervoigebracht theils Tori>ereitet hat, so wurd man 
immeriiin anzuerkennen haben, dass er eben auch in Deutsch- 
land die Entwickelung der geistigen Cultur mächtig mit be- 
stimmt und zuweilen selbst in unscheinbarer Thätigkeit zu 
dem, was die Zeit verlangte, mit geholfen hat. 

Und so werden wir auch dies anzuerkennen haben, dass 
der Humanismus in Deutschland, ähnlich wie in Italien, dem 
persönlichen Leben in Vielen eine Schäife der Ausprägung, 
eine Freiheit der Bewegung, eine Frische des Handelns mög- 
lieh gemacht hat, welche die gleichmissig wirkenden und 
Alles in unTerrückbare Normen einziriIngendenLebensordmmgen 
der TorauBgegangenen Jahihunderte kaum hatten denken lassen. 
Die Humanisten jener Zeit fühlten sich so oft in hartem 
Gegensatze zu dem Bestehenden, hatten in dem, was sie be- 
wunderten und pflegten, so viele individuelle Anregungen, 
welche bis in die Tiefe der Hei*zen gingen, so viele Vor- 
bilder, an denen die Einzelnen sich auflichten und kräftigen 
kmnten, dass der Einzelne vne von selbst zu individueller 
Entwickelung kam. Sie erwies sich unter Umständen kecker. 



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250 I>v Eiiilritt wd dM WMmb d« Hmnaniimiia. 

ABspradiBvoIler, lavnenbifter, als gat war, und führte su Cd- 
Unonen« die eher schadeten als nfttiten; aber der so in den 
Vordergnmd^Gersthene mnsste dann doeh sidi halten, sieh 

durchschlagen, sich vorwärts helfen. Dies aber galt mehr 
und mehr von Allen, die, von den Humanisten geweckt, in 
ihre Wege sich ziehen Hessen, bis die allgemeinen Erschüt- 
terungen des geistigen Lebens bewirkten, dass eine wunderbar 
gi'osse Zahl charaktervoller Persönlichkeiten den Gang der 
Dinge besünunte. 



i 



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l 

1 

n. 

Ambreitnng des Hmnanlsmiis. 

Als man in Deutschland so weit gekommen, liatte 

der Humanismus, wie er hier entwickelt war, bereits eine 
Stellung gewonnen, die ihn von dem italienischen sehr stark 
unterschied. Aber bei klarem Bewusstsein dieses Unter- _ 
schiedes erkannten die deutschen Humanisten doch fort und ' 
füll dankbar an, dass sie in den Italienern ihre Lehrmeister 
za verehren hätten und die besten Förderungen ihrer Studien 
noch immer auf dem Boden Italiens gesucht werden müssten. 
Der Humanismos hatte dort bereits eine ausserordentlich 
reiehe Entwickelung dnrchgemaeht und stannenswUrdige Er- 
gebnisse sa veneichnen. Handschriftliche Seh&tse von unver- 
gldehUchem Werthe hatte man gesauundt, sahireiche Glassiker 
hatte man in den Grundtexten und in üebersetenngen zu- 
gänglich gemacht, in vielen Städten hatte man die Universi- | 
täten und Schulen den classisehen Studien eröffnet, an den i 
Höfen der Ftii-sten und am Sitze der Päpste hatte man ihnen 
hochsinnige Förderung bereitet, die ganze alte Geschichte 
hatte man in lebendigen Bildern wieder aufgefasst und die so 
lange nur mit dumpfem Staunen betrachteten Ruinen der 
griechisch-römischen Zeit, Yom Triumphbogen des Augustus 
in Aosta bis zu den Tempelreston von Pftstnm und Agrigent» als 
Zeichen und Denkmäler der grossen Veigangenheit mit Emst 
und Freude gedeutet Seitdem der Dichter der göttlichen Ko- 
mödie, angeregt durch Brünette Latini, der Wiedeierweeker der 



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252 Der Eintritt und du Wbken des Huauuiisnuii. 

rftmisclien Literatur geworden war, und bald naeh ihm Petrarca, 
in froher Jugend schon mit frariger Begdsterang dem Studium 

des Alterthums zugewandt, aus demselben die edelsten Antriebe 
für Uebimg jeder hohen Tugend und die kühnsten Ideale für 
eine durchgreifende Neugestaltung der politischen Zustände 
aufgefasst hatte, war eine Entwickelung in Gang gekommen, 
die alle Kreise des nationalen Lebens durclidrang und die 
nationale Literatur zumal zu wundervollem Aufschwünge 
brachte Was boten damals den über die Alpen Gekommenen 
hundei*t Städte, neben Venedig, Florenz, Born und Neapel 
anch Mailaad und Genna, auch Padua und Pavia, auch Bo- 
logna und Siena! Was trugen den Lernbegierigen auf aUen 
Seiten diese Pfleger der rasch erweiterten Studien, gegen die 
Fremdlinge zuweilen freundlicher als unter sich, entgegen, Be- 
lehrungen, welche durch das im Leben umher Dargebotene 
verstärkt, die nachhaltigsten Eindrücke in den Gemüthem 
zurückliessen ! Wie vielseitig, wie frei und sicher, wie reich 
und gross erschien den von unbestimmter Sehnsucht nach dem 
Süden Geführten diese Bildung der Italiener, welche, wie ge- 
fährlich sie auch unter sittlichem Gesichtspunkte sein mochte, 
so viel Anziehendes, ja Bestechendes für Menschen hatte, die 
in der Heimath nichts damit zu Vergleichendes gesehen hatten! 
Und nun audi diese Griechen, die^ durch osmanisdie Barbarei 
ans dem Vaterlande vertrieben, selbst den Italienern so viel 
Bewunderung abgewonnen, als Ftthrer auf neuen Bahnen zu 
neuen Erwerbungen! Erstaunlich war es nun vor Allem, 
überall Männern zu begegnen, welche in ihrer Begeisterung 
für das wie zu neuem Leben erstandene Alterthum alles das- 
jenige, was in diesem so wirksam gewesen war, nicht bloss zu 
erkennen und nachzubilden, sondern in sich selbst zu indivi- 
dueller Entwickelung bringen zu können meinten, als ständen 
sie, die Kinder einer so ganz anderen Welt, noch völlig im 



1) Vgl. Wegele, Dante's Leben und Werke S. 449 ff. und Schuck, 
Dante s classische Studien und Brunetto Latini, in den Jahrbüchern fiir 
Philologie und Pädagogik Bd. 92, S. 253 ff. Ueber Petrarca's classische 
Stadien Papencordt, Cola di Rienzo S. 53 ff. 



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n. Atliibnitug dot QuMuilnnHk 



253 



antikeD Leben, das doch immer wieder nur wie in Sehatten- 

bildein an ihren Augen vorüberzogt). Aber diese Selbst- 
täuschung war so leicht und so süss , dass auch die Besucher 
Italiens ohne Widerstand sich berauschen und dann vieles 
Eingebildete, Unwahre, Bethörende als acht und gediegen mit 
gelten liesseu; sie nahmen doch immer viel KöBtliches und 
Unverlierbares mit hinweg. 

Aber wir rnttsaai diesem geistigen Verkehr der Deutsehen 
mit den Italieneni noeh niher treten. Seit dem Untergänge 
der Hohenstaufen hatte deutsche Kraft in Italien nmr noch 
vorübergehende Versnehe gemacht, die alten Maditrerhftltniflse 
zu emeueiTi, und was Heinrich VII., Ludwig der Bayer und 
Karl IV. noch unternommen hatten, war wohl geeignet ge- 
wesen, die alten Antipathien zu verstärken, aber ohne Fracht 
geblieben für deutsche Bildung. Doch mit dem Konstanzer 
Concil knüpfen sich Verbindungen neuer Art König Sigis- 
mund hatte eben in Konstanz Pier-Paolo Vergerio, der das 
Griechische verstand und das Lateinische mit Gewandtheit su 
behandelii wusste, kennen und schätzen gelernt, wie er denn 
nachher auch von ihm den Arrhianoe sich hat ttbersetsen 
lassen. Und in den Tagen jenes Condls hatte auch Poggio 
von Konstanz aus seine Besuche in den nahen Benedictiner- 
klöstern gemacht und deren Bibliotheken durchsucht; es ist 
bekannt, dass er in St. Gallen eine fast vollständige Hand- 
schrift des Quintilian entdeckte und in 32 Tagen abschrieb; 
zu derselben Zeit war er auch so glücklich, einige Bücher 
des Valerius Flaccus und den Commentar des Asconius zu 
acht Beden Cicero's zu finden*). Andere Glassiker landen in 



1) Offenbar sehr üliertricbcn ist, was Tolitianus (Opp. T. III, 63) sagt: 
(Florentini) primae nobilitatis pueri , id quod mille retro annis in Italia 
contigit numquam, ita sincere Attico sermone, ita facile expediteque loque- 
bantur, ut non deletae iam Atiieuae atque a barbariä occupatae sed ipsae 
«na sponte cum proprio aTobae solo cumque omni snaBapeUectUeinFlorai- 
tiae «bem Imndgrasse «iqne le total panitusque infiidiaie Tidarantor. 

2) 8. A. W. Znmpt in ieinam Comment iiaeog. aor Angabe der 
Or. pr. Manila p. XXXVI IL Yiß. W. Shaphard, Tha lifo <tf Peggio 
BraedoliDi. Liveqiool 1887. 8«». 



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254 EÜBlritt und das Wirken des HumantaiiB. 

anderen ctontsdieii KHtotorn BftTtoknneo de Montepulciano, 

Alberto Eniche von Ascoli, Johannes Aurispa^). Das Basler 
Concil, zu dem auch Aurispa ei-schien, sah vor Allem durch 
Enea Silvio den Humanismus in den Weltverkehr ein^^reftihrt; 
dieser ist dann aber durch seine Verbindung mit Friedrich III., 
der selbst so wenig auxur^eQ war, der Apostel des Humanis- 
mus in Deutschland geworden, wie beharrlich ihm auch der 
deatsdie Mann Gregor Heimburg entgegen war*). Aber die 
deutsche Barbarei sdüen Überhaupt italienischer BiMung kaum 
zugünglieh und die nach DeutscMand kommenden Italiener 
fühlten fAth durch das deutsche Wesen so abgestossen, dass 
sie mit tiefer Verachtung und herbem Spott auf ein Volk sahen, 
welches doch bald seine Buchdrucker ihnen sendete und den 
dortigen Humanisten zur Heraus.s:abe der classischen Autoren 
und mancher zu deren Verständniss erforderlichen Lehrsehriften 
die Möglichkeit schuf. Dann finden wir doch auch wieder 
Italiener an deutschen Universitäten, wie nach 1460 in Erfurt 
den Florentiner Jakob PnbKcius Rufus, der freilidk mit den 
Elementen beginnen musste, dann aber zur Ars epistolandi 
und (nach seiner epitome artis oratoriae) anr Beredsamkeit 
anzulöten nntemahm*). 

Aber schon vorher hatte Petrus Luder als „Poet" nach 
manchen Wanderungen auch in Eifurt (1460), und nicht ohne 
Wirkung, gelehrt. Wir haben in ihm den ersten deutschen 
Humanisten der Zeit nach zu erkennen und sehen in ihm 
sogleich auch eine merkwürdige Verbindung des deutschen 
und des italienischen Wesens. Zu lüslan im Kraichgan um 
1415 geboren, war er als Kleriker zuerst oadi Heidelbeig ge- 
kommen, dann als solcher nach Rom gereist und hatte später 
Jahre lang in Italien (vielleicht sogar in Asien und Afrika) 
sich umhergetrieben. Zu ernsteren Studien scheint er ei-st 



1) Sorgfältige Nachrichten über Aurispa's Leben enthält der Index 
SchoUur. der Unirersitift HaOe ftr das SommenenMeter 1870: Jo. AaiiBi»ae 
apiitoto edit» a EL Keilio. 

8) Toigt, Em Sihio I, 212 £, 888» II, 842 ft md Voigt, Dfe 
W]«dabeleb«ig dm elaMiMhoi AlterdmiM & 874 ft 

8) Yi^ aber ihn Eampsehalte I, 81 ff. 



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IL AnifaCCilQBg d60 ffUHMUlitTOTIt 



255 



sett 1444 in Padua gekommeD la sflui, worauf er In HciM» 
hng eine Pinfessnr erhalten hatte, mit der Au^B^abe, das 

Lateinische zu lehren und lateinische Autoren zu erklären. 
Er behauptete sich dort nicht ohne Mühe neben den Ver- 
tretern der alten Studienweise, verliess al)er Heidelberji erst 
1460, der Pest ausweichend, und erschien sodann nach kurzem 
Aufenthalte in Ulm zu Eiiurt, wo bald darauf Rudolf von 
Langen und Johann von Dalberg für die humanistischen 
Stadien durch die namentlich yon Publiciua ausgehenden An- 
regungen sieh geninnw lieasen. Aber Luder siedelte doeh bald 
nach Leipng Uber, wo wieder stiebende JUnglinge, unter ihnen 
Hartmann Sdiedel, mit Freude ihm sidi luwandten. Weil aber 
dort ein italienischer Humanist der Unkenntniss des La- 
teinischen ihn bezichtigte, jiin^ er selbst wieder nach Italien 
(1462), um in Padua Medicin zu studiren. welche Wisseuscliaft 
er dann an der neuen Universität Basel bis zu seinem Tode 
gelehrt hat^). 

Zu juristischen und medidnischen Studien waren fieilich 
deutsche Jünglinge und Männer schon seit Jahrhunderten 
nach Italioi gezogen, und besonders die Universitäten von 
Padua und Bcdogna, aber auch die von Pavia, Ferraia, Siena 
hatten solche Besucher zuweilen in grosserer Zahl gesehen. 
Aber die humanistischen Studienreisen begannen erst nach 
der Mitte des 15. Jahrhunderts, und zumeist ^vereinzelt, bis 
der Zug nach dem Süden von Vielen als Ehrensache, ja als 
höchste Lebensfreude angesehen wurde. Dass bei diesen 
Reisen die humanistischen Studien von Mauchen auch wieder 
nur als Vorbereitung oder Ergänzung zu den Fachstudien be- 
handelt wurden, versteht sieh von selbst; doeh fehlte es nie 
an solehen, die mit voller Begeisterung in jene eintraten 
und sie allein betrieben, wahrend andere, zwar aussei'er 
Nöthigung nachgebend, sie nur sehr ungern hinter die Fach- 
studien zurücktreten Hessen, ihnen aber mit ganzem Herzen 

1) Wattenbaeh, Peter Lud«, der ante hnnaiiistbehe Lehrer in 
Heidelberg, Erfiirt, Leipog und BaieL Aoi dem Xm Bande der Zeit- 
Bctaift flfr die Geschichte des OberrheiDS. Kaiiarohe ISeS. (Nachtrag in 
der gemumten Zeilachrift Bend XXm.) 



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256 



Der Etatritt md dat Wirken dü HnmMiiiiiniig. 



zugethan blieben. Da nun obendrein der Aufenthalt in Italien 
für die Meisten über eine Reihe von Jahren sieh ansdehiite, 
Viele ancli, nm Iftnger bleiben m können, als Fdhier vor- 
nehmer Jfinglinge nnd Knaben — denn anch Knaben sebiekte 
man bald nach Italien — sieh zn halten sachten, so keonte 
es an Zeit und Gelegenheit auch zu genussreichen Neben- 
Btudien selten fehlen. Es kann hier unsere Aufgabe nicht 
sein, die Männer alle aufzuzählen, welche entweder ausschliess- ' 
lieh oder doch besonders gern in Italien den humanistischen , 
Studien sich hingaben. Rudolf von Langen gewann bereits | 
in den Jahren 1466—70, als er zum eraten Male, mit Moritz 
yon Spiegelberg, Italien beBUchte, jene Anregungen, welche 
ihn dann in den bedeutsamen Keformen an der Domschole 
in Münster bestimmten; und auf einer zweiten Reise über die 
Alpen, auf welcher sein Verwandter Hermann Ton dem Busche 
ihn begleiten durfte (l^)i diesen jene Mdung ge- 

winnen, die ihn später zn einem der bedentendsten Fiirderer 
der humanistischen Studien auf deutschem Boden gemacht 
hat Langens Studiengenosse in Phfurt, Johann von Dalberg, 
der als Domherr und Bischof von Worms ein so entschiedener 
Freund dieser Studien geworden ist, scheint erst einige Jahre 
nachher nach Italien gegangen zu sein: im Jahre 1476 be- 
trieb er in Ferrara vor Allem das Griechische. Dort war es 
nun auch, wp der Friese Agricola, welcher l&nger als sein 
Lehrer in Italien stndhrt nnd anch den Italienern durch seine i 
Leistungen Anerkennung abgerungen hat, mit ihm und Theodor 
Ton Flenningen zu jener innigen Freundschaft sieh verband, die 
so Iblgenreich ftlr Deutschland werden sollte Reuchlin, der 
s*eine Hauptstudien in Paris gemacht hatte, ist dreimal in 
Italien gewesen: 1482, wo er den Grafen Eberhard von 
Würtemberg auf die Komfahrt begleitete, dann 1489 (oder 
1490) und wieder 1498, aber nicht zu ruhigen Studien, sondern 
in der Eigenschaft eines Geschäftsmannes, obwohl er fiir Be- 

1) Parmet, Eudolf von Langen S. 32 ff. und 64 £ Liessem, de 
H. Boadiii vito et Mriptis p. 18 t 

2) üeber ihn Oeiger hi d« A. D. B. I und Boisert, de Bedol^ho 
Afrioola Fiiiio Uttaramm hi Oennania nstilotoie. Pkrii 1885. 8*. 



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n. Ansbreitaiig dM HauDimiis. 257 

strebungen, die ihn besonders auszeichneten, mächtig erregt 
wnrde^). Nor kurze Zeit (14861) lebte Konrad Celtis in 
Italien; aber er sah Born, Florenz, Bologna, Ferrara, Padua, 
V«iedig, und obwohl der Verkehr mit den bedeutendsten 
Männern, mit Julius Pomponius Lätus, Marsilius Ficinus, 
Philippus Beroaldus, Joh. Baptista Guarinus, Marianus 
Alusurus, Aldus Manutius sein Herz wenig gefesselt zu 
haben scheint, erschien ihm seitdem doch die Verbreitung 
humanistischer Bildung in deutschen Landen noch mehr als 
früher wie eine gebieterische Pflicht Von ihm aufgefordert 
ging 1493 Jakob Locher, der in Basel unter Sebastian Brant 
für fernere Studien gewonnen war, nach Italien, das er in 
g^cfaer £üe wie jener (bis 1494) , bis nach Sicilien, durdi- 
reigte, zum Theil dieselben Männer aufiiuchend und Äir seine 
AuBbüdung benutzend*). Acht Jahre dagegen studirte zu 
Bu derselben Zeit (1490—98) der Namberger Witibald Pirk- 
heimer in Italien, dem die durch des Vaters Willen auf- 
gezwungene Beschäftigung mit der Jurisprudenz wie Wermuth 
schmeckte, der aber zugleich solche Liebe zu den classischen 
Studien in sich gross zog und so reiche Kenntniss derselben 
sammelte, dass er späterhin für Deutschland der persönliche 
Mittelpunkt der Humanisten werden konnte. Etwa im 
Jahre 1498 zog Johannes Rhagius ( Aesticampianus) nach 
Italien^), der dann an deutschen Schulen und Universitäten 
als Lehrer anfinnntenid gewirkt hat DerNttmbergerChzisUq^h 
Sehenrl, der in Bologna mit ihm zusammen war, hat dann 
längere Zeit gerade in dieser Stadt juristischen Stadien ob- 
gelegen, aber grosse TheUnahme auch ftr die classischen be- 
wahil und in seinen Briefen die anziehendsten Mittheilungen 
über das Leben und die Studien weise in Bologna — man 
nannte diese Universität die Mutter der Studien — hinter- 



1) Geiger, Joh. Reuchlin, sein Leben und seine Werke. 1871. 

2) Aschbach, Die früheren Wanderjahre des Conrad Celtes S. 88 ff. 
8) Hehle, Der schwäbische Homanist Jacob Locher Philomusus 

(1873) I, 9 ff. 

4) IXflBe ZflitiMttliiimtiiig nMh tiaem Briefe Sehenrli an ihn hi 
Briefbueh n, 49. 

17 



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258 



Der Eintritt und dai Wilkau Hnmuiiimqg. 



lassen. Im Jahre 1506 sah endlich auch Erasmus seine Sehn- 
sucht nach unmittelbarem Verkehr mit den italienischen Ge- 
lehrten gestillt, und als er, ihrer unehigefichränkten Aner- 
kennang gewiss, 1509 doch wieder hinweggezogen war, nm in 
England die volle Gunst des jungen Königs Heinrich VIEL 
zu erlangen, hatte er hald Anlass genug, mit Wehnrath naeh 
Italien zurOdanstrehen, das er doch nicht wieder sehen sollte. 
Dafftr hat THrleh von Hutten, Mlidi zum TheS unter sehr 
trüben VerhiUtnissen, Italien zweimal (1512 und 1516) gesehen, 
beim zweiten Male mit seinem streitbaren Freunde Crotus 
Ruliianus in Gemeinschaft, der bis zum Jahre 1519 dort ver- 
weilen konnte. Der in späterer Zeit von der Bahn des 
Humanismus abgelenkte Joh. Cochläas war als Mentor von 
Patriciersöhnen 1515—17 in Bologna, wo er gelegentlich auch 
den grossen Dialektiker Johann Eck zu einer aufregenden 
Disputation eintreffen sah und zugleich in freundliche Ver- 
hindung mit Hutten eintrat^). 

Wir hrauchen indess die Befsj^ele solcher Wanderangen 
nach Italien nicht zu h&ufen, da es in diesem Zusammenhange 
nur darauf ankommt, die von Italien aus auch durch Deutsche 
in Gang gebrachte Propaganda für den Humanismus etwas 
genauer zu bezeichnen. Näher liegt es uns jetzt diese Propa- 
ganda selbst zu betrachten. ^ 

Da füllt unser Blick doch vor Allem auf Kon r ad Celtis,| 
den Italien so wenig bezaubeit hatte, aber in Deutschland 
ein wahrer Feuereifer zu Hebung der classischen Studien hin- 
und hertiieb. Schon vorher hatte er in K41n, Hmdeihttg, 
Erfurt, Rostock und Leifwig leniend und lehrend seine Kraft 
▼enuditt seinen Eifer erproht; dann nach Deutschland zurUck- 
gdcehrt und in NUmherg von Kiueer Friedrieh HL mit dem 
Diditerkranz geschmückt, wirkte er, niemals zu voller Robe 
und Sammlung kommend, zuerst in Krakau, wo er, nach 
einem in Rom gesehenen Vorbild, eine erste Sodalitas literaria 



1) Otto. J(Aaini Coddam der HnmiiiiBt (Xm) 8. (9 ft; mgl 
Scheurl, Briefbuok I, 148 £, 148, 167 t; Straasi, Hnttw 8. 187 £, 
188» 187, 140, 815. 



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n. Aoibniliiig dM Hrnimiimmi, 



259 



(die Vistulana) begründete, dann, nach kürzerem Aufenthalt 
in Prag und Ofanftts, in Preaibmg and Ofen, wo auf aeine 
Anregung die Sodalitas llteraria Hungarohun sich bildete, 
bald darauf in Wien, wo M&nner genug vorhanden waren, 
die seine einende Enft nur Sodalitas Danubiana verbinden 
konnte, später, nach Wanderungen durch Bayern und 
Schwaben, in Heidelberg, wo durch ihn die Sodalitas literaria 
Rhenana die zu sicherem Aufbau nöthigen Fundamente er- 
hielt; wenn es ihm dann nicht fielang, Lübeck, die reiche 
Handelsstadt, zum Mittelpunkte einer Sodalitas Baltica oder 
Codanea zu machen, so steigei*te sich doch sein Ruhm tortr 
während, und die Auszeichnungen, die er in Ingolstadt, ge- 
legentlich auch wieder in Wien und in Heidelberg sich dar- 
geboten sah, lieBaen ihn mehr und mehr als den Führer der 
deutschen Humanisten erscheinen, bis er, durch Kaiser Maxi- 
milian L 1501 nach Wien bemÜBn und mit grossen Vorrediten 
an die Spitze des poetischen Gollegiums gestellt — er galt 
mit Recht als ausgezeichneter Dichter^) — , die höchste Stufe 
literarischer Ehren erstieg (f 1508). Rastlos thätig in Durch- 
forschung der Büchersc'hätze, denen er auf seinen wechselnden 
Reisen nahegeführt wurde, und in Veröft'entlichung des Auf- 
gefundenen, wobei er ja nicht bloss auf Classiker sich be- 
schränkte, hat er doch allezeit ein offenes Auge gehabt fGür 
das Eigenthfimüche der Länder und Stämme, mit denen er 
bekannt wurde, und vor Allem doch fftr Alles, was das deutsche 
iVateiland an Vorzogen besass. Et gehörte zu deigenigen 
. Humanisten, welche die dassisdien Studien mit den nationalen 
linteressen in enge Verbindung zu setzen suchten, und wenn 
f er seinen Plan , eine Gennania illustrata zu verfiissen, aus- 
geführt hätte, so würde das Vaterland eine bahnbrechende 
Arbeit erhalten haben Dass er die im Kloster SL Emmerau 



1) Hierbei ist zu verweisen auf Harttelders schöne Ausgabe 
der Fünf Bücher Epigramme von Konrad Celtes, Berlin 1881. Die 
Epigramme „geben oder ergänzen und bestätigen die Kachrichteu Ton 
dem litterarischeft Leben der Zeitgenoaien, s. B. tob den Sodalitelei üb» 
tenviae*. 

2) TsL Hagea, Dentwililindi lileiadBohe und teU|iflia VefhlUoiMe 

IT 



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260 I^er EuUritt und das Wirken des HonumiBmiu. 

zu ßegensburg von ihm entdeckten Werke der sächsischen 
NoDBe Roswitha von Gandersheim (Nürnberg 1501) heraus- 
gegeben bat, darf an dieser Stelle auch als ein Verdienst 
um das Vaterland bezeichnet werden^). 

Man könnte mit Geltis den berühmten Vertoer der 
AnnaleB Boionun Aventinns in näebste Verbindung bringen. 
Auch er hat ja viele Jahre hindurch ein unstetes Wander- 
lehen geführt, nach seinen eigenen Angaben fünfzehn Uni- 
versitäten besucht, viele Länder, auch die Schweiz, Polen, 
Italien, Frankreich aus eigener Anschauung kennen gelernt 
und dabei doch treuen vaterländischen Sinn bewahrt; auch 
er hat, als er 1507 in Ingolstadt einen festen Sitz gewonnen 
zu haben scheint^ eine Sodalitas literaria daselbst begrftndet, 
die vor Allem auf historische Forschungen ihre Thfttigkeit 
richten sollte. Dass er dann« als Prinzenerzieher am heneog- 
lichen Hofe in Bayern, zu welcher Stellung er gerade als 
Humanist gelangt war, für den Humanismus in deutschen 
Landen nicht mehr Propaganda machen konnte, erklärt sich 
von selbst*). 

Als ein rechter Wanderlehrer des Humanismus ei-scheint 
Johannes Rhagius Aesticampianus (Hack aus Sommerfeld 
in der Niederlausitz), dei' das zuerst in Krakau, dann in 
Bologna und Rom Gelernte bereits in Frankreich auch ge- 
lehrt und der späterhin in yielea Scholen und Ummdtftten 
Deutschlands gewirkt hat Er war, wie es scheint» 1501 in 
Basel, aber schon 1502 in Heidelberg; 1506 zählte er zu den 
ersten Zierden der Univei'sität Mainz; bald nachher oder 

im BeformationsBeitalter I, 148 f. Eine «nriehende Würdigung von Oeltig ' 
gibt Mch Barthold, OoBcludite der frnelitbiiiigeadeii GoflaUiduift (1868) 
S. 92 fll Eine Probe seiner Qemiaiiia moitntt beeitM irir in der eehOnea 
Sebfldenmg Hfimbeige, abgednickt in den Opp. YfU. Hridieimerel ed. 
Goldaet (NOinbevg 1610X 

1) Die von Aechbach in seiner Schrift Roswitha und Conrad Gelten 
(Wien 1867) erregten Zweifel können wohl nach dem von Köpke in den 
Otton. Studien II Gesagten als beseitigt gelten. Y^. aadi Annjger fUr 
Kunde der deutschen Vorzeit 1868, Sp. 176 ff. 

2) Ausser den Schriften von Wiedemann (1857) und Dittmar 
(1862) B. besonders Dülliuger, Avenün und seine Zeit (1877). 



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II. Ausbreitung des Humanismus. 



261 



schon vorher arbeitete er an der lateinischen Schule der 
Reichsstadt Lindau und hatte dort den Urbanus Regius unter 
seinen Schülern. Dann unternahm er es in Köln neben 
Anderem den Plinius au&ulegen und hatte unter seinen Zu- 
hörern auch Uli-ich von Hutten, musste aber nach kuner 
Frist vor den Vertretern des Alten weichen, worauf er einen 
Ruf an die neubogrtkndete Uniyersitftt Fninkfort a. 0. an- 
nahm. IndesB auch hier rastete er nicht lange, da der dampfe 
Geist der froheren Zeit die junge Pflegestatte der Wissen- 
schaften rasch ei-grifT, wie denn auch Hutten, der den ver- 
ehrten Lehrer an der Oder wieder aufgesucht hatte, mit ihm 
wegzog. Schon im Wintersemester war Aesticampianus in 
Leipzig, wo er neben Hieronymus P'mser wirken sollte. Er 
gab dort 1509 die Germania des Tacitus heraus, welche schon 
froher Celtis als Grundlage zur Behandlung der ältesten 
deutschen Geschichte gebraucht hatte, und seine gelegentlich 
ausgesprochene Bemerkung, dass er drei Dekaden des Livius 
(kflfentlieh erklärt und dadurch den Sinn edler JOn^^ge 
emporgerichtet habe, ist wohl auch auf die Zeit seiner Thätig- 
keit in Leipzig zu beziehen. Aber im Jahre 1511 musste er 
vor den Vertheidigem der alten Lehrweise auch aus Leipzig 
weichen; er schied jedoch mit einer in akademischer Form 
angekündigten Rede, zu welcher die ganze Universität ein- 
geladen war. Er scheint zunächst noch einmal in Köln sein 
Heil versucht zu haben; dies wenigstens steht fest, dass er, 
der ja auch Doctor der heiligen Schrift war, im Fiühjahre 
151S dort Vorlesungen über das vierte Buch der Schrift 
Augustins de doctrina christiana halten wollte; aber ebenso 
gewiss ist es, dass er sich auch jetzt nicht zu behaupten ver- 
mochte. Hierauf muss er es unternommen haben, in Eottbus, 
wohin aus Köln manche junge Männer ihm folgten, eine Sdiule 
einnirichten. Allem abermals in seinen Hofihungen getäuscht, 
nahm er (wahrscheinlich im Jahre 1515) einen Ruf an die 
lateinische Schule zu Freiberg an, wo bald nachher der treff- 
liche Petrus Mosellanus ihm an die Seite trat und Alles in 
fröhlichen Gang kam. Allein bereits 1517 berief ihn Friedrich 
der Weise an seine Universität Wittenbei'g, indem er ihm eine 



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262 Eintritt und du Wirken des HomeiuBmiifl. 

Lectio Pliniana (d. h. eine Professur der Naturgeschichte) 
übertrug. Wir erklären es uns aus der eben damals in Wittenberg 
begonnenen Refonnbewegung« dass Aesticampianus nicht die 
Etistoria naturaliB des Plinius, sondern Schriften des Augustinm 
und des Hieronymoe behandelte, worfiber doch selbst Luther 
ndi yerwnnderte. Es mag hidess bemerkt weiden, dass eben 
damals Aesticampianus mit Melanchthon auch fkber das zwan» 
zigste Buch der Iliade verhandelte. FrQher ein Mann von 
würdiger uud gewinnender P^rscheinung , litt er in den 
letzten Jahren viel durch Asthma, und schon am 31. Mai 1520 
starb er^). * 

Aehnlich ist der Lebensgang, aber ungleich grösser ist die 
literarische Bedeutung HermannsvondemBusche. Durch 
Verwandtschaft dem dassisch gebildeten Domhen-n Rudolf 
von Langen in Münster nahe gestellt, hatte er unter dessen 
Augen den Eingang zu den höheren Studien gewMmen, dann 
aber in Ibeventer unter Alex.. H^us, eine kurze Zeit auch 
in Heidelberg unter Rudolf Agrioola diesen Weg weiter ver- 
folgt. Mit seinem väterlichen Freunde von Langen war er 
dann (1486) nach Italien gegangen und hatte hier fünf Jahre 
lang seine Studien fortsetzen können. Die Stellung, welche 
er hierauf im Hause des Bischofs von Münster, Heinrich von 
Schwarzburg, angenommen hatte, hinderte ihn nicht, im Hause 
des Domherrn von Langen dessen reiche Bibliothek fleissig 
zu benOtzen, noch hielt sie ihn ab, einen Ausflug nach Frank- 
reich zu machen. Von dort zurückgekehrt, ging er (Ende 
1494 oder Anfang 1495) nach KOln, um die Bechte zu stodiren, 
aber auch als Poet sich welter zu bilden. Zu einem Kampfe 

1) Die ThAtii^dt dm aiugeseicihiietea MamieB Uitt sich noch immer 
nicht in flunen Einzelheiten sicher bestimmen. Frühare Darstellungen ef- 
BclMioen snm Theil sehr schwankend, um so willkommeuer sind die Auf- 
schlösse, welche K. und W. Krafft in den Briefen und Documenten aas 
der Zeit der l^eformation (1875) XVI, 137 ff. geben; vgl. L. Krafft, Aof^ 
Zeichnungen des schwei2eri8chen Reformators H. Bullinger (l.s70) S. 43 f. 
Ueber das Wirken A.'s in Freiberg s. Süss, Gesch. des (Tymnasiums zu 
Freiberg (1876) S. 10—14 und Schmidt, Petrus Mosellanus S. 16 — 19, 
74. Im Allgemeinen ist noch anf die Zusammenstellungen Söckings in 
Hntteni Opp. Supplem. T. II, 99S ff. *a Tviraiien. 



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IL Aasbreituag des Humanismiu. 2ß^ 

mit. den Scholastikern von Köln ist er damals nicht jrekommen; 
als er indess sich entschlossen hatte, den classischen Studien 
alle Zeit und Kraft zu widmen, ward es ihm doch Bedüifniss, 
den Wanderstab zu ergreifen. Er wurde jetzt, wie Aesti- 
campianus, ein Wanderlehrer des Humanismus. Ueber Hamm, 
Monster, Osnabrück, Bremen, Hamburg, Lübeck und Wismar 
gelangte er bis Boetoek, wo er 1501 (nicht 1503 und 1504) 
Aofiinhme sachte. Er hatte unterwegs an allen Orten nur 
kone Zeit sich anijsehalten, überall aber in Schulen oder 
senet in (Mfentlichen Gebäuden dassische Schriften erklärt, 
in Hamm einige Episteln des Horaz, in Münster Stücke aus 
Virgil, in Osnabrück eine Satire des Persius, dieselbe und 
eine Rede des Livius in Bremen und Hamburg, in Lübeck 
einen Hymnus des Prudentius, in W^ismar eine Ekloge Virgils. 
In Rostock behandelte er Stücke aus Cicero, Virgil und Ovid, 
und bei den Vorlesungen über Juvenal gewann er die Zuhörer 
80 ganz für sich, dass der Professor Tilemann Heyerling, der 
auch Ober Juvenal las, vor leeren B&nken stand. Damit gerieth 
er freilieh in Streit, was ihn aunäehst naeh Greifswald, aber 
noch 1502 nach Wittenbei|^ fthrte, wo er als artis oratoriae 
atque poeticae lector eonductus am Tage der Eriiflbung der 
neuen Universität (18. Becember) die Weiherede ssu halten 
hatte. Er begann nun auch als Persiphilus (mit iliesem Bei- 
namen erscheint er im Album der Universität zum ersten 
Male) Vorlesungen in seinem Fache*). Wenn er dann doch 
bereits 1503 an die Universität Leipzig überning, so mag 
dazu ein Ruf des Herzogs Georg ihn bestimmt haben. Dort 
hielt er sich auch länger als an anderen Orten. Er wurde 
jetzt (noch 1503) Baccalaurens legum, besorgte sodann neue 
Ausgaben der sc^on früher erschienenen Gedichte, wie er neue 
Epigramme (in seinem gegen Heverling geriehteten Oestrum) 
schrieb, und beschäftigte sich zugleich mit Silius Italiens und 
Valerius Maximvs^ mit (}icero de oratore, mit Flautns*), mit 



1) Muther, Die Wittenbogor UniTenitlti- and FacultUsstatatfln 

im Jahre 1508 (1867) S. 231 f. 

2) Vgl. Bitschrs Fonchuogen in den Opusc philol UL 



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264 Der Eintritt und 6m WlrboB Um Hnnuuiismat. 

Appian. Aber sein imrahig«r Geist «lehte damelB auefa Ver- 
bindung: mit den Humanisten in Erfiirt und Eingang in die 

neu entstehende Universität Frankfurt a. 0., und wohl auch 
durch sittliche Verirrungen den Vorkämpfern des Alten ärger- 
lich geworden, zog er 1507 (oder zu Anfang 1508) wieder 
nach Köln Hier suchte er durch ein Lobgedicht auf die Stadt 
und ihr geistiges Leben sich Ankn&pfungspunkte zu schaffen; 
aber die bald darauf in grosser Yersaninilung vor g etragene 
Bede de studio et lectione saerarum litterarum deque avaritia 
omni <^e ecdeaasticis fngienda erwarb ihm neue Widersaeher 
und durch seine Ausgabe des Donatus, deren Vorrede auch 
Erwachsenen das Studium der Grammatik dringend und nidit 
ohne grobe Bemerkungen Ober Verftehter der Grammatik 
empfahl, gerieth er in offenen Kampf mit dem doch auch in 
I)eventer gebildeten Ortuinus Gnitius, der dann selbst den 
Donatus herausgab und Hennanns Bemerkungen als pei-sön- 
liche und auf Brotneid zurückzuführende aufnahm. Noch 
immer zuweilen tler Jurisp'mdenz wieder zugewandt, blieb er 
doch auch den classischen Studien treu: er beschäftigte sich 
eifrig mit Plautus und gab aus diesem zusammengestellte 
Soitentiae et Ädagia für Schulzweeke heraus^). Als hierauf 
(1510) die Beuehlinistenfbhde ausbrach, hielt er sidi asunftehst 
in Torsiehtiger Entfernung, was ihn auf der andern Seite in 
Verdacht bringen konnte; allein 1513 ging er entschieden zu 
den Reuchlinisten über und schrieb den Triumphus Capnionis, 
ein von rücksichtsloser Leidenschaft dictirtes Gedicht, und im 
Sommer 1514 trat er zu Frankfurt a. M. mit Reuchlin und 
Erasmus in persönlichen Verkehr. Bei solcher Parteinahme 
war nun freilich in Köln für ihn kein Platz mehr. Auch 
übernahm er 1516, nachdem er eine flüchtige Reise nach 
Holland und England gemacht hatte, die Leitung der grossen 
Schule in Wesel, für welche er dann Dictata quaedam utilissima 
ex ProYerbüs sacris et Ecdesiasttco herausgab. Es kann nun 
auffollen, dass er bereits zu Anfang 1518 seine Stelle wieder 



l) Krattt S. 131 und 167. 



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11. AuäbreituDg des iiumamsmus. 



265 



aufgab und nach Köln zurückkehrte^). Er muss also doch 
geglaubt haben, dass er sich vor den dortigen Bekämpfern 
des Humanismus werde behaupten können, gestützt auf den 
Grafen Hermann von Nuenar, dem er auch sein bedeutendstes 
Buch Valium humanitatis, das damals erschien, gewidmet hat: 
eine gemässigte Schutzschrift für die clasfiischen Studien , die 
ernst und würdig den Wertli derselben auch ans der Geschichte 
der Kirche seigte nnd die Besorgnisse der Gegner als unndthig 
eiselMuien liess. Eraamns, mit dem er noch in engerer Ver- 
bindnng blieb — auch trat er flQr ihn gegen dcp Engländer 
Lee in die Sehranken — , zog sich dann doch von ihm zorttck, 
als er in Gemeinsebaft mit Hutten gewaltsame Umgestaltungen 
ins Auge fasste ; seine Anwesenheit beim Reichstage in Worms 
(Frühjahr 1521) hatte auch bereits seinen Uebertritt zur 
Sache Luthers entschieden -). ^ 

Man kann jedoch von der Propaganda des daniali-^eu 
Humanismus nicht reden, ohne der unendlichen, nach allen 
Seiten sich verzweigenden, in die verschiedensten Angelegen- 
heiten nnd Interessen eingreifenden CoiTOspondenz seiner 
Freunde und Vertreter zu gedenken. Hier hat die Forschung 
noch ausserordentliche Aulgaben vor sich. Wir erwAhnen 
hier nur in aller Ettrze die Briefe des Erasmus, des Reuchlin, 
der ErfttrCer. Aber wie regsam sind in solcher Beziehung auch 
die minder bedeutenden Humanisten, z. B. der Nürnberger 
Scheurlund derllegensburger Michael Hummelberger( Hummel- 
burg), gewesen^)! Die Briefe der Humanisten waren und 

1) Ileidemana, Vorarbeiten zur Gesch. des höheren Öckuiwesens 
in Wesel I, l:'. ff. 

2) Auch über Henuums Leben und Werke liegt zum Theil nocli 
Dunkel VerdienstlieheB sa der noeh telir wftimcilienawerUien Aufhellung 
haben in DeaererZeit dargeboten Liesiem, de H. BascUi vita et eeriptis 

und Parnet, Bndolf von Langen (1869). Ueber eein YeriilltDiie 
an den KMoem a. Seichling, de Jo. Monndlü Tita et acriptia (187Q) 
p. 17 ff. und L. nnd W. Krafft, Briefe nnd Docnmente 8. 58, 06^ 
181, 187. 

3) Ueber ihn Horawitz, M. Hummelberger (1875); von dems. Mit- 
theilungen von Briefen Iluinmelbergers in den Schriften Zur Bloj^raphie 
und Correspondenx Joh. iieuchiins (1877) und Analecten zur Geschichte der 



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266 ^ Eintritt »d das Wirken des Humanismus. 

blieben noch lange die leichtesten Mittel des Verkehrs, der 
gegenseitigen Verständigung wider die gemeinsamen Gegner, 
der gegenseitigen Ennunterung in oft sehr schwankenden 
und unsichern Lebenslagen, der gegenseitigen Empfehlung 
und der mannigfachsten Gesuche und Bitten; sie waren aber 
vor Allem die Träger von wissenschaftlichen Mitlbeilangen 
und Ui*theileD , wie sie so raseh und bequem zu jener Zeit 
auf ktine andere Weise sieh hftfcten maehen lassen. Und uns 
setzt nichts so gut in den Stand, die Bestrebungen, die Cre- 
iiible, das ga^ze wunderbare geistige Getriebe jener üebergangs- 
zeit zu verstehen , als. diese Briefe, die oft ganz unmittelbar 
die Eingebungen und Gedanken des Moments uns begreifen 
lassen und durch vielerlei Phrasenwerk hindurch uns in 
die Geheimnisse der Herzen blicken lassen. Dass manche 
Briefe durch Mangel an genaueren Zeitbestimmungen uns 
räthselhaft sind und in den grossen Zusanunenhang sich schwer 
Anfügen, reizt den Forscher nur zu eiiisterer Betrachtung, die 
nicht selten in einem gelQgentBehen Postscriptum den Schlfissd 
fikr das Ganze findet, aus einem fiftchtig angeknüpften Grosse 
SU weiter gehenden Folgerungen angeregt wird. 

Aber die festen Mittelpunkte alles wissenschaftlichen Ver- 
kehrs und eben auch der classischen Studien waren doch die 
Universitäten. Wir müssen diese auch hier in umfassenderer 
Weise betrachten, da sie fort und fort zugleich das in Schulen 
entweder gar nicht, oder doch nur sehr unvoUkommea Dar- 
gebotene zu lehren hatten und gerade den Humanisten nodi 
immer den sichersten und lohnendsten Anhalt gewährten. 

Zumichst freilich schienen sie diese Tiehnehr von sich 
fem halten zu wollen, nur mit Misstrauen zuzulassen. In der 
That hatten sie in ilu:en Ordnungen fttr die »Poeten'* keinen 
rechten Platz, und selbst die Artisten-Facultäten waren nicht 
so eingerichtet, dass sie Männer, die obendrein auf akademische 
Titel und Würden nur geringen W erth zu legen schienen. 



Befonnatioii und das Hnwanfaimn Ui Sehwsben (1876). Eme grtasare Aib 
zakl seiner Briefe ao Peatinger, Beruh. Addnuum, Beatn Bhenamia, Stepliaa 
Bolfalu hatte schon froher Wirth mitgethdU. 



IL Ausbreitung des Humanismus. 267 

nicht ohne Weiteres eindringen lassen konnten. Aber den 
Neuerern trat aus sehr verschiedenen Motiven Antipathie ent- 
gegen. Der redlichste Eifer für die anscheinend gefährdeten 
Interessen der Kirche, das hochmüthijze Vertrauen auf die 
überlieferte Wissenschaft, der an den bestehenden Formen 
und Rechten starr festhaltende Kastengeist, der kleinlichste 
Brotneid vereinigteD sich bisweüen zu gemeinsamer Abwehr. 
Indess waren die Eindringlinge auf die Dauer doch nicht 
zorttekzuhahen. In ihren Reihen standen doch auch sehr 
tüchtige und sehr besonnene Mftnner, und die in den UniYersi- 
täten zusammenströmende Jugend nahm das Neue mit Be- 
geisterung auf. Von besonderer Wichtigkeit fftr das Durch- 
dringen des Humanismus war es dann, dass auch angesehene 
Vertreter des Alten mit den Vorkämpfern des Neuen in 
achtungsvolle Verbindung traten und zahlreiche Fachgelehrte, 
Theologen, Juristen, Mediciner, unter den Einfluss des Huma- 
nismus sich stellten und mittelbar für ihn thätig wurden, 
Uebi-igens war au den einzelnen Universitäten Aufiiabme und 
Ablehnung der classischen Studien doch eine sehr verschiedene ; 
aber selbst KOln, durch die Beuchlinistenfehde und die Bri^e 
der Dunkelmänner in so argen Buf gekommen, hat im Ganzen 
sieh besser erwiesen, als man gewöhnlich annimmt Wir Ter» 
sndien nun auf rascher Wanderung durch diese Hochschulen 
eine bestimmtere Vorstellung von der an ihnen sich ver- 
suchenden Thätigkeit der Humanisten zu gewinnen. Wir 
werden dabei mancherlei Schwankungen, auch schnelles Auf- 
blühen und Verblühen, zu betrachten haben. 

In Böhmen hatten die classischen Studien früh so viel 
Theilnahme bei eintiussreichen Männern gefunden — wir er- 
innern hier nur an Bohuslaw Hassenstein von Lobkowitz und 
Georg Hruby von Jeleni dass die vollständige Veiiiach- 
llssigung dieser Stadien an der Universität Prag, der ältesten 
m dem hier zu durchmessenden Kreise von Hochschulen, auf 
den ersten Blick sehr auffallend erscheinen kann. Aber die 
hl den Anfängen ihrer Geschichte so bedeutende Anstalt war 
unter den Hussitenstttrmen in traungster Weise verödet, hatte 
dann auch in ruhigerer Zeit durch die ubraquistischen Stände 



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268 Der Eintritt und das Wirken des Hamanismoi. 

eine fast unbegreifliche Vernachlässigung erfahren, und in der 
letzten Zeit des Mittelalters schien selbst die philosophische 
Facultät in vollständige ErschlaflFung versunken zu sein. 
Gregor von Prag, der bis 1485 über Virgil las, blieb einsam, 
und wer sonst in Böhmen für classische Bildung empfänglich 
war, stand ausserhalb der Universität. Es verstellt sich also 
von selbst, dass diese ihre weitgehenden Beftignisse gegenober 
den niederen Schulen in Stadt und Land auch nicht zu irgend 
einer Beförderung der neuen Studien gebrauchte^). 

Da ragte die üniversitilt Wien um so i?!ftnzeDder henror. 
Denn obgleich sie unter der trägen Regierung des Kaisers 
Friedrich III. von oben nur geringe Förderung erfahren und 
selbst unter der vorübergehenden Herrschaft des dem Huma- 
nismus freundlich zugewandten Matthias Corvinus sich eben 
nur erhalten, den classischen Studien aber keine besondere 
Pflege gewidmet hatte, so begann doch mit Kaiser Maximilian I. 
fikr sie ein Zeitalter des erfreulichsten Gedeihens. Die durch 
Konrad Celtis zu Stande gebrachte Sodalitas Daaubiana wurde 
sofort auch für die Universit&t bedeutend; noch wichtiger er- 
schien dann die Bemfdng des ausgeseichneten Mannes an die- 
selbe (1497) und die rasch folgende Errichtung des CoUegium 
poeticum (1501). Von allen Seiten sammelte sich jetzt eine 
lernbegierige Jugend in Wien, um Männer, die dem Huma- 
nismus auf die von ihnen vertretenen Facultätswissensehaften 
Einfluss gestatteten und bereitwillig auch den eigentlichen 
Humanisten die Hand reichten, während diese selbst, der 
kaiserlichen Anerkennung sicher, ohne Hast und Ungestüm ihre 
Sache förderten« Das stattliehe Leichenb^ängniss, womit die 
UniyeFBitiit den zu frtth (1506) Yom Tode abgerufenen Geltis 
ehrte, war ein Beweis für die Geltung, welche mit ihm und durch 
ihn das humanistische Wissen in Wien gewonnen hatte. Schon 
waren dort auch Cuspinianus und Vincentius Longinus als 
Humanisten zu hohem Ansehen gekommen, jener schon 1493, 
dieser 1501 vom Kaiser als Dichter gekrönt. Der erstere 
hatte Übrigens auch auf anderem Gebiete gründliche Studien 

1) Tomek, Geseh. der Pnger V^naHm (1848) S. 150 1 



n. AniMtiiiig dü. Hniiitnitiiwii. 



269 



gemacht: ein grOndlieher Inteipret latciniscber Autoren und 
du lunreissender Bedner, konnte er biennal auch al& Decan 
der medidnisehen Faenltät eintreten, in welcher Georg Tan- 
stetter (Golliimtius) noch besonders sich auszeichnete, und 

bald war er auch als Vertrauensmann des Kaisers in diplo- 
matischen Geschäften thäti^;, neben denen er doch die classi- 
schen Studien nie verleugnete, wahrend jene ihn mehr und 
mehr zu historischen Arbeiten anregten. Seinen mit Be- 
wunderung zu ihm emporschattenden Schüler Nikolaus Gerbehus 
treffen wir später auf einer gans anderen Seite Aber zu 
seinen Schalem gehörtmi in den ersten Jahren des neuen 
Seculums auch die Schweizer Joachün yon Watt (Yadianus), 
Huldreich Zwingli und Hemrich Glareanus; mit dem zuerst 
Oenannten wie mit Peter Eberbach, der yorher in Erfurt 
bereits für classische Studien gewirkt hatte, kam sp&ter 
(1511) auch Ulrich von Hutten in freundliche Verbindung*), 
Vadian wurde 1514, als er bereits das Griechische an der 
üniversitilt lehrte, vom Kaiser ebenfalls mit dem poetischen 
Lorbeerkranze geschmückt, aber er hatte zugleich Theologie, 
Jurisprudenz und Median in den Kreis seiner Studien gezogen 
und war auf der Bahn zur höchsten Anerkennung, als er 1518 
Wittd veifiess. Auf das Studium des Grieehischen hatten ihn 
schon fraher die Mathematiker Georg Peuerbaeh (f 1461) 
und sein SchOler Johann Müller Begiomontanus (t 1476), die 
dort jk auch Mathematik und Astronomie in freierem Sinne, 
wie spiiter Stiborius und Stabius, gelehrt hatten, mit Nach- 
druck hingeleitet ^> 



1) Briefe von diesem bei Geip^er, Reuchlins BriefwechMl 8. 108, 
178, 890 «ad im Cod. Lat Moom. 4007, fol. 62, 81, 88, H> 

StraatB, Hotten & 89 ff. 

8) EndiApftod Aichbach, Dto Wien« ünivcnitit und ihre Hu- 
™"tf*fn (1877). 6edeut8«m ist, dass der Wiener Professor Konrad Säldner, 
tßgn den als einen Gegner des Humanismus der Augsburger Patricier 
Sigismund Gossembrot Fehde erhoben hatte, ausdrücklich gegen den Ver- 
dacht sich zu verwahren hatte, dass er das Studium der Classiker ver- 
worfen habe, während er nur von dem Ruhme der neumodischen Poeten 
nichts wissen wolle. Ohne einen gewissen Gegensatz war also doch auch 



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270 ^ Eintritt ud dai WiilaD dai HnmaiuBniiiB. 

Wie Kaiser Maiimilian für Wieo, so war der Henog 
Georg *der Beidie fSir seiiie UniTerritit Ingolstadt ein 
Milcen der bnmaniBtiscben Stodien. Er berief dorthin 1492 
keinen 6erinf?eren als Kenrad Geltte, der dann als Lehrer 

der Rhetorik uud Poetik mit einer glänzenden Rede sein 
Amt antrat, das er dann freilich mit grossen Unterbrechungen 
verwaltete. Als er dann ganz nach Wien hinweggegangen 
war, trat Jakob Locher, früher sein Schüler, an seine Stelle, 
die er 1498 — 1603 festhielt: ein bis zur Leidenschaft erreg- 
barer Mann, der dui*ch seine Vorträge über Rhetorik und 
Poetik, wie darch seine Erlcl&ning dassischer und patristiseher 
Schriftwerke die Geister mAehtig erregte« aber anch dnrdi 
sein heftigeB Auftreten gegen den Theologen Sngel, der die 
ehristllehen Dichter bevorzugt sehen wollte, und durch seinen 
Angriff auf die alte Theologie gi'ossen Widerspruch hervonief. 
Später ruhiger geworden, erwarb er sich durch zweck- 
mässige Ausgaben und Lehrschriften grosse Verdienste; 
zahlreiche Schüler auch aus den höheren Ständen hörten 
ihn; neben ihm wirkten Johannes Aventinus (1507 und 
wieder 1515), Thomas Rosenbusch (1509), Urbanus Rhegius 
(1510), Johann Pwle (Agricoia, 1515), Johannes Reuddin 
(1520), Job. Alexander Brasslcanus (1522). An der Beneh- 
ünistenfehde betheiligte er sich nicht, wie er auch ndt BenehKn 
selbst in nähere Verbindung nicht getreten ist; ebenso wenig 
hat- er fbr die Reformation Sympathie an den Tag gelegt. 
Aber mit seinem Tode (1528) erreichte die Geltung des 
Humanismus in Ingolstadt ihr Ende, obwohl kurz vorher noch 
ein Pädagogium zu täglichem Untemchte im Griechischen 
und Lateinischen, mit Agricola für das Erstere und Zehentmair 
für das Andere, unter Uochwarts Leitung begründet worden 
war. Herzog Emst, der auch sonst Alles aufbot, die üni> 
yersitftt au heben, hatte 1514 durdi Urbanus Rhegius auch 



in Wien der Humanismus nicht geblieben. S. Wattenbaeh, IQgismand 
Gossembrot als Vorkämpfer des Humanismus und seine Gcgntr, m 
Zeitschrift für die Gesch. des Oberrheiiu XXV, 86 ff. 



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IL AubNitmig dM Honuuuiniiiii 



271 



den grossen Erasmus, mit dem er Briefe wechselte, nach 
Ingolstadt eingeladen, fi*eilich vergebens^). 

Die Uiiivenität Frei bürg, über deren GrOndung die 
Büiger der Stadt so ligeriich gewesen waren, dass sie den 
Papst zn bestimmen gesneht hatten, «ihre Schule zu wider- 
rafen", schien doch, wie es in ihrem Stiftnngsbriefe hiess, 
ein BiTinnen des Lebens werden zu sollen, und sie hat dieser 
Aufgabe in den sechs ersten Decennien mannigfach entsprochen. 
Der beillhmte Jurist Ulrich Zasius konnte lange auch als 
ernster Vertreter des Humanismus gelten; Jakob Wimpheling, 
der dort seine Lehrthätigkeit begonnen hatte, lebte in den 
Jahren 1504 bis 1510 meist wieder in Freibui-g; Jakob Locher, 
der 1488 in der dortigen Artisten -Faenltftt immatricnlirt 
worden war, begann daselbst, nach seiner Rttckkehr aus 
Italien, im Fratqähr 1485, als Lehrer der Bhetorik imd 
Poetik eine rege Thäüg^eit, eng Terbnnden mit Zasius und 
bei-eits 1497 vom Kaiser Maximilian als Dichter gekrönt*). 
An ihn hatte damals auch der junge Urban Rhegius sich an- 
geschlossen, der ei-st durch ihn auch in besonders innige 
Verbindunp: mit Zasius trat. Mit dem Beginn der Reformation 
kam auch hier, durch das Eingreifen des Erzherzoirs Ferdinand 
und den Einfluss des am Lutheilhum irre gewordenen Zasius 
eine Stockung in die humanistischen Studien, denen auch 
Philipp £ngelbrecht (fingentinus) und Konrad von Here^Mtch 
durdi ihre Wirksamkeit nicht mdir au&uhelfen vennochten^. 



1) Hehle I, 11 f., 38 iL Ganthner, GMluchte der Uttemischen 
Autaiten hi Balm 41 ft. ISO 1, m, 150 iF. Der grtiia BeucUin, der 
ta Ingolstadt im Hatue dei Bonbemi und Vieekamlert Dr. Johann Eck 
wolinte, las VovmittagR Ober Uoiea Efandd imd Nadunittags Uber den 

Plntus des Aristophanes yer Hunderten von Zuhörern. Briefe von und 
an Reuchlln aoa der Ingolstädter Zeit bei Horawitz, Zur Biographie 
und Correspondenz Reucblins (1877) S. 61—74. Nicht ohne besonderes 
Interesse sind die Briefe von und an Rhegius bei Horawitz. Analecten 
zur (iesch. der Reformation und dw Humanismus in Schwaben (1878). 

2) In jene Zeit gehört seine lateinische Bearbeitung von Brants 
Kairenschifif (1497) und seine Ausgabe des Horaz (1498). Heble I, 15 £f. 

3) Beide waren eürige Anhänger des Erasmus , aber jener auch mit 
Hotten und Ltt&er befreundet (vgl. Horawits, Analecten 8. 199 ff.X 



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272 ^ Eintritt und das Wiricen des HnmaniBmas. 

DasB der durch die kirchliche Bewegung aus Basel vertriebene 
ErasmuB für den Hamanisnuis in Freiburg, wohin er in tiefster 
Verstimmung gegangen war, nichts thiin konnte, der all- 
bewunderte Fürst der Humanisten, muss als ein besonderes 
Gesehiek auch für ihn selbst angesehen werden. Der treu 
zu ihm haltende Glareanus, seit 1529 in Freiburg, konnte 
dort den Verfall der classischen Studien noch weniger auf- 
halten 1). 

Unsere Aufmerksamkeit lenkt sich so von selbst auf die 
Universität Basel, welche, im Jahre 1460 gegiUndet, doch 
gleich in der ersten Zeit, bei dem auch dort unvermeidlichea 
Kampf zwisdien Nominalisten und Realisten, durch einen 
Theil der letzteren unter Johannes Heynlin a Lapide einige 
dem Humanismus gOnstige Förderer gehabt, bald auch (seit 
1475) durch den jungen Sebastian Brant und andei*e mit 
diesem befreundete Männer ein regsameres Leben gewonnen 
hatte. Brants literarische Betriebsamkeit trat zugleich in 
enge Verbindung mit den damals in Basel emchteten Buch- 
druckereien (schon 1460 hatte Joh. Petri eine solche begründet, 
1481 folgte Joh. Amorbach, 1491 Joh. Frohen) und sichei-te 
durch die praktische, bald moralische, bald patriotische Ten- 
denz seiner Dichtungen, vor Allem aber durch sein im Jahre 
1494 erschienenes ^NarrenschiflP* dem Humanismus eme weit- 
reichende Anierkennung. Als Medichier und Humanist hatte 
bereits 1464, nach seiner Rückkehr aus Italien, Peter Luder zu 
wirken begonnen^ im Gegensatz zu dem ernsten, etwas pedan- 
tischen Brant durchaus ein Vertreter italienischer Frivolität, 
als Poet und Redner in einseitigem Formalismus befangen, 
bei grossem Talent doch nicht im Stande, eine nachhaltige 
Wirkung hervorzubringen Am Anfange des neuen Jahr- 



diflMr, weit 1521 in Freümrg, ich^t neben dar Juiipnideni doch 9mk 

das Griechische priyatiin gelehrt m haben (Horawitz S. 62 f., 65 f.). 
Ueber Heresbaeh vor Allem Weitere, Comnd von Heresbaeh (1867) 
S. 21 ff. 

1) Schreiber, Heinrich Loriti Glareaniu (1837) S. 69 £ ImAllg. 
ders. , Gesch. der Universität Freiburg 1. 

2) Wattenbach, Peter Luder a. a. 0. 



IL Aiubreitimg des Homanismas. 



273 



hunderts hatte in Basel auch die Theologie an Thomas Wytten- 
bach einen Vertreter, der die eifrige Beschäftigung mit den 
Classikern, wie sie die um ihn sich sammelnden strebsamen 
Freunde Huldreich Zwingli, Leo Judae, Oswald Myconius als 
nothwendig erkannten, eher förderte als hemmte. Von höchster 
Bedeutung aber für den Humanismus schien es zu Vierden, als 
seit dem Jahre 1513 der allbewunderte Erasmus mit Basel 
in immer engere Verbindung trat und bei wiederholtem, bald 
längerem Aufenthalte, wlUirend er aueh jene Männer für sieh 
gewann, zugleich mit Hdnrich Loriti Glareanus, Beatus Rhenanus, 
WoUQb;. Fabricius Capito, Nikolaus Gerb^ius u. A. in engei'O 
Gremeinsehaft trat; es war die Zeit, wo er für das gesammte 
Deutschland dem Huiiuuiismus ausserordentliche P>folgesi*liatfen 
konnte. Glareanus aber, der immer enger dort an ihn sich 
angeschlossen hatte und auch durch die in seinem Pensionat 
gesammelten Zöglinge für das, was er vertrat, grösseren Ein- 
fluss zu üben im Stande gewesen wäre, gelangte bei zweimal 
(1514 und 1522) begonnener Wirksamkeit in Basel doch zu 
kehier festen Stellung an der Universität, deren «Sophisten** 
ihm vielmehr mancherlei Schwierigkeiten bereiteten, während 
freilich auch er sie nach Möglichkeit zu ärgern suchte. Wie 
dann die stOrmische DurchfQhi-ung der Reformation ihn und 
seinen Meister Erasjims zum Wegzuge nach Freiburg bestimmt 
hat, ist oben berührt worden 

Nur sehr langsam konnte an der Universität H ei del- 
berg der Humanismus eine feste Stellung gewinnen. Peter 
Luder, der schon in jungen Jahren als Kleriker dorthin ge- 
kommen war, dann aber in Italien längere Zeit sich auf- 
gehalten hatte, erhielt zwar früh durdi die Gunst des Pfalz- 
grafen Friedridi des Siegreichen ein Lehramt an der Uni- 
versität, gerieüi aber sofort auch mit den Männern der alten 
Schule in Streit, da er entschlossen die Klassiker und die 
an sie geknüpften Studien wider den Vorwurf der Unsitt- 
lichkeit vertheidigte. Als aber 1460 die Pest ihn aus Heidel- 



1) W. Vi scher, Geschichte der Universität Basel von der Gründaiig 
1460 bis zur Reformation 1529. Basel 1860. 

K»eininel, Schulwesen. 18 



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274 



Der Eintritt und das Wirken des Humanismus. 



berg vertrieben hatte, fiel Alles in die scholastisehe Weise 
zurück. Erst Pfalzgiaf Philipp der Aufrichtige, der 147G zur 
Regierung gelangt war, öffnete den neuen Studien eine breitere 
Bahn. Wie in persönlichem Verkehre mit ihm und an seinem 
Hofe Johann von Dalberg und Dietrich von Plenningen, 
Rudolf Agricola und Konrad Celtis Geltung gewannen, wie 
die durch Celtis in Gemeinschaft mit Dalbei^ begrOodete 
Rheinische Gesellschaft bald alle strebsamen Männer am 
Oberrfaein und in noch weiterem Kreise vereinigte, so ge- 
langte doch auch an der Uniyersität durch die vom Ffolz- 
grafen berufenen Lehrer Johann Wessel, Johann Beuehlin 
und dessen Bruder Dionysius, Jakob Wimpheling und Andere 
der freiere Geist des Humanismus, freilich unter stetem Wider- 
streben der scholastischen Collegen, zu eintiussreicherer Wirk- 
samkeit, die es allerdings zu rechtem Bestände nicht gebracht 
bat^). Der jugendliche Melauchthon fand in Heidelberg noch 
gar nicht, was er nach den raschen Anfängen in PforzhmBi 
für seinen aufetrebenden Geist brauchte. 

Es stand doch anders an der Universität Tftbingen, 
wo er am 7. September 1512 sich inscribiren Hess. Allerdings 
hatte auch diese Hochschule zwei Jahrzehnte lang in den 
Schranken der alten "Wissenschaft sich gehalten und die 
classischen Studien mit aller Entschiedenheit abgewiesen, was 
um so leichter geschehen konnte, als der Stifter Graf Eber- 
hard im Bart, zugleich ein Freund wissenschaftlicher Bildung:, 
die classischen Studien eher mit Misstrauen beti'achtete. £ia 
oft angeführter Brief von Bernhard Adelmann an Reuchlin- 
vom Jahre 1484 hatte bittere Klage zu erhebmk über die 
Vernachlässigung dieser Studien an der Universitftt'). Aueb 
Reuddin, der bei Eberhard in so hoher Gunst stand, ver- 
mochte keine Aenderung herbeizuflahren, und erst in den 
letzten Lebenstagen (1496) fasste Ebei'hard den Entschluss, 
einen Lehrstuhl für die Dicht- und Redekunst zu errichteD. 

1) Hlaiier, Die Anfitaige der ebssischeii Stadien sa Heidelbe^K 
(1844). üeber SencUini Thltigfteit fai Heidelberg anaser Geiger auch die 

sorgfältige Arbeit Dehlers in Schmids Encyclopädie VII, 115 t 

2) Jetit auch bei Geiger, fieucUiiu Briefwechsel S. 10. 



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IL Ausbnitoog dn flunuuiiinuis. 



275 



£8 gereichte den classischen Studien zn grossem Vortheil, 
dass Heinrich Bebel, schon damals ein gewandter Dichter 
und Bednar, diese Stdle erhielt (1497). Er war im 8tadtehei¥ 
Jostiogen 1472 geboren, hatte in der damals bltthenden und 
auch von Deutschen yiel besuchten üniyersität Krakau 
juristische und humanistische Vorlesungen gehört und dann 
in Basel sich weiter gebildet; aber nach Italien war er nicht 
gekommen. In Tübingen stand er zunächst mit seinen Be- 
strebungen einsam; aber seine Fnsche und Lebendigkeit ge- 
wann ihm bald grossen Anhang unter den Studirenden, und 
die von ihm gegründete Classis Sodalium Necharanorum , in 
welcher Brassicanus, Köchlin (Goccinius), Altensteig, Heinrich- 
mann u. A. mit ihm Terbunden waren, gab seinem Unter- 
richte noch besonderes Gewicht Als er nun 1501 durch 
seine patriotische Bede auf Kaiser Maximilian I, an den so 
riele Humanisten * in jener Zeit die grössten Hoftiungen 
knüpften, allgemeine Anerkennung sich erworben und vom 
Kaiser selbst noch in demselben Jahre den poetischen Lorbeer- 
kranz erhalten hatte war seine literarische Geltung so 
durchaus gesichert, dass auch ein Streit mit Celtis ihr nicht 
gefährlich werden konnte. Als Stilist hielt er sich vor Allem 
an Quintilian, und die Lateiner, die er bildete, galten bald 
in weitem Umkreise als besondera tüchtig; sonst behandelte 
er in Voriesungen Cicero, Florus, Curtius, Justinus und 
Lactantius, sowie Yirgilius, Horatius und Persius; als Poet 
schien er die Meisten zu überragen. Von seinen Lebrschriften 
erlangten die Commentarii de abusione linguae lat. ap. Ger- 
manos et de proprietate ejusdem (1500), ein Antibarbarus in 
alphabetischer Ordnung, die Commentaria epistolarum con- 
ficiendarum (seit 1503 öfter neu erschienen) und die ars 
versificandi et carminum condendorum (seit L506 ebenfalls in 
mehreren Auflagen erschienen) besondere Anerkennung Die 

1) Vgl. Muther S. 77-83. 

2) Seinen Standpunkt als Latinist bezeichnet er besonders gut in 
BCmer 1508 vor der Universität gehaltenen Rede de necessitate linguae la- 
tinae (auch bei Zapf, Heinrich Bebel nach seinem Leben und Schriften, 
1802, S. 291—808). 

18* 



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I 
I 



I 
I 

276 Eintritt und das Wirken des Uunwnismas. 

Bebeliana (seit 1508 wiederholt herausgegeben) enthalten auch 
die erste Sprichwöi-tersammlung der Deutschen, leider noch 
lateinischer Sprache, immerhin aber werthvoll als Vei-such, 
die Weisheit des Volkes literarisch zu Ehren zu bringen 
Als Yer&sser der Faeetiae (zuent 1506), einer Sammlung von 
Anekdoten und scherzhalten Aussprfldien, die nur zum kleinsten 
Tbefle von seiner eigenen Erfindung sind, hat er gegen kirch- 
liche und sociale Missbrauche in sehr wirksamer, zu Nach- 
ahmungen reizender Weise Fehde erhoben; ebenso ist sein 
grösseres Gedicht Triuinphus Veneris als eine geschickt durch- ! 
geführte Satire, namentlich auf die Bettelmönche, anzusehen. 
Das Jahr seines Todes steht nicht ganz fest; die noch immer 
wahrscheinlichste Annahme ist für das Jahr 1516^). — Die 
griechischen Studien kamen in Tübingen ei*st durch Philipp 
Melanchtbon, der im Sommer 1512 dort zu lernen und zu ' 
lehren begonnen hatte, zu einer gewissen Bedentang. Es war 
nun wohl von geringerer Wichtigkeit fiir ihn, dasserin Tftbingen 
seine Pforzheimer Ldirer Hildebrand und Simler wiederfiuidy 
als dass er mit seinem väterlichen Freunde Reuehlin, der 
damals in Stuttgart lebte, fortwährend in lebendiger Ver- 
bindung blieb. Aber auch der Verkehr mit Oecolanipadius, 
der selbst eine griechische Grammatik bearbeitete, förderte 
ihn, die ihn umgebenden Schüler aber hatten das Gefühl, dass 
er sie durch seine vereinfachende Methode rasch vorwärts 
brachte. Aufgaben und Uebersetzungen griechischer Schiiftoi, 
die Arbeiten zu einer griechischen Grammatik und einem 
griediisdien Lexikon beschsftigten ihn. Aber auch die Lateiner 
nahmen seinen Fleiss in Anspruch, wie er denn auch Bebels 
Unterricht noch benutzte. 8dne philosophischen Studien, bei 
denen Simler und Franz von Stade ihm ein tieferes Eindiingen 
möglich machten, riefen dann in ihm den kühnen Gedanken i 



1) S. besonders J. Franck, Zur Quellenkunde des deutschen Sprich- 
wortes, in Herrigs Archiv Xi, 47 ff. Hauptschrift: W. G. D. S uringar, 
Heinrich Bebels Pro?erbia Germanica, bearbeitet Leiden 1879. LYL 
ei5 S. gr. 8«. 

2) Zapf a. a. 0. YgL Hagen I, 209 £, 284 £, 881 £, 881 ff. imd 
die eiligeilende WOrdigong bei Eneh vnd Grober YIII, 274 C 



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n. AnibrdCiing des Huuumismos. 



hervor, den ächten Aristotdes wieder aufleben zu lassen. 
DanelKni fend er noch Zeit, anter Leitung StOffiers mit 
Mathematik und Astronomie sich zu besdi&ftigen, auch Theo- 
logie und Geschichte, Jurisprudenz und Mediein zu treiben 

Er galt als ein Wunder seiner Zeit, als er 1518 auf Betrieb 
Reuchlins nach Tübingen ging. Aber fast schmerzlicli berührt 
es uns nun, dass drei Jahre später der alternde Reuchlin, 
der seine schwäbische Heiniath verlassen und in Ingolstadt 
Aufnahme gefunden hatte, als Lehrer des Hebräischen und 
des Giiechischen nach Tübingen sich berufen Hess. Er lehrte 
damals das erstere nach Moses Kimchi, das Griechische nach 
Manuel Ghiysoloras und wollte dann ifhr jenen Unterricht den 
Prediger Salomonis, für diesen den Hiero Xenophons benutzen, 
wie er denn auch fdr beiderlei Vorlesungen eine grössere 
Anzahl von Exemplaren bestellte Aber zu wirklichem An- 
fange kam er nicht. Bereits am 30. Juui 1522 starb er. 
Für hebräischen Unterricht hatten übrigens schon früher 
Summerhart und Pellicanus gesorgt^). Im Allgemeinen muss 
man anerkennen, dass in den Anfängen des Jahrhunderts in 
Tubingen ein regeres wissenschaftliches Leben vorhanden ge- 
wesen^); aber die Vertreter der alten Doctrinen war doch 
immer noch geneigt selbst von den Kanzeln die Poeten anzu- 

1) Heyd, Mehmehthon und Tabiagen 1512—18 (1889). Vgl. Moll, 
Job. SMfflw TOB JnstingeD (1877)l 

2) So nadi Minen letiten Briefe t& Meb. Hmiimeiberger (20. Febr. 
1828) bd Horawita, Znr Biograpliie and Ooneq;»ondeBB BwfJiHw 
8. 187 t TTebrigera Mbrieb Mebnehtfaon in Benig auf RendiUne Beroftmg 
aadi Tfibfaigen 1521 an WiUb. Pirkheimer: Hand edo an TMiingBe plnree 

auditores etiam eondncendi sint quam professores. Nescis quam dt genas 
iUad afiovaov» — Erafft, Briefe und Doeumente S. 29 f. 

8) Linsen mann, Eonrad Summenbart Ein Caltuibild ans den An- 
zogen der UniTersit&t Tabingen. 1877. 

4) So ist Job. Brassicanus, noch neben Reuchlin Lehrer des La- 
teinischen, ToU Lobes f&r die Universität in seiner P^pistola von der lap 
teinischen Grammatik, welche er zum ersten Male 1"18 in Strasshurg 
herausgab (abgedruckt bei Z a p f S. 74 — 78). Anziehende Einblicke in die 
Zustände der Universität gewähren Basilii BonifL Amorbach. et Nicolai 
Yambüleri epistolae mutuae (von L. Sieb er 1877 herausgegeben). 



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278 ^er Eintritt und das Wirken des IlamaDismus. 

greifen; es wundert uns daher aucli nicht, dass ein so streb- 
samer Mann, wie der junge Brassicanus (Johann Alexander) 
vor „der bellenden Meute" im Jahre 1522 aus Tübingen weg- 
gehen musste 

Die Universität Mainz, im Herbste 1477 vom Ei-zbischof 
und Kurfürsten Dietber er&ffiiet, hatte sieh allerdings ein 
Menschenalter in den alten Formen und Bahnen bewegt; aJs 
ab^ Albrecht von Brandenburg, der Zögling Eitelwolfe Yon 
Stdn, auf dessen Betrieb schon Frankfurt a. 0. eine Hoch- 
schule erhalten hatte, im Jahre 1514 Erzbischof und Kurfürst 
von Mainz geworden war, schien jene Universität dem Huma- 
nismus völlig erölfnet werden zu sollen, dem doch der Kano- 
nikus Dietrich Gresemius und der Wanderlehrer llhagius 
Aesticampianus bereits Eingang zu verschaffen gesucht hatten. 
Eitel wolf, der mit Albrecht als erster Rath und Hofmeister 
nach Mainz gekommen war, gedachte die dortige Universität 
mit dem Geiste des Humanismus zu etlbllen und Mainz zum 
Mittelpunkt der neuen Studien zu machen. Aber er starb 
bereits im Jahre 1515, und obwohl Albrecht noch längere 
Zeit den freieren Bestrebungen zugethan war, wie er denn 
gern mit classisch gebildeten Männern sich umgab und auch 
für Ulrich von Hutten eine Zeitlang an seinem Hofe eine 
Stelle hatte so hinderte ihn doch der gewaltsame Gang 
der Reformation an emterem Betiiebe der wissenschaftlichen 
Reformen. 

Die ungleich ältere UniTorsitftt Köln gilt noch immer 
Vielen als Hanptsitx einer unverbesserlichea Scholastik , als 



1) Horawitz, Analecten zur Gesch. der Reformation und des Hu- 
manismus in Schwaben (1878) S. 4 f. Die Geschichte der Universität 
Tübingen hat Klüpfel nach dem grösseren Werke, welches 1849 erschien, 
1877 in einem Aaszage mit Ergänzungen wiederholt. Bei der Jubelfeier 
jenes Jahres hat aber aneh R. t. Roth Uiknnden zur Gesch. der Uni- 
maaOi Tabingea ans den Jahren 1478—1550 (40 aa 4« Zahl, m deooa 
29 ungedmckle) henuisfe0d>en. 

2) Stransa S. 77—88, 819 ft; über die WidmimK der von NDl Gar- 
hach nnd YfoUg, Angat Torbeniteten neoen AnBga,be des Iäüom ao Kur- 
fbrst Anneebt (1519) ebend. 8. 265 £ 



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Ii. Ausbratang des HamaniuDtis. 



279 



Ttunmelplatz politischer Dunkelmänner, die dem HumanisiDUS 
den Zugang durcliaus versagten oder den doch eingedrungenen 
Vertretern desselben ein nachhaltigeres Wirken naeh Möglich- 
keit erschwerten. Aber ganz so schlimm war es nicht. Auch 
ist ja nicht denkbar, dass eine Universität, zu welcher bis 
etwa 1517 ans allen Theilen Deutschlands, wie aus Holland 
und der Schweiz, ja aus Schottland, Dänemark, Norwegen, 
Schweden und Livland Schüler herbeizofren , ohne tüchtige 
und anregende Männer der WissenscliMft gewesen sein sollte. 
Die Bekämpfung der neuen Studien war in Köln kaum hart- 
näckiger als an andern Hochschulen, und dass nun gerade die 
Kölner in so schlimmen Ruf gerathen ist, das wird man doch 
vor Allem den während der Reuchlinistenfehde (Ende 1515 
oder Anfang 1516) erschienenen Briefen der DunkelroSnner, 
die man spftter wie eine historische Quelle benutzt hat, zu- 
schreiben dürfen. Die witzigen Angreifer hatten eben die 
Lacher auf Ihrer Seite, und der von ihnen so hart mitge- 
nommene Ortuinus Gratius, ohwohl selbst in seiner Art ein 
Humanist, bot in Wahrheit doch so komische Seiten dar, dass 
man sich nicht wundern kann, wenn gerade er so übel zu- 
gerichtet, in ihm aber mit besonderem Behagen die zünftige 
Gelehrsamkeit von Köln im Ganzen dem Spotte der Welt 
ttberliefert worden i&t^}. Wir mttssen indess diesen Dingeiw 
etwas nAher traten. 

Es hat nichts Auffallendes, dass auch in Köln die Artisten* 
facultät, für weiche der Rath der Stadt 1420 ein prächtiges 
Haus erbaut hatte, im Jahre 1477 dem damals achtzehigflhrigen . 
Konrad Celtis gar nichts bot, was an liberale Studien auch 
nur erinnert hätte*). Allein schon 1484 gewannen die neuen 
Bestrebungen an dem Propste Heinrich Mangold, der seit 1495 
wiederholt auch das Amt eines Kectors der Universität ver- 



1) Vgl. K. und W. Krafft, Briefe und Hocumente iS. 175 ff. und 
Reichling, de Jo. Murmellii vita et scriptis (1870) p. 14 ff. Vergleiche 
Mohnike, Ortuinus Gratius in Beziehung auf die Epj) obscurorum 
virorum, in lilgens Zeitschrift lUr die iiistorische Theologie 1843, S. 3, 
114 ff. 

2) Agehbaeh, Die froheren Waadeijahre dee Comd Oeltee 8. 82 £ 



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280 I>er Eintritt tmd daB Wirken des HnmMimmn. 

waltete und äussere Mittel zur Förderung höherer Werke be- 
sass, ^en festeren Halt Johannes Cochl&us, der 1504 als 
Artist eintrat, erwähnt unter den Männern, mit denen er dort 
näheren Verkehr gehabt habe, auch einen Poeten, den Nieder- 
länder Remaclns*). Noch günstiger schienen sich die Ver- 
hältnisse zu gestalten, als Hermann von Nuenar, Domherr und 
später Dompropst des Erzstiftes, die PÜege der liberalen 
Studien übemahm. Schon 1505 erschien Rhagius Aesti- 
campianus auch in Köln, wo er den Pliniiis zu erklären unter- 
nahm, und damals waren walirscheinlieh neben Cochläus Ulrich 
von Hutten und Crotus Kubiauus, die dem Eufe der Uni- 
versität nach einem Jahrzehnt so gefährlich werden sollten, 
unter seinen Schfllem. Dass Hermann Yon Nuenar dn be- 
sonderer Gfönner des treflTlichen Humanisten Johannes Gäsarius 
war, steht fest Derselbe, etwa 1478 in Jülich geboren, hatte 
seine Studien in Paris gemacht und war seit 1491 in Köln, 
ohne zu einer sicheren Stellung sich empor arbeiten zu können, 
hatte auch eine kurze Zeit in Deventer sich versucht. In Be- 
gleitung Hermanns von Nuenar schloss er sich dann 1508 einer 
im Auftrage des neuen Erzbischofs Philipp von Dhaun nach 
Italien gehenden Gesellschaft an und gelangte so nach Bo- 
logna, wo er mit Hermann, der dort den Studien obliegen 
wollte, einige Zeit sich aufhielt und jene genauere Kenntnias 
des Griechischen erwarb, die ihn später so sehr auszeichnete. 
Er scheint dann, nach Köln zurückgekehrt, dort seinen 
bleibenden Wohnsitz gehabt zu haben, obwohl er nicht selten 
durch äussere Anlässe an andere Orte, wie nach Münster, 
nach Leipzig, nach Stolberg, nach Mainz, nach Möi-s geführt 
wurde; mit Ortuinus Gratius stand er in freundschaftlicher 
Verbindung. Durch seine Rhetorica und Dialectica, durch 
seine Ausgabe des Grammatikei-s Diomedes, besondei*s aber 
durch seine auch von Melanchthon gerühmte Ausgabe der 
Hist nat des Plinius ist er unter den Humanisten seines Zeit- 
alters zu grossem Ansehen gekommen. In der Beuchlinistan- 
fehde trat er auf die Seite Reuchlins; als aber dann die grosse 



1) Otto, CochläUB S. 7. 



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n. AnBbftitang des Hntnaniimnn. 



281 



kilcUiehe iBewegang eine weitere Parteinahnie za verlangen 
sdiien, bielt er, wie Tielfedi auch mit den Reformatoren in 

Verbindung, doch im Geiste des Erasmus an der alten Kirche 
fest. Er starb 1551 M. — Der oft neben ihm genannte Her- 
mann von dem Busche brachte es in Köln freilich auch zu 
einer lohnenden Stellung niemals; aber so viel Feindseligkeit, 
wie man zuweilen berichtet, hat er dort nicht erfahren, viel- 
mehr wissen wir, dass er bei den dortigen AntoniterheiTen in 
ihrem Kloster freundlich aufgenommen worden ist'). Jeden- 
falls ein besseres Loos sicherten sich diejenigen Freunde der 
classischen Stadien, welche sich enger an die hergebrachte 
Weise der Universität anschlössen. So Johannes Phrissemins, 
der, als er wegen seiner Vorliebe fttr jene Studien von der 
Theologie fern gehalten wurde, zur Jurisprudenz überging und 
doch zugleich in der Artistenfacultilt sich erhielt, die ihn ge- 
legentlich zu ihrem Decan machte. So Arnold von Wesel, der 
in den Jahren 1518 und 1520 ebenfalls Decan der Artisten- 
facultät wurde. So der jüngere Mann Jakob Sobius, der, eine 
Zeitlang eng mit Hermann von Nuenar befreundet und der 
Hnttenschen Bichtong zugethan, später als Bechtagelehrter 
und Orator des Rathes von Köln in hohen Ehren stand. Man 
konnte doch auch bei diesen Mftnnem etwas Tüchtiges lernen. 
Phrissemins, ein begeisterter Schüler des Rudolf Agricola und 
Herausgeber der von diesem verfassteu Schiift de inventione 
dialectica, hatte unter seinen Schülern auch den nachmals ge- 
feierten Schulmann Johann Rivius und den grossen Züricher 
Theologen Heinrich Bullinger; Arnold von Wesel war auch 
des Griechischen kundig und erwarb sich besondere Verdienste 
um die Erklärung des Gellius mid Macrobios; unter seinen 



1) Eckstein in der Allgem. DratBdien Biographie III, 689 ff. Vgl 
K. Krafft, Anfreiehnongen des Mbwainrisehen Befonnaton BoUfager 
8. 31 €, 47, 100, 188 £ K. und W. Erafft, Biiefe und DocomeQle 8. 62, 
119, 197 iE, 188 £, 148 £, 150 ft, 167 iL, 177, 188. Reiekling p. 87 1 
Parmet, Rudolf von Langen S. 79 f. 

2) Unter seinen und des Cäsarios Schillern nimmt Glareanus wohl den 
erste Stelle ein. Schreiber, Geeeh. der Stadt und Univenitat freibuig 
S. 5 IL . , 



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282 ^ Eintritt und das Wiiken dei Homaidgmiu. 

Schülern aber befand sich Petrus Mosellaous, der allerdings 
zugleich von Cäsarius, Hermann von dem Busche, Sobius su 
lernen geeneht hatte, im Griechischen auch von dem Engländer 
Richard Grocns, als dieser einige Zeit in Köln snbradite, 
nnterrichtet worden war^}. Nidits desto weniger sank die 
Frequenz der TJniTersitat seit dem Jahre 1518 in erschi-eekender 
Weise. Hermann von Nuenar und Sobius zo^en sich aus der 
gewählten freieren Stellung zurück, und als dann doch (1525j 
der Rath von Köln an Reformen dachte — man hoffte sogar 
den grossen Eiasmus zu gewinnen — , blieb es doch eben bei 
dem Gedanken'). 

Eine ganz eigenthümliche Entwickelung hat die Univer- 
sit&t Erfurt gehabt FrQh unter den Nachwirkungen der 
grossen Gondlien des fünfieehnten Jahrhunderts in eine friere 
Richtung gekommen, ist sie später mehr als eine andere Hoch- 
schule in deutschen Landen dem Humanismus zugänglich ge- 
wesen, und nirgends ist dieser so ei*folgreich gewesen in seinem 
Aufstreben, wie er nirgends so entschieden den Kampf wider 
die alte Wissenschalt und wider die alte Kirche durchgeführt 
hat. Und bei solchem Kampfe erscheint nun Fifurt im 
heftigsten Gegensatze zu Köln ; aber es theilt dann mit diesem 
das Schicksal eines unaufhaltsamen Verfalles.' 

Als die eroten Humanisten, welche um 1460 in Erfurt 
sich versucht hatten, wieder weggezogen waren, blieben dodi 
stille und gemässigte Freunde des Humanismus zurück, welche 
mit den Professoren der alten Schule, Henning Goede, Jo- 
hannes Trutvetter und Bartholomäus Arnold!, da diese eben- 
falls massvoll und freundlich sich erwiesen, recht wohl zu- 



1) üaber PhriasenioB K. Krafft, BolUngor 8. 19 i£, Uber AnM>ld 

von Wesel ebend. S. 26 und K. u. W. Krafft, Briefe und Docamente 
S. 120 f, ül)er Sobius K. Krafft S. 36 flF und K. u. W. Krafft S. 120, 
157 f., 169, OberMoBeUanoB' Stndiea in Köln dio lekstere Sebrift 8. 175 ft, 
IM f. 

2) K. Krafft, Bullinger S. 41 ff. Im Allgem. vgl. II. Kaemmel. 
Die Universität Köln in ihrem Kampfe gegen den aufstrebenden Humanis- 
mus, in den Neuen Jahrbüchern &a Philologie und Pädagogik CXU, 
S. 401—417. 



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IL AoBlnratiuig des Hmwmiwnn«. 



283 



sammenwirken konnten. Auch als Maternus Pistoiis und 
neben ihm Nikolaus Mai*schalk für den Humanismus nach- 
drfteklieher aidfcratMi und die stadirande Jugend mdir und 
meihr um Ihre LehrstQhle sammeltett , Hess ihre milde nnd 
schonende Haltung noch keinerlei Conflict entstehen. Aber 
eine tiefer gehende Scheidung bereiteten sie doch vor; sie 
▼erschärfte sich bald, als ungestümere Geister, Hieronymus 
Emser, Crotus Rubianus, Hermann von dem Busche herzu- 
kamen, als auch Eobanus Het^sus sein schönes Talent ft-eier 
entfaltete und mit dem von Crotus aus Köln herbeigeführten 
Ulrich von Hutten zu inniger Freundschaft sich verband. 
Unter solchen Umständen glaubte Maternus die Ffilhrerschaft 
im Kreise dieser Poeten nicht mehr festhalten zu können, und 
kaum war er zarQckgetreten, als die kühner vordringenden 
Janglinge in dem Kanonikus Konrad Mntianus (Muth) Bxdos 
in Gotha, der dort mit seiner in Italien gewonnenen Bildung 
fast allein stand, einen neuen Führer ei-koren (1506). Von 
Gotha aus lenkte er dann ihre Studien mit so nachhaltiger 
Kraft, dass sie willig unter seine geistige Zucht sich stellten 
und vor Allem auch ihre poetischen Versuche seiner nicht 
selten scharfen Kritik unterwarfen. Ein Mann von enister 
Frömmigkeit und durch manche vom Hergebrachten ab weichende 
Ansichten der kirchlichen Praxis nicht entfremdet, gab er sich 
doch mit höchster Begeisterung dem Stadium der Alten hin, 
deren lebendige und zu^eich keusche Naehbildnng ihm fort 
und fort als die wichtigste Th&tigkdt erschien, so wenig er 
selbst auf literarische Prodnetion es anlegte Je mehr nun 

1) Ueber daa, was den wahren Dichter mache, achreibt er an Eoban 
(M OBBMtaiiiiB, LibeUoa Boma opp. 104): Qno magis gandare dahaa ja- 
dido meo dareqoe operam, ut nlriiuqoe üngoae ptaeatantiaaiinoB anctorea 
nrio tibi multiplicj^e labore yd dlgitis tuis notiores affidas. Naqne 
«um concludere versom dixeiis esse eatia, nt inqoit HoraHiia. Est operae 
pretiuin tractare totam encyclopaediam, nosse praecipue veterum probatas 
historias , denique ab ea philosophiae parte , quae de moribus praedpit, 
mutuari non nndam tantum, ut complures, rerum cognitionem , sed, ut 
pauci, gravitatem moruni vitaeque innocentiam. Etenim ut multiscium ita 
probum atque modestum esse docet pium poetam. Alioquin opici Momi 
habebant nos ludibrio et in aulicorum examine coetuque doctorum veza- 



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284 ^ Eintritt und das Wirken dos Hnmanigmns, 

aber die Zahl der ihm zugewandten Jünglinge sich verstärkte, 
desto wirksamer trat diese JQngerschaft in den Mittelpunkt 
der Stndirenden, desto gr^toser wnrde sein eigener Einfluss 
auf die Universität, der er doch nicht angehörte. Indess bil- 
dete sieh dann um so leichter ein Gegensatz zwischen den 
„Poeten" und den „Sophisten" aus, der schnell genug das früher 
freundliche Yerhältniss der Freunde des Neuen zu den Vertretern 
des Alten aufhob. So weit waren die Dinge bereits gediehen, 
als die bürgerlichen Unruhen des „tollen Jahres (1509) aus- 
brachen und bald darauf (1510) der nStudentenlärm" auch die 
Univei-sität erschütterte , die Humaoisten aber nach vei-schie- 
denen Seiten zerstreute. Doch sammelten sich diese in kurzer 
Zeit wieder unter Mutianus' Fahrung, um dann in ungestnmer 
Weise an der Reuchlinistenfehde Theil zu nehmen und zumal 
durch die Epistolae obscurorum yirorum — es ist jetzt un* 
zweifelhaft, dass diese besonders von Crotus Rubianus und 
Ulrich von Hutten ausgegangen sind M — dem ganzen Kampfe 
eine die Gegner überraschende Wendung zu geben. Jetzt 
aber wurde der be^a])te, lebensfrohe Eoban „König'- der 
Poeten von Erfurt, die seitdem eine fast schwärmerische Ver- 
ehrung dem Erasmus widmeten. Die gianze Universität kam 
so unter die Herrschaft des Humanismus und schien diesem 
die ausserordentliche Blathe» der sie sich damals erfreute, zu 
verdanken *). 

Gewiss herrschte damals in Erfurt ein alle Kräfte er- 
regendes Leben. Das hat keiner so anmuthig geschildert als 

Joachim Camerarius, der, im Jahre 1518 von Leipzig nach 
Erfurt gekommen, durch wissenschaftliche Tüchtigkeit rasch 
höhere Aoerkennung im Kreise der dort vemnigten jungen 



hont tenqnnm ndieolos et nota dignos oensoiia. Kam divinnm poetae 
nomen, nesdo qnibiis Cacodaemonum aspirationibos, invidioBom esse coepit. 
Quid flet, td amaiorai antiquitatis a via virtatnm abenaverint? Pias 
oimknm exemplo quam peccato nocebunt. 

1) S Strauss, Hutten S. 176 fF. und Kampschulte, de Jo. Croto 
Kubiano Commentatio (1862), sowie dess. Universität Erfurt I, 192 ff. 

2) Krause. Helius Eobanus Hessus . sein Leben und seine Werke. 
2 Bde. Gotha, F. A. Perthes 1879. XII u. 416 S., VI u. 287 S. 8». 



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II. Ausbreitung des Humanismus. 



285 



Miinner sich erwarb und. wenn er auch gelegentlich Theilnalime 
an keckerem Treiben füi- zulässig hielt und höheren Flug, als 
gut war, versuchte, zu den wackersten Mitgliedern des mu- 
tianischen Kreises gehörte \). Sehr bald wurde er natürlich 
mit Mutianus bekannt; den vielleicht Niemand so anmuthig 
und wahr zugleich geschildert hat, als er, weil er in sich 
selbst etwas dem gefeierten Kanoniker Verwandtes trog*). 
Aber anch mit Petrejos Apirbaehns (Peter Eberbach), den man 
den swdten Mutianus nannte, mit Eoban Hesse und Adam 
Grato, mit Grotns Rnbianns und Georg Sturz, mit Euricins 
Cordus, Georg Pätus und Justus Menius knüpfte er freund- 
schaftliche Verbindungen an oder erneuerte er die schon früher 
gewonnene Bekanntschaft^). Er konnte noch nicht ahnen, 
dass er sie alle durch Verdienste und Ruhm weit übertreffen 
würde; aber alle Erfolge seines späteren Lebens haben ihn 
niemals verhindert, auf die in Erfurt durchlebte Zeit mit 
herzlichem Wohlgefallen znrQck zu blicken und des harmlosen 
Glückes, das damals die Freude an den dasaischen Studien 
gew&hrte, mit Rdhrung zu gedenken. 

Es war nicht zu Yerwnndern, dass die vom Geiste des 
Humanismus so ganz eifüllte UniversitÄt der von Wittenberg 
ausgehenden Reformation die wärmsten Sympathien entgegen- 

1) 8. besonders seine Narratio de Eobano Hesso p. 8 £. und die Dedi- 
catio n Minem LSbeUns alter epp. Seise Thelfaialiim am stiideDtiadMD 
Treiben scheint er in awei sehr eharakteristiBoben Briefen desLibdlos nows 
epp. p. 84 ft sa meineD; Aber aein aa xaiehea und kohnea Anfttraben 

spfiebt er ebenda p. 315. 

2) In der Narratio de Eobano Heaao p. 21 f. Ueber Mutianus' etwaa 
wunderliche Schreibweise Libelius nOTOa p- 63 f. (eine auch im Allgem. 
sehr bedeutsame Stelle); üba seine Anapvochslosigkeit und Deomth sehr 
schön ebenda p. 127 f. 

3) lieiebte Schilderung des ganzen Kreises in der Narratio p. 27—88; 
über die maissvolle Haltung des Petrejus, den man vielleicht ohne aus- 
reichende Gründe unter die Verta^ser der Epp. obsc viror. gestellt hat, 
eine betaliaaM SteUe in dar DadieaHo aom libeUna noYna. Zu adnar 
Charakteristik tragen doch aoch die swisohen Mich, Hnmmelberger und 
ihm geweehselton Briefo (ans den Jabnn 1515 und 1518) Elnigea bei 
Horawita, Zar Biographie und Correepondens Job. BeoddiitB S. 28 £, 
28 £, 81 ff. 



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286 Eintritt und das Wirken des Humanismus. 

trug und den Reformator selbst, als er auf seiner Reise nach 
Wonns in Erfurt ankam, mit Jubel begrüsste. Niemand konnte 
damals voraus sehen, dass schon ein Jahr nachher (im Apiil 
und im Juni 1521) der wttBte „Pfaffensturm" die UniTersität 
zerrüttete und die Humanisten vertreiben wQrde>). 

Wieder ganz anders entwickelten sieh die IMnge an der 
Universität Leipzig. Die ersten Anregungen zur Theünahme 
an den classischen Studien gingen freilich auch hier von 
Italienern aus. Unter der Regierung des Herzogs Alb recht 
des Beherzten lehrten in Leipzig Priamus Capotius aus Sicilien, 
Fridanus Pighinucius aus Lucca und der früher in Erfurt auf- 
getretene Florentiner Jakob Pubiicius. Vorübergehend wie 
das Wirken dieser Fremdlinge war dann auch die Thätig- 
keit des durch seine grammatischen und rhetoiischeu Lehr- 
bücher auf leiehtere Behandlung hinleitenden Paul Niavis 
(Schneevogel). Dagegen schien Konrad Geltis dem Humanis- 
mus in Leipzig festeren Boden bereiten zu können. Seine 
Erklärung lateinischer Dichter, des Ovid und Horaz, des 
Pei-sius und Juvenal, auch der Tragödien Seneca's, wie seine 
Anleitung zu lateinischer Poesie zogen strebsamere Jünglinge 
an, die zum Theil nun auch in seinem Sinne dichteten und 
lehrten. Indess erwies sich die alte Theologie noch über- 
mächtig, und selbst der unter den Freunden des Celtis ge- 
nannte Konrad Wimpina, der in Leipzig rasch zu grosser 
Geltung kam, obschon er gelegentlich, vielleicht gerade wegen 
seiner Verbindung mit jenem als Ketzer verdächtigt worden 
war, konnte die Behauptung eines Andern, dass der Theologe, 
zumal für Erklärung der heiligen Schrift, sprachlicher Studien 
bedürfe, als ketzerisch verwerfen. — Der Nachfolger Albrechts, 
Herzog Georg (der Bärtige), den der Vater seine Studien in 
Leipzig hatte machen lassen, war allerdings der Kirche treu 
ergeben, aber nicht unberührt von humanistischer Bildung 
und bald, als durch Friedrich den Weisen in Wittenberg 
eine neue Universität sich erhob, zu weiter gehender Fördei-ung 



l)Ka 

dem HmBMuainm tmd aar Reformation II, 106 ff. 



II. Ausbreitung des Humauismus. 



287 



der Leipziger Hochschule geneigt. Wie er nun in Hieronymus 
Emser einen mit den alten Sprachen wohl bekannten Mann 
als Secretär an seine Seite gerufen hatte, so schien er doch 
auch in Leipzig dem Humanismus eine freiere Stätte zu er- 
öfihen. Wir wissen, dass Hennann von dem Busche und 
nach ihm Rhagius Aesticampianns, jener einige Jahre, dieser 
nnr kurze Zeit in Leipzig lehrten, dass hierauf Veit Werler, 
Gregor Aubanns, Johannes Staar und Georg Holt, aber wohl 
nur als Privatlehrer, üntenieht in den alten Sprachen er* 
theilten, dass in den Anföngen des neuen Jahrhunderts auch 
Gregor Breitkupf, der zugleich als einer der ersten Rectoren 
der Nikolaischule genannt wird und an der Universität grosse 
Anerkennung gefunden zu haben scheint, neben andern Schriften 
eine Reihe von Classikern (Horatii sermones 1504, Virgilii 
Aeneis 1505, Hesiodi georgicorum liber 1506, Ciceronis officior. 
liber 1 510, Horatii epistolarum liber 1510 etc.) bei Jakob Thann«r 
in Leipzig erschienen liess Camerarius, der noch als Knabe 
1513 nach Leipzig kam, benutzte zunächst den Unterricht 
Helts, dem er späterhin stets dankbare Gesinnung bewahrte. 
Aber er hatte bald nachher auch Gelegenheit den Engländer 
Richard Crocus zu hören, der, naclidem er in London unter 
Wilhelm Grocinus, in Paris unter Wilhelm Budiius und 
Hieronymus Alexander studirt, in Löwen mit Erasmus in 
engere Verbindung sich gesetzt hatte, an der Universität zu 
Köln als Lehrer des Griechischen aufgetreten, dann aber 
anstatt nach Wittenberg zu Friedrich dem Weisen zu gehen, 
Yon Herzog Georg für Leipzig gewonnen worden war (1514). 
Hier wirkte er nun drei Jahre mit grtestem Erfolge, indem 
er seme Schüler mit wahrer Begeisterung für das Studium des 
Griechischen eriüllte und zu heralicher Zuneigung für sich 
selbst erregte, so dass seine Rückkehr nach England, wohin 



1) üelMr Veit Werler sehr belehreDd Ritsehl im Rheinlächea Mu- 
aaiim Ä, 8. 151 IT.; fibor soine VctUBdong mit Hutten Strauss S. 40, 
476, MS t YgL dte Widmmig der Ausgabe Ton Gioero's de «natora, 
aie AflBtiGampiaikin 1515 aa Werler gorichtet bat, bei K. und W. Krafft 
S. 148 f. 



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288 Der Eintritt imd das Wirken dm HnniMiiBnniB. 

ihn Hanricb Vm. einliid, tiefe BeMbnisB hervorrief >). 
Alldll BchoD liatte nel>en Oini Petrus MoBellaniiB den dasei- 

sehen Studien grosse Theilnahme gewonnen, und als er dann 
der Nachfolger von Crocus geworden war. entfaltete er, wie 
Unscheinbar auch seine Person, wie bescheiden sein ganzes 
Auftreten sein mochte, eine so durchschlagende Wirksamkeit 
als Lehrer und Schriftsteller, dass den von ihm empfohlenen 
Studien in Leipzig für immer ein Platz gesichert zn sein 
schien. In dem WeingArtnerdorfe Bruttig oder Portig an der 
Mosel 1498 armen Eltern geboren, hatte er erst in Trier, dann 
in E(^ln studirt und in der letzten Stadt, wo ihn Arnold von 
Wesel und Jakob Sobius auch in die Philosophie einfilhrten, 
mit grossem Eifer den Untenicht des Cäsanus und zum Theil 
auch des Crocus für Erlernung des Griechischen benutzt, von 
jenem auch den Plinius sich erklären lassen und bei Hermann 
von dem Busche die Vorlesung über den Livius gehört, 
daneben aber nüt Anstrengung durch Piivatstudium sich vor- 
wärts geholfen. Schon hatte er auch zu lehren begonnen, 
als er durch Kaspar Börner, den der Lemtrieb mit andern 
jungen Männern aus Sachsen nach Ki^n geführt hatte, sieh 
beetimmen liess, in Sachsen einen Wirkungskreis zu suchen. 
Obwohl er nun hier zunächst an der von Bhagius in Freiberg 
errichteten Schule zu untenichten begann, so kehrte er doch 
sehr bald (noch 1514) nach Leipzig zurück, wo inzwischen 
Crocus ein öflfentliclies Lehramt erhalten hatte. Aber diese 
Concurrenz entmuthigte ihn nicht. Sein unverdrossener Fleiss, 
seine fesselnde Methode, sein rasch zunehmender schrift- 
stellerischer Ruf bewirkten, dass die akademische Jugend in 
ganzen Sehaaren ihm zuströmte, ja daes auch gereiftore 
Männer unter seinen Zuhörern erschienen. Als Crocus weg- 
gezogen war, galt Mosdlanus als der hervoiragendste Ver- 

1) Schmidt, PetnB Moflellaani (1867) S. 9 1 Als Grocw in Fteit 
war, erftihr er bereitB die frcandüche Yarmittelimg des Snranii, der ihn 
woU ichon in Engiiad kennen gelflnit hatte nnd von aeiDen ftosseilich 
dfizftigen Verhältnissen ontemchtet war (Erasmi epp. in der Ausgabe 
von 1621 S. 420). Ueber Crocus vgl K. und W. Krnfft, firiefo mid 
Doeomente S. XVI, 122, 125 £, 1S5 U Id? f* 



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IL AüiMtuiig dm Homainn. 289 

tretor der dmMbm Btadien in Leipzig. Er koniits zuaftelist 

nicht ahnen, dass die eben damals beginnende refonnatoriscbe 
Bewegung dem Füreten, der ihm vertraute, bald auch gegen 
jene Studien Bedenken einflössen würde. Der Beifall, den 
eine sehr grosse Zuhörerschaft seinen Vorträgen über die 
Paulinischen Briefe schenkte, konnte ihn selbst in die Bahn 
dm Reformators lenken; aber er scheint doch den Kern der 
evangelischen Wahrheit nicht so erfasst zu haben, dass er 
ilran BekamtoisB das Opfer seiner Stellung su brii^n yer* 
nocht liftlte. Die berfihnite Leipsiger Disputation leitete er 
im Auftrage des Hersogs durdi eine Rede ein; durch die 
Pest aber, welehe bald naeh der Disputation in Leipzig aus- 
brach, wurde er, wie die ganze Universität, zur Auswanderung 
nach Meissen gezwungen, wo er die Uebersetzung der fünf 
Bücher des Gregorius von Nazianz über die Tlieologie voll- 
endete. Seine weitere Wirksamkeit, durch die Anerkennung, 
welche der Herzog ihm erwies, und durch die £hrea, welche 
die Universität ihm entgegentrug ^ er war zweimal Reetor 
derselben — ^ in hohem Grade ausgezeichnet, enregte in den 
Kreisen der Humanisten eine immer grössere Aufmerksam- 
Irait; die Erfurter h&tten ihn am liebsten in ihre Mitte 
gezogen, Melanchthon aber stand in tie&ter Bewegung an 
seinem Sterbelager (1524^). — Mit ihm sanken auch die 
classischen Studien in Leipzig für längere Zeit dahin. Der 
Niederländer Jakob Coratinus, der als Lehrer des Griechischen 
ihn ersetzen sollte, behauptete sich nur kurze Zeit und kehrte 
in die Heimath zurück. 

Wenn die Universität Wittenberg zur Leipziger schon 
durch ihre Verfassung, noch mehr aber durch ihre grössere 
Unabh&ngigkeit von den kirchlichen Gewalten in einem ge* 
wissen Gegensatze stand, so war sie zunächst doch von dem 



1) Sehmidt, Petn» MoteDamiB aWl). Za dl«« noitjMdtm Bio- 
gnphM bieten efhebUehe EqjPiiiiiiigeii K. und W. KrafftB Bridb und 

Docamente S. 133 £, 146 iE, 175 ff., 104 IL Nicht ohne Bedeatong ^ die 

Kenntniss der damaligen Stadienweise in Leipzig ist die kleine Schrift tob 
0. Meitzer, Aus der Bibliothek eines Leipziger Studenten undDoottitm 
im ersten Viertel des sechsehnlen Jahrhunderts (Dresden 1878). 
K»«ma6l, SehnliraMD. 19 



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290 Der Eintritt nad 4m Wxkm dfs HanuuiiBmna. 

Geiste der kirehliehen WisBenBchaft kaom weniger beherrsdit! 
Sdiolastik und kaBontsehes Beeht waren stark vertreten, 

zum Theil durch Männer von entschiedenster conservativer 
Gesinnung* Immerhin hatte in Wittenberg der Humanismus 
eine festere und freiere Stellung. Der Gründer der Univei-si- 
tät, Friedrich der Weise, hegte ja für die neuen Studien noch 
lebhaftere Sympathie als sein Vetter im Meissnerlande. Er • 
hatte schon 1487 dem aus Italien zurückgekehrten Konrad 
Celtis \mm Kaiser Friedheb III. den Sefamuck des Dichter- 
lorbeers ausgewirkt^); in sdnen Diensten stand Heinrich von 
Bllnan, der mit Celtis, Dalberg nnd Trithemios in Yer- 
bindnng kam*); des KnifUrsten wissenschaftlleher Bersther 
war in sp&terer Zeit Mutianus in Gk>tba, dessen Fremid 
Spalatinus aber konnte als Vertiauensmann Fiiodrichs gelten 
und vermittelte vielfach die pj-werbungen, welche dieser für 
sein Bibliothek zu machen wünschte-^). An der neuen Uni- 
vei*sität lehrte zwar der von Erfuit gekommene Nikolaus 
Marscbalk nur kurze Zeit; aber unter seinen Zuhörern hatte 
er den Kurfürsten und dessen Bruder Johann^). Damals trug 
$her auch Simon Steyn lateinische Grammatik (nach Sulpitins) 
▼or; Balthasar Phaehus erkl&rte Viigils Aeneide, dm Valerius 
Mazimus and Sallusts Jugortha; 1511 kam Sibutus Daripuias, 
ein Sehtder von Celtis, gekrönter Dichter und Orator, nach 
Wittenberg und interpretirte dann den Silius Italiens. Aber 
neben den eigentlichen Humanisten erschienen auch der 
Theolog Andreas Bodenstein (Carlstadt), der mit den drei 
alten Sprachen bekannt war, und der Jurist Christoph Scheurl, 

1) Aschbach, Wanderjahre des C. Celles S- 93 f. 

2) Aschbach S. 119 f. 

3) Scheurl, Briefbuch I, 105 141. YergL JSrgens, Lotto 
284. 

4) EampBchalte I, 58. Anch Hennaim Ton dem Biudie zogteM 
iMer Umweg. Ob er ifitar (etwa 1506) noch einiMl nadi Wittenberg 
gAnmmti jaim jj^t doB IttUeoer Richard Sbciiiint, den der XiQ^ 
flnt anf EmpMdnng des Kaisers Max Tom KoD8tan2er Reichstage mit 
nach Wittenberg gebracht hatte, in Streit gerathen, ist hier nicht ro anter- 
suchen. Uber Sbrolins vgl. S&sa, Geschichte des GymuMinmi so Frei* 
berg I, 17« 



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IL Aiiibnilng des HnuuiiiBM. 



291 



der in BologM stndirt liatte und in Wittenberg gelegeBtUeh 
über Sneto» las, als FArderer des Humanisnins. FQr Bered- 
samkeit aber war Otto Beckmann, ein Schüler von Hepius, 
angestellt. Für das Griechische war freilich in jener Zeit 
noch gar nicht ^resorpt und wenn die Klagen Scheurls in 
einem Briefe an Spalatin vom Jahre 1511 auf Wittenberg zu 
beaiehen sind, so stand es damals um die Geltung der classi- 
scben Studien an der jungen üniTarsitit nicht gut Rhagius 
Aestieampianna, der 1517, als sebon müder Mann, nadi Witten- 
beif berufen wurde, gab sieh mehr als je thecdegisehen 
Studien hin. Aber als ein Jahr spftter Philipp Melanehthen 
in Yoller Jugendloraft; dort seine Wirksamkeit begann, kam 
freilich in die classischen Studien ein durch Alles hindurch- 
wirkendes Leben, wie auch jenen wieder die begonnene 
Reforniation neue Ziele zeigte, neue Aufgaben stellte. 

Dass in Frankfurt a. O. die von Joachim I. gegründete 
Universität besonders nach dem Wunsche Eitelwolfs von 
St^ eine Pflegerin des Humanismus werden sollte, ist schon 
berührt worden. Auch waren Hermann TwbeJlius und 
Publius Vigilantius, die sun&ehst nach dieser Riditung lu 
wMea hatten, talentrolle, namentlich als Poeten aasgeseidinete 
Minner. Aber der Letitere ftnd schon 1512 auf einer Rsise 
nach Italien, bevor er die Alpen eneicht hatte, durch Rauber 
seinen Tod; Rhagius aber, der neben beiden den classischen 
Studien einen festeren Halt hätte geben können, ging aus 
eigenem Triebe nach kurzer Frist wieder weg. Die alte 
— ^ — ■ 

1) Bripf buch S. 79 : Quid, quod plerique academici nostri ista studia, 
quae hominem humanum eftiduct, unde etiam nomen sibi indidere, noa 
honorant? libens dixissem repudiant et aspernantur, periode acsi cum alia 
disciplina conjungi nou possent oratoria. Damit stimmen Spalatins eigene 
Klagen in einem Briefe an Job. Lange in Erfurt (2. März 1515), mit Be« 
sog Mif ^ Frase, oh idebt Crocos ftr grieehlichn Unterricht naek 
IWHihwg ^srafon werte kOimo, bei K. laid W. Krmfft, Briefe oad 
DMonunte 8. 185 £: Grade nUii, ao paeae confidt g^ranaria noatra 
mazimR prope pnoddio nete et solide deene (?), acoeptit tot aigntUt, 
ne dicam ineptiii. T^i quaeso responsurus homini andoo, ne promittaa, 
qood vix praeatabitnr. 0 barbaroa hominea ! Ter somtia miaeri, quaotom- 
ria Uasdiamsr nobia. 

19* 



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L^nrwdfle b6li«iptote in Fraakfort dnieh Männer vto Komad 
Wimpina das Uel>6rgew!dit 

Dasselbe gilt yon Greifswald, dessen Universititt 
wiederholt Gelegenheit hatte, Humanisten bei sich aufzunehmen, 
keinen aber zu gedeihlicher Wirksamkeit kommen liess. 
Hermann von dem Busche ging dorthin, als er in Rostock sich 
nicht mehr halten konnte; aber er behauptete sich auch dort 
nicht. Ulrich von Hutten dagegen wandte iich Ton dort 
(1Ö09), waU er schnöde behandelt worden war, nach Rostock 
«ad wurde noch Tor dieser Stadt durch die ans Gteifswald 
ihn naefageBaadtea Knechte so Abel zngeriditet, daas er eiae 
Zeit lang bittere NachwelMii su erdulden hattai 

Da stand es deeh anders aa der UnifersHilt Rostock. 
Konrad Celtis freilich hatte hier eben nur anregen können, 
da er bald wieder fortging. Hermann von dem Busche hatte 
zwar grossen Bt^ifall gefunden, aber dann vor dem Con- 
currenten Heverlingh sich zurückziehen müssen. Auch Ulrich 
von Hutten, bald nachher in Rostock angekouimen, wai' sehr 
schnell durch seine Wanderlust weiter getrieben woi*den. Erst 
nach sechs Jahren sah die Universität einen netten Hmnanistoii, 
Jebannes Padns, der wahnidieinUeh in Erliirt seine Stadiea 
gemadit, dann bei den ItaUeoem höhere AnsfaUdni^ gewonaea, 
zuletzt in Gr^wald sein Heil versucht hatte, dann aber, als 
dort auch filr ihn der Zugang verschlossen zu sein schien, 
im October 1515 nach Rostock gegangen war. Man hatte 
ihn freundlich aufgenommen und zu einer gewissen Wirksam- 
keit gelangen lassen, was er in schwungvollen Gedichten 
rühmte; Grösseres indess hat er ebenso wenig erreicht. Da- 
gegen gab dann Nikolaus Marschalk, dem mr in Erfurt und 
Wittenbeiig schon begegnet sind, den humanistischen Be- 
strebungen Zusammenhang imd Festigkeit. Ein vielseitig ge- 
bildeter Mann, mit Eifer nad Kraft für seine Sache eiatreteady 
aoch ia sdnea wisseaschaftlichea Soaderfoarkeitea mSditig 
anregend, Kess er sieh selbst durch sein VeriiältBiss räm 
Herzog Heinrich, der ihn als seinen Rath gern hörte, der 
Universität nicht entfremden; er wirkte an dieser vielmehr 
mit grossem Fleisse, indem er neben seinen humauistischea 



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n. AnrtieiHmg des Humanismus. 293 

Verlesung!«!! aueh juristieche und naturwissenschaftliche hielt 

und als Historiker zugleich der Erforschung der mecklen- 
burgischen Geschichte grosse Theilnahnie zuwandte, wobei er 
nur zum Theil von phantastischen Ansichten sich leiten Hess; 
der griechischen Sprache und Literatur hat er in Rostock 
erst Geltung Tenchafft Die Universität hatte tief zu be- 
klagen, daaa er bereüs am 12. JaU 15$i8 Tom Tode abgerufen 
wurde 

£b war nattkiüdi, daas aua iem MUehen Dentaddand, 
auB SeUeaieB undPreuaaen junge Mftnner aueh dieüni^rsitftt 
Krakau bemliteB, wo bereita um 1450 der FlorentiBer 

Buonacorsi (Callimachus) dem Humanismus eine Stätte zu 
bereiten suchte (f 149()). Im Jahre 1484 wurde dort Virgil 
und Cicero interpretirb. Dann erschien Konrad Celtis, zuerst 
zu mathematischen Studien, dann auch zu Vorträgen über 
rdniische Classiker, sowie tlber Poetik und Rhetorik bereit. 
Seine Sdiüler Laurentius Coryinus und Rhagius Aesticampianus 
aelsten aeine Thttügkeit fort Aber lu grieefaiBeliein Unternebt 
bradite man ea noch nkbi Eben damals (1491—05) stndirte 
auch Nikotena Kopenükua in Krakau. Dodi die seit einiger Zeit 
eifrealiehe BItItlie dieser Univeraitftt nabm ein jihes Ende, 
als 1496 die Deutschen mit ihren humanistischen Bestrebungen 
durch die für die Scholastik eifernden Ungarn verdrängt wurden. 
Im Jahre 1493 waren 482 Studenten immatriculirt worden, 
1495 hatte man nur 92 aufzunehmen*). — Für das westliche 
Deutschland konnte in ähnlicher Weise die Universität 
Löwen Anziehungskraft haben. Sie war in den letzten 
Zehen des Mittelalters eine der besuchtesten Hochschulen 
Ennq[»a*B, und in den Jahren, wo Erasmus und Vivea dort 
wiikten und das Ton dem Kaooniktts Hieronymus Budidiua 
(Busleiden) gegründete Ckdlegram trilingue BusHdianum äßn 
alten Spraehen noeh besondere Pflege sicherte, gelangte diese 
Universität^ an welcher sonst die alte Theologie eine alle 

1) Krabbe, Die IhiifwtHit Rostock Im ftaMmtea and seobieMen 
Jahriumdert I, «66—087. Ueber Utndbtik vgL Kanpichalte I, 51 1 

2) Prowe, Nie Copernicus auf der TTniversitÄt zu Krakau {19141^ 
TgL Aa«libaoli, Dm Waadeqahra deo Conrad Oeltea S. 98 iL 



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294 Der Eintritt ond da* Wki^fln dei Hamaninmu. 

andern Wissenschaften weit aberragende Geltung hatte, auch 
in den Kreisen der Homanisten zu hohem Aneriien, das (rie 
tief in das 16. Jahrimndeii hinein behauptete 0- 

Nneh Ali«n aber wird man doch sagen dttito, dass die 
bumaaistisehen Stadien an den Unirenaitftten nirgends snm 
vollen Gedeihen sieh erhoben haben. An den einen blieb es 
bei zusamrnenhanprslosen Versuchen ohne rechten Emst, an 
den aiiileni hatte man viel versprechende Anfänge ohne Fort- 
gang, an noch anderen folgte auf eine Zeit der ei-fieulichsten 
Blüthe ein rasches Zusammensinken. Wo man es zu festerem 
Bestände brachte, da hatte man dies auf einzelne bedeutende 
Persönlichkeiten, selten auf entschiedenes und planmässiges 
Walten der Ton oben bestimmenden Mächte EuraekzufOhren. 
Bass dann die grosse Bewegung ^ welche unaufliaHsain alles 
Kirchenthum ersdiatt^te und verwandelte, aber auch die 
politischen Veihftltnisse in tie^reifender Wase umgestaltete, 
wie der Wissenschaft im Ganzen, so dem Studienwesen der 
Universitüten neue Bahnen anwies und neue Methoden auf- 
nöthigte, braucht hier nur angedeutet zu werden. Es ist an 
anderer Stelle zu zeigen, wie die neue Zeit gerade auch den 
Humanismus, nicht durchweg nach den Holfnungen eifriger 
Verti'eter, vor neue Aufgaben stellte, zu deren Lösung ihm 
zwar ein gesichertes Gebiet eingeräumt, aber auch manche 
Beechr&nkung auferlegt wurde. 

In manchen unter unmittelbarer oder alleiniger Leitung 
Mrehücher Gewaltmi stehenden Sehulensah sieh dw Humanis- 
mus kaum weniger, zum Theil sogar besser und nachhaltiger 
gefördert als an den Universitäten. Dies gilt vor anderen 
von der Domschule in Münster. Als hier der Domherr 
Rudolf von Langen (wahrscheinlich 1438 geboren) zu der in 
Deventer und in Eifurt gewonnenen edleren Bildung auf einer 
ei*8ten Keise nach Italien (zwischen 1465 und 1470) durcb 

1) A ndreae, lusti academici stiidii generalis Lovan. (Ib50), p. 275 ff., 
Nameche, Mem. sur la vie et les ecrits de Jean-Louis Vives, in den 
Memoires couronnäs par Tacademie royale de Briixelles T, XV. (1841) 
p. 15 ff., de Eam, Cousid^rationB sur Tbist. de runivenit^ de LouTaiii 
(1425— 1797X im AnMHdrt de l*nidi^ flaAoUqiie de Iionnda 1894. 



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IL AusbieitoDg des Humanismiit. 



295 



weiteres Studium des Lateinischen und (iiiechischen die 
wünschenswerthen Ergänzungen erlangt und dort auch eine 
reichhaltige und auserlesene Bibliothek zu sanmielu begonnen 
hatte, musste ihn bald das Verlangen bewegen, io Münster 
selbst den Studien eine Zufluchtsstätte zu bereiten, and die 
in grossen Verfall gerathene Doroschule sehien dieeera Streben 
«nen gnten Anhalt darzubieten. Indess yerhindeite die krie- 
gerisehe R^emng des Bischöfe Heinrich von Schwarzbarg die 
Ausführung solcher Entwürfe, und erst nach seiner zweiten 
italienischen Reise, die er 1486 im Auftrage des Bischofs 
unternahm, kam er zur Ausführung der Schulreform, die er 
dann auch, unbewegt durch den Widerspruch der Kölner und 
in üebereinstimmung mit den» neuen Bischof Konrad von Riet- 
berg, sowie dem Domcapitel im Jahre 1498 in Gang brachte M. 
Ihr ereter Rcctor wurde, vielleicht auf des Hegius, Aath, der 
selbst seines höheren Alters wegen abgelehnt hatte, Timann 
Camener (Kemener, Kemner), und es war als ein besonderes 
Glück zu prdsen, dass der jedenfalls sehr tüchtige Mann 
dO Jahre lang (bis 1528) in dieser Steilung zu wirken im 
Stande war. Die unter seiner Leitung erneuerte Domschule 
hatte sechs Classen, von denen jede ihren besonderen Lehrer 
erhielt. Demgemäss leitete Camener die erste Classe, Bern- 
hard Guering die zweite, Johann Hagemann die diitte, Jo- 
hann Pering die vierte, Ludwig Bavink die fünfte, Anton 
Tunicius die sechste'). Hiemach waren dann auch die Lehr« 
gegenstände genau iU>gestaft, das Lateinische, seit 1504, wo 
Cftsarius eintrat, das Griechisclie, Philosophie, Poetik, Rhe- 
torik, Dialektik und (an Sonn- und Feiertagen) Reiigionslehre. 
Wenn wir nun annehmen dürfen, dass der im Jahre 1551 er> 



1) Allerdings hat Nordhoff, Denkwürdigkeiten ans dem Münsteri- 
Bcben Hnmanismuß ilS74) S. 1^ f. zu erweisen gesucht, dass die Schule 
schon vor dieser Zeit, unter Ileiuricli von Schwarzhurg, im Ganzen frei- 
lich noch dem Alten gehuldigt habe, doch dem Humanismus zugängUch 
gewesen sei 

3) El Itl abrigeni woU iddit aammeliiiMii, dasi aÜs diflM lOtaUMr 
mit eiiMiii Male eingetreten eeieD. Reichling, de Mnnnellii vitk et 
Boriptii p. 28« 



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2d() Eintritt und das Wirken des Humanismas. 

Heuerte Lectionsplan auf Rudolf von Langen zurückzuführen 
ist, so gewinnen wir sehr hefriedigende Einblicke in den Zu- 
sammenhang des gleich anfangs eingeführten Unterrichts. Die 
sechs Classen gingen von der Secunda bis zur Septima; die 
nicht aufgeführte Piima umfasste wahrscheinlich diejenigen 
jungen Klenker, welche in beeooderer Weise auf ihren geist- 
lichen Beruf sich Forbereiteten, w dasB fikr de der sprachlicb» 
wissensehaftliehe Untenricht in der Seeonda abseldoes. Ofiaa- 
bar steht das hier Aofg^estdlte in engster Besiehung zu dem- 
jenigen, was durch die BrOder des gemeinsamen Lebens ramal 
in Deventer schon längere Zeit zu grossem Gedeihen gekommen 
war, und die Münstersche Domschule sah dann bald auch von 
allen Seiten Lernbegierige herbeiströmen ') , wie bald auch 
wieder Lehrende von ihr in engere und weitere Kreise aus- 
zogen, so dass nicht bloss in Westfalen, sondern im ganzen 
ndrdlichen Deutschland und bis in die Niederlande SchOler 
dieser Anstalt Aufiiahme und Anerkennung 6mden. Es war 
eine Bewegung, die zu den grössten Hoffhungoi bereditigte 
und noch später nach Anlage und Erlolg um ein (xiosses 
ttber das hinausaurdehen schien, was yon Witienbeig ans in 
Gang gebracht wurde. 

Der bereits 1500 als Conrector an Cameners Seite ge- 
tretene Jühamies Muimellius war, wie jener und die meisten 
andern Lehrer der Domschule, in Deventer gebildet und trug 
zum Aufblühen dieser Anstalt als Lehrer und Schriftsteller 
Giosses bei. Aber Langen hatte zu beklagen, dass beide 
Männer nach einigen Ji^ren aus geringfügigen Anlässen in 
bitteren Streit geiiethen und der jüngere zuletst sieh zurftcic- 
sog. Er übernahm zunächst ein Lduramt an der Ludgeri- 
Schule zu Mfinster, ging aber dann nach kurzer Wirksamkeit 
in die Niederlande, wo er in Alkmar einen nenen Wirkungs- 
kreis fand-;. Mit Cäsarius, der 1504 nach Munster kam und 



1) Anmathige Einblicke in das Leben eines ans Franken hecbd- 
gekoBunenen Scholen gibt Becker, Ghronlfia eines ftfanaden SehAlen 
oder Wanderbachldn des Johannes Batibadi (18S9) S. 278 ff. 

2) Beichling p. 28 C 



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IL AnrinraiAuig dM HwintBimiitit, 



297 



als Lehm des Grieddsehen mit dm aadem LehTern der Dom- 
Bdmle eelbet den Reetor Gamener iiiiter seiDee IiMrm aeh, 
stand Murmellitts in frenndlicbem Verkehr, der sich noch 

fortsetzte, als er, ohne den erwarteten Lohn gefunden zu haben, 
nach Köln zurückgekehrt war — Als Lan^?eu am 25. Decbr. 
1519 starb, tief betrauert von Allen, die ihm nahe gekommen 
waren, konnte er nicht ahnen, dass in kurzer Zeit Münster 
grosse NeoeruDgen eifahren und endlich Schauplatz unerhöi^ 
barer Greuel wefdea würde. Aber dieselben haben seine 
Gründung nur erschüttern, nicht aerstftren können*). 

Wollten wir, was jetst nic^ mehr schwierig wftre, in 
rascher Wanderung die Städte dnrcheOen, welche in jenen 
Jahren ¥on Münster aus ittr ihre Sdiulen Anregungen er* 
halten haben, so würde sich eine erstaunliche geistige Reg- 
samkeit uns darstellen; in Hamm, in Dortmund, in Attendorn, 
in Soest, in Osnabrück, in Minden, in Düsseldorf, aber auch 
in Braunschweig, Goslar, Kassel, Marburg, in Lübeck, Rostock 
und Greifswald, wie in Zwolle und Löwen würden wir auf 
Männer treffen, die in Münster gebildet oder durch die dortige 
Schule sonst bestimmt worden sind. Doch überall hatten wir, 
hei aller Yersehiedenlieit der üusseren Verhältnisse, wesentlich 
dieselben Grundzüge des Unterrichtswesens vor uns. 

In anderen Theilen Deutschlands kommen uns in Tiden 
einzelnen Orten Anfänge humanistischer Bestrebungen ent- 
gegen, so wenig auch die Schulen, an welche sie sich an- 
knüpfen, es zu durchgreifenden Gestaltungen gebracht haben. 
Ein neuer Geist regte sich früh in den durch ertragreichen 
Bergbau rasch aufblühenden Städten des süchsischen Erz- 
gebirges; an der Schule in Chemnitz wirkte (etwa 1485 bis 
1487) einer der merkwürdigsten Humanisten jener Zeit, Paulus 
Kiayis (Scfaneeregel), dessen freilich jetst sehr seltene Schriften 
SU den ersten mit Mühe unternommenen Versuchen, passendere 

1) S. die Ariele des GäsarioB an HnmieUiiie bei K. and W. Kraff 
filiefe und Documente S. 127-130. 

2^ Ueber Langen die fleissige Schrift von P arm et 1869; vgl. Nord- 
hoff S. 2-41, 72—94. Im Ganaen Corneliaa, Die MOnaterachen Hn- 
maniaten (1851). 



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296 



Der Eintritt nnd das Wirke» te Hnmuiritimii. 



Lehrbfleher für den Untenicht henuBtellen, gehören^). In 
Bayern treffen wir eine ziemlich grosse Anzahl sogenannter 
Poetensehnlen: In Mttndiai, in Ingolstadt, in Regensboig, in 
FreisiDg. In Angsbnrg worden nm das Jahr 1500 &st zn 

gleicher Zeit zwei Schulen für die lateinische Sprache und die 
andern freien Künste eröffnet, allerdings mehr mit Zulassung 
als mit Unterstützung? der städtischen Behörde in Nüm- 
berpr, wo Konrad Celtis 1487 von Kaiser Friedrich III. den 
Dichterlorbeer erhielt und die aufstrebenden Männer um ihn 
sich sammelten, wünschte man einen Lehrstuhl für Poesie und 
Oratorie zu gründen und auf diesen mit einem Jahrgehalt ihn 
sdbst zu beruüBu. Der L^rstnbl wurde dann wirklieh ge- 
gründet, aber, da Geltis nieht zu fesseln war, Heinrich Gre- 
ninger ans Mttnohen, ein in Italien gebildeter Gel^irter, an- 
gestellt, der etwa bis 1508 diese Poelensdinle geleitet hat. 
Seit 1509 aber hatten die beiden Schulen zu St. Sebald und 
St. Lorenz einen gesonderten Cursus für Poesie und Oratorie, 
den gegen ein niässijjes Honorar die Schulmeister oder tüchtige 
Geliilfon zu besorgen hatten. Man glaubte hierauf Grosses zu 
erreicbeUi als man 1510 dem damals in Köln studirenden Hu- 
manisten Johannes Gochl&us (Joh. Dobeneck von Wendelstein) 
das Bectorat der Lorenzer Schule übertrug. Derselbe nahm 
die Stelle auch wirklich an und entwickelte in den Wer Jahren^ 
welche er zu Nomberg verlebte, eine fruchtbringende Thätig- 
keit: er hat in jener Zeit ein Quadrivium grammatices, sowie 
ein Tetrachordum musices und Rudimenta geometriae heraus- 
gegeben, auch den Pomponius Mela bearbeitet und in Manchem, 
was er so schrieb , eine anerkennenswerthe patriotische Ge- 
sinnung an den Ta«i p:eleG:t Dann aber zog er nach Italien, 
wo er mit Hutten und Scheurl in Bologna zusammentraft). 
Man kann sich wundern, dass damals der P^intiuss Wilibald 
Pirkheimers, der doch mit der Visitation der Schulen beanf- 

1) Vgl. Loose in den Alittheiluogen des Vereins für CbemniUer Ge- 
schichte I, 9 f. 

2) Kuh köpf S. 141 f., 245. Lier, Der Augsburger llumanisten- 
kreis in der Zeitschrüt des Histor. Vereins lur Schwaben und Iseuburg 
1880 (VII) S. 79. 

8) Otto, JoluuneB GpchUkiiB der Homaiiist (1874) S. 11 l 



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V 



IL Aitthnüng äm HiüMmHiw« 299 

tragt war, in der gi t wen RaiduBladt nidit Bedeiiteiiderea 

lienrorzurufen vermocht hat. Es ist ihm aber wichtiger ge- 
wesen, den tüchtigen Humanisten als Führer seiner drei Neffen 
über die Alpen zu senden. 

Wir wissen, dass auch der Kath der edlen Stadt Strass- 
burg für das, was eine rechte Schule leisten könne, kein Ver- 
atändnisB zeigte, als Jakob Wimpheling, den man den Altr 
Tater des deatschen Schulwesens genannt hat, in seiner 
patriotisdifln Sehxift Germania (1501) an jenen die Anf» 
ünrdenmg richtete, eine Schule sa begrOnden, weldie als ein 
durdiaiiB stftdtiscto Institut nnabh&ngig von. lürchliehe^ Lei- 
tung wäre und allein solche Lehrer hätte, die Ton der Stadt 
bemfen und angestellt worden, dann aber auch, von der Aus- 
rüstung für den Kirchendienst absehend, eine für alle bürger- 
liche Thätigkeit genügende Vorbildung geben und so die Jahre 
vor dem Eintritt in das Berufsleben der männlichen Jugend 
nutzbar machen könnte. £s darf nun weiter nicht auffallen, 
dass, während der Rath von Strassburg die ihm gemachten 
Vorschlage unbeachtet liess, der Franciscaner Thomas Mamer 
in seiner Schrift Nova Germania, die freilich den übrigen In- 
halt der Schrift Wimphelings nicht ohne Grund anfidit, mit 
besonderer Leidenschaft jene Vorachlftge bekämpftie, deren 
Befolgung die Fi-anciscanei-schule in Strassbnrg gefährdet 
hätte M. 

Es fehlt im Ganzen doch fast Überall noch an bewusst- 
voUem Zusaniniengreiien, an freieren Organisationen. Üie Zahl 
der für den Humanismus Erwärmten ist gross, und wie in den 
höheren Kreisen auf sehr verschiedenen Punkten guter Wille 
und frohe Hoffnung sich regen, so fuhrt der Missmuth Uber 
die Verkomnienheit des Alten auch im Volke Viele den auf 
Neuerungen im Geiste des Humanismus Hinstrebenden zu; 
allein eben diese Neuerungen knUypien sich meist an einzelne 
Persftttliehkeiten an, die zwar unter sieh vielfiiichen Gedanken- 
austausch herzustellen wissen, doch eine Gesammtwirkung 
mehr durch Theilarbeit vorzubereiten suchen, als mit kUhu 



1) Scbwarce, Jac. WimpheUog (1875) S. 7ö &, 180 ff. 



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300 Der Eintritt and du Wirken des Htunanismus. 

Tordringender Kraft erstreben. Imflierfaiii ist es ete etfreH" 

liches Geschäft, zu betrachten, in welcher Weise einzelne 
Pereönlichkeiten ^^ewirkt haben. Wir dürfen indess hier, wo 
es um die Geschichte des Schulwesens sich handelt, solches 
Wirken nur in Andeutungen behandeln. 

Nach fast allgemeiner Ansicht gilt Wilibald Pirk- 
beimer, der Nüniberger Patrieier, als persönlicher Mittel- 
pmkt aller hmna&iiitischen Bestrebangen seiner Zeit, und an- 
snerkemieii ist, dass der bedeutende Haan, wie seine reidm 
Mittel ihn in den Stand setsten , nach allen Seiten Hills «t 
gewftlnen, auch lebendigen Sinn hatte fikr das zn rechter 
Förderung der neuen Studien Nothwendige, wie für das von 
solcher Förderung zu Erwartende. Wir wissen auch , dass 
sein gastfi-eundliches Haus Allen offen stand, welche die Sorge 
und Thätigkeit für jene Studien nach Nürnberg führte, dass 
er durch einen sehr ausgebreiteten Briefwechsel mit zahl- 
reichen Humanisten in Verbindung stand ^) vnd mit eben so 
liA Besennenheit als Eifer der hohen Interessen, die mit der 
ganzen Bewegung verbunden waren, sich annahm. Wenn man 
aber nach den bleibenden Besnltaten seines Wirkens sidi nm- 
sieht, so bietet ^h der Betrachtung nur Weniges dar, wfthreiid 
man doch sagen kann , dass bei der immer weiter gehenden 
Erregung der Geister für das Neue, wie sie seit dem Ende 
des fünfzehnten Jahrhunderts sich vollzog, von dem einenden 
und gestaltenden Wirken eines auch äusserlich so günstig 
gestellten Mannes Grosses sich erwarten liess. Es soll dabei 
durchaus nicht verkannt werden, dass fort und fort in den 
vorliegenden Zust&nden grosse Schwierigkeiten auch ernstem 
Wetten sich entgegenstellten und vide Mitstrebeade» wie 
enthusiastisch sie auch erschienen, fbr stetige und nachhaltige 
Th&tigkeit wenig oder gar nicht zu brauchen waren; aber 
eben damit kommen wir auf die Bemerkung zurück, dass die 
humanistische Bewegung jener Zeit im Grossen und Ganzen, 
weil sie voi-zugsweise durch das, was die Einzelnen betrieben, 



1) Eine grosse Anzahl von Briefen an und tob FfridMuner ÜMflt 
Goldast, FfildieiiBan Opp. (Kttmbcig ISIO) mit 



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n. AnibMiteBg ies HoBMitnaii 801 

bedingt moTf sa keiner enteeheidendeii GesaBintwirkniig ga» 
kämmen mL Wir werden ubs ?on der Bicktigkeit dieeer 
Anffimung am besten dadurch tbeneugen, daas wir gerade 

mit dem berOhmten Nflnberger in aller Kürze bekannter au 

werden suchen. 

Wilibald Pirkheimer, aus einer reichen Patricierfaniilie 
Nürnbergs entsprossen, aber zu Eichstädt (1470) geboren, wo 
damals sein Vater Johannes Pirkheimer bischöflicher Rath 
war, hatte durch den auch hiunanistiscb angeregten Vater be- 
reits eine sorgfUtige Erziehung erhalten, ab er ton diesem 
auf anqged^teren Geschäftsreisen mitgenommen wnide und 
aneh die Welt in Tiel&chen Beiiehnngen kennen Icnite. Dann 
trat er selbst in die Dienste des Biscfaoft von Eidistftdt (1488), 
mn den Waffendienst kennen m lernen, and der krftftige Jüng- 
lin^^ fand an kriegerischer Thätigkeit so jji-osses Wohlgefallen, 
(lass er ganz dabei verharren zu können wünschte. Aber nach 
zwei Jahren sandte ihn der Vater, der selbst Rechtsgelehrter 
war, nach Italien zu juristischen Studien, die er zuerst in 
Padua drei Jahre lang betrieb, dann aber nach der Be- 
stimmung des Vaters, der mit sdnem zugleich hervortietenden 
Eüer iüx das Griechische nicht gerade einverstanden war, in 
Pavia neck weitere vier Jahre fotsetste. Er hatte in dieeer 
Zeit mit grossem Ernste aneh andere Stadien betrieben nnd, 
indem er von dem zaweilen wilden Treiben der in Italien 
stndirenden Deutschen sich fern hielt, regen Verkehr mit 
Italienem unterhalten, die er oft durch seine Laute, wie durch 
seine feinere Geselligkeit erfreute, während er zugleidi mit 
ihrer Sprache vertraut wurde M. 

Nach Nürnberg zurückgekehrt, wo sein Vater die letzten 
Jahre seines Lebens in Abgezogenheit von Geschäften zubrachte, 
kam er schnell an hoher Geltang: als Mitglied des Rathes 
nnd als Abgeordneter der Stadt bei Beiehstagen nnd anderen 
VerhaodlOBgen, geieftentKeh aneh als Anlllhrer der dem Kaiser 



1) Vgl. P ei per. Zur Geschichte der lateinischen Komoedie des fünf- 
zehnten Jahrhunderts (aus Pirkheimers Studienzeit in Padua), in den neuen 
Jahrbüchern für Philologie und Pädagogik Band CX, S. 131 iL 



SOS l>er Eiataitt md du WAm 4m Hnmanisinni. 

gegea die Sehweizer zo Hilfe geBandten Kriegsleate (1499), 
entwickelte er dne Thätigkeit, die ihn, den staatsklagvn, 
welter&brenen, durch edle Haltung nnd gewandte Bede niu- 

gezeichneten Mann, fast unentbehrll^ ersehenen liees. Wenn 

er nun auch, durch kleinlichen Neid Mancher geärgert, auf 
einige Zeit sich ausschliesslich wissenschaftlicher Müsse hingab 
(1501 — 1505), so konnte doch das städtische Gemeinwesen auf 
seine so wirksame Mitwirkung nicht lanjie verzichten, und er 
hat dann bis in die Jahre, wo das Podagra ihn lähmte und 
der dnreh die Rßformation auch in Nürnberg herbeigeführte Um- 
•chwnng ihn tief yeratiniinte, trea and fest in seinem Öffent- 
lichen Bemfe anogehaltenO* Aber allezeit war ihm die Pflege 
der höher«! Stadien Henensiache, und dadurch hat er doch in 
den nächsten nnd in den weitesten Kreisen rlickhaltslose, zom 
Theil enthusiastische Anerkennung verdient. Mit ungewöhn- 
lichen Kenntnissen ausgerüstet und von einer ausserordentlich 
reichen Büchersainmlung umgeben, legte er es doch nicht ge- 
rade darauf an, als Schriftsteller zu wirken, und was er schrieb 
(wir denken hierbei besonders auch an seine Uehersetzungen 
aus dem Griechischen in das Lateinische oder Deutsche), das 
sollte meist nicht gelehrten Zwecken dienen, sondern Lebens- 
weisheit nnd tftchtige Gesinnuig in die Henen pfianno oder 
dem Neueren, dem er mit freiem Sinne ^ogethan war, audi 
durch Sathre breitere Bahn eröffnen AUein es war eben 
seine mächtige Persönlichkeit, welche so Grosses wirkte. Und 
doch war selbst seine Thätigkeit für die Schulen Nürnbergs, 
denen er als Visitator vorstand, ohne nachhaltige Bedeutung. 
Als im Jahre 1526 der Geist der Reformation in Nürnberg 
eine bedeutendere Anstalt schuf, nahni er, bereits kränklich und 
verstimmt, an den Arbeiten fÜU: sie nicht mehr theil 



1) EndgUtig Mfaied er erst im Jahn 1588 tos dem Badnu 

2) Gemeint ist der Ecdus dedoktns vom Jahn 1590^ hwinnimifihim 

von Böcking, Hutteni Opp. IV, 513—548. 

3) Nächst Erhard hat Pirkheimers Wirken besonders anziehend 
dargestellt Hagen I, 188 fi'., 2t il tf., 281 f., 28«, 290, 294 ff., 303. 346 ff. 
423 ff., 449 ff. (über Pirkheimers Verhältniss zu den Briefen der Dunkel- 
männer), 4dü S. (Pirkheimers Apologie Beuchlins). Ueber Pirkheimen 



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303 



Es liegt nahe, dem NOrnberger Pirkheimer den Augs- 
burger Konrad Peutinger an die Seite la stellen, wie man 

ja auch geneigt sein kann, die beiden Reichsstädte, in denen 
sie eine so bedeutsame Wirksamkeit entfalteten, zu ver- 
gleichen \). Peutinger gehört, wie jener, zu den nicht zahl- 
reichen Humanisten, die mit vielseitiger wissenschaftlicher 
Bildung eine im praktischen Leben oft bewährte Tüchtigkeit 
verbanden und bei allem Wohlgefallen an der schönen Form 
einen die Phrase verschmähenden, anf den Kern der Sachen 
gerichteten Emst bewahrten. Anch er gehörte einer Patricier* 
fisauHe an (geb. 1465); auch er hatte italienische Univmi- 
taten besucht; auch er war dann als Stadtschreiber in die 
Dienste der Vaterstadt getreten, obwohl er zugldch dem Kaiser 
Maximilian als Rath nahe stand; auch er unterhielt mit vielen 
aufstrebenden Männern regen Verkehr, und wo er helfen und 
ermuntern konnte, that er es gern. Besondere Theilnalime 
wandte er den Alterthümern und der Geschichte zu, und unter 
dem, was er in seinem Hause nach und nach gesammelt hatte, 
befandsich sehr Bedeutendes, wie die nach ihm genannte römische 
Weltkarte (Tabula Peutingeriana). Die Neigung, die iltere 
Geeehichte der Dentsdien zu erforschen, theilte er mit anderen 
Hnmaaisten jeoer Zeit. Fttr das Unterrichtsweeen in Augs** 
borg in ausgedehnterem Masse su sorgen, war freilich auch 
er nicht im Stande; aber Johannes Pinicianus, der seit 1512 
dort unterrichtete, war sein Schtltzling Als der gewaltige 
Gang der Reformation die Herzen tiefer erregte, war das- 
jenige, was Erasnms im November 152n von Köln aus an ihn 
schrieb, ohne Zweifel in voller Uebereinatimmung mit seiner 

Verbindung mit Hutten Strauss, S. 243 ff., 25(>, 258, mit Hürer Thau- 
sing, A. Dürer S. 120 ff.. 259, 263, 270 f., 275, 279 ff. Vgl. Pirkheim. 
ed. QoldMt (1610) p. 26, 172, 218. 

1) Riehl, OifcwfiSMHiB mm drei JalutaideKten & 988 ff. 
^ Herberger, KoMid Pwih^ im Mh— TetliiMniM nm Kaiier 
Maifaiflian L Ein Beitrig cor Qeidiiolite ihrer Zeit, ndt beoeiiderer Be- 

itteknchtiguDg der literarischen ond artistischen Bestrebungen Peutingers * 
tmd des Kaisers, Augsburg 1850. Ueber Peutingers Verbindung mit Hein- 
rich Bebel Zapf, üeinnob Bebei aeefa aeinem X<eben tud Schriften (IdOS) 
S. 2, 40, 228, 266. 



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804 ^ Etüritt Mi te ynätm to BmuSmm, 

eigMien Anrieht, daas gewaltnmes Etmehraten gegen Luther 
dae Uebel unheilbar machen könne, wie damals ja aneli Pen- 

tingers Freund Johann Faber die Sache durch weise und be- 
sonnene Männer auf dem nach Worms ausgeschriebenen Reichs- 
tage behandelt zu sehen wünschte. 

Wir könnten jetzt eine Reihe von Männern anführen, die 
der Ehre ihres adeligen Geschlechts nicht Abbrach zu thuu, 
sondern Förderungen zu bereiten glaubten, indem sie den 
neuen Studien ^hre Theilnahme smwandten und Geltang zu 
Bdiaffsn strebten. Aber es ist audi wieder fftr ansere Zwecke 
ttbeiflttssig, an Mftnner wie Eitel wolf ?ott Stein oder Dietrich 
Ton Bttlow zn erinnern, diejenigen alle za nennen, weldie aneh 
in den Fürsten und Bischöfen den Sinn für edlere Wissen- 
schaft weckten und nährten. Es gab in Deutschland keine 
Medici; aber an einsichtsvollen Landesherren, welche mit be- 
schränkteren Mitteln den Studien zu helfen suchten, war kein 
Mangel, und diesen standen nicht selten Käthe zur Seite, die 
ihren guten Willen auf das Rechte hinleiteten. Wir wissen, 
wie der Freiherr Johann zn Schwarzenberg neben dem wohl- 
gesinnten Bischöfe Ton Bibra (f 1522) vmear anderer auf sitt- 
liche radong des Volkes geriditeter Thfttigkeit andi das 
YerstftndnisB der in den Moralisten des römiscken AlterthvaiB 
niedergelegten Wahrheiten fhr sieh und Andere als Aufgabe 
ansah, weshalb er Uebersetzungen von den Otficien und dem 
ersten Buche der Tusculanen, sowie der Schriften vom Alter 
und von der Freundschaft besorgte*). Mit ähnlichen oder 
Gleiches erstrebenden Arbeiten waren ihm ja aber schon früher 
Niklas von Wyle, Heinrich SteiidiOTel und Albrecht von £yb 
Yoransgegangen^. 

Etwas Iftnger jedoch mfissen wir bei Bohuslaw von Hassen- 



1) HerBftan, EMhorr Jehan m SdiwuMDberg. ISn Beitnf 
zur Gitdiiehle dee GrinlBalrate md dar Gffttndnog dar evanfeUicheii 
ffirdM. 1841. 

2) Es wäre eine lohnende Angabe, die geistige Erhebung im deatscheB 
Adel seit den letzten Jahrzehnten des fünfiBebnten Jahrhund^its zu be> 
trachten. Vgl. hierzu Günthntr, Qmck. der literarischen AnataUeo in 
Bayern III, Hl £,.184 l 



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n. Ausbreitung des HumauiBmos. 



305 



stein verweilen. Etwa im Jahre 1462 geboren, hatte er seine 
Studien an der Universität Bologna gemacht. Dann für einige 
Zeit in seine böhmische Heimath zurückgekehrt, unternahm 
er (1400) eine grössere Reise, die ihn von Italien aus nach 
Syrien, Palästina, Aegypten und Arabien, dann über Griechen- 
land nach Sicilien und Nordafrika (bis za den Ruinen Kar» 
IJiago'fi) fiüirte. Er war noch alif der Reise, als üm das Dom- 
capitel in Olmftte nim Bischof wählte (1491). Doch billigte 
der Papst Innoeenz VUL die Wahl des Laien nicht, sondern 
sdidb einen Italiener ein, dem spAter Alexander VI. ^nen 
anderen Italiener folgen liess. Der so auf die Seite Gedrängte 
verzichtete 1497 auf die Wahl völlig und wandte sich nun 
mit grösstem Eifer den humanistischen Studien zu, woran er 
die Beschäftigung mit der Theolode anschloss. Als lateinischer 
Dichter hatte er schon höhere Anerkennung gefunden. Er 
trat nun auch mit den deutschen Humanisten, wie mit Konrad 
Celtis in Verbindung; die literarische Gesellschaft in Witten- 
berg machte ihn zu ihrem Vorstande; seine Gedichte wniden 
an deutschen UniTersitäten, s. B. in Leipsig, neben den das- 
sisdien Werken der Römer erklftrt Als ihm der Versuch, 
das Bisthum Breslau zu erlangen, ebenfalls misslungen war 
und der Dienst am Hofe des Königs Wladislaw ihm keinerlei 
Befriedigung gewährt hatte, zog er sirh ganz auf sein Schloss 
Hassenstein zurück, um iu gelehrter Müsse sein alleiniges 
Glück zu suchen. Sein Haus glich einer Akademie ; alle neuen 
Ei*findungen, alle neuen Werke der Kunst beschäftigten seine 
Aufmerksamkeit; seine Bibliothek, für welche er, die Handels- 
verbindungen der Fugger von Augsburg benutzend, weit und 
breit, selbst in Griechenland Erwerbungen machen liess (ein 
Exemplar des Plato hat er mit 1000 Ducaten bezahlt), wurde 
^ne der reichsten in weitem Umkreise. Die Söhne seiner 
Verwandten unter seiner Aufsicht bilden zu lassen, erschien 
ihm in seinem Tusculum als ein besonders liebes Geschäft. 
Der alten Kirche blieb er, obwohl er selbst ge^en die Päpste 
manches schneidige Wort gerichtet hatte, unwandelbar treu, 
ja er eiferte für den päpstlichen Stuhl und suchte seinen 
K6nig durch Hinweisung auf noch überall sichtbare Spuroi 

I 



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3^ Der EiatriU und das Wirken deä Hiunaniäuius. 

huseitischer ZerstOrangswuth auch zu scharfen Maseregeln 
gegen die böhmischen Brüder zu bestimmen. Die stürmische 
Heformationszeit sollte er nicht erleben. £r starb bereits den 
13. Nov. 151(M). 

Viell^cht noch mehr als in Böhmen war in Miüiren die 
Sympathie des Adels den neuen Studien gewonnen . Ctibor 
lim Cimbnrg, Ladwiaw tob Boskowits, Johann tob Zwole und 
Andere fttderten sie. Der Adel begann damals, seine SAbne 
dwoh ernste Stadien mid durdi Reisen umA ItaÜen, JkmtaAr 
laad und Frankr^cb anibilden an lassen, nni sie in wOrdigsr 
TbAtigkeit im Dienste des Vaterlandes vonnbereiten. Es gab 
miter diesem Adel bald viele, welche den Vii*gil und Plinius, 
den Cicero und Plutarch im Original lesen konnten. Die Ei^ 
richtung zahlreicher Schulen fällt in diese Zeit 

Wenn nun in den höheren Kreisen auch die Frauen zu 
beberer Bildttog angeleitet wurden, so kann das nicht aber» 
rasdien. Konrad Celtis konnte von den NOmbergerinBea 
itbmeo, dsss sie Aritbmetik nnd Biosik, aber aneb Lalsia 
▼erstinden; es ist aber beseicbnend, dass er in diesem 2»- 
sammenbange aneb des Sdireibens gedenkt'). An Pirlt* 
behnm Sebwestem braucben wir kaum m erinnern. Sebr 
bekannt sind auch Juliana Peutinger, Margaretha Welser, Issr 
bella Fugger geworden*). 



1) Gau «08 seinen Briefen, Gediditen und Sehriften mhUdert Om 
Coler, Commflntatio bist de Bohualai Hassensteioi vita et snmmis in 
rem literariam meritis (1721, 4"*). Vgl. Gindely, Getchichte der böhi 
ArSdor (1857) I, 98 f. Ueber seine Verbiudang mit Bernbavd 
von Adelmannsfelden in Augsbui^ Li er S. 87 ff^ 96» 107. 

2) Chlumecky, Karl von Zerotin S. 48. 

8) (Jeitis, Descriptio Norimb. p. 128 und Pirkheimeri Opp. ed. 
Goldast. 

4) Ueber Pirkheimers Schwestern Charitas und Clara vgl. Bareic* 
kard, de linguae lat in Germania fatis (1713) p. 205 beeondem «lor 
Binder, Chwita» Fttkiiiiiner 8. 85 ff. mid OS CbarilM» doidi Horn 
bertthntea Brader gebildet, war mit Cdti^ Ectannit nnd anderen Hmni' 
nisten befreundet Das Tom Beiehtrater an sie geriditete Yeibot, !•> 
teinische Briefe nSeh Anssen sa schreiben, sollte wobl Ton soteher V«^ 
blndnog sMeidnn. 



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I 



iL Aoabreituag des Hnmaniftmni. 307 

Wie stand es aber mit dem Klerus? Da hat man doch 
anzuerkennen, dass derselbe seit den Tagen Johanns von Dal- 
berg und Rudolfs von Lanj^en viele Freunde und Gönner der 
humanistischen Bestrebungen zählta Es wäre leicht, durch 
eine Aufsählung von Nainen Belege bii schaffen. Der Erzbischif 
Jübveeht vm Maua und MagiUviv war Hattena Basefattter; 
4er ffOat Nanmbufg gewftUte Jnli v yoa Pihig hatte imk aeine 
Baaoliiftigiiiig mit dee Alten jene nasavolle Haltong gewoanei^ 
die ihn unter sehr trQben Verhältniesea auch für sehie Gegner 
zu einem Oegenstand der Theilnahme machen konnte; die 
bischöflichen Brüder Thurzo in Olmtitz und Breslau standen 
mit Erasmus in freundlichem Verkehr; die Domherren Bern- 
hard und Konrad Adelmann von Adelmannsfelden hatten mit 
Pirkheimer wie mit Reuchlin eine engere Verbindung ange- 
knüpft ^) ; Johann von Botzheim, Domherr in Konstanz, Thomas 
Trachsess, Deehant in Speier, Loraas Bebaim, Kanonikas im 
SÜfte St Stephan in Bamberg md nna als trefflidie Kenner 
der dassiachea literatnr bekannt In Strawbnig galten der 
KanonilnM Thomas Wolf ond der Propst PhiHppoa de Dnne 
als treue Beschützer aller ihnen zugewandten Hnmanisten 

Da lohnt es sich, auch in die Hallen der Klöster einzu- 
treten, in welche vielfach die Strahlen erquickenden Lichtes 
den Zugang gewonnen haben, wie gross immer in manchen 
das Dunkel war, wie arg das Schlaraffenleben, wie unüber- 
windlich die Faulheit der in ihnen Vereinigten. Gewiss sind 
die in solcher Beziehung selbst von sehr gemässigten md 
UfGheDfrenndUchen Männern erhobenen Klagen sehr gerseht^ 
fntlgt gewesen; aber saUreidie ThataacheB lassen doch dne 



1) Lier S. 86 f., 90, 91 f., 95. 

2) Es ist hier überall auf den lebhaften Briefwechsel zwischen den 
Hamanisten jener Zeit zu verweisen. Briefe beider Adelmann an Reuchlin 
bei Geiger, Reuchlins Brietwechsel S. 9, 27, 28; Botzheim au ilummel- 
berger in Horawitz, Analecten zur Gesch. der R^ormatioa und des 
HnttiaittM ia SdniabA & 48 1, aai TW Ho^^ 

79 £, 84 £; ab« TkndMü ib6B «mBmI & S wd 481 dis UM 
MmnfamgOB Ton EnsoMW and FiridMiiMr ete bnnNiit hMoi täamrt wa 
WBfden* 

20» 



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308 



Der Eintritt und das Wirken des Homanismos. 



bessere Anfhasang zu. Man darf hierbei hervorheben, dass 
die Benedictiner hier und da noch immer für höhere Studien 
Theilnahme zeigten, wie z. B. in Leipzig, wo auch im Do- 
minicanerkloster eine gewisse Regsamkeit herrschte ^) , wenn 
sie gleich den alten Ruhm wissenschaftlichen Eifers schon 
IftDgst verloren hatten, dass auch bei den Cisterciensem an 
einzelnen SteUen neues Leben sieh regte, dass selbst in £61n 
die Antoniterherren nnd die Angostiner-Ereniiten den Hnma- 
nisten Sympathie bewiesen >), dass sogar Dominicaner und 
Fhmdseaner znweOen für das bei ihnen sonst Gehasste erregbar 
zu sein schienen. Wir versuchen dies noch durch einige Einzel- 
heiten zu erweisen. 

Die alte Abtei Fulda freilich hatte längst vergessen, dass 
in ihr Hrabanus Maurus gewirkt hatte, und die Klostei^schule, 
die dort noch bestand, war durch den in ihren Umgebungen 
herrschenden Geist des Mönchthums so niedei'gehalten, dass 
auch die Berufung des humanistisch gebildeten Crotus Ru- 
bianus kein Leben in ihr zu entwickeln vermochte, wie sie 
schon vorher fbr den jungen Ulrich von Hutten nichts Bil- 
dendes gehabt hatte ^. Aber die Benedictiner in Zwiefiüten 
hatten es gern, wenn der heitere Humanist Bebel aus Tübingen 
sie besuchte; der damalige Abt Georg Fischer sammelte eine 
Bibliothek aus griechischen und römischen Schriftstelleni, die 
jene benutzen durften, in den Mönchen aber regte sich das 
Streben, vorwärts zu kommen, das Bebel in seiner Weise 
unterstützte^). Reges Leben herrschte bei den Benedictinem 
in Bayern, Im Kloster Ottobeuren lebte seit 1504 Nikolana 
Ellen bog aus dem 8chwabenlande, später Prior und Oekonom 
des Klosters. In den Gedanken des unermQdlich thätigen 
Mannes lag auch der Entwurf zu einer Klosterschulet welche 
homines trilingues bilden sollte und wohl auch su einiger Eni- 
Wickelung kam, doch durch die einseitige Richtung ihres 

1) Lier 8. 70 ft 

8) K. Krafft, AnMdmoiigni BidUiigen 8. 00 t; vgl. K. md W. 
Ksafft, Bdefo und Docamenie 8. 80 £, 45 £, 64 £ 
^ 8traiit8, Hutten S. 9 £, 57 l, 139 t, 801. 
4) Zapf a 87 £, Hagen I, 210 t 




IL AjuibnikuB$ dos Hnmsinrai« 



809 



Orttnders auf das Theologische gehemmt wurde. Mit Reuchlin 
onto^äi er emeü lebhaften Briefweehsel, ans dem wir sehen, 
dasB er hebrftiache Stadien trieb nnd mit Plate sich be- 
I sehiftigte. Yen seinen vielen Schriften, die spftter sehr ent- 
I schieden die Beformation beldbnpften, werden manche noch 
! ungedi-uckt in Ottobeuren aufbewahrt Wir nennen neben 
ihm noch den Benedictiner Chelidonius Musophilus im Aegidien- 
kloster zu Nürnberg, später Abt des Schottenklosters zu Wien. 
Ein entschiedener Verehrer von Celtis, stand er auch mit 
Albrecht DQrer in freundschaftlicher Verbindung. Er ver- 
fasste zu des Meisters grosser und kleiner Passion die la- 
teinischen Verse und abersetzte fUr die aweite Ausgabe der 
Ehrenpforte die deutschen Verse ins Lateinische'). 

Ein besonderes Bfld gewinnen wir, wenn wir auf J<diannes 
Alienstaig unsere Aufinerksamkeit richten. Er war in dem 
Städtchen Mindelheini geboren, hatte in Tübingen unter Hein- 
rich Bebel studirt und auch bereits als Lehrer sich versucht, 
als Johannes Zinngiesser, der Propst des Stifts der regulirten 
Augustiner Chorherren in Polling (er waltete als solcher seit 
1499), ihn mit der EinftÜirung seiner jungen Kleriker in die 
Philosophie und Theologie beauftragte, wobei das Studium des 
Lateinischen nach der neuen Methode die Voraussetzung bil- 
dete. Nach der ausführlichen und in mehrÜBcher Beziehung 
ansiehenden Zuschrift, womit er dem Propste seine Ausgabe 
I TOD Bebels Triumphus Veneris (Strassburg 1515) dedicht hat, 
kann er nicht lange vor 1510 (die Zuschrift ist ex Pollinga 
I iutra idus Apriles) seine Wirksamkeit in dem reichen Stifte 
. eröffnet haben Er unterstützte dann den Propst wahr- 
I scheinlich auch bei der Errichtung und Bereicherung der 
I ' Stiftsbibliothek. Als er später (1512) Polling wieder verliess, 
I um in seinem Geburtsorte Mindelheim, nachdem er die 
; Priesterweihe erhalten, eine Pfründe zu übernehmen, trat in 
Polling Matthias Kretz an seme Stelle, er selbst aber setzte 

r 

1) Geiger in der Vierteyahrsschrift ftür katholiBche Theologie 1870, 
mit Kachtrag 1871. Eilenbog starb 1543. 

2) Otto, CochUuis S. 58. 
, 3) Zapt, Bebel b. 241 ff. 



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810 ^ Eiateill mtä 4as Wnte te HniWMiwmM 

im dortigen Aogustinerkloster auch seine LehrthAlij^t fort 
mä kan in mehi^he Verbindung mit dem Augsbnfger Bisdiof 
Ghrislopli Toa Stadion. Der Geist der fiafofmalkNi achfluit ikii 
nfäit «ffgriiiMi su baben. Mit dem Jähm 1588 veiadiwiftdit 
von ihm jede freftere Spur dm WirkeoB. 

Bei den BenediclÜnefB !■ Sponlielm hatte der so krfiftig 
und entschieden aufstrebende Johannes Trithemius nach 
einundzwanzig Jahren (1483—1504) doch keinerlei nachhaltige 
Wirkung hervorgebracht. Während er in weiten Kreisen als 
Theolog und Humanist, als Mystiker und Staatsmann, als rast- 
loser Forscher auf dem Gebiete dei' vaterländischen Geschichte 
und Cultur zu hoher Anerkennoiig .geiaiigte, fand er in seiner 
nftchsten Umgebaog nur geringefi Verstäadniss Miner B»- 
•tmboigeii, UBd die stattUelie Bibliothek, -die er sammelte, 
faKeb wohl Tor Allem seiomr BenutEvag ftbeiiasBen*). Iii Laadi 
hatten die Benedietiner frellieh an dem in Dercster gebildeten 
Novizenmeister Johann Butzbach einen treiHichen Kenner 
humanistischer Studien; aber mit seinem Ordensbruder Jakob 
Siberti, der vorher schon in Emmerich als Lehrer gewirkt 
hatte, stand er doch einsam in der Mitte bildungsloser, in 
strenger Askese sich abmlihender Klostergenossen Wie es 
in einem Benedietinerkloster des Meissnerlandes (in Chemnitz) 
aaasah, dessen praehtliebender Abt Heinrich von Schleimte 
andi Iftr Vennefanmg der BiblkHliek, aber nieht für Unfter^ 
ridit sorgte, lehrt uns in sehr ansehanlicher Weise eine Sehrift 
des Humanisten Paul Niavis, Tielleicht des üUesten, der in 
den sScfaiiiehen Landen gewirkt hat*). 

1) UdMT ihn am Beoeiw Zmt b«tond«i Silbernagel, Johannes 
TrUhenliis. Landeshnt 1868 ; Bflnoann Mfi Her, üeb« das Yerhiltniaa des . 

Abtee TrithemioB za JoachiiB I. vm Brandeaburg. Prenzlaa 1874, gr. 8 
lieber den Passaniieheu Mönch Paul Lange, den Trithemius durch Deutsch- 
land aussendete, um Urknadea fikr ihn aafcosachea, SehOttgen ia der 
Nachlese XI, 8S ff. 

2) Becker, Chronica eines fahrenden Schülers S. 219 ff. üeber 
die Verbindung, in welcher Butsbach mit Thtbemins stand» S. 223 tL, 

267 fl, 272 ff 

3) Ermisch im Archiv iiir sächsiBche Gesciiichte. Neue Folge V, 
222 ff. 



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Sil 



Auf ähnliche Weise wie die Benedictiner Butzbach und 
Siberti in Laach waren durch die Freude an den Alten ver- 
banden die beiden Gistercienser Heinrich Urbanus und Greo^g 
SpalatiMis im thüringischen Kloster GeoiioenthAl, die in Ver> 
bflidimg mit dem in Gotha Tmintamteo Kanoiünit Mutiaiiiit 
Bote auch den griecblBdien Stediee gronea Flete suwaadtei 
. md zQ^eidi in stiller AbgescUedMluiti den merkwQrdIgiteii 
Umschwung des geistigen Lebene weiter Kreise mit vorbe- 
reiteten V). Einsamer als sie stand Konrad Leontorius (Leon- 
berg, Löwenberp), der als Gistercienser in Maulbronn begann, 
später (1504 — 1511, 1. Jan.) im Beghinenkloster Engelthal 
(südlich vom Dorfe Muttrop) junge Leute, unter Anderen Boni- 
facius Amerbach, unterrichtete. >«eben einer neuen lateinischen 
Bibel hat er grössere Arbeiten nicht unternommen; aber die 
lateinisehen Gedidite von ihm und Briefe an Beachlin erweisen 
esnien ZneammeDhang mit den hnmaniBtisehen Krisen*). 

Nirgends freilieh treten uns Thatsachen entgegen« welche 
eine weiter retehende oder tiefer gehende Sympathie dieser 
Orden ftir die humanistischen Studien verriethen; es sind 
tiberall doch nur einzelne Ordensbrüder, welche denselben sich 
zugewandt haben, und dass sie dafür mancherlei Anfechtungen 
erlitten, das zeigen die Klagen über t^olche, die sie gelegent- 
lich von ihren Ordensgenossen eriuhren^). Man kann dabei 
wieder nicht sagen, dass in diesen Orden während jener U^>er* 
gangsieit guter Wille durchaus g^ehlt habe; man weiss es ja: 
wie gerade damals unter deo hohen Prftlaten manche sehr 
tOelitige MiUmer standen, die in Idarer Erkenntniss vor- 
handener Uebelstftnde auf Pflansung und Förderung des 
Besseren ernst bedacht waren, so ging in den giossen Orden 
das Streben in eben jener Zeit viellach auf durchgreifende 
Reformen, und diese sind zum Theii auch mit nachhaltiger 



1) Kampschulte I, 80 f. 

2) Fechter in den Basler Beiträgen zur vaterliindischen Geschichte 
1846, 2. Band. Eeuchlins Briefwechsel von Geiger p. XXI, XLYIII; 
▼gl. S. 360 1 

8) So AlteBBftsis bei Zapf 8. 248; fibtr Botibaeha Anfec^tangeii in 
Laaeh Beeker 8. 248 £ 



L 



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312 EiDtntt and 4a8 Wirken des Humanismua. 

Kraft ausgeführt worden, wofür die Bui-sfelder Congregation 
der Benedictiner und die sächsische Congregation der Augu- 
stiner als Belege gelten dürfen. Aber solche Beformeu hatten 
wesentlich asketischen Chai'akter; sie mussten also vor Allem 
auf die alten Fandame&te zurltekstrebeD und im Dringen onf 
tasieriiehe Znebt und Ordnung dodi bald ibre Kraft er- 
schöpfen. Aber damit kam man au wahrer Emeuerong ni^. 

In Wahrheit standen zwei ganz Tmehiedene Weltansehau- 
ungen einander gegenüber, die nur deshalb nicht sogleich zu 
grosser Scheidung führen konnten, weil gerade die Vertreter 
und Freunde des Humanismus bei ihrem harmlosen Wohl- 
gefallen an dem Schönen in Poesie und Rede wenig bedachten, 
wie in den schönen F'ormen ein Geist wirke, der das in den 
alten Formen Bewahrte und ohne sie fast Haltlose sicherheh 
stürzen und die umfasBendsten Umgestaltungen aothwendig 
machen werde. Um so leichter konnten nun auch die Ver- 
treter und Freunde der alten Doctrinen, die so lange uner- 
schütterlich sich behauptet hatt^, im Vertrauen auf deren 
Festigkeit das Neue, auch wenn es ihnen gelegentlich wie 
unvereinbar mit dem Alten erschien, an sich heranlassen. 
Aber sonderbar wäre es doch gewesen, wenn der vorhandene 
Gegensatz nicht doch auch an sehr verschiedenen Punkten 
zu Reibungen geführt hätte. In Italien hatten die Ueber- 
treibungen der Humanisten ziemlich frühe harten Conflict Ter- 
anlasst, und im Jahre 1450 hatte der eifrige Franciscaner 
GiOTanni da Prato von der Kanzel herab gegen die dassischen 
Schriften sich erkl&rt, mit der Behauptung, dass ein katho- 
lischer Christ sie nicht lesen, nicht einmal anschaffen dttrfe, 
dass man sie vielmehr verbrennen, die Buchhändler aber wie 
die Käufer und Verkiiuier solcher Schriften für abscheuliche 
Ketzer halten müsse. Allerdings war der Widerspruch nicht 
ausgeblieben, und der grosse Sehulmann Guarino du Feltre, 
an dessen Lippen ganz Ferrara hing, hatte sogar darauf hin- 
weisen können, dass der kaum minder eifrige Franciscaner 
Alberto da Sargana in den Profanschriften eine vortreffliche 
Schule zu ernstem Verständniss der heiligen Bücher erkannte 0 ; 

l) Kosmini, Guarino II, 161 f. und III, 22 l 



n. AnsMtng das HnüMiwHW. * $13 



aber dar Kampf der If ändie gegen aUes Homamstiselie hörte 
in Itafiea nie vÜUig anf , ja er nahm znweilea einen sdir 
heftigen Charakter an« beBondere dmk die FranciBcaner TOn 
der strengen Obeenranz^). Um so merkwürdiger kami es er- 
scheinen, dass in Deutschland ein Franciscaner, der allbekannte 
Thomas Munier, noch in seinen jungen Jahren die Vcrtheidi- 
gung des Humanismus gegen seine Widersacher übernoninieu 
hat. An der Universität Freiburg war zwischen dem selbst- 
bewussten Humanisten Locher und dem streng kirchlichen 
Jniieten Zasius ein heftiger Streit entbrannt^ der den Gegen- 
sats swisehen den alten nnd den neuen Studien vor Vieler 
Augen au%edeckt hatta Mnmer nun, der im Mftiz 1506 an 
zwei auf einander folgenden Tagen Licentiat und Doctor der 
Theologie geworden war, trug kein Bedenken, den MOnchen 
im Franciscanerkloster die Aeneide noch weiter zu erklären. 
Darüber hoch entrüstet schrieb Zasius an ihn, wie sehr er es 
immer verabscheut liabe, wenn Ordensgeistliche, die Gott, die 
der Betrachtung der himmlischen Dinge, die der Seelener- 
bauung, die der Erlangung der höheren Vollkommenheit dienen 
sollen, sich mit der ganz eitlen heidnischen Literatur be- 
eehäftigen, in der doch nichts als Wortgepränge zu finden sei; 
den OrdensgeistlicheD gezieme es, wie der Welt, so auch der 
weltlichen Literatur ganz abzusterben und allein mit heiligen 
Dingen sich zu be&ssen. Mnmer indess entgegnete: man 
könne das von Menschen gelten lassen, die durch ihr Gelübde 
der Welt abgestorben seien; aber nicht von denjenigen Ordens- 
geistlichen, denen es obliege, mit der Welt zu verkehren und 
durch Wort, Vorbild und Leben sie zur Frömmigkeit anzu- 
leiten; diesen gebtlhre es vielmehr, um in der Welt wirken 
zu können, die dazu geeignete Bildung sich zu ver- 
schaffen, zu der eben auch die Kenntniss der alten Literatur 
gehöre. Man mttsse freilieh zwischen Kenntnissnahme und 
Einfilhrung in das Leben unterscheiden; aber wenn es ruch- 
lose Bacher gebe, welche die Flanmie der Frömmigkeit aus- 
löschen, so sei solche Wirkung doch nicht eine nothwendige 



1) Voigt, Die Wiederbelebung des classischea Alterthums S. 46ä if. 



uiyiii 



814 ^ EMrttt iBi Im WOm te Himiimmii. 

Fol06 &&t BmMtägaoi mit d«r allm Litmtiir, die ekh nü 
eittom fromiMiB ind »Mtigm Leben sebr ipobl Tertenipa. — 
Mumer Uw tlnrigeiiB ml Jener Zeit «neh ein CoUeg, worin er 
die Ansiehten der KirolMfiter Augusttnni und Hi«onym«B 

zusamnienstellte und mit den AniAkSSongen der Neuerer in 
Einklang zu bringen suchte, mit Rücksicht auf das stärker 
hervortretende Streben, die heidnischen Dichter in christliche 
Schulen einzuführen und der neueren Poesie als Muster der 
Naehahmung aufzustellen. Die Prosodie lehrte er nach einer 
mnemonischen bildlichen Methode^). Dass dieser HnmaaiBt 
nun doch gegen Wimpheling Fehde eriiob, darf ftbenruelwn; 
wir werden es nns Jedodi nnten leicht erklären. 



1) Goedeke la im ÜiileUtng la Miaflr Aaqgibe der Nanranbe- > 
a dwOn a g. 



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III. 

Hemmnngeii des Humanismiis. 



Uie heftigsten Angriffe, welche der Humanismus erfuhr, 
kamen aus den mönchischen Kreisen. Hier hatte solche 
Opposition eine Geschlossenheit, die auf vielen Punkten zu- 
gleich die Neueiiingen fern halten und da, wo sie vereinzelt 
gewagt wurden, rasch wieder die gemachten Risse verstopfen 
konnte. Und mit den Mönchen verband sich überall gern 
die Masse des weltUchen Klerus, verband sieh mit geringen 
AMnahmeii AUee« ym mm geistlichen Lekntaade an den 
UiuTersitftten gehtete. Wir dMen non nicht sagen« dass 
eben nur ünsserlieheB Interesse m selefaer Opposition an* 
getrieben habe, so gewiss auch angenommeta werden kann, 
dass viel Eigennutz der gemeinsten Art, Brotneid und 
Scheu vor Concurrenz thätig gewesen. In Wahrheit war es 
doch eben der alles klerikale Leben beherrschende Geist der 
Askese, der in der Abgezogenheit von den Dingen der Welt, 
in der bis zur Abtödtung des Fleisches gehenden Be- 
kämpfung der sinnlichen Regungen, in einer auf das Ueber- 
irdisdie und £wige gerichteten, in tiefe Mystik ffthrenden 
traehtnng die alleinige Au%abe des walven Christen sehen 
Hess. Man venäuiite liraüich dieae Aufgabe tausendfedi und 
gerietii uicht selten in den Wirbel weltlicher Lust hinein; 
allein der Geist der Askese machte auch dann sieh geltend 
und zwang die Frevler, die ihn verleugnet hatten, nur um so 



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316 



Dar Eintritt imd du WiriuD dm HhmiiiiBmii, 



mehr das ihm Gemässe mit zu vertreten. DasB daim die 
Interefisen der einzelneii Orden und Gongregationen, der 
einiehien Facaltftten noch auf besondere Weise geltend ge- 
maeht wurden, versteht sieh von selbst. Wir wollen nun anch 
nieht verkmien, dass in dem, was der Hamaoismns emp&hl — 
es war aber zunächst vor Allem die lateinische Poesie — , manches 
für ernste Männer als frivol und obscön Bedenkliche vorlag, dass 
die ganze heidnische Mythologie in einem Zuge verführerischer 
Gestalten der christlichen Welt wieder nahe kam, und die 
Nachahmungen der neuen „Poeten" den ganzen Götterhimmel 
zu beleben schienen. Anderes aber, was die Humanisten 
sonst noch durch die Presse in die Oeffentlichkeit brachten — 
wir meinen die auch in Deutschland nicht geringe Literatur 
der Facetien und Inveetiven — , riditete sich so keck, so zu- 
versichtlieh gegen die Vertreter des Alten, dass die An- 
greifenden fast immer die Lacher auf ihrer Seite hatten; fQr 
die Angegriffenen indess, die nicht immer mit gleichen Waffen 
kämpten konnten, auch die Versuche zur Abwehr gelegentlich 
arg zuiUckgewiesen sahen, ergab sich aus solchen Verhältnisseu 
doch ein gewisses Recht zu stiller, aber um so nachdrück- 
licherer Gegenwirkung. £s kam noch hinzu, dass manche der 
Humanisten selbst das von den Alten Aufgenommene im Leben 
ohne Scheu dem allgemeinen Urtheil blossstellten, w«m es 
auch bei Weitem nicht so dreist und so oft geschah, wie in 
Italien, da Mftnner wie Heinrich Bebel, Jakob Lodher und 
Thomas Mumer &st Ausnahmen und nicht der sdilimmsten 
Art bildeten; wenn indess auch die oberrheinischen Huma- 
nisten, Jakob Wimpheling und Sebastian Brant voran, sogar 
durch sittlichen Emst sich auszeichneten und die Hauptführer 
der humanistischen Bewegung in deutschen Landen fernab 
standen von dem Gemeinen: die vom Geiste der Askese Be- 
wegten fühlten doch mit sicherem Instinct heraus, dass im 
Humanismus ein neuer Geist zur Herrschaft aufstrebe, dass 
der Kampf von zwei durchaus verBchiedenen Lebens- und 
Weltanschauungen begonnen sei und im Grunde an keinem 
Punkte der ganzen ausgedehnten Kampflinie, schon wegen 
der wundersamen Verschiedeobeit der gewählten Formen, 



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UL Hemmongea des Humanismas. 317 

irgend €ine VerstSodigung zulasse. Da konnte es also auch 
wenig helfen, wenn der besonnene Bernhard Adelmann von 
Adelmannsfelden, unter Berufung auf das von den Kirchenvätern 
Zugelassene, gelegentlich (bereits 1484) sagte: Si in legendis 
poetis apes imitati fuerimus, quae non omnes, sed tarnen 
mellifluos adeunt flores, nonnullos penitus decerpont, aliquos 
intactos relinqwmt, eodem nos itidem modo non omnibns 
poetis, sed praecoidbiis Tirtatum ac meUomm &cmonmi, 
quomm miQor est nnmenis, operam demus, hos imitemiir, hos 
yeneremnr, hisce deniqne <miiii studio ac totis Tiribus in- 
cnmbamus et omnes demnm (ut apostofi yerbis ntar) legamns 
et quod bonum sit retineamns 

Es fehlte auf beiden Seiten nicht an Männern, die zu 
Ausgleichungen geneigt waren, weil sie die Tiefe und Weite 
des Gegensatzes nicht erkannten. Manche Scholastiker sahen 
das Bedenkliche auf der anderen Seite doch vor Allem in 
einer gewissen Anmasslichkeit der Poeten bei ihrem Aufti-eten 
an den Hochschuleii, deren feste Ordnungen sie wenig zu 
respeetiren sdüenen, oder auch in einer herausfordernden 
Leichtfertigkdt des Wandels, ftr welche in der Jugend solcher 
Neuerer doch keine Entschuldigung lag; aber sie konnten 
dämm immer mit ernsteren Humanisten einen ganz freund- 
lichen Verkehr unterhalten Die Humanisten sprachen 
freilich mit grosser Geringschätzung von dem barbaiischen 
Latein der Kirchenmänner und waren zuweilen dreist genug, 
mit der form und wegen der Form wohl auch die Resultate 
strengster Geistesarbeit, welche aus Jahrhunderten über- 
liefert waren, zu verwerfen; allein Poeten, welche die 
Jungfrau Maria, die Heiligen, die Engel, die Mysterien 
des Glaubens besangen, Termochten auch ihre Bewun- 
derung fOar Ovid, Horas, Yiigil mit der Verherrlichung so 



1) Bd Geiger, Briefwechsel Beachlins S. 10 f. üeber Um im AU- 
smIiimi Lier, Der Axiffibatgßt HunaniBteokreie S. 85 £ 

8) So Trotfetter in Erfnrt 8. Pütt, Jodocus Tratfetter von Eise- 
sAch, der Lehrer Luthers. Erbagflii 1876, 8*. VgL di« Briefe an Tkut- 
felter in Scheurli Briefboch. 



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318 



Der Eintritt uad das Wirken des Humanismus. 



ganz anderer Gegenstände zu verbinden und waren kaum 
sonderlich aufgelegt, in Streit über die kirchlichen Lehren sieh 
einzulassen. 

Ohne die Verblendung der Dunkelmänner von Köln wäre 
vielleicht noch lange ein im Ganzen erträglicher Zustaad 
swisehen den Vertretom des Alten und den Förderern des 
Neaeii mögHeh gewesen. Aber die RenclilnristeDfBlide nuuble 
den Gegensstx weitldn siditbar und sdiied die Geister 
waltiger, als man vorher fftr notkwendig gehalten hatte. Sa 
ist Wer unsere Aufgabe nieht, den Verlauf der Reuehlhiisten- 
fehde einj^^ehender zu betrachten; aber gedenken müssen wir 
der Momente, welche dabei für das Studienwesen im Ganzen 
Bedeutung frewonnen haben. Johann Reuchlin war in der 
That ein Bahnbrecher für die humanistischen Studien geworden. 
Von ihm ist die PÜege des Griechischen, das er darch Schiiften 
und Vorlesungen wie durch pei-sönliche Anregung als bedeut- 
sam und nothwendig empÄüü, in Bildmgsweeen unserer 
Kation erst zu einer Hasteren Stelhng gekommen, und sein 
Bestreben, die vier Dialekte der griehischen Sprache genauer 
au eilmredien, hat auch die wiesensehaftliehe Behandhmg der« 
selben in eine bestimmte Richtung geleitet. Diese Förderung 
der griechischen Studien hat ihm nun fi-eilich schwere An- 
fechtungen von Seiten der Mönche zugpzopcn, die im Griechi- 
schen eine Ketzerspraclie, die Sprache der Schismatiker des 
Ostens verabscheuten ; allein dass ein so heftiger Sturm gegen 
ihn sich eiiiob, bei welchem der Gegensatz zwischen den Ver- 
trete des Alten und des Neuen geradezu unversOiuüiflli 
wurde, das hatte bekanntlich vielmehr in seinen kabbaHsttoeken 
Studien und seiner damit zuaammenhiagenden Theee^pUe, 
als in seiner Thätigkeit flkr die Sache des Humaafemua seinen 
Grund. Dass dann der von den Kölnischen KetzermMstera arg 
Bedrohte dieUntei-stützunj? sich gefallen Hess, welche die leiden- 
schaftlich erregten jüngeren Humanisten von Erfurt als dem 
Haupte ihrer Schule ihm zu Theil werden Hessen, das können 
wir ihm nicht verdenken, wenn wir auch anzunehmen geneigt 
sind, dass der Gang und die DurcMtthrung der Reudüinisten- 
fehde dem kirchlich gesinnten Manne ernste Bedenken erwadU 



m. Henunungou dea HunutaUoius. 



li^tt wifd. Aber ^ stand für ihn Alles auf dem Spiele, 
und die von Konrad Mutianus geleitete Bundesgenossenschaft 
sorgte durch die Begeisterung, mit welcher sie ihn uiugab, 
und durch die Zuversicht, welche sie selbst bei diesem Kampfe 
einfüllte, jedenfalls dafür, dass auch er Selbstvertrauen be- 
wahrte und den Kampf glücklich bestehen konnte. Daes 
dieser raaeil die grössten Dimensionen annahm und zu völliger 
finehaitenmg aUer kircUieheik Aatoritftt ü^hrte, das war 
atterdiagB mdil iE Muem Sinna; aber Beine BundeigenofliaB 
bam ri i ton die gegen Um in Oang gebnu^ Agttaliioii, die 
auch den ümtm:* Stehenden plump und gehasaig eradiehNn 
mvsBte, zu einer so gewaltigen Gegenwirkung, dass sie 
Tausende in ihrer Richtung mit fortzogen, während er selbst 
vielleicht das Fundament unter seinen Füssen schwanken sah. 
Welche Contraste bieten sich uns doch dar, wenn wir neben 
dem ernsten, wissenschaftlich strengen Reuchlin die nMutianische 
Schaar^ mit Crotus Rubianus und Ulricb von Hatten an der 
Spitze uns denken , eine Vereinigung junger Männer* welebe 
die eehärfeta Pfiule dea Witaes auf die Feinde BeaehUaa 
abaddenen und dabei nidift aevNihl die Sadie, um welebe es 
te BencUin sieb bandelte, als vidmefar daa literariiehe 
Interesse im Auge haben, weshalb es geschehen konnte, dass 
die schlimmsten Widersacher Reuchlins im Grunde nur 
nebenbei und im Ganzen abgethan, der arme Humanist 
Ortuinus Gratius aber um so schonungsloser behandelt wurde. 
Die Epistolae obscurorum virorum (1515—17), bekanntlich 
fo genannt ala Seitenatttek der wirklich an Reuchlin ge* 
sehriebeuin und von diesem 1514 herausgegebenen Epistolae 
elanimm virorum, baben m dieke StaubwirtJcen anfsewirbelt» 
daas die von ibnen Angegfiffianan nur in venebebenen Um* 
naaen au erkennen waren, aber aueb wieder inibrergrotaaken 
Eiaebelnung au lautmi Gelächter reSaen kennten. Die dann 
versuchte Gegenwehr half wenig; dagegen hatte der Angriff 
in wirksamster Weise die ungeheure Bewegung mit vorbereitet, 
welche unmittelbar darauf, von Wittenberg beginnend, alle 
Geister in Spannung setzte und zu durchgreifender Um- 



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320 I>« läntritt and das Wiik« des Humamsmos. 

gastaltuDg geneigt maelrte. Hilten die KefBermdster m 

Köln durch die Bedrängung Reuchlins die vom Humanismus 
kommenden Neuemngen aufzuhalten presucht, so musste man 
rasch erkennen, dass dieses Bestreben den Neuerungen alJe 
Thore weit aufp:ethan. 

Sie kamen nur nicht gerade dem Humanismus zu Gute, 
wenn bei diesem die lebendige Auffassung des classisehen Alter« 
thnms in der Fülle, Kraft und Schönheit seiner sprachlichen 
Durstelliingen wie in der Grossartigkeit und Musteigütigkeit s^ 
ner Entwickdnngen auf aUen Gebieten des Lebens HaiqptBadie 
sein sollte. Man ^wird am wenigsten sagen können, dass die 
ReucUinistenfehde fbr Untemeht und Schule erspriesslich ge- 
wesen sei; eher könnte man behaupten, dass sie in weiten 
Kreisen die Neigunü der Jugend zu raschem Absprechen auch 
über das ünbegritfene erregt und ein tumultuarisches Los- 
fahren dei*selben auf das Bestehende im voraus befördert 
habe. Auch die Epistolae obsc. virorum, die manches Be- 
achtensweithe zur Würdigung des Uaiversitätsweeens, obwohl 
sicherlich nicht ein treues Bild Tom geistigen Leben KÖbis 
darbieten, «ithalten kaum eine anf Reform des UniTersitätB- 
unterrichts hinldtende Bemerkung. Im Gänsen dflrfte der 
Kampf ftr stetige Weiteifthmng der humanistlBehen Thfttig- 
keit eher ein Hemmniss gewesen sein. Es kommt nun doch 
auch in Betracht, dass der Humanismus, indem er die ihm 
zugänglichen höheren Kreise des Volks so stark erregte, in 
der Masse des Volkes keinem Vei-ständniss, keiner Theilnahme 
begegnete^). Zwar kann nicht gesagt werden, dass die 
deutschen Humanisten bei ihrer Bewunderung für antike 
Musteiformen dem Volke sich geflissentlich fern gehalten« im 
GegentheÜ muss man daran erinnern, dass die Ueberaetaung 
lateinischer Bncher, welche Heinrich von MQglin, NiUas von 
Wyle, Henrich Steinhövel, Albreeht von Eyb zur Belehrung 
des Volkes über Tüchtigkeit und Weisheit der Alten unter- 
nommen haben, dass auch Werke wie der deutsche Gato, 



1) Selbst in Nürnberg waren die Epp. obac vironim nur apirtidi 
bekannt Scheurl, Briefboeh 14, 15, 18. 



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HL Wnminmif iim Amg HlllHMillinW ^91 

Sebastian Brants Namnadiiff mit seinen humanistischen Be- 
standtheilen nnd wiederum Heinrich Bebels latdnisehe Be- 
arbeitung der schwäbischen Baueraspässe und der deutschen 
Sprichwörter mannichfaltige Vermittelungen zwischen den 
humanistisch Gebildeten und der Masse des Volkes möglich 
gemacht haben. Aber wenn nun auch zumal der Btirgerstand 
das in solcher Weise für Sitte und Leben ihm nahe Gebrachte 
nicht verschmähte, so blieb es ihm doch mehr oder weniger 
ftosserlich und fremd; ganz unveratändlich aber war dem 
.armen Manne**, was Brant Uber des Epaminondas Armuth 
oder die Zucht der altrdnuschen Bauemrqmblik ihpi au sagen 
hatte. Die Humanisten selbst f&hlten zuwdloi audi recht 
sctoienlich, dass das von ihnen Empfohlene in der Theil- 
nahmlosigkeit des Volkes ein fastunttberwindliches, ein geradezu 
entmuthigendes Hinderniss vor sich habe. Als Jakob Locher 
1495 aus Italien nach Schwaben zurückkam, freute er sich 
wohl, dass in Deutschland doch schon ein Anfang gemacht sei 
zur Verscheuchung der Unwissenheit; aber er verhehlte sich 
- nicht, dass noch heisse K&mpfe nöthig sein wttrden bis zum 
TölHgen Siege der schOnen Wissenschaften Uber die schola- 
stisdie Barbam, und das Volk schien ihm noch in solche 
Bohheit versunken, dass es am Kriegshandwerk fast allein Wohl- 
gelEÜlen habe, weshalb im wUsten LandsknechtgetUmmel das 
Fünklein seiner dichterischen Begeisterung erlösche und seine 
Muse vei'stumme; er empfand daher ein stilles Heimweh nach 
der Musenheimath Italien und nach Bologna, das er thränenden 
Auges verlassen, um die nordische Wildniss wieder auf- 
zusuchen^). Aber auch sonst tntt uns bei den Humanisten 
Missachtung des Volkes, sum Theil in verletzender Art, ent- 
gegen. Indem sie es fhr unmöglich hielten, dasselbe zu der 
Hohe, auf welcher sie selbst zu stehen glaubten, empor zu 
ziehen, überliessen sie es lieber dunklen Führern, die seinen 
Leidensehaften sehmMchelten, sdner Noth Abhüfis yerhiessen. 



1) Hehle, Der Bchw&biscbe Hamaoist Jakob Locher PMornnma 

(187B) 1, 15. 

Kaemmel, SchQlwMeu. 21 



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828 ^ EiBteitt und i» Yflüm äm HamniBiintt. 

eine ZertrOmmemiig alten Ordnungen als be- 
zeidineten. 

Und 80 kaai es Yon An&ng dam, dasa die Hmnaniaten 
ym Volke sich abscUoaBen, wie denn auefa desaen Spraebe 
ihnen bei jeder Vergleicbimg mit den alten Spradien dureh- 

aos füik und gar nicht bildsam erschien. Was aus ihr gemacht 
werden könne, hat freilich bald Luthers uikräftiger Geist ge- 
zeigt; aber die feinen Poeten und Oratoren empfanden kein 
Bedürfniss, das, was sie im fremden Idiome so ganz nach 
classischen Mustern sagen zu können schieneni iu einer 
Sprache, die in antike Formen sich nicht zwängen liess und 
ihnen obendrein bei ihren Stadien fremd geworden war, doch 
nur nnvollkonimen aussuapreeben. Whr begreifen ea daher, 
daaa avch deataehe Dichtungen vor den vomebmen Genoaaeo- 
sdukften der humanistisch Gebildeten gelegentlicb erst dann 
als legitimirt erschienen, wenn sie in das Lateinische über- 
setzt waren. p]in auftallender Beleg hierzu ist Brants Narren- 
schiff, das dem Verfasser selbst wohl erst dann für die ge- 
bildeten Kreise völlig geeignet schien , als Lochers ziemlich 
freie lateinische Uebersetzung in prachtvoller Ausstattung zu 
Basel (1497) ei-schienen war; Wimpheling wenigstens wollte 
das Narrenschiff nur in dieser Gestalt, nicht aber im dentschen 
Original, in den gelehrten Schulen gebraucht wissen. A.ber 
auch der gelehrte Trithemios schätate daa Gedicht woU 
eben in Lochers Bearbeitung als divina satira und G^er 
von Kaisersberg, der bekanntlich 110 Predigten Ober das 
Narrenschiff gehalten und also dessen Volksmässigkeit an- 
erkannt hat, scheint dabei die lateinische Uebersetzung stark 
benutzt zu haben Es ist anerkannt, dass auch die franzö- 
sischen, englischen, niederländischen Uebersetzungen Lochers 
Arbeit sich angeschlossen haben. Hat der Dichter selbst sein 
Karrenschiff für das Volk bestimmt — was ja auch die den 
eina^nen Oapiteln beigegebenen Holsschnitte zeigen, die auch 
den des Lesens Unkundigen erfreuen konnten — ^ so hat er 



1) Hehle I, 23—27; Wiskowatofi b. 63 f.; Zarncke S. CXXIX 
und 254. 



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UL Hommnngcn des Humanismus. 



823 



doch durch deu Inhalt sich als sehr belesenen Humanisten 
fiberall legitimirt. 

Dass die deutschen Humanisten zur Sprache des eigenen 
Volkes in eine so zweifelhafte Stellung sich versetzten, erklärt 
sich vor Allem aus dem Cultus der schönen Formen, den de 
aefa zur Aufigabe machten. Wir begreifen nun auch, dass sie 
T«m diesen Fonnen so wanderbar sich angesprochen fUilten; 
aber wir finden e6 immerhin anflUlig, dass sie dabei tsiv 
kannten, wie diesdben nnter ganz eigenthOmlichen Bfldongs- 
YorhiUtnissen entstanden waren und Anwendung gefunden 
hatten, also unter anders gearteten Bildungsverhältnissen kaum 
lebendig erfasst und nur äusserlich nachofeahmt werden kimnten. 
Aber in solcher Nachahmun«r brachten sie es doch ziemlich 
weit, weil sie gerade darauf ihre Hauptthätipfkeit richteten 
und die fremde Sprache, in der sie dichteten und redeten, 
durch den steten Gebrauch so entschieden sich angeeignet 
hatten, dass ihre poetischen und oratorischen £rseQgnisse 
ihnen als freie Ergüsse des eigenen Genius erschdnen iLonnten. 
Darum £ssBten sie nun auch eine seltsame Vorstellung auf von 
dem, was sie TermOchten, und in gegenseitiger Lobpreisung 
des Geleisteten geriethen sie in neue Seibsttilusehung ober 
ihre Vorzü^lichkeit. Deutschland hatte neue Ovids und 
Virgils, und auch an Ciceronen war kein Mangel. Bei solchem 
Wohlgefallen an den schönen Formen übersah man aber be- 
sonders auch dies, dass dieselben in den Oiiginalwerken einen 
Inhalt umschlossen , der in ihnen deu adäquatesten Ausdruck 
gewonnen hatte, selbst aber aus ganz besonderen nationalen, 
politischen, socialen, religiösen Entwickelungen henrorgegangen 
und nicht ohne genauere Kemitniss dieser auch in Bezug auf 
die fbr ihn gewihlte Form TerständUch war. Wenn nun die 
Humanisten auch fiber die innige Zusammengehörigkeit von 
Fonn und Inhalt in den Ton ihnen bewunderten Schriften 
niemals sich ganz zu täuschen vermochten, so ergab sich für 
sie doch ein sehr lästiges Missbehagen, sobald sie für die 
schönen Formen, denen sie am liebsten einen selbständigen 
Werth beigelegt h&tten, in der sie umgebenden Welt einen 
Inhalt suchten. Diese Welt war aber doch eine von der 

21* 



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824 



Der Eintritt und das WMmi des Hwnmrfwmw. 



anttken Welt bo durchaiis Tencbiedene, dasB ihnen meiBt niehti 
ttbrig blieb als entweder willkarlieh die m behandelnden 

Dinge in die ihnen geläufigen Formen zu passen oder diese 
Dinge mit (Geringschätzung zurückzuscliieben und für die un- 
antastbaren Formen einen fügsameren Inhalt zu suchen. Bei 
solcher Thätigkeit aber war unseren Humanisten eine irgend- 
wie zusammenhängende und nachhaltige Einwirkung auf das 
Leben des Volkes fast unmöglich, also auch von diesem wieder 
keine innerliehe Theilnahme fXLr das, was sie bewegte, zu 
erwarten. 

Wenn man nun noch in Betracht zi^t, welcher Reichthum 
neuer Ideen, neuer Oesiehtqiunkte ihnen aus ihren Studien 
zufloss, für deren YerstandnisB und Wttrdigung doch nicht 

selten der natürliche Wahrheitssinn ausreichte, so kann es 
nicht befremden , dass sie, ausser Stande, das so Gewonnene 
in der sie umgebenden Welt zu wirksamer Geltung zu bringen, 
die Zustände dei*selben mit tieferem Verdruss ansahen, ja für 
barbarisch und uneilräglich hielten. Es konnte dann einer 
so leidenschaftlichen Natur, wie Ulrich von Hutten war, das 
Verlangen nach gewaltsame Umkehrung des Bestehenden 
als ein sehr berechtigtes erseheinm; aber gerade ihm erwies 
sidi auch wieder die Haltlosigkeit des so gewählten Stand- 
punktes in der empfindlichsten Weise. Offenbar hatten die 
deutschen Humanisten im Ganzen, mochten sie nun die 
schönen Formen oder die (iedanken und Vorbilder, welche 
sie der alten Welt entlehnten, auf diese oder jene Weise an 
Stelle des ihnen Widerwärtigen zu setzen versuchen, viel 
übler dran, als die Humanisten Italiens, denen in ihrer Sprache 
wie in ihren politischen und gesellschaftlichen Zuständen so 
Vieles sieh darstellte, was sie als analog au dem aus der alten 
Welt Aufgenommenen ansehen und hiensu in lebendige Be- 
ziehung setzen durften. Die Anwendung des Glassischen anf 
gegebene VerhftltnisBe behielt Ar unsere Humanisten in den 
meisten Fällen einen individuellen Charakter. Als Wilibald 
Pirkheimer im Jahre 1513 die iSchrilt Plutarchs de sera numinis 
vindicta übersetzte, dachte er freilich sehr lebhaft an seine 
Kämpfe mit dem LosuDger (Schatzmeister; Anton Tetzel, dessen 



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III. H Affnmnng An dOB HumADismUS. 



325 



RSokesoelit im Rathe der Stadt Nttniberg ihm so Tiel Aerger be- 
reitet hatte, und es war unstreitig für ihn eine grosse Genug- 
thuung, als der böse Widersacher schon im Jahre darauf 
wegen des Missbrauchs der Amtsgewalt gestürzt und auf 
Lebenszeit in einen Thurm gespent wurde. Aber ob Pirk- 
heimer das Bedüiimss gefühlt hat, die Zustände seiner Vater- 
atadt an den Lebensordnungen einer antiken Stadt zu messen, 
vermögen wir nicht an sagen. 

In der Behändlnng der grossen Fragen, welche damals 
die Nation bewegten, haben unsere Humanisten grossentheils 
sehr wacker sich gehalten. Dass sie üreilich audh hierbei in 
lateinischer Sprache für die Nation das Woi-t ergriffen — 
selbst Hutten, der später mit richtigem Gefühle auch der 
Muttersprache sich bediente, handhabte das Latein mit grösserer 
Sicherheit und Kraft — , nahm dem, was sie sprachen, einen 
grossen Theii der Wirkung, die sonst möglich war, wenn 
man auch zu berücksichtigen hat, dass die Kenntniss des Latei- 
nischen damals weit verbreitet war und dasselbe für manche 
Kreise als eine lebende Spradie gelten konnte. Aber es lag 
den Vertretern des Humanismus auch wieder nahe, i^efa auf 
kosmepcditischen Standpunkt zu stellen. Dazu lud doch 
eben auch die lateinische Sprache ein, die ja seit Jahr- 
hunderten als Sprache der Kirche, des wissenscliaftlichen und 
staatlichen Verkehrs und vielfach sogar dos socialen Lebens 
einen kosmopolitischen Charakter gehabt hatte und den west- 
europäischen Völkern selbst am Ausgange des Mittelalter, 
als die tief begrOndeten nationalen Scheidungen sich voll- 
endeten, nöch immer als das gemeinsame Mittel der Ver- 
ständigung dienen zu können schien. Da ist es nun von eigen- 
thftmlicher Bedeutung, dass gerade in dieser Zeit der Huma- 
nismus filr Deutschland durch Erasmus zu einer Alles über- 
ragenden Bedeutung gelangte, durch einen Mami, der freilich 
ans deutschem Geschlechte war und gein auch einen Deutschen 
sich nannte und nennen Hess, der aber in Wahrheit durch 
Lebensgang und Bildung zu einer eminent kosmopolitischen 
Stellung gelangt war und mit gleicher Leichtigkeit in Paris 
und London, in Venedig und Bom, in Brüssel und Löwen, in 



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986 Dar iBi*t«t nd das Wiriw te HopMiisniii. 

Basel imd sieh heimisch msdiai konnte. Ih deutssheii 
Landen hat er dann freolich die zahlreichsten und eifrigsten 
FVennde und Bewunderer gefnndeo; aber gerade hier ist der 

TOD ihm so glänzend vertretene Humanismus, als er zu durch- 
schlagender Wirkung fähig geworden schien, von einer über- 
legenen Macht, für welche er die stärksten Fördemngen in 
Bereitschaft hatte, an die ihm gezogenen Grenzen des Wirkens, 
an seine Schwäche erinnert worden. Hiermit aber sind wir bei 
einem nenen Xlieile unserer Betrachtungen angelangt 



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IV. 



Erasmns. 



JJie Vielen, welche in neuerer Zeit den in Wahrheit 
doch ausserordentlichen Mann zum Gegenstande ihrer Be- 
trachtung gemacht haben, sind zu übereinstimmenden Urtheilen 
aber ihn nicht gekommen. Sie erkennen alle seine ungewöhn- 
liche Begabung und seine unvergleichliche Thätigkeit an; 
aber in Beeng anf seine wifisenachaltliehen Verdienste, wie 
auf seine Gesinnung und seinen Charakter gdien sie weit 
auseinander. Und so haben bereits seine Zeitgenossen in 
ganz yersehiedener Weise ober ihn sieh ausgesprochen: die 
Einen in unbedingter Bewunderung ihm zugewandt und alles 
von ihm Gekommene, und wenn es ein kühler Höflichkeits- 
brief war, fast mit Entzücken aufnehmend, die Anderen mit 
tiefer Abncifnincr gegen ihn erfüllt und seine Leistung herab- 
ziehend, sein Streben verunglimpfend und auf die gemeinsten 
Beweggründe zuillckführend, seine Schwächen und Fehlgriffe 
als nuTmeihlieh yerdammend. Auch ist er ja wirklieh ein 
scliwer zu ÜEmnder Proteus gewesen. Den Hftuptem der 
Kirche und der Staaten mit fein gewlhlten und doch auch 
wieder ausschweifenden Schmticheleien nahe getreten , hat 
er seine persönliche Unabhängiprkeit niemals auficregeben ; den 
hierarchischen Autoritäten scheinbar sich völlig unterordnend, 
hat er mit ätzender Satire das von ihnen Vertretene als ver- 
kehrt und haltlos dargestellt, während er auch in den welt- 
lichen Dingen ein freies Urtheil sich bewahrt; er hat auf 



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828 I>v Eiiilritt imd dM Wiikaik &m HrniiMrimmiB. 

allen Seiten wissenschaftlich bewährte Freunde und freut sich 
ihm Thfttigkeit, aber er nimmt ihre Krifte am liebsten für 
sieh selbst in Dienst; er sieht die wanderbarste Bewegung 
der Geister um sidi her und läset erwarten, dass er sich 
Yoranstellen werde, aber die Bewegung setzt ihn in Verlegen- 
heit., und als Andere entschlossen vorwärts schreiten, bleibt 
er stehen; er fühlt sich den allermeisten überlegen durch 
Geist und Wissen, aber auch der kleine Zweifel, der gegen 
das von ihm Aufirestellte sich riclitet, verletzt und verstimmt 
ihn; er arbeitet gelegentlich rascher, als es gut ist für die 
Sache, die ihn beschäftigt, aber er hält sehr entschieden fest 
auch an dem, was er fallen lassen könnte. Und zu welchem 
Volke soll er gerechnet werden? Er weiss es selber kaum. 
In den Niederlanden, in Frankreich, in England, in deutschen 
Landen und auf Schweizerboden, in Italien — überall ist er zu 
Hause, aber heimisch fühlt er sich' nur da, wo er als Huma- 
nist zu wirken vermag, und von djen Sprachen der Völker, 
unter denen er lebt, kennt er keine. Immerhin ist sein Ein- 
fluss auf die ihn unigebende Welt ein ausserordentlicher ge- 
wesen und leugnen lässt sich nicht, dass er durch Feinheit 
und Sicherheit des Urtheils, durch glückliche Combinations- 
gabe, durch unermüdliche Arbeitskraft, durch eine mit den 
Jahren eher zunehmende Leistungsfähigkeit, durch den Um- 
&ng seiner Kenntnisse allen Humanisten seiner Zeit Überlegen 
gewesen. 

Eine wissenschaftliche Grösse ersten* Hanges war er. 
Wir haben dies nicht im Einzelnen zu beweisen, da unser 
Streben nur darauf gerichtet sein kann, dass wir erkennen 
lassen, wie durch seine ganze Thätigkeit das auf dem weiten 
Gebiete des Humanismus zu Erarbeitende für die höhere 
Geistesbildung der Zeit zu feiner, vielseitiger, fruchtbarer 
Verwendung gelangte, wie durch die Impulse, welche er im All- 
gemeinen den humanistische Bestrebungen gab, eine Regsam- 
keit in die Geister kam, weMe an hundert Orten dies^ben 
BedUrfidisse hervorrief, dieselben Ziele ins Auge ftssen Hess, 
zu denselben Bestrebungen ermunterte. Wenn er dabei, m 
unermüdlicher Arbeit und bei häufigem Wechsel des Aufent- 



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IV, Erunnu. 



820 



haltes, nicht die geistigen Interessen eines einzelnen Volkes 
im Auge hattet senderD die weitesten Kreise, die Gesammt- 
heit der für höhere Bildung Emi^fSnglichen hedachte, so ent- 
sprach dies doch anch dem universslen Charakter des Huma- 
nismns nnd der Anffiusungsweise seiner Zeitgenossen. Dass 
manche der auf dentschem Boden thätigen Humanisten doch 
auch für des Vaterlandes Grösse und Ehre in Wort und Schrift 
eiferten, so lange Kaiser Max noch Hoffnuniren nähren Hess, 
das hin^r nur zum Theil mit ihrem Humanismus zusammen 
und war kein Grund für sie, von Erasmus Aebnliches zu 
fordern, der allem im Humanismus seine Heimath gefunden 
hatte und, wie er von dem so gewonnenen Standpunkte aus 
einen sehr ausgedehnten Umkreis Uherschaute, auch das Ver- 
schiedenste, was er schrieb, als Humanist behandelte und die 
dabei möglichen Wirkungen, wo sie auch henroi'treten mochten, 
als im Dienste des Humanismus eneichte ansah. Als wissen- 
schaftliche Grösse erscheint er also vor Allem dadurch, dass 
für ihn die Tfesultate der umfassendsten und gründlichsten 
Forschungen immer zugleich zu bedeutsamer Verwerthung 
gebracht, vom Arbeitstische in das Leben übergeleitet und 
für das Leben fruchtbar gemacht werden. Die so vielseitige 
Thfttigkeit des Erasmus ist eine einheitliche, und sie wttrde, 
wenn nicht die ungeheuren Wandelungen, welche seit 1517 
die Welt bewegten, die Geister in ganz anderer Welse be- 
stimmt, in ganz andere Richtungen gedringt hätten, noch 
viel nachhaltiger gewirkt haben, als ^ nach der jetzt mög- 
lichen Beiechnung geschehen ist. 

Manche Schwächen und Schwankungen, welche bei Erasmus 
wahrzunehmen sind, erklären sich so einfach aus seinem 
mühereichen Lebensgange, dass wir sie nicht bloss entschuldigen, 
sondern mit hei'zlichem Mitgefühl betrachten. Was er ge- 
worden ist , das hat er in harter Schule gelernt, unter viel- 
fache Enttäuschungen bewahrt und gemehrt; mit vollem Be- 
wusstsein Mh seine Angabe eifiissend, hat er in wechsehiden 
Verbindungen, zuweilen in lAstiger Abhängigkeit von Anderer 
Gunst und Unterstützung, doch immer wieder auf der er- 
wählten Bahn sich vorwärts gearbeitet, hat er das, was jene 



880 



Der Efartritt und du mikn des Hnmaniimna. 



ihm gaben, statt dadnrdi abgdenkt su weiden, tor AUeni 
rar Ftedening seiner groesen, weitgehenden Zwedce Terwendet 
Aber es ist kein Wunder, dass er, der so oft den Wünschen 

Anderer auf Zeit sich anbequemen niusste, um seine Bahn 
festhalten zu können, nicht immer stark und entschlossen auf- 
treten konnte, dass er vielmehr unter Umständen Verdrass 
und Aerger mit gleissenden Worten verdeckte, einen Umweg 
wählte, um weiter zu kommen, Verkehr mit den Hohen und 
M&chtigen suchte, um der Hilfe der sonst ihm Näherm leichter 
entbehren zu ktanen. Stand er nicht nberhanpt in räer 
Uebergangsperiode, die so Vieles wanken und brechen sah, 
was Manche doch mit Leidenschaftlichkeit zu retten suchten, 
die das Bedfirfiiiss nach neuen Gestaltungen tief empfand und. 
doch selten es zu rechter Sicherheit des Gestaltens brachte, 
die den edelsten Bestrebungen so grossen Enthusiasmus ent- 
gegentrug und doch auch wieder durch Widei-spruch von der 
eot gegengesetzten Seite sich unsicher machen Hess? Diese 
Uebergangszeit hat äusserlich auch ihn bisweilen mehr, als 
gut oder nöthig war, bestimmt; aber innerlich ist er im 
Wesentlichen sich glaeh geblieben, ein treuer Pfleger und 
Förderer der Bildung, die ihm allein der M^schheit heilsam 
zu Sehl schien. 

Folgen wir ihm jetzt auf der gewundenen Bahn, die er 
durchmessen und mit Denkmälern seiner Kraft bezeichnet hat. 
Aber wir können ihn vor der Hand nur bis zu dem Punkte 
begleiten, wo er, auf der Höhe des Ruhmes angelangt, die 
Welt umher rasch sich verändern sieht und die Macht eines 
Geistes zu fühlen beginnt, dem er, obwohl noch in grossartiger 
Weise fortarbeitend, nicht mehr gewachsen ist. 

Das Leben des Desiderius Erasmus (beide Namen be- 
deuten Gerhard) hat einen sehr traben Anfisng. Sohn von 
Eltem, die bei seiner Geburt durch widrige Einwirkungen 
getrennt waren — er wurde den 28. October 1467 (1469?) 
zu Rotterdam geboren — , entbehrte er, obscbon elterlidie 
Fürsorge nicht ganz fehlte, das Glück innigen Familienlebens 
von vorn herein, und auch die Schule in Gouda, die er zuerst 
besuchte, scheint ihm keine wohlthuende Anregung dargeboten 



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831 



ja haben. Als er dann« nenn Jelue alt^ von der Matter be- 
gleitet, der Schale von Derenter ftbergehen worden wer« in 
welcher die Brüder vom gemMnsamen Leben, oater der Leitang 

des gefeierten Alexander Hegius, eine frischere Wirksamkeit zu 
entfalten begannen, kam er selbst noch nicht zu freierem Auf- 
athmen. Doch kann es ihm an guten Anregungen nicht ge- 
fehlt haben, und wenn es beglaubigt wäre, dass der berfthmte 
Humanist Rudolf Agiicola bei einem BoBUche in Deventer den 
kleinen Erasmus besonders ins Auge gefasst and ihm eine 
glänzende Zokonft voransgesagt habe, so mossto man immer» 
hin maassetsen, dass er damals schon Bedeatenderes geleistet 
habe. Dass er bereits in lateinischer Poesie sich yersachte, 
darf man glauben. FMHch kann man ' si^ wandern » dass 
er später in seinen Briefen and Schriften der Brüder- 
schule in Deventer nur selten und nur obenhin gedacht; und 
zu einem Abschlüsse braclite er es dort nicht. Er hatte, 
etwa dreizehn Jahre alt, die dritte Classe erreicht, als eine 
in der Stadt ausgebrocheue Seuche ihm die Mutter entriss 
and ihn selbst vertrieb. Aber in Gouda, dem Wohnsitze 
smer Familie, wohin er sich begeben hatte, starb bald nach* 
her aach sein Vater, im Sdimerz über den Tod der Gattin, 
welche die hinge Trennang ihm nar am so theurer gemacht 
hatte, and liess ihn als hilflose Waise (neben änem anderra, 
selten genannten Brader) in der Welt zurück 

Die ungetreuen Vormünder, welche sein kleines Erbtheil 
für sich verbrauchten, wünschten, um ihn los zu werden, seine 
Aufnahme in eine klösterliche Genossenschaft zu bewirken. 
Er widerstand indess mit stiller BehaiTlichkeit und blieb den 
humanistiscben Studien, für die er doch bereits erwärmt wai*, 
entschieden zugewandt, obwohl er ein festes Ziel noch nicht 
TOr Aagen haben konnte. Der dreqahrige Anfenthalt im 
Broderhanse za Henogenbasch Itthrte ihn auf der erwiUten 
Bahn wohl vorwärts, aber erfüllte ihn aach mit Abneigung 
gegen aonftmüssige Frömmigkeit, and wenn er dann doch sam 



1) Kaemmel, Erasmus in Deventer, in den Neuen Jahrbüchern fikr 
Phik>logie und Pikdagogik 1874, VII, a05 ff. 



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882 Ebitritt ud dai WiiktB des Hofiiiirimmw. 

Eintritt in das Kloster Stein (Enmuns) bei Qonda sidi be- 
stimmen Hess — sdion ▼orher war der fthere Bmder MOn^ 
geworden — , so war es vor Allem der Wnnscb, in stiller 

Abgeschiedenheit, bei harmlosem Verkehr mit Gleichgesinnten, 
den Studien ganz leben zu können. Die ersten Briefe, die 
wir von ihm haben, stammen aus jener Zeit und lassen er- 
kennen, dass er mit den lateinischen Classikern schon sehr 
bekannt war und an Laurentius Valla, dem Veifasser der 
Elegantiae latini sermonis, besondere Freude hatte. Wenn 
er nun damals seinen Dialog Gonflietus Thaliae et Barbariei 
geschrieben hat, so ist er bereits in starkem Gegensatse ge- 
wesen zu den alten Bildungsformen, vor Allem aueh zu der 
MOncherei, die er so lange mit ti^em Hasse bekämpft hat 
In gleicher Richtung aber bewegt er sich auch in einem um 
dieselbe Zeit begonnenen und niemals vollendeten Werke, das 
freilich erst 1518 unter dem Titel Antibarbarorum liber I. in 
die Oeffentlichkeit gekommen ist; es ist dem Rector der 
Schule zu Schlettstadt, Johannes Sapidus zugeeignet, dem er 
eine ergreifende Schildei-ung seiner traurigen Jugend gibt. 
Was er sonst in jenen Tagen geschrieben hat, das sind ent- 
weder oratorische Versuche, wie der Aufeatz de eontemtn 
mnndi, worin er die Gründe, weldie zur Flneht aus der Wdt 
bestimmen können, behandelt, oder Gedichte, die zum TheO 
schmerzliche Klagen Ober das verfehlte Leben aussprechen, 
aber gelegentlich auch gegen die barbarischen Verächter der 
wahren Beredsamkeit und der gelehiten Poesie sich richten. 
Gewiss taugte er für das asketische Stillleben nicht, und 
obschon sein freundlicher Prior die Last der Klosterpflichten 
ihm erleichterte, so wurde ihm doch das Leben unter Mönchen, 
die ihn nicht verstanden, mehr und mehr unerträglich. 

£r fühlte sich wie von drackenden Fesseln befreit, als er 
im Jahre 1491, mit Erlaubniss der Oberen, das Kloster, wenn 
auch nicht den Ordoi, verlassen und nach Gambrai gehen 
duilte, dessen Bischof Heinrich von Berghes eine Rom&hrt 
machen wollte und dazu einen der Feder mächtigen Mann 
brauchte. Allein die so in Erasmus geweckte Hoffnung, nach 
Welschland zu kommen, blieb zunächst unerfüllt, da der 



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IV. Ensmns. 38S 

Bischof die erforderlieben Bdsemittel nicht auftutreiben Ter- 
siochte; es war keine ansreiehende Entschädigung, als er 
1496, jetst Priester gewordoi, mit einer Ünterstlktsung des 
Prälaten nach Paris gehen und zu einer Freistelle im Collegiuin 
Montaigu gelangt, die höheren Studien beginnen konnte. 

Aber neue Enttäuschungen warteten seiner. Die ver- 
sprochene Pension kam sehr unregelmässig; im Collegium 
waltete eine harte Zucht, und die darin herkömmliche Un- 
sauberkeit drohte seiner schwächlichen Natur Verderben. 
Dabei befriedigten ihn auch die Studien nicht; obwohl der 
Würde eines Doctors der Theologie znstrebend, fohlte er doch 
von dieser Wissenschaft sich eher ahgestossen, nnd was der 
sdt langer Zeit in Psris thätige Grieche Georgios Hennonymos 
ihn lehren konnte, entsprach seinen Erwartungen ehenfalls 
wenig. Dazu war er, um leben zu können, genöthigt, in seiner 
öden Kammer Piivatunterricht zu geben. £r schien nicht 
vorwärts zu kommen. 

Allerdings verbesserte sich seine äussere Lage, als er in 
der Wohnung des jungen Lord William Mountjoy Aufnahme 
gefunden hatte. Schon im Jahre 1497 reiste er mit demselben 
nach England und knOpfte hier Verbindungen an, die erfolg- 
reich für ihn werden sollten^). Indess ging er bald nach 
Frankreich zurück, nm in Paris die abgebrochenen Arbdten 
wieder aufzunehmen: er sammelte Adagia, schrieb Anmer- 
kungen zu Cicero's Officien, beschäftigte sich eifriger mit dem 
Griechischen, kehrte von Zeit zu Zeit auch zur Scholastik 
zurück. Dann kam er wieder in die Niederlande, lebte in 
den Jahren 1498 und 1499 zum zweiten Male in England, 
konnte hierauf weder in Frankreich noch in der Heimath die 
nöthige Müsse zu nachhaltigen Studien hnden, am wenigsten 
die Mittel zu einer Reise nach Italien auftreiben. Als er 
endlich zu An&ng des Jahres 1504 im Namen der Stande 
von Brabant den aus Spanien in sein Eri>land heimgekehrte 



1) Seebohm, The Oxford reformers of 1498, being a history of 
the Fellow'work of J. Colet, Erasmus and Th. More, London, 2. edition 
1870, 8». 



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1 



884 Der läntritt und ta Wiricen des HanmrfMiwg. 

Enhenog Philipp fon Oerterreidi mit einem PanegyneoB 
begrttest ond grosse Anerkennung errangen bfttle, da s^ldeii 

ein sicheres Fuiulament gewonnen zu sein; aber bereits im 
September 1506 raffte den jungen Füi*sten ein rascher Tod 
dahin. Ein dritter Besuch in England (1505) hatte inzwischen 
wohl dem unveidrossen aufstrebenden Erasmus neue Hoff- 
nungen erweckt, aber wieder nicht verwirklicht, und in 
traurigem Zustande war er nach Paris zurückgekommen. 

Dennoch entfaltete er in dieser Zeit eine, erstaimliche 
T%fttigkeit Noch 1505 gab er su Paris des LanrentinB VaiU 
Adnotatioiies in lat N. T. (nadi einer kun zuvor in ^nem 
Kloster bd Brftssel gefundenen Handschrift) mit einer gehalt- 
reichen Vorrede heraus. Eben damals trieb er das Studium 
des Griechischen mit besonderer Beziehung auf den Grundtext 
des Neuen Testaments, wie er auch eine Auslegung des Römer- 
biiefes versuchte. Dagegen fand er die nöthige Ausdauer zum 
Studium des Hebräischen nicht. Aber er beschäftigte sich 
audi mit Origenes, gab Uebersetzungen von Dialogen des 
Lutian und von Tragödien des Euripides heraus, und endlich 
(1506) hatte er auch Mittel genug beisammen, um nach Italien 
reisen zu kdnnen. Nadidem er in Turin Doctor der Theo- 
logie geworden war, eilte er nach Bologna, wo er unter zum 
Thefl mlssHchen Verhältnissen durch Paul Bombasins und 
Scipio P'orteguerra zu tieferem Studium des Griechischen an- 
geleitet wurde; dann ging er nach Venedig, wo er in der 
giossen Officin des Aldus Manutius arbeitete und mit aus- 
gezeichneten Gelehrten in folgereichen Verkehr trat. Dort 
Hess er nun auch seine in vielseitiger Lecttire gesammelten 
Adagia drucken , ein Werk , das er später fort und fort er- 
^mzte und vefbeeserte und in immer neuen Auflagen ein 
Lieblingsbach seiner Zeitgenossen werden sah^). Nebenbei 



1) AnflfUiriieh ipricht er idbit «bor die AdagU eben in dieien, unter 
Hemalig Uborai (8. 88(V-888 m der Fnokforter Ausgabe von 1610> Sehr 
beachtenswertii ist daftrdas W«fc von Suringar, Erasmoi, ofer nedsr- 
landsche spreefcwoorden en sjireekwoordelijke uitdrukkingen van zijnen 
tijd, uits mans Adagia opgezameld (Utrecht 1878, ('IV und 590 S. 4"); 
darin ist nachgewiesen, dass Srasmus in seine Sammlung viele Sprichwörter 



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IT. Bnnm. 



085 



bMoigte er in Venedig eine neue Ausgabe seiner Eiuq^ides* 
Uebersetrongen, wfllurend er zngleieh mit Pleuti» und Terens 
sieh besehäftigte. Aber auf die Dauer hielten ihn dort die 

erfreulichsten Verbindungen nicht fest. Noch 1508 ging er 
nach Padua, wo er während des Winters die Studien eines 
natürlichen Sohnes des schottischen Königs Jakob IV., der 
bereits zum Erzbischof von St. Andrews ernannt und zu seiner 
weitern Ausbildung nach Italien gesandt worden war« leiten 
Milte. Er begleitete denselben dann nach Sieoa, wo er ihn 
lurackliess, um ftUr knrae Zeit naeh Bm sä gieÄien. Aber 
auch hier Hess er sieh nicht halten, wie lockend auch die ihm 
gemachten Anerbietnngen waren. £r Terliees vi^ehr die 
Stadt, nachdem er seinen Zögling eingeholt hatte, um mit 
diesem Campanien zu besuchen; dann eilte er, dem schon 
vorangegangenen Zöglinge folgend, tlber die rhätisclien Alpen 
nach den Niederlanden und von Ostende aus nach England, 
wo eben Heinrich VIII. den Thron bestiegen hatte und eine 
neue Aera für die höheren Studien eröifnet zu sein schien. 

Und wirklich erhielt er jetzt in England noch mehr als 
früher Bewäse des Wohlwollens und der Anerkennung. Wie 
der König, so war auch dessen Gremahlin dem grossen Ge- 
lehrten freundlich angewandt; der Erzbischof Wareham, am 
Hofe freilich neben Wcdsey damals ohne Einfluss, schfttste ihn 
hoch; zu Thomas Morus^ der ihn zunächst in sein Haus auf- 
genommen hatte, kam er in ein noch innigeres Verhältniss 
als früher; für John Colet wurde er, als derselbe 1510 seine 
dem Jesuskinde geweihte Schule l)ei St. Pauls in LonHon be- 
gründete, umsichtiger Berathei-, und auch sonst stand er 
diesem tr^lichen Humanisten sehr nahe; der Bischof Fisher 
tlberti-ug ihm eine Professur in Cambridge, die allerdings nicht 
'gerade einträglich war, ihn aber auch nicht hinderte» öfter die 
Freunde in London attlhusuehen. 

Er entfaltete jetst eine wunderbare schriftstellerische 



aufgenommen, die dun&ls allgemein gebraucht wurden, mit Erläuterungen 
aus niederländischen, Tlftmischen , deuteGben, finuuüsiachen, englischfln, 



336 



Dar Emtritt und das W^Bm des Hiiouuüsmus. 



Thfttig^eit Nodi im Jahre 1509 gab er in Paris seht En- 
conuuin Moriae heraus, eine Satire, die, auf der Reise aus 
Italien entstanden, viele dort empfangene P^indrücke wiedergab, 
aber auch sonst das im Verkehr des Lebens Beobachtete zu 
wirksamstem Ausdruck brachte. Und was konnte unter- 
haltender und komischer sein, als die menschliche Narrheit, 
die ihr eip^enes Lob verkündet, weil sie im Stande ist, die 
Geister bis zum Papste hinauf in die Irre zu fuhren und 
auch die evangelische Wahrheit nnter FonneUaram und Abef>- 
glauben zu begraben? Das Buch hatte frdlich auch bei 
Msndien Anstoss erregt, und Erasmus musste gelegentlieh 
selbst vor Freunden, welche seine Schilderungen und Ui*tbeile 
zu keck fanden, sich rechtfertigen ; aber er hatte in Wahrheit 
doch durchschlagenden Ei-folg; die Auflagen folgten rasch auf 
einander, bald schrieb der mit Erasmus befreundete Gerhard 
Listrius einen Commentar zu dem Buche, das schnell auch 
von Haloin in das Französische übersetzt wurde. Es kam 
eben der in der ganzen Zeit regen Spottlust entgegen» wes- 
halb ja auch Sebastian Brants Narrenschiff und Thomas Mur- 
ners Karrenbeschwiyrung mit so grosser Freude au%«iomnien 
wurden^). Die ernsteren Gemttther aber, welche die Neth- 
wendigkeit einer Reformation fühlten, erkannten in solchoi 
Schriften vortreffliclie Vorbereitungen*). Auch iu fleutschen 
Landen war die Wirkung des Lobes der Narrheit gross. Eine 
von Proben in Basel 1515 veranstaltete Auflage von 1800 
Exemplaren war nach wenigen Wochen fast ganz vergriffen. 
Der genialen Randverziemngen, mit denen Meister Holbein 
ein Exemplar illustiirt hat, kann hier eben nur gedacht 
werden. Die durch Flüchtigkeit venchuldeten Mftnjoiel der 
Form übersahen damals die Meisten in der Freade am Stoft 

In demselben Jahre erschien in Antwerpen, zunächst als 
Hauptstück der Lucubratiunculae, das Enchiridion militis 



1) Badlkofer im Prognunm der StodieoaiistaU BuzghMuen (1871) 
•teilt die drei bei allen YersduedenlidteD dodi Y«nraiidtai Saliiai ia 
einer „literar-historischen Parallele'' zusammen. 

2) Barigny-Henke, EttMom (1788) I, 180 C; Hagen 1, 408 C 



I?. Amboi. 



8S7 



christiaiii, ein Erbinniigateicli« dM für den Kampf des Lebeas 
die rechte AusrOstoig geben und smn Siege Uber die gelüii^ 
HcMen Feiode ftfaren sollte, ivobd na^ditddieh der Irrthnm 

derjenipen f^erügt wurde, welche die Religion in Ceramonien 
und m IJeottachtung mehr als jüdischer Aeusserlichkeiten 
suchten, die wahre Frömmigkeit vernachlässigten \). DafUr 
haben die Mönche das Ruch als ketzerisch verdammt. Aber 
sie haben freilich nicht verhindern können, dass es durch 
Ueber8etziiiige& in alle Cttltarsprachen Europa'a Uniahügen 
zogänglich wurde. 

Mit der zweiten Pariser Anagabe des fiaoomiiim Moriae 
vom Jahre 1512 gab Eiasmis zmn ersten Male xwd Lehr^ 
Schriften hersns, die in pädagogischer Beiiehang überans 
förderlieh gewesen smd: de dnphci rerum ac Terbomm eopia 
nad de ratione studii et instituendi pueros commentarii. Die 
erstere, zunächst für die von Colet begründete Schule bestimmt 
und diesem Freunde auch zugeeignet, gab in einfacher Form 
eine ^t>rtreÖ"liche Anweisung zu stilistischen und oratorischen 
Uebungen, die selbst von Melaachthon als Thesaurus elo- 
qnentiae non vulgans empfohlen worden ist'). Die andere 
Schrift gibt Anleitung zum Studium der lateinischen nnd der 
grieehiscben Orammatik, die beide in enge Verbindung gebracht, 
aber auf mO^f i Ast wenig Beg^ besehrftnkt werden soUen, so 
dan bald zur Leetttre nbergegangen ?rerden kann, und fitar 
diese werden von den Griechen Lucian , Demostfaenes , Hero- 
dot, Homer, Euripides, Anstophanes, von den Lateineni Terenz 
(auch Plautus), Virgil, Horaz, Cicero und neben Cäsar auch 
Sallust empfohlen. Aus den Schriftstellern soll zugleich Sach- 
kenntniss gewonnen werden, vor Allem aber ist auf Bildung 
des Stils und des Gedächtnisses zu sehen, und wenn fOr jene 
auch die Behandlung und Benutzung der Classiker von Wichtig« 
kdt ist, so ist ftr dieses auch die Aulhüngnng von Taiehi 
ndt den einzc^rigenden Fennen an den Wftnden, von Ais- 
Bprttehen und Sentenzen in caldbos smgulorum oodicum als 



1) Burigny-Henke I. 280 ff. und Hagen 1, 307 ff. 

2) Corpus Reformatonim 1, 1118. 

22 



388 I>« Eintritt und das Wiriran des HunuuiisiiiaB. 

nfitzlich anzusehen. Uebrigens ist auch diese Lehrschrift za- 
nftchst für Colets Schule bestimmt gewesen. 

Seit dem Jahre 1513 folgten UeberfietEimgen moralischer 
Sehriften Plntarehs imd Ausleben der Distieha moralia Ca- 
toniS; des Endiiridion I^tets, der Bede des Isokrates an 
den Demonieos etc., allesammt tSat die Zweeke des Unter- 
riehts. Dann erschien 1514 zum ei-sten Male in Strassburg 
Parabolai-um sive Similium lil)er, eine ebenfalls mit Beifall 
aufgenommene und immer wieder aufgelegte Sammlung von 
Sittenlehren aus Xenophon, Aiistoteles, Theophrast, Plutarch, 
Lucian, Seneca und Plinius. 

Das Zueignungsschreiben ist Yom 15. Octoher 1514 und 
wfthrend einer der ersten Beisen nach Basel abgefasst, wo 
Erasmus am liebsten und am längsten seinen Aidbnthalt ge- 
wfthlt hat Denn die Hoffiiungen, welche ihn im Jahre 1509 
nach Eni^d znrftckgefbhrt hatten» waren doch nur unvoll- 
stftndig erfttUt worden, und im Jahre 1518 klagte er dem alten 
Freunde Anton von Berghes, dass er von den Gönnern in 
England vernachlässigt werde. Er bedauerte damals auch, 
dass er Rom verlassen habe, wo 1513 Johann von Medici als 
Leo X. Papst geworden war, und ein an diesen gerichtetes 
Sehreiben gab dem Schmerze Ausdruck, dass er unter dem 
für Kunst und Wissenschaft so verheissungsvollen Regiraente 
desselben in Born nicht leben könna Als nun auch die Aussicht» 
den Bisehof Fisher, der zum lateranischen CSonefl dorthin wollte, 
zu begleitNi sich wieder Torsehlossen hatte, Terüess er Eng- 
land, um nach dem Gontinente zurückzukehren und zunftchst 
in Basel mit dem trefflichen Buchdrucker Johann Proben 
wegen der Ausgabe des griecliisclien Neuen Testaments und 
der Werke des Hieronymus in Verbindung zu treten. Es war 
wohl sicher bei dieser ersten Reise nach Basel, dass Erasmus 
in allen grösseren Städten der Rheinlande, welche er besuchte, 
fast mit fürstlichen Ehren empfangen wurde. Die Magistrate 
überreichten ihm Geschenke und veranstalteten Festmahle. 
So begrOsste ihn auch Strassburg, und in besonderer Weise 
zeichnete ihn die dort unter Wimphelings Leitung stehende 
literarische Gesellschaft aus. In Basel, wo er in neckischer 



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IV. EiiBmat. 3S9 

Weise bei Froben sich einitthrte, machte er gleich damals 
auch weitere Bekanntschaften, so mit dem Hause der Amer- 
baeher wie mit dem Bischof Christoph yod Utenheim, der, 
schon dvreh das Encbiridioii gewonnen, ihn gern in seine 
Woihnnng anfsenommen hfttte. einer zweiten Anwesenheit 
• im Winter 1514 — 1515 kam er auch mit Zwingli in freund- 
liehen Verkehr^). Im Sommer 1515 besuchte er Basel zum 
dritten Male-, längere Zeit verweilte er dort im Sommer 
1518, leider durch Krankheit gestört. Bereits hatten zahl- 
reiche jüngere Männer an ihn sich angeschlossen, Heinrich 
Loriti Glareanus, Beatus Rhenanus, Johannes Oecolampadius, 
Wilhelm Nesen, Oswald Myconius, Wolfgang Fabricius Capito, 
Nikolaus Gerbelius u. A. m., wie dies Joh. Sapidus in einem 
aus jener Zeit erhaltenen Gedichte beschreibt'). In Frobens 
Hause lernte er damals auch den grossen Maler Holbein 
kenneu, Ton dem wir so charakteristische Bilder des grossen 
Gelehrten besitsen, der ja auch an den Schöpfungen der Maler- 
kunst seine besondere Freude hatte 

Nach England war Erasmus in jenen Jahren noch mehr 
als einmal zurückgekehrt. Seit dem Jahre 1516 aber, das 
den Herrn der Niederlande, Karl von Oesterreich, auf den 
Thron Spaniens geführt hatte, schien Brüssel für ihn fester 
Wohnsitz werden zu sollen. Der Kanzler Silva^us veranlasste 
seine Berufung an den Hof des Königs, der ihn zum könig- 
lichen Bathe mit einem Gehalte voq 400 Gulden ernannte, 
übrigens in der Wahl des Wohnsitzes ihn nicht beschiftnken 
wdlte. England aber hat Erasmus im Jahre 1517 zum letzten 
Male gesehen, obwohl Hehlrieh YHI. und Wolsejr . durch neue 
Anerbietungen ihn zu halten suchten *). Indess ging ihm doch 
auch im Heimathlande nicht Alles nach Wunsch, da Silvagius 



1) Auf diesen hatte des Erasmus Gedicht Expostulatio Jesu ad ho- 
minem suapte culpa peccantem tiefen Eindruck gemacht Vgl. Koch, 
Gesch. des Kirchenliedes II, 33 f. 

2) Vgl. Vi 8 eher, Geschichte der Universität Basel S. 194 flf., 
Schreiber, Glareanus S. 5ä fif., Horavitz, Bhenanus S. 19 ff. 

S) Woltmann, Holbdn ^ 871 ff, 

4) Burigny-Henke I, M £, Butler I, 136 £ 

22» 



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340 I>er Xiintritt und 4m Wkken des Homaiiiaiiwu. 

bald starbt der Nachfolger desselben Gattinara ihm weniger 
günstig war, Karl selbst nach Spanien reiste. Erasmus wählte 
dann Löwen su seinen WohnsitEe, dessen UniYersitat eben 
damals dnrdi Begriindang des Gollegiam Boslidiaimm (iOr 
das Stndinm des Hebrfiiseb^, des Grieehisclien und des La- 
teiirfsdien) neae Anregungsmittel erhalten hatte, wSlireBd anek 
M&nner wie Jakob Ceratinus, Rutger Rescius, Konrad Go- 
denius, Adrian Barlandus das Leben in Löwen erfreulich machen 
konnten. Mit Ludwig Vives, der als sein Schüler gelten 
durfte, in mancher Beziehung aber ihn überragte, stand Eras- 
mus in besonderem Verkehr^). Dagegen scheint er mit dem 
Vicekanzler der Univenritllt, Adrian von Utrecht, der ja auch 
bald, 1517, Cardinal geworden, zu sehr weitgreifender Thätig* 
keit berufen wurde, keinen Verkehr g^abt zu beben. Und 
andi KU akademisdier Lehithfttigkeit kam der oft kränkelnde 
Mann nidit; er fbblte nbrigens, dass sein Auditorium die 
ganze gelehrte Welt sd, auf die er durcb Schriften und Briefe 
von seinem stillen Arbeitszimmer aus stets ein\Yirken könne, 
und der an der Universität waltende Geist, der mehr und 
mehr ein dem Humanismus feindlicher wurde und später gegen 
ihn persönlich seine Walfen kehrte, misstiel ihm. Doch hat 
er gelegentiieh in einem ihrer Collegien gewohnt. Aber er 
besuchte von Löwen aus auch das blühende Antwerpen, wo 
der durcb grosse Reisen im Morgenlande berühmt gewordene 
Petras Aegidius ihn auftialim, oder er lebte auf dem freund- 
lichen Landgute Andrelac bei Brüssel und ersehien dann wohl 
aneh von Zeit zu Zeit in Brttssel selbst, ohne hier sieh fest- 
halten zu lassen*); ihn als Lehrer dem P>zherzog Ferdinand 
beizugeben, daran hat man kaum ernstlich gedacht^). 

Die Verbindung mit England lockerte sich nach und nach, 
zumal als sein treffliclier Freund, der Lucchese Andreas Am- 
monius daselbst gestorben war und die politischen Ver- 

1) N am 6 che, Memoire sur la vie et les ecrits de Jean-Louis Vives, 
Bruxelles 1841 and A. Lange in Sclunids Pädagog. Encjclopädie IX, 
740 flf. 

2) Burigny-Henke I, 213 ff, 
9i Epp. Ton IW, p. 277. 



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341 



wickeluii^^cü weiteren Besuch auf der Insel widerriethen. 
Und auch mit Frankreich konnte er der politischen Collisionen 
halber kaum noch in engerem Verkehr sich erhalten . obwohl 
bereits 1516 der Bischof von Paris Stephan Poncher ihn da- 
hin eingeladen hatte und selbst Franz I., als er in seiner 
Hauptstadt ein Collegiom tnüngiM zu errichten gedachte, die 
Leituig deseelban ihm anverlraoen wellte; mit Wilbelm Budö, 
dem groesen Humanisten Frankreiebs, der dann hinter ihm 
zorttchgetreten wäre, stand er in freundsehafitliehem Brief- 
weeheel^); ftr das GoQegiam trilingne aber empfahl er nieht 
diesen, sondern seinen Freund Glareanus^). Merkwürdig war 
es immerhin , dass er in jener Zeit . einer von England ge- 
kommenen Einladung folgend, im Lustlager von Ardres, das 
die Könige von Frankreich und England scheinbar in engster 
Freundschaft vereinigte, Zeuge prächtiger Festlichkeiten sein 
konnte 

Aber fttr Deutschland wurde er in jener bedeutungsvollen 
Uebeigangss^ der persönliche Hittelpunkt aller fiftr den Hu- 
manismus, Ja für allen geistigen Fortschritt abeihaupt lebendig 
erregten Kreiae, und in diesen erschien es damala dringend 
vßüng, dass der gefeierte Mann ansdriiekHeh für einen Beutsehen 
sich erkläre^). Die deutsche Nation legte damals eine fast 
rührende Verehrung für ihn an den Tag und eröffnete seinem 
Talent und Wissen nach allen Seiten Einfluss. Auch schien 
er durch sein Verhältniss zu Kaiser Karl V. und dessen Bruder 
Ferdinand entschiedener als früher auf Deutschland hinge* 
wiesen zu sein. Die ersten Fürsten des Beiehes leichneten 
ihn ans; die vom Humanismna efgriffene Jugend unserer Uni- 



1) Burijiny-Henke l 251 ff., Butler S. 129 ff.; geistreiche Ver- 
gliche beider Mauuer in einem Briefe von Christoph Longoliua epp. 20^ L 
Vgl Namöche S. 19 f. 

8) Brief u Poncher epp. a. 1521, p. 4 t (?) 

8) Epp. a. 1S21, p. 511 mid 564. Butler 8. 187. 

4) Im Jalira 1515 faltete fln Heiaiieh Bebel ten TiMogeB aas an^ 
in seinen Schriften für einen Deutsohfln sich sa erklino, damit veder 
Franioeen noch Engländer seiner als einea LaDdaomuiea aioh rahmen 
kannten. Zapf S. 1& 



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342 



Dir Eintritt and das Wirken des Hum&muuufi. 



versitäten wallfahrtete zu ihm nach Löwen und Basel; seine 
Schritten wurden in deutschen Landen überall gelesen ; vielen 
erschien er als Heerführer im Kampfe gegen Barbarei und 
Aberglauben. Dass er für die nationalen Bestrebungen der 
deutschen Humanisten keine Theilnahme hatte, scheint fiir 
Niemand störend gewesen zu sein 

Es ist bedeutsam, dass Kurfürst Friedrieh der Weise yon 
Sachsen, der schon firtther mit Erasmus' in Yerbindong zu 
treten gesndit, aber anf seine Briefe keine Antwort erhalten 
hatte, gerade im November 1517, also unmittelbar nach dem An- 
lange der grossen kirehliehen Bewegung, durch Spalatin abermals 
mit ihm anzuknüpfen versuchte, wobei recht wohl versichert 
werden konnte, dass der Kurfürst alle Schriften des von ihm 
bewunderten Gelehrten in seiner reichen Bibliothek besitze. 
Seltsam genug, dass dieser Brief erst 1519 an Erasmus ge- 
langte, wie aus dessen Antwort sich ergibt^). Später hat 
dieser, wie bekannt, zu Köln dem Kurfürsten seme Ansichten 
ftber Luther in yertraulicher Unterredung kund gegeben^). 
Zu derselben Zeit war Erasmus auch dem HenEog Georg von 
Sachsen naher gekommen. Dem NiederlSnder hatte es zweck- 
mftssig erscheinen können, dem Hersoge Anerkennendes aber 
dessen Vater Albrecht den Beherzten zu sagen und mit Bezug 
auf Petrus Müsellanus, Heinrich Stromer u. A. das Aufblühen 
der Universität Leipzig zu rühmen, der ja wirklich auch der 
Herzog grosse Aufmerksamkeit zuwandte. Erasmus erhielt 
als Zeichen der Gunst von Georg gelegentlich einmal eine 
Silbei*stufe aus den Meissnischen Bergwerken. Der früh zu 
glänzender .Lebensstellung erhobene Kurftot Albrecht Ton 
Mainz, der Gönner Huttens, lud dann Erasmus in seine Haupt- 
stadt em und verehrte ihm einen zierlich gearbeiteten Becher, 
den er Bedier der Liebe nannte, wahrend jener durch Zu- 
sendung seines Bildes dankte, mit der Bemerkung jedoch, 
dass ein besseres Bild von ihm in seinen Büchern gegeben 

1) Boteher, Gesch. der HatieiialrOekoiioiBik m DeirtMhlmd 
8. 80. 

2) Epp. p. 462 f. 

8) Wolters, Heresbach S. 18 £ 



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IV. Ennuu. 



843 



sei^). Geni b&tte üm Henog Ernst von Bayern an seine 
Universität Ingolstadt gezogen, die er kräftig emporzabringen 

strebte und selbst der grosse Scholastiker Job. Eck wandte 
sich an ihn um Belehrung, obwohl freilich gerade die Art 
seines Schreibens den vorsichtigen Erasmus warnen konnte 

Reuchlin ist einem Rufe nach Ingolstadt gefolgt. Es wäre 
nun wunderbar gewesen, wenn Erasmus *dort mit ihm zu- 
sammengetroifen wäre. Freilich hätten dann beide Männer 
nur um so schneller erkannt, dasb sie, scheinbar so sehr anf 
einander angewiesen, innerlich sehr ▼ersehiedene Natnren 
seien. Der in kabbalistisdie Grftbelden sich verlierende 
Reachlin, welcher im Kampfe gegen die Dunkelmänner an der 
Spitze der Humanisten in dne neue Zdt den Weg gewiesen 
zu haben schien, stand doch mit seiner ganzen Anschauungs- 
weise noch in der alten Zeit, während Erasmus, der jenem 
Kampfe nicht ohne Bedenken zugesehen und die Epistolae 
obscurorum virorum eher gemissbilli^^t hatte, doch viel mehr 
ein Neuerer war und mit den Mitteln humanistischer Bildung 
und Gelehi-samkeit allein in ganz anderer Weise vorwfirts zu 
kommen sich getraute^). Nur einmal waren sie zu Frankfurt 
in personliche Berührung gekommen, und auch durch Brief- 
wechsd war ihr Verhftltniss kein innigeres geworden, sondern 
civilis amidtia, qualis fere inter studiosos omnes seiet, ge- 
blieben^). Andere schien Erasmus zu Hutten sich stellen zu 
können, wie gross auch ihre Verschiedenheit in Temperament 
und Sitte war. Sie begegneten sich zum ersten Male im 
Sommer 1514 in Mainz, sahen sich dann zu Frankfurt wieder 
im Filihlinge 1515 und blieben dann während der zweiten 
italienischen Heise Huttens und nachher noch in freundlichem 
Verkehr. Wie mittheilsam Erasmus dem jüngeren Manne 
gegenüber sdn konnte, zeigt sehi anziehender Brief an diesen 



1) Epp. p. 511, Barigny-Henke I, 278. 

S) Henop B.-B. XTTT, 8, Barigny-Henke I, 8S9 £ 

S) Anctarforn p. 29 £ 

4) Strangs, Hntton S. Ul fL, 158, 168. Vgl & 180, 186, 195 i, 
204, 209 f. 

d) £pp. p. m 



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344 



Der Eintritt und das Wirkoi des Hanmiriamn«. 



ttber Tkomaa Mon»^). Wiedtr andm Staad EraflmuB n 
Wilibald PiitiieiiiMr, den Stand mid Beidilham, vieleeifeigB 
iKldung und klare Besonnenheit nach allen Seiten bestimmenden 

Einfluss gewinnen Hessen *). 

In eigenthümlicher Weise bedeutsam wurde die Stellung 
des Erasmus zur Universität Ei-furt, die gerade damals vom 
Geiste des HumaÄismus stärker als eine andere Hochschule 
sich bestimmen liess. Hatte vorher der Kanonikus Konrad 
Mutianus Bufos tob seiner stillen Wohnung in Gotha ans 
mächtige Einwirkengen auf die jnngen Homanisten im nahen 
Eifiirt ansahen ktanen und snletst an leidensdiafllicfaer Theit 
nähme an der ReaehliniBtenfishde sie erregt, so gewann i^iifeer, 
als Eoban Hesse, der geniale nnd leiehtmllthlge Poet^ der 
„König" in diesem Kreise geworden war, Erasmus das höchste 
Ansehen. Eine fast überschwängliche Verehrung wandte sich 
ihm zu; man pries ihn als die Sonne, die alles Dunkel mit 
ihren Strahlen erhelle; man drängte sieh an ihn und war 
entzückt über jedes Brief lein aus seiner Hand; Eoban selbst, 
Jnstus Jonas, Schalbus u. A. snehten ihn in den Niederlanden 
auf. Und dass er Wohlgefallen an diesen Erfurtern empfand, 
bei denen ja auch sein Lob der Narrheit in Voriesongen 
behandelt wurde, zeigen besonders die an Jonas geriehieten 
Schreiben >). 

Gewiss nun machten ihn gerade in jener Zeit auch die 
literarischen Leistungen, die von ihm kamen, der Bewunde- 
rung Werth. Es erschienen die Ausgabe Seneca's: C. Annaei 
Seuecae sanctissimi philosophi lucubrationes omnes (Basel 1515), 
das Büchlein de octo partium constructioue (Strassburg 1515 
und oft nachher), die Bearbeitung der ersten Bücher von des 
Theodorus Gaza griechischer Grammatik (zuerst Löwen 1516). 
die dann Koniad von Heresbaeh zum Abaehhiss brachte^), ^ 
Institutio principis christiani (zuerst in demselboi Jahre zu 

1) Epp. p. 482. 

2) Hagen I, 273 f., 459, 468 f. 

3) Kamp schulte 1, 226 ff. 

4) Wolters S. 32 236 1 Burigny-Henke 1, 310 L JKn- 
meche p. 12. 



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IV. WkummL 845 

Uwem), die eist dmch HerMbaeba Werk de ed«eandi$ eru- 
dieiidieqiie pitee|^ liberis (1570) lUt^mrtraffeo worcleB ist^. 
Aber die allgemeiiiate Aiifmerkeunkeit emgte seine Amgebe 
des gfieebfeehen Neeen TeetamiBnts , die erste, welche im 

Drucke erschien, im Einzelnen wohl nicht überall zuverlässig, 
nicht ohne mancherlei Versehen, nicht frei von voreiligen Aende- 
rungen, aber doch eine Leistung, <ieren er sich mit seinen 
sprachkundigen Gehilfen — Oecolampadius voran — herzlich 
freuen konnte, ein Werk, das, zur £lu'e Gottes unternommen 
nad in seinem £rsch6ineD fast zusammentrefifend mit dem Be- 
ginn der Reformatien, noch viel gewalligermi Binfluss üben 
aellie, als er snnächst zu denken im Stande wai*. Es kam 
an Basel in Frobens Druckerei zum ersten Male 1516 berans 
(NoTum Instrumentum omne diligenter reeognitum et ernenn 
datum, in den zunächst folgenden Ausgaben wieder Testamen- 
tum) und war mit merkwürdigem Vertrauen dem Papste Leo X. 
dedicirt. Im Anschluss standen eine sorgfältige lateinische 
Uebersetzung und belehrende, nachher sehr vermehrte An- 
merkungen; als Einleitungen konnten dienen Paraclesis s. 
£lxbortatio ad ehristianae philosophiae Studium und Ratio s. 
oompendium verae theologiae.^ Die etwas spater in der Pely- 
glf^ten^Bibel des Cardinate Ximenes erschienene Ausgabe des 
Neuen Testaments hat Erasmus erst für seine drei letzten 
Ausgaben (?ott 1522, 1527 und 15S5) benutzen kOnnen, und 
erst vor Kurzem ist ihm wieder der Vorwurf gemacht worden, 
dass er nicht Wahrheitsliebe und Selbstverleugnung genug 
besessen habe, um von jener den Nutzen zu ziehen, den sie 
ihm hätte leisten können Man daif indess hierbei nicht 
übersehen, dass sein Fleiss vor Allem auf die neue Ueber- 
setzung sich gelichtet hatte, der griechische Text wie zur 
Rechtfertigung und Beglaubigung hinzugefügt war*). Beifall 
und Dank für das Geleistste haben ihm gleich Anfangs nicht 

1) Wolters 8. S8 f., 200 i, 888; vgl Barigny-H«Bke I, 301 1, 
Butler S 147. 

2) Delitzsch, Studien zur Entsteh ungagesduchte der Polyglottea- 
bibel des ('ardlnals Ximenes. Leipzig 1871. 

3) Burigny-Uenke II, 561 £; Tgl. Butler S. 169 ff. 



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846 



Der EintriU und das Wirken des Humanismus. 



gefehlt; aber bald sah er auch heftigen Angiiffen sieh aus- 
gesetzt. Die Mönche erhoben weit umher verketzenides Ge- 
schrei, und er hatte davon dem wackeren Petrus Mosellanus 
in Leipzig Seltsames zu berichten M ; aber auch wissenschaft- 
lich tüchtige Männer richteten sich gegen ihn: Jakob Faber 
TOD Etaples, dessen Urtheilsfähigkeit er selbst nicht anfechten 
konnte, Johann Eck in Ingolstadt, der gegen seine Art noch 
ziemlieh sehenend aaltrat*), Eduard Lee, der am so heftiger 
ihn ai^riff nnd die ganze UniversitAt Löwen gegen ihn auf- 
regte^), der Vicekanzler Johann Briartos (Atensis), der be- 
währte Milartieiter an der Polyglotte Jakob Lopez Stnniea*). 
Man beachtete dabei wenig, dass er im Jahre 1516 auch die 
Briefe des Hieronymus herauszugeben im Stande war und da- 
mit das Studium vieler Jahre abgeschlossen hatte. Aber wenn 
er gerade damals auch seine allerdings schon früher veriasste 
Querela pacis undique gentium ejectae protiigataeque erschei- 
nen liess^), so entsprach dies den Stimmangen, die ihn be- 
herrschen mossten. In diesem Zasammeqjiange erseheint be- 
aehtenswerth , dass er eben damals vom Papste eine Dispen- 
sation fikr sich erwirkt hatte, welche ihm eine freie Stellang 
seinem Orden gegenüber gewährte, indem sie ihn von der 
Kirchenstrafe für die eigenmächtige Ablegung des Ordens- 
gewandes absolvirte und die Filhigkeit alle geistlichen Stellen 
zu bekleiden ihm zusprach. Wahrscheinlich hat er gegen die 
vielfachen Verdächtigungen, die seine mönchischen Gegner 
zumal wegen des Encomium Moriae und wegen des griechischen 
Neuen Testaments wider ihn erhoben, in der päpstlichen Er- 
klärung einen Schild gesucht^). 



1) Epp. p. 281 £f. 

2) Burigny-Henke I, clöü ff. 

S) Bnrigny- Henke I, 862 C Strauss S. 882 i Lee ist nicht 
em Schotte, sondem ein Seotigt Burigny-Henke I, XUL 

4) Delitssch 8. 26 ff. YgL Bnrigny-Henke H, .179 ff., But- 
ler 179 t 

5) Ausgaben 1516, 1518, 1521, 1522. 

6) Sie ist vom 26. Januar 1517. S. W. Viecher hn Uni f e f al UMn» 
Programm, Eraemiaoa, Baiel 1Ö76. 



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IV. EratmoA. 



347 



Aber was die Gegner auch sagen mochten — er hatte 
als Humanist und Theolog über die meisten Zeitgenossen sich 
emporgehoben, er war doch das Orakel seiner Zeit. Noch 
Keiner hatte das heidnische 9nd das kirehliehe Alterthum in 
salehem Umfiuige erfoiseht, mit soleher Freiheit, mit solchem 
Schaiftiim behandelt Man darf freOich nicht behaopten, daas 
80 bedeutende Stadien ihn innerlidi umgewandelt und Uber 
die Sehranken, innerhalb deren er seine Entwickelung durch- 
zuluinen gehabt, hinausgefühit haben; man muss vielmehr 
anerkennen, dass er vielfach noch in den Anschauungen und 
Uebei-zeugungen des Mittelalters befangen gehlieben ist und, 
als die grosse Bewegung, die von Wittenberg ausging. Alles 
erschütterte, unwahr und schwächlich auch das früher Ver- 
worfene wieder hervorgesucht, vertheidigt und angebetet hat 
Aber yerlangen wir nicht von ihm, was er nach Anlage und 
Bildungsgang nidit aus sich zu gestalten yermochte, freuen 
wir uns lieber der ausserordentiichen Leistungen, die er, der 
so viel umhergeworfene , so oft kränkliche Mann doch zu 
Stande gebracht hat. Nur was er für das Unterrichtswesen 
gethan, darauf müssen wir jetzt noch in zusammenfassender 
und zum Theil vorausgreifender Darstellung unsere Aufmerk- 
samkeit richten. 

' In die Zeiten der theologischen Kämpfe, in welche Eras- 
mus mehr noch durch Katholiken als durch Lutheraner hineih- 
* gezogen wurde, können wir in diesem Zusammenhange ihn 
niefat begleiten; aber dem grossen Humanisten müssen wir 
bis an sein Ende folgen. Viele hervorragende Arbeiten, welche 
er in den letzten Jahrzehnten seines Lebens für Bildung und 
Unterricht zu Stande gebracht hat, müssen wir gerade hier, 
um einen richtigen Abschluss zu gewinnen, in zusammen- 
fassender Darstellung zu würdigen versuchen. Auf diesen Ge- 
bieten blieb er fort und fort der klare, in sich gewisse, liohen 
Zielen un verrückt zugewandte Geist, der zuweilen wohl eil- 
fertig, oberflächlich, unsicher sich aussprechen mochte, oft aber 
mit scharfem Blicke das Richtige sah und dann auch fest 
und entschieden vertrat Und wenn wir bedenken, dass er 
durch leidenschaftliche Angriffe immer wieder verstimmt, durch 



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848 



Der Eintritt und das Wirken des llumanismus. 



zahlreiche Correspondenten , die seinen Rath und seine Em- 
pfehlung: suchten, dankende oder anei keiinende Worte von ihm 
erwarteten, wohl bisweilen bis zur Ermüdung in Anspiiich ge- 
nommen wurde, so befrreifen wir kaum, wie er so viele Werke 
von bleibendem Wertiie und nackwirkeader Kiraft hat zu 
Stande bringen können. 

Sein Einflufis auf Deatschland var zanAchat noch ao ent* 
sebieden, dass er seibat eine Abminderang in Folge der le- 
fonnatorisch^ Bewegungen nidit wabmehmen konnte. In 
einem Briefe an Babirius (Aug. 1521) klagt er wobl, daes 
Luthers Freunde sieb von ibm zurttckziehen ; aber am Schlüsse 
sagt er doch: equidem ex animo faveo Germaniae; dici non 
potest quam in dies efiflorescat ingeniis felicissimis, in me 
propensioribus studiis, quam vel promerebar vel postulabam. 
Noch immer erkannten in ihm die deutschen Humanisten ihr 
Oberhaupt; in Freiburg waren Ulrich Zasius und Konrad von 
Heresb^ch ihm völlig ergeben; die Erfurter schw&rmten fOr 
ihn; in Leipzig sprach Petrus Mosellanus zu seinem Böhme, 
auch Hermann von dem Busche trat fikr ihn ein. Aller- 
dings brachte ihn dann die Art, wie der ungestfime Hatten 
die Verbindung mit ihm zu erhalten suchte und , als er yon 
ihm sich verleugnet sah, zu schonungslosein Angriffe überging, 
in die peinlichste Lage; aber die Gehässigkeit, mit welcher 
er dann den hilflosen Flüchtling bedrängte, und der Mangel 
an Edelmuth, den zumal seine Spongia adversus Hutteni as- 
persiones venieth, vernichtete die ihm zugewandten Sym- 
pathien so wenig, dass sogar Luther noch in freundlichem 
Sinne an ihn sebrieb. Und eben damals (April 1524) kam der 
junge Joachim Camerarius nach Basel, um seine Verehroag 
ihm zu bezeigen. Vielleicfat war es eine Nachwirkung dee 
kühlen Empfanges, den der tttehtige Mann bei ihm gefondea 
hat, dass bald nachher das Verhältniss zu diesem und selbst 
zu Melanchthon sich trübte. Die beiden so eng verbundenen 
Freunde wechselten zwar noch Briefe mit ihm und schickten 
einander die von ihm erhaltenen zu ; aber die Angriffe, welche 
er ohne Noth gegen die Schule in Nürnberg richtete, waren 
eben so ärgerlich &r Melanchthon, der (1526) zu ihrer Bo- 



IV. Enmnag. 



349 



giUndiuig fio krftftig geholfen hatte, als für CamerariiiB, der 
an ilnr wirkte. Im Sommer 1529 8|nrach dieser dem Freunde 
in Wittenberg den Wunseh ans, dass er mcbt mehr an Eras- 
mus schreiben möge, mud Melanchthon konnte in sdner Ant- 
wort trocken genug bemerken, dass er sich nie sondedich um 
des Mannes Freundschaft beworben habe M. 

Indem aber so Erasmus den Einfluss auf Deutschland 
abnehmen sah, konnte es ihm zu einiger Genufjthuuni; ge- 
reichen, dass am Hofe zu Cleve und zu derselben Zeit auch 
in Köln seine auf dem Humanismus beruhenden Gedanken 
selbst in kirchlicher Beziehung Eingang fanden ; aber zu nach- 
haitigen Wirirangen kam es dort nidit*). Und wenn in den 
nahen Niederlanden einzelne MSnner, wie Ckmieiius Grapheus 
in Antwerpen, noch zu ihm hielten, so hatte dies natOrlich 
noch geringere Bedeutung^). 

Allein wenn auch die persönlichen Verbindungen sich 
lösten, so behauptete er doch fort und fort einen tiefgehenden 
Einfluss durch die schriftstellerischen Leistungen. In rascher 
Folge erschienen seine Ausgaben der Kirchenväter Cyprianus, 
Arnobius, Hilarius, Irenaeus, Chrysostomus, Ambrosius. Und 
^^n 80 rastlos war er als Herausgeber von Classikern thiltig : 
noch 1518 konnte er eine Ausgabe des Suetonius Friedrich 
dem Wdsen, ^ne Ausgabe des Curtins dem Herzog Brust you 
Bayern widmen. 1520 ersdiieneu Gicenfs Offiden, 1528 
dessen Tnsculanen ; 1523 edirte er in einem stattlichen Fo- 
lianten Plinii Secundi divinum opus, cui titulus Historia mundi, 
dem Bischof Stanislaus Thurzo von Olmütz zugeeignet. Etwas 
später (1529 ) erschien der erste Band der Ausgabe Augustins, 
nachdem schon 1522, seinem Drängen nachgebend, Vives den 
hwllos verunstalteten Text der Bücher de civitate dei mit 
einem sorgfältigen Commentar herausgegeben hatte. Mit hoher . 
Freude YoUendete er dann 1531, in Gemeinschaft mit Simon 



1) Corp. Ref. I, 1088. He er wagen I, 16 ff., II, 1» ff. 

2) Wolters, Hereabach S. 33 £, 4ö ff., 57 Krafft, Au&eich- 
anngen Ballingers S. 26 f. 

3 üllmann I, 385 ff 



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850 



JkK Eintritt und dai Widmi des Hnmuniinii. 



Grynäus, die Ausgaben des Aristoteles (zwei Bände in Folio) 
und des Livius, der hier zum ei-sten Male mit dem 44. Buche 
enchieo (ein Band in Folio). Im Jahre 1582 folgten die Aua- 
gaben des DemoatheneB und des Terons; unter den Augen des 
UnennOdlichen erschienen endlieh GL Ptolemaei de geographia 
libri Vm (1588), die Weike des Flavius Josephus (1584) und 
des Origenes (1536). 

Beim Blick auf so zahlreiche Ausgaben dürfen wir ohne 
Weiteres annehmen, dass er dabei oft der Unterstützung sich 
bediente, welche die Bereitwilligkeit jüngerer Freunde ihm 
zur Verfügung stellte; dass Manches eilfertig gearbeitet wurde, 
war kaum zu vermeiden. Aber es wäre unbillig, wenn wir 
die von ihm besorgten Aufgaben classischer und patnstischer 
Werke mit den Massstäben modemer Kritik messen wollten; 
ihm kam es snnftdist doch darauf an, diese Werke recht 
Vielen zugänglich und ittr die Bildung der Zeit verwendbar 
zu machen. Wie. er dabei yerfuhr, zeigen die Bemerkungen 
vor der Ausgabe des Curtius, den er auf einer Reise nach 
England im Frühjahr 1517 wieder einmal vorgenommen hatte: 
locos aliquot obiter annotatos correximus, addito elencho, qui 
potissimum indicaret, (juid nove dictum apud hunc scriptorem 
extaret, ne desit, quo placemus loyofidotiyag quosdam, qui 
ad singulas paene voces nobis solent obstrepere clamitantes 
apud probos scriptores nusquam inveniri. Auf sachliche Er- 
klärung konnte er sich nicht wohl einlassen, wenn sie ihm 
auch in ausgedehnterer Weise mOglicfa gewesen wäre. 

Sehr brauchbar und verdienstlich erschienen seinen Zdt- 
genossen und noch Späteren die an ähnliehe Lotungen der 
vorausgegangenen Jahre sich anreihenden Lehrschriften, die 
natürlich auch für uns besonders in Betracht kommen. Er 
veröffentlichte 1522 in abgerundeter Bearbeitung das Büch- 
lein de conscribendis epistolis ^) und (wohl in demselben Jahre) 
ein anderes de studio bonarum litteraiaun ^). Hierauf er- 
schienen, eingeleitet durch die bereits 1518 herausgegebenen 



1) Burigsj-Henke I, 4S9 £ Bntler S. 145. Erhard S. 46. 
2 Burigny-Heake I, 471 iE 



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IV. Enum, 851 

Famitiarinm eolloquionim fonnnlae, 1524 zum ersten Male die 
CoUoqiiia selbst (Familiarinm eonoqmomm opus nraltis no- 
'minibiis ntüissimiim), em Buch, das zaUreiehe Auflagen er- 
lebt, aber ancb starken Tadä erCiliren hat, da es, obwohl im 

Grunde allein dazu Itestimmt, die Jugend zu iruter lateinischer 
Umgangssprache anzuleiten und ihr dabei die Hauptlehren der 
Poetik , der Khetoiik . der Physik und der Moral begreiflich 
zu machen, doch die Doctrinen und Institute der Kirche auf 
bedenkliche Weise bloss zu stellen, ja selbst Ketzereien zu 
enthalten schien^). Im Jahre 1525 folgte die Schrift Lingua 
(de linguae usn et abnsa), die in weiten Kreisoi Beifall fand 
nnd eine Reihe von Auflagen erlebte^. Bereits in*s nftchste 
Jahr füllt die an pidagogisehem Qehalt reiche Schrift Chri- 
stiani matrimonü institntio, die der Königin Katharina von 
England zugeeignet ist und bald nachher in dem Schicksal, 
das diese traf, eine so traurige Illustration erhalten sollte ; als 
ein Seitenstück dazu erscheint das 1529 der verwittweten 
Schwester des Kaisers, Maria von Ungarn, gewidmete Blichlein 
Vidua christiana. Von eigenthümlicher Bedeutung waren die 
beiden Schriften de recta Latini Graedqne sermonis pronun- 
tiatione dialogus und Cieeronianus sive de optimo genere di- 
eendi (1528). Ob er bei jenen in Bezug auf die Aussprache 
des Griechischen durch dnen Scherz Glareans nnd nur auf 
einige Zeit, irregeleitet worden, ist hier nicht zu untersuchen*), 
üeber die andere, die aus Yerschiedenen Gründen in Frank- 
reich und in Italien so grossen Unwillen hervorrief und von 
dem älteren Scaliger wie von Stephan Dolet leidenschaftlich 
bekämpft wurde, hat das Urtheil längst in einer für Erasmus 
gtlnstigen Weise sich festgestellt, wie auch die Darstellung — 
ebenfalls in der Form eines Dialogs gehalten — als durchaus 
zweckmassig ericannt worden ist^). Indem er aber die pe- 



1) Burigny-Henke I, 490 it; fsl- Butler 8. ISS ft,, Erhard 

& 205 b (n. 31) und 164 f. 

2) Burigny-Henke I, 513 f. 

3) Buri^ny-Henke I, 565 flF. 

4) Burigny-Henke I, 538 ff., Erhard S. 166, Butler S, 155ft, 
Koscoe, Life of Leo tbe Xenth II, 288. 



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S52 Der Eintritt und das Wiffcen det Hrnnantem. 

daatiBelwii Cieerauaiier, die in Petrus BemlNtt and Christel^ 
Longolius die bOchtten Meister ?erdirteo, auf das Unhaltbare 
und Lftdieriiclie ihrer Manier anfinerksam nia«dite, war er 
tetwlhread voll Bewnndentng fftr Cicero seihet, den er sehos 

in der Vorrede zu seiner Ausgabe der Tusculanen wie einen 
Heiligen gepriesen hatte. Er sah in Cicero mehr noch den 
Prossen Moralisten als den grossen Latinisten, wie ihm ja auch 
Seneca, dessen Schriften er zu Anfang des Jahres 1529 wieder 
herausgab, eben als Sittenlehrer besonders theuer war Die 
zu derselhen Zeit in die Oeffentliehkeit gelangte Schrift Li- 
beUns novns et elegans de pneris statim ac liberaliter insti- 
taendis und das im Jahre 1580 edhrte Büchlein de dvilitale 
monim haboi whr als die jOngsten seiner Lehrsdmften smi- 
sehen. Sie sind beide fftr Unterrieht und Eniehung als 
sehr nfitdieh eikannt worden and in immer neuen Auflagen 
erschienen. 

Er hatte auch als Tadagog Grösseres geleistet als irgend 
einer seiner Zeitgenossen, als er am 12. Juli 1536 in Basel 
starb. Was ihn aber in dieser Beziehung auszeichnet, das ist 
vor Allem die Selbständigkeit seiner Gedanken, die, wie ver- 
schieden auch die Ziele sind, welche er in den einzelnen 
Schriften ?or Augen hat, und wie Terechieden die für die he- 
sondcren Zwecke gewfthlten F6rmen sein mögen, zn einem im 
Wesentlichen obminstimmendea, Mfich nidit gerade eJeidi- 
nUMgen Gänsen sich ausammmfügen Hessen. Unddabdmass 
man doch im Auge behalten, dass er bei dem wunderbaren 
Wechsel seines Lebensganges und bei seiner Abneigung, an 
ein Lehramt sich fesseln zu lassen, auch dann, wenn er in 
besonderen Fällen Gelegenheit erhielt, aus unmittelbarer Er- 
fahrung zu schöpfen, rasch abzubrechen pflegte. Aber er hatte 
in dem, was die eigene Kindheit und Jugend umfasste, die 



1) Die zweite Ausgabe Seneca's, bei welcher Sigmund Gelenius mit 

frrö88ter Soro^falt ihm geholfen hatte, ist durch die vorausgeschickte Zu- 
eignungsschrift über Stil und Charakter des Philosophen, sowie über dessen 
Verhältniss zum Apostel Paulus besonders anziehend; es spricht sich darin 
eine für jene Zeit ausserordentliche Unbefangenheit aus. Vgl Burigny- 
Henke I, 570 f. 



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IV. Ensmiis. 



353 



mannigfaclisteii Anregnngen smn Nadidenken Uber pädago- 
gische Piobleme und Fehlgriffe gehabt, und der unendlich 
vielseitige Lebensverkehr, in dem er sich fort und fort be- 
wegte, gab ihm einen überaus reichen Stoff zu Beobachtungen, 
und dass er auch in der Stille seines Studirzimmers aus 
seinen Classikern für ErziebuDg und Unterricht Grosses lernte, 
braucht gar nicht erst gesagt zu werden. Dass er als Mönch 
and Priester gewisseo Aufgaben fem blieb, ist gewiss mit in 
Bedunmg sa bringea, und das auf J^dong des Gemftthes 6e- 
rielitete moebte som Theü ihm schwerer Teratitaidlich sein; 
aber er ist auch wieder ven geistlicher eder asketischer Ein- 
seitigkeit so frei, dass man den Humanisten kaum je vermisst, 
vielmehr fast durchaus die Freiheit und Klarheit des humani- 
stischen Standpunktes festgehalten sieht. 

Aber wir wundern uns dabei auch wieder nicht, dass er 
im Wesentlichen auf semipelagianischem Standpunkte steht. 
Was also aus Erbstlnde abgeleitet werden konnte, das führt 
er auf schlechtes Beispiel und Verftthrung znrtlck, und der 
Ersiehung sdiieibt er dne Kraft zu, welche die Natur des 
Zollings wie Wachs oder Thon behandebi und das Gegentheil 
Ton dem, was sie verlange, henrorbilden könne. Doch kann 
anch wieder nicht gesagt werden, dass er rin Vorläufer Rous- 
seau's oder Basedow's gewesen; ihn beherrscht die den Alten 
eigene Anschauungsweise, er erscheint als Schüler Quintilians, 
von dem er ja überhaupt sehr viel gelernt hat, obwohl man 
auch wieder nicht behaupten könnte, dass er dem berühmten 
Khetor sklavisch nachgegangen sei. Seine Anweisun^^en richten 
nch freilich mit Vorliebe auf die intellectuelle Bildung, wie 
dies bei snner so entschieden wissenschaftliehen Thfttigkeit 
nicht wohl anders sein konnte; aber er hat dodi stets das 
Ganse der Erziehung im Auge, und wenn er gdegenllich 
(de dvilitate morum, Einleitung) vier Theile annimmt, so kann 
dies immer als ein Versuch gelten, die grosse Mannigfaltig- 
keit, welche für die Erziehung in Betracht kommt, nach einem 
einfachen Schema zu übei-sichtlicher Darstellung zu brin^'en. 
Er unterscheidet aber vier Aufgaben der Erziehung: ut tenel- 
lu8 animus imbibat pietatis semina, ut liberales disciplinas et 



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ä54 Der Eintritt und das Wirken des UumaiünBiii. 

amet et perdisrat, ut ad vitae officia instruatur, ut a primis 
aevi rudimentis civilitati morum assuescat, und es würde 
nicht schwer sein, nach dieser Eintheilung die Pädagogik des 
trrossen Humanisten in eine eine Art von System zu biinpen, 
wenn es darauf hier ankäme, wo wir doch auf seine päda- 
gogtschen Grundgedanken uns z« beschränken haben. Er 
selbst hat ep System nicht aufbauen wollen. 

Die Eraehnng der Kinder will er, wie sehen Aristeteles, 
noch Tor der Geburt, wihrend der Sehwaagerschaft, begooaen 
sehen, und wie die fiedeutung der Ehe in der Kinderersengioig 
liegt, fftr welche dem Weibe von Paulus (1. Tim. 11, 15) die 
Seligkeit verheissen ist, so hat die Kindererziehun^i ihre Auf- 
gabe darin, ,,(lass die Kinder bleiben im Glauben und in der 
Liebe und in der Heili^iun? sammt der Zucht" Das neu- 
geborene Kind ist der Mutter Pflicht, deren Vernachlässigung 
eine Art von Aussetzung. Die Sorge für das leibliche (Ge- 
deihen hat sich sunidist auf £mähning mit Mili^peisen zu 
besehr&nken, Gewttn mid starke Getrinke shid su meiden, 
weder su leichte noch zu schwere Kleidung su wShlen, die 
Naebtheile leruditer, dumpfer oder Ubermflssig heisser Woim- 
rftune fem su halten; Baden und Salben mag als sweek- 
mässig gelten. Unterncht soll vor dem siebenten Jahre nicht 
beginnen; aber Anregungen des psychischen Lebens im Spiele, 
wobei das Kind auch lateinische und «griechische Buchstaben 
sprechen und schreiben lernt, sind ebenso zu empfehlen wie 
gewisse Gewöhnungen, indem es beim Namen Jesu die Knie 
zu beugen, die Hände zu falten, das Ciiicifix zu küssen kb- 
gehalten wird. Aber jegliche diesem Lebensalter gegentber 
angewandte Härte wirkt TerduinBMnd. Ist Zttehtigaiig ndt 
der Ruthe als unTermeidlich erkannt, so muss sieh doch bald 
etwas Beruhigendes ansehliessen. 

Vom siebenten Jahre an treten die Aufgaben der religi9e- 
sittliclien und der intellectuellen Bildung für die Erzieher be- 
stimmter aus einander, aber sie sind neben einander zu lösen. 
Und jetzt hat der Erzieher, je bildsamer der Stoff ist, den 
er zu bearbeiten hat, um so mehr als Künstler sich zu er- 
weisen. Die erstere Angabe int aber doch die wicfatigeie. 



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nr. amm. 



355 



Li alter difleer TbfttigkeH; hat ttbrigens der Erzieher das Wort 

des Horas sorgfältig zu beachten: Quo semel est imbuta 
recens servabit odorem testa diu. 

Die öffentliche Erziehung wäre (mit Piaton und Aristoteles) 
der privaten oder häuslichen vorzuziehen, wenn nur für jene 
nicht in den meisten Fällen mit unbegreiflicher Sorglosigkeit 
schmutzige und verworfene oder närrische Menschen angestellt 
würde», die für geringen Lohn in unsauberen Räumen edle 
BttrgeiiOhne bildeii •ollen. Und &8t noeh scUhnmer ist es, 
vnmn man din Jagend in die HWen gewisser Flnsteriinge, 
d. h. in Klostenehnlen sdiiekt, aus denen dann dn Zwüter- 
geschledit Ten Mdndi mid Weltkhid henrorgebt Und doeh 
steht bei solcher Praxis das Wohl des Staates auf dem Spiele. 
Allein auch bei der häuslichen Ei-ziehung macht man oft arge 
Fehler, selbst an Fürstenhöfen, wenn es sich um die Wahl 
eines Lehrers handelt. Mann nimmt für den Sohn einen 
Mann, wieder gerade zu haben ist, und bezahlt ihn schlechter 
als dnen Pferddsnecht oder Falken wärter, während man mit 
freiem und ernstem Urtheil die Wahl treffen nnd mehr noch 
auf gute Sitten als anf Mehvsamkeit achten, niemals abei* 
anf blosse Empfehlung hin steh bestimmen sollte. Aber auch 
nach der Wahl muss man sorgfältige Aufriebt dch mr Pflicht 
machen. Schon der Elementarunterricht erfordert grosse Ge- 
schicklichkeit und ist untor Umständen entscheidend für das 
weitere Leben des Zöglings; überdies ist auch mancher ge- 
lehrte und biedere Mann zum W>rke der Jugendbildung un- 
geschickt; dem Einen fehlt Milde, dem Andern Geduld. Ein 
wahriiaft brauchbarer Mann kann nicht hoch genug bSKahlt 
werden. Allerdings hat die häusliche Erziehung auch un- 
Torkennbare Nadidieile; doeh selbst in den Gollegien und 
Bnrsen ist vor der Band kein Heil sn finden, da hier die 
Gefhhr der Ansteckung zu gross, die ThiUi|^eit der Lehrer 
zu getheilt, die Wahl derselben nach dem vorhandenen Be- 
dürfniss unmöglich, die ganze Unterrichtsweise aber, die mit 
Vernachlässigung der Grammatik gleich zu den Faeli Studien 
überleitet und die Erlangung akademischer Grade als Haupt- 
ziel betrachten lässt, durchaus verkehrt ist. Das Beste ist, 

23* 



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85(5 



Der fibtrHt und 4m ^Iran dm Hnmaiiinnis. 



5-*6 KubeD xiuaiimieD dwdi einen Lehrer nnterweisen sn 
latsen. ht man genöthigt, den Sohn einer Sehule sn über» 

geben, so empfiehlt es sich doch, ihm noch einen besonderen 
Privatlehrer (als Paedagogus) zu halten. Reiche sollten be- 
gabte arme Knaben mit ihren Söhnen erziehen lassen; das 
ist die verdienstlichste Art von Almosen. 

Der Unterricht in der Religion muss Gott als den all- 
gegenwärtigen und allwissenden Schdpfer und Erhalter der 
Welt InrdileB und lieben lehren und auf seinen Sohn JesoB 
hhMlen, dnreh den er Allen, die an ihn gLaaben und aeme 
Gebote halten, daa ewige Leben gibt, wie er mit ihm durch 
den heiligen Geist in den Herzen der Frommen Wohnung 
nimmt. Gott belohnt die Guten und bestraft die Bösen. Der 
Name Jesu muss dem kindlichen Herzen tlber Alles theuer 
werden. Von den Engeln müssen sie die üeberzeugung ge- 
winnen, dasö sie ihnen allzeit nahe sind und Alles, auch die 
Gedanken, erkennen. Die heilige Schrift ist ihnen als be- 
aüUidiges Orakel Gottes darzustellen, weshalb sie frtkh auch 
zu gewöhnen rind« das fivangeliam yoU Ehrfurcht zu küssen. 
Daneben hat man sie andi mit der Herriichkdt der Natur 
b^nnt SU machen, mit der Ptaeht des Himmels, mit der 
Fülle der Erde und ihren sprudelnden Quellen, ihren dahin- 
gleitenden Flössen, dem unennesriicfaen Meere, den sahlleeen 
Arten der Thiere, was doch Alles zum Dienste des Menschen 
geschaffen ist, damit der Mensch wieder Gott diene. In be- 
sonderer Weise ist auf die Wohlthaten hinzuweisen, welche 
Gott den Auserwählten durch seinen eingeborenen Sohn ge- 
spendet hat und durch den heiligen Geist noch täglich spendet 
Dabei muss an das Taufgelübde nachdrücklich erinnert und 
das Bewusstsein, dass der Christ Glied der im Herrn yerbundenen 
Gemeinschaft ist, recht lebendig gemacht werden. Auch hat 
man die Üeberzeugung in dem jungen Herzen zu begründen, 
dass der in Christo Lebende niemals elend sein könne, dass 
vielmehr auch das Unglück eine Züchtigung durch Gottes 
Hand sei, wofür man ihm zu danken habe, wie man im Glücke 
seine Güte anbeten müsse. Es versteht sich dann von selbst, 
dass damit Belehrung über die Pflichten gegen Andere sich 




IT. Eumm. 



357 



woL verbinden hat, weldie iMBonden wirksam wird durch die 

aus dem Leben Jesu gewoDoenen oder die sonst durch die 
heilige Schrift beglaubigten Beispiele, wobei dann vei"stärkend 
auch das eigene Beispiel hinzukommen muss. — Bei diesem 
ganzen UnteiTicbt ei-scheint die Zeit vom vieizehoten Jahre 
au als besonders günstig. 

Für die intellectuelle Bildung ist die Gedächtnissübuiig 
eine Hauptsache, aber nicht jenes mechanische Einlernen, das 
den Geist beschwert, nicht beceicherl, sondern ein auf ricbtiiges 
Verst&ndniss der Sachen, auf klaren Zusammenhang, auf ge* 
nane Bestimmungen und Unterscheidungen gegrOndetes Ein- 
prägen. Es empfiehlt sidi dabei, die im Gedäfiitniss aufzu- 
nehmenden Gegenstände aus Geographie und Geschichte, aus 
Grammatik und Metrik kui-z und bestimmt auf Tabellen, die 
man an denWäuden des Schlafzimmers aufhängt, dem Auge stets 
gegenwärtig zu machen, wie man auch Apophthegmata und 
Sentenzen am Anfange oder am Ende von Büchern, auf Bingen 
und Bechern, an Thttren und Fensterscheiben anbringen kann, 
damit so dem Auge* Qberall etwas begegnet, wss die Bildung 
fördert Man mag dies Alles im Einaelnen fklr kleinlich 
kalten; im Ganzen trflgt es doch aur Bereicherung des Wis- 
sens viel bo. * 

FOr das Lernen ist aber die Grammatik von grösster 
Wichtigkeit. Und dabei erscheint es als zweckmässig, die 
griechische Grammatik um einige Schritte der lateinischen 
vorausgehen zu lassen ; in jedem Falle gehören sie zusammen, 
weil in beiden Sprachen fast alles Wissenswürdige verfasst ist, be- 
sonders auch weil bei ihrer nahen Verwandtschaft das Studium 
der einen das der andern sehr erleichtert. Aber die gramma- 
tischen Begeln mitesen auf möglichst wenige und besonders 
zuverlSssige besehrfinkt werden; unverständig ist es, die Ler- 
nenden in den Begeln Jahre lang lastznhalten und zu ermttden. 
Von im Begeln muss man bald zum Lesen passender Bücher 
übergehen, wobei ja auch die Regeln furtwährend wieder nach 
ihrer Richtigkeit zu erkennen sind. Die Intei-pretation hat 
sich auf das zum Verständniss des Gelesenen Nothwendige zu 
beschränken, nicht eitel Gelehrsamkeit auszukramen. Aber 



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358 Dar Eintritt and das Wkkoi da HnwaninM. 

sie rnoBS aatHrHeh auch dtt Stchliebe erklftren, and der 
Gr&mnuUkoB bedarf beim InterpiMiren im der That Tidfaeher 
Sft^emitiiiBse, wenn er auch, nm Arma vinimqae bei Virgil 

zu deuten, nicht gerade ein Pyrrhus oder Hannibal sein muss, 
wenn er auch, um in die Georgica einzuführen, nicht als ein 
in allen Dingen erfahrener Landmann sich zu erweisen liat; 
aber erstaunlich ist doch die Unwisi?enheit vieler Lehrer in 
Sachen, von denen leicht Kenntniss zu gewinnen wäre, und 
Thatsache ist, dass Schttler nach langj&hrigem Unterhebte 
kaum die rechten Namen einsB Baumes, einer Pflanze, eines 
FlnsscB angebe« können. Und dodi üesse ttch aus Bachern, 
ans SchüdeningeR Anderer, ans Abbfldnngen ee Vieles lernen 
fttd damadi belehrend darstellen. 

Da »an beim Lesen der Schriftsteller besonders auch die 
Imitatiott im Auge behalten nrass, so kommt viel daraof an, 
dass man die durch Reinheit der Sprache ausgezeichneten 
vorzieht. Indess folgt daraus nicht, dass man sklavisch an 
Cicero sich anschliesse unci ein Ciceronianer zu sein för ein 
besonderes Verdienst lialte. Die Thorheit der damaligen 
Ciceronianer nun hat Erasmus in seinem berühmten Dialoge 
auf schlagende Weise gezeigt^). Eine solche Imitation war 
ja** wirklich auch so ftosserlich und oberflächlich, dass dabei 
nichts für Bildung zu gewinnen war, und im Grunde war sie 
gar nicht durdoufUiren. Das rechte Kaehafamen ist Mendigeii 
innerliehe Assimilation dassischer Schriftsteller, wobei Mannig- 
foltiges frei und krSftig aufgenommen, wahrhaft verarbeitet 
und in etwas Eigenthttmüches umgesetzt wird. Die Bienen 
sammeln den HouigstotT auch nicht an einem einzigen Strauch, 
sondern sie fliegen mit bewundernswürdiger Emsigkeit auf 
Blumen und Kräutera aller Art herum, und den Honig bilden 
sie dann in ihren Organen; was sie aber so ei-zeugen, darin 
erkennt man nicht mehr den Geschmack oder Geruch der 
einzelnen Blumen, welche sie gekostet haben. — Alß ein* 
latende stilistische Uebungen sind besopders Uebei-setzongen 
ans dem Griechischen in das Lateinische zu emj^hlen, wobei 



1) L. ?. Banmer, GflMh. dar Il^ogik I, 98 C 



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I 



IV. ErainitB. 350 

mm die griecfaiMtai Oijgiiuda «m so besier verataht und 
di» EliMitiittinBchlrqilfi beider Spraefaen um so geneaer i«f> 

Gei*ade wohlhabendere Eltern sollten ihre Kinder auch 
irgend eine Kunst erlernen lassen, Malerei, Plastik, Archi- 
tektur. Die Philosophen verwerfen dies zwar; aber verächt- 
lich kann es doch nicht sein, da ja auch Jesus der Sohn 
einas Zimmemianns genannt wird. Das Betreiben einer 
solchen Kunst bewahrt vor Mftssiggang, lässt im Unglück 
leichter ein Zebrgdd fisdea and belastet sieher den Geist 
nicht 

Die Eniehung der M ftddien darf man nicht als abge- 
schlossen ansehen, wenn man sie bis aar Hocfaieit eingesperrt 
und vor dem Anblick der Männer Terwahrt gehalten hat; im 

Umgange mit einfältij^en Weibeni können sie mehr verdorben 
werden als im Verkehre mit Männern. Die Züchtigkeit der 
Jungfrau unversehrt zu erhalten, ist freilich keine leichte 
Sache; aber wahrhaft züchtig ist doch erst diejenige, welche 
weiss, was Züchtigkeit ist und wie sie erhalten werden 
kann. Wissenschaftliche Bildung will der grosse Haufen den 
Mftdchen nicht angeddhen lassen: aber es kann aur Be- 
wahrung eines edlen und kenschen Sinnes kaum etwas ge- 
eigneter sein; doch mag hierin jeder nach eemer Ansicht and 
seinen VerhSltnissen handeln. In jedem Falle ist bei heran- 
wachsenden Mädchen Sorgfalt nöthiger als bei Knaben, weil 
bei ihnen die Verfülirung geschäftiger, der Wille schwächer, 
die Schande eines Fehltrittes grösser ist. Die ei*ste Sorge 
muss sein, ihr Gemürh mit heiligen Gefahlen zu erfüllen, die 
zweite, sie vor Ansteckung durch Schädliches zu behüten, die 
dritte, sie nicht in Mttssiggang hinleben zu lassen. Die Eltern 
selbst dürfen auch vor einer nodi so kleinen Tochter nichts 
Uniiemliches sich gestatten. Besonders ist Yor Liebesliedeni 
imd Romanen ; vor leichtfertiger Masik and vor Tanz, auch 
vor der Betrachtunii! aniüchtiger GemSlde, wie solche sogar 
in den Kirchen Platz gefunden haben, zu warnen. 

Die häusliche Zucht muss, in Gemässheit des in der 
heiligen Schrift Vorgeschriebenen, als Erstes von den Kindern 



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360 Der Eintritt und das Widcen des Haauummui. 

CMMmam fordern; aber derselbe daif nicht durdi leiden- 
sebaftliefaeB Schelten und Schlngen enwungen werden, weil 
dies die Kinder nnr erbittert (Kolosser 3, 21). Seh&dfidi 
wirkt in dieser Beziehung besonders die Fran, weil sie in 

ihren Gemüthsbewegungen heftiger ist; die Heri-schaft des 
Vaters ist am besten durch üeherzeugung gesichert. Da die 
Kinder meist aus Unwissenheit oder aus Unbedachtsamkeit 
fehlen, so reicht gegen jene meist die Belehrung {naideia), 
gegen diese die Ermahnung {wov^wia) aus. Hauptsache ist 
also Milde, die ebenso weit von der fahrlässigen Nachsieht 
EUi's, als von der Härte des Brutus entfernt ist 

Bei der Beru&wahl der Kinder ist Zwang (etwa zum 
Klosterleben) sorgsam zu vermeiden. Auch bei der Wahl der 
Studien muss man sich vor Nothigung baten. In den meisten 
Fällen geht das am besten von Stalten, wozu man von der 
Natur und der dadurch bestimmten Neigung geleitet wird; 
dieser hat man, wenn es irgend angeht, zu folgen. 

Das Büchlein de civilitate morum muss einem lebhaft 
gefühlten Bedürihiss der Zeit entsprochen haben: es erlebte 
in den ersten sieben Jahren nach seinem Erscheinen zehn 
verschiedene Auflagen. Und wie äusserlich nun auch diene 
Anstandslehre uns erscheinen mag, die selbst Nothlüge ans 
Rücksichten der Höflichkeit vertritt, sie ist doch reich an leinen 
Beobachtungen und für den Culturhistoriker vielfiMh an- 
ziehend. Dass man sie selbst den Knaben in die Hände 
gab und (1534) in die Form eines Katechismus brachte, kann 
freilich auffallen; aber mit dem, was der Geist einer be- 
sonderen Zeit zulässt oder verlangt, darf man nicht rechten. 
Wir haben nur unvollkommen erkennbar machen können, 
was Erasmus in pädagogischer Beziehung durch seine Schriften 
gewirkt hat, und doch erscheint er uns in hohem Grade bo> 
deutend. Er würde aber noch entschiedener vor uns eiiip<M^ 
steigen, wenn whr auf das eingehen kannten, was er melur 
mittelbar durch die Anregungen, Bathschlftget EmpfiBhlungen, 
Warnungen und Ermunterungen seiner zureichen Bodier 
ftlr die Förderung des Unterrichtswesens gethan hat Wie 
Vieles man immer au ihm noch auszusetzen habe, es wäre 



IV. Snimitt. 



361 



auch jetzt noch zweckmässiger und fruchtbringender, seine 
Yerdienete in soigfiUtigem Eingehen aieh za veigegenwärtigen, 
als ne In flftebtiger Beuitheilttiig herabznsetsen. 



Anm. EiDe «nchi^pfinid« Biognpbi« and Würd^oiig des posMii Hmift- 
nitleii ftUt OOS noch irnnur, wie grois aiuh die Reihe de^enifeiiiit, die tob 

seinem T.ebeu und Wirken geschrieben haben. Denn nachdem Le Clerc die 
Werke des Erasmiu zu Leyden 1703—1706 in zehn Foliobänden heraus- 
g^eben hatte, sind während des achtzehnten Jahrhunderts in England 
Knight (172t>, deutsch von Th. Arnold 173ü) und Jortin (1758), in Frank- 
reich Marsollier (17i:l) und Burigny (1752, deutsch von Henke 1782), in 
der Schweiz 8al. Hess (1789) bemüht gewesen, sein Bild zu zeichnen; in 
uoserm Jahrhundert haben dann Ad. Müller (1828), Erhard (in der Ency- 
doiiidie Ton Eneh und Grober), Stiehart (1870X Durand de Laar (1872), 
Dnunmond (1878), Fmgtee (1874) mit ihm genaner aidi beeehlfk^ Wer 
fkn in aasen geheimaten Waodhingen eitannen wiU, moaa aäne Briefe 
8tadUr«n, deren ▼oHaHndigate Sammlung Le CHerc im dritten Bande der 
Opera Erasmi, mögliebBt noch nach chronologischer Ordnong, mit einer 
auf solcher Onindlage unternommenen Biographie gegeben hat (vgl. F. 
L. Hoffmann, Essai d'une liste d'ouvrages et dissertations concernant 
la vie et les ecrits d'Erasme 1518 — 1866. Bruxelles 1867). Eine über- 
sichtliche Darstellung gibt des Verfassers Artikel „ElrasmuB'^ in der AU» 
gemeinen Deutschen Biographie IV, 160—180. 



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V. 

Wlmpheling 



Jakob Wimfilieliiig, Alter als Eraamus» wxd jelst woU 
,)der AUTater des dentselieii Sdralwesens*, nnd nidit mit 
Unrecht, genannt; auch bat er gerade dem Scbolwesen in 
sebr bedeutsamer Weise eine neue und feste Grundlage zn 

schaffen sich bemüht; aber wenn wir ihn als Vertreter des 
Humanismus mit Erasmus vergleichen, so tritt er hinter diesen 
stark zurück. Dennoch gebührt ihm nach dem Gesichts- 
punkte, den wir hier festzuhalten haben, die erste Stelle nat^h 
Erasmus, ja Einzelnes kann ihm bei solcher Vergleichung zu 
besonderem Huhme gereichen. In gewisser Beziehung bilden 
sie einen merkwürdigen Gegensatz. W&hrend Erasmus nach 
Gesinnung und Streben durchaus Kosmopolit ist, erscfieint 
Wimpheling als ein ehrlicher, naiv einseitiger Patriot; wah- 
rend jener das Ideal der Bildung alldn in den dassischen 
Studien sucht und die christliche Wahrheit fast wie ein 
Bationalist mit dem auf der andern Seite Gewonnenen in 
üebereinstimmung setzt, hiilt dieser am kirchlichen Lehr- 
systeme mit aller Entschiedenheit fest und hat für das, was 
er als Humanist sich erarbeitet, in frommer Scheu nur be- 
schränkten Kaum; während jener das im kirchlichen Leben 
ihm Missfällige mit schonungsloser Satire dem Spotte weiter 
Kreise überliefert, möchte dieser durch enisten Tadel eine 
Keform des auch ihm Anstössigen bewirken; während jener, 
obwohl nicht selten die BerQhrung mit der Welt ftngstlich 



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I 



y. moof bflUng. 868 

mod en d, doch eis WaHumiiii Ueibi, dem es LebenbedtrfniB 
iat, mii den GfieeMii der Eid« fort und Ibrt in regen Yer» 
kehr m bleiben, bat dieter eBteehiedeiie Neigmig zur Fliiciit 

aus der Welt und zu anachoretischer Contemplfltioik; während 
jener niemals zu amtlicher Thätigkeit zu bringen ist und die 
einer solchen ähnlichen Geschäfte so rasch wie möglich wieder 
los zu werden sucht, hat dieser wiederholt längere Zeit hin- 
durch l^estimmten Verpflichtungen zu genügen gesucht ; wäh- 
rend endlich jener durch sahlreicbe Anfechtungen hindurch 
in liöchstem Ansehen bis zu seinem Tode sich behauptet und 
auch nach seinem HHiseheiden durch seine Schriften auf weite 
Kreise einen wenig bestrittenen ^nflnss sosllbt, tritt dieser, 
Tentinunt durch die ihm bereiteten Angriffe, mdir und »ehr 
in das Dunkel zurück und ist, als er stirbt, fsst schon yer- 
gessen, audi da, wo er am naebhaltigBten gewiikt haben kann. 

Und doch war Wimpheling ein bedeutender Mann, vor 
Allem durch eine Gesinnung;, welche, auch wenn sie herb oder 
derb sich ausdrückte, durch Wahrhaftigkeit gewinnen, durch Red- 
lichkeit Vertrauen einflössen konnte. Hochmüthige, dünkelvolle 
Gelehrsamkeit erschien ihm widerwärtig und schädlich, weil 
der Entwickelung des inneren Lebens hinderlich. Nach seiner 
Ansicht sollte alle geistige Thätigkeit zur Frtounigkeit leiten, 
das Wissen durch Nftcbstenliebe sich bewahren, die Einsidit 
XU Denrath fthren, das Studium Urbanitftt erzeugen. Von 
diesem Standpunkte aus betrachtete er nun eine durch* 
greifende Reform der Brsiehung und des Unterriditswesens 
als Bedingung für alle Reformbestrebungen in Kirche und 
Staat, für häut-liche und allgemeine Wohlfahrt, und in diesem 
Sinne zu wirken, als Mann der Praxis wie als Schriftsteller, 
das hat er für die Hauptaufgabe seines Lebens gehalten. Und 
da&s er für solchen Zweck gewirkt habe, „wie sonst Keiner" 
in Deutschland, ist doch auch von seinen Zeitgenossen dank- 
bar anerkannt worden^). £& konnte ihm dabei Bedürfoiss 
sein, Fttrsten und Herren seinen Bestrebungen günstig tm 
stünmen; aber ihn leitete dabei nicht personliches Interesse, 



1) Janiseii I, $& 



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864 



Dar Eintritt und dai Wiricea dee Himuuiiimus. 



aottdern der Wunsch, durch sie dem GanMn Fördennigen za 
bereiteii. AUefdings hat er sieh die Wirkiiiigeii aeines Arfoei- 
tenB dadurch YerkOmmert, daas or, wie ernstlich er auch 
das Studium der Bibel und der KireheuTäter emi>fiihl« do^ 
aus der engen Theologie -seiner Zeit sich nidit heraussvwinden 
yermochte, dass er vielmehr für die unbefleckte Empfängniss 
der Maria, lüi die Verehrung der Reliquien, die Anbetung der 
Heiligen, die Beobachtung der Fasten eintreten zu müssen 
glaubte, und wir begreifen nun auch die Abneigung des streng 
kirchlichen Moralisten gegen die heidnischen Poeten, denen 
ei* den Prudentius und den Bapüsta Mantuauoi bei Weitem 
vorzog M. Allein um ihn gerecht zu würdigen, wdJen wir ihn 
Jetzt im Zusammenhange mit den YerhAltnissen, unter d«ien 
er gelebt hat, genauer betrachten. 

Jakob Wimpheling war am 25. Juni 14l»0 in Scfalettstadt 
geboren, einer vontugsweise von Weinbauern bewohnten Stadt, 
als fikdin eines nicht unbegüt^rten Vaters. Wie nun das Usasa 
im Ganzen gerade als Uebergangsgebiet von Deutschland nach 
Frankreich in eigeuthünilicher Art geistig angeregt wurde, so 
scheint auch Schlettstadt , wo neben einem Kloster der Do- 
minicaner auch ein Franciseanerkloster bestand und daneben 
weiter durch den Westfalen Dringenberg eine rasch auf- 
blühende Schule begründet worden wai*, zu höherem Auf- 
streben gekommen zu sein. Und wenn nun ebm in joier 
Zeit am ganzen Oberrhein der Humanismus dne grOsseie 
Schaar von Vertretern gewann, die unter den Förderern der 
neuen Studien auf deutschem Boden als eine besondere Gruppe 
sieh darstdlen, so wird uns um so weniger auffollen, dass der 
junge WimpheMng, einige Jahre hindurch Dringenbergs Schüler, 
früh ebenfalls für den Humanismus gewonnen wurde, wenn er 
auch in dieser Anstalt, die er selbst gelegentlich eine blosse 
Tändelschule genannt hat, nicht schon mit ganzer Seele das 
Neue ergriif. Das konnte auch dann noch nicht geschehen, 
als er, nach dem Tode des Vaters, mit Unterstützung des 



1) Im AUgen. Sehwars, Jae: Wfanphelins, bei. 8. 108 IE VgL 
Hagen I, 804 £, 840, 857 £ 



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y. Wimpheling. 365 

Onkels 2a weiteren Stadien in die noch junge UniTenitftt 
Freibarg eingetreten war, wo indees die heriKehe Verbindung 
mit dem schon kräftig auftretenden Creiler von Kaisersberg 

ihn sicherlich geistig? hob. Aber im Jahre 1468 veranlasste 
ihn eine Seuche, welche in Freiburg allen wissenschaftlichen 
Zusammenhang auflöste, nach Erfurt zu gehen, und hier kam 
er schnell unter den Einfluss eines Geistes, der ihn ftlr die 
Einwirkungen des dort bereits entschiedener auftretenden 
Humamsmus mehr als bisher empftnglich machte. Freilich 
dauerte sein Aufenthalt in Erfurt nur ein Jahr, und als nach 
einem Besuche in der Heimath er dorthin gurttckkehren wollte^ 
hielt den ohnehin schwAehlichen jungen Mann eine schwere 
Krankheit surOck, die ihn zu ärzthdier Betiandlung nach 
Heidelberg führte, wo er, ab er genesen war, 2u eifriger 
Fortsetzung seiner Studien zurOckblieb. Hatte ihn aber bis- 
her schon die Beschäftigung mit der Dialektik unbefriedigt 
gelassen, so Hösste ihm das kanonische Recht, dem er dann 
sich zuwandte, vollständigen Ekel ein, und vom Herzens- 
bedOifniss geleitet, gab er sich hierauf der Theolo^rie hin. 
Immerhin konnte er aus der festgezogenen Linie der akade- 
mischen Thätigkeit nicht heraus, setzte diese vielmehr in der 
▼orgeschriehenen Weise iort: er begann als Magister der 
Philosophie zu lehren, wnrde q^ftter (1479) Decan der philo- 
sophischen Faeultftt und zwei Jahre später Rector der gansen 
Univeisitfti 

Und im Jahre 1482 begann dne dem HumanismuB gttnstige 

Reform der Universität. Kurftkrst Philipp der Aufrichtige, dem 

Johann von Dalberg, in demselben Jahre Bischof von Worms 
geworden, als fein gebildeter Berather zur Seite stand, rief 
den von Italienern und Deutschen gefeierten Rudolf Agricola 
in seine Nähe, und so ist anzunehmen, dass auch Wimpheling 
fftr die classischen Studien jetzt kräftiger erregt wurde 
Freilich trieb ihn schon 1484, in welchem Jahre Konrad 
Celtis zu Heidelberg immatriculirt wurde, eme heftig auf- 



1) Hftasser, Die Anftoge der dmlMhea Stadfan hi HaMdberg 
(1844) a 14 ft 



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866 I>er Einltitt und 4m WUwn im Hnmiaiimos. 

tratoide Senehe lunireg, und seit dieser Zeit hat er vieneim 
Jahre, obwohl aafoogs mit Widerstreben mid immer mit dem 

Oeftthle unznl&nglicher Kraft, als Dompvediger In Speyer ge- 
wirkt. Aber gerade in dieser praktisch kirchlichen Wirksam- 
keit, die ihm doch auch auspredehntere Müsse liess, ist er zu 
pädago^jischem Wirken gereift, und sein brieflicher Verkehr 
mit Celtis und Trithemius hat sicherlich besonders mit dazu 
beigetragen, dass er den freieren Studien zugewandt blieb. 
Wenn er nun eine Reform des Unterrichtswesens ins Auge 
fssste» 80 hat er zunächst wohl an die Heranbildung eines 
besseren Klems gedacht; indess griff die 1497 vei&sste um- 
faiigreiehe Schrift Isidoneos Germanieiis (Wegweiser für die 
dentsche Jugend) virt weiter, indem sie auf Obenengende Weise 
für allen sprachlichen Unterricht Yerein&ehang des ab- 
stnmpfen den Begelwerks, Belebung durch Wiedereinf&hmng 
der Classiker und Beziehung des gesammten Schulwesens 
auf praktische und sittliche Bildung für das Leben forderte. 
Aber selbst nun die Hand ans Werk zu legen, dazu fehlte 
dem Verfasser zunächst so sehr (lie Entschlossenheit, dass 
er gleich nachher geneigt war, mit befreundeten Männern 
sn beschaulichem Leben in die Einsamkeit sich zurück zu 
riehen. 

Da rief ilm Rurflirst Philipp, jedenftüls durch den Isi- 
doneos auf Wimphelmg anfmerkaam gemacht, im näcl»ten 
Jahre an seine Universität zu Vertretung der neuen Stadien. 
AUerdings k«ui es nun befremden, dass er, statt eigentliche 

Classiker zu erklären, die Briefe des Hieronymus und die 
Gedichte des Prudentius behandelte ; aber wir wissen sehon^ 
welche Scheu er vor den classischen Dichtern hatte, und gute 
Latinität schien man auch aus christlichen Schriftetellern lernen 
zu können, für die Rhetorik war Cicero zu gebrauchen. Und 
dennoch waren die Veitheidiger des Alten mit solcher Ent- 
haltsamkeit noch so wenig zufrieden, dass Wimpheling im 
August 1499 in besonderer Rede den Nutzen der huma- 
nistischen Studien und namentlidi der Rhetorik nachweisen 
mufista; Dank aber erwarb er sich anch dadurch kaum, dass 
er im Jahre 1500 die scholastischen Streitigkeiten, wdcfae 



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y. WlnplMUiic. 367 

die UmTenntftt wiedor einmal heftig bewegten, dareh Mahnmig 
zu gegemeitilger Dnldsamkeii ni beechwiditigen venaebte. 
Behn Kurfbnteii freilieh etaiid er in grosser Ganet. Für ihn 

schrieb er auch einzelne Dialoge, z.B. über die einem Füj-sten 
DÖthigen Tugenden, und Hess dieselben dann im kurfüi-stlichen 
Schlosse vor dem Hofe aufführen; eben damals aber verfasste 
er auch für des Kurfürsten ältesten Sohn Ludwig, der gerade 
abwesend war, eine besondere Abhandlung unter dem 
Titel Agatharchia, über die Pflichten eines Filrsten gegen 
sein Volk, also einen „Fürstenspiegel''. Wichtiger aber war 
die im Jahre 1500 erschienene Schrift Adolescentia» welche 
dem jungen Graiui Wol^ang von Löwenstein nigeeignet ist 
und von allen Sduriften Wimpbdings die grOeste Belesenheit — 
sie entb&lt in 109 Gapiteln Leeestadce aus den verschiedensten 
Sdiriftstelleni SIterer und neuerer Zeit — darlegt, auch die 
umfangreichste ist und für Wnrdigung seiner pädagogischen 
Grundsätze grossen Werth hat 

Als nun aber in jenem Jahre der Gedanke, in flie FAn- 
sarakeit zu gehen und mystischer Contemplation das Leben 
zu weihen, der endlichen Verwirklichung nahe gekommen 
schien, da verliess er Heidelberg, um in Strassburg der Aus- 
führung des Gedankens näher an kommen. Wenn nun diese 
wieder unmeglieh wurde, so erreichte er doch im Wesent- 
Udien« was er suchte» indem er das stille Kloster der Wilhel- 
ndten au seinem Aufenthalte wählte. und die Ausgabe der 
Werke des von ihm bewunderten Gerson Tollenden hall Indess 
hatte er dodi auch die Theilnahme lllr die Dinge des äussern 
Lebens nicht verloren. Als er wahrnahm, dass in Strassburg 
manche zu Frankreich neigten — darin aber sali ei- einen Ver- 
rath — , schrieb er (1501) den Tractat Germania, welcher 
nachweisen sollte, dass das linke Rheinufer niemals zu Frank- 
reich (Gallien) gehört habe, dass also auch Cäsar von falscher 
Auffassung geleitet worden sei. Kr gerieth dabei freilich in 
unhistorische Behauptungen, und für den kundigen Barfüsser 
Thomas Mumer war es daher ein leichtes Geschäft, Wim- 
phdingB Darstellung als unhaltbar zu erweisen. Weil indess 
der streitbare MOnch, vorher mit Wimpheling befreundet, in 



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868 B«r Eintritt und dis Wirken im Homaninrai. 

seiner Nova Geimania allza leidensdiafUich gewesen war, so 
vertmt der Magistrat dieses Buch und verschaffte so dem 
Angegriffenen, der übngens auch von Freunden und Schülern 
gegen Murner lebhaft unterstützt worden war, einen Sieg, den 
er als Historiker nicht verdient hatte Um so anerkennens- 
werther konnte es seheinen, dass er in seiner Schrift dem 
Magistrat die Bepfiündung einer von den kirchlichen Gewalten 
unabhängigen Mittelschule für die Jugend der Stadt als 
dringend nöthig empfohlen hatte; aber dies war freilich auch 
wieder für Mumer, der die in sdnmn Kloster bestdieBde 
Lehranstalt bedroht glaubte, ein besonderer Gnmd gewesen, 
den Urheber des Entwürfe nm so heftiger m bekftmpfen, der 
doch vom Magistrat noch gar nicht emsäidi aufgenommen 
wurde. 

Auch ging Wimpheling im Jahre 1503 nach Basel, um 
den ihm befreundeten Bischof Christoph von Utenheim in 
kirchlichen Reformen zu unterstützen, und wählte dann, in 
der Hoffnung auf eine Pfi-ünde, die Strassburg am Thomas- 
stifte ihm gewähren konnte, durch einen Eindringling bitter 
getäuscht, als Führer zweier jQnglinge vornehmen Standes 
seinen Wohnsits in Freiburg, wo er zur Belehrung des ^nen, 
des zunftchst fhr den geistUöhen Stand bestimmten, flpilierliin 
zu einflussrdchster wdtlicher Wirksamkeit in der Vaterstadt 
gelangten Jakob Sturm, die bedeutsame Schrift de mtegritate 
(von der Keuschheit) schrieb. Weil er aber in dieser Schrift 
auch nachgewiesen hatte, dass der als Vorbild von ihm em- 
pfohlene Augustinus nie ein Mönch gewesen, so wenig als 
Christus selbst und die Apostel und andere Leuchten der 
Kirche, so erhoben die Augustiner, die ja in dem gi-ossen 
Kirchenvater den Gründer ihres Ordens verehrten und früher 
schon durch seine Uber Augustinus ausgesprochenen Ansichten 

1) Beide Schriften sind jetzt wieder in Facsimile gedruckt worden 
unter dem Titel: Jac. Wimpfelingii Germania ad rempublicam Argen- 
tinensem. Thomae Mumeri ad remp. Argentinam Germania nova (Strass- 
burg, Schmidt 1874 , 20 Blatt 4% Mumers Schrift hat man lange für 
verloren gehalten. Vgl. Röhrich in Niedners Zeitschrift für historische 
Theologie 1848, 8. 591 £ 



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T. Wiayheliiig; 



gereizt worden waren, heftiges Geschrei gegen ihn und 
brachten, unterstfltst von den Vertretern anderer Orden, die 
fOa sie wichtige Streitfrage an den Papst Julius IL; weil 
aber andei*erseits die Humanisten ringsumher, auch Magistrat 
und Domcapitel in Strassburg für Wimpheling eintraten, so ge- 
wann dieser Kampf — ein Vorspiel der grossen Reuchlinisten- 
fehde — eine weitgreifende Bedeutung, welche der Papst 
nicht ganz aufhob, als er den Widersachern Wimphelings 
Schweigen gebot 

Erspriesslicfaer indess mochte ihm .selbst ebne andere 
Arbeit ersdieinen, die er im Jahre 1502 bereits gesehrieben 
hatte, aber erst 1505 herausgab: sein «Abriss der deotsdien 
Geschichte bis nur Gegenwart^«). Es sollte ein Schulbuch 
sdn, und war in der That ein erster, bei allen Mängeln ruhm- 
würdiger Versuch, die deutsche Jugend für die herrlichen 
Thaten der Voifaliren zu erwärmen und zu gleicher Be- 
währung vaterländischer Tüchtigkeit zu gewinnen. Dabei er- 
neuerte er (1505) vor dem Strassburger Magistrate die Auf- 
forderung, dass er eine lateinische Schule errichten möge, 
allerdings wieder vergeblich. 

Wahre Befriedigung geiHUnte ihm dieses Wirken in Strass* 
bürg nicht, und als er swne wenigstens bei Forschungen fftr 
die sp&teren Zeiten wohl benutzbare Geschichte (Catalogus) 
der Strassburger Bischöfe beendip:t hatte, ging er als Führer 
des jüngeren Sturm (Peter) zuerst wieder nach Freiburg, dann, 
auch andere Striissburger Jünglinge unter seine Obhut neh- 
mend, nach Heidelberg, das er seit seiner Jugendzeit nicht 
mehr gesehen hatte. Dort aber gerieth er auch mit dem kühn 
vordringenden Humanisten Jakob Locher (Philomusus), dem 
ersten Herausgeber des Horaz auf deutschem Boden, in be- 
denklicher Weise in Streit Locher hatte in Ingolstadt, wo 



1) Schwarz, Wimpheling 8. 86 ff. Vgl. über den Augriff des Bene- 
dietinen Paiü Lange SchOttg dn XI, 98 f. 

2) Epitome rerum Germanicarum usque ad nostra tempora. Schwarz 
8. les iL YgL Horawits in SybelB historisebor ZdtMhzift 1871 und in 
J. Mauers Zeitaehiift ftr deatiehe Coltaigesdadile 1875. 



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370 Der Eintritt uai te Wirken des HrniMmfainng. 

er damato groflse Anerkennnng fimd, den neben ihm mkenden 

Theologen Georg Zingel, einen schon bejahrten Mann, der die 
Benutzung der alten Dichter in seinem Unterrichte streng ver- 
warf, in leidenschaftlicher Schrift angegriffen, Wimpheling aber, 
den der sterbende Geiler noch besonders aufgefordert hatte, 
war zuletzt auf Zingels und der Scholastiker Seite getreten, 
da er ja ebenfalls starke Bedenken gegen das Lesen der 
Dichter hegte, und mit dem Buche Contra turpem libeUom 
Philomusi, das auch Schimpfworte nicht verschmäht hat, sogar 
nnfiberlegter Vertheidiger der sonst von ihm selbst bekämpften 
Theologen geworden^). Uebrigeas hatte der Kampf damit 
sein Ende errncht, da Locher fortan schwieg, wfthrend 
Wimpheling noch später die gegen diesen angewandten Streit* 
mittel bedauerte. 

Wir übergehen hier, was Wimpheling bald nachher als 
theologischer Berather des Kaisers Max, der eben in jener 
Zeit zum Papste in eine sehr üble Stellung gerathen war, zu 
schreiben gehabt hat, und wie er, der Einladung des ihm be- 
freundeten Bischofs von Basel folgend, für Klosterreformen im 
Sehwarzwalde thätig gewesen ist Aber wir heben wohl am 
besten an dieser St«Ue hervor, dass damals (etwa 1513) auf 
seine Anregung in Strassbnig und ScUettstadt getoltrte Ge- 
sellschaften sieh bildeten, die, nach dem Muster der froher 
von Geltis begründeten Genossenschaften, die, afarebsamen 
Geister am Oberrhein ftlr gemeinsame Thätigkeit erwedcen 
sollten. Daher auch der festliche Empfang, den die Strass- 
burger Gelehrten dem in ihrer Stadt eintreffenden Erasmus 
bereiteten. Ob Wimpheling in dieser Gesellschaft ein „Boll- 
werk eines kirchlich gestärkten Humanismus" gegen die 
kühneren Vertreter des Neuen aufisuhchteü gesucht hat, musa 
dahingestellt bleiben. 



1) Lochers Schrift contra mulotheologos erschien 1506 und brachle 
die Mulae und seine Masae mit derbem Witze in Gegensatz. ^Yimpheling 
liess in seiner Schrift, die zu Strassburg 1510 erschien, manche neuere 
Poeten (Hermann von dem Busche, Eoban Hesse, Beatus Rhenanus) gelten, 
wie et auch nicht weniger als 36 Epigramme Heideibergischer und anderer 
Dichter gegen Locher beigefugt hatte. 



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Y. WimpheUng. 



S71 



Mit der immer gewaltfj^eren Bewegung der Zeit fühlte 
sich der alternde Mann allerdings in einem unausgl eichbaren 
Widerspruche. Noch hatte er im Jahre 1512 zu Strassburg 
das Encomium Moiiae von Erasmus wieder abdrucken lassen; 
noch hatte er in derselben Zeit (1514) die verdienstliche 
Schrift de proba institatione pneromm in scholis trivialibus 
et adoleeeentnm in nniTenalibos gymniiaie henmagegeben. 
Aber der Anfforderang des Johanniter- Gomthurs in Straae- 
bnig, Balthasar Gerhard, der theologisdie Vorlesangen ein- 
richten und ihn dasn Terwenden wollte, wagte er im Gefbhle 
abnehmender Kraft nicht zu entsprechen. Und als dann die 
Reformation weit umher zu tiefer Scheidung der Geister führte, 
in nächster Nähe Freunde und Schüler abtrtlnnig wurden, da 
verlor er mehr und mehr die Fassung. Er hatte sich bereits 
1515 (oder erst 1520?) nach Schlettstadt in das Haus seiner 
Schwester zurückgezogen, wo er, oft von Podagra gepeinigt, 
die letzten Jahre seines Lebens zubrachte, immer stärker ver- 
stimmt durch Vorg&nge, welche er nicht aufhalten konnte, 
erbittert selbst Uber den trefflichen Schulmann Johannes Sa- 
pidns, der in pädagogischen Grundsätsen mit ihm einig, doch 
ittr die „Ketzereien'' äch entschieden hatte und auch dann 
nicht wankte, als WimpheUng ihn mit der Inquisition be- 
drohte. In Strassburg fühi-te sein jj^eliebter Jakob Sturm mit 
Anderen die Reformation entschlossen durch. Vereinsamt 
und fast vergessen starb er am 17. November 1528, ein 
Mann, der ehrlich und treu innerhalb der alten Formen, 
so lange dies möglich schien, Neues zu begiünden dachte 
und dann, als diese Formen als haltlos sich erwiesen, mit 
dem, was er so lebhaft empfohlen hatte, auf die Seite ge- 
drilngt wurde. 

Wir Yorsuchen jetit, die pädagogischen Gedanken, welche 
er in seinen Hauptwerken ausgesprochen hat, in kurzer Ueber- 
flicht zusammenzufassen. 

In seiner Adolescentia betont er nadidrOeklieh die Noth- 

wendigkeit frühzeitiger und tüchtiger Ausbildung der Jugend 
in den edlen Wissenschaften. Sie ist noch empfänglich für 
das Wahre und das Grosse, und, was der Geist in den ersten 

24* 



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372 EfaBlritt imd du Wirken dw Hnmiiiiimiii. 

JahreD erworben hat, das behalt er ftkr das ganze Lebens Je 

hoher aber einer gestellt ist, desto Besseres muss er leisten, 
und der Adel liefet nicht in äusseren Vorzügen, sondern in 
innerer Tüchtigkeit. 

Die £ltem haben froh die Anlagen der Kinder zu piilfen, 
um zu erkennen, wozu sie sich neigen und eignen; Keinen, 
anch den Vomehmsten nicht, darf man der Unthätigkeit Über- 
lassen. Allein zu rediter Leitung und End^nng der Bänder 
ist Kenntniss ihrer Eigenschaften erforderlich, der guten wie 
der schlechten (hierbei gibt er sehr genaae Bathschläge ftr 
Bekämpfung der Wollust, der Unbeständigkeit, der Heftigkeit, 
der Lüge), wobei durchweg beachtet werden muss, dass im 
Jugendalter nicht die Vernunft, sondern das Gefülil vor- 
herrscht und wilder Theb die Herzen leicht bald dahin, bald 
dortbin reisst. 

Dass die Jugend znr Sittlichkeit erzogen wird, davon ist 
die Wohlfiihrt der Kirche und alle Reform derselben, doch 
nicht minder das Gedeihen der Staaten nnd Städte abhängig. 
Für diesen Zweck hat deshalb auch der Unterricht vor ADem 

zu wirken. 

Ueber Gang und Fonn desselben belehrt Wimpheling 
auf sehr eingehende Weise in seinem Isidoneus. Es versteht 
sieh von selbst, dass die lateinische Sprache als die vornehmste 
fost ansschliesslich in den Vordeigmnd gerückt wird; denn 
sie verstehe jede Nation, in ihr sei Unzähliges niederge- 
schrieben, was kaam in die dentsche Übersetzt werden könne, 
und jeder, der sie verachte, bleibe dn wildes Vieh, ein zwei- 
beiniger Esel und verdiene nicht, dem römischen Kaiserreich 
anzugehören; keine Sprache sei adeliger, keine lieblicher, 
keine reicher, keine, die mehr Glanz und üebei-fluss hätte an 
grösster Weisheit der Gedanken. 

Aber beim Erlemen des Lateinischen muss man alles 
Unntttze, Dunlde, Falsche, l^itzfindige bei Seite schieben und 
nur das Nothwendige einfoch, klar, deuüich, in angemessener 
Ordnung und unter Benutzung richtiger Beispiele lehren; man 
muss also auch dem Fassungsvermögen der Schüler sich an* 



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V. WimplieliDg. 



373 



bequemen und mit Rflcksicht auf Zeit und Alter allmählidi 
vorwärts schreiten; selbst die Redeweise des Lehrers darf 

weclei hastig und schreiend noch schlaff und träge sein. Vor 
Allem ist Gleichförmii^keit des Unterrichts nothwendig, nicht 
nur hei dem einzelnen Lehrer, der sonst die Geister verwirit, 
sondern durch ganz Deutschland. 

Es kommt dabei sehr iriel auf die sittliche Beschaffenheit 
des Lehrers an. Er muss em edler Charakter sein, mild und 
freundlich, in seiner Rede angenehm, in seinem Gange wfirdig, 

beim UnteiTichten lebhaft und kräftig; in der Handhabung 
der Disciplin streng, aber nicht mürrisch; er muss jeden 
Schüler auf liebendem Herzen tragen, ihn wie einen Sohn be- 
handeln, ohne je sich schwach zu zeigen; niemals verdrossen 
in seiner Arbeit muss er auf Fragen gern antworten, Schüch- 
ternen ermuthigend entgegenkommen; er muss ein Vorbild 
sein für seine Zöglinge und darf, allezeit des Wortes einge- 
denk, dass man den Knaben die grösste Achtung schuldig sei, 
auch nicht durch die kleinste Geberde ihnen ein Aergemiss 
geben. Es kommt also ausserordoitlich viel auf die Wahl 
rechter Lehrer an. 

Der Erfolg des Untenichts hängt aber besonders auch 
davon ab, dass die Schüler, die man durch Scheltworte, Droh- 
ungen und Schläge oft nur verhärtet, Lust am Lernen ge- 
winnen und die Früchte wissenschaftlicher Kenntnisse einsehen 
lernen. Es ist daher auch nöthig, dass man, anstatt sie zu 
drftngen ader ihnen bOsen Willen Schuld zu geben, Belastung 
yermddet, zu anderer Zeit das Misslungene wieder aufnimmt 
und das nicht richtig Ge&sste fest und sicher aneignen l&sst. 
Das Gedftehtniss muss man Oben, aber man darf es nicht mit 
einer Menge von Stoff überladen. 

In der Behandlung des Grammatischen ist das Verderb- 
lichste das lange Verweilen bei spitzfindigen und unverständ- 
lichen Regehl, Mr deren Ei'klärung man wieder endlose Com* 
mentare gesehrieben hat Indem man die Formenlehre und 
die Syntax Tereinfacht, muss man durch passende Beispiele 
sie ^läutern, rasch zur LectOre zu kommen suchen und 



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374 I>« Emiritt und iu WAm dw Homanisiinii. 

praktische Uebungen mnrhliftnflftn Denn aller Dinge Lehr- 
meisterin ist die Uebnng, und anhaltende Uebung aberwindet 
oft Genie und Konat, die Uebung aber mnsB immer aueb die 
Anwendung im Leben mit bedenken. 

Ueber den Gebrauch der Dichter hat er sich freilich sehr 
zurückhaltend, aber gelegentlich auch wieder sehr besonnen 
ausgesprochen. Er verkennt nicht, dass sogar die heilige 
Schrift Stellen enthält, die man mit Vorsicht zu behandeln 
hat; bei den Dicbteni kann auch nach seiner Ansicht ein 
süehtiger und masavoUer Lehrer über Bedenkliches leicht 
weghelfen. Man kann Virgil und Lucan, auch die Satiren 
des Horas mit Schttlem lesen; aber Juvenal ist ala nnfifttbig, 
Persias als nnYeratftndlich, Ovid als üppig und lasdy su mdden ; 
Martial ist gana geflbtlieh, TIbull, Propei-z, Gatull mfiasea 
ihrer Schamlosigkeit halber verschlossen bleiben, mit Plautus 
und Terenz hingegen kann man auskommen, und manche 
Stücke \(m jenem sind als anmuthiger und gedankenreicher 
vorzuziehen (dass Wimpheling christliche Dichter zuliess, ist 
bereits erwähnt worden). Die Prosodie darf natürlich nicht 
Terachtet werden, damit die Deutschen nicht die Quantität 
verwirren und nicht bloss die Vene, sondern auch die Prosa 
sieber lesen können. 

Bei Weitem freilich sind die Redner vorzuziehen, von 
den heidnischen Cicero (Briefe, de amicitia, de senectute, de 
offieiis. Tuscul. quaestiones), Sallust, Valerius Maximus, Seneca, 
von den christlichen Ambrosius, Hieronymus, Lactanz, Pe- 
trarca, Leonardus Aretiuus, Piatina, Philelphus. Die Redner 
sind leichter zu verstehen und enthalten mehr Wahrheit und 
Sittlichkeit Uebrigens hat die Prosa stets auch grössere Er- 
folge gehabt als die Poesie: Cicero und GAsar sind Gonsul ge- 
worden, Virgil und Ond haben nur Ldden geemtet 

Das Griechische hat Augustin (de doctrina christiana) 
zur Kenntniss der heiligen Schrift für nothwendig erklärt; 
auch haben die Lehrer aus Unkenntniss des Griechischen oft 
genug ihren Schülern Falsches gelehrt. Aber Wimpheling 
bekennt, dass er über dasselbe kein Urtheil abgeben könne, 



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Y. Wwephrihig. 



375 



weil er in wmBst Jngeed dem keineii geeigneten Loiirer 
gehabt habe, v^rend er jetit guter Aoldtang nicht ent- 
behren «ttrde, Mk er noch in edaem Alter, wie Gate 
Gensorinns, es lernen wollte (er nennt andi BeacMin uad 

Celtis). 

Wie Wimpheling die vaterländische Geschichte zu einem 
Bildungsmittel für die deutsche Jugend machen wollte, 
daiHber haben wir an dieser Stelle nicht wieder zu sprechen. 
Daran hat er übrigens wohl nicht gedacht, diese Geschichte 
an einem förmlichen Unternchtsgegenstaade zu erheben. 

Bedeutsam sind seine Bemerkungen aber die Verantr 
wortUehkeit der Eltern, welche ihre Kinder dnreh Zureden 
eder dureh Drohungen bestimmen, KloBtergelabde abndegen, 
weil sie so der Pflieht, sie au versoigen, ledig werden. Ea 
war aber ein grausamer Bfissbranch jraer Zeit, dass nament^ 
lieh die jüngeren Söhne oder die Töchter vornehmer Familien 
aus diesem ganz äusserlichen Grunde in diese ihren Neigungen 
vielleicht gar nicht zusagende Richtung gedrängt wurden, 
wobei man immerhin in dem Wahne eine Beruhigung finden 
konnte, dass den Kindern damit der Weg zur Seligkeit um 
so gewisser aufgesciilossen sei. Wimpheling ist aber der Au- 
sicht; dass solche Poltern in Gefahr sind, ihre eigene und ihrer 
Kinder unsterbliche Seele zu verderben und über ihi-e ganze 
Familie ewige Schande su bringen, well zumal Konnenklöster 
von Bordellen sieh kaum unterscheiden. 

Dass Wimpheling yon weiblicher Erziehung nicht ge- 
sprochen hat, kann nicht gerade aufiisllen; solche Vernach- 
lässigung entsprach dem Geiste jener Zeit, in der allein die 
Hieronyniianer auch der weiblichen Bildung Theiluahme zuge- 
wandt haben. Dieses Stück Heidenthum hat erst die Refor- 
mation beseitigt. Ein einziges Mal lässt sich Wimpheling (in 
seiner Germania) auf das für das weibliclie Geschlecht Rath- 
same ein, indem er, damit die Mädchen von Geschwätzigkeit 
und Müssiggang abgehalten werden, die Gewöhnung an Hand- 
arbeit empfiefadt, deren ja auch die Töchter des Augustus und 
Karls des Grossen sieh nicht geschämt, wie selbst (nach der 



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I 

I 



B76 ^ Emtritt imd das Wiiken dei Homaiiisiiiiii. 

Erklang des Hieronymus) die hochheilige Jungfrau im Tempel 
gewebt habe. 

DafOr hat Wimpheling in der Schrift Agatharchia Aber 
die Pfliehten der Forsten und die m ihrem Berofe nothwoidige 

Vorbildung in sehr eindringlicher Art sich ausgesprochen. Der 
Fürst wirkt nach ihm durch gutes Beispiel mehr als durch 
strenge Gesetze. Wie er wünscht, dass Gott frecren ihn sein 
möge, mild und gnädig, so möge er auch gegen seine Unter- 
thanen sein; ohne Gerechtigkeit aber ist das Fürstenthum 
kaum etwas Anderes als ein grosser Raub. Er muss die 
Geschichte kennen, ttberhaupt von Niemand im Wissen 
sieh übertreffen lassen und darauf sehen, dass die Wissen- 
schaften allenthalben im Lande blflhen, dass namentlich die 
Universitäten tüchtige Lehrer haben etc. Ganz besonders 
aber muss er für die Erziehung der eigenen Kinder Sorge 
ti'agen. 

Im Allgemeinen werden wir sagen dürfen, dass Wimphe- 
ling mehr noch durch die Redlichkeit seiner Gesinnung und 
die anregende Kraft seines persönlichen Lebens als durch die 
Neuheit oder Eigenthiimlichkeit seiner Gedanken gewirkt habe. 
Aber sein Einfluss.ist am Rhein, von Basel bis Köln, lange 
Zeit gi-oss gewesen, Fürsten, Bischöfe, Gelehrte haben mit ihm 
sich in Verbindung gesetzt, Beuchlin hat ihn als einen Grund- 
pMer der Beligion gepriesen, Erasmus hat dem einsam aus 
dem Leben Geschiedenen noch hohe Anerkennung gesollt, 
Hutten hat bezeugt, dass er selbst, wie die ganze deutsche 
Jugend , ihm viel verdanke. Und so sehen wir ihn auch mit 
Bebel in Tübingen, mit Eck in Ingolstadt, mit Peutinger in 
Augsburg freundlich verkehren. Dem KuifQrsten Friedrich 
von Sachsen hat er eine seiner Schriften gewidmet. Unter 
seinen zahlreichen Schülern erscheint auch der 1537 an die 
Schule zu Görlitz l)erufeue (liristoph Lasius M. Aber die 
Aufinerksamkeit weiterer Kreise hat ei*st Joseph Anton von 
Riegger auf ihn zurückgelenkt durch die bibliogiaphischen 
Nadirichten und Ifitthdlungen aus seinen Schriften und 



1) Knaathe, Das Gymnasiam Angostom la Gdiliti (1705) S. 12. 



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Y. unmpheling. 



377 



Anefen, welche die Amoenitates literariae Fribviigeiimy boh 

ciculi n (Ulm 1776, 8«) enthalten. Und wiedernm hat es 

lan^e Zeit gedauert, ehe Paul von Wiskowatoff (1867) 
und Bernhard Schwarz (1875) in abf2:erundeten Dar- 
stellungen sein Leben und Wirken uns wieder lebendig ge- 
macht haben 

1) Vgl. Karl Schmidt in Herzogs Theol. Real-Encyclopädie XVÜI, 
168 S. Einige beachtenswerthe Notizen aus älterer Zeit bei Well er 
Altes und Neues aus allen Theilen der Geschichte 1, 374 ff. 



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VI. 

Dm hmnanistisclie Unterriehteweseii 

im Einzelnen, 



Uen Unterschied der humanistischen Lehrweise von der 
des Mittelalters kann man in folgenden fünf Stücken erkennen : 
in der Anpassung des grammatischen Unterrichts an die in 
der Sprache selbst liegenden Gesetze, unter Beachtung auch 
des Griechischen bei fortdaaenider Hen*schaft des Latei* 
nisdieii; in der Auswahl der zu lesenden Schriftsteller, in Gro- 
mftssheit ihres Werthes f&r die sittliche BQdnng; in der An- 
schüessiuig aller auf das Nadibilden gerichteten Üebungen an 
die in den Schriftstellern Yorliegenden Muster; in der Her- 
stellung correcter Texte, bei eifrigem Bemühen, an die Stelle 
geschriebener Exemplare gedruckte Ausgaben zu setzen; in 
der Beschaffung besserer Hilfsmittel für die Erklärung (Lexika) 
und Nachbildung in Prosa wie in Versen i). Bei solcher 
Thätigkeit erklärt sich nun auch , dass man im Allgemeinen 
doch viel mehr das Einzelne zu reformiren yersuchte, als theo- 
retische und systematische Expositionen unternahm, obwohl 
das dem Einzelnen zugewandte Arbeiten immer nach den nen 
gewonnenen Principien sich bestimmte. 

Es war nun aber kein Wander, dass man das Lernen 



1) Vgl. Daniel, CaMUBche Stadial In te dhiMklMn GeMUsduift, 
deatMh von GtlBMr (Freibiiig 1866) 8. 186 ft> mit «nuMwndmi Bener* 
kangen dl6Mi Jesnttai nr YeräMidigailg dei Hnnaiiinnii. 



* 



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VL Sw hrnnanlittwl» UBtMfiin hU w üwm im Kittielm«. 379 

fMfit in Merer Weise anffuste^ indem man ancb die kOiper- 
liehe Eriudung und Eifriselimig znr Fdrdemng des Ler- 
nens als dringend nothweBdlg beaeielinele. ,|I>ie Sdnl]e^ 
sehrieb im Jahre 1509 üriMui an Spalatln, den Lehrer der 

knrtilehsischen Prinzen, „beisst eigentlich doch Erholung, und 
ein knechtisches, mönchisches Werk ist es, ganze Tage zu 
sitzen wie der Schuster auf seinem Schemel. Ruhe und Stu- 
dium müssen in bestimmten Zeiten mit einander abwechseln. 
Es ist gut, wenn der Knabe gern liest; er muss aber auch 
aufhören dttrfen. Masse zu gehöriger Zeit, manchmal Spiele 
sollen deine Zöglinge erfrischen. Sie sollen sieht welk, siech 
nnd sanerti^fiseh werden, ihr fröhlicher Sinn soll nicht er- 
stert>en, im GegentheQ, das Bfait soll an Heiterkeit zunehmen, 
der Triihsinn, der die Geheine austrocknet, muss heraus. 8ie 
sollen ueht schleichen, wie die Schnecke, sondern springen, 
wie das Reh. Es schadet, wahrlich ! es schadet das nächtliche 
Studium, wenn man nicht den blassen Ernst durch rosige 
Laune, durch Vergnügen in der freien Natur wieder verwischt. 
Ja selbst in der Schulstube gestatte heitere und vergnügliche 
Müsse. Wir mögen wollen oder nicht, das Organ der Seele 
ist der Körper, und sie äussern gegenseitig ihre Wirkungen 
auf einander" — In solcher Weise haben auch andere Hu- 
manistoi gelegentlich ihre Ansichten über das rechte Lernen 
kund gegeben ^. 

Bei allem Lernen war nun doch die Hauptsache das Be- 
treihen des Lateinischen. Hier hatte nun die Reaetion gegen 
den scholastischen Unterricht frOhzeitig Laurentius Valla ei^ 
öffnet, dessen Elegantiae linguae latinae von durchgi-eifendster 
Bedeutung gewesen sind. Er brach entschieden mit der Ver- 
gangenheit, indem er den Gebrauch des Alterthums dem Ge- 
brauche des Mittelaltei*s , das classische Latein dem Kirchen- 
latein entgegensetzte. Für ihn handelte es sich nicht um 
spitzfindige £i£or8chung der Gründe sprachlicher Thatsachen, 
sondern um den Nachweis, welchen Gebrauch die guten 



1) Hagen I, 848 f. 

8) Otto, Coddiaa 8. SB ff. 



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380 I>flr ESntritt und das mtlm d«t HnmairiamOT. 

Autorai 7011 den Worten imd Redensarten gemacht Ihre 
Sprache wollte er wieder za Ehren bringen, da et Qberzengt 
war, dass es niemals einen grossen Fhilo8ophen,Redner; Juristen, 

niemalb einen giussen Schriftsteller gegeben, der nicht gut ge- 
schrieben. Nach ihm verstanden seit Isidor, Priscian und 
Servius Alle, die lateinisch zu lehren unternahmen, nichts von 
dem, was sie lehrten, thaten vielmehr das Ihrige, dass man 
das Lateinische verlernte. Indess behauptete sich selbst in 
Italien das Doctrinale Alexanders; aus ihm liess Valla's Zeit- 
genosse Baptista Guarinus, obwohl als Humanist berühmt und 
eines grossen Lehrmeisters Sohn, nnverständliehe Verse aus- 
wendig lernen, nnd noch am An&nge des sechzehnten Jahr- 
hunderts hielt der Grammatiker Pylades von Bresda eine Ver- 
theidigung dalbr n6thig, dass er ein yon ihm yerlssstes Ge- 
dicht über die Hauptregeln der Grammatik an die Stelle des 
Doctrinale zu setzen unternommen, obwohl dieses schon zu 
Ende des fünfzehnten Jahrhunderts in Italien nicht mehr 
sonderlich benutzt wurde. Seit 1473 waren die Rudimenta 
des Nikolaus Perotti zu grosser Geltung gelangt, und auch 
Anton Mancinelli's Spica quatuor voluminum, ein 1491 er- 
schienenes Gedicht über die Declinationen , die Genera, die 
Praterita, die Supina, half zur Verdrängung des Doctrinale. 

In Deutschland beseitigte dasselbe Rudolf yon Langen, zu 
grossem Aerger der Kölner, in seiner Domschule zu Mflnster, 
und ganz in seinem Sinne bekämpfte es Hermann Ton dem 
Busche. In Deventer gab es Johann Sintheim 1488 mit einer 
Torbessemden Glosse heraus und der dort gebildete Hermann 
ToiTentinus ging in solchen Emendationen noch weiter, ja 
er wies unbestreitbar nach, dass das Doctrinale zahlreiche 
falsche, dunkle, unnütze Verse enthalte, dass man die Schüler 
kaum in sieben Jahren durchbringe, dass man in einer Zeit, 
wo es so viele ausgezeichnete Bücher gebe, die jungen Leute 
im Labyrinthe Alexanders mit dem Minotaurus einspeire. 
Um dieselbe Zeit (1510—1519) wagte es Johann Despaut^re 
Gedichte aber alle Theile der Grammatik herauszugeben, 
welche das Doctrinale ersetzen sollten, freilidi nicht ohne 
starken Widerspruch der Geistlichen, die z. B. darftber unge- 



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TL Dm hnnumistiache Uatcrridilairaiai Im Einwiiien. 881 

ludten waren, dass er andere Regeln aber die Aecentoation 
einfthren woUe, als in den Kirchen flUieh, wfllirend er doeh 
wobl mcht klQger sei als die Dedianten, Kanoniker und 
Bischöfe, welche behn Singen nnd Lesen Alexanders Vor- 
schriften beobachteten. 

Es half aber solches Eitern nichts: die scholastische 
Theorie der Modi significandi mit ihren wunderlichen Erörte- 
rungen erschien eben so barbarisch, wie das mittelalterliche 
Latein selbst. Die Humanisten achteten freilich bei ihren An- 
griffen auf dieses zu wenig darauf, dass es eine noch lebende 
Sprache gewesen war und seine Entwickelung an den Gang 
des ganaen Cultnrlebens sich angeschlossen hatte, welches doch 
eben die Bildung und Anwendung neuer AusdrOdce fort und 
fort zu emem Bedüt&iss machte. Indem sie nun das so ent- 
standene Latein als barbarisch verwarfen und auf die Sprache 
der Glassiker mit aller Entschiedenheit zurückgingen, zerrissen 
sie die unzähligen Fftden, durch welche jenes mit dem ganzen 
geistigen Leben zusammenhing, machten sie das Latein in 
Wahrheit erst zu einer todten Sprache. Erst jetzt kamen die 
Sprachen der einzelnen Völker zu freierer Entfaltung, weil sie 
denselben für ihre Gefühle und Ideen viel leichter den ent- 
sprechenden Ausdruck gaben, als das classische Latein in 
seiner künstlichen Wiedererweckung ▼ermochte 

Aber wir mfissen die Bestrebungen für Verbesserung des 
lateinischen Unterrichts genauer in Betracht ziehen. 
Auf der einen Seite sind es die Westfalen, auf der andern die 
Sftddeutschen, mit deren Arbeiten wir uns zu beschäftigen haben. 
Und da knüpfen wir zunächst an die Thfttigkeit der Schul- 
männer von Münster an, von denen vor Allen Johannes Mur- 
mellius und Timann Kemener zu beachten sind. Jener galt 
als absohlt issimus grammaticus und hat in der That durch 
eine Reihe von Elementarbüchern sich bewährt, von denen 
Pappa puerorum esui et usui dedicata (1513), nuclei de 
declinationibus (1515), für Versification die wohl bereits 1500 
erschienenen Ck>mmentarii in Antonii Mancinelli Versilogum 



1) Vgl Thurot, NotieeB et eztraits p. 491 flEl 



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882 ^ Eittlritt md das Wifte Hmmniiimwi. 

IL A. sa nenneii Btiid, während sein BOchleiii de disd^nlorum 
offieÜB (Eneldridioa Seholastieornm) tod anregender Kraft ge- 
wesen tet^). Der mii Murmellins durch Beruf und Freund- 
schaft eng verbundene Kemener schrieb 1504 ein Gompendium 

etymologiae et syntaxis artis grammaticae. Aber auch Her- 
mann von dem Busche, der den Donatus commentirte und den 
Diomedes bearbeitete, ^rehört hieher, ebenso Johannes Cäsa- 
rius, der die alten Giaiiiniatiker für den Gebrauch des da- 
maligen Unterrichts auch durch Interpretationen zurecht 
machte. Von den Verdiensten des tretfliehen Mannes um die 
griechischen Studien haben wir später za sprechen. Denkt 
man sich diese Westfalen von Deventer angeregt, so kann 
man unter ihnen auch Rudolf Agricola und Dc«ideriu8 Erasmus 
zlhlen, von denen der Erstere ja, wie bekannt, mit Hegius 
in freundseliaftJicher Verbindung stand, während der Andere 
unter Hegius die Richtung gewann, weldie er dann mit so 
glänzendem Erfolge festhielt. 

Aber Agricola — qui primus Latini sennonis genus in 
Germanis emeudare coepit et rectam discendi latineque scri- 
hendi rationem monstravit suis — hat von Heidelberg aus 
besondei-s auch auf das südliche Deutschland gewirkt; ebenso 
hat Erasmus, wie kosmopolitisch er auch fühlte und wirkte, 
in seiner späteren Zeit von Basel aus zunächst diesen Theil 
des Vaterlandes seinen Einfluss eiiahren lassen. Von Tübingen 
ans hat damals vor Allen Heiniich Bebel als FÖrdei-er der 
lateinischen Studien sich erwiesen, theils als mftditig anregen- 
der Lehm, der eine grosse Anzahl strebender Sdittler, unter 
ihnen auch Melanchthon, gebildet hat, theils als gewandter 
und frisch vordringender Schriftsteller, dessen Commentarii 
de abusione linguue Latinae apud Geimanos et de proprietate 



1) Reichling, De Jo. Murmellii vita et scriptis. Monast. 1870. 8°. 
In Alkmar, wohin er 1518 gegangen war, hat er noch Tabularum opus- 
cula tria pueris utilissima (über die Declinationen , die unregelmässigen 
Komina, über die Präterita und Supina der Zeitwörter, über die unregei- 
mMgen mid deMifea Yorba u. i, f.) geschrieben. Von AUoiisr floh er, 
beim Brande dleier Stadt aller Habtefi^niten beranbli nach Deventer, wo 
er 1517 starb. 



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VL Das homaniBtische Unterrichtswesen im Einxelneii. 388 

eiosdem (1500) flir einflii weiteo Kr^ ton davehBehlageDder 

Kraft gewesen sind*). Bebels Schüler waren Jakob Locher, 
dessen Grammatica nova, wahrscheinlich 1495 am Anfange 
seiner Lehrthätigkeit in Freiburg herausgegeben, zwar nicht 
die erste von einem Humanisten nach richtigen (rrundsätzen 
gearbeitete zu nennen ist, aber gewiss durch bessere Anlage 
und einfachere Bestimmungen sich emfohlen hat *). Von einem 
anderen Sehüler Bebels, Jakob Heinrichmann, erschienen 1506 
Granmiatioae institationes mit der Ars condendormn carminiim 
seines Lehrers; eine terbesserte Angabe erfölgte bereits 1507. 
Nach ihr soll Melanchtbon nnterrichtet wordoi sein, der auf 
sie dann seine eigene erbaute In diesdbe Beibe gehörte 
auch Johannes Brassicanus (Köl), der als Lehrer in Urach 
1508 ein Buch unter demselben Titel veröffentlichte, Georg 
Simler, Melanchthons Lehrer, der 1512 Observation es de arte 
gi'ammatica herausgab, z. Th. noch im Anschluss an den 
Graecismus des Eberhard von Böthune, Johannes Susenbi-ot, 
von dem eine Artis grammaticae institutio geschrieben worden 
ist. Weiter abstehend erscheint Johannes Cochläns mit seinem 
durch Uebei-sichtlichkeit, Klarheit und KOne ansgeaeiehneten 
Qnadrimm Grammatices*) und Johannes Aventinns, dessen 
Bndimenta Iingnae Lalinae, zunächst Ihr seinen flirstlichen 
Zögling Emst von Bajem bestimmt, 1512 in Mttnchen, 1517 
▼erbessert und TenroUständigt in Angsbnrg and sonst er- 
schienen*). Wie sehr man damals auf Erleichterungen be- 
dacht war, zeigte des Elsässers Matthias Ringmann Grammatica 
figurata, octo partes oraüonis secundum Donati editionem et 



1) Zapf, Hdüfich Bebel An^rtnug 1802. Er starb 1516. 

Sehon 1485 war von Nikolaus Bmger in ReutUngen eine nach 
Perottas gearbeitete Grammatica nova erschienen, die bis zum Ende des 
Jahrhunderts achtsehn Ausgaben und Auflagen erlebte. Aschbach, Gre- 
schichte der Wiener Universität S. 455 ff. Vgl. Hehle, Jak. Locher I, 20. 

3) Ruhkopf S. 237 f., Zapf S. 23 f. und 47 f Vgl. Förste- 
rn ann, Nachrichten von den Schulen zu Nordhaossn ?or der BeformatioiL 
(1Ö29) S. 17. Heinrichmann starb 1561. 

4) Otto, Cochläus S. 32 ff. 

5) Burckhard, de liuguae iat. in Germ, fatis p. 304 fL 



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884 D«r Einttitt tmd du Wxken des Hmnaaiimmi. 

regolam Bemigü ita imagiinba» expreBBa^ nt pueri iimndo diar- 
tsrom luido fiicetiora grammaticae praeladia diseero et ezer- 
cere qveaiit, welche 1509 eracliieii, freilieh aber des Gnuid- 
Bfttm der Hmnanisteii fsrner stand >). 

DasB man so rasch als möglich Yon der Grammatik zur 
Leetüre (zunächst lateinischer Autoren) übergehen müsse, war 
bei den Humanisten, die gerade darin zu der alten ünterrichts- 
weise in scharfen Gegensatz traten, entschieden anerkannt; 
aber die Auswahl der zu lesenden Schriften war keineswegs 
auf einen festen Kreis beschränkt, vielmehr wurden nach be- 
sonderer Neigung Lehrer oder nach Bed(U6iiss und Fähig- 
keit der Lernenden mancherlei Abänderungen getroffen. Daher 
ging man unbedenklich auch auf sfiXßte Schriftsteller herab, 
ja man verwandte manches, was von Wedsen der Zeitgenossen 
als braachbar erschien. Erasmus hat von den Dichtem Terenz, 
Virgil, Horas, von den Prosaikem besonders Cicero und Cfisar, 
aber auch den Sallnst empfohlen. Andere lassen neben Terenz 
auch für Plautus, neben Virgil auch für Ovid einen Platz 
offen*); bei Cicero scheint man nächst den Briefen mehr die 
philosophischen und die rhetorischen Schriften, als die Reden 
gelesen und erklärt zu haben. Mufmellius erklärte in Münster 
gelegentlich auch Boethius de consolatione philosophiae 
Wie gross aber gerade dort die Thätigkeit für Besorgung 
von Ausgaben war, unter eifriger Theilnabme RudoDb von 
Langen, ist bekannt^). 

Was nnn die Interpretation anlangt, so seheint man sidi 
bei den Dichtem oft auf Umschreibungen oder WorterUftrungen 
besehrünkt za haben; b^ Lesen der Prosaiker fasste man 
von Anbeginn die Imitation zur Ueberleitung auf die prak- 
tische Anwendung ins Auge. In jedem Falle ging auch immer 
die Sache sehr langsam von Statten, obsehon der Bücherdmck 
eine grössere Zahl von Exemplaren in die Hände der Schaler 

1) Schmidt, Jean Sturm S. 24."). 

2) Marmellius gab (um lölO) electos ex poetis Tibullo, Propertio, 
Ovidio versus in usum scholanim hortni. BeiehUtig 8. 52. 

S) Reickliag & 2S. 
4) Parmet S. 81 £ 



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I 



YL Dm l—iMiirtiMhii Ontgnkhtowiiea im. TBinelnen. 385 

temdite, wie dean mandie Aiugaboi aiiBdrttiddidi filr die 
Zweeke der Schule cnigerielitet winden Auf umfassendere 

Lectüre konnte man noch nicht bedacht sein; aber man be- 
handelte nacheinander ausgewählte Stellen, und an Büchern, 
die man später Chrestomathien genannt hat. fehlte es schon 
damals nicht. Dass immer wieder das moralisch Bildende be- 
sonder beachtet wurde, kann nicht auffallen, also auch nicht, 
dass bisweilen neben Cicero zu Seneca gegriffen und seil 
Sentenzenreictiihum benutzt wurde, dass Valerius MazimaB 
Freunde fiuid u. s. Wenige dfiiften bei der LeetOre Mf 
Ibmale mdnng so soigBam geachtet, die Schönheiten einxelner 
Stollen 80 Hain geieigt, den Unterschied zwischen Gieeio und 
Seneca, swisdien Virgil und Lncaa so genaa dargelegt haben, 
wie der grosse Lehrmeister Vittorino de Feltre in Mantua^). 
Aber bedeutende Stellen memoriren zu lassen, was auch er, 
dem Beispiele des Franciscus Philelphus und Aeneas Sylvius 
folgend, gethan hat, wai' bei den deutschen Humanisten eben- 
falls gewöhnlich. 

Mit besonderer Vorliebe wurde fort und fort Terenz ge- 
lesen. Und wie dies geschah, kann man ziemlich gut aus der 
im Jahre 14d9 zu Augsburg erschienenen, mit Vorwort yod Jakob 
Locher eingelDhrten Aasgabe dieses Dichters erkennen. Dann 
aber war zuerst ein Directoriam yocabnlonim, seatentiarum, 
artis comicae, zngleich aber aach dne Qlessa interlinearia 
enthalten, wofan sidi, den Text amrahmend, dfo Gom- 
mentare Ton Donatus, Guido und Aseensias anschlössen. 
In den Text waren übrigens Holzschnitte eingedmckt, welche 
Scenen aus den Komödien darstellten. Lehrreich ist es auch, 
die Ausgabe des Horaz von Locher zu betrachten, welche (für 
Deutschland editio princeps) 14d8 zu Strassburg erschien. 



1) Dennoch dauerte das Abschraibeii weit in das seehatkite Jahr» 
hnndert fort, Heyd S. 48. Es schien auch deshalb sich zn empCelileB, 
-weil man dabei Sprache und Inhalt sich besser einprägen konnte 

2) Von Erasmiis wurden ja aach Seneca't Werke 1515 henuu- 
gegeben. 

3) Rosmini, idea dell' ottimo precettore nella vita e disciplina di 
Vittorino de Feltre (Bassano 1801) p. 114 £ 

K»«Bm«l* SdiilwwNi. 85 



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386 



Dar Eintritt imd 4m WblEea dm Hmnwiwnni . 



Denn der ganze Ghenkter dei sehr auifblirlicheii Gommeiitais 
zeigt dureh die Behandlmig der Einzelheiteii, dass dieae Aus- 
gabe für Anfänger besthnint war, welche ausser den Elementen 

der Grammatik uur geringe Vorkeiiutuisse zur Leetüre mil- 
brachten ' ). 

Als Hilfsmittel hatte man allerdin^^s mancherlei Vocabu- 
larien. Reuchlins Vocabularius breviloquus, eine Jugend- 
arbeit, zum ersten Male um das Jahr 1475 erschienen, muss 
sehr yiel benutzt worden sein; die 25. Auflage ist 1504 heraus« 
gegeben worden 

Vieliaeh in Verbindung mit der lateinischen LectOre stand 
die Imitation. Das s^tere praktische Bedfirftüss Mrte wM 
aberall ftlr den Anfang xu Versuchen in Briefen nach den 
Yon Cicero und dem JOngeren Plinins daigebotenen Mustern; 
aber die Anleitangen zum Briefechreiben worden bald sehr 
gesuchte Bücher. Die Commentaria epistolarum confieien- 
darum von Heinricli Bebel, zum ersten Male 1500 in Tübingen 
erschienen und dann Öfter aufgelegt, scheinen auch seinen 
Schüler Johannes Altenstaig, der 1512 das Opus pro confi- 
ciendis epistolis herausgab, ermuntert zu haben; die Schrift 
des £rasmus de conscribendis epistolis erschien ei-st 1522 Es 
begreift sich nun aber, dass man auch die Briefe gelehrter 
Mftnner dieses Zeitalters samm^ und au Nadibildungen be- 
nntste. Die Rhetorik glaubte man am besten nach den An- 
weisungen Gicei»'s und Quintilians su lernen; m diese 
Biehtung lenkte auch Konrad Geltis mit seiner Epitoma in 
utramque Giceronis rhetericam (1492). In der Kunst der 
Rede versuchten sich die deutschen Humanisten jener Zeit, 
in ähnlicher Weise wie die italienischen, bei sehr verschie- 
denen Anlässen, bei akademischen Festlichkeiten, wie vor 



1) Hehle I, 30 f 

2) Geiger, Job. Keuchlin S. 68 ff. Im Allgemeinen vgl. Well er, 
Lateinische Lehr- und Wörterbücher des sechzehnten Jahrhunderts mit 
deutschen Interpretationen, Serapeum 1860, No 15. 

3) Auch das zuerst 1488 in Venedig erschienene Opueculum scribendi 
epistolM dM ItaUnm I^nneeMO Niogii Sit in BentMliIaad fiel gebraucht 
woiden. 



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J 



YL Das humanistische Unterriehtswesen im Einzelnen. 387 

Fürsten und Prälaten, gelegentlich auch vor Kaiser Max, in 
patriotischem Schwünge; wie aber die von den Plumanisten 
geleiteten Redeübungen beschaffen waren, davon lässt sich 
hier nicht eingehender sprechen 

Ausserordentlich war die der Versification zugewandte 
Sorgfalt. Die Hamanisten wollten ja alle Poeten sein, und 
die Bewundernng der lateinischen Dichter, denen sie nach- 
eifern zu müssen glaubten, ging bis za enthusiastischer Ver- 
henliehang. Dies zeigt in besonderer Weise Lochers Oratio 
de studio humananim disdplinarum et laude poetamm extem- 
ponlis (aus dem Jahre 1496). Da filhrt ihn Apollo in 
die elysischen Gefilde und hier zuletzt in den von den 
Dichtern bewohnten Palast, um ihm dann die Vertreter der 
einzelnen Dichtungsgattungen aufzuzählen, die Komiker, die 
Tragiker, die Satiriker, die Erotiker, zuletzt die Epiker, wo- 
bei dem Lucan besonderes Lob gespendet wird. Am Schlüsse 
gibt der Redner seinem Auditorium eine vielfach an Cicei*o's 
Rede für Archias anklingende Betrachtung über die Schön- 
heit der Poesie, über den hohen Weilh der Dichter und die 
ihnen gebOhrende Anerkennung, aber den bildendoi Einflnss 
der DichterlectOre auf Geist und GemQth der Jugend^. — 
Cdtis* erste Schrift (1486) war die Ars versificandi; sonst 
lehrte er die Dichtkunst nach Horas und Terenz. Aber auch 
Bebel hat eine Ars versificandi geschrieben, die seit 1506 
öfter gedruckt worden ist^); später kam Huttens Anweisung 
(de arte versificandi liber unus heroico carmine) heraus*). 
Besonders fleissig ist nach dieser Seite Murmellius gewesen. 
Er gab 1500 zu Münster den Versilogus Mancinelli's heraus; 
in der Schrift de verborum compositis, de verbis communibus 
et deponentibus (Köln 1507) findet sich eine längere Abhand- 



1) BeaehteoBwarth ist die von Rndolf Agrieoia 1477 sa Padua ge- 
haltene Rede aber Petrarca, in welcher freilich auch der historische Stoff 
durch die übergrosse Künstlichkeit der Form zu leiden scheiiit, 8. Ztü^ 
BChrift für deutsche CultnrgeBchichte 1874» S. 224 

2) Hehle I, 22 f. 

3) Zapt S. 155 ff. 

4) ätrauss S. 54 f. 

25* 



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SB8 I>« IBntritt imd te üm Homanismiis. 

Imig über Qiuuitiiat und ein Absdmitt Begolae de metronun 
scanskme and de metroram generibus; von ihm haben wir 
auch Versificationis artis rudimenta (zuerst s. 1. e. a., dann mit 
des Johannes Rivius Ratio distinguendi zu Köln 1566 heraus- 
gegeben), worin er nacli Auszügen aus Nikolaus Perottus, 
Manutius, Sulpicius, Verulanus u. A. über Buchstaben, Silben, 
Yersfüsse, über Hexameter, Pentameter und die lyiischen 
Versmasse handelt; auch in seiner Pappa und in Schul- 
bQchem zeigt er eine ziemlieh genaue KenntnisB der Quantität 
and der Metren 0. 

Beaondera anziehend kann es eneheinen, die Anfftnge der 
griechischen Stadien nnd des griechischen Untmicfais, 
welche jene Zeit gesehen hat, m betrachten. Schon im Jahre 
1438 hatte der nachmals so bertihmte Nikolaus von Cues in 
Constantinopel eine Anzahl griechischer Handschriften erworben, 
die er dann mit sich nach Deutschland brachte. Im Jahre 
1460 waren dann durch den Cardinal Bessarion, der in Italien 
als unermüdlicher Pfleger der griechischen Studien wirkte, in 
Wien die beiden Mathematiker Georg Pearbach und Johann 
Müller (Regiomontanus) zu einer Reise nach Italien aufge- 
fordert w(Hrden, wo sie nicht bloss mit PUdemaens mid Euklidy 
sondern mit den Griechen überhaupt bekannt werden konnten. 
An der Ausfi&hnmg dieses Gedankens ?eihinderte dann fiten 
lieh den Ersteren der Tod; der Andere aber brachte mehrere 
Jahre jenseits der Alpen zu nnd kehrte nach Deutschland 
erst als Graece doctus et magna codicum copia instructus zu- 
lück. Das war bei uns der immerhin dürftige Anfang der 
griechischen Studien. Doch nicht lange nachher gab sich in 
Italien diesen Studien um ihrer selbst willen Rudolf Agi-icola 
hin, und, was in Italien schon gewöhnlich war, das machte er 
sich für Deutschland zuerst zur Aufgabe: er übei-setzte 
griechische Schriften in das Lateinische (Reden des Isokrates, 
des Demosthenes und Aeschines, Dialoge des Ludan), in freier 
Behandlung, aber mit sicherem Verständniss. Sein berfihmter 
Freund in Deventer, Alexander Hegins, war der Erste, wddier, 



1) Parmet S. 149. 



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I 

TL Dm hauakUkA» ürtwiid iiwi iwi tat EbmOam. 9i$ 



angeleitet von ihm, das GrieeUscdie in den Unterricht eim- 
tthrea unternahm. 

iDdefls der eigentliche Bahnhrecher fyt grieehisdie 

Studien ist Johann Reuchlin gewesen, der dui*ch Schiiften 
und Vorlesungen, wie durch pei-sönliche Anregungen weit 
umher das Bewusstsein von dem Werth und der Nothwendig- 
keit dieser Studien lebendig gemacht und ihnen im Bihlungs- 
wesen unsei er Nation eine bestimmtere Stelhmg gesichert hat. 
Das Giiechische hatte er bereits bei seinem ei*sten Aufenthalt 
in Paris kennen gelernt, dann in Basel als Zuhörer des An- 
dronikOB Kontoblakaa erweitert, später, bei seinem aweiten 
Aufenthalt in Paris, unter Anleitung des Hermonymos toü 
Sparta fortgesettt und weiterhin, wie er schon in Basel be- 
gonnen, in OrMaas^ wohin er aum Studium des Rechts' sieh 
begeben hatte, fiber das Griechische Vorlesungen au halten 
begonnen, wie er denn (lainals auch für seine Zuhörer nach 
Theodorus Gaza eine griechische Grammatik i^iiKQo/catdeia) 
abfasste, die aber wohl niemals gedruckt worden ist. Nach 
Deutschland zurückgekehrt, lehrte er wieder, während er in 
Tübingen als Advokat zu wirken begann, das Griechische an 
der jungen Universität daselbst. Von höchster Wichtigkeit 
aber für fieuchlins griechische Studien wurden später seine 
dr« . Reisen nach Italien (1482, 1489, 14d8), wo er mit der 
plattmischen Akademie in Florenz eine ftr seine geistige Rich- 
tung folgenreiche Yerbindung knUpfte und aahlxeiebe Hand* 
Schriften sammelte, auch mit dem griechischen Namen Capnio 
ausgestattet wurde. Im Ganzen wandte er dem Griechisehea 
grössere Aufmerksamkeit zu als dem Lateinischen, da dieses 
von Anderen bereits mit regstem Eifer geptiegt zu werden 
schien. Auf seine Veranlassung erhielt die Universität Heidel- 
berg eine griechische Professur, welche seinem auf seine Kosten 
in Italien unter Ficinus, Chalkokondylas und Politianus ausge- 
bildeten Bruder Dionysius übeitragen wurde. Er selbst aber 
hat noch in seinen letzten Jahren in Ingolstadt vor zahlreichen 
Zuhörern den Plutus des Aristophanes eridärt, für seine Vor^ 
lesungen in Tübingen die Reden des Oemoathenee und Aesdiines 
in der Sache Ktesiphons drucken lassen. Bass auch er 



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890 



Der Einlritt und dit WAm des Hoanniioias. 



griedusehe Schriften in das Lateinische fibenetzte, kann nicht 
auffallen; eher mag es überraschen, dass er ein Stock der 

Ilias in das Deutsche zu übertragen versuchte. Von eigen- 
thtiralicher Bedeutung war sein Gedanke, die vier Dialekte 
der griechischen Sprache genauer zu erforschen. Freilich 
haben ihm seine griechischen Studien auch schwere Anfech- 
tungen von Seiten der Mönche zugezogen, die in der von ihm 
empfohlenen Sprache die Sprache der Schismatiker des Ostens 
▼erabscheuien; dafQr haben spätere Geschlechter seine Ver- 
dioiste um so dankbarer anerkannt^). 

Grosse FMemngen effobrra zu derselben Zeit die grieehi- 
schen Studien durch Desiderius Erasmus. Er hatte froh auf 
dem ausgedehnten Felde der griechischen Literatur ebie solche 
Belesenheft sich erworben, dass er in alle Geheimnisse der 
griechischen Geistesentwickelung eingedrungen zu sein schien 
un(i in der That für die zerstreutesten Bnichstücke ein 
lebendiges \ erständniss gewonnen hatte. Die Welt erstaunte 
über die unendliche Fülle sprachlichen und historischen Wis- 
sens, welche seine Adagia, seine Parabolae, seine Apophtheg- 
mata vor ihr entüalteten. Und was hat er als üebersetzer 
griechischer Autoren und zumal als Heransgeber des Geo* 
graphen Ptolemaeus, des Phitosophen von Stagira, des Alexan- 
driners Origenes geleistet! Welche Verdienste hat er sidi durdi 
die erste Ausgabe des Neuen Testaments und die Audegung 
der einzehien BestandtheQe desselben erworben, durch eine 
Thätigkeit, die wie durch Gottes Fügung mit dem Beginne der 
Reformation zusammenfiel und den griechischen Studien eine 
neue Richtung anwies! Schon um das Jahr 1520 waren sie 
an allen Universitäten als nothwendig anerkannt, und Vor- 
lesungen über Isokrates und Demosthenes, über Euripides 



1) Enchöpfend jetifc nach Meyerhoff u. Lamey L. Oeiger, Joh. 

Heuchlin, sein Lehen und seine Werke. Leipzig 1871 Daza eine will- 
kommene Elrgänzang: Johann Reuchlins Briefwechsel, gesammelt und 
herausgegeben von Geiger. Stuttgart 1875» wozu noch kommt: Hora- 
witz, Zur Biographie und Corres]>ondenz Jobann Reuchlins. Wien 1877. 
VgL Oehler in Schmida Real-Encycl. Vll, 106 flf. 



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TL Dm hmukUmhB ünttnkiitmMii im EbMfaMB. 891 

und Aristophanfls, Aber die kleinereD Schriften Plutarche fes- 
selten neben der Interpretation der neatestBmentlieben Bflober 
die herbeistritanende Jugend. 

In nlloi diesen Bestrebungen waren die Anregungen und 
RaHMehlftge des Erasmus Ten massgebender Bedeutung. Durch 
ihn sind ja auch Richard Crocus und Petrus Mosellanus nach 
Leipzig gekommen. Jener, ein Englander, hatte in London 
unter Wilhelm Grocinus, in Paris unter Wilhelm Budaeus und 
Hieronymus Aleander studirt und war dann in Loewen . wo 
das Collegium Buslidianum unter des Erasmus Mitwirkung 
auch dem Griechischen Fördemngen zu bereiten anfing, auch 
mit Erasmus in Verbindung getreten, um dann, sicher von 
diesem empfohlen, an der Kölner Universititt das Griechische 
zu lehren Im Jahre 1514 von Henog Georg, dem GOnner 
des Erasmus, nach Leipzig bemüBn, wirkte er hier drei Jahre 
mit grossem Erfolge, indem er seine Sehnler — unter ihnen 
war der damals noch sehr junge Camerarius — mit wahrer 
Begeisieruii;4 für das Studium des Griechischen und mit herz- 
licher Zuneigung für sich selbst erfüllte, so dass seine Rtlck- 
kehr nach England tiefe Betrül)niss hervorrief. Aber schon 
hatte neben ihm Mosellanus eine eingreifende Wirksamkeit 
begonnen, und als er Nachfolger des Engländei"S geworden 
war, erlangte er, wie unscheinbar anch seine Person, wie be- 
scheiden sein Auftreten sein mochte, als Lehrer nnd Schrift- 
steiler solche Geltung, dass die ^on ihm Tortretenen Studien 
in Leipzig fttr immer einen Ehrenplatz behaupten zu kennen 
schienen. Durch die Anerkennung, welche der Herzog ihm 
erwies, und durch die Worden, welche die Universität ihm 
entgegen trug , in ungewöhnlicher Weise ausgezeichnet, hatte 
der rastlos thätige Mann, wie man glauben konnte, eine 
glänzende Laufbahn vor sich, als er 1524 starb. An seinem 



1) Dort hatte schon vorher Adam Potken als Lehrer des Griechischen 
an der Stiftsschule gewirkt; ja derselbe war früher bereits in Xanten 
Lehrer des GriechischeD gewesen. Janssen I, 54^ In Köln scheint der 
Italiener WObehans Raymandns . Mifhridatos um 1487 den ersten griedd- 
idifln Untetxieht gegeben in haben, iftend. 8. 72. 



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802 I>«r XialiiM »d das WMna dflt fiuMteni. 

SterbdUiger staod MdaaehtlMMi, der zu don gmmrtigrten 
Wiitai mtgk ftr die griedincheD Stedten berufen w«r^). 

Seiner Anfinge mOsBen wir doeli wohl luer gedenken. 
Philipp Melanehthon, doidi VerwandtMhall dem filr jene so 
eiafliiflsreidien Bendilin nahe geetdlt, helle tlB Knabe bereite 
in* der Schule zu Pforzheim durch Simler das Griechische 
kennen gelenit und hierauf an der Universität Tübingen, unter 
lieuchlins fortgehenden Anrefi:ungen, noch lernend und schon 
lehrend eine wunderbare Thäti«ikeit entfaltet. Kr ftlhrte seine 
Zuhörer rasch aus der Grammatik in die Schriftsteller hinein 
und übte dureh Uebersetzungen aus dem Griechischen in das 
Lateinische zugleich in diesem; er las mit Freunden game 
Schriftsteller durch und brackle die kräftiger Strebenden in 
wenigen Jahren za eifreoKdier Sicherheit, zugleich doch wieder 
bereit, yoa einem Manne, wie OeeolampadiQs war, der bei 
einem Besuche italienischer ümverrittten das Griechische be* 
reite grftndKch stndirt hatte, in gemeinschaftlicber LeetQre 
Hesiüds zu lernen; er arbeitete nebenbei aucli Uebei^setzungen 
von Schriften Plutarchs und Lucians aus und schrieb jene 
griechische Grammatik, die von unermesslichem Eintluss auf 
die griecliischeii Studien der nachfolgenden Periode werden 
sollte; zugleich war er mit einer in den Verhältnissen der 
damaligen Zeit unendlich schwierigen Zusammenstellung eines 
griechischen Lexikons beschäftigt. Auf dieser Höhe stand er, 
mn Jttngling noch an Jahren, als er auf Renchlins EmpfeUung 
1518« nach WiHesberg berufen und damit in den Mitl^unht 
emer Bewegung versetet wurde, die bald die weitesten EMae 
neben und ihn selbst zum Praeeeptor Qermaniae machen 
sollte *), 

Was wäre vvolil die Folge gewesen, wenn Hieronymus 
Aleander, ein trefflicher Humanist, nachher aber als Gegner 
Luthers zu üblem Rufe gekommen, den im Jahre 1511 ge- 



1) Schmidt, Petras Hoidliims (1867). 

2) Heyd, Melaaehthoi ia TttMag«. ~ RpMialle AnftSUmg daf Fte- 
derer der grieddecfaen Stadien m dieeer Uebefgeagweit M Joh. Mailar 
in den JahibOehem ftr Phflologie nnd Pidagoeik OXX, 48(K-48a. 



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fMiten EntsebloaB, von Pftris nach Deateehlaad ttbenrnsiedilii 
«Bd Uer ftr die Pflege dee GfiechiBdmi Üäidg m sem, sns« 
gififart hilte? Er war ein dentseher Mann, der froher schon 

in Venedig mit Erasnras in Verbindung getreten war, in 
Paris aber wohl 2000 Zuhörer vor seinem Katheder gesehen 
hatte, und ihm war es gewiss, dass im Gegensatze zu den 
Italienern und Franzosen, welche vor Allem auf die nutz- 
biingenden Künste sich legten, die Deutschen, dem Ideale 
zugewandt und auch zu rechter VerheiTlichung der artes 
veteres in communem aliarum gentium usum bereit wftren* 
Allein kaum hätte er neben Erasmus und dann neben Me- 
landithon anf dentsehem Boden einen festen Plals gewonnen, 
da er doch auch in sittlicher Besiehnng nicht eben musteriiaft 
gewesen zu sein scheint 

Bei Betrachtung dessen, was damals in Deutschland fttr 
das Griechische geschehen ist, haben wir uns gegenwärtig zu 
halten, dass dieser Unterricht zunächst fast durchaus, auch 
an den Universitäten. Privatunterricht war. Einen öffentlichen 
Charakter erhielt er erst, als Reuchlin in Ingolstadt und Tü- 
bingen, Crocus und Moscllanus in Leipzig, Melanchthon in 
Wittenberg durch ausdrückliche Berufung ein amtliches Becht 
nnd bestimmten Gehalt sich gegeben sahen. Indess gewann 
es selbst in K6ln, wo die Mtoche gogen das Griechische mit 
besonderem lüBstrsuen erfklllt za sdn schienen, durch manche 
sonst Idrdilich gesinnte Manner, wie Arndd von Wesel, Richard 
Crocus und Johannes Cäsarius, Eingang. In die Schule führte 
ee zuerst Alexander Hegius zu Deyenter eh), dessen Wissen- 
schaft freilich wohl eine beschränkte war. Ein von manchen 
ihm zugeschriebenes und jetzt sehr seltenes Büchlein Conju- 
gationes verbonim Graecae ist sicher für seine Schüler ver- 
fasst worden * ). An der Stiftsschule in Emmerieb erhielt es 
durch einen Schüler des Hegius, der dort Rector wurde, einen 
Platz Vielleicht ist auch für die berühmte Domschule in 
Monster die erste Anregung zu griechischen Stadien von De- 



1) Parmet S. 79, Kramer S. 15. 

Krafft, AnfiMMhonagsn des H. BidUmw 8. 18 £ 



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dd4 Der £ätttritt und das YfWktm das HmumiaMn. 

y€iiter gekommen; doch begannen sie dort in Wahrheit etat 
1504, als GäBariiiBi yod Köln heffoeigerafm, unter groaaer 
Betheiligung der SehlOer und Lehrer — selbst der Bector 
Timann Kemener war unter seinen ZnhOrern — das GriecbiBche 

lehrte^). Ob Simler, Melancbthons Lehrer in Pforzheim, das 
Griechische an der dortigen Schule oder nur mit Einzelnen 
getrieben, muss hier unentschieden bleiben und wie Hans 
Sachs in Ntiniberg zu dem griechischen Unterricht, den er 
erhalten zu haben vei-sicheit, angeleitet ward, ist gar nicht 
zu sagen*). In Strassburg, wo später dem Griechischen ein 
80 breiter BAum Tergönnt war, hat Ottomar Nachtigal diese 
Sprache wohl nur dorth Privatunterrieht kennen gelernt^), 
üm so bedeutsamer eneheint nun, was der berOhmte Georg 
Agrioola, ein Schttler Mosellans, bei Errichtung einer griechi- 
schen Sdiule in Zwickau (1519 und 1520) erstrebte. Die Sadie 
hatte freilich nur kurzen Bestand ; aber es war mit dem der 
Zeit kühn voranseilenden Gedanken ein triebkraftiges Samen- 
korn in die Erde gelegt.^). 

Beim Unterrichte in der griechischen Grammatik benutzte 
man auch in Deutschland zunächst die Erotemata des Manuel 
ChiTSoloras, der in Italien die Liebe zur griechischen Literatur 
erweckt hatte; Keuchlin und Erasmus empfahlen das Buch 
mit gleicher Wärme. Aber auch die Grammatik eines zweiten 
Griechen, des viel sp&ter nach Italien gekommenen Theodorus 
Gasa, gewann in Deutschland. Freunde ^. Hier schrieb die 

1) Parmet :i. ;i. 0. Krafft S. 32 f. 

2) Camerarius, Vita Mel p. 7. 

^ Hoffmann, Hanl SAchs 8. 18 £, Buhkopf 8. SSI. 

4) Bracke r, MiicelL P. II, p. 805. 

5) LudoTiei, HiBt xedomm, gymiiaatonim Behohnmiiiqiie oele- 
briomm (Lips. 1706 ff.) TU, 140, 148 £; Heriog, Gesch. des Zwickaoer 

Gymnasiums S. 10 f , 74 f ; Fabian, Plateamis S. 1 f. (Zwickau 1880). Sehr 
■nsf&hrlich über Agricola Richter, Chronica der Stadt Chemnitz II, 340 
bis 371. Vgl. Herzog, Georg Agricola, ein culturgeschicbtlicbes Lebens- 
bild in den Mittheilungen des Freiburger Alterthumsvereins 180,5. Briefe 
von ihm an Camerarius in dessen Epp, tamil. 1, 846 f. Er war auch Ver« 
fasBer des Libellos de prima et simplici institutione grammatica (Lips. 
1520). 

6) Die Erotemata des M. Chrysolont eisd nach Heeren, Biograph. 



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YL Dm imniiiiiitiidie Ont e r ri e htB i ro i on im Einieliiaii. 895' 

erbte griedusehe Grammatik der Eng^der GroeoB. Doch 
bereits 1510 erschien in Wittenberg das Jetst wohl sehr selten 
gewordene Elonentale introdoctonnm in idioma Graecanicnm^). 

Aber besonderer Eifer für griechische Grammatik bewegte die 
uni Melanchthon in Tübingen vereinigten jungen Männer. Iiier 
entwarf Oecolampadius seine Grundlinien, die er 1518 heraus- 
gab , hiei- beschäftigte sich auch Johann Knoder, später Kanzler 
des Herzogs Ulrich, mit Sammlungen zur griechischen Gram- 
matik; hier bereitete in derselben Zeit Jobann Secerius, der 
als gelehrter Buchdrucker und Herausgeber griechischer Autoren 
bekannt geworden ist, ein solches Bnch vor; hier endlich schrieb 
Melanchthon selbst seine Institntiones graecae grammaticae, 
die in demselben Jahre erschienen , in welchem sein Freand 
Oeoolampadios seine Grammatik herausgab, nachmals aber 
sehr oft wieder aufgelegt wurden nnd, 1545 von Gamerarins 
verbessert, ein Jahrhundert sich in Ansehen erhielten 

Dass man aber mit diesen Bemühungen vorerst noch nicht 
sehr weit kam, zeigt schon dies, dass selbst Melanchthon, ob- 
wohl er neben dem etymologischen Theile auch den syntak- 
tischen ausgearbeitet hatte, nur jenen drucken Hess, wie auch 
andere Grammatiker damals auf den ersteren sich beschränk- 
ten. Der Wettstreit der Reuchlin*sehen und der Erasmus- 
sehen Aussprache des Griechischen, später zu Gunsten der 
letzteren entschieden, scheint in jenen Tagen die Geister nicht 
sonderlich beschäftigt zu haben 

Für die griechische Leetüre beschränkte man sich auf eine 
kleine Zahl von Schriften, am liebsten auf solche, welche moralisch 



und Utenur. Denlnclirifteii n, 180 nie gedraekl worin, aber Parmet 
8, 79 kamt eine Ausgabe. Auf der Gnmdlaae der Grammatik dm Theo- 
doras Gaza ruhte wahrscheinlich die Mix^onaidfia Reuchlins. 

1) Ein Exemplar befindet sich in der Zittaaer Stadtbibliothek. VgU 
Anzeiger ftlr Kunde der deutschen Vorzeit 1879, S. 288 £ 

2) Heyd S. 54—57. 

3) Meyerhoff S. 80 f. Jakob Ceratinus widmete sein Büchlein de 
sono literarum pracserUm graecarum (Köln 1529), worin er sich für die 
Erasmische Anssprache erklftrti dem ürheiber doiseiUMn. YgL Allgemoine 
Deutsche Biographie IV, 89. 



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396 Der Bintritk md dw Wirkea das Homaniiaias. 

bilden konnten: auf Plutarchs allbekanntes, im Grunde sehr 
unMevteadafi BH^eiii tob der Kindererziehung, auf die 
kleinsten Beden des Isokratos, auf die Nebensebrifteii des 
Xenopbmi, auf emsdne Dialoge des Lueian, der ttberbaupt ja 
ein Lieblingsschriftsteller jener Zeit gewerdent selbst na se^ 
nischen Ai:d9führungen benntzt und dureh die NaciiahmuDgen 
von Erasmus und Hutten zu besonderer Wirkung gelangt ist — 
In eigentbüiiilicher Weise bedeutend für den Unterricht wurde 
das 1495 zum ersten Male ge<h*u('kte und auf den alten Spmch- 
dichter Phokylides von Milet zurückgeführte Jloi'rjf^ia void^ezi/.öv. 
Freilich nach den von Joseph Scaliger (1606) begonnenen und 
in unserer Zeit von Beiiiays wieder aufgenommenen Unter- 
suchungen ist dieses Mahngedicht das Machwerk eines helle- 
nistischen Juden von Alezandrii^ und unter sehr starker Be- 
nutsung der LXX Ter&sst Aber die Gelehrten des 16. Jahr- 
hunderts hegten keinen Zweifel an dem dassischen Ursprünge 
des Gedichts und &nden, wie Andere vor ihnen, in den bib- 
lischen Anklängen desselben nur eine Bestätigung des aposto- 
lischen Wortes, dass Gott den Heiden sein Gesetz in das Herz 
geschrieben. Man war also um so mehr geneigt, das Poem 
auch in den Schulen zu benutzen, besonders als der Humanist 
Locher im .Talne 1500 eine freie lateinische Bearbeitung des- 
selben veröffentlicht und seine Benutzung empfohlen hatte*). 

Fin besonderes Hindemiss für die Lectftre lag freilich im 
Mangel an Ausgaben der Schriften, die man beim Unterricht 
der Schulen und der Universitäten gebrauchen konnte. Und 
es fehlte noch in den Anfilngen des 16. Jahrhunderts gar sehr 
an Männern, welche zur Besorgung solcher Ausgaben aus- 
reichende Kenntnisse besessen, so dass die rOhrigen Buch- 
dmcker in Basel, als sie giiechische Glassiker herauszugeben 
uiiteiTiahmen, der besten Untei-sttitzung entbehrten. Etwas 
Erstaunliches aber war es, als Reuchlin 1522 für seine Vor- 



1) GerTinus, OeMsh. d« dentB^ üTalfawMimcMlar n, 44lQ!i 447; 
aber LnetM» Sinfliua auf Hatten Stransi S. 189 £ 

3) Beraaya» Ueber dse Fholq^ideiMhe Gedteht, ein Beltng mt 
helleBirtiechBD Literatur, fieriüi 18SS. YgL Pehlt S. d4-S7. 



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VI. Di8 biiDMBltische Unterrichtswesen im Einzelneu. 397 



lesungen die beiden Reden, in donan Aesehines und De- 
mosthenes einander so hart bekämpfen, bei Anshelm in 
Hagenau besonders drucken Hess Manche bereits vor- 
handene Ausgäben waren wegen ihres Formats für den Unter- 
richt nicht handlich genug. 

Wie man die Schriftsteller, welche wirklich gelesen wur- 
den, interpretirte, lässt sich schwer genauer bestimmen. £8 
fehlte vor Allem auch an Wörterbüchern für Schule und Lehrer. 
"Wie weit das toh John Craston (Crepton) 1481—88 susammen- 
gestellte In DeatBcUand in Gtebrancfa gekommen, ist kann 
zu sagen ; das Ton M elanchthon in Tübingen berats YoUendete 
und noch 1518 zum Abdruck gebrachte ist niemals ersdiieneni). 
Im Grunde musste der Lehrer seinen Schülern alles zum Ver- 
ständniss Nöthige darbieten, wenn er irgendwie es konnte: 
er hatte oft die Bedeutung der einzelnen Wörter anzugeben, 
die Formen derselben zu erklären, die Satzverbindungen deut- 
lich zu machen und die sachlichen Notizen noch besonders 
hinzuzufügen. Bei solcher Interpretation ist im Ganzen wohl 
dassäbe Verfahren beobachtet worden, welches nach manchen 
ans Jener Zeit noch erhaltenen Ausgaben nameBUich latei- 
nischer Autoren bei deren Erklärung angewendet worden zu 
sein scbdnt. In diesen Ausgaben sind aber die swiseben den 
Zeilen und an den Rftndem angefügten spraeUicken und isdK 
liehen Notizen, wie sie der üntmicht gab, so gekSafl» tes 
der eigentliche Text fast verschwindet. Dass manche sich Er- 
leichterung durch lateinische Uebersetzungen schafften, an 
denen es doch nicht fehlte, versteht sich von selbst. Fenier- 
hin unterliegt es keinem Zweifel, dass man bei solchem Unter- 
richte nur langsam vorwärts kam und auf sehr massige Pensa 
sich beschränken musste. 

Welcher geistige Gewinn konnte aus solcher Leetüre sich 
ergeben? Weiche Emblidce in die Herrliehkeit der griechischen 
Welt wurden so möglich gemacht? SidievUch hatten rechten 



1) Schmids Encyclopädie VlII, 136. Ruhkopf S. 243. 

2) Heyd S. 37. Des C eratinus Dictioaariiui graecasi ein ziemlich 
umla&sendes Werk, erschieu erst 1524. 



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398 Eintritt und das Wiriun dei Hamanimni. 

Gewinn nnr Wenige. Aber energische Naturen arbeiteten deh 
doeh ein, nnd die Sebwierii^eiten dieser Stadien konnten eher 

reizen als entmuthigen. 

Und zunächst wurden sie nach einer besonderen Seite iu 
hohem Grade bedeutsam. Alles drängte damals mit brennen- 
dem Verlangen darauf hin, die christliche Wahrheit, deren 
wissenschaftliche Ausdeutung und Begründung Jahrhunderte 
lang die tiefsinnigsten, wie die spitzfindigsten Geister be* 
schäftigt hatte, in ursprünglicher Reinheit aus der lauterstea 
Quelle lebendig cu erfisusen und auf die innersten Bedttrfiusse 
des Hersens su beziehen. Darum nun die Sehnsucht so Vieler 
nach rechtem YentAndniss des Neuen Testsments in der Grund- 
spradie. Es bewegt uns zu inniger Rnhrung, wenn wir den 
grossen Mathematiker Kegiomontanus uns Torstellen, wie er in 
Italien, durch genaue Erlernung des Griechischen in den Stand 
gesetzt, die Redner, Historiker, Philosophen und Dichter zu 
verstehen, doch vor Allem darauf bedacht ist, ein griechisches 
Neues Testament zu erwerben, und wie er zuletzt ein Exemplar, 
dessen Ankauf ihm nicht gelungen ist, conect und sauber ab- 
schreibt, um diesen Schatz dann allezeit bei sich zu tragen*), 
Oder ist es ein minder erfreuliches Bild, welches der berühmte 
Johannes Trithemius uns darbietet^ der, während er die Mönche 
seiner Abtei Sponheim zu fleissiger Yervielftltigung der Hand- 
schriften anregt, unter den seltenen und kostbaren Werken 
seiner Bibliothek ihr das theuerste Gut das griechische Nene 
Testament hält und dieses eben deshalb selbst abschreibt ^) ? 
War es nun ein Wunder, wenn Erasmus die griechische Sprache 
besonders darum wollte getrieben sehen, weil sie das unentbehr- 
lichste Hilfsmittel zu wahrem Verständuiss der heiligen Schrift 
sei und nun erst eine wahre Theologie möglich mache? Be- 
reits im Jahre 1504 schrieb er einem Freunde: ^Ich kann 
gar nicht sagen , wie ich mit vollen Segeln auf die heiligen 
Schriften hinstrebe, wie mir Alles zum £kel ist, was midi 
von ihnen ablenkt oder auch nur auf hftlt Aber die Ungunst 



1) Janssen I, 109. 

2) JaniBen I, 88 1 



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I 



YL Du hmMintiitfwh» üatorriehtmMB im Einnlnen. SQg 

des Schicksals, das mich immer mit demsdben Gesicht an- 
blickt, hat mich bisher Terhrndert, von andern Beschäftigungen 
loszukommen. In solcher Gesinnung zog ich mich nach Frank- 
reich zurück und gedachte dann frei und mit ganzem Herzen 
den heiligen Schriften mich zuzuwenden, ihnen mein ganzes 
tibrigeb Leben zn widmen. Seit drei Jahren nun nimmt mich 
das Griechische völlig in Anspruch und ich glaube jetzt, nicht 
umsonst gearbeitet zu haben Das Studium des Hebräischen 
hatte er aufgegeben, weil die Eigenthümlichkeit dieser Sprache 
ihn abschreckte und weil Leben und Geist eines Menschen 
ihr Mehreres nicht gut passet. Aber es fehlte ihm dann doch 
wieder Manches, was ihm das Neue Testament Terot&ndlich 
machen konnte. 

Indem er nun alle Kraft auf die Ausgabe desselben 
richtete, schien es ihm »doch zugleich von gi-osser Wichtig- 
keit, eine neue lateinische Uebei-setzuug davon herzustellen. 
Man wird nicht sagen können, dass er, um für seine Ausgabe 
einen ganz zuverlässigen Text zu gewinnen, die besten Hand- 
schriften benutzt oder fesie kritische Grundsätze befolgt habe; 
aber er that das ihm Mögliche, und sein feines Sprachgefühl 
hat ihn in manchen zweifelhaften Fällen sicher geleitet. Ge- 
wiss war eine grosse wissenschaftliche That vollbracht, als er 
im Jahre 1516 zn Basel bei Fh>benius diese Ausgabe, sugldch 
mit einer eleganten, von der Yu^ata oft abweichenden la- 
teinischen Üebersetzung, hatte erscheinen lassen. Die Aus- 
gabe, keinem Geringeren als dem Papste Leo X. dedleirt 
und von diesem ausdrOcklich approbirt, wurde mit grOsstem 
Beifall aufgenommen und so schnell nach allen Richtungen 
verbreitet, dass bereits 1519 eine zweite, 1522 eine dritte, 
1524 eine vierte, 1535 eine fünfte nöthig wurde, sämmtlich 
noch vor Erasmus' Tode. Wir haben hier nicht zu behandeln, 
wie sie in die mächtige Bewegung der Keibrmation einge- 
gritfen hat; nur das mag erwähnt werden, dass Luther seine 
deutsche Uebersetzung nach der Ausgabe von 1519 ge- 
macht hat 



1) Epp. p. 415. 



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400 I>er Ebttitl and te Wirk« des HnmaniBnoa. 

Daas Ton MdBChen, ^ehrten und ungelehrteiiy hcAagae 
Gesdirai wegen dieser Arbeiten gegen Erasnras sieh erhob, 

das bat er gelegentlich seinem Freunde Mosellanus geklagt; 
von diesem aber wissen wir, dass er im Winter 1520, wohl 
unter Benutzung der im Jahre vorher erschienenen Ausgabe 
des Erasmus, die Paulinisehen Briefe erklärte. Er schiieb 
damals an Mutianus Rufus, den Chorführer der Erfurter 
Humanisten: „Die ganze Jugend wirft sich auf das Studium 
der heiligen Schnft \ obgleich ich nicht der beste Lehrer bin, 
hAreo doch meine Auslegung der Pauhnisehen Bneie an drei- 
hundert Welcher Wechsel der Dinge! Sonst kümmerte sich 
kein Mensch um diese, wie man meinte» unfruditbaren Stadien; 
jetzt sind sie oben auf und die andern treten in den Hinter- 
grund 1).« 

Der hebräischen Sprache Aufmerksamkeit und Fleiss 
zu widmen, entsprach zunächst dem Geiste des Humanismus 
wenig Erasmus hat gelegentlich dem grossen Bahnbrecher 
auch für die hebräischen Studien, Reuchlin, gestanden, dass 
er selbst nur obenhin mit dieser Sprache sich beschäftigt habe, 
weil er durch die Fremdai-tigkeit derselben abgeschreckt worden 
und eines Menschen Leben und Kraft zur Aneignung so ver- 
schiedener Dinge ihm nicht ausreichend erschienen sei; auch 
vexflitimmte es ihn, dass mit dem Beginn der Reformation so 
rege Theilnahme auf das Hebiflisdie sidi lenkte, wflhrend 
man vom Griechisdien und Lateinischen sich sbwenden xa 
wollen schien. Abor der im Mittelalter so oft auflodernde Haes 
gegen die Juden, obwohl in manchen Gemttthern noch immer 
stai'k fortwirkend, hinderte doch das Studium ihrer heiligen 
Sprache nicht mehr, man gewöhnte sich, neben dem Ch-iechi- 
schen und dem Lateinisch«! das Hebräische im Zusamman- 



1) Dureh die Amgabe des Erasmns war sicherlich auch Job. Fisbof^ 

der mit ihm eng befreundete Bischof von Rocliester, angeregt worden, 
sodass er noch 1518 das GiiechiBche su erlernen beschloaa. £rauni epp. 
p. 426 f. 

2) Vgl. im Allgem. Geiger, Das Studium der liebräiadien Sprache 
in Deutbchland, 1870. 

8) Geiger S. 4 1, 189 £ 



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YL Dw humaniatUche Untemcbtswesoi im iaaieiR&L 401 

hange des wissenschaftlichen Sprachuntenichts als nothwendig 
anzusehen, und selbst Erasmus sah in dem Collegium Busli- 
dianum zu Löwen, dem er so grosse Theilnahme widmete, 
das Hebräische zu einiger Anerkennung gelaogm. Freilich 
war das Erlernen desselben aneh fOr die strebsamsten Geister 
mit grossen Schwierigkeiten TerknOipft. Wir wissen nicht, 
wie weit es darin Johann Wessel gebracht, den ein tiefes 
reügiflsee Bedfirfiiiss an! das HebriUsche leitete; Radolf Agri- 
cda, der noch in seinen letzten Jahren durch gleiches Be- 
dttrfioiss dazu zurückgeführt wurde, kann nicht tiefer einge- 
drungen sein\); Koiirad Pellicanus erlangte mit uneudlicher 
Mühe doch nur eine dürftige Kenntiiiss dieser Sprache; weiter 
scheint in diesem Studium Sebastian Murrho, ein Schüler 
Dringenbergs und Freund Wimphelings und Keuchlius ge- 
kommen zu sein-). 

Feste Geltung aber in deutschen Landen haben die he- 
bräischen Stadien dnrch Johannes Reuchlin gewonnen. Der 
ansgesdcJinete Mann hatte, wie so viele, die Abneigung gegen 
die Juden mit der Muttermilch eingesogon. Als er aber 1492 
als Rath seines Landesherm an den Hof des Kaisers Frie- 
dridi III. in Linz gekommen, den dort hochgeehrten Juden 
Jehiel Loans kennen gelernt hatte, änderte sich seine Auf- 
fassung, und wie er schon im nacli^^ten Jahre noch einmal, 
von Wissensdurst getrieben, zu Loans zurückkelirte, so hat er 
seitdem keine Gelegenheit versäumt, wo Erweiterung seines 
hebräischen Wissens möglich war. Aber sein zweiter Lehr- 
meister auf diesem Gebiete wurde doch erst Obadja Sfomo, 



Ij Er schreibt gelegentlich: Accedunt ad haec, ut dico, studia Hebrai- 
Garnm littenunun, quae mihi novum et plenom molettiie negotium ezhibent, 
itt nüii Tidear con Antaeo Inetari et molto plos lahoiii hi bis quam In 
Qneds ezbnriie. Opp. 2, 18& 

8) PenieuiiiB* Sdirift de modo legendi et InteUigendi hebne» Ist 1877 
rar JnbelMer der Unbenitftt TOUngen von F. Nestle bk einem photo- 
gnphlBehen Abdrock wiedor henuugegeben worden. PellieaaoB hat 1496 
In T&bmgen Btadirt Die Schrift ist als ein Tbeil der Biargarila philo- 
sopbica des Gregor Reyseh sneist in Straaeburg 1504 erschienen. Siebe 
Geiger S. 26 ff. 

26 



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402 Der Eintritt und das Wirken des HnmMiiimnii. 

dem er 1498 in Rom näher trat und später noch auch des- 
halb dankbar sich verpflichtet fühlte, \veil er durch ihn noch 
tiefer in die Geheimnisse der bereits 1494 von ihm in seinem 
Bache de verbo mixifioo bebaDdelten Kabbalah eingefilhit 
worden war. Er wirkte dann selbst als Lehrer, erst in Hddel- 
beig, dann in Stattgart, nicht Oflfentlieh, sondern Einzehien 
Anweisung gebend oder sie berathend. So fmd Pellicanas 
bei ihm Hilfe, so Melanchthon während seiner Stadienzeit in 
Tübingen, das er nicht selten verliess, um den „greisen Vater" 
in Stuttgart aufzusuchen, so Oecolanipadius, der nach Be- 
endigung seiner Studien in Heidell)erg nach Stuttgart eilte, 
um von Reuchlin zu leinen. Aber er hatte ^gelegentlich auch 
für das Kloster Ottobeueni einen Lehrer für das Hebräische 
zu suchen; der Kuifüi^st Friedrich von Sachsen, der am 
liebsten ihn selbst nach .Wittenberg bemÜBn h&tte, bat ilin, 
wenigstens einen andern Torsaschlagen, der an dieser Univer» 
sitit das HebriUsclie lehren könnte; der Bachdmcker Johannes 
Amerbaeh in Basel wünschte seine Unterstntsnng bei seiner 
Ausgabe des Hieronymos für die Stellen, welche Eenntniss 
des Hebräischen erforderten. 

Als Schriftsteller hat er für die hebräischen Studien be- 
sonders durch zwei Werke ein bald allgemein anerkanntes 
Verdienst sich erworben: durch seine in Pforzheim 1506 zu- 
erst ei-schieneiieii Rudimenta linguae hel)raicae (Grammatik und 
Wörterbuch), bei denen Kimchi sein Führer gewesen war, 
und dui'ch die in Hagenau 1518 herausgekommenen Libri III 
de aceentibus et orthographia linguae hehr. Die Ausgabe der 
sieben Busspsalmen (1512) mit wortgetreuer Uebersetzung und 
sprachlichen Erklftrungen soUte eine Ergftnzung der Budimaita 
sein. Er selbst hatte das sehr lebhafte Bewusstsein, etwas 
Grosses und Bleibendes geleistet zu haben, obwoU er bedauern 
musste, dass der Talmud ihm noch unerreichbar geblieben, 
und die häniischeii Angriffe des Kölner Gegners Johann Pfeffer- 
korn haben ihn zwar geärgert, aber nicht aus der Fassung 
gebracht, am wenigsten die Bewunderung der Zeitgenossen 
niedergehalten; die Nachwelt hat ihm bis zur Gegenwart 
aneingeschränkten Dank gezollt, und wie ber^ts das Zeit- 



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VI. Dm himianiatiacfae UnterriehtBiraMn im Eiaielnen. 403 

alter der Eeformation seine Arbeiten ehrte und benutzte, d$r 
▼<m ist in einem andern Zusammenhange ausführlicher za 
sprechen. Die von ihm gehegte Besorgniss, dass der Huma- 
nismas in seiner Freude an den Gaben des dassisdien Alters 
tfanms Ton dem Worte der heiligen Sdirift ablenken kdnne, 
ist in jener Zeit so wenig gerechtfertigt worden, dass vielmehr 
die Hnmanisten bald Ursache hatten, ihre Stadien durch das 
Emporkommen einer neuen Theologie gefährdet zu sehen 

Andere Förderer der hebräiscben Studien haben doch 
keine sichere Stätte zu uachlialti^jer Wirksamkeit zu finden 
vermocht*). Matthäus Andrianus, wahrscheinlich ein 
spanischer Jude, der aber zum Christenthume tibergegangen 
war, fand zwar einige Jahre in Basel bei Job. Amerbach, 
dessen drei Söhne er auch im Hebräischen unterrichtete, be- 
sonders beim Druck der Werke des Hieronymus ausreichende 
Beechftftignng; dann aber war seines Bleibens weder in Heidel- 
berg, wohin er 1513 kam, nocih in Löwen, wo er 1517 lebte, 
noch in Lüttich, wo ihn Erasmus bald nachher filr das von 
Buslidius begrttndete Gollegium trilingue als L^rer des He- 
bräischen in Thätigkeit setzte und doch bald in bitteren 
Hader mit ihm gerieth. noch in Wittenberg, wo erst Melanch- 
thon und nach ihm Luther für seine Anstellung thätig waren, 
was sie nach einiger Frist bereut zu liaben scheinen. Wie 
viele Schuld an solchen Missgeschicken Andrianus selbst hatte, 
der nicht so leicht zufrieden war mit dem, was ihm geboten 
wurde, oder ob die Gönner, die er fand, kein rechtes Ver- 
trauen zu dem früheren Juden fassen konnten, lässt sich nicht 
entscheiden. Sicherlich war der Hass, von dem Johannes 
B$sehenstein, Jeden&lls ein bedeutender Förderer der 
hebrftisehen Studien in dieser Zeit, verfolgt wurde, nicht ver- 
dient Obwohl von chiistlichen Eltern in Esslingen (1472) 



1) üeber die hebräischen Bücher der Reuchlinschen Bibliothek äussert 
lieh Melufihthoik in «Saum Briefe an Spalatin (Corp. Refonn. I, 646, vom 
Jahre 1528) siemlieh ungOnstig: Hebraieoa (Uhros) ipse plnrind fiMiebat et 
magno emit, in quibus nüul est, quod probem praeter bibha. ReUqoa 
iv^ttXMv »tjattiQog. Tgl. Heyd, Melanehthon in Tübingen S. 10. 

2) Geiger S. 41 £E: 

26* 



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I 

i 



404 l>m Eintritt und das Wicta des Hnmaiiiniiis. 

geboren, hielt man ihn doch, seiner Protestationen nickt 
achtand, seiner Studien halber fort und fort fSar einen Jnden, 
so dass er lelbBt in der Vaterstadt sich nicht behanpten 
konnte« bald auch ans Augsbnrg wichen mnsste nnd, als er 
(1518) nach Wittenberg gekommen war, ebenso wen^ einen 
Halt fand, obwohl er hier eine hebräische Grammatik heraus- 
gab ; bei einem zweiten Aufenthalte in Au^sburfr hat er die 
Grammatik von Moses Kimehi drucken lassen, aber doch keine 
Freunde jjewonnen, die ihn unterstützt hätten ; auch in Heidel- 
berg, in Zürich, in Nürnberg (t 1540M war sein Leben ein 
gedrücktes. — Zu stetiger Geltuni: kam das Hebräische doch 
erst durch die JEteformation, welche es in die Universitäten 
einführte . von denen aus ihm aneh in manche Schulen der 
Weg sieh eröffnete. 

Neben den Sprachen fanden die Bealien in den Kreisen 
der Humanisten eine nur dürftige Pflege. Der geographisdie 
Unterridit lehnte sieh an PompjNUUs Mela an, wozu besonders 
Joh. Cochläus durch sehie Ausgabe dieses Schriftstellers (1512), 
mit welcher seine Brevis Germaniae descriptio in Verbindung 
trat, angeleitet hat^). Derselbe hat auch des Aristoteles Me- 
teorttlogia für den Schulgebrauch benutzt und Ii erausgegeben*). 
Die Kosmographie von Benj. Corvinus, dem Lehrer Bebels in 
Krakau, hatte dieser bereits 1497 oder 1498 in Basel ver- 
öffentlicht Für den Unterricht in der Geschichte, besonders 
deryaterl&ndischen, fehlte es den deutschen Humanisten keines- 
wegs an Sinn und Verständnisse und was Wimpheling in dieser 
Beziehung versucht hat, daif immerhin, wie unvollkommen es 
auch sein mag, als sdir ehrenwerth beseiehnet werden. Wir 
kommen auf diese Bestrebungen in anderem Zusammenhange 
zurück. — Für die alte Geschichte hatte der Unterricht den 
besten Anhalt und die zuverlässigste Belehrung in den Clas- 
sikern selbst; wo es sich um eine Uebersicht handelte, konnte 

1) Vgl Geiger in der Allgäu. Deutschen Biographie in, 184 t 

2) Otto, CochUos S. 29 £, 84 C, 41. 
8) Otto 8. 42 ft 

4) Counogn^hi» dai» laainidiictionem m tabolM PÜtolomci Zapf» 
Babel 8. 91 IL 



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VI. Dm luunanistitehe UnkeciiGhtmBeii im Rinielnen. 405 

Justin ausreichen, aus dem das ganze Mittelalter sich unter- 
richtet hatte, dem das kleine Buch bei aller Kürze durch den 
Beiehthmn des Inhalts und die gefiUlige Form lieb geworden 
war^). 

Was sonst Gegenstand des ünterrkhts sein konnte» be- 
sonders Matlieniatik nnd Beehnen, blieb den Bestrebungen 
der Hunanisten im. Fttr Chorgesang ist GoeUftns in Nürn- 
berg auf sehr bedeutsame Weise thätig gewesen'). 

Eingehendere Theilnahme haben wir den scenischen 
• Aufführungen der Humanisten zu schenken 2). Dieselben 
knüpften sich fast durchaus an die Komödie des Terenz, der, 
auch im Mittelalter von Vielen gern gelesen, im Zeitalter des 
Humanismus durch die Yorztkge seiner Sprache und den Werth 
seiner Sittenlehren wie der aus dem Leben gewonnenen Bei* 
spiele, gerade für die Bildung der Jugend sidi au empfshlen 
schien. In ersterer Besiehung hatte Erasmus von ihm gesagt: 
inter latinoe quis utilior loquendi auetor? purus, tersus et 
quotidiano sermoni proxiraus, tum ipso quoque argumenti ge- 
nere jucundus adolescentiae ; für sittliche Bildung aber schien 
er ja noch den Refoi*matoren nicht bloss als unbedenklich, son- 
dem als durchaus heilsam *), und die leichtmüthigeren Huma- 
nisten nahmen um so weniger Anstoss. Leicht konnte es also 
auch geschehen, dass man die Stücke des Terenz durch Schüler 
aufführen liesS) nm die feinere Form der lateinischen Umgangs- 
qiraehe ihnen geläufiger zu maehen und für die £i&hmngen 
des Lebens anssurOsten. Auch die ernsten Hieronymianer 
hielten es gelegentlich ftr awetoftssig, solche Stfieke anf- 
fthren au lassen; wir wissen, dass Sturm als Knabe von 
13 Jahren bei den Hieronymianem in Lattich den Geta im 



l)Bahl, XMtYflriiidtiiDgdM JoilhiashiiMiMdsiler Le^lSTl: 
9) Otto S. ao £, 87 ft Janiten, Deutsche Oeeehlehte I, 904. 

8) Ysl Peiper, Zur Guchidite der latdiiiscfaen Goaödie des ftnfr 
sehnten Jahrhunderts, in den Neuen Jafaibttcheni ftr Phflologie and Pida- 
gogik Bd. 110b S. 181 iL 

4) 0. Franke, Terais and die lateiniach« ScbolkomSdie in DeotMh- 
knd (1877) 8. 8 ff. 



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406 Eintritt und das Wirken des üiimanismntk 

Phormio des Terenz dargestellt hat M. Es war das aber nur 
der Anfang einer Benutzung, welche durch das sechzehnte 
und siebzehnte Jahrhundert sich fortgesetzt und zu mannich- 
facheo Nachahmungen — man denke nur an den Terentias 
christianus von Schönaus — angeregt hat*). 

Es war also kein Wunder, dass die Humanisteii früh in 
selbständigen dramatischen Darstellungen sich vmnchten. 
Aber der ftlteste Versuch dieser Art ist die Komödie Godrus 
von Johannes Kerckmeister in Httnster, .der sich auf dem 
Titel seiner Schrift, die 1485 erschien, als Gymnasiarcha be- 
zeichnet und noch vor der durch Rufolf Langen bewirkten 
Reform der dortigen l)oiiischule in dieser den humanistischen 
Bestrebungen Eingang verschafft haben muss. Diese Komödie, 
durch einen Prolog in Hexametern eröffnet, ist in Prosa ab- 
gefasst, freilich nur eine Reihe launiger Scenen, in denen 
Baldus, Bartolus und Codrus — dieser ein gefoppter Faul- 
lenzer — die Hauptrollen haben. Der Verfasser ist übrigens 
sonst unbekannt^). 

In dieselbe Zeit gehdrt Wimphelings satirische Schul- 
komödie Stüpho, die er bei einer akademischen Promotion in 
Heidelberg aufführen liess, um das entgegengesetzte Streben 
zweier Jonglinge darzustellen, von denen der eine mit Eifer 
und Erfolg dem Studium obliegt, während der andere in Rom 
einen Sack päpstlicher Provisionen für verschiedene Pfründen 
holt, dann aber doch seiner Unwissenheit halber auf dieselben 
verzichten und zuletzt Schweinehirt werden muss. Es war 
dies also eine beissende Verhöhnung des schamlosen Pfründen- 
handels, zu welchem damals zahlreiche Kleriker die Käuflich- 
keit des päpstlichen Hofes missbrauchten 

1) Sturm, epp. class. I, III. 

2) Dies Wohlgefallen an den lateinischen Komödien bewirkte übrigens 
schon in dieser Zeit, dass man deutsche Uebersetzungen herausgab. So 
erschien eine deutsche rrosaübersetzung der summtlichen Lustspiele des 
Terenz 1449 in Strassburg; Albrecht von Eyb aber gab 1511 In Augsburg 
swel Stucke des Pbntai dentedi henms. Janteeii I, 285. 

8) Nordhoff, DenkwUidi^keiteii ms dem Mflnsteriidiflii Hnmaiiis- 
mni 8. 75 f. 

4) Sehmidt in HenofB B.-E. XYm, 170. 



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VI. Das liumauistische UnterhcbtsweseQ im Einzeliien. 407 

Etwas später, doch ebenfalls in Heidelberg, schrieb Reu ch- 
lin, in lieiterem Verkehr mit; Vigilius und Wimpheling zu 
poetischen Spielen aufgelefjjt, seine Komödie Sergius oder Capitis 
Caput, eine dramatische Satire auf die schmarotzenden Mönche, 
deren einer, Buttubatta, im Besitze eines Schädels ist, mit 
dem er ^?nnderbare Dinge auszurichten verheisst. Anfangs 
hftlt er ihn unter seinem Mantel verboigen, dann aber zieht 
er ihn hervor und indem er eine glänzende Besehreibung von 
seiner Wiehtigkeit gibt, Iftast er ihn wie eine Reliquie Yon 
seinen sauberen Gesellen kttssen; zuletzt überrascht* er sie 
durch die Mittheilung, dass dies der Schädel jenes Apostaten 
Sergius sei, der nach damaliger Annahme den Mohamed beim 
Niederschreiben des Koran geliolfoii haben sollte. Allgemeinen 
Beiftill fand diese Satire nicht, und Dalberg widerrieth die 
Aufführung des Stückes wegen eines am Hofe lebenden Fran- 
ciscaners, der die Satire auf sich beziehen konnte. Aber 
Reudüin schrieb dann (1497) eine zweite dramatische Satire 
unter dem Titel Henno, welche die Kttnste der Advokaten 
traf und von den Studenten au|i;eführt wurde, die Dalberg 
nach der Aufifhhrung bewirthete und mit goldenen Ringen und 
Denkmttnien beschenkte*). Ueber den Sergius hat später 
(1504) Hieronymus Emser in Erfurt unter grossem Zudrange 
der Studirenden Vorlesungen gehalten^). Ob die Nachricht, 
welche Camerarius gibt, dass der junge Melanchthon in 
Pforzheim scriptum quoddani ludicruni Rcuclilini vor dem 
herbeigeinifenen Reuchlin zu dessen grosser Freude habe auf- 
führen lassen, auf den Sergius oder Henno za beziehen sei, 
lässt sich nicht entscheiden^). 



1) Oehler in Schmids £ncyclopädie YIl, 116. Vgl Franke a. 
A. 0. S. 63 f. 

2) Kampschulte, Universität Erfurt I, 66. 

3) ViU MeUachth. p. 9. 

4) Ein seltsamer Poet war der usitet nmherziehende Humanist und 
Astrolog Joseph Grünpeck, der nur gelegentlich Unterricht gab, 1496 
aber, wo in Augsburg Patriciersöhne seine Schüler waren und unter seiner 
Anleitung die von ihm gedichteten Komödien auigeführt hatten, ebendort 



I 



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408 Dar Eintritt md das Wirken des Hnmairiumng. 

Die von Heiniich Bebel Yerfasste Komödie de optimo 
studio juyenum (1501) ist zwar nteht ohne satirisehe Be- 
siehungen auf die Scholastiker jener Zeit, aber sonst von 
ernst lehrhaftem Charakter, wie er denn im yoraus erkl&rt: 

Erudientur eniiii juvenes: qui disoere curant, 
Qais modus ip studiis optimus esse queat, 

Qualis praeceptor, Studium quod debeat esse. 
Per qnod yirtatis eulmen adire queas 

Dagegen zeigen die Komödien von Jakob Locher (Philo- 
musus), z. B. de sene amatore (1501), in sehr bestimmter Weise 
den Einfluss der lateinischen Komiker, wie dürftig auch immer 
Anlage und Durchfühining ist*). Die jugendlichen Versuche 
Ton Christoph Hegendorf — de sene amatore und de duo 
bns adoleseentibos — sind ganz unbedentend, weshalb der 
Vieles sehreibende Vei&sser kanm vor böswilligen Gegnern 
sidi zn fikrchten branehte*). Diese konnten in seinen scholer- 
haften Nachahmungen hödistens dnen Anlass m ansanfter 
Beortiheilung seiner Muster erkennen. 

Wohl nirgends haben sich die Humanisten an drama- 
tischen Spielen so innig ergötzt, als in Erfurt, wo die um den 
Dichterkönig £oban Hesse sich sammelnden jungen Männer 
wie anderen poetischen Bestrebungen, so anch dem Studium 
der lateinischen Komiker sich widmeten, deren Staclce sie wohl 
anch geradem anfikdurten. Dies scheint sich ans einem sehr 
anziehenden Briefe des Antonios Niger an seinen Freand 
Camerarins, der seit 1518 in Erfdrt stndirte, nnd einem bei- 



aie drucken Hess. S. ab«r ibn ▼. Oefelo in der AUgtn. Deatschen Bio« 
paphie X, 56 f. 

1) Zapf S. 14ti f. Muther S. 67 f. und 93. 

2) Hehle, Der schwäbische Humanist Jak. Locher Philom. (Ehingen 
1873, 1874, 1875), bes. I, 17, 19, 29, 37 f., mit dem Nachtrag im 3. Theiie; 
Franke S. 122 f. Die genaimte Komödie ist eine Nachbildung der Asinaria 
dtti Piantai. 

9) Franke S. 55, 101, 112, 116, 128 £ Er sab hn Jtbn 1510 
M Leiplig dn Eneominm ebrietatis , ein Eneomzam sobrietaCis nnd ein 
Eneominm Bonud herane. 



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VL Das fnmiaiiistiiche UnteRichtnreseii im Einidneii. 409 

geschlossenen Gedichte m «geben, aus dem wir Folgendes 
herausheben: 

Aspice ut accelerent tepidi bona tempora veiis, 

Pectoribus cum lux corporibusque venit. 
Quid nobis ceuses imprimis esse gerendum, 

Sive quid inceptn convenit. esse prius? 
Gerte aliquid Latiis seenis lusisse decebit; . 

Stent itenim et velis tensa theatra novis. 
At licet hi Insus oculis animisque parentur, 

Attamen eximii moneris instar habent 
Sive Epiebannd arridet tibi fabnia Planti, 

Cui lacero medicas scis adhibere manus. 
Macte animo laudi tibi res est ista laborque, 

Hac fama est opera elara futura tua. 
Quaeve Üuuut faeili tilo bona scripta Terenti, 

Quem probat aitifici sceua disei*ta stilo. 
Vis et in Ausoniam Graecanicam docere scenam? 

Hoc isto poteiit nü placoisse magis. 

Von dem Nutzen solcher Aufführungen denkt Antonius 
Niger sehr günstig: 

Uber et hinc veniet studiosa in peetora frnctns 

Et sata eum mnlto ibenore reddet ager. 
Haec erit ingenuis studiis praeclara palaestra, 

Ad sacrasque per hanc est via Pieridas, 
lila statum finget, mores gestusque decoros, 

Haec potis est vires ingeniumque dare. 
Adde quod hic quivis se parte recludit ab omni 

Et bene, quid poasit quilibet, inde patet. 
Cognita quae nnper sunt peetora Musica nobis, 

Non essent» istud si latnisset opus. 

Die Bezugnahme auf griechische Stücke, welche man in 
Scene gesetzt habe, erhält eine anmuthige Illustration aus der 
Eizfthlung, dass einer der jugendlichsten Genossen dieses 



1) Csmerarivs, epp. IflMlhis botob p. 87 £ 



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410 1^ Eintritt und das Wkken des Uimumumai. 

Kreises, Jakob Moltzer, nach der Aufführung eines luciani- 
schcn Dialojrs, wobei er den Micyllus besonders trefflieh vor- 
gestellt hatte, den fortan von ihm beibehaltenen Namen 
Micyllus erhalten^). Es war eine doch nur vorftbergefaende 
und von persönlichen Bestrebungen abhängige Steigerung, daas 
man um dieselbe Zeit (z. B. in Zwickau) nach dieser Seite 
bis zu Aristophanee und Euripides sich verstieg. 

Dass hier und da auch in kleineren Schulen seenisehe 
Aufführungen gewagt wurden, hing ebenfalls von besonderen 
Antrieben ab , welche Rectoren gelegentlich in eine Schule 
brachten; wir wissen von einer solchen Aufführung, die 1516 
die Schule in Sorau unternommen hatte*). Wo aber solche 
. Schulen in dieser Wei§e sich versuchten, da bewirkte fiHh 
wohl auch die Theilnahmei welche die ganze Bevölkerung der 
Sache zuwandte, dass man den lateinischen Darstellungen Ein- 
leitungen und Erläuterungen in deutscher Sprache beigab. 

Künstlerische Anlage und Durehlfthrung fehlten allen 
Nachbildungen, von denen zu reden war. Meist schienen 
^Ige Seenen in dialogischer Form eine Komödie zu machen; 
eigentliche Charakterzeichnung wurde kaum yersucht; der 
Witz w^ar gering, oft plump ; die Aufführung erforderte wenig 
Aufwand von Zeit und Kraft Es gehörte also für Darsteller 
und Zuhörer eine gi osse Harmlosigkeit dazu, um das Gegebene 
für ansprechend nehmen zu können. 

Die Entwickelung der Schulkomödie im sechzehnten Jahr- 
hundert hat es freilich zu bedeutenderen Leistungen gebracht, 
deren Werth indess zu der grossen Anzahl der Stocke in 
keinem Verhältniss steht. Davon aber ist in einem gaos 
anderen Zusammenhange zu sprechen. 

Die Humanisten jener Zeit liebten es nicht gerade, in 
Schulen dauernd thfttig zu sein. Eme gewisse Unruhe trieb 
de hin und her, und wenn sie schon an den üniversilfttett 
selten länger aushielten — auch wurde es ihnen ja durch die 
Yertheidiger des Alten schwer genug gemacht, festen Fuss zu 



1) Classen, Micyllas S. 14 f., vgl. Eampschulte I, 235 i 

2) Kahn, Naduiehten von der Sonnar Schule (1770) ä. 9. 



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YL Um hamaaistiBche UnteniditBW6Beii im Einselneii. 411 

fassen — , so hatten sie noch weniger Lust, in Schulen sich 
festhalten zu lassen, in denen ja auch das Arbeiten so müh- 
selig und der Lohn so kärglich war. So kam es, dass selbst 
die sogenaimten Poetenschulen, m denen der Humanismus 
recht elgentlieh siehere Fflegestätteh za gewinnen schien, nicht 
recht gediehen. Auch fehlte es den BeTölkerungen der Stftdte 
&8t aberall, wie gross in ihnen auch die geistige Regsamkeit 
sein mochte, an eigentlichem Verständniss dessen, was die 
Humanisten brachten und wollten. Wie Rudolf Agricola das 
Wirken in einer Schule ansah, hat er in einem Briefe an 
seinen Freund Barbirianus ausgesproclieii, der ihm im Auftrage 
des Senats von Antwerpen die Leitung einer Lateinschule in 
dieser herrlich aufstrebenden Stadt angeboten hatte. «Datur 
schola*', so schreibt er, „res acerba, difficilis, morosa, aspectu 
ipso accessnque trisüs et dura, ut quae flagris, lacrimis, eju- 
latu perpetuam carceris fadem prae se fmt Qnod si cui 
alii rei, huic vel maxime nomen a contraria verbi interpre- 
tatione potest inditum videri. Graed enim scholam, id est 
otiun dicunt, Latini ludum litterarhim Yocant eam, quum nihil 
Sit aut otiosum minus aut severum aut ab omni ludo magis 
abhorrens. Rectius sane Graecus comicus Aristophanes , qui 
(pQovTi<n^iovy id est curarum locum appellat Scholam ergo 

ego?« 

Und doch hatte Agricola, wie eben auch seine Briefe be- 
weisen, vor Allem indess seine Schrift de formando studio 
(1484) — eigentlich auch ein Brief an Barbirianus, den Me- 
lanchthon 1532 herausgegeben hat die gesundesten Ansichten 
über den Unterricht Er bedauert, dass so Viele ddi auf die 
leeren, wenn auch wortrdchen Artes legen und ihre Zeit mit 
Diqiutireii hinbringen, mit Bftthseln, weldie in so langen Jahr- 
hunderten keinen Oedipus gefunden hätten und niemals finden 
würden. Die rechte Philosophie, die sehr verschieden sei von 
der Wissenschaft der Scholastiker, zerfalle in Moral- und 
Naturphilosophie. Jene sei aber nicht bloss aus Aristoteles, 
Cicero und Seneca zu schöpfen, sondern auch, ja ganz be- 
sonders aus den Geschichtschreibem, Dichtern und Rednern, 
welche zu den einzelnen Wahrheiten die Beispiele fUgen, und 



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412 Eintritfe and das Wirken jdas fiiunanumaa. 

diese seien am wirksamsten zur Erkenntniss dessen, was recht 
ist oder nicht; die Betrachtung der Natur sei minder noth* 
wendig, aber doch ein Bildungsniittel , weshalb das Studium 
der Geogi-apbie, der Botanik (nach Theophrast), der Zoologie 
(nach Aristoteles) zn empfehlMi sei Beidorlei PMosopkie sei 
ans den dassischen Schriften m erlernen, nnd ans ihnen 211- 
l^eh Kunst der Bede. Dabei mOsse man mit mdglidisfc 
treuer Uebersetaong in der Mntterspraclie den Anfang macheB, 
durch welche Uebung man sich das Festhalten der lateinischen 
Worte für das in der Muttersprache Gedachte sichere. Was 
man aber lateinisch schreiben wolle, müsse man vorher immer 
in der Muttersprache denken etc.; ehe man auf zierlichen 
Ausdruck bedacht sei , müsse man rein und nchtig schreiben 
lernen. Es folgen dann Vorschriften über das richtige Auf- 
fassen beim Lesen, über die Stärkung des Gedächtnisses, über 
das Verwenden des Aufgenommenen in lebendiger Compo- 
sition etc. ^ AndererseitB soll aber nach Agricola die Philo- 
sophie zur heiligen Schrift ftihren, worin fSkr die Ordnung des 
Lebens die beste Anleitung gegeben ist; denn die heilige 
Sdirift allein ist soweit vom Irrthum entfernt, als ihr Urheber, 
Gott selbst, sie führt allein auf sicherem, festem, rechtem 
Pfade ohne Dunkel, sie lässt den ihr Folgenden nicht betix>gen 
werden, nicht verloren gehen. 

hk pädagogischer Beziehung wichtig waren auch Agricola*s 
drei Bflcher de inventione dialectica, die genauer erst 1528 
Ton Phrissemius in EOln und aus dem Autographon yon Alardus 
ebendaselbst 1529 herausgegeben wurden i). Er zdgte darin, 

wie man nach den allgemeinen Gesetzen des Denkens jeden 
Gegenstand nach seinen verschiedenen Beziehungen zu unter- 
suchen und darzustellen und so wahre Wissenschaft zu ge- 
winnen habe. Leider hat der treffliche Mann dieses 1483 



1) Ueber die Anagtbe von PhriasemiiiB L. Krafft, AaMehmuifln 
BoUiiigfln (Elberfeld 1870) 8. 25. Die Aiugabe von Alardiis in der von 

diesem vennstalteten ▼oUständigen Ausgabe der Werke Agricola's; 2 v. 4®. 
Die jener Schrift vorausgehende Epistola Melancbthonis ad Akrdiim (aneh 
ia GorpoB Bei III, 673 £) ist sehr betehiend über Agrioola. 



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YL Dm imauuüstucbe Untenrichtowefien im EiiiMlnen. 41S 

begonnene Werk nicht vollenden können, da er bereits am 
28. October 14b5 in Heidelbeig starb. 

Eine so vereinfachte, auf den natürlichen Grundlagen auf- 
gebaute Dialektik war durchaus geeignet, den leeren und doch 
so an^ruchavollen Formalismiis der Seholastiker um seine 
OdtUDg iu bringen, was sieh bei der dann beginnenden Be- 
wegung der Geister sehr bald seigte. Die Humanisten selbst 
▼erfolgt«! nur zum Theü entschiedener, was in dieser Bichtung 
lag, manche derselben huldigten einem Formalismus anderer 
Art, den man den Cultus der schönen Form nennen könnte, 
und verstanden nicht viel besser als ihre Gejrner dasjenige, 
was sich aus den Tiefen des Lebens zu neuer Gestaltung 
herauf arbeitete, zu würdigen. Aber sie haben doch auch mit 
ihrem Formalismus dem Neuen gedient. Dass sie diesem 
durch ihre auf das Griechische und Hebräische gerichteten 
Studien die wesentlichsten Förderungen, auch wider ihren 
Willen, bereitet haben, braucht hier kaum bemerkt zu 
w^den. 

Gegen die Vertreter des römischen Rechts, welehe, 
die alten Volksreehte zurttekdrftngend, eine hohe Scheidewand 

aufführten zwischen dem Volke, dem sie unerträgliche Lasten 
aufbürdeten, und den Regierenden, deren Ansprüche sie ins 
üngemessene steigerten, haben manche Humanisten, wie Jakob 
Wimphelin^: und Sebastian Brant, in sehr entschiedener, volks- 
freundlicher Art sich aufgelehnt Andere, wie Thomas Murner, 
der ja in den Epp. obsc. virr. wirklich noch den Humanisten 
beigezählt wird, suchten das römische Recht, dessen das Volk 
sieh doch nicht erwehren konnte, ihm durch besondere Be- 
arbeitungen und Uebersetzungen miyglichst nahe zu bringen^. 
Iffocb Andere, wie Johann Apd , wiesen die Juristen auf die 
Kothwendigkeit hin, durch das Studium der Classiker die 
rechte Grundlage für die sonst ftusserlich und barbarisch be- 
triebenen Berufsstudieu zu suchen^). Mann muss aber doch 

1) Janssen, Gesch. des deatschen Volkes I, ^2-486. 

2) Ooedeke in der Efadeftmig snr Ausgabe der NamnbesdiwOniiig 

a XLi f. 

8) Mather S. 235 iE. VgL im Ganxen Otto, Ck>chlto8 S. 84 £E. 



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414 



Der Eiatntt und das Wirken des Uiunsaismas, 



auch wieder sagen, dass die Humanisten, indem sie das Leben 
der alten Welt, das so lan^^e vorzugsweise in städtischen Ent- 
Wickelungen sich dargestellt hatte, durch Schrift und Rede 
ihren Zeitgenossen gegenwärtig machten, das Aufstreben des 
Bttrgerthums entschieden gefordert, während sie doch audi 
wieder durch das, was sie Uber die auf den Trümmern jener 
Entwiekelangen sich aufbauende Fflrstengewalt zu sagen hatten, 
zum Durchdringen monarchischer Bestrebungen beigetragen 
haben. Und so kamen sie zu den Ordnungen desmittdalterliehen 
Staates und des damit so eng Terfloehtenen Kirchenthums in 
einen mehr oder weniger bewussten Gegensatz, der unter Um- 
ständen auch die volkswirthschaftlichen Interessen stark be- 
rOhite 1). 

Nothwendig führten die huinaiiistischen Studien in ganz 
besonderer Weise auch zu Betrachtung der Schick- 
sale und Zustände des eigenen Volks. Und hierbei 
müssen wir noch etwas genauer verweilen. 

Wenn die Wissenschaft des Mittelalters vielfach im Reiche 
der dürren Abstraetionen sich bewegt und über und zwischen 
den wirklichen Dingen, die- man nicht achtete, eine Welt des 
Scheines und Wahnes sich vorgezaubert hatte, so stellte sich 
der Humanismus, zuerst in Italien, dann überall da, wo er 
Geltung erlangte, auf den festen Boden der Thatsacheii in 
Natur und Geschichte, wie denn auch die Gestalten, die 
aus den classischen Werken ihm entgegentraten, durchaus 
den Eindruck des Lebendigen, Persönlichen, Greif baren machten. 
Auch musste ja was aus diesen Werken über die Geschicke 
und Verhältnisse der edelsten Völker sich erkennen liess, den 
Sinn für Beobachtung des Nahen, Verwandten, Fortwirkenden 
schilrfen, zu den mannigfachsten Vergleichungen anregen und 
also auch in sehr yersehiedener Weise die Aufinerksamkdt 
auf die grossen Angelegenheiten des Vaterlandes lenken. Wir 
wundem uns also nicht, wenn die Humanisten jener Zdt oft 
auch ein starkes Nationalgefühl zum Ausdiiick brachten und 



1) Vgl. Roscher, Gesch. der Kational-Oekonomik in Deutschland, 
bes. S. 34 f. 



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I 



YL Das humanifltiache ünterhchUwefieii im Eimelnen. 415 

in ihren Kreisen zu erwecken suchten, und. obwohl sie in dem 
"Wohlgefallen an den in den Werken der Classiker sich dar- 
bietenden Kuustformen die Nachbildung: derselben als ein be> 
sondei's ehrendes Geschäft ansahen, die Sprache des eigenen 
Volkes aber, die noch so wenig entwickelt zn sdn schien, eher 
Temachlässigten, so haben sie doch gern deutsehe Art und 
Sitte gertthmt, an den Grossthaten dee dentschen Volkes imd 
an der Herrlidikeit des dentschen Beiches sieh erfifent. Und 
wenn sie dies thaten, da hörte ihre Poesie auf, leerer Kling- 
klang, ihre Rede blosses Phrasenwerk zu sein. Denn ihr Herz 
war bei der Sache, lebendijie Enipündunfr kam zum kräftigen 
Ausdruck, Begeisterung: gab ihren Werken ein über die 
nächsten Zwecke hinausgehendes Gewicht. Hatten einst 
Griechen und Römer so gross von sich gedacht, waren noch 
immer Italiener und Franzosen so stolz anf ihre Vergangen- 
heit, wie auf das, was sie noch zu sein glaubten, so durften 
doch auch die Deutschen dessen sich rOhmen, was die Vor» 
fahren gethan, was sie selbst noch auszurichten im Stande 
waren. 

Die deutschen Humanisten', oft auf der Wanderung sidi 

versuchend, kannten ihr Land und Volk. Sie waren an den 
mit Schiffen belebten Strömen daliingezogen, durch weite, mit 
Dörfern und Schlössern erfüllte Gegenden, über Höben mit 
"Weinptianzungen und durch Ebenen mit wogendem Getreide : 
sie hatten in Städten Aufnahme gefunden, wo eine betrieb- 
same Bevölkerung mit jeder edlen Kunst vertraut war und 
in herrlicher Waffenttichtigkeit jedem Feinde sich gewachsen 
fühlte; sie hatten Oberall Männer von Geist und Gaben, von 
ehrenfester Gesinnung und höherem Streben gefunden, die 
Sinn hatten für das, was sie selbst erfiülte und bewegte. Wie 
hätten sie nun nicht reden sollen von Allem, was Gegenstand 
ihrer Betrachtung, ihrer Freude und Hoffnung geworden war? 
Wir dürfen in der Rede, welche Heinrich Bebel, der Humanist 
von Tübingen, einst vor Kaiser Maximilian in Innsbruck ge- 
halten hat, den ersten lebendigen Ausdruck der so erweckten 
Begeisterung erkennen, in jener Scliilderung der Mutter Ger- 
mania, die, wenn sie auch jetzt entwürdigt scheint mit dem 



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1 



416 Eintritt uud das Wirken des Humanismus. 

zerzausten Lorbeerkranz, doch das Haupt noch immer so hoch 
trägt, noch immer mit dem Blicke ihrer Au^^en schreckt, noch 
immer so reich an Söhnen ist, welche in Billigkeit und Ge- 
rechtigkeit, in Standhafti^^keit und Glaubenstreue sich be- 
währen, zu heldeumUthigem Ringen jedem Volke getrost sich 
stellen können^). Und schon hatte Konrad Peutinger, der 
mit Bebel eng befreundete Patricier in Augsburg, in seinen 
^Tifidireden toh den wunderbaren Alterthflmem Deutschlands'' 
eine andere Form zur Verherrlidrang des Vaterlandes ge- 
fimden'). Christoph Seheuil aber, der Nürnberger Humanist, 
wie hat er zu Bologna Tor einer bunt zusammeDgesetzton 
Studentenschaft die deutsche Heimath gefeiert mit den sonnigen 
Hügeln und den schattigen Hainen, den fruchtbaren Gefilden 
und dem Reichthum an edlen Metallen und salzhaltigen 
Quellen ! Wie jugendlich stolz hat er die Kraft der deutschen 
Fürsten und Stämme, die Werke der deutschen Kunst, die 
Kemhaftigkeit der deutschen Sprache gepriesen, zwar in lar 
teinischer Rede, aber so, dass man darin gewaltig, unwider- 
stehlich eine durchaus neue Anschauungsweise aufleuchten 
sah*)! Auch ftlr Ulrich von Hutten ist Deutschland noch 
immer das erste Reich der Welt, in welchem auf die Zeit der 
Kriege eine Zeit der Mdung und der Erfindungen g^lgt ist, 
und auch an den Kiedersaehsen, deren unmässiges Trinken 
ihm missfällt, hat er zu rühmen, dass sie gesunder und stärker 
seien als die anderen Deutschen^ und im Kampfe tapfer sonder 
Gleichen*), 



1) Vgl. Math er S. 77 ff. üeber Bebels Freund Micha«! Coociiiiil» 
^ Horawits in der AUgem. Deatschen Biograpbie lY, 878 t 

2) Horawits, Beiträge znr Geschichte der Historiographie in der 
Zeitschrift für deutsche Caltargwdufllite 1875. Vg|. Geiger m Sybels 
Histor. Zeitschiiit 1875, 1. 

3) Mut her S. 83 ff. Scheurls eigenes ürtheil über seinen sa Bo- 
logna gedruckten Libellns de laudibus Germaniae et dueum Saxoidae bk 
sdnem Briefbach, herausgegeben von v. Soden und Knacke S. 10. 

4) Strauss, Ulrich von Hutten S. 60 ff. Consequent ist freilich 
Hutten nicht. Oefter erscheint ihm fast alles Bestehende unerträglich. 
Sein Ideal ist im Grunde das Deatschland des Tacitus (optimom Ger- 



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71. Bm ImiiaibtiMlM Patwric ktow i iott in SumIimb. 417 

Aber alle Herrlichkeit gipfelte für diese Hrananisten doeh 
in dm Ttaiifiehieii£ii8erthiim deotseher Ifation, irad Sti&vkaiig 
der Kaiseimacht wie MahniHig der Kaiser m ihre Aitgebeii 
erBdüen ibneii als eine ernste Pflidil;. Da war es anta vor 
Allem d^ ritterlicbe Kaiser Maxtnulian, m welchem ihre Be» 
Wanderung emporeehante. Er hatte ja auch Theilnabme filr 
humanistische Bestrebungen und wusste sie zu würdigen, wie 
denn durch ihn die Universität Wien eine Pflegestätte des 
Humanismus wurde Seine Persönlichkeit trat so lebendig, 
so stattlich in den Vordergrund der Ereignisse, an denen er 
Theil nahm, wenn er sie auch nicht beheri*schte oder ent- 
schied. £r gab nach der langen Regienutg des schläfrigen 
Vaters seinem Volke wieder das Gefühl, dass es einen Hemcher 
habe voll grosser Gedanken und nie Yeriegen am einen hen- 
haften Entsohlnss. So wnrde er zumal ftr die Humanisten 
am Obenhein ein Gegenstand der lautesten Anerkennung. 
Er war ihnen das Ideal eines Fttrsten, und Wimpheling nahm 
keinen Anstand, ihn mit Karl dem Grossen auf dieselbe Linie 
zu stellen, ja seine Thaten über die des macedonischen Ale- 
xander zu erheben. Aber sie blieben bei solcher Lobpreisung 
doch nicht stehen. Heinrich Bebel, der diesen Kaiser eben- 
falls über die Massen preist, lässt ihm im Namen der Ger- 
mania sagen, dass er die Sonderbünde bei den Füi*sten im 
Beiche abstellen solle, weil Eigennutz der Einzelnen und daraus 
hervorgehende Zwietracht den mächtigsten Staaten Verderben 
bereitet habe und darum auch die ttbeigiosse Nachsieht und 
Ifilde des Kaisers dem deutsehen Vaterlande Unheil bringen 
könne. Bei der wachsenden Tttrkennoth aber riefen die ober- 
rheinischen Humanisten den Kaiser Max in den beweglichsten 
Worten auf, dass er in Gemeinschaft mit den Fürsten des 
Reiches zu einem Kreuzzuge gegen die Ungläubigen sich auf- 
mache. So Wimpheliug in seinem Dialoge de hello Turcico; 

maniae tempus), wo man bloss von heimischen Erzeugnissen gelebt, in 
ThitiMeii onhergegangen, in sentraaten Hatten gewohnt, Nitmaad CMd 
gekaoBt» Kaofleote noch gar aiebt gesehen kabe. Boieher S. 48. 

1) ABckbaeh, Die Wiener UniTenitSt und ihre Himumirten im 
Zeitalter MarimilianB L (1877). 

Kftenmel« Sebidwwwn. 27 



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418 flintritt und das Wirken des Humanismoi. 

SO Sebastian Brant in seinem Gedichte Turchorum terror et 
potentia, neben ihnen Locher in seiner Tragoedia de Thurcis 
et Soldano, Hutten mit seiner Epistel der Italia 

Allein auch gegenüber den Franzosen rührten sich die 
oberrheinischen Humanisten. Die FraosoBen hatten im Jahre 
1444 wieder Gelüste nach der Rheingrenze kund gegeben und 
▼om Danphin Lndwig, der die wilden Annagnaca za graueD- 
▼QUer.YerwIlatiiiig in das Elsaas gefbhrt» war diese Landadiaft 
als eine nrspHInglich ni Frankreich gehörige beaeiehnet worden. 
Als hieranf aber selbst in Strassbnrg eine Hinneigung ta Frank- 
reich bemerkbar wurde, da schrieb der wackere Wimpheling 
1501 seine Germania ad rempublicam Argentinensem , worin 
er nachzuweisen sich bemühte, dass schon in Cäsai-s Tagen 
am linken Ufer des Rheins Deutsche gewohnt, dass auch die 
Frankenkönige und namentlich Karl der Grosse Deutsche ge- 
wesen. Obgleich nun der streitbare Franciscaner Thomas 
Mnmer in einer Schrift Nova Germania, die übrigens doch 
anch gegen die französische Begehrlichkeit sich' aussprach, 
manche Annahmen Wimphelings nicht ohne Grand angrifft so 
schien es doch dem Bathe der Stadt Strassbnig angemessen, 
Mnrners Schrift eilends in Tert>ieten nnd ▼ernichten zn lassen, 
so dass sie Jetat wirklich nnr noch in zw^ Exemplaren tot- 
handen ist^. 

Auch in anderer Weise gab sich der Patriotismus der 
deutschen Humanisten kund, indem sie ihre mehr gelebiten 
Arbeiten auf Erweckung vaterländischer Gesinnung berech- 
neten. So wollte Benchlin 1495 durch Verbreitung einer 
deutschen Uebersetzung von den zwei ersten plulippischen 
Reden des Demosthenes den Patriotismus der Fürsten zn ge- 
meinsamer Bek&mpfung der Feinde des Reiches aufregen*). 
Da war es kein Wunder, dass der Germania des Tacitus be- 



1) Hehle, Der schwäbische Hamanigfe Jak. Lochor (1878) I, 29 IL 
und Strauss a. a. 0. S. 181. 

2) Bathgeber io v. Sybels Historischer Zeitschrift 1877, S. 3. 

8) hl Beofilüiiis Biiefim tritt patriotitehe GeBinniing lomt w«alg 
h error. 



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YL Dm himuuiiBtisebe üntemcbttweBen im Eäudnen. 419 

sondere Theilnahme sich zuwandte. Im Jahre 1502 erschien 
das Bttchldn, wie man annimmt, zmn entoi Male, in Leipolg; 
1509 gab es eben dort Johannes Rhagins Aesdcampianns herans ; 
1518 folgte dne dritte Ausgabe in Wien. Es laset sieh denken, 
dass, als zwei Jahre daranf unter den Augen des P^Mites 
Leo X. jene beiühmte Ausgabe der Annalen erschien, welche 
die durch italienische Schlauheit aus dem Kloster Corvey 
eutfülirte Handschiift der fünf ersten Bücher möglich ge- 
macht hatte, in Deutschland die Aufmerksamkeit besonders 
gross war. 

Da musste man sich auch aufgefordert fühlen, die Ge- 
schichte des deutschen Vaterlandes zu schreiben« Es war ja 
zunächst noch ein schweres Stück Arbeit; aber um so ver- 
dienstlicher erscheinen die Versuche, die man in dieser iUchtung 
maehte. Wir denken dabei vor Allem an Wimphelings Epi- 
toma renmi Gennanicamm, welche 1505 in Strassbuig er- 
schien. Den wachem Mann hatte es bekümmert, dasswfthrend 
andere Nationen die herrlichen Thaten Ihrer Vftter sich er^ 
zählen liessen, die Deutsclien wie Schlafsüchtige aller höheren 
Regungen entbehrten und gegen den Ruhm ihres Vaterlandes 
gleichgiltig waren, und so hat er das von einem Freunde Be- 
gonnene ausgeführt, damit die Deutschen die hohe Begabung, 
die kriegerischen Triumphe, die Erfindungen auf dem Gebiete 
der Künste, den herrlichen Charakter ihres Volkes erkennen 
und auch die Kachkommen angefeuert werden möchten, täglieh 
noch grossere Thaten hin«izulElgen. Freilich ist nun das Ton . 
ihm Dargebotene ungleichmässig gearbeitet, im Einselnett nicht 
selten unrichtig; aber die Verehrung fOr Born hat ihn nicht 
geändert, als deutscher Mann die Geschichte der grossen 
Kaiser zu erzählen , und auch sonst findet immer wieder sein 
patriütibches ilerz entsprechende Worte, 



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420 ^ Eintritt und das Wirken des Humanismus. 

Es kann hier nicht Aufgabe sein, die Humanisten 
nach ihrem Verhältniss zu den Buchdruckern, die 
seit der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts für das ganze 
BüduDgBwesen des ausgeheaden Mittelalters so bedeutend ge- 
iRMrden sind, eingehender zn betrachten. Für uns genügt es 
eigentlicli, die Benatmog des BtteherdnielMB die Zwecke 
dm Unterriclrts, wie sie die HmnaiiiBteii sich sur Aii%;abe ge- 
macht hshea, in Eftne danusMlen; Anderes, was wir an- 
fügen, kann nar anr Eittatening dessen dienen, was Üar uns 
in den Vordergrond tritt. 

Wenn die Humanisten jener Tage zwischen Handschriften 
und Druckschriften zu wählen hatten, so zogen sie freilich 
wohl in den meisten Fällen jene vor, weil sie darin die zu- 
verlässigeren Texte hatten oder doch zu haben glaubten, und 
sie konnten solche ja ^ar nicht entbehren, wenn es sich für 
sie um gelehrte Arbeit handelte. Aber Handschriften waren 
doch oft nur mit Mühe zu erlangen, wenn sie geliehen werden 
sollten, nnd zuw^en sdbst um schweres Geld nicht su er- 
werben. Sobald dann die Benutanng ftr den Untemdit in 
Frage kam, mnsste das ^n den Buchdrackem Dargebotene 
äusserst willkommen sem. Hatte man ▼orher immer das s^t- 
raubende Dictiren anwenden müssen, um den Schülera, welche 
nachschrieben, die nöthigen Texte zu verschaffen, so hatte 
man jetzt doch die Möglichkeit, eine Anzahl von Exemplaren 
fertig in die Hände der Schüler zu bringen, wobei noch immer 
. Aermere das, was sie brauchten, von Stunde zu Stunde sich 
abgeschrieben haben mögen. Wir wissen, wie Beuchlin noch 
in seiner letzten Zeit für seine Vorlesungen eine grössere An- 
zahl der Schriften, welche er behandeln wollte, drucken lieas. 
Fk«ilich aber bestimmte steh die Wahl des zu Lesenden oft 
nach dem, was man gedruckt haben konnte; denn die Budi- 
drueker soigten meist ftlr die allgemdnoi Bedüifbisse, und 
seltener wohl geschah es, dass die humanistischen Lehrer das 
für Unterrichtszwecke Brauchbare durch die Buchdrucker be- 
sonders besorgen Hessen. Auch wechselten sie Wohnsitz uiul 
Thätigkeit zu oft und die Zahl ihrer Schüler war meist zu 
unsicher, als dass sie den Buchdruckera für genügenden Absatz 



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VI. Das iHunanistische UnterricbtsweeeD im £iu2eiueiL 421 

« 

BttrgBehaft zu Meleii i« Stande gewwea wären. Wo Hnma- 

nisten in grösseren Officinen als Correctoren thätig waren — 
und wir kennen sehr tüchtige Männer, die in solcher Stellung 
längere oder ktii-zere Zeit gearbeitet haben — , da konnten die 
üntemehmer leicht auch auf manches für den Unterricht 
Brauchbare aufmerksam gemacht werden. 

Die Buchdrucker waren übrigens selbst nicht selten 
lehrte und zugleich unteinehmende Buchhändler. Oporinus, 
Amerbaeh und die Proben in BaMi, Anshelm in Pfonheini, 
TttbiDflieii und Hagenau, Qnenteli in Köln, Kobmger in Nttrn- 
beig, Thanner in Le^zig wussten wohl, wie de dorch 
FOrderang der hnnisnistiBdien Bestrebungen ihre Geseh&fte 
enporbringen konnten 0* Aber auch ans Italien, namentlich 
aus Venedig, wo Aldus Manutius eine so gi'ossartige Thätigkeit 
entwickelte, kamen durch Venuittelung der Nürnberger Clas- 
siker in grosser Zahl nach Deutschland. Dagegen sorgten die 
in manchen Klöstern angelegten I)ruckei*eien wohl nur für den» 
nächsten Bedarf und wohl nur selten für humanistische Zwecke. 
Anders wieder die Hieronymiaaer, z. B. in Rostock. 

In dtadten, wo ein nener Geist Schulen zn freier £nt- 
wiekelnng brachte, wie in Derenter und Mflnsteri traten die 
Biidkdnieker wie von selbst in den Diorat dss Unterridits>). 
8e waren in Mtnster, besonders unter den Anregungen des 
tr^ichen Rudolf rmk Langen, bis m seiaeni Tode (f 1519) 
gedruckt worden : Plautus' Aulularia, Cicero's Briefe, Prudentius, 
Cyprianus, Plinius* Briefe, Cäsar, Horaz, Juvenal, Persius, 
Seneca's Hercules furens, Virgils Aen. IL, aussei'dem gram- 
matische und rhetorische Schriften. 

Aber die humanistischen Schulmänner legten es nicht 
gerade daraaf an, ihren Schülern viele BQcher in die Hände 
zu briagaa. Johanass Murmellius, der so «fidg für Schul- 
bacber gesorgt hat, war der Ansicht, dass man aaaMntlifih 

1) lieber Anshelm vgl. AUg. Deutsche Biographie I, 488, über Ko- 
bnrger Scheurl, Briefbuch S. ir, f . 20 f. Im Allgera. Janssen 1, 13 ff. 

2) S. Niesert. Beiträ«re zur Ikicbdruckergeschichte Münsterji (1828); 
Parmet, Rudolf von Langen (1^69) S. 81 f.; über WestMen im Ganzen 
sehr belehrend Nordhoft S. 129 ff. 



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422 Der Emtritt und du Wirken des Hnnwitmai. 

jfingeren SchOlem nur wenige imd mir ganz coneete Bttcher 
in die Hand geben dttife, daw man ihnen aneh nicht bloas 
Gedrnektea zur Benutiung gebe, sondern sie aneh, um me im 
Sehreiben nnd in der Orthogi-apbie zn üben, fortwährend aodi 

abschreiben und nachschreiben lasse. Er klagte dabei leb- 
haft über die zahllosen Fehler, die in den gedruckten Büchern 
zu finden seien 

Immerhin sind Classikerausgaben aus jener Zeit noch sehr 
gesucht und für die Kritik der Texte mannigfach brauchbar, 
und viele derselben sind noch erhalten. Dagegen sind sehr 
viele Grammatiken und andere Lehrbücher, die damals im 
Unterriehte benutzt wurden, bis auf einzelne £zemplare zu 
Grunde gegangen. Dies gilt z. B. von der Ars magna Donati, 
welche überfaanpt zu den eiaten Bnehem gehörte, die, zu- 
n&chst in Holz geschnitzt, in Haarlem und Mainz herauskamen; 
Ton diesen Ausgabm sind nur noch Fi*agmente erhalten*). 

Dass durch den liifer der Humanisten auch neue Biblio- 
theken entstanden, versteht sich von selbst. Welchen Bücher- 
schatz Reuchlin zusammengebracht hat, ist bekannt; wir wissen 
auch, mit welch rastlosem Eifer Trithemius in seiner Abtei 
Sponheim durch Abschriften und Kauf auf Mehrung der 
Büchersammlung bedacht war; bekannt ist, wie die Universi- 
täten Wien, Heidelberg, Erfurt mit solchen Schätzen aus- 
gestattet wurden für Schulen freilich dürfte in dieser Zeit 
noch wenig geschehen sein, wenn man ausnimmt, was Bndolf 
Ton Laogen Ar die Domschule in Münster gethan hat^). 

Aller Orten regte sich so treuer Fleiss, den steigenden 
Bildungsbedürfnissen zu entsprechen. Nur darf man bei dem, 
was durch die Humanisten für engere Kreise geschah, nicht 
übersehen, wie doch auch Andere in anderer Weise dem immer 
lebhafteren Verlangen des Volkes nach geistiger Nahrung, und 
zwar in der l^rache des Volkes, Befriedigung zu schaffen, zu seiner 



1) Keichling, de Jo. Murmellii vita et Bcriptis p. 41. 

2) Orifenhaa, OckAi. d« Philologie IV, 100. 

8) YgLWattenbaeh, das 8aliriftwwaiiBllitldalt«a871)aai8i 
4) Nordhoff & 97 i 



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J 



yi. Das hmnaniBtiBclie UntorricbtoweBeii Im länielnen. 223 



ei 

14 



^ rdigiOsen and Bitüichen Büdung beixatragen treu bemOht ge- 
wesen sind. Es war eine grosse, froh and ktthn an&trebende 
Zeit, die üreifieh aaeh nnmhig sdur Verschiedenes ergriff and 
noch ^nen Alles bewegenden, in entschiedene Biehtung lei- 
tenden Impuls zu erwarten schien, um grosse Neubildungen 
^ zu versuchen. Das Gefühl, dass Ausserordentliches sich vor- 
bereite, war überall lebendig und gab sich oft in freudigen 
^ Erwartungen, zuweilen aber auch in trüben Ahnungen kund. 
In; Neben der schonungslosen Kritik des Bestehenden wirkte doch 
^ fort und fort die Anhänglichkeit an das von den Vätern Ueber- 
ji lieferte; neben der Entschlossenheit, welche rasch vorwärts 
2 strebte, ging doch eine gewisse Zaghaftigkeit vor einem Un- 
geheuren, das kommen au mttssen schien und doch aof die 
Herzen drQckte wie ein schweres, am Himmel heranziehendes 
Gewitter. Und Niemand hat iroihersagen kitanen, was wirk- 
lich gekommen ist, fioch bei dem Sturme, der sich erhob, sa 
jj, deuten vermocht, was er niederwerfen werde, um Platz zu 
^ schaffen für die Gestaltungen einer durchaus andern Welt 



it. 



Kftemntl, Sdralwewn. 28 



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I 



1 ! 



« 

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Personen-Register. 



Achilles 5a. 

Adalbert, Bischof von Würzburg 2& 
Adelmann Yon Adelmannsfelden, 

Bernhard 2fiä A.3. 224. 301. SIL 
Adelmann Ton Adelmannsfelden, 

Konrad 30L 342. 
Adrian von Utrecht iUO. 
Aegidius, Petrus 340. 
St. Aegidiusschule zu Braunschweig 

ISL 4L m 
St. Aegidiusschule zu Nürnberg 8L 

30iL 

Aeschines 388. 382. 3öL 
Aesop 112. m 2^ 
Aesticampianus, Johannes Rhagius 

25L 2fiD ff. 2üa. 21Ü. 280. 287. 

m 2äL 293. 41S. 
Agricola, Georg 304. 
Agricola, Rudolf 21H. 222. 228. 245. 

2öß. 262. 2m 224. 28L331.3fi5. 

882. 382A. L38a.4QL41L412. 
Alanus m 223. 
Alardus 412. 

Albert, Bischof von Hedberstadt 4Ö. 
Albertus-Üniversit&t zu Freiburg L 
Albertus Magnus lOL lß4. 244 A. 2. 
Alberus, Erasmus 195. 
Albrecht d. Beherzte v. Sachsen 80. 
280. 842. 

Albrecht, Erzbischof von Mainz und 
Magdeburg 3L 228. 30L 342. 

Albrecht Herzog v. Oesterreich 89. 

Albrecht IL, Herzog v. Mecklen- 
burg 23. 



Albrecht III., Herzog v. Oesterreich 

m 155. 

Albrecht VI., Erzherzog v. Oesterreich 

LLL 

Alcuin 12. Ifi5. 

Aleander, Hieronymus 28L 30L 302. 
Alexander III. 123. 
Alexander VI. 305. 
Alexander v. Makedonien 417. 
Altensteig, Johannes 225. 300. 386. 
Altmann, Bischof v. Passau 23. 30 A. L 
St Ambrosius 21H. m 314. 
Amerbach, Bonifacius 211 A. 4. 311. 
339. 42L 

Amerbach , Johannes 222. 402. 403. 

Ammonius, Andreas 340. 

Anastasia v. Mecklenburg 22. 

St Andr^kloster zu Avranches 120. 

St. Andreaskloster zu Hildesheim 20. 

St Andreasschule in Preising 45 A. L 

Andrianus, Matthäus 408. 
i Angst, Wolfgang 218 A. 2. 
I St Annenconvent zu Kempen 55. A. 2. 

St Annenkloster zu Lübeck 52. 

Anselm v. Canterbury 212. 

Anshelm 320. 42L 

Ansgar d. Heilige 14'). 

Antaeus 401 A. L 

Antoniter 28L 308. 

St. Antonius 100. 

Apel, Johann 413. 

Apirbachus, Petrejus (Peter Eberbach) 
, 285. s. Eberbach, 
i Appian 264. 

28* 



426 



Personenregister. 



Arator 112. 

d* Are, Jeanne 48. 

Archias 2KL 

Aretinus, Leonardas .^74. 
Aristophanes 211 A. L SSL 382. 

aöL 41L 
Aristoteles IM. IfiS. 218. 22fi. 2TL 

m m m ^ AIL 412. 
Amobius H49. 

Arnold v. Wesel (Vesalia) 22L 28L 

288. 393. 
Amoldi, Bartholomäus 282. 
Arrianus 2li3. 
Ascensius HR'i. 
Asconius 2r)3. 
Aubanus, Gregor 282* 
St. Augustinus 23. 212. 218. 2ßL 262. 

314. 349. 3fia 324. 
Augustiner lü. 3Q A. 2. 4L 44. 8Ö. 

148. m 308. 309. 312. 
.VugustttS, Kaiser 21lL 375. 
Aurispa, Johannes 2>')4. 
Aventinus, Jobannes 2ßQ. 220. 383. 
Avianus 186. 

Babirius 348. 

Balbis, Joh. de 188 A. 3. 

Bantschov 68. 

Baptista, Guarinus Joh. 21iL 380. 
Baptista Mantuanus 3ri4. 
Barbirianus 4IL 
Barlandus, Adrian 'MQ. 
Barnim L v. Pommern 22. 
Bartholomäusschule zu Altenburg TU 
Barth olomäuBStift zu Frankfurt a./M. 

19, 28 A. 3. 
Bartolomeo de Montepulciano 2.'>4. 
Basedow 3f53. 
Bauer, Georg 121 A. 3. 
Bayink, Ludwig 205. 
Bebel, Heinrich 225. 226. 308. 309. 

316.32La41A. 4.826.382.383. 

m 382. 404. 408. 415. 416. 411. 
Beckmann, Otto 29L 



Beghinen 52. 66. 14a. 31L 
Beham, Lorenz 30L 
Beham, Albert von liiO. 
Bembus, Petrus 352. 
Benedict XII. 35. 

ßenedictiner 9. 10. 18. 28. 33 ff. 38. 

39. 68. 69. 83. 150. 164. 165. 183 A. L 

232. 253. 308. 309. 310. 31L an 
Benedictinerinnen 50. 
St. Benedictkirche zu Prag 154. 
Berghes, Anton von 338. 
Berghes, Heinrich von 332. 
Bernays 396. 
St. Bernhard 212. 218. 
Bernhard, Herzog v. Braunschweig- 

Lüneburg 68. 
Bernhard, Erzbischof v. Bremen 6L 
Beroaldus, Philippus 252. 
Berthold, Bischof v. Freising 45 A. L 
Bertholdus, Lector 124 A. 3. 
Bessarion IIL ÜSS. 
Beuerbach, Georg 106. 269. 388. 

S. Peuerbach. 
Biel, Gabriel U3. 

St Blasiusschule zu Braunschweig 19. 

4L 69. 196. 
Bodenstein, Andreas (Carlstadt) 290. 
Bögenstein, Johannes 40.S. 
Böhmische Brüder 305. 
Boethius 12. 384. 
Bombasi'us, Paul »S84. 
Bonifacius IX. 22. 95. U9. 
Bonisoli, Ognibene de 242. 
Borner, Caspar 288. 
Boskowitz, Ladislaw von 306. 
Bofikowitz, Prothas von 43. 
Botzheim, Johann 302. 
Brant, Sebastian 115. 252. 221 A. 2. 

222. 316. 32L 336. 413. 418. 
Brassicanus, Joh. Alexander 220. 275. 

222 A. 4. 228. 383. 
Brauner, Caspar 22. 
Breitkopf, Gregor 282. 
Bremer, Henning 62. 



Googlie 



Personenregister. 



427 



Briardus, Johann 346. 

Bruno, Bischof von Würzburg 2ü< 

Brutus 3ßö, 

Buck, Gerhard 22S A. L 

Budäus, Wilhelm 2gL 3iL SäL 

Bugenhagen, Joh. A. ^ 

Bülow, Dietrich 3SiL 

Bünau, Heinrich von 220. 

Bulünger, Heinrich 142. m 2aL 

Buonacorsi (Callimachus) 2113. 

St. Burkhardkloster zu Würzburg 2ü. 

Busch, Johann ä A. 3. 21Ö. 

Busche, Hermann v. d. 22L 2AL 25fi. 
2fi2 flf. 2aL 282. 2i£L 2ÖL ^ 
22Ü A. 4. 222. 320 A. L 
380. 382. 

Buslidius (Busleiden), Hieronymus 203. 
403. 

Butzbach, Johannes IM. 222. 223. 
22^ 225. 230. 310. 31L 

Caesar 8;^?. 367. 374. 384. 418. 421. 
Caesarius, Johaunes 220. 2i^ 281 

A. 2. 282. 205. 2im. 382. 
Caesarius v. Heisterbach 38. 30 A. 3. 

50. 58 A. 2. UO A. 3. 288. 
Camener (Kemener, Kemner), Timann 

220. 295. 29£L 20L 38L 382. 394. 
Camerarius, Joachim 142. 243. 283 

A. L ^ 2SL 348. 342. 30L 

394 A. 5. 325. 4QL 408. 
Cannyst, Gerhard 229. 
Capistranus 152 A. L 
Capito, Wolfgang Fabricius 223. 339. 
Capnio s. Reuchlin. 
Capotius, Priamus 286. 
Carbach, Nikolaus 228 A. 2. 
Carlstadt s. Bodenstein. 
Carolus Magnus 19& 
Carthäuser 10. 40. 
Casius, Christoph 32fi. 
Cassiodor IL 

St. Catharinaschule zu Braunschweig 
fiO. 



Cato 122. m 189. 19L 223. 320. 

338. 325. 
Catull 324. 
Cele, Joh. 215. 

Celtes, Konrad 58 A. L 252 flF. 2fiL 
268. 210. 224. 225. 229. 2fiiL 290. 
292. 293. 298. 305. 306. 309.3^5. 
366. 370. 37.^. 387. 

Ceratinus, Jakob 289. 340. 395 A. 3. 
Chalkokondylas 389. 
Chelidonius Musophilus 309. 
Chrodegang v. Metz 12. 2^ 
Chrysoloras, Manuel 22L 394. 
St. Chrysostomus 218. 342. 
Cicero IL 28. Ili5. 122. 218. 253. 

263. 275. 287. 293. 30fi. 323. 333. 

337. 349. 352. 3-58. 366. 374. 384. 

385. 380. 38L 41L 42L 
Cimburg, Stibor von 306. 
Cistercienser 10. 32 flF. 150. 208. SIL 
Cistercienserinnen 39 A. 3. 50. 
Clsu*akloster zu Nürnberg 5L 
Clarissinnen 5L 52. 
Clemens V. 35. 
Clemens VI. 42. 2ii. 112. 
Clemens Yll. m 

Coccinius, Michael (Köchlin) 225. 416 
A. L 

Cochläus, Johannes 152. 258. 280. 

298. 383. 404. 405. 
Coelde, Dietrich 122 A. 2. 
Colet, John 335. 336. 338. 
CoUimitius (TansteUer), Georg 262. 
Copemicus, Nicolaus 24. 293. 
Cordus, Euricius 285. 
Corvinus, Beiy. 404. 
Corvinus, Laurentius 293. 
Cracow, Matthias von 106. 
Craston (Crepton) John 397. 
Crato, Adam 285. 

Crocus, Richard 282. 2aL 288. 291 

A. L 39L 393. 395. ' 
Curtius 225. 349. 350. 
Cusanus, Nikolaus, s. Nikol. v. Cusa. 



428 



Personenregister. 



CuspinianQS (Spiesshammer) 2ß8. 
Cyprianus 

St Cyriacusschule zu Braunschweig 

la. 4L laß. 

Dalberg, Johann von 255. 256. 224. 

23Ö. 3ÖL lil^ 4QL 
Damian!, Petrus 8ß< 
Daniel, Bischof von Prag llfi. 
Dankratsbeim, Konrad von IIKL 
Daripinus Sibutus 290. 
David, Scholasticus in Würzburg 2ß. 
Demosthenes 33L m 389. 891. 

418. 

Desiderius, Abt v. Monte Casino Ms 
Despauterias, Johann 229. 380. 
Deutschherren 10. 40. iiO. 
Dhaun, Philipp von 280. 
Diether, Erzbischof von Mainz 106. 
112. 21il 

Dietrich von Altenburg, Hochmeister 
24. 

Diomedes, Grammatiker 280. 382. 
Döring, Matthias 43. 
Dolet, Stephan 35L 
Dominikaner 10. 44. ZiS. 8ß. m lOL 

m m. laa A. L m m 

Donatus IL IL IßL HO. HL 18fi. 

2ß4. 382. m m 422. 
Dornten, Johann von 40. 
Dringenberg, Ludwig 218. 233 ff. aß4. 

4ÖL 

Dürer, Albrecht 302 A. 3. 30Ö. 

Düker, Scholasticus in Hamburg 62. 

Dune, PhiUppus de 30L 

Duns Scotus lOL IM. 

Dwerg, Hermann 29. 220 A. 8^ s. Nanus. 

Eberbach, Peter 269, s. Apirbachns. 
Eberhard (im Bart), Herzog v. Wür- 

temberg Sü. 113. 159. 2.56. 274. 
Eberhard (Ebrardus) v. Böthune 168. 

m III. 222. 223. 
Eck, Johann 114. 180. 189. 2,58. 

2n A. L 302 A. L 34a. 346. 316. 



St. Egidlenschule in Braunschweig 

35 A. 3 

Eglofistein, Johann von, Bischof von 

Würzburg 109. 
St Elisabethkirche zu Breslau Zfi. 

126. 12L 140. 
Eilenbog, Nikolaus 80& 
St Emmeramkloster in Regensburg 

34. 259. 
Emser, Hieronymus 2fiL 

407. 

Engelbrecht fEngentinus), Philipp 271. 
Eniche von Ascoli, Alberto 2.>4. 
Epaminondas 32L 
Epiktet 33& 

Erasmus, Desiderius HL 116. 22L 
222 ff. 225. m m 238. 243. 
248. 258. 264. 265. 221 u. A. .3. 
222. 223. 28L282.284.20dA. L 
293. 3J^ 306 A. 4. 30L 325. 
321 ff. 362. 32L 326. m 3i<4. 385 
A. 2. m 390. 39L 393. 394. 395. 
396. m 392. 400. 4ÜL 403. 405* 

Erchambold, Abt 34. 

Emst, Erzbischof von Magdeburg 9. 
3L 

Emst, Herzog von Bayern 270. 343. 

349. 383. 
Emst von Pardubitz 4L 
Eugen IV. 110. 214. 
Euklid 226. 388. 
Eupen, Dietrich von 215. 
Euripides 334. m 33L 390. 410. 
Eusebius 218. 

Eyb, Albrecht v. 304.. 320. 406 A. 2. 

Faber v. Etaples (Stapulensisj Jakob 

23L 346. 
Faber, Felix 

Faber, Johann L12 A. L 304. 
Facetus 19L 2^ s. Joh. v. Garlandia. 
Faust, Johann 140, 
Feltre, Guarino, da 241. 312. 
Feltre, Vittorino, da 24L 385. 



Personenregister. 



429 



Ferdinand Erzher20g y. Oesterreich 

Ficinus, Marsilius B89. 

Fischer, Georg (Abt) ML 

Fisher, Bischof m m ^ A. L 

Flaccos, Valerias 253. 

Florentius Radevynszoon (Radewyns) 

m m 212. 

Floretus m 

St. Florian, Kloster in Ober-Oester- 
reich 3ü A. L lai A. 2. m 

182 A. 2. 
Florus 225. 

Forteguerra, Scipio BM. 
St. FranciscuB 55 A. 2. 
Franciskaner HL 42 u. 43. M. 5L 

r>8. 78. 80. 84. 86. 150. 151. 170. 

m A. L 183 A. L 232. 234. 239. 

3Ü8. 312. 313. 
Franz L, König v. Frankreich 247. Äil. 
Frauenburg, Johannes 18. 
Friedrich IL, Kaiser 8L 88. IfiL 
Friedrich III., Kaiser 92, 2M. 258. 

2fi8. 29Ö. 298. 4ÖL 
Friedrich d. Weise von Sachsen 29. 

113. 199 A. 4. 2fiL 28fi. 282. 29Ö. 

342. 343. 32fi. 402. 
Friedrich d. Siegreiche v. d. Pfalz 

223. 

Friedrich d. Streitbare y. Sachsen 109. 

Friedrich, Sohn Albrechts des Be- 
herzten 8ü. 

Frohen, Johann 222. 33ß. 338. 339. 
345. 399. 42L 

Fuchs, Leonhard 85. 

Vugger 3D5. 'ML 

Fulco y. Gnesen 25. 

Gattinara 340. 

Gautier yon Lille (Chatillon) 122. 
Gaza, Theodorus 344. 389. a94. 
Gebweiler, Hieronymus 23ß. 
Geiler, Johann, yon Kaisersberg 2R7. 
322. 3ß5. ^0. 



Gelenius, Sigmund 352 A. L • 
GeUius 28L 

Georg d. Reiche, Herzog y. Bayern 

m 220. 

Georg d. Bärtige, Herzog y. Sachsen 
80. m 2fi3. 28fi. 282. 342. 39L 

St. Georgenkirche zu Eisen ach 82. 

St. Georgenkirchhof zu Hagenau 237. 

Gerbelius, Nikolaus 269. 213. 339. 

Gerbert v. Rheims 12. 

Gerhard, Abt zu St Ludgeri in Helm- 
stftdt 69. 

Gerhard, Balthasar, Johanniter-Gom- 

thur in Strassburg .'>71. 
Gerhoch yon Reichersberg 28. 5L 165x 
St Germansstift zu Speier 29 A.3x 149. 
Gerson, Johannes 192» 214. 3ßL 
Giselbert, »zbischof y. Bremen 61. 
Glareanus, Heinrich Loriti 269. 222. 

223. 281 A. 2. 339. 34L 35L 
Goclenius, Konrad 22L 340. 
Godofiritbus, Scholasticus u. Magister 

scolanim in Osnabrück 25. 
Goede, Henning 282. 
Götz, Ludwig 80. 

Gossembrot, Sigismund 234 A. L 

^ A. 3. 
Goswin (Josquin) 212. 218. 
Gottfried yon Strassburg 159. 
Gottschalk, Scholasticus in Wismar 

22. 

Gozechin yon Lütüch 2L 
Grabow, Matthäus 214. 
Grapheus, Cornelius ^^9. 
Gratius, Ortuinus 22L 264. 229. 280. 

319. 
Gregor L 218. 
Gregor IV. 2Ö2 

Gregor VII. 33. 36. 4L 166. 202. 210. 
Gregorius yon Nazianz 289. 
Gregor yon Prag 268. 
Gregoriustag 2D2. 203. 
Greninger, Heinrich 298. 
Gresemius, Dietrich 228. 



430 



Personenregister. 



Grocinus, Wühelm E9L 

Grootei Geert (Gerhardus Magnus) 
208 ff. 2JJL 211. 222. 

Grünpeck, Joseph 402 A. ^ 

Gronerer, Schulmeister in Ulm 
IM A. L 

Grynäus, Simon 3ri0. 

Günther IL, Erzbischof von Magde- 
burg 3L 

Guering, Bernhard 295. 

Guido, päpstl. Legat ZiL 

Guido 385. 

GuUel, Caspar US. 

Uagemann, Johann 211^ 
Hagen, Scholasticus in Olmütz 28. 
Haies, Alexander von 164. 
Haloin ; i'] f). 

Han V. Huffach, Jost (Jodocus Gal- 
lus) m 
Hannibal äüS. 

Hanno, Erzbischof von Köln 2L 
Hartmann von der Aue 1^ 
Hartmann, Abt v. St. Blasien 
Haselbach, Thomas lO^'^ 
Hass, Johannes 80 A. 2. 182 A. 2L 
Hassenstein von Lobkowitz, Bohuslaw 

262. aOL 
Hegendorf, Christoph 40S. 
Hegius, Alexander 218. 213. 220. 22L 
222. 22a. 22^ 225. 228.24L2fi2. 
291. 295. 3.S1. 888. 39.^^. 
Heinrich H., d. Fromme, Kaiser 22. 
Heinrich HI., Kaiser 5L 
Heinrich VII., Kaiser 25B. 
Heinrich v. Brannschweig -Lüneburg 

Heinrich L von Breslau TL 
Heinrich von Culmine Qü. 
Heinrich von Gerbstät 15L 
Heinrich von Lübeck llfi- 
Heinrich II. v. Mecklenburg 22. 292. 
Heinrich, Rektor der St. Reinoldi- 
schule in Dortmund 84. 



Heinrich, Bischof von Speier 143. 
Heinrich YIU., König von England 

259. 288. 33L m 
Heinrichmann, Jakob 225» 383. 
Heimburg, Gregor 254. 
Heintzchin, Martin 123 A. 2. 
Helmbrecht, Meier, 54. 
Heloise 48. 
Helt, Georg 282. 

Heresbach, Konrad v. 22L 344. 345. 
848. 

Heribert, Bischof v. Eichstädt 22. 
Hermann, Bischof von Münster 2L 
Hermann, Mönch von Salzburg 190- 
Hermonymos von Sparta, Georgios 

333. m 389. 
Herodot 218. 33L 
Hesiod 2äL 392. 
Hess, Johann 80 A. 2. 
Hessus, Kobanus 283. u. A. L 284. 

28r,. 844. 870 A. 1. 408. 
Heverling, Tilmann 2Ü3. 2S2. 
Heynlin a Lapide, Johannes 222. 
Hezil, Bischof von Hildesheim 25. 
Hieronymianer 83. 202 ff. 234. 235. 
St. Hieronymus 14L 218. 2fi2. 314. 

338. Sfiß. 324. 32fi. 402- 403. 
Hieronymus von Prag 108. lOfi. 
Hilarius m 

Hildebrand von Pforzheim 22fi. 
Hispanus, Petrus (Johann XXI.) 180. 

218. 230. 
Hochwart, Lorenz 270. 
Hofmann, Crato (Graft) v. Udenheim 

235. 

Hohenstaufen 59. 253. 
Holbein 330. 339. 
Homer 332. 

Homphäus, Petrus 22L 

Honorius, päpstl. Legat 214 A. 2. 

Horaz 2a 85. 188. 218. 203. 221 A. 2. 
225.283A. L28fi.28Lai2.m 
355. 309. 324. 384. 385. 382. 42L 

Horlemius, Joseph 220. 



Personenregister. 



431 



HrabanuB Maurus 17.' 808. 
Urosyitha t. Gandersheim IL 2ßQ. 
Hruby von Jeleni, Georg 2fiL 
Hugo, päpsU. Legat 06. 
Hugo V. Scblettstadt , Johannes 285. 
Hugo von Trimberg 1Ö3 A. 2. m 
Hugo von St. Victor IßS. 21Ä 
Hummel, Andreas UL 
Hummel, Matthäus L 
Hummelberger (Hummelberg), Michael 
23L 238 A. 3.205.212 A. 2. aOl A. 2. 

Huss 2ÜiL 

Hussiten 2L IM. HML m 15^ 2QL 

2fiL 3ÖS. 
Huswirt IIS A. JL 
Hutten, Ulrich von 235. 258. 2fiL 

2fii2ßa.211A. 3.21Ü.28a2aL 

283. 284 292. 238. 3ÖL 308. aia. 

324 325. 342, 343» 34S. SIfi. 3SL 

saß. 41fi. 418. 

Imad, Bischof v. Paderborn 21. 
Inghen, Marsilius von IM. 
Innocenz III. 42. 123. 
Innocenz IV. m 
Innocenz VIII. 3 09. 
Irenaeus 84^. 

Isidor von SevUla m 188. 38Ü. 
Isocrates 338. 388. 39Ö. 3Sfi. 

Jakob L von Trier 112. 
Jakob IV. von Schottland 335. 
St Jacobikirche zu Hamburg 135» 
St. Jacobikirche zu Heidelberg 150. 
St Jacobischule zu Neisse TL 12^ 
St. Jacobskirche zu Nordhausen 81. 
St Jacobischule zu Stettin 72. 
St Jacobischule zu Thorn UL 
Jakobus, Magister in Osnabrück 25. 
Jenstein, Job. v., Erzbischof v. Prag 
7 A. 2. 

Joachim L v. Brandenburg 114. 291. 
Johann XXU. 8L 
Johann XKIII. 

Johann, König von Böhmen IQL 



Johann d. Milde, Graf v. Holstein fifi. 

Johann HI. von Magdeburg ^ 

Johann, Pfalzgraf 117. 

Johann der Beständige v. Sachsen 230. 

Johann von Frankfurt IQß. 

Johann von Garlandia LiL 222. 223. 

Johann von Wesel lOG. 

Johann von Zwolle 30iL 

St. Johannisschule zu Brünn 43. 

St. Johannisschule zu Lüneburg 68. 

125 A. L 
St Johannisschule zu Thorn 74. 
Johannes, Erzbischof von Prag 4L 
Johannes von Salisbury 164. 
Johannes, Bischof von Samland 73. 
Johannes d. Täufer 126. 
Johannes II. Erzbischof v. Trier 112. 
Johanniter m. 14. 4L 78. 232. 
Jonas, Justus H44. 
Josephus, Flavius 218. oaü. 
Josquin s. Gosvrin. 
Judae, Leo 236. 213. 
Jugurtha 2SD. 
Julius II. 363. 
Justinus 218. 275. 405. 
Juvenal 188. 2ß3. 2ML 324. 42L 

Karl d. Grosse 15. 4L 325. 418. 
Karl IV. (Kaiser) iiü. äL 22. öS. löL 

103. m 154. 2Ö4. 253. . 
Karl V. (Kaiser) 333. 340. 34L 
Karl Vra. von Frankreich 242. 
Katharina von England 
Katbarina von Siena 48. 116. 
Katharinenkloster zu Dortmund 204. 
Kemner s. Camener. 
Kerckmeister, Johannes 406. 
Kimclü, Moses 221 A. L 217. 402. 4Ü4. 
Knoblochzer, Heinrich 126. 
Knoder, Johann 335. 
Koburger, Antonius 42L 
Köchlin s. Coccinius. 
Költer, Konrad 85. 
Konrad, Bischof v. Breslau 9 A. 2. 



432 



Personenregister. 



Konrad II., Kaiser 3Ö. 

Konrad, Bischof v. Ilildesheim 116. 

Kontoblakas, Andronikos )^H9. 

Kretz, Matthias :^09. 

Kriemhilt 122 A. L 

Ktesiphon 389. 

Kunigande, d. Heilige 82. 

Lactantius 27ä. 224. 

Lange, Joh. 221 A. A. 

Lange, Paul 3ß2 A. L 

Langen, Rudolf von 218. 220. 2^ 

256. 2fi2, 224:. 22ß. 22L aöL 38Ö. 

384. m 42L i22. 
Latini, Brunetto 2h\. 
Lauber, Diepold l&i A. 2. 
Lauda, Matthias 154. 
Lebuin d. Heil. 21iL 225. 
LedeC, Johann v. 154. s. ReCek. 
Lee, Edward 238. 2ß5. m 
Leo X. m 338. 345. 399. 419. 
St. Leonhardsstift zu Frankfurt a./M. 

12. 28 A. a. 
Leontorius (Leonberg, Löwenberg), 

Konrad 31L 
Leopold III. von Oesterreich lÖü. 
Leunbach, Georg 178. 
Liber, Antonius 218. 
Lieb£rauenstift zu Frankfurt a./M. 

23 A. 3. 123. 
Listrius, Gerhard 3;^fi- 
Livius I8.2ßL2ßa.228A. 2.^350. 
Loans, Jehiel 4ÜL 
Locher, Jakob, Philomusus 257. 270. 

2IL 313. 31fi. 32L 322. m am 

383. 385. 382. 32fi. 408. 418. 
Lochner, Hans 54 A. 2. 
Löwenstein, Wolfgang, Graf v. 367. 
Longinus, Yincentius 2ß8. 
LongoUus, Christoph 341 A. L 352. 
St Lorenzschule zu Nürnberg 78, 298, 
Lothwicos, Magister zu Osnabrück 25. 
Lucanus 78. 172. 188. 374. 385. 387. 
Lucian 334. 338. m 322. m 410. 



Luder, Peter 254. 255. 222. 223. 
St Ludgeriabtei zu Helmstädt 62. 
St Ludgerischule zu Münster 296. 
Ludolf von Hildesbeim llü. 12L 
Ludolf, Bischof von Toul 23. 
Ludwig IV. d. Bayer, Kaiser ^ 12L 
253. 

Ludwig XII., König v. Frankreich 24L 
Ludwig, Dauphin v. Frankreich 418. 
Ludwig, (Sohn Philipps d. Aufrich- 
tigen V. d. Pfalz) ML 
Ludwig d. Reiche von Bayern 112. 
Lützelburger 12L 

Luther 2A. L42.142.121A.3.12L 
125. 12L 2fi2. 2fi5. 22L u. A. 3. 
304. 312 A. 2. 322. 342- 348. 322. 
322. 403. 

Macrobius 28L 
Macropodius 229. 

St Magdalenakloster zu Erlöster- 

Neuburg 50. 5L 
' Mammothreptus 191. 
Mammotrectus s. Mammothreptus. 
Mancinelli, Anton 380. 38L 38L 
Mangold, Heinrich 279. 
Manutius, Aldus 257. 334. 388. 421. 
Manutractus s. Mammothreptus. 
Marcianus Capeila 12. 
Marchesini, Johannes 191. 
Maria, Königin von UDgam 35L 
St. Mariae ad gradus, Kirche zu Köln 

83. 84. 

St. Mariae beatae Virginis, Kirche zu 
Erfurt 82. 

St Mariae Magdalenaekirche zu Bres- 
lau 2ß. 12Ü. 140. 

St Mariae Magdalenaesduile zu Posen 
25. 

Marie de France 48. 
St Marienkirche in l*>eiberg 22 A. 4. 
St Marienkirche zu Lübeck 65. 
St. Marienkirche zu Stettin 22. 
St. Marienstift zu Erfurt 45. 



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I 



Personenregister. 



433 



Marquard, Bischof v. Ratzebarg 72* 

Martial m 

Martin IV. ßL 

Martin V. ßS. im 

Martin von Lochaa ää. 

Martinstift zu Kassel 82. 

St. Martinschule zu Braunschweig ülL 

Marschalk, Nikolaus 28iL 220. 222. 

^lassäus (Masseeuw), Christian 222. 

Maternus Pistoris 

Matthesius ML 

Matthias, Erzbischof von Mainz 8L 
Matthias Corvinus, K. v. Ungarn 268. 
St. Maurizkirche zu Olmütz 22. 
Maximilian I., Kaiser 22. Uli. 23^ 

2M A. 2. 252. 2fi8. 2fi2. 21L 225. 

290 A ■ 4. 30:1 .^fl. :^7n. .q^7 4l .«^ 41 7 

Medici, Johann von 

Meinwerk, Bischof v. Paderborn 2L 

Meisterlin 58 A. L 

Mela, l'omponius 228. 

Melanchthon 180. 12L 21fi. 243. 

2fi2. 214. 22fi. 222 A. 2. 28Ö. m 

22L 831. 348. 342. 382. 383. m 

323. 325. 322. 4Ö2- 403. u. A. L 

402. 4LL 412 A. L 
Menias, Justus 285. 
Meppen, Johann Alexander von 22L 
St. Michaelskirche zu Zwolle 215. 
St. Michaelsschule zu Lüneburg (>H. 
Micyllus 110 A. 410. s. Moltzer. 
Mithridates, Wilhelmus Raymundus 

821 A. L 
Mohamed 402. 
Molitorius, Joh. ^5* 
Moltzer, Jakob 410. s. Micyllus. 
St. Morizkloster in Ilildesh. 2ß A. L 
St Morizkloster in Magdebg. 30 A. 3. 
Morus, Thomas 335. 344. 
Mosel lanus, Petrus 14i^. 220. 2fiL 

282.288.342. 348. SSL 308. 324. 

820. 400. 
Mountjoy, WiUiam 333. 
Müglin, Heinrich von H2Q. 



Müller, Johannes von Königsberg 

(Regiomontanus) lOfi. 2öiL aS8. 322. 
Mullius, Tilemann 22L 
Murmellius, Johannes 220. 220. 222. 

381. 382. 3M A. 2. 382. 42L 
Mumer, Thomas 42. 292. 313. 314. 

m 33fi. 302. 3Ü8. 413. 418. 
Murrho (Murrher, Murer) v. Colmar, 

Sebastian 235. 40L 
Mosurus, Marianus 252. 
Mutianus Rufus (Konrad Muth) 22L 

244.283« 284. 285. 220. 31L 312. 

344. 40D. 
Myconius, Oswald 223. 332. 

Nachtigal, Ottomar 324. 
Nanus, Hermann 150, s. Dwery. 
Negri, Francesco 380 A. 3. 
Nesen, Wilhelm 332. 
Niavis , Paul (Schneevogel) 280. 22L 
310. 

St. Nicolaikirche zu Hamburg OL 135- 
St. Nicolaischule zu Görlitz 28. 
St Nicolaischule zu Hambg. 30. A. L 
St Nicolaischule zu Leipzig 147. 
Niger, Antonius 408. 402. 
Nikiashausen, der Pfeifer von 205. 
St Nikolaus 201 A. 3. 
Nikolaus, Notarius 22. 
Nikolaus V. 8. 

Nikolaus v. Cusa (Cues), Cusanus 8. 

21 s. 

Nikolaus von Hersberg 43. 
Nuenar, Hermann Graf v. 205. 280. 
281. 282. 

Oecolampadius , Johannes 85. 2H8. 

2IiL 332. 345. 322. 325. 402. 
Oertel 248. 

Ohricus, Scholasticus in Osnabrück 25. 

Oporinus 42L 

Origenes 334. 350. 320. 

Osmanen 151 A. L 252. 

Ostendorp, Johann 225. 

Othlo, Abt V. St. Emmeram .34. 105. 



434 



Personenregister. 



Othrich, Scholasticus in Kloster 
Bergen 3Ö A. Ü 

Otto, Abt von Ottobeuren 

Otto V. Braunschweig-WolfenbüttelüS. 

Otto, Bischof V. Freising 32. Ufi. 

Otto, Herzog v. Braunschweig- Lüne- 
burg GH. 

Ottokar IL, König von Böhmen 2Q> 
Ottonen iL Iß^ 

Ovid liL IfiiL IM 122. m 
2ß3x 280. aiL 32a. 324 38^ 

Padus, Joliannes 2^ 

Pätus, Georg 2!^ 

Paracelsus, Theophrastus 82. 

Pasiphilus s. v. d. Busche, Hermann. 

Pauss, Anton 220. 

Paul H. 22. Ifi. 22. 

St. Paulsschule zu London Äi5. 

St.Paulus 190.21 7.289.352 A.l. :^n4.4Q0. 

PelUcanus, Konrad 222. 4QL 402. 

Perching, Heinrich von 103 A. L 

Pering, Johann 295. 

Perottus, Nikolaus 380.383 A. 2.388. 

Persius 2fi3. 27L 28fL 324. 42L 

St. Petersschule zu Breslau IL 

St. Petersschule zu Brünn 43. 

St. Petersschule zu Salzburg 122 A. 1. 

Peter-Paulkirche zu Liegnitz TL 

Petersen, Gerlach 212. 

l»etrarca, Franz 102. 2M. 245. 252. 

324. 282 A. L 
Petri, Joh. 222. 

St. Petrikirche zu Nordhausen 81. 
Petrus der Ehrwürdige 36. 
Petrus Ravennas 110. 
Peuerbach, siehe Beuerbach. 
Peurle, Johann, siehe Agricola. 
Peutinger, Juliana 306. 
Peutinger,Konrad 2fi5AJL 30:1.^76.416. 
Pfefferkorn, Johann 402. 
Pflug, Julius von, Bischof v. Naum- 
burg m 
Phachus, Balthasar 220. 



Philelphus, Franciscus 374. .S85. 
Philipp d. Aufrichtige (Pfalzgraf) 1 

274. 865. .%6. 
Philipp, Erzbischof von Köln ^ 
Philipp der Schöne, Erzherzog von 

Oesterreich :^^4. 
Philipp von Schwaben, Kaiser 62- 
Phokylides von Milet 896. 
Phrissemius, Johannes 28L 412. 
Phrygio, Paul (Seidensticker) ^8. 
Pighinucius, Fridanus 286. 
Pinicianus, Johannes 80;^. 
Pirkheimer, Charitas 52- 3Qfi A. 4. 
Pirkheimer, Clara 52. 30ü A. 4. 
Pirkheimer, Johannes •'^01 . 806. 
Pirkheimer, Katharina 
Pirkheimer, Wilibald 52. 25L 221 

A. 2. 228. 300 ff. 324. 325. 
Pius U. 2. IIL 214. 
Piatina 324. 

Plato 218. 22ß. 305. 355- 
Platter, Felix llü A. L 
Platter, Thomas liQ A. L 232. 
Plautus 203. 2ß4- 335. 331 324. 384. 

400 A. 2. 408 A. 2. 402. 42L 
Plenningen, Dietrich von '274. 
Plenningen, Theodor von 250. 
Pünius 2fiL 202. 280. 288. 200. 332. 

H49. 421. 
Plinius Secundus minor .^6. 
Plutarch 218. 300. 324. 338. SSL 392. 

'ML 

Podiebrad, Georg von 104. 
Poggio 253. 

Pontianus 253 A. L 389. 

Polycarpus 190. 

Pomponius Laetus, Julius 252. 

Poncher, Stephan, Bischof v. Paris 34L 

Porphyrius 12. 

Potken, Adam 321 A. L 

Prädinius 215. 

Praemonstratenser 10. 23. 36, 3L 38. 

22. 08. 92 A. 2. 
Prager, Nikolaus 383 A. 2. 



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PersoneDregister. 



435 



Prato, Giovanni da 812. 
Preysing, Franz von 4^ A. L 
Priscianufl IL IfiL HL m 
Properz 31^ 384 A. 2. 
Prudentius 122. 263. m m 42L 
Ptolemäus 3ML EBÖ. 3iML 
Publicius Riifus, Jakob 25^ 25^ 28fi. 
Pylades von Brescia iML 
PyrrhuB m 

quentell 42L 

Qaintilian 17. 172.248. 258. 275. 353.886. 

Radevynszoon (Radewins) S.Florentius. 

Eattinger, Amplonius 108 A. L 1 55. 

Re^ek, Johann IM. 

Regeband, Decun zu Lübeck 66. 

Regiomontanus, s. Müller, Job. 

Ilegius, ürbanus 261. 270. 271. 

St. Reinoldischule zu Dortmund 82. 

Ms 2Ö4 
Reisch, Gregor 182» 4Ü1 A. 2. 
Remadus 280. 

Remigius von Auxerre lfi8. 384. 
Resciub, Rutger 840. 
Reuchlin, Dionysius 274. 382. 
Reuchlin, Johannes 222. 23iL 2^ 

2ß4.2fi5.2üL2Iß.211A. L2i:4. 

216- 2IL 222. 28Ö. 284. 302. 302. 

31L 318. 312. 32Ö. 343. 32i2. 326- 

a^iL 382. 322. 323- 324. 325.326. 

4üiL lül £f. 4ÜL 418. 42Ü. 422. 
Rhenanus, Beatus 236. 232. 232. 265 

A. 3- 223- 332. 322 A. L 
Richter, Vincenz 148. 
Riegger, Joseph Anton von 876. 
Rietberg, Konrad von 22ZL 
Ringmann, Matthäus 8H:^. 
Rivius, Johannes 22L 388. 
Rolevinck, Werner 4Ö. 
Romboldus 225- 226- 
Rosenbusch, Thomas 270. 
Rosinus, Stephan 265 A. iL 
Rotarius, Theodor 22Ö. 
Rothenburg, Veit von 232. 



Rousseau ;i'>8. 

Rubenow, Heinrich 110. 

Rubianus, Crotus 258. 28£L 283. 284. 

285. 3Ü8. 312. 
Rudolf L Kaiser 82. 
Rudolf III., Herzog v. Oesterreich 82. 
Rudolf IV., Herzog v. Oesterreich 28. 

125. 

Rudolf, Kurfürst v. d. Pfalz 126. 
Ruprecht L v. d. Pfalz m ILL 
Ruysbroeck, Johann 209. 

Sachs, Hans 894. 
Säldner, Konrad 262 A. 2. 
Sallustius 12. 218. 222. 332. 324. 384. 
Salomo 186. 

Sapidus (Witz), Johannes 23L 238 

A. 3. 232. 332. 332. 32L 
Sarzana, Alberto da 312. 
Sbrulius, Richard 220 A. 4. 
Scaliger d. ältere .851 . 
Scaliger, Joseph 89H. 
Schalbus 344. 
Schede!, Hartmann 2.'>5. 
Scheurl, Christoph 252 u. A. 4. 265. 

290. 228. 41fi. 
Schleinitz, Heinrich von 310. 
Schnepf 85. 
Schönaus 406. 
Schott, Peter 235. 
Schottenkloster zu Wien 302. 
Schwarz, Bernhard 877. 
Schwarzburg, Heinrich Graf v., Bischof 

von Münster 2 A. 4. 262. 225- 
Schwarzenberg, Job. zu, Freih. 304. 
St. Sebaldschule zu Nürnberg. 82. 

127. 228. 

Secerius, Johann 325. 
Sedulius 172. 

Seidensticker, s. Phrygio. 

Seneca 122. 286. 344. 352- 324. 385. 

388. 41L 42L 
Sergius 407. 
Servius 380. 



436 



Personenregister. 



St Sevcrildrche zu Erfurt 82- 
Sfomo, Obadja 4QL 
Siberti, Jakob SID. aiL 
Sickingen, Bernhard von 
Siegfried 199 A. L 
Sigismund, Kaiser 253. 
Silins Italicus 2ß8. 230. 
SiWagius m 

Silvio, Enea, siehe Sylvias, Aeneas. 
Simler, Georg 23ö. 2Ifi. 383. m m 
Sintheim, Johannes siehe Zinthius. 
Sintios, B. Zinthius. 
Sixtus rV. 92. 112. 113. Ui. 
Sobins, Jakob 2SL 282. 288. 
Socianos, Marianus 105. 
Socrates, Kirchenhistoriker 218. 
Sozomenos 218. 

Spalatinus, Georg 2^ 2äL 211. 3^ 

329. 403 A. L 
Spickendorff, Marcus 13E A. 2. 199. 
Spiegel, Jakob 23fi. 
Spiegelberg, Moritz von 218. 25fi. 
Staar, Johannes 2ä2. 
Stabius 2Ü9. 
Stade, Franz von 276. 
Stadion, Christoph von 810. 
Stammheim, Melchior v., Abt 32 A. 4. 
Stapulensis, Faber 232. 346. s. Faber 

V. Etaples. 
Statins 122. 

Stein, Eitelwolf von 114 2^ 228. 

29L 3Ö4. 
Steinhövel, Heinrich 304. 320. 
St. Stephansstift zu Bamberg 807. 
St. Stephansschule zu Helmstädt 20. 
St. Stephansschule in Wien 89, 
Steyn, Simon 290. 
Stiborius 2fi9. 

Stöffler 113 A. 3. 181 A. L 222. | 
Stromer, Heinrich 342. 
Stttblin, Kaspar 239. 
Stunica, Jacob Lopez 846. 
Sturm, Jakob 86?i 871. 
Sturm, Job. 215. 22L 22L 239, 405. 



Sturm, Peter 3ß9. 
Sturz, Georg 285. 
Suetonius 12. 28. 29L 349. 
Sulpitius 290. 38a 
Summerhart, Konrad 22L 
Susenbrot, Johannes 383. 
Sylvins, Aeneas 58 A. L 105. UL 254. 
385. 

Synthis, Johannes de s. Zinthius. 

Tacitus 2fiL 41fi A. 4. 418. 

Tanstetter, s. Collimitius. 

Terenz 85. 18ß. 218. 222. 335. 337. 850. 

324. 384. 385. 382. 405. 40fi. 409. 
Tetzel, Anton 824. 

Thanner, Jakob 281. 42L 

Theodulus 122, 189. 

Theophrast 338. 412. 

Thomas von Aquino 102. IM» 

Thomas, Bischof von Breslau TfL 

Thomas v. Kempen (a Kempis) 212 

218. 220. 233. 

St. Thomasstift zu Leipzig 8Q, 

St Thoroasstift zu Strassburg 239. 

Thucydides 2ia 

Thurzo, Job., Bischof v. Breslau 2 A. .1 
Thurzo, Stanislaus, Bischof v. Olmütz 

807. 849. 

TibuU 28. 324. 384: A. 2. 
Torrentinus, Hermann 229. 380. 
Trebellius, Hermann 29L 
Trebonianus 197. 
Tristan 159. 

Trithemius, Johannes 220. 310. 322. 

3fifi. 398. 422. 
Truchsess, Thomas 302. 
Trutvetter, Jodocus 282. 312 A. 2. 
Tunicius, Anton 295. 

Ulrich von Lichtenstein 48. 53. 
üWch, Herzog von Würtemberg 8ß 
159. 325. 

St Ulrichschule in Augsburg 32 A 4. 
St ülrichstift zu Halle m 
Urban V. 28. lOi 110. 



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Personenregister. 



437 



Urban VI. m m m 

Urbanus, Heinrieb 3LL 329. 
Utenheim, Cbristoph von .'^ 39. 368, 
Utraquisten 9L 154. 

Tadianus, Joachim 89. 2ß9. s. Watt 
St. Valentinskircbe zu Prag IM. 
Valerius Maximus m 29Ü. 324. 385. 
Valla, Laurenüus 332. 334. 329. 
Vambüler, Nicol., 222 A. 4. 
Vergerio, Pier Paolo 253. 
Verulanus 38iL 

Vicelin, Bischof von Oldenburg ilfi. 
Victor m. 3ß. 
Vigilantius, PubUus 29L 
VigiHus 4ÖL 

Villedieu (VilladeiX Alexander v. 168. 
m 12L m 2^ 234. 380. 3aL 

VUlinger, Jakob 23Ü. 

Vincenz v. Beauvais 164 A. L 129. 

Virgil m 122. m 218. 263. 268. 
275. 282. 22Ö. 293. 3Ö6. 312. m 
33L 358. 324. 384. 385. 42L 

Vives, Ludwig 293. 340. 349. 

Wachenheim, Nikolaus von 106. 

"Watt, s. Vadianus. 

Waldenser 205. 

St. Walpurgis 138. 

Wareham, Erzbischf .v.Canterbury 335. 

Watzelrode, Lucas, Bischof v. Erm- 
land 9 A. 1 

St. Weidenstift zu Speier 148. 

Welser, Margaretha 306. 

St. Wenceslaus, Bruderschaft zu Ham- 
burg 135. 

Wenzel L, König v. Böhmen 4L 90. 154. 

Werler, Veit 28L 

Wernher v. Tegernsee 34. 124 A. 3. 
Wemherus, Lector 124 A. 3. 
Wessel, Johann 211 222. 224. 40L 
W' etter, Hans 86. 



Weyhe, Job. 228 A. L 
Wichmann,Schola8tikus i.Hamburg 62. 
St Wilbrordikirche zu Wesel 84. 
St Wilhardstift zu Bremen 6L 
Wilhelm, Herzog von Sachsen 109. 
Wilhelm, Herzog von Braunschweig- 

Laneborg 68. 
Wilhehn von Hirschau 2L 33. 
Willibrord 208. 

Wimpheling, Jakob 58 A. L 121 A. 3. 

234. 236. 232. 238. 239.245.248. 

22L 224. 299. 314. 316. 322. 33a 

362 ff. 40L 404. 406. 402. 413. 

412. 418. 419. 
Wimpina, Konrad 286. 292. 
Winrich v. Kniprode, Hochmeister 24. 
Wladislaw, König von Böhmen und 

Ungarn 305. 
Wolf, Thomas, Kanonikus in Strass- 

burg 302. 
Wolkenstein, Oswald von 159. 190. 
Wolsey, Thomas, Cardinal- Erzbischof 

von Canterbury 335. 339. 
Writxe, Johannes 29. 124. 
Wyle, Niklas von 304. 320. 
Wyttenbach, Thomas 223. 

Xenophon 222. 338. 396. 
Ximenes, Cardinal-Erzbischof v. To- 
ledo 345. 

Zainer, Günther 190. 

Zainer, Hans 184 A. L 

Zasius, Ulrich 8L 245. 22L 313. 348. 
I Zerbold, Geert 209. 210. 
I Zehentmair 220. 

Zingel, Georg 220. 370.^ 

Zinngiesser, Johannes 309. 

Zinthius 22^ 229. 380. 

Zirklaere, Thomasin von 128< 

Zwiefalten 308. 

Zwingli, Huldi-eich 236. 269. 223. 339. 



Orts-Register 



Aachen 23. 20& 
Abdinghof, Kloster 21 A. 3. 
Admont 34 ML 5L 
Aegypten 3Q'>. 
Afrika 2M. m 
Agrigent 2ZlL 
Ahaus (Westfalen) 21^ 
Ahlen 

Alkmaar 29fi. 3S2 A. L 
Altmark IL 
Altenburg iO. 23. 
Aitenzelle 3£L 1^ 
Altona Sil 
Amersfort 21± 315» 
Amorbach aß. !iL 
Andrelac a^kL 
St. Andrews 33^ 
Aneberg, Kloster 83. 
Anklam 45. 22. 
Annaberg ÜQ, 

Antwerpen 213 A. 1336. m 3^ 41L 
Aosta 2aL 
Arabien 805. 
Ardres 341. 
Athen 253 A. L 
Attendorn 22L 2aL 
Augsburg 2H. 3D. 32. 82. ISÖ. m 
m 2Ü3. 22iL 3D3. 3DiL31Ü. 32fi. 
.S8.'i. 4(U. 4nfi A ■ 2. 407 A . 4. 41 fi. 

Avignon 245. 



Baden 235. 
Balingen 85. 
Bamberg 52. 142. 

Basel 8L1Ö8.11L1^133A.2.1^ 
m 2Ö5. 23fi. m 254. 255. 257. 
m 222. 223. 215. 322. 325. m 
33a 330. 342. liii. äis. 352. 
3ßa 320. aifi. 3i52. 38S. 3Sfi. 322. 
4Ö2. 4Ü3. 404. 42L 

Bautzen 43. 183. 200. 

Bayern 22. 34. 88. 89. 103. 105. 112. 

ISL 15L IfiS. 205. 252. 2fiÖ. 228. 

308. 
Bayreuth 185. 
Belbuck, Kloster 32 A. 4. 
Belgrad 152 A. L 
Benedictbeuem 34. 

Bergen, Kloster 30 A. 3. 20. 
Berlin 2L 
Bethlehem 20L 
Bibra 304. 

St. Blasien 35 A. 2. 32. 182 A. 2. 
Böhmen 22. 35. 3iL ÜL lüL 102. 

103. 110. 14iL 154. 205. 2ü2.2fiÖ. 

305. 300. ^ 

Bologna L 12. 113. llfi. ITL Ififi. 

252. 255. 252. 258. 260. 280.22L 

228. 305. 321. 334. 4Iß. 
Borken 84. 



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Ortsregister. 



439 



Brabant 21^ m 
Brandenbarg 4dL IL 
Braunsberg 7^ 

Braunschweig IS. 41 52. 53, 11^ 

m m m. 2ÜL 203. söL 

Breisach SL 
Breisgau 86. 
Bremen 2ß3. 

Breslau 62. 25. m TL 12fi. 12L liö. 

HL 220. 305. 302. 
ßrieg Ifi. 

Brombach a. Tauber 32 A. 3. 
Brixen 52. 
Brünn 43. 

Brüssel 213. 214 A. 2. 325. 334. 332. 
340. 

Bruttig (Portig) 288. 
Bursfeld 2. 32. 312. 

Cambrai 213. 332. 
Cambridge 885. 
Cammin 22. 
Campanien 835. 
Chemnitz 79. 297. 810. 
Cleve 85. A. L 342. 
Cluny 3ß. 
Cöslin 22. 
Colmar 23ß. 
Constantinopel 388. 
Corvey 15. 3L 412. 
Czaslau 12i A. 2. 

Dänemark m li)2. 222. 
Delft 213. 
Demmin 22. 

Deventer 208. 211. 213. 214. 218. 

212. 220. 22L 222. 223. 224. 225. 

22fi. 228. 2ii2. 2fi4. 280. 224. 22fi. 

310. aSL 380. 882. 388. 323. 42L 
Doesburg 213. 

Dortmund 83. 204. 213. 22L 
Dresden 43. 22. 
Dringen